Wie viele Deppen braucht man, um mir auf den Sack zu gehen?

Vorgestern stellte ich auf Twitter eine Frage:

Ein paar hübsche Mutmaßungen sind da zusammen gekommen.

– Ich habe gestrippt
– Ich habe alkoholfreies Bier ausgeschenkt
– Ich habe eine Wasserflasche fallen lassen und gerufen „Scheiße, das war der letzte Schnaps“
– Ich habe Trinkgeld nicht angenommen
– Ich habe gesagt, dass ich Star Wars scheiße finde
– „irgendwas mit Feuer“
– Ich bin umgekippt
– Ich habe mich für den falschen Fußballverein ausgesprochen
– Ich habe mich positiv über Feminismus und die Antifa geäußert
– Ich habe einer betrunkenen Person Alkohol verwehrt
– Ich habe die Theke „gewhamt“ (was wohl heißt, ich habe „Last Christmas“ gespielt)
– Ich habe beim Sambuca die Kaffeebohnen vergessen und ihn nicht angezündet
– Ich habe „Verdammt! Die Sportschau fällt aus und das Bier ist alle!“ gerufen
– „irgendetwas despektierliches zu Star Wars“
– Ich habe darauf bestanden, dass Abnehmen physikalischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen ist
– Ich habe alle Würfelbecher verbrannt, damit die Leute nicht mehr „meiern“ können

Teils sehr nette Antworten sind da darunter – und keine stimmt.

Die traurige Wahrheit, der schockierende Grund, weshalb eine ganze Theke voller Kerle mein Tun aufgeregt und gebannt verfolgte und (leider) auch fassungslos kommentierte:

ICH HABE EINE GOTTVERDAMMTE GLÜHBIRNE AUSGEWECHSELT!!!

Gut, eigentlich war es keine Glühbirne, sondern eine der kleinen Halogenlampen an der Theke. Sie brannte aus, ich wartete, bis sie abgekühlt war, nahm eine neue und wechselte sie aus.

DAS VERDAMMT NOCH MAL NORMALSTE AUF DER WELT – aber ich wurde angestarrt wie das 8. Weltwunder!

„Ey, kuck mal, was die da macht!“ rief der erste Kerl, als ich gerade den Draht entfernte, der die Lampe an Ort und Stelle hielt, woraufhin ich die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Kumpels und jeder anderen Person am Tresen genoss. Und dann, unglaublicherweise und völlig ironiefrei: „Die wechselt die Birne!!!“

Ich: sprachlos. Aber stoisch drehte ich die Birne raus, gerade als der Typ genau vor mir aufgefordert wurde, mir doch bitte mal zu helfen (was er glücklicherweise nicht tat).

Um die neue Birne einzudrehen, musste ich kurz auf die Theke klettern. Ein halbes Dutzend Männeraugen starrten mich dabei fassungslos und (leider kaum besser) mit unverhohlener Bewunderung an.

„Hast du ihr das beigebracht?“ wurde ein Stammgast an der Theke gefragt. Dann an mich: „Hat ER dir das beigebracht?“

Ich: „Nee. Dafür habe ich jahrelang studiert.“

Dann war ich fertig, die Scheißlampe brannte wieder und ich flüchtete unter den gefälligen Blicken meines Publikums.

Ohne Scheiß, Leute: WAS ZUR HÖLLE SOLL DAS. Wir reden hier von einer DÄMLICHEN GLÜHBIRNE. Für wie UNFASSBAR BLÖD wird man als Frau gehalten, wenn DAS als besonders kommentierungswürdige Leistung gilt, verdammte Scheiße!?

Und bevor irgendein höhnischer Trottel jetzt damit ankommt – ja, ich kenne den Witz:

„Wie viele Feministinnen braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?“ – „DAS IST NICHT WITZIG!!!“

Das Ding ist, dass der Witz als Witz witzig ist. In der Realität ist das aber leider gar nicht witzig, ihr sexistischen Arschlöcher!!! Das hat auch nichts mehr mit „Wohlwollen“ zu tun, wenn Frauen für so unsagbar dämlich gehalten werden, einfachste handwerkliche Handgriffe nicht allein meistern zu können!

Was soll ich mir dabei denken?! Soll ich etwa stolz sein, weil ich so etwas kann?! Mich freuen, dass man das würdigt? Mich gar für die angebotene Hilfe bedanken, wenn ich doch einfach nur meinen Job erledigen will?! WAS ZUR HÖLLE SOLL ICH MIT SOWAS ANFANGEN?!

Und es ist ja nicht so, als wäre das ein Einzelfall. Ich wurde schon mit Komplimenten überschüttet, nur weil ich den Feuerstein meines Zippos selber wechseln kann. Dafür muss man nur ein Schräubchen aufdrehen. Das geht mit dem FINGERNAGEL.

Einen Tag später habe ich übrigens auf der Arbeit das übergelaufene Klo entstopft und musste zwei ganze Eimer voll Wasser vom Boden wischen. Eine klempnernde Frau, man stelle es sich vor!! Wobei, streicht den letzten Teil. Das ist ja putzen – DAS kann ich natürlich, so als Frau!

Wisst ihr, als ich diesen Blog vor Jahren startete, zog ich um und schrieb darüber. Damals renovierte ich auch ein bisschen mein Zimmer und dachte darüber nach, auch darüber zu bloggen. Die Idee verwarf ich schließlich, weil ich es für zu uninteressant hielt.

Inzwischen ist mir klar, dass das nicht stimmt. Eine Frau, die selber ein paar überflüssige Schrauben aus der Wand holt und streicht – ich wäre schlagartig berühmt geworden!!!

Wenn du den Schmerz ein wenig lindern willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee. Nur brauche ich in diesem Fall Schnaps, aber das ist hoffentlich auch ok.

#WasAndersWäre – Blogparade

Vorgestern stieß ich auf die Antworten von „Mama arbeitet“ zu einem Blogstöckchen und auch, wenn ich noch ein paar andere Blogstöckchen hier rumliegen habe, zu denen ich noch nicht gekommen bin, und ich außerdem für dieses hier nicht nominiert wurde, fand ich das Thema zu interessant, um nicht sofort mitzumachen!

Worum geht es? Die Autoren des Buchs „Die rosa-hellblau-Falle“, das behandelt, wie sehr wir schon unsere Kinder in Rollenschubladen stecken (oh, the memories!) haben auf ihrem Blog Fragen gestellt, die sich rund um genau dieses Thema „Klischees“ drehen. Konkreter: Unter dem Titel #WasWäreAnders sollen sich die Teilnehmer Gedanken darum machen, wie ihr Leben nun aussehen würde, würden sie zum anderen Geschlecht gehören.

Diesen Ansatz finde ich sehr spannend – und darum mache ich mit! Ich verzichte jedoch auf Nominierungen und werfe das Blogstöckchen in die Runde. Ich würde mich freuen, wenn es jemand auffängt!

Und damit geht’s auch schon los!

1. Was wäre anders in deinem Leben, in deinem Alltag, wenn du ein Mann/eine Frau wärst?
Puh… alles und nichts. Ich entspreche weder dem Klischee einer Frau, noch dem eines Mannes. Ich würde folglich genauso wie jetzt unter Rollenklischees leiden, nur wären es halt andere. Meine Kindheit wäre wohl komplett anders verlaufen, aber nicht unbedingt besser.
Werde ich heute schief angesehen, weil ich Comics mag, würde man mich als Mann wohl auslachen, weil ich außerdem Jane-Austen-Verfilmungen feiere (die sehe ich mir übrigens immer zusammen mit meinem Mitbewohner an – er ist ein riesen Fan!). Das sind Kleinigkeiten, über die ich (heute) drüber stehe, aber die pure Masse macht es dann letztendlich. Ich würde als Mann wohl sehr darunter leiden, so sensibel zu sein, wie ich nun mal bin.
Davon abgesehen müsste ich mich wohl als Kellner komplett anders verhalten als als weibliche Thekenkraft. Wenn ich pöbelnde Gäste rausschmeiße, muss ich richtig aufdrehen, da ich ansonsten keine Chance hätte. Ich muss brüllen und auf die Theke hauen, um überhaupt beachtet zu werden. Bisher hat das immer wunderbar funktioniert.
Als Mann dagegen hätte ich mit dieser Art mit Sicherheit schon ein paar aufs Maul gekriegt. Um sich in solchen Situationen durchzusetzen muss Frau schreien, während ein Mann im Gegenteil ruhig bleiben muss. Beides kann bedrohlich wirken, aber auf völlig andere Weise und nur mit dem richtigen Geschlecht.
Eigentlich ist es sehr interessant, dass man sich genau gegensätzlich zum Rollenklischee verhalten muss, um in brenzligen Situationen als Autorität anerkannt zu werden.
Wäre ich ein Mann, müsste ich mir, nachdem ich gerade erfolgreich eine Gruppe Nazis rausgeschmissen habe, zudem nicht anhören, dass wir wegen sowas dringend einen Mann hinter der Theke bräuchten -.-

Als Mann würde ich außerdem wohl nicht so glockenhell kichern. Tihihi.

2. Was tust du nur deshalb, weil du eine Frau/ein Mann bist?
Ganz klar: Beauty-Zeugs. Da kann man noch so sehr empowert oder emanzipiert sein – wenn die ganze Welt bestimmte Erwartungen an einen stellt, kann man entweder immer nur kämpfen und am Ende doch auf der Strecke bleiben oder halt mitmachen.
Too much information: Das gilt insbesondere für Schamhaare. Männern meiner Generation und jünger ist eingetrichtert worden, dass die Dinger unhygienisch und eklig sind. Komischerweise war das noch vor 10, 20 Jahren nie ein Thema gewesen. Was haben die Kerle davor gemacht – Sex nur unter allergrößter Überwindung oder wie?
Ich finde mich mit Schamhaaren schöner und weiß zudem, dass es im Gegenteil OHNE unhygienischer ist. Aber weil ich keinen Bock auf Diskussionen habe (oder stumme Verurteilung), lass ich sie halt wegmachen. Jedenfalls manchmal. Aber niemand würde mir das vorwerfen, wenn ich ein Mann wäre.

3. Was tust du nicht / welche Dinge lässt du lieber, weil du ein Mann/eine Frau bist?
Ich bin da relativ schmerzfrei und tue ganz bewusst immer wieder Dinge, die man von mir nicht erwarten würde, weil ich eine Frau bin, wenn ich Lust dazu habe. Ich weigere mich, Geld für’s Taxi anzunehmen und gehe nachts lieber zu Fuß nach Hause. Ich schleppe Bierkästen lieber selbst, statt einen starken Mann zu suchen, der das für mich übernimmt. Ich lasse nicht zu, dass sich auf der Arbeit ein Mann in meine Streits einmischt, weil ich das selber regeln will.
Ich bin tatsächlich der Meinung, dass ich nichts bewusst unterlasse, nur weil ich eine Frau bin. Dazu bin ich zu stur. Höchstens habe ich auf Konzerten Angst, mitten in den Moshpit rein zu springen, aber das hat eher was mit meiner Körpergröße zu tun als mit meinem Geschlecht.
Okay, ein bisschen Schiss, mir da eine gebrochene Nase zu holen, was bei einem Mann aus rein optischen Aspekten nicht so schlimm wäre wie bei einer Frau, die ständig auf ihr Äußeres reduziert wird, spielt da vielleicht auch mit rein. Aber ansonsten… wobei… natürlich! Furzen und rülpsen in der Öffentlichkeit. Wer schon mal mit gefrorenen Lächeln und randalierenden Eingeweiden auf einer Party stand, wird diese Freiheit sehr vermissen. Keine Ironie.

4. Durch welches Klischee fühlst du dich persönlich beeinträchtigt?
Hier müsste ich ehrlicherweise „alle“ sagen. Aber natürlich sind einige schlimmer als andere.
Rollenklischees haben mir meine Kindheit zur Hölle gemacht. Mir ist täglich unter die Nase gerieben worden, wie schrecklich ich sei, nur weil ich nicht den Erwartungen eines „typischen Mädchens“ entsprochen habe. Ich durfte nicht toben und Fußball spielen, bekam nie die Spielsachen, die ich gerne wollte und wurde in Klamotten gezwängt, die ich hasste. Außerdem wurde ich früh darauf vorbereitet, was mich in meinem späteren Leben unweigerlich erwarten wird: Hausfrau sein, Männer bedienen, lächeln, brav sein, die Fresse halten. Mein Umfeld hat mir eine so passive Art Weiblichkeit vermittelt, dass ich einen regelrechten Hass darauf entwickelte. Das machte die Anfänge meiner Pubertät extrem problematisch („oh mein Gott, ich werde tatsächlich zur Frau – wie scheiße!“) und zog sich durch bis ins frühe Erwachsenenalter.
Ich bin froh, das hinter mir zu haben. Aber wenn ich heute mit so etwas konfrontiert werde, kocht wieder der selbe Hass in mir hoch. Nicht gegen Weiblichkeit, sondern gegen diese Idioten, die so unglaublich dumm und beschränkt in ihrem Denken sind – und damit nicht nur Frauen, sondern auch sich selbst Ketten anlegen.
Daher fühle ich mich tatsächlich doch von JEDEM Klischee beeinträchtigt (besser gesagt: persönlich beleidigt), sogar wenn ich es selber erfülle.
Und dazu kommt dann natürlich noch das harte Zeug. Dass mir nicht zugehört wird, weil ich eine Frau bin. Dass mir trotz gleicher oder höherer Kompetenz ein Mann vorgezogen wird, weil ich eine Frau bin. Dass ein Kerl Applaus für einen Vorschlag kriegt, den ich zwei Sekunden früher selber gemacht habe, aber das hat dann niemand beachtet, weil ich eine Frau bin. Die ganzen sexistischen Sprüche, Beleidigungen, Grenzüberschreitungen, nur weil ich eine Frau bin. Das ist alles sehr, sehr scheiße.

5. Erzähle von einer Situation, in der du bemerkt hast, dass es von Vorteil ist, zur Gruppe der Frauen/Männer zu gehören.
Siehe Antwort 1. Ich hatte wirklich schon einige Situationen bei der Arbeit, die auf Außenstehende sehr gefährlich gewirkt haben, aber ich habe mir dabei noch nie wirklich Sorgen um mich gemacht. Grade Männer, die sehr rollenfixiert sind und sexistisch in ihrer Denkweise haben verinnerlicht, Frauen nicht zu schlagen (zumindest keine fremden). Das ist für mich in solchen Fällen definitiv ein Vorteil. Und das ist so massiv, dass unser Chef uns Kellnerinnen im Zweifelsfall vorschicken würde, um einen Pöbler rauszuschmeißen, weil wir da relativ safe sind, während ER sofort ein paar in die Fresse bekäme. Einige meiner Kolleginnen haben damit Probleme, weil sie Angst haben, aber ich sehe das realistisch und gehe gerne vor, wenn ich damit ihn oder meine männlichen Kollegen schützen kann.
Außerdem merke ich den Vorteil Frau ganz massiv in gewissen Kreisen des Netzfeminismus. Das finde ich unglaublich zum Kotzen. Ich bin keine Anhängerin der Privilegientheorie, denn ich vertrete ja gerade die Ansicht, dass das Geschlecht KEINE Rolle spielen sollte. Das sehe ich in dieser Theorie nicht gegeben.
Mir ist es tatsächlich mal passiert, dass mir in einer Diskussion zu einem völlig anderen Thema (Klassismus) plötzlich das „Argument“ entgegen geschleudert wurde, dass ich hierzu ja eigentlich nichts zu melden hätte, denn zwar mag ich klassistisch benachteiligt sein, aber als Mann hätte ich ja immer noch den Privilegienjackpot gewonnen. Offensichtlich hielt man mich wegen meines hierzulande männlich konnotierten, aber eigentlich geschlechtsneutralen Nicks für einen Mann (was ich nochmal auf ganz andere Weise für sexistisch halte).
Und da hört’s bei mir aber sowas von auf. Sobald der Standpunkt eines Mannes bei jedem erdenklichen Thema nur deshalb nicht zählt, weil er ein Mann ist, ist das kein Feminismus mehr, sondern Sexismus in Reinform. Das unterstütze ich nicht.

6. Gibt es Situationen, in denen das Geschlecht keine Rolle spielt?
Online. Ich weiß von vielen meiner Follower auf Twitter oder hier im Blog das Geschlecht überhaupt nicht und es ist mir auch egal. Und auch in meinem Freundeskreis fühle ich mich sehr wohl dahingehend. Ich mag weder sehr klischeehafte Frauen, noch sehr klischeehafte Männer, darum umgebe ich mich mit solchen Leuten nicht. In meiner WG, in der ich mit zwei Männern lebe, und unter meinen Freunden ist das alles so egal. Sowohl Frauen als auch Männer machen dasselbe Ding, mögen sich unabhängig vom Geschlecht, werden gleich respektiert. Und diese ominöse sexuelle Spannung, die ja angeblich unweigerlich in Mann-Frau-Beziehungen herrscht und Freundschaften zwischen den Geschlechtern unmöglich macht, gibt es nicht (was nicht heißt, dass in meiner Clique keine Pärchen zusammen finden oder niemand Sex hat. Ich denke ihr wisst, was ich meine.).
Das würde ich mir für die ganze Welt wünschen.

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Endlich enthüllt: Warum Frauen einfach kein Abseits checken!

Ich behaupte, es existiert keine Frau auf dieser Welt, die DEN dummen Spruch nicht schon mal gehört hat: Frauen verstehen Abseits nicht.

Heute beginnt mit der Fußball-Weltmeisterschaft das größte Turnier des deutschen Sportfans – und weil Fußball immer noch als die letzte Bastion testosterongeschwängerter Männlichkeit in unseren modernen Zeiten gilt, dreht sich in solchen Zeiten nicht nur der Ball, sondern auch das Bullshit-O-Meter. Es reicht halt nicht, dass unsere nationalen Damen in den letzten Jahren ihren männlichen Konterparts gezeigt haben, wie man ein solches Turnier gewinnt (mehrfach) und gleichzeitig die Menge an weiblichen Fußballfans zugenommen hat (deutlich), um den werten Herren zu beweisen, dass Frauen das Spiel sowohl aktiv wie auch passiv beherrschen können.

Aber ein Abseits-Spruch, das geht natürlich immer. Ein Brüller! Frauen und Fußball passt halt nicht. Und diese Scheiße muss natürlich schon so früh wie möglich eingepflanzt werden.

So hat dann auch die Zeitschrift MÄDCHEN ihre letzte Ausgabe dem Thema Fußball gewidmet. Ach ja… die MÄDCHEN. Seit wann ist die Zeitschrift so weichgespült? Als ICH noch ein Mädchen war, gab es da explizite Berichte über diverse Sexpraktiken zu lesen. Kann man scheiße finden (mich hat es damals verstört und fasziniert), aber wenigstens hat es an der Vorstellung gerüttelt, Mädchen wollen ja eigentlich immer nur kuscheln. Inzwischen wirkt das Heft wie „Bild der Frau Light“.

