Bitte jetzt alle schreiend im Kreis rennen

Die AfD ist in den Bundestag eingezogen. Überrascht hat das nur diejenigen, die die letzten Wochen ganz fest die Augen zugemacht oder bis gestern geglaubt haben, die hundertste Wahlaufforderung in der streng begrenzten Filterbubble könnte genug Nichtwähler mobilisieren, um sie doch noch unter 5 Prozent zu drücken.

Das ist nicht passiert – und die einzig akzeptierte Reaktion darauf scheint kopflose Panik zu sein.

Können wir damit bitte aufhören?

Twitter ist ja nun mit seiner Begrenzung auf 140 Zeichen ein inhärent polemisches Medium, aber das ist keine Entschuldigung für die Reaktionen, die seit gestern überall aufploppen – zumal ich sicher bin, dass die meisten diese überspitzten Ansichten auch genau so ins echte Leben tragen.

Reflexartig werden die Schuldigen identifiziert und gnadenlos gehetzt, seien es nun Ostdeutsche, Männer, ostdeutsche Männer, Leute, die Witze über Frauen machen, die Piraten mit ihren 0,4 Prozent etc.pp. Gleichzeitig werden positiv gemeinte Durchhalteparolen im Stil von „87 Prozent haben nicht AfD gewählt“ brutal nieder gebrüllt – das sei ja typisch deutsch, sich jetzt zu den „Guten“ zu zählen, während Nazis im Parlament sitzen, obwohl es doch eigentlich eher diese aktuelle Weltuntergangsstimmung ist, die mir sehr deutsch daher kommt.

Konkrete Lösungsvorschläge (abseits von netten Ideen wie der Adoption eines Stolpersteins) sucht man vergeblich. Die sind auch gar nicht möglich, wenn jeder Versuch, die AfD-Wähler zurück zu gewinnen, als Anbändeln mit Rassisten verstanden wird. „Jetzt sollen wir plötzlich deren Nöte ernst nehmen? Nö.“ Sind ja auch alles Nazis und Nazis sind unbelehrbar. Warum es dann trotzdem traditioneller Teil antifaschistischer Arbeit ist, Aussteigerprogramme zu ermöglichen, erschließt sich mir nicht, genauso wenig wie die Frage, warum bei 13 Prozent Vollblut-Nazis in Deutschland die NPD nicht schon seit Jahrzehnten im Bundestag sitzt.

Ich finde es scheiße, dass die AfD so stark ist. Aber linke Massenhysterie kann ja wohl kaum die Lösung sein. Fakt ist: Sie wird in Zukunft viel zu viel von unseren Steuergeldern bekommen, um ihre Abgeordneten auszustatten, was zum Kotzen ist. Fakt ist aber auch: Mit 13 Prozent ist sie nur eine Oppositionspartei und kann alleine überhaupt nichts entscheiden. Vermutlich wird sie ihre Stimmen hauptsächlich darauf verwenden, um bei allen sinnvollen Abstimmungen dazwischen zu grätschen.

Einige scheinen wirklich zu glauben, dass es höchstens noch eine Woche dauert, bis die ersten KZs eröffnet werden – dabei ist das Schlimmste, was passieren kann, vier Jahre Stillstand im Parlament. Ob es aber überhaupt so weit kommt ist nicht gesagt, denn nur einen Tag nach der Wahl beginnt die AfD bereits, sich selbst zu zerlegen. Auch das war abzusehen.

Es bleiben ihre Wähler. Wer die nun komplett abschreibt, hat resigniert und nimmt ein ähnliches Ergebnis für die nächste Wahl schon jetzt billigend in Kauf. Das, sowie Beißreflexe gegen alle, die nach politischen Lösungen suchen, kann ja wohl kaum die Antwort sein.

„Ihre Sorgen ernst nehmen“ – mit nichts haben die Kanzlerin oder Sahra Wagenknecht gestern zu verstehen gegeben, dass sie nun Politik gegen Flüchtlinge machen wollen. Trotzdem wurden ihre Aussagen genau so interpretiert und ordnungsgemäß verteufelt. Dabei kann das lediglich heißen (und ich bin sicher, dass es so gemeint war), dass man sich darum kümmern muss, irrationale Ängste aus den Weg zu räumen, egal wie dumm sie scheinen mögen.

