Es besser machen – wie eine Therapiesuche aussehen könnte

Die Suche nach einem Psychotherapieplatz ist für Betroffene eine unglaubliche Belastung. Wie könnte man das besser regeln? Ein paar Gedanken dazu im zweiten Teil meiner Themenreihe Depression.

Eigentlich hatte ich für heute etwas anderes geplant, aber ich habe mich spontan umentschieden, denn ich erlebte eben doch tatsächlich ein kleines Wunder:

Ich habe endlich die letzte verbliebene Therapeutin auf meiner Liste erreicht!

Engelschöre! Fanfaren! Feuerwerk! Dabei hatte ich das eigentlich gar nicht vor. Ich wollte lediglich die Bandansage abhören und erfahren, zu welch wahllosen Zeitpunkt die gute Frau diese Woche gedenkt, Audienz zu halten – da hatte ich sie plötzlich leibhaftig am Ohr.

Zwei Minuten später konnte ich ein weiteres Häkchen setzen auf meiner Liste – neben „Absagen“. Damit steigt die Gesamtzahl auf sieben.

Es tat ihr zwar offensichtlich leid, aber sie hat leider auch ein paar dumme Sachen gesagt. So führt sie keine Warteliste, sondern vergibt einen freigewordenen Platz einfach an den ersten, der danach anruft. Nachdem ich so viele erfolglose Anrufe hinter mir habe, finde ich ein solches Verfahren, das auf purem Glück beruht, schlicht ekelhaft unfair. Als sie dann hörte, dass ich alle tiefenpsychologisch arbeitenden Therapeuten schon kontaktiert habe, empfahl sie mir doch tatsächlich, auch einfach mal die Verhaltenstherapeuten anzurufen. Viele von denen hätten ja Zusatzausbildungen, die eher ins Tiefenpsychologische gehen, und die sollte ich doch einfach mal erfragen.

Einfach – mal – erfragen. Klar. Als wäre es nicht genauso schwer, einen Verhaltenstherapeuten ans Telefon zu kriegen. Den soll ich ernsthaft auch noch danach löchern, was er denn sonst so kann – und das dann auch noch richtig einordnen können? Ich bin keine Psychologin. Woher soll ich wissen, was genau hinter diversen Zusatzausbildungen steckt?

Jedenfalls hat mich das erst zum Heulen gebracht… und dann dazu, mir ein paar Gedanken darüber zu machen, wie ich mir die Therapeutensuche idealerweise vorstelle. Darüber habe ich schon häufiger gegrübelt – also wird es Zeit, meine Überlegungen dazu aufzuschreiben. Anmerkungen, Ergänzungen und eigene Vorschläge ausdrücklich erwünscht.

Was ist an daran so schrecklich?

Die Suche nach einer Therapie ist aus zwei Gründen eine absolute Katastrophe für jeden, der sie auf sich nimmt:

1. lange Wartezeit
2. Aufwand

Die lange Wartezeit resultiert natürlich aus dem Mangel an Therapieplätzen. Hier wird sich erst was ändern, wenn die Krankenkassen diesen Mangel endlich beseitigen. Und was den Aufwand angeht… nun ja, wie der bei mir ausgesehen hat, wisst ihr ja jetzt.

Die Aussicht, locker sechs Monate auf einer Warteliste zu stehen, hat mich in der Vergangenheit immer sehr abgeschreckt und letztendlich jedes Mal dazu geführt, dass ich aufgab. Trotzdem halte ich den Aufwand für den wesentlich belastenderen Faktor, auch wenn mir da möglicherweise viele widersprechen werden.

Natürlich ist es in akuten Fällen wichtig, so schnell wie möglich Hilfe zu bekommen. Aber vielen – wenn nicht sogar den meisten – geht es doch eher so wie mir: Man hat Depressionen, aber die meiste Zeit schlängelt man sich irgendwie durch. Man lebt sein Leben auf Sparflamme, weil man selbst für die Dinge, die man mag, kaum Energie aufbringen kann, aber wenn es wirklich sein muss, funktioniert man halt doch, wenn vielleicht auch nur gerade so. Man fühlt sich zum Kotzen… aber irgendwie geht es eben trotzdem immer weiter.

Das ist zwar alles so richtig scheiße, aber nicht wirklich akut. Ich habe seit 13 Jahren Bedarf nach einem passenden Therapieplatz, doch hier sitze ich und lebe immer noch. Es ist kein schönes Leben und es wäre völlig anders verlaufen, wenn meine Depression viel früher behandelt worden wäre, aber wenigstens besitze ich noch einen Puls.

Das Problem ist, dass man (oder zumindest ich) immer dann auf die Idee kommt, einen Therapeuten zu suchen, wenn gerade alles sehr schlimm ist. Das ist dann ein Moment, in dem man am liebsten sofort Hilfe haben will – was unweigerlich zur totalen Kapitulation führt, wenn man erfährt, dass man ein halbes Jahr warten muss.

Das habe ich mir bei jedem Versuch maximal zwei, vielleicht auch dreimal angehört, aber am Ende habe ich immer aufgegeben. Wenn ich so lange warten muss, kann ich’s ja eh lassen, dachte ich immer. Nur ist das eben ein grundlegender Denkfehler. Die Zeit vergeht so oder so, ob ich irgendwo auf einer Warteliste stehe oder nicht, und sehr oft habe ich sechs Monate später grübelnd im Bett gelegen und gedacht: Wärst du vor einem halben Jahr dran geblieben, hättest du jetzt einen Therapieplatz.

So lange warten zu müssen ist furchtbar und es sollte definitiv anders sein. Aber mir ist trotzdem klar geworden, dass der ausschlaggebende Faktor für mein ständiges Scheitern doch der unfassbare Aufwand war, der dahinter steckt. Die Warterei stört mich weniger als mich wochenlang jeden Tag ans Telefon hängen zu müssen, um einen Therapeuten zu erreichen, dabei achtzig verschiedene Sprechzeiten zu beachten, für die ich extra aufstehe oder meine Arbeitspause umlege, nur um am Ende dann zusätzlich zu hören, dass erst viele Monate später was frei wird.

Die Wartezeit kam mir nur deswegen immer so schlimm vor, weil sie das letzte Glied in einer langen Reihe enttäuschender, stressiger Bemühungen ist. Anders formuliert: Wäre der Aufwand geringer gewesen, hätte mir die Wartezeit nicht so den Boden unter den Füßen weggezogen.

Wie lässt sich der Aufwand minimieren?

Auch wenn die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung ein Witz ist und außerdem von den Krankenkassen gerne als Grund vorgeschoben wird, um eine Kostenerstattung abzulehnen – „Wieso sollen wir Ihnen einen Therapeuten ohne Kassensitz bezahlen, wenn die Terminservicestelle Sie doch jederzeit an irgendeine willkürlich ausgewählte Person, die Sie ohne Einwände akzeptieren müssen, vermitteln kann?“ – ist der Grundgedanke dahinter nicht falsch: Es gibt eine Stelle, bei der alle Fäden zusammen laufen und die Termine vergibt. Die bisherige Umsetzung dieses an sich ziemlich simplen Konzepts ist halt bisher auf besonders peinliche Art misslungen.

Trotzdem halte ich Zentralisierung für die einzige Möglichkeit, den Aufwand für den einzelnen Patienten zu minimieren. Würde die Vergabe von Therapieplätzen nicht über die verschiedenen Therapeuten direkt, sondern über eine zentrale Stelle laufen, hätte ich nicht 65 Mal telefonieren müssen, sondern nur ein einziges Mal.

Eine zentrale Vergabestelle sollte es in jeder Stadt oder Region geben. Das hat den Vorteil, dass die Menschen, die für die Verteilung zuständig sind, mit der Zeit die Therapeuten auch ein Stück weit kennen lernen, was bei einem bundesweiten Angebot niemals möglich wäre. Sie wäre acht Stunden täglich besetzt und nimmt alle Anrufe von Hilfesuchenden entgegen. Diese schildern dann ihre Situation nach einem Fragekatalog, der ins System eingespeist wird. Das ist nötig, um eine mögliche Vorauswahl zu treffen (nicht jeder Therapeut kennt sich mit allen Problemfeldern aus – manche spezialisieren sich auf Essstörungen, haben dafür aber nicht so viel Ahnung von Schizophrenie etc.). Die Anrufer haben zusätzlich die Möglichkeit, Präferenzen zu nennen, worunter auch der Ausschluss bestimmter Personen(gruppen) fällt. Menschen mit Telefonphobie oder anderen Einschränkungen könnten all das auch per Mail schicken. Nachdem das erledigt ist, kommt der Anrufer auf EINE Warteliste für ALLE Therapeuten, die für ihn in Frage kommen, und wird benachrichtigt, sobald einer der Therapeuten Zeit für ihn hat. Er bleibt so lange auf der Warteliste und erhält weitere Termine bei anderen Therapeuten, bis sicher feststeht, dass er den Richtigen gefunden hat und bei ihm eine Therapie anfängt. Die Therapeuten müssten derweil nichts weiter tun, als ihre freien Kapazitäten zu melden.

Und das war’s eigentlich auch schon. Eigentlich ist das gar nicht so schwer. Das Komplizierteste daran ist vermutlich das richtige Programm zur Verteilung, aber mir kann niemand erzählen, dass so etwas technisch unmöglich ist.

Mögliche Kritikpunkte

Als ich das heute Mittag bei Twitter kurz anriss, bekam ich direkt Gegenwind. Vieles davon basierte auf der Kritik am Gesetzesentwurf zum Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) bzw. konkret §92 Abs.6a SGB V. Der sieht demnächst für Psychotherapien eine „gestufte Versorgung“ vor, was nichts anderes heißt, als dass ausgewählte Ärzte oder Therapeuten im Rahmen einer Voruntersuchung erstmal feststellen sollen, ob therapiesuchende Menschen überhaupt therapiebedürftig sind und welche Art Therapie sie bekommen sollen. Die Petition gegen dieses Gesetz findet ihr hier. Dagegen habe ich auch was, aber meiner Meinung nach ist das etwas vollkommen anderes und deshalb trifft kein einziger Kritikpunkt auf meine Version zu.

Ey, was ist mit Datenschutz?
Ich verstehe diesen Punkt ehrlich gesagt nicht. Das hat mir bei einer anderen Gelegenheit, als ich diese Idee äußerte, mal jemand an den Kopf geknallt. Meine Krankenkasse sammelt lauter sensible Daten von mir und jeder Sachbearbeiter in ganz Deutschland kann sie einsehen – warum sollte ein adäquater Datenschutz nun ausgerechnet hier ein unlösbares Problem sein?

Betroffene sollen nicht gezwungen werden, sich jemand anderem als ihrem potentiellen Therapeuten zu öffnen!
Sie sollen sich nicht „öffnen“, sondern ein paar allgemeine Fragen zu ihrem Krankheitsverlauf beantworten. Ohne ein paar grundlegende Informationen geht es nun mal nicht. Außerdem… ich müsste jetzt zählen, aber ich schätze, bei knapp der Hälfte der Therapeuten von meiner Liste ging eine Sprechstundenhilfe ans Telefon. Ich sehe hier keinen qualitativen Unterschied zu einem Mitarbeiter einer Vergabestelle.

Das nimmt den Therapeuten die Wahlfreiheit!
Ganz ehrlich: Wer einen Kassensitz hat, leitet eine Einrichtung zur öffentlichen Gesundheitsversorgung. Da kann man nicht einfach so Leute ablehnen, weil deren Problem vielleicht ein bisschen schwieriger zu lösen ist als andere (so scheinen einige Therapeuten tatsächlich zu verfahren). In begründeten Fällen (ich könnte beispielsweise verstehen, wenn ein Therapeut keinen straffälligen Pädophilen behandeln will, obwohl diese Leute dringend Hilfe bräuchten, bevor sie straffällig werden) kann man da eine Ausnahme machen, aber das darf auf gar keinen Fall die Regel sein. Wer Wahlfreiheit will, soll eine Privatpraxis eröffnen. Sorry.

Und sonst fällt mir dagegen kein weiteres mögliches Contraargument ein. Außer die Kosten vielleicht, aber das lasse ich nicht gelten.

Warum machen wir das dann nicht so?

Weil es zu einfach wäre. Die Aussicht, die ganze furchtbare Therapeutensuche mit nur einem Telefonanruf erledigen zu können wird viel mehr Betroffene als bisher dazu bringen, sich überhaupt um eine Therapie zu kümmern. Viele versuchen das nämlich gar nicht erst, eben WEIL es bisher so zeit- und kraftraubend ist.

Diesen Leuten die Sache zu erleichtern und sie damit zu ermuntern, eine Therapie zu suchen, ist das absolut letzte, was die Krankenkassen wollen. Wenn alle Leute, die eigentlich eine Therapie bräuchten, sich bei einer solchen zentralen Vergabestelle melden, würde sich bei der aktuellen Versorgungslage die Wartezeit verfünffachen. Garantiert. Und dann müsste man daran ja dummerweise etwas ändern, weil das vielleicht endlich der Zeitpunkt wäre, an dem alle Leute aber so richtig auf die Barrikaden gehen. Man stelle es sich vor. Wie lästig.

Es wird Zeit, dass die Politik da reagiert – aber nicht in Form einer Pflicht zur vorgeschalteten Untersuchung durch fremde Ärzte, was ohnehin nur ein weiterer durchschaubarer Versuch der Kassen ist, die Patientenzahlen zu drücken und damit an ihrem Märchen festzuhalten, dass es genügend Kassensitze gibt. Denn sonst – und das kann ich nur immer und immer wieder sagensterben Menschen. Und das muss doch verdammt noch mal nicht sein, wenn das alles eigentlich so beschissen einfach ist.


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Warum die Suche nach einem Therapieplatz für jeden Depressiven eine absolute Zumutung ist

Such dir Hilfe.

Drei kleine Worte, nett gemeint. Die meisten gesunden Menschen, die so etwas sagen, scheinen zu glauben, es sei allein die gesellschaftliche Stigmatisierung oder schlicht Angst, die Leute wie mich davon abhält, eine Therapie zu machen. Etwas anderes ist in unserem vorbildlichen Gesundheitssystem ja auch nicht möglich, oder? Immerhin handelt es sich, so aufgeklärt ist man ja, bei einer Depression um eine ernsthafte Krankheit. Einen Therapieplatz zu finden kann deshalb wohl kaum viel schwieriger sein als einen Termin beim Zahnarzt zu bekommen.

Stellt euch an dieser Stelle bitte ein hysterisches Lachen vor.

Der folgende Beitrag ist eine Dokumentation meiner aktuellen Therapeutensuche. Er ist… lang. Sehr. Aber wenn ihr bis zum Ende durchhaltet, werdet ihr vollkommen verstehen, wieso ich jedem, der mir sagt, ich solle mir Hilfe suchen, am liebsten ins Gesicht springen würde, obwohl das doch so nett gemeint ist.

Und ihr werdet hoffentlich wütend sein.


Für den Kontext:
Mit zwanzig wurde mir von einem Neurologen eine Depression diagnostiziert. Er empfahl mir damals ein Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik. Ich wartete einige Monate, bis ein Platz frei wurde und wurde nach acht Wochen mit einer zusätzlichen Diagnose (Anpassungsstörung) wieder entlassen. Um eine Nachsorge in Form einer ambulanten Therapie kümmerte sich keiner. Ich brauchte mehrere gescheiterte Anläufe und einige sehr unangenehme Erstgespräche, bis ich 2015 endlich einen Therapieplatz fand. Das war neun Jahre später. Diese Therapie musste ich nach einem Therapeutenwechsel mittendrin leider wieder abbrechen, weil sie von Anfang an nur einen Kompromiss dargestellt hat. Das war im Sommer 2016. Insgesamt sind dreizehn Jahre seit meiner Diagnose vergangen.

Dreizehn Jahre.


Mir geht es gerade nicht gut. Eigentlich geht es mir ja nie wirklich gut, aber momentan ist es wieder schlimm. Eigentlich ist es schon das ganze Jahr schlimm, aber im Sommer war es das ganz besonders. Meine neuen Medikamente, die ich seit ein paar Monaten nehme, vertreiben zwar die bleierne Müdigkeit, unter der ich immer besonders gelitten habe, aber sorgen leider trotzdem nicht dafür, dass ich mein Leben auf die Reihe kriege.

Darüber grüble ich viel: mein zielloses, planloses, vergeudetes Leben. Was ich versäumt habe. Was ich gerade verpasse. Was ich noch vorhabe, aber nicht schaffen werde. Nicht ohne Hilfe. Nicht ohne Therapie.

Das ist nun so eine Sache. Wie oft habe ich nun mit der Therapeutenliste vor mir da gesessen und versucht, genau diese Hilfe zu bekommen? Ich weiß es nicht mehr genau. Ich habe jedes Mal aufgegeben. Zu frustrierend waren die ständigen Absagen. Zu niederschmetternd die paar Gelegenheiten, in denen ich es bis zu einem echten Gespräch geschafft habe. Zu ernüchternd meine abgebrochene Therapie, die ich niemals hätte anfangen dürfen.

Aber ich brauche Hilfe. Ich muss mir Hilfe suchen.


Vor drei Wochen ging ich zu meinem Hausarzt. Ich hatte lange Zeit keine hohe Meinung von ihm, aber zumindest mit meiner Depression geht er super um. Er hat mir die Medikamente verschrieben, die mein Psychiater mir nicht geben wollte, und war nicht ein einziges Mal herablassend zu mir, obwohl er mich aus irgendeinem Grund immer duzt, wenn ich mit ihm darüber rede. Wenn ich wegen einer Grippe komme, tut er das nicht.