Fußballrelevante Themen dieser Ausgabe: Wie man sich für’s Public Viewing schminkt (offensichtlich, indem man kopfüber in einen Eimer mit schwarz-rot-goldener Farbe springt). Ein Poster mit Spielplan und den „sechs heißesten Fußballern“ (Ronaldo – würg). Eine Foto-Love-Story über eine Fußballmannschaft (natürlich männlich!) und Tussis, die Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um an die Jungs ranzukommen. Titel: „11 Kicker für Sophie“ (hat das Internet mich ruiniert oder klingt das für euch auch wie ein billiger Porno?). „Die MÄDCHEN Traum-11“ besteht aus unbekannten 0815-Typen, deren Bilder man für’s Voting einschicken konnte und die neben ihrem kleinen Steckbrief (in dem man z.B. erfährt, dass Florian, 18, es für ein No-Go hält, wenn ein Mädchen die Rechnung im Restaurant übernimmt) verträumt in die Kamera starren und irgendwie hat das auch was mit Fußball zu tun.

Und mittendrin: eine offensichtlich brandneue Kolumne, die in dieser Ausgabe ihr Debüt feiert: „Was denken Jungs über…?“

„Unser neues Expertenteam! Hier stellen sich die vier Jungs vor, die dir ab sofort ehrliche Antworten auf aktuelle und intime Fragen geben, die du dich vielleicht nicht zu stellen traust.“ – denn Mädchen, so wissen wir, sind ja grundsätzlich kleine verschüchterte Hascherl.

In dieser Ausgabe wird nun nach „Fußballmädchen“ gefragt. Aaaaber damit sind natürlich keine Mädchen gemeint, die Fußball spielen! Neinneinnein! Es geht nur um Mädchen, welche die Dreistigkeit besitzen, mit ihren männlichen Freunden die WM-Spiele gucken zu wollen. Aber selbstverständlich muss man vorher unbedingt abklären: IST DAS FÜR JUNGS ÜBERHAUPT OKAY?

Louis (sic), Lenny (SIC) Norik (SIC!) und Yunus (SIC!!!) beantworten also diese Frage. Nur Yunus, 14, findet Mädchen als Zuschauer okay. Lenny, 15, guckt lieber ganz alleine. Louis, 13, guckt nur mit Kumpels, weil Fußball für Mädchen ja nur Party ist und nicht Fußball. Und Norik, mit seinen 18 Jahren praktisch die graue Eminenz des „Expertenteams“, findet: „Auf keinen Fall!“ – denn er hat keinen Bock, den dummen Mädchen zu erklären, was Abseits ist. (Darüber hinaus findet er Mädchen, die Fußball spielen, „irgendwie unsexy“. An sich selbst mag er übrigens seinen Charakter und dass er mit allen Leuten super auskommt. Aja.)

Und da wären wir wieder. Dieser saudumme Spruch. Das ultimative Geschlechterklischee. Frauen und Abseits. Gröh-hö-höl.

Meine Kindheit habe ich sonntags neben den Fußballplätzen diverser Amateur-Dorfmannschaften verbracht, denn mein Stiefvater hat Fußball gespielt, weshalb es für meine Mutter praktisch Pflicht war, sich das anzusehen und mich mitzuschleppen. Meine gesamte Familie ist total fußballgeil – also, die männliche Hälfte. Als ich dagegen mit zehn Jahren einmal zum Jugendtraining ging, zerrte mich mein Stiefvater regelrecht vom Platz und verbot mir, in den Verein einzutreten.

Man könnte also sagen: Ich und der Fußball, wir haben eine Vergangenheit. Und daher habe ich nach jahrelanger Observation und unzähligen Gesprächsanalysen die Lösung entdeckt. Der Grund, weshalb viele Frauen tatsächlich kein Abseits checken.

Es liegt schlicht und ergreifend an den Männern!

Habt ihr mal einen Kerl gefragt, ob er euch Abseits erklären kann? Mit großer Geste wird dann sinnierend gen Himmel gestarrt und ihr hört ein Gemurmel wie „Als Konrad Koch den Fußball in Deutschland etablierte… Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel… der Sammer damals… FC Bayern, Stern des Südens… Tante Käthe… schießenbolzenpassenabgebenstürmerverteidigertormannschiri…“

Oder, um das mal graphisch darzustellen:

AbseitsregelKompliziert

Das ist das ganze Geheimnis. Die Abseitsregel ist nicht kompliziert – sie wird nur völlig beschissen erklärt. Kein Wunder, dass die keiner checkt. Besser gesagt keinE. Denn es muss halt eher Frauen erklärt werden.

Das ist aber auch nur logisch, denn die meisten Typen haben Jahre Vorsprung. Sie saßen ihre halbe Kindheit lang als kleine Hosenscheißer auf dem Schoß ihres Papas und haben das Aktuelle Sportstudio verfolgt, ob sie wollten oder nicht. Möglicherweise führt dieser frühkindliche Overkill zu einer seltsamen Verknotung der Synapsen, die es unmöglich macht, einfachste Sachverhalte zu diesem Thema halbwegs verständlich zu erklären. Möglicherweise WOLLEN manche Abseits aber auch gar nicht simpel erklären, weil man sich auf die Weise ganz doll schlau vorkommen kann, wenn dem Gegenüber Fragezeichen über dem Kopf aufploppen. Vor allem, wenn’s ne Frau ist, aber Fußball doch halt so ein Männersport und überhaupt, können die Tussis nicht einfach ein paar Schnittchen machen und Bier bringen, statt daneben zu sitzen und mitzugröhlen?!

Frauen verstehen Abseits nicht – nichts weiter als ein taktischer Bluff zur Selbstaufwertung, um zu verschleiern, wer hier der wahre Schuldige ist, und um Mädchen ins Hirn zu prügeln, dass sie sowieso alle ein bisschen unterbelichtet sind. Dieses Ergebnis meiner jahrelangen Beobachtungen nenne ich die Abseits-Falle (ich weiß: tierisch clever).

Wenn euch also das nächste Mal ein Kerl darüber vollnölt, dass Frauen Abseits nicht kapieren, dann lächelt mitfühlend, schließt ihn warm in eure Arme und flüstert ihm sinnlich ins Ohr: „Etwas einfach erklären zu können kann man lernen. Ich glaube fest an dich!“

Alternativ: Bittet ihn, euch die Regel darzulegen, lehnt euch zurück und genießt es zu sehen, wie er sich abstrampelt und rumstottert. Besonders lustig ist es, wenn er noch ein paar Kumpels dabei hat, die ihm ständig ins Wort fallen, weil sie es halt noch besser wissen.

Das ist ein Spaß, besser als jedes Länderspiel.

PS: „Abseits“ liegt vor, wenn ein Spieler den Ball Richtung gegnerisches Tor zu seinem Mitspieler schießt und sich im Moment des Abspielens zwischen diesem Mitspieler und dem gegnerischen Tormann kein anderer Spieler der gegnerischen Mannschaft befindet.

Und weil man Sachen immer besser checkt, wenn man den Sinn dahinter versteht: Gäbe es diese Regel nicht, könnte ein Spieler das gesamte Spiel über praktisch genau vor der Nase des gegnerischen Tormanns stehen bleiben und auf einen guten Pass warten, den er reindonnern kann, was dann ja wohl ziemlich lame wäre.

Oder, um das mal graphisch darzustellen:

Abseitsregel

Ich behaupte, es existiert keine Frau auf der Welt, die DAS nicht checken kann, wenn sie will.

Und ja, ich weiß, dass es da noch ungefähr eine Million Sonderregeln gibt. Das ist mir aber scheißegal. Ist ja nicht so, als wäre ich Fußballfan.

PPS:
Ich: „Kannst du mir mal Abseits erklären?“
Mitbewohner David: „Oh Gott, wo soll ich da anfangen…!“

– überarbeitete Version –

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Ein Jahr danach: #Aufschrei, Nachhallen

Stellt euch vor, ihr latscht in eine Musikschule rein und bucht Stunden bei Herman Li. Ihr würdet ihn angucken und fragen: „Was kann Gitarre denn so?“ Und Herman Li würde grinsen und euch ein zwölfminütiges Solo an den Kopf knallen.

So ähnlich fühlte ich mich bei #aufschrei.

Im Dezember 2012 startete ich diesen Blog und kündigte auch gleich an, im Netzfeminismus mitmischen zu wollen. Einen Monat später kam der #aufschrei. Es war tatsächlich so gewesen, als hätte ich arglos lächelnd die Arme ausgebreitet und gerufen: „Na, was ist? Komm doch her und zeig mir, was du kannst!“ Und die lakonische Antwort aus den Tiefen des Internets war: „Das, Robin. Das.“

In den Tagen, in denen #aufschrei am wirkungsmächtigsten war und im Sekundentakt Tweets abgesendet wurden, machte ich ein richtiges Wechselbad der Gefühle durch. Was aber überwog: pure Euphorie. Ja, das mag bescheuert klingen, wenn wir uns das Thema zurück ins Gedächtnis rufen, aber die reine Wahrheit. Natürlich, während ich Beiträge wie diesen hier schrieb und meine Erinnerungen nach sexistischen Erlebnissen durchforstete, die ich twittern konnte, war ich selbstverständlich in anderer Stimmung. Scham über alte Verletzungen, Wut über saublöde Sprüche, kopfschüttelndes Entsetzen über Dinge, die einfach nicht richtig sind und die ich trotzdem hinnehmen musste, weil ich zu jung oder zu ängstlich war, um mich zu wehren.
Doch danach – Befreiung. Das gute Gefühl, Teil eines Kollektivs zu sein, das endlich die Schnauze voll hat und es jedem ins Gesicht brüllt, der immer noch der Meinung ist, das sei doch alles nicht schlimm.

Jahrelang waren meine Erfahrungen immer nur abgewertet worden. „Reg dich nicht so auf“ „Boah, du hast echt keinen Humor“ „Naja, ist ja nichts schlimmes passiert“ – nur einige der Sprüche, die ich mir anhören musste. Einmal löste ich mit meiner Erzählung über diese saublöde Gynäkologin, die es nicht geschafft hatte, mir als Kind auch nur die rudimentärste Intimsphäre zuzugestehen, einen krassen Streit aus, in dem ich mir von einer Freundin maschinengewehrartig immer wieder anhören musste, was für eine hysterische Kuh ich sei, die ich fortan der Meinung gewesen bin, diese Frau sei eine schlechte Ärztin. Ob guter oder schlechter Doktor, das hinge ja nicht vom Einfühlungsvermögen ab (ähä. Doch. Auch.).

Und plötzlich war alles anders. Ich merkte, ich bin nicht allein, nie gewesen. Viele hatten ähnliches erlebt, viele favorisierten meine Erlebnisse, weil sie fanden, dass sie relevant waren. Es war wie eine nachträgliche Legitimation für die ganzen Scheißgefühle, ausgelöst durch Scheißerlebnisse, die in mir gebrodelt hatten und die ich nur sehr selten rausgelassen hatte, weil ich ja doch nicht auf Verständnis hoffen konnte.

#aufschrei war für mich die reinste Kartharsis.

Und DANN kamen die Hater und Trolle.

Ein Jahr nach #aufschrei hat es sich in gewissen Kreisen etabliert, von „#Aufschreihälsen“ etc. zu reden und dafür johlenden Beifall zu kassieren. Denn #aufschrei, wisst ihr, war männerfeindlich, und alles, was unter diesem Hashtag getwittert worden ist, war die pure Jammerei. Natürlich. Wisster Bescheid.

Für einige scheint es wirklich zu reichen, beim #aufschrei mitgemacht zu haben, um als „radikalfeministisch“ eingestuft zu werden. Was haben diese Leute bitte für eine Definition von radikal? Warum darf ich nicht erzählen, was mir passiert ist, warum muss ich die Täter schützen?

Natürlich deswegen: Weil es um Männer geht. Und weil ich von EIN PAAR Männern berichte, die im Laufe meines Lebens meine Grenzen überschritten haben, MUSS das ja heißen, dass ich allgemein Männer hasse. Selbst wenn einige Täter Frauen gewesen waren. Was dann wohl heißt, dass ich komplett alles und jeden hasse, oder so.

Mich ärgert diese Einschätzung so dermaßen – nicht nur, weil ich selbst betroffen bin. Es ist einfach nur krass selektiv und undifferenziert, denn diese Art Hater machen mehrere schwerwiegende Fehler:

1. Sehen sie den Ursprung nicht. Dieser war NICHT „Sammeln wir jetzt mal böse Storys über die bösen Männer“, sondern „Sammeln wir mal unschöne, sexistische Erlebnisse“. Wer sind die, die uns das verbieten wollen? Was haben die, die sich von „Typ X hat mich in der Straßenbahn angegrabscht“ angesprochen und beleidigt fühlen, für ein Scheißproblem? Und warum ist das MEIN Problem?

2. Darauf aufbauend: Sie sehen nur, was sie sehen wollen. Ja, dann hat halt irgendeine Tussi tatsächlich in einem Tweet Männer kollektiv unter Generalverdacht gestellt oder wirklich mal was peinlich-überempfindliches getwittert, was man auch unter den wohlwollendsten Umständen nicht als irgendeine Form des Sexismus einordnen kann. Das ist kein Beweis für die inhärente Männerfeindlichkeit oder Irrelevanz des #aufschreis, sondern Resultat unserer demokratischen Gesellschaft. Ich vergleiche das gerne mit Sozialleistungen: Diese sind, wie mir wohl jeder zustimmen wird, für Menschen, die sie brauchen, die unverschuldet in Not geraten sind, gut und richtig. Nun würde aber vermutlich nicht mal der am weitesten linke Politiker bestreiten, dass damit auch Schindluder getrieben wird, dass das Phänomen „Sozialschmarotzer“ (so sehr ich das Wort auch hasse) tatsächlich existiert, wenn auch sehr, sehr viel weniger verbreitet als vom rechten Rand gerne angenommen. Aber das finde ich okay. Anders geht es nämlich nicht. Erfinde irgendwas tolles und irgendjemand wird es missbrauchen. So war es, so ist es und so wird es auch immer sein, solange wir nicht auf Totalüberwachung umstellen. Aber so wie eine ungenannte Zahl Sozialschmarotzer nicht Sozialleistungen per se in etwas böses verwandeln, so wurde durch ein paar blöde Tweets auch nicht direkt der gesamte #aufschrei zerstört. Die Intention war nämlich eine andere.

Wer sind die, die alle Teilnehmerinnen des #aufschreis pauschal abwerten müssen, sich dann aber nicht erblöden, immer wieder individuelle Ausnahmen zu machen, statt die Sache einfach umgekehrt anzugehen, so wie es sein sollte? Was erwarten solche Leute von mir für die gönnerhafte Feststellung, MEIN Erlebnis X wäre ja tatsächlich uncool gewesen? Ne Parade oder was? Brauche ich eine solche Legitimation etwa – und dann auch noch von Typen und Tussis, die mit der gleichen lässigen Nonchalance alle anderen „Aufschreihälse“ beleidigen?
Es scheint ein großes Opfer zu sein, in Einzelfällen eingestehen zu müssen, dass Sexismus und sexualisierte Gewalt tatsächlich existiert. Und sobald dieses Opfer erbracht wurde, wird erwartet, dass man sich total lieb und sachlich mit diesen opferbereiten Personen und all ihren wunderbaren Theorien auseinander setzt. Diese Leute, die Hashtags wie #aufschrei, #schauhin, #isjairre und #nudelnmitketchup missbrauchen und das megamäßig lustig finden. Tja – nee. Dazu fällt mir eigentlich nur eines ein:

you suck

Sogar von feministischen Verschwörungen ist teils die Rede, denn diese Hashtagerfindung kann ja kein Zufall gewesen sein und überhaupt wurden die vielen zehntausend Tweets ja nur von ungefähr sieben Radikalfemis produziert und bla. Manche gehen von einer „realen“ Zahl von „echten“ Tweets aus, die mich immer wieder zum Kichern bringt, denn das hieße, ich hätte mit meinen Tweets je nach Interpretation 10-100% des #aufschreis allein abgedeckt. Hihihi und so – aber nö.

Was bleibt ein Jahr nach #aufschrei? Uns wurde ein Label gegeben, dass ich sehr gerne benutze, wenn mir mal wieder was blödes passiert. Wenn ich über so etwas schreibe, tagge ich es mit dem Hashtag, benutze ihn weiterhin bei Twitter, egal wie viele Trolle darunter bereits twittern etc.pp. Ich weiß, ich werde damit eher gefunden, ich weiß, ich werde so besser gehört. Und das gefällt mir. Denn laut sein ist gut. Auch ohne Gitarre.

Am Schluss noch ein paar Links von vor einem Jahr:
Mein Aufschrei (dort am Ende auch eine umfangreiche, aber mit Sicherheit unvollständige Liste mit weiteren #Aufschrei-Beiträgen von anderen Bloggerinnen)
Meine Antwort an Meike Lobo und ihren Anti-Aufschrei-Artikel
Der Aufschrei im Generationenkonflikt – ein Gespräch mit meiner Mutter

Und auf Kleinerdrei findet sich ein schöner „Ein Jahr danach“-Artikel, der weitere Links zu diesem Thema sammelt!

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Beschneidungsgesetz, ein Jahr danach. Unendliche Diskussionen und mein Nachtrag.

Dieses Mal drei Tage zu spät. Shame on me.

„Die Beschneidungsdebatte ist im Prinzip einer der Hauptgründe, warum ich dieses Blog eröffnet habe“ lautete der erste Satz meines Artikels Beschneidungsdebatte, ein Jahr danach. Beschissene Argumente und meine Antworten, den ich im Mai diesen Jahres schrieb.

Vor diesem Hintergrund ist es vermutlich irgendwie schicksalsträchtig und/oder ironisch, dass er bis heute der mit Abstand meistgelesene Beitrag auf diesem meinem Blog ist.

Das ist aus meiner Sicht aus mehreren Gründen gerechtfertigt: Erstens habe ich an keinem anderen Artikel so lange gearbeitet (allein, die ganzen Bilder zusammen zu klauen!), zweitens ist mir in der Zeit zwischen dem Artikel und heute immer noch kein Thema unter gekommen, das mich mehr aufgeregt hat und drittens ist die gesamte „Debatte“ sowie ihr Ergebnis nun mal so ziemlich die dämlichste Unlogischkeit, die sich unser Staat geleistet hat, seit ich denken kann.
Warum das so ist, habe ich ja im betreffenden Artikel schon ausführlich dargelegt, aber damit war das Thema für mich noch nicht erledigt. Im Gegenteil. Zwar hat mir die schriftliche Reflexion über saudumme Argumente dabei geholfen, meine Gegenargumente in Diskussionen nicht mehr ständig neu formulieren zu müssen, sondern stand praktisch als geistige Kopie parat, wann immer ich in die Verlegenheit kam, aber auch darüber hinaus stolperte mir die Beschneidung immer wieder vor die Füße.

In den vergangenen Monaten habe ich noch mehr dazu gelesen, Diskussionen geführt und weiter nachgedacht. Dabei habe ich – und das ist immerhin ein positiver Punkt – kein dämliches Argument mehr gehört, das mir neu gewesen wäre (ich war also wenigstens einmal in meinem Leben gründlich!). Aber dennoch taten sich neue Problemfelder auf, die es wert sind, beackert zu werden.