Ängste übrigens, die in einem politischen Klima allgemeiner Gefühligkeit gewachsen sind. Wer beispielsweise ständig behauptet, dass sich Frauen aus Furcht vor sexuellen Übergriffen kaum noch auf die Straße trauen, obwohl alle Kriminalstatistiken aussagen, dass unser Leben noch nie so sicher war wie jetzt, der muss sich nicht wundern, wenn Leute eine schreckliche Gefahr durch Flüchtlinge herbei phantasieren, die es so nicht gibt.

Es heißt auch, allen Menschen eine Lebensgrundlage zu schaffen, auf der Neid (vor allem nicht gegen solche, die noch weniger haben) nicht gedeihen kann. Wer finanziell abgesichert ist und nicht ständiger Existenzangst ausgesetzt, dem fällt es leichter, großzügig und hilfsbereit zu sein. Es wäre schön, wenn das kein Kriterium für ein bisschen simple Empathie wäre, aber man muss nun mal mit dem arbeiten, was man hat.

Vor allem aber bedeutet das Ergebnis für alle Parteien auch, nicht einfach weiter zu machen wie bisher. Die meisten AfD-Wähler haben sie aus Protest gewählt. Das ist zwar unfassbar idiotisch (als gäbe es keine nazifreien Alternativen zu den etablierten Parteien), dient aber jetzt trotzdem hoffentlich als Wecksignal. Die Parteien müssen personelle Konsequenzen ziehen (Schulz, der gestern quengelndes Kleinkind spielte und keinen einzigen konkreten Verbesserungsvorschlag präsentieren konnte, darf zum Beispiel gerne weg) und sich auf ihre Kernkompetenzen besinnen.

Katja Kipping beispielsweise hat das in der Berliner Runde gestern versucht, indem sie das Thema „soziale Gerechtigkeit“ ausführen wollte, wurde dann aber von der Moderation grob mit den Worten „zurück zur AfD“ abgebügelt. Die selbe Moderation wehrte sich nur Minuten später vehement gegen den Vorwurf, über jedes Stöckchen der AfD zu springen und das Flüchtlingsthema unverhältnismäßig aufzublasen. Leider stimmt es aber nun mal doch und die Medien tragen daher eine Mitschuld, woraus sie hoffentlich auch Konsequenzen ziehen werden.

Man muss außerdem sehen, was im Osten schief läuft, statt eine neue Mauer um Sachsen zu fordern. Als Witz taugt das halbwegs, aber nicht, wenn man daraus keine Lehren zieht. Ich bin absolut keine Expertin für Ostdeutschland, aber selbst ich weiß, dass sich die Heilsversprechen nach der Wiedervereinigung für viele Ossis ins Gegenteil verkehrt haben. Das ist umso mehr schade, wenn man bedenkt, dass der Mauerfall immer noch eines der großartigsten Ereignisse in der Geschichte der Menschheit darstellt.

Die nächsten Jahre werden nicht leicht – aber es ist nicht so hoffnungslos, wie viele es (gerne?) darstellen. Es gibt Lösungswege – man muss sie nur gehen, statt dagegen zu polemisieren, weil einem das schon wieder nicht radikal hysterisch genug ist. Welche Lösung diese Leute zu präsentieren hätten, die jetzt jeden attackieren, der nicht schreiend im Kreis rennt, nur um am Ende wieder dort anzukommen wo er war, möchte ich mir auch gar nicht vorstellen.

Mir ist klar, dass jeder einzelne Satz dieses Artikels aus dem Kontext gerissen, verhöhnt und als neue Rechtfertigung für Nazis verstanden werden kann – allein schon deshalb, weil er nicht betroffen genug ist. Daran krankt letztendlich die linke Bewegung und wird so zum Teil des Problems.

Da sind mir Lösungen lieber. Packen wir es an.

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