Ich setzte mich in seine Praxis und erzählte ihm, dass ich wieder versuchen will, einen Therapieplatz zu bekommen. Er hörte sich alles an und nickte. Er hielt das für eine gute Idee, weiß aber natürlich, dass eine Therapeutensuche schwierig ist. Deshalb schrieb er mir zusätzlich eine Überweisung. „Die bescheinigt dir eine besondere Dringlichkeit. Damit kannst du dich bei der Terminservicestelle der kassenärztlichen Vereinigung melden.“

Diese Terminservicestelle wurde vor ein paar Jahren eingerichtet und ist dafür da, Patienten zeitnah (heißt, in maximal vier Wochen) Termine zu vermitteln. Zunächst galt dieser Service nur für Fachärzte, aber inzwischen wurde er auch auf Psychotherapeuten ausgeweitet. Bei dem Thema bewegt sich alles viel zu langsam, aber das ist ja immerhin ein Fortschritt, dachte ich.

Ich wurde schnell wieder auf den Boden der Tatsachen geholt.

Ein Blick auf die Website der kassenärztlichen Vereinigung ernüchterte mich nachhaltig. Da war unter anderem das zu lesen:
Darüber regte ich mich furchtbar auf. Damit habe ich praktisch KEIN Mitspracherecht. Ich darf weder Ansprüche an die Uhrzeit oder den Wochentag stellen (wie soll das bei berufstätigen Menschen funktionieren?), nicht den Standort bestimmen (was heißt zumutbare Entfernung? Ich ahnte Schlimmes), nicht mal die Therapieform fordern, die ich gerne hätte. Das ist ungefähr so, als bräuchte ich einen Herzspezialisten, aber weil ein Nierenfacharzt gerade Termine frei hat, werde ich zu dem geschickt – wird schon passen, die machen immerhin beide was mit inneren Organen. Ähä.

Und auch der Therapeut selbst ist anscheinend irrelevant. Dabei gibt es viele nachvollziehbare Gründe, gewisse Personengruppen von vorne herein auszuschließen. Viele Frauen mit Missbrauchserfahrung möchten keinen Mann als Therapeut. Ein Freund von mir, der schwul ist, wollte das ebenfalls nicht, weil er glaubt, dass ein Mann (sofern hetero) seine Sexualität nicht nachvollziehen kann oder akzeptieren würde. Das ist natürlich irgendwie unfair gegenüber den Therapeuten, die dadurch (wahrscheinlich grundlos) durchs Raster fallen… aber möchte ernsthaft jemand Missbrauchsopfern vorwerfen, nicht nett genug zu einem Unbekannten zu sein? Sicher nicht. In diese Entscheidung sollte niemand reinreden. In einer Psychotherapie muss man sich öffnen können – wie soll das gehen, wenn man seinem Gegenüber nicht vertraut?

Mir ist das Geschlecht des Therapeuten egal, aber das Verhältnis muss eben trotzdem passen. Es hat die letzten beiden Male nicht gepasst. Ich bin nicht mehr bereit, dahingehend Kompromisse zu machen.

An der Stelle begann ich zu ahnen, dass ich hier eine Odyssee vor mir hatte, neben der Frodos Reise zum Schicksalsberg wirken würde wie ein netter Wochenendausflug in den Schwarzwald.

Aber der Reihe nach.


Trotz meiner Bedenken rief ich bei der Terminservicestelle an. Nach einer Viertelstunde in der Warteschlange meldete sich eine enervierend geschäftsmäßig klingende Frau.

„Guten Tag. Ich rufe an, weil ich gerne einen Termin für eine Psychotherapie hätte.“
„Haben Sie eine Überweisung?“
„Ja.“
Was steht denn auf der Überweisung drauf unter Überweisung an?“
Ich war direkt irritiert. „Na… Überweisung an Psychotherapeut.“
„Ah, Psychotherapie also.“
???
„Ja, da können wir Ihnen gerne eine Liste mit Therapeuten in Ihrer Nähe schicken, die Sie mal anrufen können.“

Was.

Ich meine… WAS.

Diese Liste muss niemandem geschickt werden. Die bekommt man bei jedem HAUSARZT. Sie steht außerdem ONLINE. Wieso sollte ich mir die zuschicken lassen??? Und überhaupt… was heißt das? Doch nicht etwa PER POST???

Und die wichtigste Frage natürlich: Warum rufe ich dort überhaupt an, wenn die mir sowieso nur sagen, dass ich selber anrufen soll???

Das deckte sich nicht mit dem, was mein Hausarzt mir gesagt hat. Ich war verwirrt und sagte ihr das auch.
„Haben Sie schon selbst angerufen?“
„Ja, mehrmals, wenn auch nicht aktuell.“
„Nun, dann machen Sie das und wenn Sie dann nichts finden, helfen wir Ihnen. Wir suchen dann aber im Umkreis von 30km, deshalb versuchen Sie es lieber selbst.“
„Ich dachte, dafür wär dieser Service da – damit SIE das für mich tun?“
„Nein, wir vermitteln erst, wenn Sie keinen bekommen. Dann suchen wir für Sie einen Beratungstermin.“
„Entschuldigung, ich will keinen Beratungstermin, sondern suche einen Therapieplatz.“
„Nein, ZUERST gibt es einen Beratungstermin, DANN erst kommt es zur Therapie.“ – als würde ich das verdammt noch mal nicht wissen. Aber das ist trotzdem nicht das, was ich erwartet habe.
„Und ihr könnt mir dabei NICHT helfen?“
„Nein, erst müssen Sie selbst anrufen. Und das ist ohnehin besser, weil wir wie gesagt in 30km Umkreis suchen und Sie den Termin dann nehmen müssen.“

Ich saß da und dachte: Wofür ist dieser Service da. WOFÜR, zur Hölle.

Und der größte Witz an der Sache ist, dass das nicht einmal stimmt. Wenn ich alle Therapeuten auf meiner Liste anrufe und nur Absagen kassiere, kann ich gehen, zu wem ich will – selbst zu einem Therapeuten ohne Kassenzulassung. Den muss die Krankenkasse dann trotzdem bezahlen, da die Absagen der Beweis sind, dass der von ihnen ermittelte Bedarf an Kassensitzen offensichtlich nicht reicht.
Das nennt sich Kostenerstattungsverfahren und ist EIGENTLICH recht klar geregelt… aber in Wahrheit verschleppen die Kassen solche Verfahren gerne oder lehnen sie ab, obwohl alle Kriterien erfüllt sind. Trotzdem finde ich es wirklich bezeichnend, dass die Dame mir diese Möglichkeit einfach komplett vorenthalten hat.

Ich war… unzufrieden. Das sagte ich ihr auch. Aber auch, dass es nicht ihre Schuld ist. Nur ist dieser ganze Service, auf diese Art angeboten, trotzdem völlig überflüssig. Als würde ich bei einem Lieferdienst anrufen und der würde mir statt einer Pizza ein Rezept schicken, damit ich sie mir verdammt noch mal selber backen kann. Vielleicht bekäme ich auch einfach eine Wegbeschreibung zum nächsten Supermarkt, um mir die Tiefkühlversion zu kaufen. Macht ja alles so viel Sinn.

Ich beendete das Gespräch dann, allerdings leider ohne zu fragen, ob die Krankenkasse eine Fahrt zu einem Therapeuten in 30km Entfernung bezahlen würde. Auf die Dauer leisten könnte ich mir das nämlich nicht – und ich weiß Dank meines Jobs bei einem Taxiunternehmen zufällig, wie viele Patientenfahrten die Kassen tagtäglich übernehmen. Ist es da zuviel verlangt, mir sowas auch zu wünschen? Ich wäre ja sogar schon mit einem blöden Busticket zufrieden. Aber inzwischen weiß ich, dass die Kasse sowas in dem Fall nicht macht. Anscheinend geht das nur, wenn man richtig – sprich körperlich – krank ist.

Immerhin sind 30km viel näher, als ich befürchtet hatte. Aus irgendeinem Grund ging ich von 50 aus. Das ist aber auch das einzig Positive, das ich aus diesem Gespräch mitgenommen habe. Ansonsten weiß ich nun lediglich, dass die mir nichts, aber auch GAR NICHTS bieten können, was ich nicht selber leisten kann bzw. muss, obwohl es mir meine Krankheit fast unmöglich macht, mich darum zu kümmern. Ich dachte, um mir DAS abzunehmen… dafür sei dieser Service da. Tatsächlich konnte mir die Dame aber nicht mal sagen, bei welchen Therapeuten im Umkreis aktuell noch Kapazitäten frei sind. Es ist mir völlig schleierhaft, wie dieses System ohne Informationen wie solche funktioniert, selbst wenn ich ihrer Meinung nach Anspruch auf Hilfe gehabt hätte. Ich vermute: gar nicht. Vielleicht hat sie mich aber auch einfach angelogen.


Als hätte ich es geahnt, hatte ich am Tag davor schon die aktuelle Liste der Psychotherapeuten in meinem Umkreis ausgedruckt. Auf einer solchen Liste steht neben der Namen der Therapeuten auch die Adresse, die angebotene Therapieform (Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Psychoanalyse) und die Telefonnummer. Keine Sprechzeiten. Natürlich nicht.

Die musste ich selber zusammen suchen, nachdem ich mir alle Therapeuten markiert hatte, die meiner Meinung nach für mich in Frage kommen. Das war überraschend aufwendig und hat sehr wenig Spaß gemacht. Einige Telefonsprechzeiten waren besser versteckt als das Bernsteinzimmer. Und von vier Therapeuten fand ich überhaupt keine Zeiten online. Dort musste ich anrufen und die Zeiten von der Bandansage heraus schreiben.

Ich nahm die Liste in die Hand, nachdem ich bei der kassenärztlichen Vereinigung aufgelegt hatte. 22 Therapeuten, alle mit unterschiedlichen Sprechzeiten, einige so früh oder so blöd gelegt, dass sie mit meinen Arbeitzeiten kollidieren. Dabei arbeite ich nur Teilzeit. Es ist mir vollkommen schleierhaft, wie ein Mensch mit einer Vollzeitstelle so etwas schaffen soll.

Trotzdem. 22 Therapeuten, die ich alle nacheinander anrufen muss. Das war nun meine Aufgabe, für die ich vermutlich wochenlang brauchen würde.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich mal an einer Telefonphobie litt?


Alles begann direkt ganz vielversprechend mit THERAPEUTIN 1. Die sollte bis 18 Uhr Sprechzeit haben, meldete sich aber nicht. Ich versuchte es viermal. Nichts. Nicht mal eine Bandansage. Nichts.

Ich würde es in der darauffolgenden Woche nochmal probieren, nachdem ich viele weitere Therapeuten angerufen hatte – und es tatsächlich auf die Warteliste schaffen. Die Wartezeit beträgt ein Jahr. Ich notierte mir das. Dann heulte ich.


Bei THERAPEUTIN 2 wartete eine besonders unangenehme Überraschung auf mich. Aber erst einmal war die Nummer, die auf der Liste stand, nicht vergeben, also musste ich sie googeln. Ich wählte sie und nachdem ich es ewig klingeln gelassen hatte, ging eine Sprechstundenhilfe ran.

„Ich wollte nach einem Therapieplatz fragen.“
„Oh… das macht die Frau Doktor momentan nicht mehr.“
„Ähm… okay… ihr steht allerdings noch auf der Liste… Stand November 2018…“
„Jaaa… trotzdem.“
„Und das ändert sich auch nicht mehr?“
„Ähm. Nein, wahrscheinlich nicht.“
„Okay… könnt ihr mir das wenigstens schriftlich bescheinigen? Also dass ihr für mich keinen Therapieplatz habt? Für die Krankenkasse?“
„Ähm. Nein, das machen wir nicht.“

Das war das erste Mal überhaupt, dass ich nach so einer Bescheinigung fragte – weil es das erste Mal ist, dass ich diesen Weg bis zum bitteren Ende gehen will. Notfalls eben über ein Kostenerstattungsverfahren, obwohl ich weiß, dass so etwas praktisch Krieg mit meiner Krankenkasse bedeutet.

Damit war das Gespräch auch schon beendet und ich konnte den ersten Namen von meiner Liste streichen. Das ging schnell.


Der nächste Tag war ein Freitag. Da hatte ich eigentlich nicht geplant, überhaupt irgendwo anzurufen, weil ich arbeiten musste und auf gar keinen Fall aus meiner Pause heraus anrufen wollte. Das schlaucht nämlich. So richtig tiefgreifend. Das wollte ich mir nicht während der Arbeit antun.

Aber dann dachte ich, dass ich ja VOR meinem Arbeitsbeginn anrufen könnte. Anscheinend hatte ich das Bedürfnis, mir schon frühmorgens unbedingt die Laune zu verderben.


Eine Therapeutin ging nicht ran, weil die Sprechzeiten geändert worden sind. THERAPEUTIN 3 dagegen war da und sehr klar in ihrer Aussage: Sie ist voll mit Terminen, und zwar so sehr, dass sie auch keine Warteliste mehr führt.

Aber sie wollte mir eine Bescheinigung für die Kasse schreiben. Ich solle sie natürlich selbst abholen kommen. Ist das nicht schön.


Das Wochenende verbrachte ich in einem seltsamen Zustand zwischen Entmutigung und Motivation. Bisher war es genauso beschissen gelaufen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Gleichzeitig brannte ich darauf, die Liste weiter abzuarbeiten. Das war aber kein schönes Gefühl. Ich wollte lediglich wissen, wie viele Absagen es letztendlich werden – und damit auch, wie abgefuckt das System wirklich ist.

Ich war bereit für Montag und wollte mir extra den Wecker stellen, um die ganz frühen Sprechzeiten mitzunehmen. Nachdem ich aber um drei Uhr nachts immer noch nicht eingeschlafen war, verwarf ich diesen Plan. Ich habe montags 10-Stunden-Schicht und wollte auf der Arbeit nicht völlig übermüdet aufschlagen.


Letztendlich geschahen zwei Wunder:
1. wurde ich von selbst punktgenau um die Zeit wach, auf die ich mir den Wecker hatte stellen wollen. Das war fast magisch.
2. bekam ich von THERAPEUTIN 4 einen Termin.
Für den darauf folgenden MITTWOCH.
In ZWEI Tagen.

Ich war baff. Ich hätte so ziemlich mit allem gerechnet, nur nicht mit sowas.

Es gab nur ein Problem: Mir gefiel die Therapeutin nicht.

Natürlich ist es unfair, von der Stimme und einem kurzen Gespräch ein solches Urteil zu fällen. Aber ich kann nun mal nicht anders. Sie klang für mich sehr jung und unsicher… ich dagegen brauche einen Therapeuten, der erfahren und selbstbewusst ist. Das denke ich zumindest.

Ich schämte mich fast für den Gedanken. Ich stellte mir die Reaktion der Leute vor: „Orr, jetzt hat die Tussi schon Glück und schnell einen Termin bekommen und jammert trotzdem noch rum!“

Aber dann wurde ich wütend – denn hier wird mal wieder mit zweierlei Maß gemessen. Kaum ein Mensch würde zu einem Hausarzt gehen, der ihm unsympathisch ist, dabei dreht es sich dabei zu 90% nur um Erkältungen und vielleicht mal eine Impfung, die sowieso die Arzthelferin verabreicht. Eine Depression dagegen ist eine potentiell tödliche Krankheit. Tut mir leid, wenn das zickig klingt, aber da hätte ich schon gerne jemanden als behandelnden Therapeuten, bei dem ich nicht sofort ein schlechtes Gefühl habe.


Schöne Überleitung zu THERAPEUT 5, denn natürlich habe ich nicht aufgehört, nur weil ich EINEN Termin bekommen habe. Den Fehler habe ich oft genug gemacht, dieses Mal würde mir das aber nicht passieren.

Dieser Mensch hatte tägliche Sprechzeiten zwischen halb 9 und 9 – der Wahnsinn! – und war am Telefon schlicht unhöflich. Seine Reaktion auf meine Frage nach einem Therapieplatz bestand dann auch aus einem entnervten Seufzen. Anschließend sagte er mir, dass er gerade nicht in der Stadt ist und ich deshalb am nächsten Tag nochmal anrufen soll. Ich bejahte und legte auf im vollen Bewusstsein, das ich das nicht schaffen würde. Es war ja purer Zufall gewesen, dass ich an diesem Tag so früh wach gewesen bin. Ich habe jahrelang abends und nachts gearbeitet und auch wenn meine aktuellen Arbeitszeiten zu meinem Leidwesen früher beginnen habe ich erhebliche Probleme damit, abends ins Bett zu gehen und morgens wieder aufzustehen.

Damit bin ich nicht alleine. Schlafstörungen sind ein häufiges Depressionssymptom. Daran könnte man ja vielleicht mal denken, bevor man Sprechzeiten plant. Oder, noch besser: Man richtet eine Terminanfrage per Mail ein. Das würde dann auch den vielen Menschen mit Telefonphobie entgegen kommen. Aber so eine Möglichkeit hatte kein einziger der 22 Therapeuten auf den einschlägigen Seiten zur Verfügung gestellt.

Warum überrascht mich das bloß nicht.