Dieser Beitrag kann also als Ergänzung oder Fortsetzung zu meinem ersten Artikel verstanden werden. Teils führt er alte Überlegungen weiter, teils thematisiert er neue Blickwinkel, die sich mir eröffnet haben.

beschneidung4

Die juristische Beurteilung ist eigentlich eindeutig…!

Die gesamte Debatte und damit auch das daraus entstandene Gesetz lässt sich eigentlich auf eine einzige Fragestellung reduzieren: Was ist wichtiger – Religionsfreiheit oder das Recht auf körperliche Unversehrtheit?
Für frömmelnde religiöse Menschen war diese Frage ziemlich einfach zu beantworten. Womit mal wieder bewiesen wäre, dass Religionen ganz wunderbar vorm Denken bewahren.
Ja, genau diesen Punkt hatte ich eigentlich schon mal, aber inzwischen habe ich einen ganz ausgezeichneten Artikel zur juristischen Bewertung gelesen, den ich allerdings – natürlich! – nicht mehr finde. Der kippte auf die Argumentation pro körperliche Unversehrtheit noch mal eine Schippe drauf mit einigen juristischen und verfassungsrechtlichen Details, die mich ehrlich gesagt einfach nur baff machten. Deshalb versuche ich mal, die Punkte nachzuliefern, die mir am meisten im Gedächtnis geblieben sind.

Punkt 1: Religionsfreiheit ist ein individuelles Recht. Wesentlich ausschweifender habe ich das schon in meinen ersten Beitrag versucht zu sagen, aber all die vielen Worte, die ich verschwendet habe, lassen sich auf eines reduzieren: individuell.
Es ist meine eigene Entscheidung, mich unter Regeln und Vorschriften zu beugen, die meine Religion mir auferlegt, auch wenn diese Regeln platt gesagt nicht mit einigen sonstigen Menschenrechten übereinstimmen. Die sagen ja im Grunde nur, dass ich machen kann was ich will, solange ich niemanden dabei schade. Niemand kann mich also dazu zwingen, am Sonntag in die Kirche zu rennen, am Ramadan zu fasten oder am Sabbat zu ruhen. Das entscheide allein ICH. Wenn ich es will. Das ist MEINE Religionsfreiheit.

Wenn es jetzt um andere Personen geht, greift Punkt 2, und der ist besonders interessant.
Wenn es zu diesen Diskussionen kam, wurde immer Art. 4 des Grundgesetzes zitiert:

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Für Leute, die nicht kapiert haben, dass dieses Recht individuell ist, war die Sache damit klar. Aber, Freunde und Nachbarn, das ist nicht alles, was unser Grundgesetz dazu zu sagen hat! Und darauf musste zumindest ich auch erst gestoßen werden.
Es ist ein sehr altes Gesetz, eines, das schon 1919 in der Weimarer Verfassung stand, aber wohl als sinnvoll genug erachtet wurde, um auch ins Grundgesetz Eingang zu finden. Es findet sich ganz unschuldig ziemlich am Schluss im Art. 140 und lautet:

(1) Die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten werden durch die Ausübung der Religionsfreiheit weder bedingt noch beschränkt.

Nun bin ich keine Juristin. Aber das ist für mich nicht anders interpretierbar als so: „Mach mit deiner Religion was du willst, solange es sich in Einklang mit den deutschen Gesetzen bewegt.“

Und das fand ich hammerhart. In diesen ganzen dummen Diskussionen verfielen die Verteidiger der religiösen Beschneidung immer in regelrechte Schwärmerei, wenn es um die Religionsfreiheit ging. Ganze Epen wurden darüber gedichtet, was für eine hochmoderne Errungenschaft es sei, ungestört seine Religion ausüben zu dürfen. Sie haben ja recht! Aber leider wurde damit häufig der Einwand, dass damit kein anderes Recht eingeschränkt werden dürfe, vom Tisch gewischt. Religionsfreiheit steht im Grundgesetz, Punkt aus!
Jetzt kann ich dazu sagen: Stimmt! Aber nicht ohne Einschränkungen! Und das macht mich sehr, sehr glücklich!
Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass es noch eine Ausnahme von der Ausnahme gibt, und die steht in Art. 4 als dritter Absatz:

(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Das ist natürlich mit dem Aussetzen der Wehrpflicht nicht mehr wichtig. Aber es zeigt, dass sich die Religionsfreiheit schon seit dem Bestehen des Grundgesetzes unter dieses zu beugen hatte, sofern es keine expliziten Ausnahmen gab.

Gottes Grausamkeit kennt Grenzen

Bleiben wir bei Gesetzen.
Ich hatte erschöpfend dargelegt, dass für wahrlich gläubige Juden alle Argumente contra Beschneidung obsolet sind, wenn es darum geht, den Bund mit Gott zu schließen. Auch hatte ich über „diesen einen jüdischen Typen“ erzählt, der sich nicht vorstellen konnte, dass man gegen Beschneidung sein kann, ohne antisemitisch zu sein.

Der gleiche Kerl meinte auch, dass noch niiiie ein Jude in der Geschichte des Judentums ein Problem mit der Beschneidung gehabt hätte. Leider ist das nachweislich falsch, genau wie die Vorstellung, dass nur eine Beschneidung den echten Juden ausmacht. Vielfach wurde eine Ausnahme zitiert, laut der eine Familie ihre Sohn nicht beschneiden lassen muss, wenn dieser bereits zwei ältere Brüder durch diese Prozedur verloren hat.

Leider konnte ich nirgendwo den Originaltext in einer Sprache finden, die ich auch verstehen kann (und, um Lisa Simpson zu zitieren: Ich werde jetzt bestimmt nicht auch noch Hebräisch lernen!), weshalb ich mit dieser Info sehr vorsichtig umgehen will. Fakt scheint dennoch zu sein, dass der Talmud diese Sonderregel kennt und das betreffende Kind von der Beschneidung freistellt – allerdings nur, wenn eine Bluterkrankheit vorliegt.

Diese Regelung, die bei mir Assoziationen mit der Sole Survivor Policy bei den amerikanischen Streitkräften sowie deren deutsches Äquivalent in Bezug auf Befreiung der Wehrpflicht weckt, zeigt nun eindeutig, dass eine Beschneidung nicht den Juden macht. Nein, dazu reicht es nun mal völlig, eine jüdische Mutter zu haben. Knifflig wird es erst, wenn man konvertieren will. Dazu fand ich folgendes schöne Zitat eines Rabbis:

P.S. Needless to say, the above only applies to a non-Jew who wishes to convert. However, a Jewish child who cannot be circumcised due to medical reasons does not lose his Jewish status or identity.

Quelle

Zwar ist das nun keine offizielle Stellungnahme des jüdischen Oberhaupts (so etwas gibt’s ja auch nicht), aber wenn es etwas gibt, in dem das Judentum dem Christentum schon immer eindeutig überlegen war, dann ist es die Diskursbereitschaft. Während (nicht nur) im Mittelalter die Kirche eine „Glaub halt daran und halt die Schnauze“-Politik bei ihren Gläubigen fuhr, galt eine breite theologische Ausbildung bei gläubigen Juden als allerhöchstes Gut. Allein deswegen war die Alphabetisierungsrate unter Juden stets sehr hoch, denn zur Feier ihrer Bar Mitzwa mussten die jüdischen Jungs aus der Tora lesen. Aber auch darüber hinaus genoss ein Jude (zumindest ein männlicher) allerhöchsten Respekt unabhängig von seiner Herkunft, wenn er dazu in der Lage war, scharfsinnige und rhetorisch ausgefeilte Bemerkungen zu theologischen Diskussionen beizutragen.  Begabte Kinder wurden dahingehend ermuntert und aktiv gefördert.

Man könnte also sagen, dass dem Judentum als Religion eine beispiellose Reflexionsbereitschaft inhärent ist. Warum also nicht bei diesem Thema? Warum nicht die „medizinischen Gründe“ auch auf Nicht-Bluter ausweiten? Wenn ein Jude ein Jude ist, auch wenn er nicht beschnitten ist, was gibt es dann noch für Argumente für aufgeklärte, gebildete Juden, daran unbedingt festhalten zu müssen? Zeigt die Sonderregel nicht, dass Gott gütig ist und niemanden abweist, der im Geiste beschnitten ist (wie es Jesus ein berühmter Jude mal ausdrückte), auch wenn sein Körper aus jüdischer Sicht unvollkommen ist?
Ist es nicht an der Zeit, sich dem durch die Geschichte ziehenden, großartigen jüdischen Hang zur Bildung zuzuwenden, der so viele hervorragende jüdische Wissenschaftler hervorgebracht hat, und einfach mit Blick auf die vielen medizinischen Fakten anzuerkennen, dass die Beschneidung abgeschafft gehört?

Das Problem mit der HIV-Prävention

Nun ist das Beharren auf der medizinischen Nutzlosigkeit der Beschneidung (sofern keine medizinische Indikation vorliegt) sehr schwer, wenn selbst Organisationen wie die WHO weiter fleißig daran arbeiten, den Mythos „Beschneidung als HIV-Prävention“ unters Volk zu bringen.
Interessant ist dabei, welches Volk sie damit beglücken.
Tante Jay, der Beschneidung auch ein Herzensthema ist (und die, nebenbei bemerkt, vermutlich mehr Original-Artikel zur Beschneidung geschrieben hat als alle deutschen Männerrechtler zusammen), engagiert sich sehr gegen diesen Mythos und hat hier (ausnahmsweise englisch) ein wichtiges Argument geliefert – vielleicht das wichtigste überhaupt.

Dieses lautet: JA, wenn man kein Kondom benutzt, wird das Risiko, sich mit HIV anzustecken, durch eine Beschneidung um 60% gesenkt – allerdings pro Verkehr.
Das ist ein wunderschönes Beispiel dafür, wie selbst eine harte Wissenschaft wie Mathematik falsch interpretiert werden kann, wenn man diese blöden Statistiken einfach nicht richtig liest. Wenn jemand eh kein Kondom verwendet (aus welchem Grund auch immer), dann ist ein 60%iger Schutz vor HIV schon eine beeindruckende Zahl, die aber völlig in die Bedeutungslosigkeit abrutscht, wenn man sie mit jedem einzigen Mal Sex in Verbindung bringt. Leider denken daran wohl die Wenigsten, wenn sie solche Zahlen lesen!

Das muss die WHO auch wissen (wenn es schon Bill Gates nicht weiß). Damit stellt sich die Frage, warum auf Grundlage solcher Zahlen dennoch weiterhin die Beschneidung in besonderen HIV-Risikogebieten, sprich, vor allen afrikanischen Staaten, so hartnäckig voran getrieben wird.

Ich neige eigentlich nicht sehr zu Verschwörungstheorien, aber mir fällt dazu keine einzige Erklärung ein, die nicht eindeutig rassistisch motiviert wäre. Fungieren hier Menschen, die bewusst dumm gehalten werden und die sich nicht so ohne Weiteres Gegenpositionen zu dieser Praxis beschaffen können, als Versuchskaninchen? Oder ist das gar ein bewusster Versuch, einfach mal auf diese Weise etwas gegen die Überbevölkerung zu tun?

Ich wiederhole es nochmal: Das einzige, was gegen eine HIV-Ansteckung hilft, ist ein Kondom. Und da die Sensibilität der Eichel durch eine Beschneidung herab gesetzt wird, führt dies zu einem erhöhten Risiko einer Verbreitung des HI-Virus, denn beschnittene Männer können oder wollen teilweise keine Kondome mehr benutzen.

Wie oft denn eigentlich noch?!

Das Problem mit dem Gebärmutterhalskrebs

Ursprünglich hatte ich diesen Punkt gar nicht in meinem ersten Artikel drin, weil er mir so absurd erschien, ihn dann aber ergänzt, als immer mehr Kommentare dazu geschrieben wurden. Ich hatte mich aber dabei auf ein reine ethische Argumentation gestützt, weil ich dachte, das reicht.

Es reicht offensichtlich nicht.

Vor kurzem erreichte mich eine Email, in der ich zu einer Stellungnahme zu „Beschneidung als Mittel gegen HPV-Infektion“ gebeten wurde. HPV sind die Erreger, die u.a. Gebärmutterhalskrebs auslösen können. Und ehrlich gesagt hat mich der Inhalt der Mail so sprachlos gemacht, dass ich nach längerem Nachdenken fast geneigt war zu glauben, hier wolle mich jemand testen, der mir mein feministisches Engagement gegen Beschneidung nicht abnimmt.

Inzwischen denke ich das nicht mehr. Aber der Vorschlag, es mir auf mein feministisches Banner zu schreiben, Beschneidungen flächendeckend bei allen Jungs schon im Babyalter zu begrüßen, weil damit Frauen vor Gebärmutterhalskrebs geschützt werden, wird dadurch leider nicht besser.

Wie gesagt: Die ethische Argumentation hat nichts gebracht. Also wollte ich das dieses Mal rein rational und mittels harter Wissenschaft angehen. Mathematisch, wirtschaftlich. Ich fand folgende Zahlen:

– jährlich erkranken in Deutschland ca. 4700 Frauen an Gebärmutterhalskrebs, ca. 1500-1600 sterben daran
– im Jahr 2011 wurden ca. 660.000 Kinder in Deutschland geboren – natürlich ist davon ca. die Hälfte (330.000) männlich
– eine Beschneidung kostet zwischen 200 und 700 Euro

Auf Grundlage dieser Zahlen startete ich ein kleines Gedankenexperiment. Nehmen wir mal an, der Plan einer flächendeckenden Beschneidung würde in die Tat umgesetzt und die Beschneidung würde tatsächlich nur 200 Euro kosten. Damit ergäbe sich für ein Jahr folgende Rechnung:
330.000 * 200 = 66.000.000
Die Beschneidung eines einzigen Jahrgangs nützt natürlich überhaupt nichts, deshalb muss man das weiter führen. Ein Effekt dürfte erst dann spürbar sein, wenn die ersten Jungs sexuell aktiv werden. Sagen wir, mit 15 Jahren. Nehmen wir der Einfachheit halber mal an, die Geburten würden bis dahin stabil bleiben. Das ergibt dann folgendes:
66.000.000 * 15 = 990.000.000

Es würde also FAST EINE MILLARDE EURO kosten, über 15 Jahre hinweg flächendeckend alle deutschen Jungs beschneiden zu lassen! Und da stellt sich mir die Frage: Ist so eine riesige Menge Geld nicht vielleicht besser in der Krebsforschung aufgehoben? Ich bin keine Ärztin, aber damit lässt sich doch sicher was mit anfangen, oder?!
Wobei da ja noch einiges fehlt. Nicht mit eingerechnet sind die Kosten für die dafür nötige Bürokratie und für etwatige Strafverfahren, denn meine Fresse, wäre so ein Gesetz wirklich in Deutschland möglich, dann könnt ihr aber Gift drauf nehmen, dass ich am Tage der Geburt meines Sohnes vom Wochenbett springen und ins nächste Gericht rennen würde, denn MEINEN Sohn wird ohne Grund NIEMAND beschneiden!! Damit bin ich sicher nicht die Einzige. Ach ja, und die Kosten für eventuelle Nachbehandlungen bei Komplikationen sind sicher auch ein gewaltiger Faktor. Ein einziger Tag im Krankenhaus kostet ja auch schon über 100 Euro! Ich könnte mir vorstellen, dass diese Posten zusammen genommen die Kosten für eine flächendeckende Beschneidung über die nächsten 15 Jahre leicht verdoppeln könnten!
(Der Vollständigkeit halber muss gesagt werden, dass Jungs, die tatsächlich unter einer Phimose leiden, hier heraus gerechnet werden müssten, aber ich halte die Zahl derer, die eine Beschneidung wirklich brauchen, inzwischen für verschwindend gering.)

Nun sollten solche wirtschaftlichen Überlegungen natürlich hinten an stehen, wenn es darum geht, Menschenleben zu retten – das gebietet die Ethik. Nur ist eine Beschneidung nun mal keine Maßnahme, die keinerlei negativen Konsequenzen nach sich zieht, außer, dass sie viel kostet. Das sah auch meine Mailpartnerin ein und schrieb, dass ja „maximal“ 5-15% aller Jungen nach einer Beschneidung unter Komplikationen leiden würden.

Nehmen wir das mal als Grundlage (obwohl ich die Zahlen anzweifle!), dann ergibt sich ausgehend von der oben genannten Geburtenzahl über 15 Jahre, dass demnach 247.000 bis 742.500 Jungs von Komplikationen betroffen wären. Dieser gewaltigen Menge stehen in diesem Zeitraum 70.500 gebärmutterhalskrebserkrankte Frauen gegenüber bzw. ca. 23.250 Frauen, die daran sterben.

Und da muss man sich doch fragen: So tragisch eine Krebserkrankung ist – rechtfertigt eine solche Präventivmaßnahme die Verletzung einer Menschengruppe, die bis zu zehnmal so groß ist (wenn man wirklich nur die beschnittenen Männer mit Komplikationen rechnet)?

Und auch diese Zahl ist ja nur eine unzulässige Annäherung. In den letzten 30 Jahren hat sich beispielsweise die Zahl derer, die an Gebärmutterhalskrebs sterben, mehr als halbiert. Es ist wohl nicht allzu verwegen zu vermuten, dass dieser Trend erfreulicherweise weiter gehen wird. Darüber hinaus wird die Gebärmutterhalskrebsimpfung erst seit 2007 in Deutschland für Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren empfohlen. Da Gebärmutterhalskrebs oft erst Jahrzehnte nach einer HPV-Infektion auftritt, ist auch bei den Erkrankungen in Zukunft mit einem dramatischen Rückgang zu rechnen.

Hieran sieht man, dass eine solche Maßnahme gegen jede Verhältnismäßigkeit gehen würde – vor allem, wenn man bedenkt, dass überhaupt nicht gesichert ist, ob eine Beschneidung tatsächlich eine Ansteckung mit HPV unwahrscheinlicher macht.

Ehrlich gesagt bin ich zu faul, mich dahingehend auch noch durch das halbe Internet zu wühlen, weil es mir wirklich zu blöd ist, aber ich lehne mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass die Behauptung einer 100%igen Sicherheit absoluter Bullshit ist. Die Mädchen der Jahrgänge, die nun männlicherseits flächendeckend beschnitten würden, können sich immer noch bei älteren Männern (oder Frauen) anstecken, das gleiche gilt für die Jungs, ob nun beschnitten oder nicht. Dazu kommen eventuelle Ansteckungen im Ausland oder durch Ausländer!

Ich bin, wie gesagt, keine Ärztin. Aber wenn mein beschränktes medizinisches Wissen mich nicht trügt, kann man Viren nur durch eine Art ausrotten. Man kann dutzende Verhaltensmaßnahmen für die unterschiedlichsten Viren propagieren, um eine Ansteckung unwahrscheinlicher zu machen, aber gänzlich aus einer Population verschwindet ein Virus nur durch eine wirksame Impfung.
Eben eine solche gibt es bereits für Gebärmutterhalskrebs, wobei diese weder fehlerlos, noch gänzlich ohne Kritiker ist. Aber das ist zumindest mal ein Ansatz, der eine wirkliche Lösung greifbar macht – nicht die Beschneidung!!

Daher: Nein, ich werde mir dieses dumme, unethische Projekt sicher nicht auf mein feministisches Banner schreiben – und hoffe ganz stark, dass eine solche Idee niemals im Feminismus trendet. Es ist schlimm genug, wenn Alice Schwarzer sich zu solchem Schwachsinn hinreißen lässt, aber da bisher von ihr keine wirkliche Forderung dahingehend kam, nehme ich an, dass sie wohl selber weiß, wie dämlich das ist.

Feminismus und Beschneidung

Und damit leite ich über zu einem Thema, das mich persönlich betrifft und ganz besonders aufregt.
Ich schrieb ja bereits, dass mich der Feminismus bei diesem Thema krass enttäuscht hat. Leider habe ich seitdem kaum etwas gelesen, was mein Eindruck dahingehend hätte ändern können.
Es ist eine Sache, sich nicht für ein bestimmtes Thema zu interessieren, aber eine völlig andere, dieses aktiv zu torpedieren. Auch wenn ich nicht verstehe, warum viele Feministinnen nicht sehen, dass ein Engagement gegen männliche Beschneidung dennoch ein feministisches Anliegen sein kann, könnte ich bei solchen Fällen wahrhaft kotzen.

So schrieb Antje Schrupp einen scheinheiligen Tweet, in dem sie süffisant fragte, ob sich die selben, die sich gegen männliche Beschneidung positionieren, ebenfalls so engagiert gegen geschlechtsangleichende Operationen bei intersexuellen Kindern argumentieren würden. In diesem kurzen Tweet war so viel falsch, dass ich meinen Kopf am liebsten mit Volldampf gegen die nächste Wand gerammt hätte. Meine extrem naheliegende Gegenfrage, warum sich denn die Leute, die sich gegen geschlechtsangleichende Operationen bei intersexuellen Kindern engagieren, nicht ebenso gegen männliche Beschneidung positionieren, wurde nonchalant ignoriert (führte aber zu einer weiteren fruchtlosen Diskussion mit einem beschnittenen Mann – dazu weiter unten).
Noch schlimmer als Frau Schrupps logische Glanzleistung traf mich ein gedankenlos eingestreuter Nebensatz auf einem feministischen Blog, der implizierte, dass man es bei einem Engagement gegen Beschneidung mit male tears zu tun hätte. Die kurz darauf stattfindende Diskussion, die entbrannte, weil ich das so einfach nicht stehen lassen konnte, zeigte mir, dass die Autorin nicht die geringste Ahnung von dem Thema hat.

Gleichzeitig muss ich mir immer wieder ein Ohr darüber volljaulen lassen, dass es keine Diskriminierung von Männern gibt, weil Diskriminierung sei ja strukturell bla – bla – BLA. Ja, keine Ahnung, vielleicht ist ein verfassungswidriges Gesetz, das sich nur gegen Jungs richtet, wirklich keine Diskriminierung, keine Ahnung wie man das laut Duden definiert, aber dieses Gesetz zu verteidigen oder sich drüber lustig zu machen, ist halt trotzdem ein unglaubliches Arschlochverhalten, nech?

Und da kommt mir etwas in den Sinn, was ich oft in Bezug auf die Abtreibungsdebatten denke, aber auch hier passt: „Wenn du nicht dazu beitragen willst, das für dich ach so irrelevante Problem zu lösen, dann halt einfach die Fresse.“

Das einzig positive, was ich zur feministischen Beteiligung (oder Nicht-Beteiligung) zur Beschneidungsdebatte bieten kann, ist dieser Text:
Warum Knabenbeschneidung gerade Feministinnen etwas angeht
Darüber hinaus ist mir nichts dezidiert feministisches dazu bekannt, was ich nicht selbst geschrieben habe. Und das finde ich immer noch sehr, sehr scheiße.

Männliche Diskussionsunwilligkeit

Nach dieser angebrachten Feminismuskritik ist aber dennoch eine Erfahrung, die ich in den letzten Monaten machen musste, wesentlich schwerwiegender. Es gibt nämlich genau eine Gruppe, mit der man aus meiner Sicht am schlechtesten über dieses Thema diskutieren kann.

Beschnittene Männer.

Natürlich gibt es Foren, in denen Betroffene ihre Erfahrungen austauschen und sich stark gegen dieses Gesetz engagieren, aber die Mehrheit aller Männer, sie sich mir als beschnitten offenbarten, kann für dieses Thema absolut keine Energie aufbringen. Interessanterweise sogar in mindestens einen Fall, in dem mein Gegenüber unter gewaltigen sexuellen Einbußen aufgrund seiner Beschneidung zu leiden hatte. Warum das Beschneidungsgesetz ein Problem ist, sah er trotzdem nicht.

Eine spezielle Diskussion ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Sie fand offline statt, in meinen eigenen vier Wänden. Drei Männer, die ich alle mag, mit denen ich eng verbunden bin, die alle beschnitten sind, und die eine Scheiße von sich gaben, dass es mir die Schuhe auszog.

So lachten sie schon, als ich das Thema auch nur auspackte. Was für ein Mimimi, dachten sie. SIE haben ja immerhin überhaupt keine Probleme, also GIBT es keine Probleme. Eine besondere Perle:
Ich: „Man schnippelt nicht an Genitalien rum. Das tut man doch nicht!“
Typ: „Das sind keine Genitalien.“
Ich: „Ähm, doch?“
Typ: „Nein!“
Ich: „Es ist der PENIS. Was ist daran für dich denn kein Genital?!“
Typ: „Es ist nicht der Penis, es ist HAUT!“

(Hatte ich eben nicht behauptet, ich hätte nun alle dummen Argumente schon mal gehört? Wie ihr seht, war das gelogen…)

Diese Diskussion ging stundenlang und war leider sehr heftig. Besonders von meiner Seite, denn 1. habe ich es wirklich satt, die ewig gleichen Argumente ständig erneut zu wiederlegen und bin deshalb inzwischen etwas empfindlich und 2. konnte ich einfach echt nicht fassen, wie drei so intelligente Männer so idiotisch und unlogisch diskutieren können.
Der größte Kritikpunkt von ihrer Seite aus war die ganze Zeit über, dass ich ja was gegen medizinische indizierte Beschneidung hätte. Es half überhaupt nichts, dass ich diese Fälle mehrmals explizit ausklammerte (wobei ich immer noch der Meinung bin, dass dies selbstverständlich ist!). Immer wieder kamen sie darauf zurück – vermutlich, weil bei allen dreien diese medizinischen Gründe vorgeschoben worden gegeben waren.

Und letztendlich kam nach langer, langer Diskussion ein sehr entlarvender Satz – ein Satz von einem Menschen, den ich noch nie wütend gesehen habe. Aber hier kochte er regelrecht. Der Satz lautete: „Was du machst, ist im Grunde MICH abwerten, indem du sowas sagst!!“

Ich denke, da liegt der entscheidende Punkt – und das ist auch der Grund, weshalb ich wieder davon abgekommen bin, männliche Beschneidung als „Genitalverstümmelung“ zu bezeichnen. Dieser Begriff ist so maximal negativ besetzt (völlig zurecht), dass spontane Ablehnungshaltungen einfach nur vorprogrammiert sind. Wer möchte schon hören, dass er verstümmelt wurde, obwohl er sich völlig okay fühlt? Das ist definitiv ein Angriff auf den Selbstwert, der mit geradezu manischer Überkompensation gekontert wird.

Was man dagegen tun könnte… da bin ich ehrlich gesagt ratlos. Es dürfte feststehen, dass dieses Gesetz nicht ohne die Unterstützung von beschnittenen Männern gekippt werden kann. Damit bin ich dann leider raus, denn ich bin weder Mann, noch beschnitten. Möglicherweise ist das ja auch ein Problem: Möchten beschnittene Männer von einer Frau hören, dass man sie vielleicht völlig ohne Grund in Gefahr und um die Möglichkeit gebracht hat, Sex mit allen intakten Nervenzellen zu genießen?

Hier muss von männlicher Seite weiterhin wesentlich mehr Aufklärung betrieben werden.

Aber das ist etwas, was ich nach all meinen langen Diskussionen zumindest im Real Life immer noch nicht sehe.

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Die Tränen der Väter

Ich war da mal mit so nem Typen zusammen. Und weil ich eigentlich keine Beziehung anfange, ohne die altmodische Hoffnung zu hegen, mich dieses Mal für immer und ewig zu binden, habe ich mir damals weit vorauseilend, so ganz im Stillen und nur für mich allein schon mal Gedanken um Zusammenziehen, Heiraten, Kinderkriegen etc. gemacht.

Und nach einer recht kurzen Nachdenkphase schien für mich die logischste Lösung darin zu bestehen, dass ER Elternzeit nimmt und nicht ich.

Natürlich dachte ich hier an die Zukunft, also an die Zeit, in der meine Ausbildung abgeschlossen ist. Die Vorteile lagen für mich auf der Hand: Auf der eine Seite ich als Lehrerin, deren Arbeitszeit außer Haus höchstens bis in den frühen Nachmittag geht, oft aber auch schon früher beendet ist; darüber hinaus gibt es ja noch die vielen Ferien. Natürlich muss dennoch extrem viel vor- und nachbereitet werden, aber das lässt sich ja sehr gut nach Hause verlagern (und wird von den meisten auch so gemacht).
Dagegen er: Schichtdienst, längere Arbeitszeiten, hohe psychische und physische Belastung. Und dafür bekam er nur die Hälfte von meinem späteren, hypothetischen Gehalt.

Sprich: Er würde nach der Arbeit oft zu kaputt sein, um überhaupt was von seinem Kind zu haben, schlafen gehen, wenn es gerade wach geworden ist (was doppelt unschön für das Kind ist: Erstens hat es nichts von seinem Papa und zweitens muss es dann zuhause auch noch still sein, während er schläft), viele der wichtigen Momente verpassen, die in der Baby- und Kleinkindzeit so wichtig sind und eine Bindung schaffen. Und ich? Wäre selbst bei voller Arbeitszeit mittags zuhause – meilenweit idealer, selbst wenn ich dann noch weiter arbeiten muss. Man wäre ja zumindest in Rufweite, ne.

Das war meine kleine Vorstellung als total verliebtes Mädchen.
Aber mein Ex hat davon nie etwas erfahren.

Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie er auf einen solchen Vorschlag reagiert hätte. Und seine Eltern. Und MEINE Eltern. Und seine Freunde. Und MEINE Freunde. Einige wären vielleicht zu höflich gewesen, um was zu sagen, aber da sich vor allem meine Familie gerne mit herablassender Häme schmückt, hätten wir uns das vermutlich für den Rest unseres Lebens anhören müssen.

Ein Mann in Elternzeit! Wie weibisch!

So ist das halt. In einer Welt, in der Frauen Jungs aktiv davon abhalten, beim Spülen zu helfen, weil „ich das irgendwie nicht will, wenn auch Mädchen dabei sind“ (Halt’s Maul, Oma…) ist ein Mann, der daheim bleibt, um sich um das Baby zu kümmern, während die Frau arbeiten geht, ein absolutes Kuriosum, ja, geradezu ein Ärgernis. Leider war und ist das MEINE Welt, eine Welt, die mir nach all den Jahren, in denen meine angeblich so unmädchenhafte Art ein beständiger Streitpunkt war UND IST, immer noch im Nacken sitzt, immer noch an mir nagt, mich immer noch fast wahnsinnig macht. Eine Welt, in der ich mir von der Hälfte meiner Familie todlangweilige Erfahrungsberichte mit dem neuen Wunderputzlappen von QVC anhören muss, während die andere Hälfte genauso unspannende Scheiße über den letzten Bundesligaspieltag von sich gibt. Dreimal dürft ihr raten, wie die Geschlechterverteilung bei diesen hochbrisanten Themen aussieht.

Vielleicht muss man sowas ja hautnah erlebt haben, um sich vorstellen zu können, welcher Widerstand manchen Vätern in Elternzeit begegnet, vor allem, wenn man nicht in der topmodernen Großstadt wohnt. Daher bot mir dieser Artikel über die Diskriminierungserfahrungen eines jungen Vaters eigentlich nicht viel neues, vor allem nichts schockierendes, auch wenn ich sowas noch nie aus erster Hand miterlebt habe – wie auch, wenn ich keinen einzigen Vater kenne, der Elternzeit genommen hat?

Aber authentisch, ja, definitiv, das verlangt mir nicht viel Phantasie ab, bei dem ein oder anderen Spruch könnte ich meinen, der stamme von meiner Tante/meiner Oma/meiner anderen Tante.
Umso schockierter war ich daher von der Reaktion auf diesen Artikel, die mir eben auf Twitter entgegen schlug. „Feindselig“ wäre dafür noch ein Euphemismus.

An solchen Tagen frage ich mich, was gewisse Personen eigentlich unter „Feminismus“ verstehen. Beispiel „Wickeltisch in der Damentoilette“: Das ist, wie ich eben schon twitterte, ein geradezu wunderschönes Beispiel dafür, wie die ein und selbe Sache beide Geschlechter gleichzeitig diskriminieren kann. Es diskriminiert Frauen, weil automatisch davon ausgegangen wird, dass sich nur die Mutter um das Kind kümmert, und es diskriminiert Männer, weil… naja, eigentlich aus dem selben Grund, ne?

Letztere Diskriminierung völlig auszublenden, ist, wenn man mal um mehrere Ecken denken will, im Grunde eine Abwertung der Kindererziehung generell und eine Abwertung der Mutterrolle im Besonderen – denn wenn hier keine Diskriminierung vorläge, hieße das ja, dass es nicht „schlimm“ ist, auf diesen „Service“ verzichten zu müssen. Auch wenn dieser Service notwendig ist, um die Kinderbetreuung zu gewährleisten. Was aber ja egal ist, weil das macht ja sowieso niemand gerne. Versteht ihr was ich meine?

Aber so kompliziert muss es ja gar nicht sein. Ich frage mich einfach, warum es für viele so unglaublich scheint, auch als Mann genervt zu sein, wenn man wie ein dummes Schulkind behandelt wird?

Ich musste mein Leben lang gegen Rollenerwartungen kämpfen, die an mich gestellt worden sind und die ich nicht ausfüllen wollte. Ich weiß, wie beschissen schwer das ist und wie traurig das macht. Daher feiere ich jede Frau, die ihren Weg gegangen ist und jetzt in einem als typische Männerdomäne bezeichneten Bereich tätig ist, denn das erforderte Mut. Aber bei Männern, die stattdessen andersrum eine angeblich typisch weibliche Tätigkeit übernehmen, geht mir das genauso.
Damit meine ich keine Dinge im Haushalt, das sieht ja eh keiner, sondern eine Rolle, die er außen vertritt, Dinge, die sichtbar sind, zum Beispiel das Ergreifen eines „weiblichen“ Berufs oder eben Elternzeit, etwas, mit dem man sich in gewissen Kreisen angreifbar macht. Wenn ich jetzt so drüber nachdenke, habe ich glasklar das Gesicht meines Onkels vor Augen, wenn er von einem solchen Fall hören würde, seine herabgezogenen Mundwinkel, das Funkeln in seinen Augen, seine halb spöttische, halb wütende Stimme, wenn er leise zischen würde: „Tze… Schwuli.“

Nur würde er das einem solchen Vater nicht ins Gesicht sagen. Offene Feindseligkeit ist in solchen Fällen dann doch etwas schwer, man hat ja doch ein Minimum an Erziehung. Herablassende „Tipps“ dagegen… da ist die Hemmschwelle niedriger, DAS kann man ja mal fliegen lassen, erst Recht, wenn man das Gefühl hat, es besser zu wissen. Vor diesem Hintergrund halte ich es eigentlich für verständlich, dass der Autor mehrheitlich von Frauen blöde Sprüche kassiert hat, auch wenn es bei diesem ganzen Machogehabe, was viele Männercliquen noch durchzieht, extrem einseitig anmutet, nur von Diskriminierungen durch Frauen zu sprechen. Andererseits, vielleicht ist sein Freundeskreis ja auch tatsächlich topmodern – über etwas schreiben, was er tatsächlich noch nie erlebt hat, ginge ja auch schlecht, ne? Dafür spricht, dass er nur von Erfahrungen mit Fremden schreibt.

Solche Erlebnisse anzuerkennen und, keine Ahnung, was Artikel dieser Art eigentlich auslösen soll… vielleicht ein bisschen darauf achten, sich zu solidarisieren? – also, solche Erlebnisse anzuerkennen wertet doch andere Erlebnisse in keinster Weise ab, oder? Ich las nun so viel über den täglichen Kampf, den Mütter ausfechten müssen, aber sind solche Erfahrungen weniger wert, wenn man nun auch noch eine andere Seite beleuchtet? Ich finde ja nicht.

Aber ist es nötig, so etwas einen gesonderten Artikel zu widmen? Definitiv ja. Denn auch, wenn sich viele Erfahrungen, gerade in Bezug auf saublöde Kommentare von selbsternannten Besserwissern, überschneiden oder sehr ähnlich sind, ist doch der Grund des Angriffs ein anderer. Da wird vielleicht eine Mutter mit unglaublicher Penetranz über die Auswahl des richtigen Babybreis belehrt, weil sie außerdem arbeitet/besonders jung ist/auf irgendeine andere Weise nicht in das Schema der „perfekten Mutter“ passt, hier geht es nun um einen Mann, dem sein Vatersein schwer gemacht wird, weil er ein Mann ist.

Kennen wir das nicht? Ist das jetzt nicht scheiße, oder was?

Wem das als Grund nicht ausreicht, mag ja mal darüber nachdenken, was das für Frauen bedeutet. Wenn der Mann die Erziehungsarbeit nicht in dem Maße leisten kann oder will, weil er solche Erfahrungen nicht ertragen kann oder will, tja, wer bleibt dann übrig? Die Mama natürlich. Womit das Bild des haushaltenden Muttchens noch für ein paar weitere Jahrzehnte zementiert wird und alle Abweichungen angefeindet werden – ob nun ein Mann, oder, was weitaus öfter der Fall ist, eine Frau sich eine solche leistet.

Das ist einer der klassischen Fälle, in denen Frauen- und Männerinteressen Hand in Hand gehen und daher finde ich es unglaublich beschämend, von manchen Feministinnen hier von „male tears“ zu lesen. Ist Kindererziehung nicht schon verantwortungsvoll und schwer genug, muss man sich nun auch noch zusätzlich anhören, dass man sich nicht so anstellen soll?

Wie um alles in der Welt will man mehr Männer in die Elternzeit bekommen, wenn deren Ängste und Nöte nicht angehört und ernst genommen werden?

Ich glaube nicht, dass der Autor geheult hat, als er den Artikel schrieb. Aber selbst wenn er in einer Verfassung war, die so etwas möglich machen würde, hat er als echter Mann vermutlich in sich hinein geheult.

Nichts anderes wird offensichtlich von ihm erwartet.