Die Sprechstundenhilfe von THERAPEUTIN 6 war dagegen sehr nett. Helfen konnte sie mir trotzdem nicht. Ihre Chefin macht keine Erstgespräche mehr, sondern nur noch einmalige „Orientierungsgespräche“, weil die Wartezeit auf einen Therapieplatz bei ihr ein Jahr beträgt.

Ein Jahr.

Ich habe mich trotzdem mal dafür vormerken lassen. Es ist Ende Januar, also muss ich auch darauf fast drei Monate warten. Und ich muss ein paar Tage vorher nochmal anrufen, um den Termin zu bestätigen, da er sonst verfällt. Eine weitere kleine Hürde, an der nicht wenige scheitern.


Bei THERAPEUT 7 hörte ich das gleiche wie bei Nummer 2: Der Herr mache das momentan nicht mehr. Das geht im Übrigen nur, weil beide Therapeuten außerdem noch Internisten sind.

Ich weiß nicht, wieso man sich eine solche doppelte Ausbildung antut. Wer therapeutisch arbeiten, aber außerdem Mediziner sein will – vielleicht, um Medikamente verschreiben zu dürfen – würde doch logischerweise eher den Weg zum Psychiater einschlagen, oder?

Aber was auch immer die Gründe sind: Bei der momentanen Situation würde ich vermutlich auch lieber als Hausarzt arbeiten statt als Therapeut.


Es stellte sich im Laufe des Telefonats dann noch heraus, dass ich in einer Gemeinschaftspraxis gelandet war und die Kollegin noch Termine frei hatte. Allerdings stand die nicht auf meiner Liste, weil sie nur Verhaltenstherapie anbietet. Ein dritter Kollege, der auch zur Praxis gehörte, stand dagegen drauf, aber er – THERAPEUT 8 – hatte leider auch nichts mehr frei.

Das war ein Misserfolg auf ganzer Linie, aber wenigstens hatte ich mir auf die Weise einen Anruf gespart. Die Frage, ob ich eine Bescheinigung für die Krankenkasse bekomme, wurde dagegen wieder verneint. „Sowas machen wir nicht.“ Na dann.

Insgesamt war das ein sehr, sehr anstrengender, überaus erfolgloser Telefon-Tag. Ich bin dann danach noch zehn Stunden arbeiten gegangen. Ich versuche ja trotz allem, meinen Job zu erledigen, ne. Ich bin ja nicht der Gesundheitsminister.


Der Dienstag war schlimm. Ich wollte insgesamt vier Therapeuten anrufen. Einer hatte Sprechstunde, ging aber nicht an, und die anderen beiden hatten in der nur wenige Tage dauernden Zeitspanne zwischen der Suche nach ihren Sprechzeiten und meinen Anrufen die Sprechzeiten geändert. Sie haben sie nämlich reduziert, beide auf je 2×30 Minuten die Woche.

Und da drängte sich mir eine Frage auf.

Letztes Jahr wurde beschlossen, dass Psychotherapeuten mit Kassensitz insgesamt 200 Minuten die Woche für Telefonsprechstunden aufwenden müssen. Ich war kein Fan dieser Regelung. Diese Sprechstunde dürfen sie nämlich auch auf eine Praxishilfe abwälzen, die dann, obwohl sie dafür nicht qualifiziert ist, unter Umständen entscheiden muss, ob der Anrufer wirklich Hilfe braucht oder nicht. Darüber hinaus glaubte ich, dass auf diese Weise Zeit für echte Therapiesitzungen knapper werden würde.

Aber wenn ich sowas sehe, muss ich mich ernsthaft fragen, was ich mir bei diesem Standpunkt gedacht habe. Vielleicht hat mich die Zahl verwirrt: Zweihundert. Das klingt nach so viel. Tatsächlich sind das aber ja nicht mal dreieinhalb Stunden wöchentlich. Ist es wirklich zu viel verlangt, eine so kurze Zeit jede Woche für das Telefon zu reservieren, zumal es ja keine andere Möglichkeit gibt, die Therapeuten zu erreichen? Und das, obwohl ihnen sogar erlaubt ist, dafür eine Praxishilfe einzustellen? Wird da vielleicht versucht, Geld für so jemanden zu sparen, obwohl Therapeuten bei ihrer Arbeit jetzt wirklich nicht gerade arm werden? Ist der monatliche finanzielle Aufwand – 4×3,5 Stunden, sprich magere 14 Stunden für vermutlich nicht viel mehr als den Mindestlohn – für eine Aushilfe auf gar keinen Fall zu stemmen, obwohl das für den Therapeuten selber mehr Freizeit bzw. mehr Zeit für Patienten, also MEHR Geld, bedeuten würde?

Ich weiß es nicht. Ich halte es jedenfalls für eine Frechheit… und illegal ist es ja nun auch. Nur scheint das niemanden zu interessieren.

Genauso wenig wie die nun schon zweimal gehörte Auskunft, dass in der Praxis gerade gar keine Psychotherapie stattfindet. Was passiert in so einem Fall mit den ohnehin zu knapp bemessenen Kassensitzen? Blockieren diese Leute sie weiter, obwohl sie keine Patienten annehmen? Müssen sie die Sitze abgeben? Kontrolliert das überhaupt jemand? Irgendjemand? Und falls ja, warum werden die betreffenden Personen noch in der aktuellsten verfügbaren Therapeutenliste geführt?

Ich weiß, dass diese ganze Situation auch für viele Therapeuten schrecklich ist. Aber hier hört mein Verständnis auf. Es tut mir leid, aber ein bisschen Service muss sein. Und wer keine Therapien anbieten will, sollte keinen Kassensitz haben. Alles andere verschärft die ohnehin extrem angespannte Lage noch viel mehr.


Immerhin erreichte ich an diesem Tag noch THERAPEUTIN 9. Aber sie hat keinen Platz für mich, auch nicht auf der Warteliste. Das ist schade, weil sie sehr nett klang, aber sie meinte, dass die Leute, die JETZT bei ihr Therapie anfangen, im FEBRUAR ihr Erstgespräch gehabt hätten. Das wolle sie neuen Patienten nicht zumuten.

Sie wollte mir außerdem, ganz was neues, keine Bescheinigung geben. Laut ihrer Erfahrung ginge das auch so. Allerdings sei ein Kostenerstattungsverfahren momentan ohnehin „schwierig“ – weshalb sie mir alle Daumen drückt.

Diese nette Geste konnte leider nicht die Tatsache verhehlen, dass diese ganze Sache bis jetzt sehr, sehr anstrengend war. Dabei war ich noch nicht mal zur Hälfte mit meiner Liste durch.


Mittwoch. Die beiden ersten Therapeuten gingen trotz Sprechstunde nicht ran. Bei einem dauerte die sogar nur 20 Minuten. Wieso schafft man es nicht mal, ZWANZIG MINUTEN am Telefon zu sitzen?

Auf Twitter mutmaßte jemand, dass der Herr möglicherweise eine veraltete Telefonanlage hat, die kein Besetztzeichen sendet, wenn er gerade mit einem anderen Anrufer beschäftigt ist. Aber sorry… wir haben 2018? Welches Telefon besitzt diese Funktion nicht? Aber selbst, wenn es Dank irgendeiner Raum-Zeit-Anomalie wirklich so sein sollte, dass er mit einem Gerät telefoniert, das definitiv ins Mittelalter gehört… wieso kauft er dann nicht ein neues? Auch zu teuer? Obwohl vermutlich als verdammt noch mal notwendige Praxisausstattung von der Steuer absetzbar? Oder hängen einfach zu viele kostbare Erinnerungen dran?

Ich tat das hier jetzt bereits seit einer Woche. Es war anstrengend. Es war SO anstrengend.


THERAPEUTIN 10 hat auch keine Plätze mehr. Die Sprechstundenhilfe meinte, ich solle im Februar wieder anrufen, dann könne man mich VIELLEICHT auf die Warteliste setzen. Ihre Chefin ist nämlich eigentlich Gynäkologin und therapiert erst nach Feierabend.

Ist das nicht ein SCHÖNES Hobby? Nach Feierabend noch ein bisschen rumtherapieren! Und vermutlich trotzdem einen ganzen Kassensitz besetzen! Damit wäre sie die dritte Kandidatin auf meiner Liste, die das eigentlich nur nebenher oder gleich gar nicht macht!

Ich seufzte innerlich und fragte standardmäßig nach einer schriftlichen Absage. Standardantwort: „Sowas machen wir nicht.“ Zwischenzeitlich hatte mich allerdings jemand gefragt, wieso die das nicht machen, also gab ich diese Frage an die Sprechstundenhilfe weiter.

Die Antwort war köstlich.
„Also erstens, weil Sie ja keine Patientin bei uns sind.“ – was ja… ähm… logisch ist? Wäre das anders, bräuchte ich ja die beschissene Absage nicht?
„Und zweitens gibt es von der kassenärztlichen Vereinigung eine ewiglange Liste mit Therapeuten, die Sie vorher fragen können.“

Mit aller Freundlichkeit, die ich nach so viel geballter Blödheit noch aufbringen konnte, teilte ich der Dame mit, dass ihre Chefin bereits die zehnte Therapeutin ist, die ich anrufe, und ich die Bescheinigung gerne hätte für die Krankenkasse.
„Wieso?“
„Für eine mögliche Kostenerstattung.“
Das verstand sie nicht. Also erklärte ich es ihr. ICH, die Patientin – IHR, der fucking SPRECHSTUNDENHILFE.

Antwort: „Davon habe ich ja noch nie gehört.“
Ach.
„Das geht auch nicht – die Krankenkassen bezahlen nur Therapeuten mit Kassensitz.“ Das sagte sie mit deutlich scharfen Unterton. Es war offensichtlich, dass sie von mir genervt war.
Aber das war einfach mehr, als ich stumm hinnehmen konnte. „Nein, das stimmt nicht,“ sagte ich – und erklärte es ihr NOCHMAL.

Sie glaubte mir nicht. „Das kann ich mir wirklich nicht vorstellen. Aber Sie können ja auch nicht erwarten, jetzt sofort einen Termin zu bekommen.“
Wow.
„Ähm, das erwarte ich überhaupt nicht, aber ich habe bisher fast nur Absagen, also…“
Daraufhin erklärte sie mir überheblich, dass ich ja auch jederzeit für eine ambulante Therapie in eine Tagesklinik gehen könne.

Einen Moment lang war ich sprachlos. Ich fand es megafrech von ihr, mich einfach so an die Tagesklinik zu verweisen, als wäre das im Vergleich nicht ein gewaltiger Unterschied, der mein ganzes Leben auf den Kopf stellen würde. Aber irgendwas an ihrer Aussage verunsicherte mich – meinte sie etwa, es gäbe in der Tagesklinik auch ambulante Therapien im Sinne von einstündigen Sitzungen jede Woche? Ich fragte nach. Die Antwort war ein arrogantes „Ja“.

Damit hatte sie mich. Davon habe ICH nämlich noch nie gehört. Ich verabschiedete mich, aber weil ich mir das absolut nicht vorstellen konnte, rief ich sofort in der örtlichen Tagesklinik an, um mich danach zu erkundigen.

Um es kurz zu machen: Nein, so etwas machen die dort NICHT. Wusste ich’s doch!!!

Ich überlegte, die Tussi wieder anzurufen, um ihr zu sagen, dass sie Scheiße erzählt. Stattdessen habe ich dann lieber ein bisschen geheult.


Kurz darauf war es Zeit, THERAPEUTIN 11 anzurufen, die mich nachhaltig verstörte, weil sie exakt genauso klang wie meine tote Stiefoma. Aber wenigstens hatte ich sie am Telefon. Doch auch hier keine guten Neuigkeiten.

Positiv: Sie war die erste, die mich über meinen bisherigen Behandlungsverlauf ausfragte. Sie wollte wissen, wann ich meine Therapie abgebrochen hatte. „Das ist schon länger als zwei Jahre her,“ antwortete ich – weil man nach Ende einer Therapie, egal wie dieses aussah, mindestens zwei Jahre warten muss, bis die Kasse eine neue genehmigt.

Das ist zumindest die Geschichte, die von den Krankenkassen selbst erzählt wird. In Wahrheit ist es natürlich so, dass man selbstverständlich jederzeit Anspruch auf eine Therapie hat bei entsprechendem Gesundheitszustand. Wie soll man sich das denn auch sonst vorstellen? „Hm, Sie sind also akut selbstmordgefährdet, aber ich sehe, Sie haben Ihre letzte Therapie erst vor eineinhalb Jahren beendet, also müssen Sie wohl noch ein halbes Jahr durchhalten, sonst haben Sie leider Pech gehabt“?

Sie war ein bisschen beeindruckt davon, dass ich von dieser 2-Jahres-Sperre wusste, die mich ja nicht betrifft, aber dennoch tat sie so, als würde das alles furchtbar verkomplizieren. Sie ließ sich lang und breit darüber aus, wie schwierig das momentan alles sei, da ja so viele Leute Therapieplätze suchen, und machte direkt klar, dass eine Therapie mit 50 Stunden (so lange kann die Krankenkasse eine Therapie genehmigen) mit ihr auf gar keinen Fall drin ist. Sie könne mir sowieso momentan nur ein Kennenlerngespräch anbieten – das sei aber KEINE Zusage zu einer Therapie.

Ich war inzwischen von der Frau nicht mehr besonders angetan, wollte den Termin aber trotzdem mitnehmen. Vermutlich einfach nur deswegen, weil ich mal wieder etwas anderes als eine Absage haben wollte. Wir einigten uns auf ein Datum kurz vor Weihnachten. Sie wollte mir dann noch erklären, wo ich bei ihr am besten parke, woraufhin ich ihr sagte, dass ich gar kein Auto habe.

„Sie kommen mit dem BUS? Nee, dann lassen wir das besser mal.“

… Ähm. Was?

„Äh, Moment, ich gucke mal gerade nach Ihrer Straße…“ Sie wohnte etwas außerhalb und tatsächlich sagte mir Google Maps, dass ich zu ihr eine halbe Stunde mit dem Bus unterwegs sein würde, aber mein Gott, was soll ich denn sonst machen?

Ich hatte den Eindruck, dass sie nur nach einem Grund suchte, mich abzulehnen. Während sie ohne Punkt und Komma redete, wollte ich sie höflich unterbrechen und ihr sagen, dass eine halbstündige Busfahrt erträglich ist im Vergleich zu der 30km langen Reise, die ich wohlmöglich auf mich nehmen müsste, würde ich auf die kassenärztliche Vereinigung zurück greifen, aber sie ließ mich nicht zu Wort kommen. „Sie hören mir jetzt mal zu!“ schnarrte sie. Was zur Hölle?

Irgendwann kam ich doch zu Wort. Das Argument mit der kassenärztlichen Vereinigung sah sie ein. Aber zwischenzeitlich war mir beim Betrachten der Adresse der Gedanke gekommen, dass ich bei dieser Frau schon mal ein Gespräch HATTE – auch wenn es gut fünf bis sieben Jahre her ist.

Meine damalige erfolglose Suche nach einem Therapieplatz hatte mir immerhin drei Termine eingebracht. Eine Therapeutin davon war toll, hatte aber keinen Platz frei, der zweite Therapeut war vollständig übergeschnappt, beleidigte mich während unseres sehr kurzen Gesprächs mehrmals und hatte im Wartezimmer Sektenzeitschriften liegen.

Und die dritte Therapeutin… konnte sie das sein? Die mich in dem Moment als unorganisiert und chaotisch abgestempelt hatte, als klar war, dass ich leider meine Überweisung verloren hatte, nach zehn Minuten Gespräch glaubte, der Grund dafür läge darin, dass meine Mutter und mein Stiefvater trotz jahrzehntelanger Beziehung niemals geheiratet haben (denn „nicht verheiratet“ war für sie offensichtlich Synonym für „ungeordnete Verhältnisse“) und sich davon auch unmöglich wieder abbringen ließ und die mir außerdem verbot, ihre Taschentücher zu benutzen, weil sie die für ihre spätere Gruppentherapie aufheben wollte?

Wenn sie es war, wollte ich auf gar keinen Fall zu ihr gehen. Dabei war ich damals so verzweifelt gewesen, dass ich mit ihr tatsächlich noch einen Folgetermin vereinbarte, den sie schließlich absagte, indem sie einen Brief an meine Heimatadresse, sprich: MEINE MUTTER schrieb. Sie hatte nämlich meine Telefonnummer nicht richtig aufgeschrieben. Wer ist hier bitte unorganisiert und chaotisch?

Ich war mir nach dem Telefonat nicht hundertprozentig sicher, dass sie mit dieser Frau identisch war, und wollte den Termin nicht auf Verdacht absagen. Inzwischen hat sich dieser Verdacht jedoch erhärtet. Der Termin wird gestrichen.

Was für eine gigantische Zeitverschwendung. Ich war so unfassbar müde.


Als letztes war an diesem Tag THERAPEUTIN 12 dran. Es meldete sich allerdings nur ihr Mann, der mir dann doch tatsächlich ihre Mailadresse gab. Das hat mich dann ja schon überrascht.

Ich schrieb eine Mail, die ich wirklich hasste. Sie klang wie eine Bewerbung. Solche Mails sollten nicht wie Bewerbungen klingen. Und so etwas zu schreiben wie „Ich wäre sehr froh, wenn Sie mich wenigstens auf die Warteliste setzen könnten“ finde ich sehr bitter.