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Ich trinke zwar keinen Kaffee, aber das muss ja niemand wissen.

Wessen Privileg schwerer wiegt…

Einige Bloggerinnen haben die Aktion #waagnis ins Leben gerufen und andere aufgefordert, daran teilzunehmen. Das hier ist allerdings weniger ein Teilnehmerpost als ein kleiner Rant gegen die Kritiker dieser Aktion. Das ist hoffentlich auch genehm.

Als ich heute um halb eins so langsam die Augen aufbekam (ich war mal wieder arbeiten bis vier Uhr morgens), war meine erste Amtshandlung, wie immer, der Griff zum Laptop. Und, wie so oft, öffnete ich Twitter und sofort ploppten einige Fragezeichen über meinem müden Schädel auf. #waagnis, hä? Was geht ab?

Das war schnell geklärt. Ninia, Kathrin, Johanna und Maike von Kleinerdrei schrieben über das Hadern mit ihren Körpern, haben sich entschlossen, (teils weiterhin) ohne Waage zu leben und fordern alle auf, ebenfalls von ihren Problemen mit der unnötigen Badezimmerelektronik namens Waage zu berichten. Entweder in Form von Blogposts oder bei Twitter unter dem Hashtag #waagnis.

Noch bevor ich allerdings die Artikel alle lesen und entscheiden konnte, ob ich das nun cool finden soll oder nicht, fielen mir die ersten negativen Statements zu der Aktion ins Auge. Gleich gefolgt von einem entschuldigenden Tweet von Ninia.

Nennt mich anti, aber in diesem Moment war mir sofort klar, dass etwas, was so eine Entschuldigung nötig macht, eigentlich nur gut sein kann.

Doch zunächst zu mir.

Probleme mit meinem Gewicht habe ich schon häufiger thematisiert, man könnte also auf die Idee kommen, dass ich dazu nichts mehr zu sagen habe. Tatsächlich ist das aber eine neverending story… und nicht nur für mich.

Seit zweieinhalb Monaten lebe ich mehr oder weniger unfreiwillig ohne Waage, denn Anfang April bin ich umgezogen und war bisher zu faul, meine Waage in meiner alten WG abzuholen. Sie war auch eines der ersten Geräte, die ich für diese WG anschaffte – zusammen mit einer Küchenwaage.

Der Slogan der Mädels von #waagnis lautet übrigens:
waagnis
Ich musste direkt lachen, als ich das las. Nicht, weil es ein lächerliches Statement ist, sondern weil ich Leute kenne, die selbst DAS für irgendwie bescheuert halten.

Wie mein geschätzter Ex-Mitbewohner Moritz zum Beispiel. Er beäugte unsere neue Küchenwaage damals völlig verblüfft. „Wofür brauchst du die denn?“
Ich, gnadenlos: „Um Sachen zu wiegen.“
„Äh, aber warum? Das geht doch auch so?“
Nun muss ich mich vor jemanden, der eine halbe Stunde braucht, um eine Karotte und ne halbe Zucchini zu schneiden und das „Kochen“ nennt, wohl wirklich nicht zu rechtfertigen, tat es aber doch. „Ja, normal schon. Aber ich koche ja auch mal nach Rezept. Oder brauch abgewogene Zutaten zum Backen. Oder für Nudeln.“
Schockierter Blick von Moritz. „Du wiegst deine Nudeln?!?!“
„Ja.“
…Und er glotze mich an, als hätte ich eine Essstörung.

Zum ersten Mal in meinem Leben wurde mir klar, dass andere Leute das wohl offensichtlich nicht tun. Also, Nudeln wiegen. Aber da Moritz mit seinem Urteil nicht falsch lag (jedenfalls nicht völlig), gibt es für mich leider keine Alternative.

Das Problem ist, dass ich fressen kann, bis ich fast platze. Weitaus mehr, als ich brauche, weitaus mehr, als angenehm für mich ist. Und leider fehlt mir durch jahrelange Probleme mit meiner Ernährung irgendeine Art Mechanismus, der meinem Körper während des Essens sagt „Es langt jetzt“. Natürlich fühle ich mich nach zu viel Essen völlig vernichtet. Es ist nicht so, dass mir ein Sättigkeitsgefühl fehlt. Eher die Beherrschung, auch darauf zu hören, obwohl das für die meisten Leute überhaupt kein bewusster Akt ist und sie einfach von selbst aufhören, wenn sie merken, dass sie satt sind.

Daher wiege ich meine Nudeln. Ich habe nämlich festgestellt, dass ich von 100-120 Gramm Nudeln absolut angenehm satt bin. Essen kann ich aber auch locker doppelt so viel. Weshalb die Küchenwaage in diesem Fall mein einziger Freund ist, der zwischen mir und der völligen Überfressung steht.

Und aus dem selben Grund kann ich das #waagnis nicht eingehen und meine Körperwaage entsorgen.

Seitdem meine Waage in meiner Ex-WG im Exil ist, habe ich zugenommen. Das spüre ich an meinen Jeans und natürlich auch an der Optik. Vor meinem Umzug hatte ich gerade ein paar Kilo abgenommen und war auf 71 kg runter, verteilt auf schnuckelige 1,58. Inzwischen dürfte ich wieder bei 75 sein, ungefähr.

Und das gefällt mir nicht. ICH gefalle MIR so nicht. Es ist mein ureigenes Ästhetik- und auch Körperempfinden, dass ich mir mit 10-20 Kilo weniger besser gefallen würde. Hatte ich alles schon, konnte es damals allerdings nicht genießen. Jetzt wäre das anders und deswegen möchte ich da wieder hin!

Das klappt allerdings nicht ohne Waage. Ich kann auf dieses elende Kontrollding nicht verzichten. Ich hätte nämlich nicht wieder 4 Kilo zugenommen, wenn ich zwischendurch gesehen hätte, in welche Richtung ich mich gerade bewege. Ohne Waage war das ein diffuses Gefühl, das sich ganz langsam aufbaute, bis es zu spät war.
„Hm, so lange ohne Waage. Hab ich zugenommen? Neeeee.“
„Hm, die Jeans kneift. Ist aber auch frisch gewaschen. Muss nix heißen.“
„Hm, ist das ein neues Speckröllchen? Schwer zu sagen…“
„Okay, ein neues Loch im Gürtel. JETZT ist es amtlich!“

Natürlich ist die Waage nur ein unzureichendes Gerät zur Messung des Körpers. Die Waage interessiert sich nicht dafür, ob ich mir gerade ein Kilo Eis reingepfiffen hab oder ein Liter Wasser auf Ex – in beiden Fällen zeigt sie direkt danach ein Kilo mehr an. Es ist ihr auch egal, ob ich gerade meine Tage hab und aufgeschwemmt bin. Oder, ob ich vor oder nach ihrer Besteigung aufs Klo gehe. Die Waage macht, was sie will, weil der menschliche Körper macht, was er will!

Dennoch brauche ich das blöde Teil einfach, denn zumindest für die grobe Richtung reicht es. Deshalb werde ich meine Waage nicht entsorgen (und kann leider auch nicht, wie gewünscht, ein Foto machen, weil ich sie ja momentan nicht in der Wohnung habe).

Ich weiß nicht, ob das vielleicht bedeutet, dass ich „noch nicht so weit“ bin. Oder ob es einfach von meinem Standpunkt aus nur logisch ist. Wie soll ich das beurteilen? Ich hätte meine Meinung nicht, wenn ich nicht der Meinung wäre, dass meine Meinung richtig ist.

Dennoch mag ich die Aktion und fand alle Ausgangsartikel ziemlich gut. Deswegen nervt es mich auch, wie viel Kritik die Initiatorinnen einstecken müssen!

Warum? Naja. Es gibt ja diese „fat acceptance“-Bewegung, die sich für die Akzeptanz „alternativer Körperformen“, bzw. in diesem Fall ganz konkret fetter Körper einsetzt (sie nennen sich selbst so. Also, fett. Deshalb schreibe ich das jetzt einfach so, obwohl ich sowas im Leben nicht jemanden ins Gesicht sagen würde. Dazu habe ich es selbst schon zu oft gehört.). Eine Bewegung, die ich nicht unkritisch betrachte, die mich aber auch nicht wirklich tangiert.

Genau aus dieser Ecke erschallt nun ne Menge Wut, was in meinen Augen einfach nur paradox ist. Immerhin war es ja die Intention der Autorinnen, alle mollige Frauen da draußen dazu zu motivieren, den ständigen Kampf mit der Waage einfach aufzugeben und sich ihr Leben nicht von ein paar Zahlen auf einem Display diktieren zu lassen!

Und das ist ja auch richtig so. Oft wird der Einfluss der Medien etc. auf dieses Thema verharmlost (mein Eindruck: Meist irgendwie nur von Männern, die nur auf Frauen mit Modelmaßen stehen), aber man muss sich nur mal ein bisschen umsehen und auf saublöde Artikel wie diesen stoßen um zu merken, dass es eben NICHT harmlos ist. Kleine Mädchen machen sich schon Sorgen um ihre Figur, der Großteil der weiblichen Teenager hasst sich, erwachsene Frauen geben Tonnen von Geld dafür aus, schlank zu werden oder zu bleiben.

Diese Frauen und Mädchen sind alle sehr unsicher und sehr unglücklich, obwohl sie größtenteils wirklich keinen Grund dazu haben. Aber es wird ihnen eben eingeredet. Eine Folter, an der sogar Freunde und Familie mit Genuss partizipieren.

Für einige dieser Frauen könnte es ein Segen sein, die Waage einfach in den Müll zu werfen, sich davon nicht mehr den Tag versauen zu lassen, nicht mehr darüber zu grübeln, warum man heute plötzlich ein Kilo mehr wiegt, obwohl man gestern nur Salat und ne Salzkartoffel gegessen hat (das passiert halt manchmal einfach so). Was ist daran bitte schlecht?

Auf Twitter las ich von irgendeiner, das Problem sei, dass sich hier nur Frauen mit „Normalgrößen“ zu Wort gemeldet hätten. Und diese sind natürlich im Vergleich zu richtig fetten Frauen total privilegiert, was in manchen radikalen Strömungen des Feminismus der finale Code ist für „Fresse halten“. Denn privilegierte Menschen dürfen NIEMALS irgendwas sagen!

Diesen Damen scheint das tatsächliche Problem entgangen zu sein. Das Problem ist ja nicht, dass Frauen ab BMI 30 verhöhnt und ständig wegen ihrer Figur kritisiert werden. Das Problem ist, dass sowas auf ALLE Frauen zutrifft! Eine Ausnahme mögen wohl die wenigen von der Natur gesegneten sein, die ohne Sport etc. essen können was sie wollen und trotzdem schlank bleiben. Aber selbst die werden doch ständig auf ihr Gewicht angesprochen, auf ihren Körper reduziert!

Die Schwere eines Misstandes äußert sich nicht darin, wie die Gesellschaft auf solche reagiert, die extrem krass von der gesetzten Norm abweichen. Die Schwere eines Misstandes äußert sich darin, wie die Gesellschaft auf solche reagiert, die davon auch nur ein bisschen abweichen. Und das ist beim Thema „weibliche Figur“ eindeutig der Fall!

Der Schmerz, den richtig fette Menschen empfinden müssen, wenn sie angepöbelt oder ausgelacht werden, wird nicht im Geringsten geschmälert, wenn eine, die in einen H&M reingehen kann und dort sogar auch ohne Übergrößenabteilung was passendes findet, davon berichtet, wie an ihrem Aussehen rumgemäkelt wurde. Und es ist nur logisch, dass eine solche Frau sich mit solchen, die von diesen Attacken noch viel mehr betroffen sind, praktisch automatisch solidarisiert!

Deshalb ist es gar nicht schlecht, dass sich hier Frauen zu Wort gemeldet haben, die nach Interpretation der fat-acceptance-Membern ne völlig normale Figur haben. Ganz im Gegenteil! DAS beweist doch erst, was für ein Problem wir heutzutage mit abweichenden Körperformen haben!

Deshalb finde ich die Kritik an der Aktion völlig überzogen, vor allem, wenn man das weiter denkt. Wenn jetzt Frauen, die mehr wiegen als die Initiatorinnen meinen, dass nur so richtig fette Frauen sich dazu wirklich äußern dürfen, was passiert dann, wenn NOCH dickere Frauen auftauchen? Gibts ne Grenze, ab der man sich äußern darf? Oder heißt es: Je mehr BMI, desto mehr Gewicht haben auch die Worte?

Manchmal sollte man einfach mal überlegen, was sich Leute bei bestimmten Dingen gedacht haben. Und die #waagnis-Mädels haben bestimmt nicht gedacht: Höhö, trollen wir mal ein bisschen rum. Sie haben reflektiert, wofür dieses Scheißding Waage eigentlich steht und beschlossen, sich daraus zu befreien, während sie gleichzeitig anderen Frauen damit Mut machen wollen.

Dass dabei viele fatpositive- oder fatacceptance-Bloggerinnen „unsichtbar“ gemacht wurden… also meine Güte. Manchmal glaube ich, manche Leute stecken so tief in ihrer Filterbubble drin, dass sie gar nicht merken, dass ihnen außerhalb dieser keine Sau zuhört. Ich habe mich beispielsweise schon seit ich denken kann mit Diäten, Gewicht etc. beschäftigt, aber fat acceptance ist mir erst über den Weg gelaufen, als ich anfing zu bloggen. Das ist wieder mal keine besonders verbreitete Bewegung, die daher doch über jeden neuen Impuls froh sein kann. Wenn dieser jetzt von Ninia, Kathrin, Johanna und Maike kommt, warum nicht? Sie mögen einen anderen Ansatz haben, sind auch wahrscheinlich nicht fat positive. Aber sie sind Frauen und haben eine Leidensgeschichte. Frauen mit einer kleinen Idee. #waagnis eben. Und der Vorstellung, dass man ausgehend von seiner Blogger-Fangemeinde damit vielleicht für das ein oder andere Mädchen etwas besser macht.

Ich mache bei #waagnis nicht mit. Aber ich hoffe, viele andere tun es. Und Ninia, Kathrin, Johanna und Maike wünsche ich alles Gute. Sie haben sich absolut nichts vorzuwerfen.

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Beschneidungsdebatte, ein Jahr danach. Beschissene Argumente und meine Antworten.

Die Beschneidungsdebatte ist im Prinzip einer der Hauptgründe, warum ich dieses Blog eröffnet habe.

Die Diskussion um die Beschneidung nicht-entscheidungsfähiger Jungs aus anderen Gründen als aus medizinischen war für mich DAS Thema 2012 – und selten hat mich etwas so wütend gemacht. Gleichzeitig war ich auch kaum jemals so sicher, Recht zu haben, obwohl die meisten Medien tatkräftig und gegen die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung die Beschneidungsbefürworter unterstützt haben.

Es juckte mir damals so sehr in den Fingern, meine Meinung dazu zu schreiben, aber ganz ehrlich: In einem Blog, in dem es hauptsächlich um Kneipe, Kellnern und Saufen geht, passt sowas halt einfach absolut nicht. Während die Debatte also auf Hochtouren lief, redete ich mit vielen Leuten darüber, kommentierte, wo ich kommentieren konnte, redete mir den Mund fusselig – aber auf meinem Erstblog findet man dazu nichts.
Dann war ich einige Wochen im Ausland, wo ich weitere Gespräche führte und sich mein Entschluss festigte, ein zweites Blog zu eröffnen, in dem auch solche Themen Platz haben könnten. Zurück in Deutschland dauerte es dann aber nochmal einige Monate, bis ich das in die Tat umsetzte. Und da war die Debatte leider zu einem vorläufigen Ende (markiert durch ein eilig durchgepeitschtes, beschissenes Gesetz) gekommen. Zu diesem Zeitpunkt einen Artikel dieses Inhaltes zu veröffentlichen… naja.

Heute ist der Jahrestag der Entscheidung des Kölner Landgerichts, das in der männlichen Beschneidung eine Körperverletzung sah, die Entscheidung, die diese Debatte anstieß. Heute kann ich endlich auch was dazu schreiben, ohne mir blöd vorzukommen!

Die zahlreichen Diskussionen, die ich über dieses Thema führte (offline und online), haben immer wieder die selben saublöden Argumente hervor gebracht. Diese, sowie meine Antworten, möchte ich hier leidlich geordnet sammeln. Das kann eine längere Angelegenheit werden, aber ich bin froh, endlich mal alles schwarz auf weiß vor mir zu haben. Wenn ihr findet, dass ich ein dummes Argument pro Beschneidung vergessen habe, ergänzt es bitte in den Kommentaren. Und wer denkt: „Meine Güte, das hab ich doch schon da, da und da gelesen!“ – über Links freue ich mich auch.

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Beschneidung: Warum eigentlich?

„Beschnitten ist’s einfach hygienischer!“
Ja… wenn man sich nicht wäscht!
Ich kann mir vorstellen, dass es in einer Wüstenregion, in der das bisschen Wasser, das man hat, getrunken wird, tatsächlich irgendwie hygienischer ist, beschnitten zu sein, aber mein Gott, wir sind hier in Deutschland und haben Duschen! Es sollte wohl möglich sein (und wird wohl von den meisten auch so praktiziert), sich einmal täglich drunter zu stellen. Dabei sollte die Intimzone natürlich nicht ausgespart werden! Es gehört zu den Aufgaben der Eltern, ihren Kindern Hygiene bei zu bringen.

 

„Geschlechtskrankheiten können nicht so leicht verbreitet werden und das Infektionsrisiko sinkt!“
Das ist leider eine Ansicht, die sogar von der WHO verbreitet wird und in ihrer Logik ungefähr genauso sinnig ist wie vorbeugende Blinddarm-OPs für alle.
Tatsache ist: Die Gefahr, sich mit HIV und anderen Geschlechtskrankheiten anzustecken bzw. sie zu übertragen, scheint bei beschnittenen Männern wirklich marginal geringer zu sein als bei unbeschnittenen. Doch das einzige, was bis heute zuverlässig gegen Geschlechtskrankheiten schützt, ist ein Kondom. Alles andere ist Rumschwurbelei und eine Verlagerung auf Nebenkriegsschauplätze!

Dazu kommt… aber dies vielleicht im nächsten Punkt:
„Beschnittene Männer können länger!“
Unglaublicherweise ein Argument, das ich mit am häufigsten gehört habe… auch von Betroffenen!
Ich kenne jemanden, der mit 17 beschnitten wurde, er weiß also, wie es vorher „mit“ war, genauso wie jetzt ohne. Als wir uns bei einem Bier darüber unterhielten, konnte der meine Aufregung über dieses Thema überhaupt nicht verstehen.
„Ich muss sagen… das stimmt schon, das mit dem „Länger können“!“ meinte er und grinste vielsagend.
Ich nippte an meinem Bier. „Kannst du länger oder musst du länger?“
Er wiegelte ab. Nein, es ginge ums KÖNNEN, er wäre ja selbst davon durchaus angetan und seine Freundin sei auch dankbar, zwinkerzwinker.
Es dauerte ziemlich lange, bis ich folgendes aus ihm heraus bekam: Er braucht nun grundsätzlich länger, um zum Ende zu kommen… aber mit Kondom geht es gar nicht mehr.
„Ja… wenn wir dann mal mit Kondom und sie… also, dann denke ich schon oft: ‚War’s das jetzt, kann ich aufhören?’…“ Als er das sagte, schien er zum ersten Mal zu realisieren, was zur Hölle das eigentlich bedeutet!

Ja, nach einer Beschneidung können Männer länger, und das ist so, weil die Eichel, der empfindlichste Teil des Penis, freigelegt und damit desensibilisiert wird. Dazu kommen die zahlreichen Nervenenden, die in der Vorhaut zu finden sind und einfach auf ewig zerstört werden. Aber Leute, das ist nichts Gutes! Und um hier noch mal die Brücke zum vorherigen Punkt zu schlagen: So etwas verhindert nicht diebeschneidung Verbreitung von Geschlechtskrankheiten, sondern begünstigt sie! Wer mit Kondom nicht mehr zum Orgasmus kommt (das sind sicher nicht alle, aber nun mal einige!), wird darauf verzichten! Und damit ist der einzige wirkliche Schutz vor Geschlechtskrankheiten, den unsere überragende menschliche Kultur bisher hervorgebracht hat, einfach weg! Nochmal, für alle zum Mitschreiben: Die Beschneidung fördert die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten!

Davon abgesehen ist das Argument auch ohne diese Tatsache leider ziemlich beschissen. Als würde die Länge des Koitus über seine Qualität entscheiden! Natürlich gibt es schon einige Männer, vor allem in jungen Jahren, die einfach ein bisschen zu aufgeregt sind, um den Sex wirklich genießen zu können, weil es so schnell vorbei ist. Das ist dann durchaus auch für die Partnerin nicht so cool. Aber, meine Damen und Herren: Das kann man trainieren! Und das ist kein Geheimwissen, sondern etwas, was ich in so ziemlich jeder BRAVO, die ich seit meinem 12. Lebensjahr gekauft habe, mindestens einmal lesen durfte! Warum zur Hölle liest das niemand?

Ganz grob zusammen gefasst: Onanieren, bis man fast so weit ist, aufhören, warten, das Ganze noch mal und noch mal. Ist sicher auch besonders nett als Paaraktivität, wenn man offen über dieses Problem redet. Hilfsmittelchen wie Penisringe, die Druck auf die Peniswurzel ausüben, können die Angelegenheit auch beseitigen. Man sieht, es gibt einige Möglichkeiten! Das mag für Betroffene ein wenig peinlich sein, aber ist immer noch wesentlich besser als ein irreversibler Eingriff!

Leider geht dieses Argument oft einher mit folgendem:
„Beschnitten sieht einfach besser aus! Frauen finden beschnittene Penisse einfach schöner!“
Ganz ehrlich: Mutter Natur hatte wohl Migräne, als sie unsere Geschlechtsorgane modelliert hat. Ich kenne keine Frau, die jemals in meiner Anwesenheit sowas gesagt hat wie: „Es war so schön gestern! Der Sex war großartig! Und der Klaus hat voll den Sixpack und einen so hübschen Schwanz!“

Schwänze sind nichts hübsches. Vaginas übrigens auch nicht. Finde ich zumindest. Nicht, dass ich von den Schwänzen meiner bisherigen Sexualpartner nicht durchaus begeistert gewesen wäre, aber ganz objektiv ist es doch ziemlich schwer, so etwas wie Ästhetik darin zu entdecken. Daran ändert auch eine Beschneidung nichts!
Dabei gibt es Frauen, vor allem in den USA, wo der Großteil der Männer beschnitten ist (allerdings geht die Zahl der neuen Beschneidungen von Jahr zu Jahr zurück), die tatsächlich vor einem unbeschnittenen Penis zurück schrecken. Ich erinnere mich an einen entsprechenden Satz in Lauren Weisbergers „Ein Ring von Tiffany“ (grauenhaftes Buch übrigens, „Der Teufel trägt Prada“ war tausendmal besser). Daraus kann man aber keine allgemeingültige Regel ableiten, sondern das ist einfach eine Sache der Gewöhnung. Hierzulande muss sich doch jeder Mann ernsthaft fragen: Was soll ich mit einer Frau, die mich nur will, wenn mir ein Stück meines Körpers fehlt?

Und darauf gibt es eine einfache Antwort: Weg damit, auf zur Nächsten.
Wenn Körpermodifikationen bei Frauen als Muss angesehen werden, ist das Geschrei groß. Zurecht. Nur, warum bei Männern nicht genauso?

„Eine Beschneidung bei Männern senkt das Gebärmutterhalsrisiko bei Frauen!“
Was absurd erscheint (ich wusste bis vor wenigen Jahren auch nicht, dass eine bestimmte Art von Krebs durch eine Infektion entstehen kann), ist augenscheinlich zutreffend. Sogar Alice Schwarzer verteidigt daher die Beschneidung bei Männern und hat damit mal wieder etliche Sympathiepunkte bei mir eingebüßt.

Keine Ahnung, warum das so schwer zu verstehen ist, aber kein Geschlecht darf zugunsten des anderen Geschlechts in Sippenhaft genommen werden! Und eine solche Sippenhaft stellt die Beschneidung dar. Nur aus der hypothetischen Überlegung heraus, dass ein Mann Gebärmutterhalskrebserreger übertragen könnte, darf man nicht für die flächendeckende Beschneidungen von Kleinkindern eintreten!
Mal angenommen, man lässt seinen Sohn beschneiden und dann stellt sich in der Pubertät heraus, dass er schwul oder asexuell ist. Er wird also niemals freiwillig Sex mit einer Frau haben. Haha… ups. Mag mancher ironisch finden, aber mir jagt die Vorstellung, meinen (hypothetischen) Sohn für nichts und wieder nichts in Gefahr gebracht zu haben, kalte Schauer über den Rücken. Zumal ich ihm auch, wenn er hetero wird, einfach beibringen kann, ein verdammtes Kondom zu benutzen. Das ist sowieso effektiver, denn diese bösen Gebärmutterhalskrebserreger lauern ja nicht nur auf oder unter der Vorhaut!

Die Beschneidung im Kleinkindalter macht aber direkt doppelt keinen Sinn: Kleinkinder haben keinen Sex! Selbst wenn dieses Risiko so hoch wäre, spricht wirklich nicht das Geringste dagegen, mit der Beschneidung zu warten, bis der Junge ca. 14 Jahre alt ist. Früher sind die wenigsten sexuell aktiv. Aber warum wird nicht mal dieser Kompromiss eingegangen?

Ganz einfach: Sexismus. Gegen Männer. Die Vorstellung, dass der weibliche Körper irgendwie schützenswerter ist als der männliche. Und DAS kann ja wohl nicht sein! GERADE als Feministin finde ich so eine Einstellung einfach zum Kotzen!

 

„Beschneidung verhindert die schädliche Onanie!“
So, und hier wären wir dann beim pathologischen Sadismus angekommen!
Eigentlich wollte ich dieses Argument überhaupt nicht mit rein nehmen, aber nachdem es jetzt doch mehrfach erwähnt worden ist, sollte ich mich doch dazu äußern.

Manchen mag das unglaublich erscheinen, aber eben dieser Grund ist rein historisch gesehen neben religiösen Gründen der häufigste Anstoß gewesen, seine Söhne beschneiden zu lassen!
Vor allem im ausgehenden 19. Jahrhundert und noch ein paar Jahrzehnte danach gab es zahlreiche Vertreter dieser Ansicht. John Harvey Kellogg, ja, DER Mr. Kellogg, der für die Cornflakes verantwortlich ist, war ein prominenter Verfechter dieser „Weisheit“!

Und in einem haben sie schon Recht: Beschnitten wichst (huch!) es sich schwerer. Die Vorhaut, die man(n) zum Onanieren vor und zurück schieben kann, fehlt halt einfach, daher ist ein wie auch immer geartetes Gleitmittel (Spucke, Wasser, Öl oder halt tatsächlich Gleitgel) vonnöten, um sich selbst zu befriedigen.

So. Muss ich erwähnen, was für ein hirnerweichender, sexualfeindlicher und schlichtweg sadistischer Grund das ist, seinen Sohn beschneiden zu lassen?! Und ja – das wird auch heute noch getan! Wahrscheinlich weniger in Deutschland als in den USA, aber auch schon EIN Junge, der auf diese Weise missbraucht wird, ist schlimm genug!

Es sollte doch mittlerweile bekannt sein, dass Masturbation eine gesunde, sehr natürliche Art ist, sich selbst ein bisschen Freude zu bereiten. Man lernt seinen Körper kennen, erforscht seine erogenen Zonen, merkt, was einem gefällt und was nicht und bereitet somit den Nährboden für ein erfülltes Sexualleben auch zu zweit. Ein Orgasmus ist gut für das Herz-Kreislauf-System, fördert die Durchblutung und kann gegen Schmerzen helfen (Menstruationsbeschwerden ade – stimmt wirklich, das habe ich verifiziert!).
Man wird davon weder blind, noch wachsen einem Haare auf den Händen! Das einzige alte Klischee, das wohl tatsächlich stimmt: Sex oder Masturbation vor einem wichtigen Match ist nicht so gut, weil man danach so tiefenentspannt ist (das gilt allerdings nur für Männer, bei Frauen werden andere Stoffe ausgeschüttet, die die Leistungsfähigkeit sogar erhöhen können – habe ich zumindest mal gelesen). Aber meine Güte. Dann lässt man es halt einfach mal – oder lügt den Coach halt an!

Nein, eigentlich ist das kein Platz für lahme Witze. Denn ganz im Ernst: Wer eine Beschneidung tatsächlich als Mittel zur Sexualerziehung missbraucht (und leider schließt das aktuelle Gesetz solche Beweggründe nicht aus), dem sollte meiner Meinung nach das Sorgerecht entzogen werden. Denn solche Menschen sind nicht in der Lage, ein glückliches Kind großzuziehen, das mit sich und seiner Sexualität im Reinen ist.

Scheinargumente

„Die Beschneidung ist ein risikofreier Eingriff.“
Nein, ist sie nicht. Es ist eine Operation und KEINE OP ist risikofrei!
Zahlen zu langfristigen Folgen oder gar Todesfällen sind jedoch sehr schwer zu bekommen und schwanken teilweise stark (zwischen 0,06 und 55 Prozent!!). Und krasse Fälle, die es bis in die Öffentlichkeit schaffen, wie der Fall David Reimer, sind selten. Allerdings bestreiten auch nur die dümmsten Idioten, dass es Komplikationen überhaupt gibt.

Leider hält das auch viele andere nicht davon ab, auf die Tatsache, dass es Komplikationen bis hin zum Tod (!) geben kann, folgendes zu antworten:
„Ja, aber das passiert ja nicht bei allen.“
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! So was debiles!! Tatsächlich aber: Das meistgehörte Argument!!!
Der Unterschied zwischen einer Beschneidung und, sagen wir, einer Blinddarm-OP ist, dass die Blinddarm-OP in jedem Fall nötig ist. DA kann man sich zur Beruhigung sagen: Komplikationen während der OP, das passiert ja nicht bei allen. Ja, nicht mal bei den meisten! Dennoch ist es wahnsinnig tragisch, wenn einer während einer Blinddarm-OP stirbt, aber das sind Dinge, die man irgendwie verarbeiten muss, weil er ohne die OP ja auch gestorben wäre.

Das trifft auf die Beschneidung NICHT zu! Von den wenigen Fällen abgesehen, in der eine Phimose vorliegt, die nicht konservativ behandelt werden kann, ist eine Beschneidung UNNÖTIG! Und selbst, wenn nur ein Prozent aller Jungs, die beschnitten werden, später an Komplikationen leiden, ist das genau ein Prozent, das vermeidbar gewesen wäre. Vor allem, wenn man bedenkt, dass nach Schätzungen etwa ein Drittel aller Männer beschnitten sind! Da kann man sich ja ausrechnen, wie viele mit Komplikationen zu kämpfen haben!

Ich kenne einen Typen, dessen Eichel so desensibilisiert ist, dass er während seines gesamten Sexuallebens nur ein paar Mal einen Orgasmus hatte, wenn er mit einer Frau zusammen war. Wahnsinnig schöne Vorstellung, oder?! Aber wen interessierts? Das ist ja nicht bei ALLEN so!

 

„Ich wurde auch als Kind beschnitten und habe überhaupt keine Probleme damit!“beschneidung5
Herzlichen Glückwunsch! Aber es geht nicht um Sie, mein Herr! Und woher wollen Sie wissen, dass Ihr Sexleben mit einer Vorhaut nicht noch besser wäre? Vergleichsmöglichkeiten haben Sie ja leider nicht!

Ernsthaft: Ich habe wirklich unheimlich viele Männer, die selbst beschnitten sind, gehört und gelesen, und bei vielen war die Empörung über dieser Debatte groß. Das ist eigentlich verständlich: Es ist nicht sonderlich gut für den Selbstwert, wenn man erkennt, dass einem etwas möglicherweise wichtiges genommen worden ist, was man nie wieder zurück bekommen kann. Selbst wenn man im Hier und Jetzt keine Probleme hat, so hatte man doch keine Wahlmöglichkeit als Kind. Dies zuzugeben bedeutet, seine eigene Machtlosigkeit eingestehen zu müssen. Und das ist scheiße und erschütternd.

Dennoch: Verstehen kann ich eine solche Reaktion, akzeptieren aber nicht. Denn man legitimiert seine eigene Verletzung nicht dadurch, dass man sie bei anderen relativiert.

 

Aus der Reihe „saudämliche Vergleiche“:

„Wer die Beschneidung verbieten will, muss auch Ohrstecker bei kleinen Mädchen verbieten!“
Ich bekam meine ersten Ohrlöcher, als ich vier Jahre alt war. Tatsächlich ist dieses Ereignis eines meiner frühesten Erinnerungen. Ich weiß noch, wie wir den Juwelier betraten, und dann erinnere ich mich einfach nur an einen grauenhaften Schmerz. Ich weinte, und meine Mutter zeigte mir eine Kuckkucksuhr in der Ecke, um mich abzulenken.

Dass es wirklich saumäßig wehtut, wenn man Ohrlöcher geschossen bekommt (Piercen war damals noch nicht so), konnte ich 12 Jahre später verifizieren, als ich mir ein zweites Paar Ohrlöcher machen ließ. Lustigerweise tat die Juwelierin das nur widerwillig und nur unter Vorlage meines Ausweises. Ja, offensichtlich ist es okay, schon als Kleinkind von seinen Eltern für ein paar süße Marienkäferohrringe malträtiert zu werden, aber wenn man sich als Sechszehnjährige selbst seinen Körperschmuck aussuchen will, ist das plötzlich bäh!

Ich hasse dieses Argument. Es ist ja wohl ein erheblicher qualitativer Unterschied, ob man nun ein paar eigentlich nutzlose Hautlappen durchbohren lässt (wobei, mein leiblicher Vater wurde nicht müde zu betonen, dass dadurch Akupunkturpunkte zerstört werden…!) oder ein Stück Haut voller wichtiger Nervenenden am Geschlechtsorgan.
Ist das zu schwer zu differenzieren? Naja, egal. Tun wir es doch einfach. Also, Ohrlöcher für Kleinkinder verbieten, weil es weh tut und unnötig ist. Sagen wir, bis Vierzehn oder Sechszehn. Hab ich kein Problem damit!

 

„Wer ein jüdisches Initiationsritual verbieten will, muss auch die christliche Taufe verbieten!“
Auch hier: Wie dämlich kann man sein?
Es geht nicht drum, Eltern zu verbieten, ihre Kinder in ihre religiöse Gemeinschaft einzuführen und entsprechend zu erziehen. Das halte ich auch für relativ unmöglich. Es geht nur drum, Kindern ein irreversibles, schmerzhaftes und potentiell gefährliches Ritual zu ersparen. Ein solches ist die Taufe nicht. Man wäscht Babys ja auch, also ist ein bisschen Weihwasser auf der Stirn nichts, was einen großen emotionalen Schaden anrichtet.

Und sollte sich das Kind später entscheiden, nicht mehr gläubig sein zu wollen, dann ist dieses Weihwasser im Rückblick auch nur Wasser. Der religiöse Aspekt dieser magischen Flüssigkeit verpufft, wenn man nicht daran glaubt.
Aber eine Vorhaut kann nicht wieder angenäht werden.

 

„Wer die Beschneidung verbieten will, weil ihm das Kindeswohl am Herzen liegt, muss auch gegen Abtreibung sein!“
Äh-hä… nein.
Auch hier ist der Unterschied zwischen beiden Maßnahmen eigentlich ganz klar: Bei einer Schwangerschaft sind nun mal zwei Personen involviert, die Mutter und das ungeborene Kind. Es ist unmöglich, diese beiden Menschen in diesem Prozess voneinander zu trennen. Wenn es gut läuft, ist Kindeswohl = Mutterwohl und umgekehrt.

Aber oft läuft es eben nicht gut. Die werdende Mutter will das Kind nicht, oder, besonders tragisch, will es schon, geht aber erhebliche persönliche, sprich medizinische Risiken ein, wenn sie die Schwangerschaft weiter führt. Gründe für ersteres gibt es viele, die sind aber nicht das Thema.
Was ich damit sagen möchte: Die Mutter muss sich teils erheblich einschränken, damit das Kind in ihr leben und wachsen kann. Bis wir wie auf dem Planeten Krypton eine künstliche Geburtsmatrix erfinden, wird das auch so bleiben. Im Regelfall nimmt die Mutter diese Einschränkungen gerne in Kauf. Wenn sie das Kind aber nicht will, eben nicht. Hier kollidieren also die Bedürfnisse zweier Personen miteinander und, so unschön das ist: Das Recht des erwachsenen, alleine lebensfähigen Menschen geht in diesem Fall vor.

Der Unterschied zur Beschneidung ist klar: Hier geht es um einen einzelnen Menschen, dessen Recht auf körperliche Unversehrtheit mit Füßen getreten wird, wenn er ohne seine Zustimmung beschnitten wird. Es existiert keine andere Person, die in unerträglicher Weise darunter leidet, wenn diese Beschneidung nicht passiert. Es gibt schlicht und ergreifend keinen Verlierer, wenn die Beschneidung ausgesetzt wird.
Und darum ist das Abtreibungsargument einfach nur zynisch und beschissen.

 

„Wer die Beschneidung verbieten will, hat den Blick für RICHTIGE Missstände verloren: die weibliche Genitalverstümmelung!“
Ach, Mann.
Ich muss sagen, dass mich der Feminismus bei diesem Thema extrem enttäuscht hat. Nicht nur, dass dieses Thema von den meisten überhaupt nicht aufgegriffen wurde (bei der Mädchenmannschaft beispielsweise findet man bei der Suche nach „Beschneidung“ keinen einzigen Beitrag nach dem 7. Mai 2012), darüber hinaus haben manche wie z.B. Antje Schrupp die Beschneidung gar verteidigt. Und dann gab es wieder andere, die aus irgendeinem Grund die Beschäftigung mit den Nachteilen der männlichen Beschneidung als unvereinbar mit der generellen Ablehnung der weiblichen Genitalverstümmelung sehen.