Sie antwortete innerhalb von zwei Tagen. Sie bedankte sich für die Mail und bat mich, dass ich sie in ihrer offiziellen Sprechstunde nochmal anrufe. Hach. Wäre ja zu einfach gewesen.


Donnerstags war ich wieder bei meinem Hausarzt, um mit ihm die Möglichkeit einer Kur zu besprechen (was hier gerade definitiv nicht hingehört, weil der Beitrag eh schon alle Grenzen sprengt). Als ich ihm erzählte, was ich mir von der kassenärztlichen Vereinigung hatte anhören müssen, fiel ihm alles aus dem Gesicht.

Er war sichtlich stinksauer. Kein Wunder, dass ich ihn inzwischen mag. Ausschweifend ließ er sich über die Gesamtsituation aus, unter der inzwischen sogar Hausärzte leiden. Er meinte, 10% seiner Arbeit besteht bereits darin, seinen Patienten Facharzttermine oder Klinikplätze zu vermitteln, weil sie selbst keine Chance haben.

Er beschwor mich außerdem, darüber zu reden. Ich solle um Gottes Willen öffentlich machen, wie sehr dieses ganze System an den Rande eines Kollaps hinsteuert. Das wäre sehr, sehr wichtig.

An der Stelle musste ich laut lachen. Das tat gut. Ich hatte das Gefühl, schon sehr lange nicht mehr gelacht zu haben.


Ansonsten habe ich an diesem Tag trotz offizieller Sprechzeiten erneut zwei Therapeuten, die ich jetzt schon öfters angerufen hatte, nicht erreicht. Dafür einen anderen – THERAPEUT 13. Nix frei bei dem. Er führt auch keine Warteliste mehr, denn die Entscheidung, ob ich würdig bin, bei ihm Therapie zu machen, fällt erst in einer einmaligen therapeutischen Sprechstunde.

Und dafür stehe ich nun auf der Warteliste. Strenggenommen ist das die Warteliste für die Warteliste. Da fällt einem doch nichts mehr zu ein.

Aber möglicherweise ist das gar nicht schlimm – das Gespräch verlief nämlich wirklich seltsam. Als ich ihm sagte, dass er schon die 13. Person ist, mit der ich telefoniere, ist er völlig unnötig bissig geworden. Die Leute würden sich ja keine Vorstellungen darüber machen, wie ein Therapeut eigentlich arbeitet. Das sei ja nicht so wie bei einem Hausarzt, der jeden Tag 100 verschiedene Patienten hat. Ein Therapeut dagegen sieht jede Woche die selben Patienten und das für 25 oder 50 Wochen, je nach Therapielänge. Als würde ich das nicht wissen. Das ist jetzt wirklich keine Raketenwissenschaft.

Anscheinend hatte ich da irgendeinen sehr empfindlichen Nerv getroffen. Ich kam mir ein bisschen runtergeputzt vor und spürte das Bedürfnis, mich zu rechtfertigen.
„Ich weiß das ja und das ist ja auch nicht Ihre Schuld. Das Problem ist, dass es zuwenig Kassensitze gibt.“
„Da stimme ich Ihnen zu, aber weder Sie, noch ich werden daran was ändern können.“

Hm. Das werden wir ja sehen, Herr Doktor. Das werden wir ja sehen.

Ich hasse solch fatalistischen Aussagen. Da gefällt mir die Haltung meines Hausarztes besser. Offensichtlich.

Als letztes fragte er, ob ich eher morgens oder mittags Zeit hätte. „Mittags,“ antwortete ich.
„Ach ja, das wollen ALLE!“ schnauzte er.
Hallo?


Bei THERAPEUT 14 sah es terminlich ganz ähnlich aus. Keine Warteliste, mit einem Termin könne ich erst in frühesten vier Monaten rechnen, aber nur, wenn ich zeitlich flexibel bin. Ich habe keine Ahnung, wie ich dann werde arbeiten müssen, aber ich bekomme meinen Dienstplan eh von Woche zu Woche, also was soll’s.

Er meinte, er meldet sich, aber wenn das in 8-10 Wochen nicht passiert ist, solle ich nochmal anrufen. Zu dem Zeitpunkt war ich einfach nur noch erschöpft. Ich hatte sogar aufgehört, nach Absagen zu fragen. Bringt ja eh nix.


THERAPEUTIN 15 hat auf mich einen besonders kompetenten Eindruck gemacht, als ich mir ihre Website wegen ihrer Sprechzeiten ansah. Sie scheint auch einen guten Ruf zu haben. Deshalb war ich null überrascht, als ihre Sprechstundenhilfe mir mitteilte, dass nichts frei ist und sie mich auch nicht auf die Warteliste setzen kann.

Der Art, wie diese Frau mit mir sprach, entnahm ich, dass sie das geübt hatte. Sie klang distanziert und kalt wie ein Roboter und ratterte eine Standardantwort runter. Vermutlich muss man sich selbst innerlich abtöten, wenn der Job einen zwingt, so viele verzweifelte Menschen abzuweisen.

Ich solle es im Januar wieder probieren… was auch etwas ist, was ich einfach nicht verstehe. Denken die, die Situation ändert sich in ein paar Monaten und plötzlich haben sie massig Plätze frei? Wollen die einfach nur sehen, ob ich verzweifelt genug bin? Ist man nur dann würdig oder therapiefähig? Genau das hat mich bei meinen bisherigen Versuchen immer so entmutigt. Es hat schon so viel Kraft gekostet, überhaupt anzurufen und dann kriege ich als Antwort nur, dass ich es nochmal probieren soll? Kein Wunder, dass ich das nie gemacht habe. Gar nicht konnte.

Ich glaube, eine klare Absage wäre mir da fast lieber. So eine Aussage ist doch nichts halbes und nichts ganzes. Und im Prinzip auch nichts anderes als eine Warteliste zu führen, nur mit dem Unterschied, dass die Arbeit auf diese Weise am Patienten hängen bleibt.


THERAPEUTIN 16 klang nett und wollte einiges über meine Krankengeschichte wissen. Sie hatte zwar keinen Therapieplatz, aber einen „Kennenlerntermin“ in zwei Wochen frei.

Das habe ich sehr gefeiert. Nicht gefallen hat mir allerdings, dass sie bereits bei diesem kurzen Gespräch versucht hat, mich zu Antidepressiva zu drängen. Das möchte ich aber nicht mehr. Ich bin zufrieden mit Elontril, das mir bei meinem Antrieb hilft.

Ich weiß allerdings nicht, wie Ernst ihr das ist. Ich habe gelesen, dass es Therapeuten geben soll, die sich ohne gleichzeitige medikamentöse Behandlung weigern, überhaupt was zu machen. Ich glaube aber nicht, dass ADs immer so sinnvoll sind, eher sogar im Gegenteil. Und die Rumprobiererei frisst auch scheißviel Energie und so wirklich gesund ist das auch nicht. Ich will das einfach nicht mehr.


Am Freitag erreiche ich niemanden.


Montag auch nicht.


Am Dienstag erreichte ich THERAPEUT 17 – einen Mann mit langen Sprechzeiten, der trotzdem nie da war und auch keine Bandansage hatte. Ich hatte insgesamt achtmal angerufen.

Für den verdammten Aufwand hat sich das Gespräch nicht wirklich gelohnt.

„Hallo. Ich wollte fragen, ob Sie noch Therapieplätze frei haben.“
„Nein, keine mehr,“ antwortete er ausdruckslos.
„Ah. Auch keine Warteliste?“
„Nein, auch nicht.“
„Oh. Okay. Naja. Dann Dankeschön.“
„Entschuldigung. Entschuldigung.“
„Ja. Danke. Ciao.“

Dann legte ich langsam auf. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Mir fehlte für beides die Energie.


THERAPEUTIN 18 war auch irgendwie komisch, aber auf eine ganz andere Weise.
„Worum geht es denn bei Ihnen?“
„Depression und Anpassungsstörung.“
„Was machen Sie beruflich?“
Nennt mich pingelig, aber ich finde die Frage jetzt nicht sooo wichtig, um sie als zweites zu stellen?
„Äh… ich habe einen Uniabschluss, aber momentan arbeite ich auf Teilzeit bei einem Taxidienst.“
„Hm. Momentan sieht es schwierig aus. Ende Januar vielleicht oder…“
Sie führte das noch weiter aus. Und fragte dann: „Was haben Sie denn studiert?“

Nochmal: Ist das in diesem Zusammenhang sooo wichtig? Ich weiß nicht, wieso mich das so störte, aber irgendwas daran fand ich richtig ärgerlich.

Das Gefühl erhärtete sich, als sie mich fragte, ob ich bereit wäre, Gruppentherapie zu machen. Das bin ich eindeutig nicht – davon hatte ich während meines Klinikaufenthalts genug. Das möchte ich nie wieder machen.
Das sagte ich ihr, und zwar genau so. Antwort: „Hm, können wir ja mal sehen.“

Nein. Nein, das können wir NICHT „mal sehen“. Wenn ich sage, dass ich das nicht möchte, dann ist das zu akzeptieren. Argh.

Ich bekam einen Termin für ein Kennenlerngespräch im Januar. Ich glaube nicht, dass das was wird.


THERAPEUTIN 19 fragte mich dann etwas, was mich kein einziger der anderen Therapeuten gefragt hat: Worum es denn bei meiner Anpassungsstörung ginge.

Ich hätte fast laut gelacht. „Das ist eine sehr gute Frage. Die Diagnose stand damals als ICD-10-Nummer im Arztbrief, den ich bei meiner Entlassung bekommen habe. Ich habe nicht die geringste Ahnung, worauf sich das beziehen soll. Darüber hat während meiner ganzen Zeit in der Klinik nie jemand mit mir geredet.“
„… oh.“
„Ja. Haha.“

Ich glaube, das fand sie tatsächlich auch ein wenig witzig. Wobei ich das natürlich eigentlich nicht witzig finde – höchstens auf so eine „Ich lache mal lieber darüber, weil ich ansonsten laut schreien muss“-Art. Das ist doch einfach alles Scheiße.

Ich soll mich Mitte Dezember wieder melden.


THERAPEUTIN 20 hatte schließlich tatsächlich auch ein Kennenlerngespräch im Januar für mich, nachdem sie zuerst versucht hat, mich an ihren Mann weiter zu reichen, der Verhaltenstherapie anbietet.


Und damit wären wir am Ende.

Wenn ihr aufgepasst habt, werdet ihr feststellen, dass noch zwei Therapeuten fehlen. Einen davon habe ich insgesamt vierzehn Mal angerufen – und kam immer nur bis zur Bandansage, die mir mitteilte, dass ich außerhalb seiner Sprechzeiten anrufe. Ich habe, bis auf das erste Mal, niemals außerhalb der Sprechzeiten angerufen. Trotzdem habe ich ihn nie erwischt. Ich glaube ehrlich gesagt inzwischen, dass dieser Mann ein Mythos ist und eigentlich gar nicht existiert.

Die andere Therapeutin habe ich immer verpasst, weil sie jede Woche ihre Sprechzeiten ändert. Das habe ich aber jedes Mal erst dann gemerkt, wenn die Sprechzeiten für die laufende Woche schon vorbei waren. Das ist besonders deswegen tragisch, weil mir das Konzept auf ihrer Website wirklich, wirklich gut gefallen hat. Wenn ich mir bei einer ein Erstgespräch hätte wünschen dürfen, wäre sie es geworden.

So, wie es ja auch eigentlich sein sollte: Man geht zu dem Therapeuten, der der am besten zu einem passt. Die Realität sieht allerdings so aus, dass man zu dem geht, der halt gerade was frei hat. Und man dann feststellt, dass es tatsächlich gar nicht passt… wer hat nach einer solchen Odyssee die Kraft und den Mut, einen Therapeuten abzulehnen? Wieder von vorne anzufangen?


Um das noch einmal kurz zusammen zu fassen.

Ich habe in den letzten drei Wochen rund 65 Mal zum Hörer gegriffen und versucht, jemanden zu erreichen. Ja, das habe ich gezählt.

Das hat 65 Mal Überwindung gekostet, aber bei nicht mal jedem dritten Anruf hob überhaupt jemand ab, obwohl ich mich an die Sprechzeiten gehalten habe.

Ich habe 20 Therapeuten gesprochen. Zwei blieben drei Wochen lang praktisch unerreichbar.


Endergebnis:

– 2 Plätze auf einer Warteliste.
– 6 Absagen.
– 5 Bitten um Rückruf – irgendwann zwischen demnächst und in vier Monaten.
– 1 „Ich melde mich nochmal“.
– 1 „einmaliges Orientierungsgespräch“.
– 4 Kennenlerntermine, von denen ich einen absagen werde.
– 1 Termin, aus dem was werden könnte.


Der eine Termin – der einzige, aus dem wirklich was werden könnte – ist schon vorbei. Er war bei Therapeutin 4, die innerhalb von zwei Tagen Zeit für mich hatte. Sie wirkt viel kompetenter, als ich sie mir vorgestellt habe. Auch irgendwie in sich ruhend… wie jemand, der mit sich selbst im Reinen ist. Und sie ist… nett. Es gibt viel zu viele Therapeuten, die nicht mal das sind. Ob was daraus wird? Ich weiß es nicht. Aber ich gebe der Sache eine Chance. Den nächsten Termin habe ich am Mittwoch.

Und doch weiß nicht, was ich dabei fühlen soll. Ich habe all dies aufgeschrieben, um zu demonstrieren, was schief läuft. Und dann hatte schon die vierte Therapeutin innerhalb von zwei Tagen Zeit für mich. Es wird Leute geben, die darin eine Bestätigung sehen werden: Anscheinend funktioniert das System ja doch.

Aber das tut es nicht. Die letzten drei Wochen waren wie ein Ausflug in den inneren Kreis der Hölle. Es gab Tage, an denen ich praktisch mit überhaupt nichts anderem beschäftigt war. Ich habe sehr viel geweint, mich aufgeregt und bin meinem Freund gewaltig auf den Sack gegangen, der mich immer trösten musste.

Der bräuchte übrigens auch eine Therapie. Ratet mal, warum er sich bisher nicht darum gekümmert hat.


Dieser Beitrag hat fast 7000 Wörter. Das ist vollkommen bekloppt. Ich habe keine Ahnung, ob es überhaupt jemand bis hierhin geschafft hat. Vielleicht schreibe ich die letzten Zeilen für niemanden. Aber trotzdem schreibe ich sie und hoffe, sie werden gelesen und verstanden:

Sagt mir nie, nie wieder, dass ich mir Hilfe suchen soll, als wäre das etwas, was man halt mal so machen kann im Vorbeigehen und das dabei überhaupt nicht weh tut.

Nie wieder.


An dieser Stelle sollte ich Schluss machen. Aber tatsächlich habe ich doch noch was zu sagen. Es handelt sich um eine Bitte… und einen Appell.

Wenn ihr noch könnt… bitte hier entlang >>>>> klick

Ein paar Hintergrundinfos zur Methodik der Krankenkassen hatte ich bereits hier verbloggt.


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„Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Hier finden Sie Hilfe.“

Dieser Artikel erschien erstmals am 1. August 2017 bei „Die Kolumnisten“

Diesen Satz habe ich die letzten Tage so oder ähnlich dutzende Male gelesen. Er findet sich zusammen mit den Nummern der Telefonseelsorge am Ende fast jeden Artikels zum Tode Chester Benningtons, der sich am 20. Juli das Leben genommen hat. Dieser kleine Zusatz ist die wohl sichtbarste Maßnahme, zu der sich viele Redaktionen seit Jahren selbstverpflichtet haben, um den Werther-Effekt zu vermeiden.

Der Werther-Effekt: Benannt nach Goethes tragischer Romanfigur beschreibt er die messbare Zunahme der Selbstmordrate in der Bevölkerung nach Suizidmeldungen. Aus diesem Grund empfiehlt der Deutsche Presserat, über Selbstmorde nur zu berichten, wenn sich das – wie bei einem Musiker mit Millionen Fans – nicht vermeiden lässt. Für solche Fälle gibt es wiederum einen von der Deutschen Depressionshilfe heraus gegebenen Katalog mit Richtlinien, welche die Gefahr der Nachahmung minimieren.

Nachahmungstaten sind tatsächlich deutlich zurückgegangen, seitdem sich zumindest die seriösen Medien daran halten. Der Grund ist offensichtlich. Wer will sich schon vorwerfen lassen, indirekt für den Tod von Menschen verantwortlich zu sein, noch dazu, wenn diese psychisch krank sind? Also werden Details zur Tat ausgespart, bei der Berichterstattung Distanz gewahrt, Hilfsangebote ergänzt. Und während der Richtlinienkatalog vorbildlich befolgt wird, erklärt man Kollegen und Lesern auch gleich wieso. Schreiben über den Werther-Effekt – sehr meta, aber auf diese Gefahr muss einfach hingewiesen werden.

„Hier finden Sie Hilfe.“ Leider kann ich nicht sagen, wie viele Selbstmorde durch dieses mustergültige Beispiel journalistischen Verantwortungsbewusstseins verhindert worden sind. Ich weiß nur, dass in den neun Tagen zwischen Benningtons Tod und dem Schreiben dieser Zeilen 246 Menschen in Deutschland Selbstmord begangen haben.

Mediale Belanglosigkeit

Zweihundertsechsundvierzig, im Schnitt natürlich. 27 jeden Tag, einer alle 53 Minuten. Insgesamt 10.000 jährlich. Die Zahl der versuchten Selbstmorde ist zehnmal so hoch, Dunkelziffer nicht mitgerechnet. Und 90% dieser Suizide betreffen Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Auch diese Zahlen liefert die Deutsche Depressionshilfe, sie stammen aus demselben Medienguide, in dem auch der Werther-Effekt beschrieben wird. Doch während die Infos dazu aufgeregt geteilt werden, ist diese unglaublich hohe Zahl an Selbstmorden keine große Meldung wert. Wieso auch, die Rate schwankt seit Jahren kaum und anders als die Tode durch den Werther-Effekts kann ein Journalist diese ja wohl nicht verhindern. Leute bringen sich eben auch um, ohne dass ein Star ihnen das vormacht. Leider.

Als depressiver Mensch, wie ich einer bin, leidet man ja zeitweise unter der fixen Idee, ein wertloser Schwächling zu sein. Bei all der Unwissenheit und Ignoranz, die sich nach Benningtons Tod wieder Bahn brach, ist das auch sehr leicht. Depression? Jeder ist doch mal traurig. Reiß dich halt zusammen!

Margarete Stokowski hat vor einigen Tagen gegen solche dämliche Ergüsse einen Artikel geschrieben. Mir hat er nicht besonders gefallen. Nicht nur beschreibt sie darin eigentlich Selbstverständlichkeiten (man staune – Depression ist tatsächlich eine ernste Krankheit! Ob diese schlichte Feststellung irgendeinen Internettroll nachhaltig überzeugt hat, wage ich zu bezweifeln) – sie liefert damit auch absolut nichts Neues. Solidarische Artikel dieser Art sind seit Jahren das einzige, was sämtliche Medien zu diesem Thema zustande bringen, gut gemeint, schlecht gemacht, immer neu aufgegossen, ohne Tiefgang. Fertig ist die neue „Depressionsdebatte“, als Sommerlochthema durchaus brauchbar.

„Die Betroffenen glauben, der Suizid sei ihr letzter Ausweg (…) ein krankheitsbedingter Irrtum: Es gibt Hilfe,“ schreibt Stokowski in diesem gefeierten Text. Für mich war der Satz ein Schlag in die Fresse. Hilfe? Ob sie damit wohl die Telefonseelsorge meint, die auch am Ende dieses Artikels wieder erwähnt wird? Die Telefonseelsorge, übrigens ein ehrenamtlicher Verein unter kirchlicher Trägerschaft, der kaum staatliche Mittel erhält und fast nur von Spenden lebt, rettet täglich Menschenleben, aber kein Telefongespräch kann eine psychische Krankheit heilen. Hilfe dieser Art können nur ausgebildete Psychologen bieten. Wenn man sie denn lässt!

Stokowski und all ihre Kollegen glauben offensichtlich, dass die Krankheit nur ihr Stigma verlieren muss und alle Probleme wären gelöst. Zumindest wäre dann ja der Weg frei zu einer Behandlung, vor der Betroffene dann nicht mehr aus Scham zurück schrecken würden.

Diese Scham existiert, ich kenne sie selber, aber der Rest ignoriert offensichtliche Missstände so gründlich, dass es mich jedes Mal erneut fassungslos macht.

Meine Depression wurde mit 20 diagnostiziert, vor 12 Jahren. Seitdem scheitere ich daran, eine adäquate Behandlung zu finden. Die Wurzel dieses Scheiterns liegt in der Krankheit selbst: völliger Antriebsmangel. Dieser lähmende Zustand, der gerne mit Faulheit verwechselt wird, ist für Nichtbetroffene schwer nachvollziehbar, aber dieser Text ist nicht dazu da, gesunden Menschen ein authentisches Gefühl von der Krankheit zu vermitteln. Es reicht, die Symptome zu kennen – und schon wird ersichtlich, wo die echten Probleme liegen.

Niemand kann einen Depressiven zwingen, sich Hilfe zu suchen, wenn dieser das nicht will. Doch ist dieser Entschluss gefasst, folgt eine Odyssee, die von jedem Betroffenen eigentlich haargenau das abverlangt, woran es ihm durch die Krankheit mangelt. Es ist, als ließe man einen Mann, der beide Beine verloren hat, erst das Matterhorn hoch kriechen, bevor auf dem Gipfel angekommen nagelneue Prothesen auf ihn warten.

Ein Sadismus, den Depressive aber über sich ergehen lassen müssen – und für den die Krankenkassen verantwortlich sind.

Der Sadismus der Krankenkassen

„Es gibt Hilfe.“ Selbstverständlich: Die Therapie einer potentiell tödlichen Krankheit wie Depression wird von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen. Soweit die Theorie. Bis es soweit ist, vergeht aber Zeit, und davon viel. Sofern man nicht schon am Telefon abgewimmelt wird, sind je nach Standort Wartezeiten bis zu 6 Monaten absolut üblich, in manchen Regionen dauert es sogar noch länger. Und das bezieht sich lediglich auf das Erstgespräch – in dem eigentlich nur festgestellt werden soll, ob Therapeut und Patient überhaupt miteinander klarkommen. Wie hoch allerdings die Hemmschwelle ist, einen unpassenden Therapeuten abzulehnen, auf den man so lange warten musste, ist leicht vorstellbar. Die Folge: fruchtlose Sitzungen, eine Therapie, die nicht hilft. Eben das erlebte ich, als ich gut 10 Jahre nach meiner Diagnose endlich eine ambulante Therapie beginnen konnte. Ich habe sie inzwischen abgebrochen.

Anders als häufig angenommen ist diese Situation kein Schicksal, dem man sich einfach fügen muss, weil nun mal in Deutschland nicht genügend Therapeuten existieren. Das Gegenteil ist richtig: Therapeuten gibt es reichlich – Kassensitze sind dagegen Mangelware. Die Anzahl dieser Sitze beruhen auf Bedarfsrechnungen der Krankenkassen, die nicht einfach nur veraltet sind, sondern auch schon zum Zeitpunkt ihrer Erhebung viel zu niedrig angesetzt waren.

Hinter solchen Rechnungen steckt ein kompliziertes System, aber man muss wirklich kein Experte sein, um zu erkennen, dass bei so langen Wartezeiten ganz offensichtlich mehr Kassensitze nötig sind. Genau diese Tatsache streiten die Kassen jedoch seit Jahren ab. Sie treten dabei auf wie Olaf Scholz, der in Anbetracht dutzender Zeugenvideos von prügelnden Polizisten weiterhin stur auf seinem Standpunkt beharrt, Polizeigewalt hätte es während G20 nicht gegeben. Die Kassen gehen allerdings noch einen gewaltigen Schritt weiter: Sie phantasieren eine Überversorgung herbei. So absurd, dass man darüber lachen müsste, wenn es hierbei nicht um kranke Menschen ginge, die während der langen Wartezeit nicht gesünder werden. Und anders als bei Olaf Scholz bleibt der kollektive Spott in den sozialen Medien aus.

Nun gibt es gesetzliche Vorgaben, um die Kassen für falsche Bedarfsrechnungen zu bestrafen: Wer unzumutbar lange auf einen Therapieplatz bei einem Kassentherapeuten warten müsste, kann sich eine Privatpraxis suchen und die Kosten (50-150 Euro pro Sitzung) dafür von der Krankenkasse zurück fordern. Aber auch das ist bloße Theorie.

Was bedeutet „unzumutbar“? Wie viele Absagen sind nötig, um sich für eine Kostenerstattung zu qualifizieren? Patientenvertreter finden: 3-5 Absagen sollten reichen. Halten müssen sich die Kassen an solche Empfehlungen allerdings nicht. Selbst wenn man alles richtig macht – heißt, den gesamten bisherigen Weg lückenlos dokumentiert, sich die Absagen der Kassentherapeuten schriftlich aushändigen lässt und bereits die Bestätigung eines Facharztes (auch hier gibt es allerdings exorbitante Wartezeiten) eingeholt hat, der die Dringlichkeit einer Therapie bescheinigt – werden 80% der Erstattungsanträge abgelehnt. Und das muss man schon fast Glück nennen: Wohl Dank des Internets, durch das sich Patienten leichter über ihre Rechte informieren können, hat sich die Zahl dieser Anträge seit Anfang des Jahrtausends zwar verfünffacht, aber sie werden bewusst verschleppt.

Achtzig Prozent. Das heißt nicht, dass ein zweiter (dritter, vierter, fünfter) Versuch nicht erfolgreich sein kann. Aber da hartnäckig zu bleiben, den Papierkram zu bewältigen – da würden auch viele gesunde Menschen kapitulieren. Als würde man dem Mann ohne Beine auf dem Gipfel des Matterhorns sagen: „Schön, dass du es geschafft hast, aber die Prothesen kriegst du erst, wenn du jetzt auch noch den Mount Everest besteigst. Und dieses Mal darfst du nur eine Hand benutzen.“ Ja, total zumutbar.

Im Januar 2016 wurden von den Krankenkassen Servicestellen eingerichtet zur zeitnahen Vermittlung von Facharztterminen. Innerhalb von vier Wochen sollen Patienten künftig Termine bekommen. Darüber wurde auch berichtet. Was vielen dabei allerdings nur eine Randnotiz wert war: Psychotherapeuten wurden aus dieser Regelung ausgenommen.
Nun weiß ich selbst, wie ätzend eine Facharztsuche ist. Aber als ich einmal einen Nuklearmediziner brauchte, bin ich dafür ins Krankenhaus gegangen. Ich musste zwar ein paar Stunden warten, aber dann wurde ich am selben Tag behandelt. Diese Möglichkeit haben Menschen mit körperlichen Erkrankungen oder Verletzungen jederzeit, wenn es dringend ist, aber für Depressive gibt es sowas nicht. Eine Psychiatrie ist da keine Alternative, dort finden keine Therapien statt. Man wird in einem sehr stressigen Umfeld verwahrt, stabilisiert und dann irgendwann wieder heim geschickt – ohne weitere Behandlung.

Erst am 1. April 2017 haben die Kassen diese neue Regelung ausgeweitet. Seitdem müssen die Therapeuten zwei Stunden die Woche für Sprechstunden freihalten, außerdem müssen sie 200 Minuten wöchentlich telefonisch erreichbar sein, wobei letzteres auch auf eine Praxishilfe abgewälzt werden darf. Unter Umständen soll also eine Sprechstundenhilfe, die im Regelfall keinerlei psychologische oder therapeutische Ausbildung hat, während eines Telefonats entscheiden, ob ein Patient wirklich krank ist oder nicht. Wow, ob das nicht schon fahrlässig ist?
Die Sprechstunde dagegen ist eine ganz hervorragende Idee. Dann kann man sich seine Absage in Zukunft persönlich abholen – an den Wartezeiten für die Behandlung selber hat sich nämlich nicht das Geringste geändert. Wie sollte es auch, wenn die Zahl der Kassensitze gleich geblieben sind – und jedem dieser Therapeuten jetzt auch noch zwei Stunden in der Woche fehlen?

Nutzt eure Macht. Wofür habt ihr sie sonst?

„Es gibt Hilfe.“ Nein, die gibt es nicht. Dafür fehlen die Kassensitze und die Alternativen werden nicht genehmigt. Therapeuten protestieren regelmäßig dagegen. Die Krankenkassen wissen das, auch wenn sie es leugnen. „Man kann von solchen Wartezeiten nicht auf eine Unterversorgung schließen.“ Ja, worauf denn dann? Nicht einmal wirtschaftlich macht das Sinn: Eine unbehandelte Depression verursacht in der Folge wesentlich höhere Kosten als eine Therapie – durch Arbeitsausfälle, Klinikaufenthalte, Selbstmorde. Für die Kassen, für die Allgemeinheit. Es ist furchtbar, den Wert eines Menschenlebens aufzurechnen, aber in diesem Fall wäre eine streng kapitalistische Denkweise, darauf ausgelegt, Menschen schnell gesund und damit arbeitsfähig zu machen, tatsächlich die barmherzigste.

All das ist bekannt. Über all das wurde auch schon berichtet. Aber setzt man diese Berichterstattung in Relation zu dem Getue um den Werther-Effekt oder der Menge an gefühlsduseligen Artikeln über das harte Schicksal Depressiver, frage ich mich ernsthaft, wie es aktuell um das Selbstverständnis von Journalisten bestellt ist. Dummen Internettrollen zu erklären, dass eine Depression ja schon schlimm ist – habt ihr wirklich davon geträumt, als ihr diesen Berufsweg eingeschlagen habt und Teil der vierten Gewalt des Staates wurdet? Oder wolltet ihr eure Macht nicht sinnvoll einsetzen, um gnadenlose Reportagen zu liefern, welche die da oben zum Zittern bringen, pointiert, investigativ, knallhart recherchiert?

Die Aufgabe von Journalisten besteht auch darin, Missstände anzuprangern. Nur handelt es sich bei der Unterversorgung psychisch Kranker durch die Krankenkassen um keinen Missstand. Wenn viele Menschen leiden und sogar sterben, weil sie keine Hilfe bekommen, spricht man von einer humanitären Katastrophe. Natürlich ist der Begriff eher bei Kriegen gebräuchlich, aber genau darum handelt es sich hier: Einen Krieg der Kassen gegen psychisch Kranke. Sie versorgen sie nicht, sie helfen ihnen nicht, sie lassen sie sterben. Und obwohl das alles offen liegt… fehlt dieser Aspekt in eurer Depressionsdebatte.

Wo bleibt da der Aufschrei? Die journalistische Verantwortung? „Es gibt Hilfe.“ Dieser kurze Satz ärgert mich mehr, als es ein ungebildeter Troll jemals könnte. Es gibt keine Hilfe. Und das ist kein „krankheitsbedingter Irrtum“, weil ich selber depressiv bin. Bei Chester Bennington mag das ja zutreffen, als reicher Rockstar konnte er sich ganz unbürokratisch die besten Therapeuten leisten. Aber andere, die dem deutschen Gesundheitssystem ausgeliefert sind, das im internationalen Vergleich vorbildlich ist, aber ausgerechnet bei diesem Thema so völlig versagt, haben diese Möglichkeit nicht. Offensichtlich kann eine Therapie nicht jeden retten, aber das entbindet die Krankenkassen nicht von ihrer Pflicht, es wenigstens zu versuchen – und die Medien nicht von ihrem journalistischen Auftrag, genau da einzuhaken und nachzubohren, immer und immer wieder. Bis die Kassen endlich einknicken oder die Politik sie dazu zwingt.

Bis dahin stirbt weiterhin alle 53 Minuten ein Mensch, dessen Tod man vielleicht hätte verhindern können. Trotz Telefonseelsorge, die ohnehin meist besetzt ist.

Hinweis: Ich habe diesen Artikel ursprünglich den „Kolumnisten“ angeboten, weil er mir extrem wichtig war und ich wollte, dass er oft gelesen wird. Da mich aber der Umgang der Verantwortlichen mit dem Thema sehr geärgert hat (es erschien ein absolut kenntnisfreier Folgeartikel, der mir widersprach und inhaltlich einfach fassungslos machte – dazu wollte ich eigentlich auch mal Stellung nehmen, aber haha, Depression und Antriebslosigkeit und so), habe ich mich jetzt entschieden, ihn nun auch hier zu veröffentlichen.

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Und am Ende steht man wieder am Anfang. Warum ich meine Therapie abgebrochen habe

Es heißt ja, dass man nichts so hoch schätzt wie etwas, für das man richtig hart kämpfen musste. Wenn das stimmt, dann hätte mir meine Therapie, auf die ich immerhin neun Jahre gewartet habe, so teuer sein müssen wie mein Erstgeborenes.

Und dennoch habe ich meine Therapie abgebrochen.

Das passierte auch schon wieder letzten Sommer. Zu diesem Zeitpunkt lief sie schon fast ein Jahr mit Unterbrechungen halbwegs regelmäßig einmal die Woche. Nach all dieser Zeit war der Abbruch ein großer Schritt, der leider auch nicht völlig glatt vonstatten ging. Aber er war nötig und überfällig. Um das zu erklären, muss ich leider ein wenig ausholen.

Was passt zu mir?

Erstmal muss man wissen, dass Therapie nicht gleich Therapie ist. In Deutschland werden insgesamt drei Therapieformen von der Krankenkasse anerkannt, nämlich die Psychoanalyse, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die Verhaltenstherapie. Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Therapieformen oder spezielle Methoden, die sich nicht so ganz in diese drei Kategorien einordnen lassen, aber von verschiedenen Therapeuten trotzdem zusätzlich erlernt und angeboten werden.
Ich spare mir mal eine genaue Erklärung dieser Therapieformen und ihrer Unterschiede (es ist ja auch nicht so, als blicke ich da selber vollständig durch). Es reicht zu wissen, was ich gerne für mich gehabt hätte. Von Psychoanalyse halte ich beispielsweise GAR NICHTS – das hat meiner Meinung nach was von Gedichtinterpretationen oder freien Assoziieren. Kann stimmen, muss aber nicht, und die Gefahr der Überinterpretation ist groß. Mit Freud und seinen kruden, anachronistischen Sextheorien hat das heutzutage zwar nicht mehr wirklich viel zu tun, aber dennoch ist das für mich einfach nichts. Und Verhaltenstherapie? Der Name sagt es schon: Der Fokus liegt auf einer Änderung des Verhaltens, nicht auf der emotionalen Ebene, obwohl man das natürlich nicht strikt trennen kann. Trotzdem, letztendlich roch diese Behandlung für mich immer eher nach reiner Symptombekämpfung und kam damit auch nicht wirklich in Frage.