Muss ich ausführen, warum das Bullshit ist?

Das Bild von der weiblichen Genitalverstümmelung ist folgendes: Da wird einem kleinen Mädchen mit einer Rasierklinge oder einer Glasscherbe Schamlippen und Klitoris abgeschnitten, besser gesagt: weggekratzt und das zerfleischte Ergebnis dann zusammen genäht. Ich finde keine Worte für diese Barbarei. Davon aber abgesehen gibt es auch harmlosere Methoden der weiblichen Genitalverstümmelung. Wohlgemerkt: „Harmloser“, aber auch gar keinen Fall harmlos oder in irgendeiner Weise gerechtfertigt!!!

Einige Formen sind mit der männlichen Beschneidung, was die Effekte betrifft, durchaus vergleichbar. Dennoch bleibt die weibliche Genitalverstümmelung ein ekelhaftes Verbrechen. Mit welchen berechtigten Grund lässt sich nun aber selbst die am wenigsten destruktive Form der weiblichen Genitalverstümmelung ablehnen, die männliche Beschneidung aber nicht? Die Religion etwa? Zieht wohl nicht, das zeugt nur von einem gewissen Eurozentrismus, Kulturrassismus und einer Überhöhung der abrahamitischen Religionen gegenüber Naturreligionen, die sowas praktizieren (jedoch wird es auch in manchen islamischen Gebieten durchgeführt, obwohl es nicht im Koran steht – die männliche Beschneidung allerdings auch nicht).

Ich gebe zu, dass ich rein gefühlsmäßig die weibliche Genitalverstümmelung wesentlich schlimmer finde als die männliche Beschneidung, was wohl daran liegt, dass ich es mir vorstellen kann, wie jemand meine Klitoris wegkratzt, aber nicht, wie es sich anfühlt, seine Vorhaut zu verlieren, weil ich nämlich keine habe. Und trotzdem gibt es für eine Feministin in meinen Augen absolut keine Möglichkeit, gegen weibliche Genitalverstümmelung zu sein, aber nicht gegen männliche Beschneidung. Die Modifikation von kindlichen Sexualorganen ist vom Standpunkt MEINES Feminismus in jedem Fall abzulehnen, ob es sich nun um ein Mädchen oder einen Jungen handelt. Punkt! Und nur, weil ich eine bestimmte Praktik schrecklich finde und das anprangere, wird eine andere Praktik nicht weniger schrecklich dadurch.

Und wem das nicht reicht, der sollte sich mal wirklich gut überlegen, ob er sich bei seiner Zustimmung der männlichen Beschneidung nicht auf gefährliches Glatteis begibt, was die Akzeptanz der weiblichen Genitalverstümmelung angeht.

 

Beschneidung und Religion

„Die Beschneidung gibt es schon seit Tausenden von Jahren und PLÖTZLICH soll das ein Problem sein?!“

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Grabrelief, Zeichnung. Ägypten, 2300 v. Chr.
Quelle: Wikipedia

Es gibt was, das nennt sich Fortschritt.
Zu unklar? Dann ersetzen wir die Beschneidung in dem Satz doch einfach mal:

„Die Todesstrafe gibt es schon seit Tausenden von Jahren und PLÖTZLICH soll das ein Problem sein?!“
„Die Sklaverei gibt es schon seit Tausenden von Jahren und PLÖTZLICH soll das ein Problem sein?!“
„Die Zwangsheirat von minderjährigen Mädchen gibt es schon seit Tausenden von Jahren und PLÖTZLICH soll das ein Problem sein?!“

…kann beliebig fortgesetzt werden. Wer so einen Satz tatsächlich für ein sinniges Argument hält, sollte direkt mal die Finger von der Tastatur nehmen. Einfach mal die Fresse zu halten, wenn man keine Ahnung hat, ist nämlich auch ein seit Tausenden von Jahren erprobtes Mittel, um die eigene Blödheit weniger offensichtlich erscheinen zu lassen.

 

„Eltern haben die Erziehungsgewalt, daher ist das Verbot der Beschneidung ein unzulässiger Eingriff in die Rechte der Eltern!“
Es wird mir ewig ein Rätsel bleiben, wie man bei diesem Thema ernsthaft mit dem Recht der Eltern, ihre Kinder so zu verkorksen, wie sie Bock drauf haben, argumentieren kann. Inwiefern ist eine Beschneidung eine erzieherische Maßnahme? Ist damit wirklich nur der religiöse Aspekt gemeint? Oder geht es allen Ernstes um Sexualerziehung, der in meinen Augen schlimmstmögliche Grund, eine Beschneidung durchzuführen, ein Grund, der so unterirdisch ist, dass ich ihn nicht mal als gesondertes Argument aufführen werde?

Zur Info, falls es jemand noch nicht mitgekriegt hat: Man darf Kinder in Deutschland nicht mal schlagen. Warum sollte man sie dann verstümmeln dürfen? Wie kann das eine ein Eingriff in die Erziehungsgewalt sein, das andere jedoch nicht?

 

„Die Beschneidung tut dem Säugling nicht weh!“
oft einhergehend mit
„Der Säugling kann sich eh an nichts erinnern!“
Ich werde nie verstehen, wie man diese beiden Argumente gleichzeitig vertreten kann. Warum wäre es denn wichtig, dass er sich an nichts erinnert, wenn es ihm doch sowieso nicht weh tut?

Aber betrachten wir die Sache mal getrennt. Dass eine Beschneidung bei einem Baby nicht weh tut, ist schlicht und ergreifend eine Lüge. Das muss ich, glaube ich, nicht weiter ausführen! Wer das nicht glaubt, kann ja mal sein achttägiges Kind kneifen und kucken, wie begeistert es davon ist!

Zum „Erinnerungs-Argument“: Ja, Babys in diesem Alter und auch noch ne Weile später können sich tatsächlich an eine solche Prozedur nicht erinnern. Nur, macht es das besser? In dem Moment, wo es passiert, hat das Kind nun mal Schmerzen!

Dazu direkt auch folgendes Argument:
„Besser beschneidet man die Jungs so früh wie möglich, weil es später mehr weh tut!“
Das ist schon mal logischer Bullshit. Wir haben doch gerade erfahren, dass sich ein so kleines Kind an nichts erinnern kann. Woher will also irgendjemand wissen, dass es einem Baby weniger weh tut als einem Erwachsenen? Wenn man eine physiologische Besonderheit von kleinen Jungs beachtet, macht das noch weniger Sinn: Bei 96 % aller neugeborenen Jungs ist die Vorhaut mit der Eichel verklebt (was eine normale Schutzfunktion ist und sich bei den meisten von allein im Laufe der Jahre löst), sie muss also von der Eichel abgerissen werden.

Inwiefern soll DAS weniger weh tun als bei einem Jugendlichen oder Erwachsenen, bei dem dieser Ablösungsprozess schon beendet ist?

Einer der wenigen Artikel, die sich während der Debatte vermeintlich kritisch mit der Beschneidung auseinander setzte, war dieser im Spiegel. Da beschreibt ein Journalist mit türkischen Eltern, denen die Beschneidung nicht so wichtig war, wie er mit acht Jahren beschnitten wurde, nur weil seine Eltern einer sehr traditionellen Verwandten, die zu Besuch war, einen Gefallen tun wollten. Er führt aus, wie schrecklich und schmerzhaft das für ihn war.
Der Artikel fängt höchst vielversprechend an, macht dann aber am Ende einen Twist, bei dem ich meinen Kopf mit Volldampf gegen die nächste Wand donnern möchte. Er kommt nämlich zum Schluss, dass Beschneidung okay ist, „aber bitte nur bei Säuglingen. Nicht bei Achtjährigen.“

So etwas verdrehtes habe ich selten gelesen. Erinnert mich an den Richter, der das „zu harte“ Urteil gegen einen Mann, der ein wenige Wochen altes Baby (!) missbraucht hat, wieder aufhob, weil: Das Kind kann sich ja eh nicht dran erinnern.
Und hier noch mal: Macht es das besser? Kann man mit einem Baby umgehen, wie man will, weil es sich eh an nichts erinnert? Existiert so etwas wie ein Unterbewusstsein nicht?

Ja, ein Kind hat keine Erinnerung an seine ersten Lebensjahre. Überhaupt versteht es sehr wenig von dem, was um es herum passiert.
Und aus diesem Grund ist die Beschneidung im Säuglingsalter nicht besser, sondern sogar schlimmer. Ein älteres Kind oder gar ein Erwachsener versteht, was mit ihm passiert, weiß in den meisten Fällen sogar, warum dieser Schmerz jetzt ertragen werden muss (bezogen auf wirklich nötige Schmerzen – das Entfernen eines Splitters, eine Impfung oder auch eine größere OP beispielsweise.). Ein Baby versteht es nicht.

Und das ist einfach nur grausam. Selbst wenn der erwachsene Mann sich nicht daran erinnern kann.

 

„Wenn man das hier in Deutschland verbietet, gehen sie halt woanders hin, wo dann die medizinische Versorgung nicht so gut ist!“ 
Jaja, das Hinterhofargument!

Nicht nur ist dieses Argument irgendwie, naja, rassistisch, weil es impliziert, dass es nur in Deutschland fähige Ärzte gibt, es ist auch einfach sinnlos, wenn man auch nur eine Sekunde darüber nachdenkt. Es gibt viele Sachen, die in Deutschland verboten sind, in anderen Ländern jedoch nicht. Sollen wir einfach alles erlauben, weil: Dann gehen sie halt woanders hin? Das kann ja wohl kaum Ernst gemeint sein!
Mord ist auch verboten, trotzdem begehen jedes Jahr viele Deutsche einen Mord. Sollen wir auch das erlauben, weil sich die Mörder offensichtlich von einem Verbot nicht abhalten lassen?

 

„Die Jungs freuen sich darauf, also…!“
Waris Dirie hat sich auch auf ihre Beschneidung gefreut, also…!
Hammerhartes Argument, las ich von einer Muslima. Bei Moslems wird die Beschneidung nämlich üblicherweise später durchgeführt als im Judentum, so mit vier oder fünf Jahren, was von einer riesigen Feier begleitet wird. Klar, dass sich die Kinder darauf freuen. Als könnte man nicht Kindern alles einreden, wenn man es nur anständig rüber bringt. „Tut nicht weh? Alle kommen um mich zu feiern? Und GESCHENKE!? Yaaaay!!“

 

„Die Beschneidung zu verbieten ist ein unzulässiger Eingriff in die verfassungsmäßig geschützte Religionsfreiheit! Das Recht auf körperliche Unversehrtheit hat da hinten an zu stehen!“
Religionsfreiheit und das Recht auf körperliche Unversehrtheit – zwei Grundrechte, die absolute Priorität haben. Ein Problem tritt erst auf, wenn sie kollidieren, was hier augenscheinlich der Fall ist.

Nur stimmt das nicht. Religionsfreiheit heißt, dass ICH die Religion wählen kann, die ICH will, und dass mich niemand daran hindern darf. Sie bedeutet NICHT, dass ich anderen Menschen unter meiner Fittiche, sprich, meinen potentiellen Kindern, eine Religion aufzwingen darf! Dies wird, zugegebenermaßen, ständig getan, aber, wie schon erwähnt, lässt sich das wohl auch unmöglich vermeiden. Auch ist der Besuch eines Gottesdienstes, sei er nun in einer Kirche, Synagoge oder Moschee, kein Kindesmissbrauch. Gilt natürlich in noch höheren Maße für religiöse Feste, die Kindern wohl meistens Spaß machen.
Dies ist so lange erlaubt, wie kein anderes deutsches Recht verletzt wird. Wer seine Kinder z.B. aus religiösen Gründen zuhause unterrichten will, verstößt gegen die Schulpflicht. Und da muss man sich fragen: Ist das Recht auf körperliche Unversehrtheit nicht irgendwie ein bisschen wichtiger als die Einhaltung der Schulpflicht?

 

„Gegen Beschneidung zu sein ist antisemitisch!“
So, damit wären wir bei den Juden angekommen.
Vorbelastet sind wir da natürlich alle, deshalb war eine Debatte in dieser Heftigkeit wohl wirklich nur in Deutschland möglich. Und sie hat wohl nicht eben dazu beigetragen, die Fronten zu erweichen.
Ich habe während der Debatte auch mit einigen Juden diskutiert und wurde meistens augenblicklich in die Nazi-Schublade gesteckt. Und das mir, die ich seit 13 Jahren mit einem durchgestrichenen Hakenkreuz auf meinem Bundeswehrjacket rumrenne.
Unnötig zu erwähnen, dass mich das ein wenig angepisst hat. Es ist ja nicht so, als könnte ich die Motivation gläubiger Juden nicht verstehen. Die Beschneidung ist ein Symbol für den Bund mit Gott. Ohne Beschneidung ist ein Junge kein Jude, so die gängige Meinung. Und wer nun mal wirklich, wirklich gläubig ist, für den sind alle bisher genannten Gegenargumente obsolet. Selbst die Tatsache, dass schon oft genug Jungen an der Beschneidung gestorben sind. Was ist schon der Tod des irdischen Körpers gegen den Bund mit Gott?
Ich bin in einer katholischen Familie groß geworden. Ich verstehe religiöse Denkweisen. Nur muss ich sie weder gut finden, noch unterstützen… auch nicht, wenn es um das Judentum geht.

Das Gegenteil von Antisemitismus ist nicht, JEDE Äußerung von JEDEN Juden super zu finden. Und er äußert sich auch nicht darin, aus guten Gründen ein veraltetes, gefährliches Ritual abzulehnen, selbst wenn dieses Ritual im Judentum üblich ist.

Doch sorry, aber solange Personen wie dieser eine jüdische Typ, mit dem ich über das Thema stritt bis aufs Blut, nicht mal in Erwägung zu ziehen bereit ist, dass es noch andere Gründe gegen Beschneidung geben kann als Judenhass, muss mich der Vorwurf „Antisemitismus“ nicht tangieren. „Auch lesbische schwarze Behinderte können scheiße sein“, sangen die Toten Hosen mal. Ich möchte ergänzen: Und ein Jude auch.

Wenn es Antisemitismus ist, bei Juden die gleichen Kriterien anzulegen wie bei allen anderen Menschen… tja, dann bin ich wohl antisemitisch. Der gleiche Typ leugnete ja sogar, dass jemals ein Jude in der Geschichte der Menschheit ein Problem mit Beschneidung gehabt haben könnte. Das ist einfach falsch, auch innerhalb des Judentums wächst der Widerstand gegen die Beschneidung. Sind diese Juden auch Antisemiten? Oder einfach nur das Äquivalent zu modernen Christen, die sich beispielsweise dafür einsetzen, das Homosexualität von der Kirche nicht mehr pathologisiert wird?

beschneidung6Religiösen Fanatismus lehne ich in jeder Religion ab. Und fanatisch wird es in meinen Augen, wenn die Menschenrechte nicht gewahrt werden. „Weil Gott es so will“ ist für einen Gläubigen ein Argument, für mich allerdings nicht, da ich mich frage, wie durch ein Gott sein muss, der so etwas verlangt. Und trotz Religionsfreiheit, trotz aller Toleranz: Für den deutschen Staat sollte es auch kein Argument sein.

Das ist kein Antisemitismus, sondern Humanismus.

 

Last, but not least mein absolutes Lieblingsargument:

„Also ohne  Scheiß, ich finde das Thema voll unwichtig.“
Vielen Dank für dein Statement. Und jetzt leg dich wieder hin, bevor du dir weh tust, und halt die Fresse!

 

Mit diesem monströs langen Artikel verabschiede ich mich und mache eine kleine Blogpause, weil ich für eine Prüfung lernen muss. Übernächstes Wochenende bin ich wieder am Start. Bis dahin freue ich mich trotzdem über jeden Kommentar!

Edit: Ich habe die Punkte „Gebärmutterhalskrebs“ und „Onanie“ nachträglich ergänzt.

Wenn dir das Thema genauso wichtig ist wie mir und du mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Ich trinke zwar keinen Kaffee, aber das muss ja niemand wissen.

Mehr Raum für Antifeministen! Antifeministen brauchen unsere Hilfe!

Ich wurde aufgefordert, eine Linksammlung maskulistischer, maskulinistischer und antifeministischer Internetauftritte zu verlinken und komme diesem Wunsch GERNE nach:

Matzes supitolle Auflistung der hehren Kämpfer gegen die Zersetzung der westlichen Kultur durch die Femnazis und den femizentrisch-faschistischen Staatsapparat

Jetzt denken wahrscheinlich einige „WHUUUT?! Die Tussi ist Feministin, warum verlinkt die ihre Nemesis!?“

Ganz einfach: Ich bin es leid. Ich bin es leid, dass jede blöde Äußerung von Alice Schwarzer am nächsten Tag in allen Gazetten verrissen wird, ich bin es leid, dass in der Uni jeder bei der Erwähnung des Wortes „Feministin“ kichert, ich bin es leid, dass sich aus diesem Grund kaum eine traut, sich Feministin zu nennen, auch wenn es tausend Überschneidungen mit der eigenen Überzeugung gibt, ich bin es leid, mich für jede verbale Bösartigkeit, die sich irgendeine Feministin jemals geleistet hat, rechtfertigen zu müssen, auch wenn sowas nie über MEINE Lippen gekommen wäre, ich bin es leid, als männerhassende Täterin da zu stehen, während die ganzen ach so lammfrommen Antifeministen sich als Verteidiger des Abendlandes profilieren und gleichzeitig rumjammern können, ja so dermaßen von ach so diabolischen Frauen ausgebeutet zu werden.

Der Feminismus ist älter als der Antifeminismus, was logisch ist, denn es kann sich niemand „Anti“ positionieren, wenn es dieses Etwas nicht vorher gegeben hat. Der Maskulismus ist ebenfalls jünger einfach deswegen, weil es bisher in der Weltgeschichte kaum einen Anlass gab, eine männerrechtliche Bewegung zu gründen. Aus dem gleichen Grund gehören jenen beiden Gruppen auch viel weniger Aktivisten an. Womit ich nicht sagen will, dass es nicht durchaus viele Menschen in Deutschland gibt, die der selben Denke anhängen, es aber nicht heraushängen lassen.
Damit sind Feministinnen auch präsenter in der Gesellschaft, was an sich ja schön ist, aber leider dazu führt – und hier kommen wir wieder zu meiner Motivation, eine solche Liste zu verlinken – dass auch viele so richtig dumme feministische Statements eine weitaus größere Verbreitung finden als dies bei so manch unterirdischer maskulistischer Sichtweise der Fall ist.

Dennoch bin und bleibe ich Feministin, denn der Feminismus ist vielschichtig und nur, weil ein paar kranke Tussis davon fantasieren, alle Männer zu kastrieren und sogar schon kleine Jungs hassen, weil männlich, muss mich das in meiner Überzeugung nicht tangieren – denn es ist ja nicht meine, im Gegenteil!

Feministin bin ich, weil ich einige eindeutige Missstände gegen Frauen auch heute noch verorte. Mein größtes Anliegen, mein Hauptaugenmerk und Schwerpunkt sozusagen, sehe bzw. lege ich dabei auf sexueller Gewalt und allem, was damit zusammen hängt. Das nur so nebenbei.