Ich wollte also eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Ich bekam eine Verhaltenstherapie.

Zeitweise wusste ja das halbe Internet Bescheid über meine Probleme bei der Therapiesuche. Umso peinlicher ist es dann auch zuzugeben, was den Ausschlag gab dafür, mich für eine Therapie zu bewerben (anders kann man das nicht formulieren), die mir nicht wirklich zusagte: Erstens hieß es, die therapeutische Ambulanz, bei der ich schließlich landete, hätte keine langen Wartezeiten. Und zweitens konnte man sich ohne lächerlich kurze Telefonsprechzeiten per Email melden. Damit waren mehrere Hemmschwellen weg, die mich bisher gebremst haben.

Tja, das mit der Wartezeit stimmte nicht, aber immerhin hatte ich nach sechs Monaten dann schließlich meinen ersten Termin. Auch wenn es nicht die richtige Therapieform war, war ich erstmal froh, überhaupt wieder eine Chance bekommen zu haben und dachte, dass ich es einfach mal ausprobieren sollte. Schaden kann es ja (in den meisten Fällen) nicht.

Diese Ambulanz, in der ich landete, muss man sich wie eine Art Lernkrankenhaus vorstellen, in dem Therapeuten ihre Ausbildung absolvieren. Deshalb lief das von Anfang an etwas anders als bei einem normalen Therapeuten. Und leider lief es von Anfang an irgendwie schief.

Startschwierigkeiten

Es fing bereits bei meinem Erstgespräch an. Mich begrüßte ein quietschiges kleines Persönchen, das ungefähr so viel Autorität und therapeutische Seriosität ausstrahlte wie ein Teletubby. Dieses Mädel stellte mir dann in eineinhalb Stunden ungefähr achtmillionen Fragen zu meinem Lebenslauf und meiner Krankengeschichte, womit ich in dieser geballten Form nicht so wirklich gerechnet hätte. Deshalb war ich nach kürzester Zeit ein einziges heulendes Nervenbündel. Nicht hilfreich dabei waren ihre lieb gemeinten, für mich aber unerträglichen Versuche mich aufzupäppeln. „Sie haben sich also Ihre soziale Phobie selbstständig abtrainiert? Das ist ja toll! Darauf können Sie richtig stolz sein! Sooooo toll!!!“
Nun mag das objektiv stimmen, subjektiv habe ich aber nun mal ein Problem damit, für etwas gefeiert zu werden, was für jeden gesunden Menschen nicht der Rede wert ist, und da sie leider nicht aufhörte mit ihren aggressiven Lobgesängen bekam ich einen Heulkrampf, der die arme Frau absolut hilflos zurück ließ.

Ja, so ähnlich darf man sich das vorstellen – wie gesagt eineinhalb Stunden lang. Am Ende klärte sie mich dann über die weitere Vorgehensweise auf… wobei plötzlich heraus kam, dass ich im falschen Raum war und dies nicht das Erstgespräch gewesen war, für das ich kommen sollte, sondern der obligatorische ZWEITE Termin, der zur Anamnese da ist. Woraufhin sich auf ihren Gesicht ein Ausdruck nackter Panik zeigte – ohne vorherige Vorbereitung hätte man mich nämlich gar nicht einem so hohen emotionalen Stress aussetzen dürfen.
Und ich? Heulte natürlich wieder, denn in diesem Moment war mir vollkommen klar, dass ich jetzt vermutlich wieder monatelang würde darauf warten müssen, bis es weiter geht.

Letztendlich war dieser Fehler dann doch leicht wieder auszubügeln, aber das Ganze hat mich dennoch sehr aufgewühlt, wofür meine Mitbewohner damals leider absolut kein Verständnis hatten. „Joah, dumm, aber is doch jetzt gut, ne? Wie kann man sich über sowas nur so aufregen“ lautete der Tenor bei beiden. Auch nicht wirklich hilfreich. Und im Rückblick erscheint mir dieser Fehlstart symptomatisch für meine gesamte Therapie.

Der Anfang: Die erste Therapeutin

Mein drittes Gespräch fand dann mit der richtigen Therapeutin statt, die für mich eingeteilt war. Normalerweise hat man fünf Sitzungen mit einem Therapeuten, bis man sich entscheiden muss, ob man mit ihm klar kommt oder nicht. Außerdem muss anderes organisatorisches Zeugs geregelt werden, bis der Antrag auf Bewilligung bei der Krankenkasse eingereicht werden kann.

Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, wie groß die Hemmschwelle ist, einen Therapeuten abzulehnen, wenn man so lange Zeit auf einen warten musste. Die Therapeutin, die mir zugeteilt wurde, war ebenfalls recht jung und wirkte damit auf mich auch nicht sonderlich beeindruckend. Kann man scheiße finden, aber ich kann mir nun mal nur beschränkt aussuchen, welche Art Mensch auf mich besonders kompetent wirkt. Personen, die jünger sind als ich, haben es da nun mal schwerer.

Aber gut, ich war mir meiner eigenen Vorurteile bewusst und wollte es mir einfach mal ansehen. Leider gab es ziemlich am Anfang schon einen heftigen Bruch, der mich am gesamten Konzept „Therapie“ zweifeln ließ.

So fragte sie mich nach meinen bisherigen Strategien, um mit schlimmen depressiven Phasen umzugehen. Wahrheitsgemäß antwortete ich, dass ich dann, sofern noch in der Lage dazu, einen bzw. mehrere Freunde zur Hilfe rufe und mit ihnen zusammen einen trinke und dabei so lange jammere, bis es mir irgendwann besser geht. Ja, Alkohol – dass das nicht ideal ist, weiß ich selber. Aber wenn es nun mal das einzige ist, was funktioniert?

Ich dachte, das hätte ich ihr begreiflich gemacht. In der nächsten Stunde eröffnete sie mir dann, dass die Krankenkasse mir vermutlich für die Bewilligung der Therapie als Auflage stellen würde, die gesamte Zeit über abstinent zu bleiben.

Ich: erstmal sprachlos, weil das für mich aus dem Nichts kam. Die Krankenkasse stellt natürlich nur solche Auflagen, wenn die Therapeutin ihr etwas entsprechendes kommuniziert. Aber wieso?

Es folgten Diskussionen. Und hier offenbarte sich mir ein so dermaßen unfaires Dilemma, dass ich die Therapie am liebsten sofort beendet hätte. Denn macht mal jemanden unter diesen Voraussetzungen begreiflich, dass ihr kein Alkoholproblem habt. Es ist unmöglich. Auch jetzt werden das einige lesen und sagen „Klar, typisch Alkoholikerin, diese Ausflüchte.“ Aber denkt das bitte mal durch. Ich hätte mit der Auflage nicht mal im Sommer im Garten sitzen und dabei ein Radler trinken dürfen. Was ja wohl überhaupt nicht schwer sein sollte, wenn ich kein Alkoholproblem habe. Aber umgekehrt wird ein Schuh draus: Wenn ich doch keins habe, warum muss ich mich dann so gängeln lassen? Aber das zu kritisieren – diese Gängelung – ist das nicht schon wieder der Beweis dafür, DASS ich ein Problem habe???

Seht ihr das Dilemma? Ich steckte im Prinzip in einer nicht-falsifizierbaren Aussage fest, denn jede Argumentation gegen diese Auflage konnte als Beweis für ihre Notwendigkeit gedeutet werden. Eine Situation, die mir ganz entschieden gegen den Strich ging. Dazu kommt die andere Ebene: Ich weiß verdammt noch mal selber, dass Alkohol nicht gut ist. Aber wenn die Alternative in diesen schlimmen Phasen nun mal wäre, mich selbst zu verletzen oder gar umzubringen – weil ich sonst nun mal keine wirksamen Skills habe? Es ist keine gesunde Selbsthilfe, aber wenigstens IST es Selbsthilfe, die mir diese Frau nun nehmen wollte, obwohl ich ganz eindeutig NICHT wegen Alkohol eine Therapie angefangen habe.
Was übrigens zusätzlich einfach nur ein Schlag in die Fresse war. Wie würdet ihr euch fühlen, wenn ihr wegen einiger sehr belastender Handicaps, die euer ganzes Leben dominieren, Hilfe bei einem Experten suchen würdet – und diese Person bohrt dann nach einer ganz anderen Sache, stürzt sich darauf und problematisiert sie, statt sich um das zu kümmern, weswegen ihr gekommen seid?

Versteht ihr, wie ohnmächtig ich mich fühlte? Es gab nichts, was ich tun oder sagen konnte, um aus dieser Nummer rauszukommen. In diesem Moment empfand ich zum ersten Mal, was es in unserem System heißt, psychisch krank zu sein. Ich kam mir nicht ernst genommen vor, bevormundet, unmündig, abhängig. Ist es da ein Wunder, dass mein Glauben an den Nutzen einer Therapie in diesem Moment heftig erschüttert wurde?

Ich grübelte nach der Sitzung einen ganzen Tag lang über diese dämliche Auflage. Die einzige Möglichkeit, die ich sah, bestand darin, ihr einfach zuzustimmen und so zu tun, als würde ich mich daran halten… also zu lügen. Etwas, was mir tief zuwider ist. Allgemein, aber besonders eben im therapeutischen Kontext, denn was bringt die ganze Scheiße bitte, wenn ich nicht das Maul aufmachen und die Wahrheit sagen darf?

Glücklicherweise hatte meine Therapeutin wohl auch noch ein bisschen nachgedacht, denn sie rief mich einen Tag nach der Sitzung tatsächlich an und verkündete mir, dass die Auflage vom Tisch wäre. Aber der Bruch war passiert und auch damit nicht zu kitten.

Danach ging es… schleppend. Nachdem wir meine Problemfelder eingekreist hatten, konzentrierte meine Therapeutin sich darauf, mich durch den Rest meines Studiums zu schleifen, denn meine völlige Antriebslosigkeit hat genau das immer verhindert.
An sich war ich also froh über die Hilfe. Gleichzeitig wurde ich das Gefühl jedoch nicht los, dass ich nicht dafür eine Therapie angefangen habe. Es stellte, wie schon befürchtet, eine reine Symptombekämpfung dar, denn diese Antriebslosigkeit ist nur Resultat meiner Depression, aber nicht der Grund dafür (wobei das natürlich manchmal ineinander greift und meine Schwierigkeiten dahingehend häufig in einer Episode schwärzesten Selbsthasses münden). So war es denn auch ganz nett, dass wir Arbeitspläne aufstellten und Maßnahmen gegen Prokrastination bzw. für mehr Motivation besprachen, aber die Wurzel des Übels – meine Kindheit und was da alles falsch gelaufen ist – blieb unbehandelt. Weil die Therapie nun mal auf eine Änderung des VERHALTENS ausgerichtet ist, nicht zur Behandlung der URSACHEN desselben.

Leider funktionierte nicht mal das wirklich. Die Maßnahmen, die Pläne, die Skills, nichts schien länger als ein paar Tage zu wirken. Aber jedes Mal, wenn ich dieses Problem ansprach, kam die selbe Aussage: „Es braucht Zeit, bis dem Patienten das geänderte Verhalten verinnerlicht hat, danach wird es einfacher.“ Das war die einzige Form der Anleitung, die ich bekam. Leider habe ich diesen Punkt nie erreicht.

Ich gab der Therapieform die Schuld. Eine befreundete Therapeutin versicherte mir zwar, dass mit wachsender Erfahrung die Grenzen zwischen den Therapieformen verschwimmen. Genau diese Erfahrung war bei meiner Therapeutin allerdings anscheinend noch nicht gegeben. So kam es dann auch mehr als einmal vor, dass ich von belastenden Erinnerungen berichtete und… null Rückmeldung dazu bekam. Stattdessen wurde eilig zurück geschwenkt Richtung Verhaltensmodifikation, oft ohne auch nur mit mehr als einem Satz auf das eben Gehörte zu reagieren.

Diese, ja… „Hilflosigkeit“, muss man es wohl nennen, meiner Therapeutin zog sich wie ein roter Faden durch die restliche Therapie, in der sich dann auch eine Stunde kaum von der nächsten unterschied. Ich versuche wirklich, nicht unfair zu sein und glaube auch, dass sie mir ernsthaft helfen wollte, aber ich hatte nun mal nicht das Gefühl, dass mir irgendwas davon etwas gebracht hat. Deshalb reagierte ich mit der Zeit auch immer gereizter. So blaffte ich einmal, nachdem sie die Frage „Wie fühlen Sie sich in diesem Moment?“ gestellt hatte, angepisst zurück: „Genauso wie vor zwei Minuten, als Sie mich genau dasselbe schon mal gefragt haben!“ – was mich zugegebenermaßen immer noch aufregt, wenn ich drüber nachdenke.
Mir kam es schlicht so vor, als würde die gute Frau ein vorgegebenes Programm abspulen bzw. versuchen, mir eine Therapie nach Schema F überzustülpen, was bei mir aber einfach nicht funktionierte. Zurück blieb Frust, möglicherweise auf beiden Seiten, und nach mehreren Monaten das Gefühl, dass wir uns so rein gar nichts mehr zu sagen hatten. Nach jeder Sitzung fühlte ich mich wie durch den Fleischwolf gedreht und stöhnte schon Tage vor dem nächsten Termin, weil ich schlicht überhaupt keinen Bock darauf hatte.

Dazu kamen dann Kleinigkeiten, die mich damals unglaublich aufregten. So fragte sie mich am Anfang einer Sitzung, wie ich denn nach der letzten Stunde, die ich heulend und aufgelöst verlassen hatte, zurecht gekommen wäre. Ich antwortete etwas lapidar, dass ich mich danach dann irgendwann wieder eingekriegt hätte, spätestens im Bus hätte ich mich ja zusammen reißen müssen, da mir Heulen vor Fremden logischerweise ziemlich peinlich ist. Daraufhin kam ihr die fixe Idee, dass Busfahren ja der perfekte Skill für mich wäre und davon ließ sie sich auch nicht mehr abbringen. Zu dem Zeitpunkt habe ich dann schon gar nicht mehr groß diskutiert, da ich gemerkt hatte, dass es sinnlos ist. Aber natürlich ist Busfahren für mich KEIN super Skill, das habe ich zu diversen Gelegenheiten davor und danach erfahren müssen.

Nach mehreren Monaten, ich hatte noch etwas über die Hälfte der Sitzungen frei, eröffnete sie mir, dass sie demnächst den Standort wechseln und ich einen anderen Therapeuten bekommen würde. Keine ideale Situation mitten in der Therapie, aber nach meinen Erfahrungen mit ihr auch kein Weltuntergang. Ich schöpfte neue Hoffnung: Vielleicht war der nächste Therapeut ja besser?

Das Ende: Der zweite Therapeut

Der nächste Therapeut war nicht besser. Er war schlimmer.

Äußerlich entsprach er zunächst eher meinen Kriterien für seriöse Ausstrahlung, denn er war deutlich älter als ich. Aber schon die erste Sitzung, die wir abends abhielten, ließ mich ziemlich sprachlos zurück.

Er hatte zwar meine Akte gelesen, aber natürlich mussten wir alle nochmal durchkauen. Problemfelder, bisherige Strategien, etc.pp. Bereits beim Thema „Antriebslosigkeit“ hatte er aber völlig andere Ansichten als ich.
Ich glaube, es ist inzwischen deutlich geworden, wie sehr ich darunter leide. Er sah das aber nicht so. Er war sehr vom Yin&Yang-Konzept überzeugt (Teil seiner „fernöstlichen Lehren“, die er in die Therapie mit einbringen wollte) und projizierte es hemmungslos darauf. Es gäbe nun mal einerseits Menschen wie mich und andererseits aktive, leistungsstarke Menschen, die mitunter überhaupt nicht abschalten können, also totale Workaholics sind – das wäre ja auch nicht schön. Ich könne also froh sein, dass ich nicht zu diesem Typ gehöre.
Was soll man dazu bitte noch sagen? Meine Antriebslosigkeit hat mir mein Abi versaut, mein Studium auf die doppelte Länge aufgebläht, mir Schulden eingebracht, meinen Träumen im Weg gestanden, mein halbes Leben zerstört. Und das soll ich jetzt feiern, weil andere Leute bis zum Burnout ackern? Was soll denn bitte DARAN hilfreich sein?

Seine Antwort war ein enervierend nachsichtiges Lächeln, das ich die folgenden Monate noch wirklich hassen lernen würde. Seine Aussage sei doch positiv gewesen. Ich könne wohl Lob nicht annehmen???
An dieser Stelle zeigte sich schon, dass dieser Mensch ein fundamental anderes Verständnis von Selbstliebe, seelischer Hygiene, eigentlich sogar dem Themenkomplex „psychische Erkrankung“ hatte als ich. Ich glaube nicht daran, dass Probleme weggehen, wenn man sie schönredet und „sich selbst annimmt“. Und es hat nicht zwangsläufig was mit Selbsthass zu tun, wenn ich Dinge an mir kritisiere, die nun mal einen erheblich negativen Einfluss auf mein Leben haben. Ich war zudem ein sehr aktives Kind, bis ich krank wurde. Meine Antriebslosigkeit empfinde ich als etwas feindliches, das meine echte Persönlichkeit überschattet und mich daran hindert, mein wahres Potential zu entfalten. Mich ritzen, weil es mich so dermaßen ankotzt, dass ich schon wieder einen Monat für die Wäsche gebraucht habe? Natürlich ist das scheiße. Aber das komplette Gegenteil soll so viel besser sein? Ist jeder Wunsch, sich zu verbessern, schon Hass?

Ach, ich sei ja zu hart zu mir.
„Ich bin nicht hart zu mir.“
„Aber Sie sind doch gerade wütend.“
„JA, ABER DOCH NICHT AUF MICH!!!“ – muss ich wirklich noch mehr sagen?

Mir schien es, dass sich dieser Typ bereits ein komplettes Bild von mir gebastelt hatte, bevor ich überhaupt zur Tür reingekommen bin. Und wenn ich irgendeinem Aspekt dieses Bildes widerspreche, kann das ja nur an fehlender Reflexion liegen.

Da wären wir wieder: Die Therapie, die nicht-falsifizierbare Aussage und ich. Und Unterstellungen, die erneut Dinge problematisieren und pathologisieren, für die ich nicht gekommen bin. Neu war hier nur, dass andere Probleme dafür kleingeredet wurden und das natürlich mit den schönsten, blumigsten Allgemeinplätzen: Man müsse „sich annehmen“, „sich akzeptieren“, „sich verzeihen“ etc.pp. Und DAFÜR hat dieser Mensch studiert?

Ich hatte also einen Vertreter des Standpunkts „Du bist voll okay so, wie du bist, auch wenn du in dieser Form kaum lebensfähig bist“ vor mir. Dazu kam eine paternalistische Art und Weise, die mir das Gefühl gab, für ein dummes, kleines Mädchen gehalten zu werden.

So hielt er mir in der selben Sitzung noch einen Vortrag – anders kann man das nicht nennen. Er nutzte das Whiteboard, um mir ein psychologisches Konzept zu erklären, das mir bereits bekannt war und brauchte dafür ungelogen mindestens 20 Minuten, in denen er ohne Punkt und Komma redete und mich kein einziges Mal zu Wort kommen ließ. Nach etwa der Hälfte war ich zu gleichen Teilen tödlich gelangweilt und fassungslos von so viel sinnlosem Mitteilungsbedürfnis, zumal die 50-Minuten-Sitzung meinem Empfinden nach schon deutlich überzogen war (im Raum gab es keine Uhr und ich fand es unhöflich, auf mein Handy zu sehen).
Danach schien er sich selbst in Schwung geredet zu haben, denn er bombardierte mich dann noch mit zusammenhangslosen Fragen, die ewigtiefe neue Fässer aufgemacht hätten, wenn ich mich darauf eingelassen hätte. Fragen wie „Glauben Sie an Gott?“ oder, mein Favorit, denn der Gesichtsausdruck und der gewollt provokative Ton dazu waren großartig: „MÖGEN Sie sich eigentlich???“
An dieser Stelle brach ich die Sitzung ab, nur um danach sehen zu müssen, dass er um fast eine Stunde überzogen hatte – etwas, was ich ihm in der nächsten Sitzung vorwarf. Er rechtfertigte sich damit, dass er sich nun mal besonders viel Zeit für mich hatte nehmen wollen und deshalb direkt zwei Sitzungen zusammen gelegt habe – was einfach nicht okay ist, wenn es nicht abgesprochen ist.

Aber das war symptomatisch für ihn: Paternalismus bis hin zur leichten Übergriffigkeit. Das äußerte sich auch in jeder Sitzung bereits zu Anfang, wenn er mich, den Kopf leicht gebeugt, von unten augenzwinkernd ansah und mit vorgeschobenen Schnütchen fragte, wie es mir ginge, eine Haltung also, die man eher einnimmt, wenn ein Grundschulkind am Schniefen ist, weil es nicht noch ein Eis bekommt. Er gab mir schlicht das Gefühl, nicht krank, sondern einfach nur ein bisschen überempfindlich zu sein.

Auch mit ihm hatte ich also wieder das Gefühl, keinen Schritt weiter zu kommen, zumal seine Methoden durchschaubar und unterkomplex waren und er gerne Dinge wiederholte, die ich eine Sekunde vorher bereits gesagt habe (nicht um mich zu spiegeln, sondern weil er anscheinend glaubte, er müsse mir Sachen erläutern, die ich selbst von mir gegeben habe). Dennoch konnte ich mich zu einem Abbruch nicht durchringen, bis ich eines Tages einen schlimmen depressiven Schub bekam.
Grund war mein Stiefvater, der sich ganz außergewöhnlich zierte, als es darum ging, mich bei seinem Geburtstag dabei zu haben, eine Situation, die mich leider frappierend an eine Episode mit meinem Erzeuger erinnerte. Dies ließ mich psychisch völlig zusammen brechen. Es dauerte Stunden, bis ich endlich aufhören konnte zu heulen und kein Skill half (nicht mal Busfahren!).
Dieser Kollaps bestätigte mir meine anfänglichen Befürchtungen: Eine Verhaltenstherapie ist nicht das richtige für mich, denn nicht mein Verhalten ist Auslöser für solche Zusammenbrüche.

Nach dieser Erkenntnis war ich entschlossen, die Therapie abzubrechen. Nur ließ mich mein Therapeut zunächst nicht.

Natürlich hätte ich einfach nicht mehr hingehen können, aber als Mensch in einem Patient-Therapeuten-Verhältnis sind ganz einfache Dinge plötzlich unverhältnismäßig schwer. Wenigstens erklären wollte ich mich ihm, vielleicht sogar seine Einschätzung dazu hören. Also erzählte ich ihm, was passiert war, umriss dazu auch kurz die Geschichte mit meinem Vater und teilte ihm meine Gewissheit mit, dass Verhaltenstherapie bei so etwas nicht hilft. Statt darauf einzugehen, stellte er weitere Fragen zu meiner Familie, nur um am Ende zufrieden festzustellen, dass das ja mal eine richtig gute Sitzung gewesen wäre, weil ich mich endlich geöffnet hätte.
An dieser Stelle bin ich dann ein bisschen ausgerastet. Nichts davon war mir in irgendeiner Weise unangenehm gewesen, vor meinem Therapeuten zu äußern. Nichts davon hatte ich bewusst versteckt, im Gegenteil. Erst später fiel mir zudem ein, dass ich GENAU DIE SELBE GESCHICHTE meiner ersten Therapeutin SCHON MAL erzählt hatte – und sie NICHTS dazu gesagt hatte.
War es also allein meine Schuld, dass die Therapie bei ihm, bei beiden bisher nicht gelaufen war? Meine angebliche Verschlossenheit? Diesen Eindruck erweckte er bei mir.

Der Abschied war frostig, eine Sitzung sollte noch folgen, in der er nicht mit einem Wort auf meinen Wunsch abzubrechen einging. Erst am Ende vertröstete er mich wieder auf die nächste Sitzung, um die abschließenden Formalia zu klären. Und auch diese Sitzung hätte er wieder in eine völlig andere Richtung gelenkt, wenn ich das nicht von Anfang an abgeblockt hätte. Woraufhin die zwei schlimmsten Aussagen folgten, die dieser Mensch sich in all den Stunden mir gegenüber geleistet hatte.

Erstens: Ich nannte ihm weitere Beispiele für Situationen, in denen nicht mein Verhalten Trigger für depressive Schübe war, darunter auch die Tatsache, dass ich die gesamte Taufzeremonie meines Neffen als heulendes Nervenbündel verbracht habe, da mich Kirchgänge wie dieser daran erinnern, dass ich familiär nicht eingebunden bin. Woraufhin er antwortete: „Hm, dann bringt meine Idee wohl nichts… ich wollte Ihnen vorschlagen, dass Sie sich Gott zuwenden.“ – Wozu ich mir jetzt einfach mal jeglichen Kommentar spare!

Und zweitens sprach er von meiner Erkrankung als „Erkrankung“. Kein Scheiß. Er malte beim Sprechen Anführungszeichen in die Luft. Und spätestens das wäre der Punkt gewesen, an dem ich mich zum Abbruch entschlossen hätte, wenn ich diese Entscheidung nicht schon vorher getroffen hätte.

Und jetzt?

Das war letztes Jahr Ende Juli. Seitdem bin ich wieder ohne Therapie. Ich habe gute Phasen, aber auch tiefschwarze. Dazwischen lebe ich vor mich hin und habe kaum je das Gefühl, einen erfüllenden, produktiven, erfolgreichen Tag gehabt zu haben, denn alles in mir bremst mich aus.

Die Therapie hat mir eigentlich nichts gebracht. Zwischendrin sorgte meine Therapeutin dafür, dass ich Antidepressiva bekam, was eine gewisse Zeit lang nötig gewesen war, aber inzwischen habe ich sie wegen den Nebenwirkungen wieder abgesetzt. Ansonsten bleibt nicht viel außer Frust und der grauenvolle Gedanke, dass die ganze Odyssee jetzt wieder von vorne anfängt.

Heißt: WIEDER die Überwindung, überhaupt bei einem Therapeuten anzurufen, WIEDER monatelange Wartezeiten, wenn ich nicht direkt abgewiesen werde, WIEDER die Frage, ob der neue Therapeut überhaupt zu mir passt. Aber eigentlich stehe ich nicht einfach wieder am Anfang, sondern habe noch einen Malus obendrauf bekommen: eine abgebrochene Therapie. Obwohl das zu Beginn meiner Therapie anders klang, hat mein Therapeut mir nicht viel Hoffnung auf eine erneute Bewilligung gemacht.

Dazu kommt das Ende meines Studiums, nach dem ich jetzt in der Luft hänge und nicht weiß, ob ich überhaupt noch hier wohne, wenn endlich ein Therapieplatz für mich frei wäre. Die hochgelobte Flexibilität, die Arbeitgeber heute verlangen, kollidiert extrem mit dem gewaltigen Maß an Planungssicherheit, das man braucht, wenn man sich für eine monatelange Therapie an einem bestimmten Standort entschließt.

Also noch mehr warten. Darauf, dass ich mein Leben soweit geordnet kriege, dass Zeit bleibt für meine seelische Gesundheit. Auch wenn es natürlich genau meine Krankheit ist, die dafür sorgt, dass ich überhaupt nichts auf die Reihe kriege.

Das System der Krankenkassen, die weiterhin viel zu wenige Kassensitze mit viel zu langen Wartezeiten zur Verfügung stellen und damit wissentlich eine Situation in Kauf nehmen, die für viele Menschen eine Therapie unmöglich macht (und manche damit das Leben kostet), fickt mich also noch immer. Wenn dieser Müll wenigstens wirtschaftlich einen Sinn machen würde… Aber nicht mal das ist ja der Fall.

Leider fällt mir an dieser Stelle kein knackiger Schluss ein. Wie auch, denn die Suche nach Hilfe ist ja noch lange nicht beendet. Auch wenn die Hoffnung darauf jeden Tag mehr schwindet.

Edit: Mir ist jetzt erst wieder eingefallen, dass Erzählmirnix vor Jahren mit mir ein Interview geführt hat, in dem es u.a. um dumme Therapieerfahrungen ging.
Weil das so gut passt, hier der Link

 

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Awareness: Ein Nachtrag an meine Leser

Noch ein Nachtrag zu meinem Artikel Eure Awareness kotzt mich an! und zum Nachfolgeartikel Awareness – und jetzt? Dieser richtet sich an die vielen Leser, die dadurch – oft erstmalig – zu meinem Blog gefunden haben.

Lange habe ich mich nicht geäußert, auch wenn mich immer noch fast täglich Kommentare zu den Artikeln erreichen – ob nun hier im Blog, auf Twitter oder persönlich per Mail. Die Resonanz auf meine Artikel hat mich absolut überwältigt und ich habe mich über jeden gefreut, der sich dafür bedankt hat oder wichtige Anmerkungen hinterlassen hat.

Leider habe ich es nicht geschafft, auf alle Kommentare zu antworten (sogar auf die meisten nicht). Einerseits, weil mich die pure Masse erschlagen hat, andererseits aber auch, weil ich im echten Leben grade sehr viel Stress habe und damit einfach keine Zeit. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle ein fettes DANKE! hinterlassen an alle, die sich die Zeit genommen haben, sich damit auseinander zu setzen. Ihr seid toll!

Einige Kommentare enthielten auch Fragen, auf die ich im Folgenden kurz eingehen will. Vor allem aber möchte ich einiges ergänzen und erzählen, wie es mir momentan geht.

Zuerst mal ein bisschen mehr zu meinem Werdegang. Mein erster Artikel enthielt ein gewaltiges Plothole, von dem ich sicher war, dass es mir zur Last gelegt werden wird. Tatsächlich ist es aber nur einen Kommentatorin aufgefallen und die kam auch noch ziemlich spät. Leute, ihr müsst mehr aufpassen! ^^
Das Plothole äußert sich in folgender Frage: „Woher weißt du eigentlich, dass du depressiv bist?“ – denn ohne Facharzt keine Diagnose. Das ist eine gute Frage, auf die ich näher eingehen will.

Als ich mich an die Konzeption des Artikels machte, war der Teil, der sich mit meinem persönlichen Werdegang beschäftigt, viel länger. Aus Gründen der Lesbarkeit habe ich einiges davon rausgeschmissen, um den ohnehin schon viel zu langen Artikel zu straffen. Ich entschied mich für die Phase der letzten paar Jahre, die mir wegen dem erfolglosen Kampf für einen Therapieplatz besonders enttäuschend im Gedächtnis geblieben ist.

Tatsächlich war ich aber einer ambulanten Therapie bereits einmal sehr nahe. Dem voraus ging eine ziemlich beschissene Jugend, während der sich meine Depression manifestierte. Ich schätze heute, dass ich wirklich ernsthaft depressiv bin seit meinem 13. oder 14. Lebensjahr. Damit einher ging Soziale Phobie, SVV (selbstverletzendes Verhalten) und spätestens nach dem Abitur auch eine dicke Adoleszentenkrise. In dieser Phase wurde von mir erwartet, einen Berufsweg einzuschlagen, obwohl es mir damals aufgrund der Depression unmöglich war, sinnvolle Entscheidungen dahingehend zu treffen oder mich darum zu kümmern. Dies führte zu (weiteren) gewaltigen Stress mit meiner Familie.

Mit 20, immer noch ohne Studienplatz oder Lehrstelle, offenbarte ich schließlich nach langem Ringen meinen Eltern meine Vermutung, depressiv zu sein. Wenn ich dadurch Hilfe erwartet habe, dann wurde diese Hoffnung enttäuscht – meine Eltern taten gar nichts. Aber da das böse D-Wort nun endlich ausgesprochen war, versuchte ich, mich um einen Therapeuten zu kümmern, von denen es auf dem Land leider noch weniger gibt als in der Stadt.
Der erste Therapeut entpuppte sich als Neurologe, der mir Fluoxetin verschrieb, das ich wegen gewaltiger Nebenwirkungen jedoch schnell wieder absetzte. Ansonsten konnte er, da ohne Therapeutenausbildung, nicht viel für mich tun, aber er regte für mich an, in eine Psychosomatische Klinik zu gehen, um die Zeit zu überbrücken, bis ich einen ambulanten Therapeutenplatz bekomme.

Um dort aufgenommen zu werden, sollte ich in der Klinik ein Gespräch mit dem Oberarzt führen – das meine Mutter eine Woche vorher ohne meine Zustimmung absagte. Das hätte sie selbstverständlich, da ich volljährig war, nicht gedurft, aber offensichtlich kann sie sehr überzeugend sein.
Der Grund ist wohl in ihrer absoluten Panik zu suchen, ich könnte irgendwie „nicht normal“ sein. Das passte nicht in ihr Konzept und ihre Familienplanung, also schleppte sie mich stattdessen zu Heilpraktikern und schickte mich zu einer ambulanten Gruppentherapie in ein Krankenhaus, das so weit weg lag, dass ich fast eine Stunde Auto fahren musste – und das im tiefsten Winter, obwohl sie mich sonst nie fahren ließ, wenn das Thermometer den Nullpunkt auch nur kratzte. Außerdem war es IHR Auto, das ich dafür nutzen musste, obwohl das bedeutet hätte, dass sie einmal in der Woche mit dem Bus zur Arbeit hätte fahren müssen. (Die Gruppentherapie entpuppte sich aber bereits beim Anmeldegespräch als absoluter Fail und die Therapeutin war selbst der Ansicht, dass ein stationärer Aufenthalt besser für mich wäre, also blieb es bei diesem einzigen Besuch.)

Mit all dem wollte meine Mutter mich über ihr absolut übergriffiges Verhalten hinweg trösten, aber ich ließ das nicht mit mir machen und vereinbarte einen neuen Termin in der Klinik, was sich aber Dank Feiertagen, Jahreswechsel etc. weiter nach hinten schob.

Dennoch konnte ich wenige Monate später in die Psychosomatische Klinik gehen, wo die Diagnose „Depression“, die mein Neurologe gestellt hatte, nochmal bestätigt wurde.