Das heißt jedoch nicht, dass mir sämtliche männerrechtlichen Anliegen am Arsch vorbei gehen, im Gegenteil. Männer waren und sind in vielen Bereichen benachteiligt, wofür ich maßgeblich das verkrustete Rollenverständnis verantwortlich mache, welches mein Feminismus kritisiert und bekämpft. Zwangsläufig entstehen dadurch Überschneidungen zwischen meinem Feminismus und meinem Maskulismus, denn dieser ist auf gar keinen Fall per se schlecht!!

Ich denke, ich habe schon oft genug meinen Willen demonstriert, gegen idiotische Auswüchse des Feminismus anzugehen, genauso, wie ich verständliche Anliegen des Maskulismus jederzeit unterstütze, ohne mich dabei im Geringsten in meinem Feminismus gestört zu fühlen. Denn ich mag Männer und möchte beide Geschlechter in einem respektvollen, liebevollen Umgang miteinander sehen.

Was ich NICHT mag, sind Antifeministen – frauenhassende Arschlöcher, ignorante Scheuklappenträger, die jegliche Benachteiligung gegen Frauen in sämtlichen Epochen der Weltgeschichte leugnen und daher dem Feminismus, egal in welcher Ausprägung, jeden auch noch so zarten Hauch Legitimität absprechen. Männer, die im selben Atemzug den Wunsch einer Frau, Karriere zu machen, verdammen können und gleichzeitig süffisant feststellen, dass Frauen spätestens ab 35 ja eh sämtliche Attraktivität und damit Daseinsberechtigung flöten gegangen ist. Leute wie der gute Matze oben, die meinen, Frauen wären intrigante Ausbeuterinnen, die kein anderes Ziel haben, als sich irgendeinen Kerl mit Kohle zu krallen und sich von ihm ein Nest bauen zu lassen, wo sie ihren fetter werdenden Arsch parken und den Rest ihres Lebens darauf verwenden, ihm aus reinem Kalkül und nur, weil es ihnen einen perversen Spaß bereitet, Männer leiden zu sehen, Zärtlichkeit und Sex vorzuenthalten, während sie andererseits ständig auf der Pirsch nach einem Seitensprung sind, denn Frauen sind ja grundsätzlich untreu und können ein Kind wohl nur lieben, wenn es von einem Mann groß gezogen wird, der unwissentlich nicht der biologische Vater ist.

Klingt bescheuert, findet ihr? Ja, das IST es auch! Es ist misogyner, hasserfüllter und nicht zuletzt menschenfeindlicher Bullshit, dessen ständige Wiederholung zur Spaltung der Gesellschaft und damit zum Unglück BEIDER Geschlechter beiträgt!
Trotzdem es einige Antifeministen gibt, die so oder ähnlich denken, ist immer nur von bescheuerten Feministinnen die Rede, die schon eine geschlechtsspezifische Anrede als Gewalt empfinden und die Farbe Rosa am liebsten aus Gottes Tuschkasten verbannen wollen – weil eine Meinung wie obige eben höchstens im Netz, aber niemals in einer ernsthaften Zeitschrift oder TV-Format kursiert.

„Ach, Internet“, mögen manche jetzt vielleicht denken, „unnötig, sich darüber aufzuregen.“
Tja, aber nur, weil diese Leute im echten Leben vermutlich SO klein mit Hut sind, ändert das leider nichts daran, dass solche Meinungen existieren! Und so lange kaum einer weiß, dass sie es tun, kann ich vollkommen nachvollziehen, warum viele die Augen verdrehen, wenn sie eine Feministin reden hören. Wo augenscheinlich kein Problem, da kein Grund zur Aufregung!

Doch sorry: Es GIBT ein Problem! Und einige davon sind in dieser Linksammlung (sowie in allem, was davor und was danach gelabert wird) gesammelt.

Ich habe nicht jeden Link überprüft. Auch möchte ich, um das nochmals zu betonen, dem Maskulismus nicht die Existenzberechtigung absprechen, da es männerrechtlich gesehen einige eindeutige Baustellen gibt (zu einer liefere ich nächste Woche schon einen lange in Arbeit befindlichen Beitrag – man darf gespannt sein). Ich gehe davon aus, dass viele dieser Links völlig in Ordnung sind und nachvollziehbare Forderungen stellen.

Aber der Antifeminismus ist eben nicht der Maskulismus, sondern höchstens eine ekelhafte Facette davon. Und Links mit solchen Inhalten verbreite ich nur zu gerne. Denn die Abartigkeiten, die Antifeministen von sich geben, sollen gehört und gelesen werden, damit die Menschen sehen, wie nötig der Feminismus auch heute noch ist. Entscheidet bitte selbst, welche Seite zu der einen und welche zu der anderen Gruppe gehört. Spezifizierungen zu einzelnen Links nehme ich gerne in den Kommentaren entgegen.

Daher danke ich dem armen Matze für seine Hilfe. Er glaubt, eine Verbreitung dieser Links würde praktisch die Welt retten und den abgrundtief bösen Feminismus ausrotten. Ich sage: Sowas kann dem Feminismus nur gut tun.

Vermutlich wird er das nicht einsehen und sich diebisch über die Verlinkung freuen. Es sei ihm gegönnt. Dann ist er glücklich, ich bin glücklich und der Christian, auf dessen Blog diese Liste zu finden ist und der dort einige der bemerkenswertesten Kandidaten für den Titel „Antifeminist des Jahres“ um sich schart, ist vermutlich auch glücklich wegen der Klicks.

Jeder freut sich – ist das nicht schön. So nett können Feministinnen sein.

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Der #aufschrei der Generationen

Antje Schrupp hat in einem ihrer letzten Artikel anschaulich erklärt, weshalb Frauen wie Wibke Bruns, die sich Spitzenpositionen erkämpften, als das noch tausendmal unschicklicher war als heute, der gesamten #aufschrei-Aktion ihre Legitimität absprechen.
Ich fand das sehr interessant, da man solche Alteritäten leicht vergisst und schnell den Blick dafür verliert, wie anders vieles vor – weltgeschichtlich gesehen – wenigen Jahren noch gewesen ist, vor allem, wenn man damals noch nicht mal auf der Welt war.

Meine Mutter kam mich am Freitag besuchen. Eigentlich hatte ich vor gehabt, sie direkt auf die Sexismus-Debatte anzusprechen und zu fragen, was sie schon so erlebt hätte, aber nach Antjes Beitrag entschloss ich mich für ein anderes Vorgehen.
Die folgenden Gesprächsausschnitte sind das Resultat davon. Es sind Gedächtnisprotokolle, die ich für euch lediglich dialektbereinigt habe.


Ob man daraus irgendetwas Gehaltvolles destillieren kann, überlasse ich euch.


Mama: „Kuck mal, die hab ich mir bei H&M gekauft. Nur sieben Euro!“

Ich betrachte die mittelscheußliche Strickjacke in lila. „Schön.“

Aber hm, eigentlich gutes Stichwort… Ich greife neben mich und krame nach meiner „Emma“. „Das hab ich mir gekauft.“

Mama nimmt die Zeitschrift. „Aha…“ Sie studiert das Cover. „Die Hannelore Hoger ist ja schon eine interessante Frau.“

Ich: „Ich kenn die ehrlich gesagt gar nicht.“

Mama: „Die spielt „Bella Block“.“

Ich: „Ach, ich dachte das wäre die Iris Berben.“

Mama: „Nee, Hannelore Hoger.“

Ich: „Ach so.“

Mama blättert zu dem Artikel und beginnt, ihn zu überfliegen. Ich sitze daneben und sage nix.

Irgendwann, langsam: „Da läuft ja gerade eine riesige Diskussion wegen Sexismus ab… diese Diskussion ist jetzt wohl auch auf Facebook ganz groß und das geht mir so auf den Senkel.“ Ihre Stimme wird schärfer. „Das wird so dargestellt, als hätten die Frauen meiner Generation sich jahrelang alles gefallen lassen und jetzt plötzlich würden die jungen Frauen aufstehen und was tun. Als hätte meine Generation alles mit sich machen lassen.“

Ich: „Naja, es läuft halt vieles nicht so, wie es sollte. Es gibt offensichtlich viele junge Frauen, die sowas tagtäglich erleben.“

Mama: „Dagegen kann man sich ja wehren. Das kannst du ja auch.“

Ich: „Na, auch nicht immer.“

Mama, mich anstarrend: „Wie?! Wogegen konntest du dich denn nicht wehren?“

Ich überlege eine Sekunde und atme innerlich tief durch. Schließlich: „Weißt du nicht mehr, damals, als die Jungs mich gezwungen hatten, mich vor ihnen auszuziehen?“

Mama, mit großen Augen: „Wer war das?“

Ich: „Sören.“

Mama: „Welcher Sören?“

Ich: „Na, der Sören Müller. Und Martin von nebenan. Es war noch ein dritter dabei, ich glaube dieser eine, der immer mit Martin rumgehangen hat, aber ich weiß den Namen nicht mehr.“

Mama ist etwas aus der Fassung. „Warum hast du dich uns nicht anvertraut?“

Ich: „Das hab ich doch.“

Mama, leise: „Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Wie alt warst du da?“

Ich: „Weiß nicht mehr genau. Sechs Jahre, höchstens. Eher aber vier oder fünf.“

Mama: „Daran kann ich mich wirklich nicht mehr erinnern.“

Ich: „Ich aber. Sie haben mir damals gesagt, dass sie mich nie wieder heim lassen, wenn ich mich nicht ausziehe. Und ihr habt damals gesagt, dass es dumm von mir war, das zu glauben. Ich hätte mich einfach weigern sollen. Das weiß ich heute auch, aber naja, ich war halt klein, ne?“

Mama ist sprachlos. Ich sitze schweigend neben ihr und schäme mich ein bisschen.

Schließlich, mit bekümmerten Ton: „Nun… junge Eltern machen wohl schon einige Fehler, die sie später mit mehr Erfahrung sicher nicht mehr machen würden.“

Ich akzeptiere das als längst überfällige Entschuldigung. Gleichzeitig ist damit auch die lang gehegte Frage, ob damals vielleicht ohne mein Wissen noch was unternommen worden ist – ein Gespräch mit den Eltern der Jungs zum Beispiel – endlich beantwortet.

Ich: „Also kann man wohl sagen, dass Kinder sich wohl schlecht wehren können.“

Mama: „Ja, wohl schon. Aber HEUTE…“

Ich: „Heute passiert das doch auch ständig.“

Mama: „Du lässt dich doch wohl nicht von jemanden angrabschen?“

Ich: „Nein.“

Mama: „Na also!“

Ich: „Aber es muss ja nicht immer was mit Anfassen sein. Wie soll man sich gegen Beleidigungen wehren?“ Ich erzähle ihr eine Story von der Arbeit. „‚Da sagt der zu mir, bevor er geht: Ich steck dir noch einen Cent Trinkgeld in die Fotze‘ – wie hätte ich mich da wehren können? Ich kann ja da keine Schlägerei anfangen.“

Mama: „Bei sowas wehrt man sich überhaupt nicht. Das ist einfach nur riesige Dummheit, solche Ausdrücke. Das würde ich einfach ignorieren.“

Ich: „Aber warum soll ich mir das gefallen lassen? Da steckt ja auch Struktur dahinter. Offensichtlich finden es solche Menschen angemessen, solche Worte gegenüber Frauen zu benutzen und werden damit akzeptiert. Das kann doch wohl nicht sein.“

Mama: „Mit solchen Leuten verschwendet man nur seine Energie.“

Ich, seufzend: „Jaaaa.“

Das Gespräch wird unterbrochen, weil meine Mutter aufs Klo muss. Wieder zurück, sieht sie mich mit einer Art Triumph an. „Mein Chef ist zwanzig Jahre jünger als ich und nennt mich ‚Puppe‘!“ Sie lacht.

Ich: „Ja, das ist doch scheiße. Warum tut er das?“

Mama: „Weil er ein furchtbar lieber Bub ist.“

Ich: „Hm.“

Wir machen uns auf den Weg in die Stadt zum Essen.

Mama: „Aber meinst du, es ist der richtige Weg gegen sowas, jetzt auf Facebook nach Sexpartnern zu suchen?“

Ich: „Hä?“

Mama: „So stand das in der Zeitung. Da gibt es jetzt wohl  sowas auf Facebook, mit dem man sich fürs Bett verabreden kann…“

Ich: „Äh, da wirfst du grade was durcheinander.“ Ich erkläre ihr bang your friends, was Twitter ist und die Grundzüge von #aufschrei.

Mama: „Ach so. Das klang in der Zeitung ganz anders.“

Ich: „Ja, BILD halt.“

Mama: „Aber mich regt diese Hexenjagd auf Brüderle so auf. Der hat sich doch nur blöd ausgedrückt. Und dann kommt diese Journalistin ein Jahr später und schreibt so einen Artikel!“

Ich: „Die kann ja nichts dafür, dass der Artikel jetzt erst kam. Vorher war es halt uninteressant, das wollte niemand drucken.“

Mama: „Hm. Trotzdem. Wenn es ihr gegen den Strich gegangen ist, hätte sie ja was sagen können.“

Ich: „Man kann aber ja nicht immer was sagen.“

Mama: „Warum nicht? Ich bin mal aus dem Büro gegangen, mein oberster Chef war hinter mir. Ich hielt ihm die Tür auf und ging dabei rückwärts. Er ging an mir vorbei und sagte: ‚Was für ein Arsch!‘ Da hab ich ihn angesehen und sagte: ‚Ja, und du bist ein Arschloch.'“

Ich: o.O (anders als bei mir gehören solche Worte bei meiner Mutter nicht gerade zum Alltagsvokabular)

Mama: „Wenn der mich heute sieht, kriegt der einen knallroten Kopf. So macht man das. Wer mir gegenüber solche Ausdrücke benutzt, muss damit rechnen, dass ich sie zurück gebe.“

Ich: „Aber es bleibt doch oft nicht bei Sprüchen.“

Mama: „Na, wer grabscht, der kriegt eine gescheuert!“

Ich: „Hm, dann muss man sich anhören, man wäre gewalttätig. Manche Männer sind der Ansicht, die Frauen sind selbst Schuld, wenn sie mit tiefen Ausschnitt rumlaufen. Die würden das ja provozieren.“

Mama, jetzt richtig aufbrausend: „Was für ein Unsinn! Man darf nicht grabschen, selbst wenn ich nackig laufen täte!“ (woah, meine Mutter ist eine Slutwalkerin!)

Wir kämpfen uns über eine vielbefahrene Straße und gehen weiter,  eng unter den Regenschirm gedrängt.

Ich: „Okay, du bist schon lange in dem Betrieb und kannst dich wehren. Aber was ist, wenn dein Chef jetzt gesagt hätte, dass du deine Sachen packen musst? Nicht jeder Chef lässt so mit sich reden. Und manche Chefs legen es ja auch drauf an. Wie hättest du denn damals reagiert, als ich noch klein war und du noch allein warst?“

Mama: „Als ich mit 21 in dem Betrieb anfing, war mein damaliger Chef zwanzig Jahre älter als ich. Der hatte zwei kleine Kinder und die Frau war ihm weggelaufen. Der hat jemand gesucht, der sich um die kümmert und das Haus in Ordnung hält. Einmal hat er mir gesagt, dass er mich gerne mit in Urlaub nehmen würde. Ich hab ‚Nein‘ gesagt. Damit war das Thema erledigt.“

Ich: „Und wenn er drauf bestanden hätte? Wenn er gesagt hätte: ‚Bett oder Job los‘?“

Mama: „Dann hätte ich gekündigt!!“

Ich: „Und wenn ich damals schon da und noch klein gewesen wäre? Wenn du den Job dringend gebraucht hättest?“

Mama: „Dann hätte ich mir trotzdem eine andere Stelle gesucht! Dahingehend bin ich meinen Prinzipien immer treu geblieben!“

Ich: „Hm.“

Wir gehen weiter. Nach einer Weile meint meine Mutter leise: „Gut, das kann ich HEUTE natürlich leicht sagen…“

Wir sind nur noch ein paar Straßen vom Restaurant entfernt. Ich habe tierischen Hunger, aber ein paar Antworten fehlen mir noch.

Ich: „Und was ist mit Jugendlichen? Du warst 14, als du deine Lehre angefangen hast. Man kann ja wohl nicht erwarten, dass so junge Mädchen sich gegen alles wehren können.“

Mama: „Doch! Und wenn nicht, haben die Eltern versagt. Darüber muss man reden! ICH hab immer gesagt: Die Robin, die kann sich wehren.“

Ich: „Aber wir haben über sowas doch NIE gesprochen.“

Mama (seufzt): „Ja… das stimmt wohl.“

Ich: „Und zuhause hab ich so einen Scheiß ja auch ständig gehört. Weißt du, was P. mal zu mir gesagt hat? ‚Es ist okay, wenn Frauen arbeiten gehen, wenn Vollbeschäftigung herrscht, aber wenn die Rezession kommt, nehmen diese Frauen den Männern die Arbeitsplätze weg‘.“

Mama: „Ich habe es aufgegeben, mit meinem Bruder über politisches zu streiten. Der hat diese Denke von deinem Opa. Er war dagegen, dass Frauen arbeiten gehen, nur hat dein Opa das anders gemeint. Er meinte, das würde die Familie kaputt machen.“

Ich: „Aber meinst du, dass Mädchen sich sowas anhören müssen?“

Mama: „Nein, eigentlich nicht. Aber wie gesagt, ich habe solche Diskussionen aufgegeben. Und DEIN Problem ist vor allem, dass du immer direkt so aggressiv wirst, wenn du dich mit deinen Onkeln streitest.“

Ich: „Ja, aber ich reagiere ja nur. Ich müsste nicht aggressiv werden, wenn ich mir nicht so eine Scheiße anhören müsste.“

Mama, dieses Mal tief, tief seufzend: „Ja, das weiß ich ja…“

Robins Mama wurde Ende der Fünfziger als ältestes von drei Kindern geboren. Sie begann mit 14 ihre Ausbildung und verblieb in ihrem Lehrbetrieb, bis sie sich mit 21 dem Betrieb anschloss, in dem sie heute noch als Sachbearbeiterin arbeitet. Mit 19 heiratete sie, damit sie mit ihrem Freund zusammen ziehen durfte, mit 21 ließ sie sich scheiden. Mitte/Ende Zwanzig traf sie Robins Erzeuger und bekam ihr erstes und einziges Kind. Sie verzichtete auf Unterhaltszahlungen, weshalb Robin ihren Erzeuger heute kennt, der Staat kennt ihn jedoch nicht. 6 Monate nach der Geburt ging sie wieder Vollzeit arbeiten. Als Robin ca. zwei Jahre alt war, traf Robins Mama ihren Stiefvater, mit dem sie ein Haus baute und Robin mehr oder minder erfolgreich groß zog. Die Beziehung hielt bis vor wenigen Jahren. Gegenwärtig wartet sie darauf, in Frührente geschickt zu werden.


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