Ich sollte sechs Wochen dort bleiben, was später auf acht Wochen verlängert wurde. Leider kann ich nicht sagen, dass mir irgendetwas davon geholfen hätte. Ich war dort für Wochen die einzige Depressive und zudem die mit Abstand Jüngste. Ich saß dort mit Menschen mit Panikattacken, Leuten, die um Angehörige trauerten und nicht zuletzt einigen Patienten, die an Schmerzen litten, für die keine körperlichen Ursachen ermittelt werden konnten (Psychosomatik eben), aber überhaupt nicht verstanden, weshalb sie deshalb über GEFÜHLE REDEN sollten. Mit anderen Worten: Ich habe mich sehr, sehr unwohl gefühlt. Erst Recht, da alle um mich herum sehr schnell gesund zu werden schienen, aber anscheinend niemand meine Erkrankung nachvollziehen konnte. Ich wurde von Pflegern dafür kritisiert, dass ich soviel schlief und nicht aufstand, wenn plötzlich zehn Leute bei der morgendlichen Visite vor mir standen und wissen wollten, wie es mir geht. Bei der Gruppentherapie heulte ich meist durchgängig die ganze Sitzung lang, aber da die Therapeutin der Meinung war, dass ich mich schon selber melden müsse, wenn ich über was reden wollte, blieb es meistens dabei, also heulte ich, während ich zum 20. Mal die traurige Geschichte einer viel zu früh verstorbenen Ehefrau hören musste oder die verständnislosen Fragen einer Frau, die offensichtlich nicht kapiert hatte, warum man sie wegen ominöser Ohrenschmerzen in die „Klapse“ schickt.
Die Therapeutin dagegen, die meine Einzelsitzungen leitete, schien hingegen schlichtweg überfordert. Ihr offensichtlich rein verhaltenstherapeutischer Ansatz erschöpfte sich in Phrasen wie „Und wenn Sie versuchen, das nicht so anzugehen, sondern so oder so?“, mit denen ich damals einfach nichts anfangen konnte. Alternativen hatte sie aber nicht, also gab sie mir am Ende die resignierte Bemerkung mit auf den Weg, gegen diesen „Berg aus Traurigkeit“ einfach nicht anzukommen.

Ich verließ die Klinik also mit dem erhebenden Gefühl, ein hoffnungsloser Fall zu sein, und der traurigen Gewissheit, dass die Entscheidung, in eine Klinik zu gehen, zum endgültigen Bruch mit meiner Familie geführt hatte. Seitdem habe ich außerdem eine bereits geschilderte Abneigung gegen Gruppentherapien, an der sich bis heute nichts geändert hat.

Diese Klinik war für mich nicht der richtige Ort gewesen – aber am meisten verbittert mich, dass man sich dort nicht für mich um eine ordentliche Nachsorge gekümmert hat. Diese Leute hatten die Zeit, die Ressourcen und die Expertise, mir an meinem Studienort (denn direkt an den Klinikaufenthalt schloss sich endlich mein erstes Semester an, das ich aber vollständig an mir vorbei gehen ließ) oder auch Zuhause einen ambulanten Therapieplatz zu besorgen, aber dahingehend ist NICHTS passiert. Ich wurde nach dem Maximum der möglichen Zeit ungeheilt praktisch auf die Straße geworfen und bin seitdem ohne Behandlung. Die Suche danach habe ich ja schon erschöpfend geschildert.

Es ist schwer zu sagen, ob es mir heute besser oder schlechter geht als damals. Einerseits hat sich vieles bei mir verbessert. Meine Soziale Phobie, damals ganz massiv, habe ich selbstständig und unter großen Anstrengungen alleine in den Griff gekriegt. Das habe ich geschafft, indem ich mich bewusst immer wieder in für mich unangenehme Situationen gebracht habe, bis sie nicht mehr unangenehm waren – klassische Desensibilisierung. Übrig geblieben ist eine gewisse Social Akwardness, die aber vielleicht auch einfach Teil meines Charakters ist und mit der ich leben kann. Auch hat mir meine Arbeit als Kellnerin, der ich seit vier Jahren nachgehe, was vor neun Jahren völlig unmöglich gewesen wäre, mehr Selbstbewusstsein verschafft.
Dennoch sind die schwarzen Phasen, so scheint es mir zumindest, heutzutage wesentlich schwärzer als damals. Sie suchen mich allerdings auch nicht mehr so häufig heim – wenn aber doch, dann voll in die Fresse. Eine solche Phase hatte ich diesen Winter, was ich als die schlimmste Zeit meines Lebens in Erinnerung habe.

Momentan sieht es also so aus, dass es mir besser geht, ich aber dennoch weiterhin eine Therapie suche. Dank des vielen positiven Feedbacks sehe ich das allerdings nicht mehr so pessimistisch wie noch vor kurzem.
So sollte ich erwähnen, dass die Passagen, die sich mit der Therapeutensuche beschäftigten, alle im Präsens geschrieben waren, aber der letzte Teil davon – der, in dem ich diesen blöden Anamnesebogen vor mir habe – bereits drei Monate zurück liegt. Ich habe das dämliche Teil nicht nur ausgefüllt (mit ein bisschen Hilfe meiner Mitbewohner), sondern sogar geschafft, es zur Post zu bringen. Ich habe also schon die Hälfte der sechsmonatigen Wartezeit rum und vielleicht ergibt sich da ja was.
Andere Vorschläge wie Tagesklinik oder die Empfehlung, es doch mal in der Psychiatrie zu versuchen, sind leider mit meinem Leben momentan nicht vereinbar. Ich erhalte zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinerlei finanzielle Unterstützung von irgendjemanden oder irgendeinem Amt, weshalb ich arbeiten gehen MUSS, allein um meine Wohnung und mein Essen zu bezahlen. Auch halte ich eine Psychiatrie (und eine Tagesklinik ist meist einer Psychiatrie angeschlossen) immer noch für den für mich letzten Ausweg, der für mich nur im absoluten Notfall in Frage kommt.

Was sich jedoch geändert hat: Die vielen Tipps bezüglich sozialpsychatrischem Dienst, der einem bei der Therapeutensuche helfen kann, möchte ich definitiv in Anspruch nehmen, sobald mein aktueller Real-Life-Stress etwas nachgelassen hat. Das soll mein zweites Standbein sein, falls es mit der oben angesprochenen Therapie nicht klappt. Und außerdem hat sich eine sehr nette Expertin bei mir per Twitter-DM gemeldet und es geschafft, mir meine absolute Abneigung gegen Psychopharmaka zu nehmen. Möglicherweise kann sich dadurch ja auch einiges verbessern. Zumindest ist es nach 10 Jahren ein neuer Versuch wert.

Ihr seht, so krass am Boden bin ich momentan nicht, auch weil sich unlängst einige positive Entwicklungen im Real Life ergeben haben, die mich sehr aufgebaut haben. Dennoch fühle ich mich seit meinen Artikel etwas unsicher gerade im Hinblick auf diesen Blog. Ich habe seitdem einige Twitter-Follower dazu gewonnen, aber allein die Followerzahlen meines Blogs gingen danach von ca. 160 hoch auf über 210!! Verglichen mit manch anderen Bloggern mag das nicht viel sein, aber es ist immerhin eine Erhöhung um ein fettes Drittel. Gleichzeitig zeigen mir meine Statistiken, dass unmöglich alle diese neuen Abonnenten in meinem Blog quergelesen haben können, um zu sehen, was ich eigentlich sonst so von mir gebe.

Ich befürchte, die könnten am Ende alle enttäuscht sein, wenn ich plötzlich wieder zu meinen normalen Themen zurück kehre und höchstens einmal im Monat etwas schreibe, was über einen kurzen Lacher oder einen Rant über einen doofen Film hinaus geht. Und Depressionen waren hier bisher sehr selten Thema, was eigentlich auch so bleiben soll, da ich vermutlich schon viel zu viel erzählt habe und das Gefühl nicht mag, nur noch darüber definiert zu werden. Ich möchte wirklich nicht von Leuten, die mit mir vorher ganz ungezwungen Quatsch gemacht haben, plötzlich wie ein rohes Ei behandelt werden.

Deshalb sitze ich jetzt hier und grüble über Blogideen. So fehlt ja immer noch mein Reisebericht aus den USA, den ich unbedingt schreiben wollte. Außerdem hatte ich eigentlich vorgehabt, zur Feier meines jüngsten Nebenbroterwerbs (DJ!) ein paar Mixtapes zu veröffentlichen, wobei ich als erstes einen von mir so betitelten „Depressive“-Mix vorgesehen hatte, aber nach diesen letzten Wochen habe ich keine Ahnung, wie sowas wohl ankommen würde. Ohnehin neige ich dazu, über meine Depression Witze zu reißen, was bestimmt auch einige sehr seltsam finden.

Andererseits kann ich sowieso nicht aus meiner Haut, also werden sich meine Themen wohl nicht wirklich ändern. Mehr kann ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt dazu aber leider nicht sagen, außer, dass ich hoffe, euch nicht allzu sehr zu enttäuschen ^^

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Awareness. Und jetzt?

Dies ist ein Nachtrag zu Eure Awareness kotzt mich an! Als solcher ist er aber eigentlich viel, viel wichtiger als der Ursprungsartikel. Ich freue mich über Feedback.

Leute: WOW. Noch nie ist ein Artikel von mir in nur zwei Tagen so oft geteilt und damit auch (hoffentlich, trotz der Länge) so oft gelesen worden wie „Eure Awareness kotzt mich an!“ Und noch nie habe ich so viel ausschließlich positives Feedback bekommen (auch, weil die, an die er gerichtet war, ihn beharrlich ignorieren – aber das ist ne andere Geschichte).

Ich freue mich total über das Interesse. Es zeigt mir aber auch, dass ich einen Nerv getroffen habe. Ich frage mich, wie viele von uns es da draußen gibt, die von blinden Aktivismus genervt sind und sich nicht vertreten fühlen. Die viel wichtigere Probleme haben – wie dieses, trotz fehlender Hilfe von Seiten unseres Gesundheitssystems einfach den nächsten Tag zu überleben.

Es hat gut getan, mich auszukotzen, aber das reicht mir nicht. Was wirklich nötig ist, fernab von Awareness, die nicht über ein banales #notjustsad hinaus geht, wäre eine wirkliche Diskussion: darüber, wie man es ändern kann. Und dann auch tatsächlich einen Weg einzuschlagen, DER es ändert. Das habe ich bisher leider nicht wahrgenommen, aber DAS lässt sich ja ebenfalls ändern.

Mir ist es völlig egal, ob eine solche Diskussion über mich oder meinen Blog geschieht, solange sie nur bitte, bitte geschieht. Ich fasse im folgenden trotzdem meine spärlichen Ideen zusammen. Und dann hoffe ich, dass sich ein paar Leute darüber Gedanken machen, die klüger sind als ich – damit sich was bewegt.


Fehlende Kassensitze

Jemand meinte gestern auf Twitter als Kommentar zu meinem Artikel, dass Therapeuten fehlen. Das stimmt so allerdings nicht (und habe ich auch nicht behauptet). Was fehlt, sind Therapeuten, die einen Kassensitz haben und ihre Behandlung daher über die Krankenkassen abrechnen. Diese Kassensitze sind nun aber, wie erschöpfend dargelegt, viel zu knapp bemessen – UND DAS WISSEN DIE KRANKENKASSEN. Sonst würden die ja nicht an ihre Therapeuten appellieren, keine Bescheinigungen auszustellen, die genau das bestätigen. Sie wissen es und sie tun NICHTS. DAS ist der eigentliche Skandal, DAS ist eines Shitstorms gewaltigen Ausmaßes würdig, DAS gehört auf eine politische Agenda!

Wo sind also die Politiker, die sich dafür einsetzen, die wirklich Druck machen können? Jeder Mensch in Deutschland ist gesetzlich gezwungen, krankenversichert zu sein – aber dann sollte man die Kassen auch zwingen, Leistungen in dem Maße zu erbringen, wie sie nachgefragt werden!

Natürlich gibt es auch noch die privaten Therapeuten, die ohne Kassensitz praktizieren, aber selbst solche, die bereit sind, für weniger Begütete günstiger zu arbeiten, verlangen Minimum 50 Euro pro Sitzung, was demnach bei einer Therapie, die idealerweise einmal die Woche stattfindet, schon mal locker 200 Euro im Monat ausmacht. Kein Mensch in der Ausbildung kann das bezahlen, kein Student, kein Arbeiter mit Familie. 200 Euro sind verdammt viel Geld. So ausgelutscht es ist: Gesundheit sollte keine Frage des Geldbeutels sein.

Wirtschaftlichkeit

Ich hasse es, bei einem solchen Thema utilitaristisch zu argumentieren. Aber natürlich ist unser Gesundheitssystem trotz aller Menschenfreundlichkeit wirtschaftlichen Überlegungen unterworfen. Doch das ist kein Argument GEGEN mehr Kassensitze. Es ist eines DAFÜR.

Ein depressiver Mensch, der keine Therapie beginnt, kostet natürlich kurzfristig erstmal gar nix, aber langfristig ist jede unbehandelte psychische Erkrankung eine erhebliche Belastung für das Gesundheitssystem und den Staat an sich. Irgendwann häufen sich unweigerlich die Krankentage. Notfallhilfe, die gar nicht nötig gewesen wäre, hätte man sofort interveniert, ist auch nicht billig. Ein einziger Tag in einem Krankenhaus oder einer Psychiatrie, der vielleicht wegen eines Unfalls durch SVV (Selbstverletzendes Verhalten) oder gar eines Selbstmordversuchs nötig ist, ist so teuer, dass man davon locker mehrere Sitzungen bei einem Therapeuten bezahlen kann.

Ach ja – Selbstmord? Todesursache Nummer Eins bei jungen Menschen, die den Staat bis dahin Kindergeld, Geld für Kindergarten, Grundschule, weiterführende Schule, vielleicht sogar Studium und Ausbildung gekostet haben, ohne dass sie davon mittels ihrer Arbeitskraft auch nur einen Cent zurück geben können – weil sie nämlich TOT SIND.
Ja, das klingt ekelhaft, wenn man es so sagt, aber es muss gesagt werden, um diesen idiotischen Tunnelblick sogenannter „wirtschaftlicher Überlegungen“ als das zu demaskieren, was er ist: Bullshit, den selbst ein Kleinkind durchschauen könnte.

Und dann ist da ja noch diese kleine Sicherheitsfrage. Ja, ich rede hier von Andreas Lubitz, der fast 150 Menschen mit in den Tod riss. Auch wenn ich stark bezweifle, dass der NUR an Depressionen gelitten hat – Depressive wollen sich in der Regel, wenn überhaupt, nur selbst schaden – sind wir uns doch hoffentlich alle eilig, dass dieser Mensch psychische Probleme hatte, die mit der richtigen Behandlung vielleicht hätten geheilt werden können, bevor es zu dieser Katastrophe kommen konnte. Natürlich haben wir hier ein Extrembeispiel, aber ich will nicht wissen, wie viele Menschen (vor allem Kinder) indirekt unter unbehandelten Erkrankungen Dritter leiden, ebenfalls krank werden, wieder Geld kosten. Psychische Erkrankungen sollten KEIN Stigma sein – aber das heißt noch lange nicht, dass wir alle harmlose Engelchen sind, die niemanden absichtlich oder unabsichtlich verletzen können. Das schreibe ich als Kind einer Mutter, die ebenfalls depressiv ist.

Betroffenen zeitnah Therapien zur Verfügung zu stellen ist demnach billiger, als es nicht zu tun – auch DAS wissen die Krankenkassen. Und auch hier tun sie NICHTS. Vielleicht stecken dahinter ja irgendwelche Schreibtischtäter, die nur bis zur nächsten Quartalsabrechnung denken. Vielleicht ist es auch einfach bequemer, ein beschissenes System beizubehalten als die Mühe auf sich zu nehmen und ein besseres zu entwerfen. Ich weiß es nicht. Aber ändern muss es sich.

Mangelnde Qualität

Der Punkt ist vielleicht ein bisschen gemein. Ich glaube nämlich, dass die meisten Therapeuten diesen Weg (der bedeutet, nach einem abgeschlossenen Studium noch eine zeit- und kostenintensive Ausbildung zu absolvieren) gewählt haben, weil sie wirklich den Drang haben, Menschen zu helfen. Trotzdem haben die zwei Totalausfälle, von denen ich berichtet habe, mich mehr zurück geworfen als alles andere (über Therapeut Nr. 2 hätte ich mich sogar gerne beschwert… wenn ich denn gewusst hätte wo).
Eine liebe Bloggerkollegin, selbst Therapeutin, schilderte vor kurzem treffend, dass die Qualität der Behandelnden und damit auch die Behandlung an sich steigen müsste, wäre sie den Gesetzen des freien Marktes unterworfen. Momentan scheinen sich dagegen einige Therapeuten auf ihrem Kassensitz auszuruhen, der ihnen Dank der schon angesprochenen Unterversorgung fortwährend und ohne die geringste Mühe Nachschub an neuen Patienten verschafft.
Wie wäre es, wenn Therapeuten wirklich um Patienten kämpfen müssten, Erfolge vorweisen müssten? Das findet momentan schlicht nicht statt. Dazu diese unsägliche Praxis, Kassensitze zu VERKAUFEN – womit ein solcher nicht von Qualität, sondern nur von einem dicken Geldbeutel zeugt.
So wirklich habe ich auch keine Ahnung, wie man es besser machen könnte. Kassensitze nur für die Therapeuten mit Spitzenabschlussnoten? Ein zusätzlicher Test? Kassensitze zeitlich begrenzt auf Probe mit anschließender Evaluation? Ich weiß nicht, was hier die beste Methode wäre, um die wirklich fachlich und menschlich besten Kandidaten auszuwählen. Ich weiß nur: Geld ist es mit Sicherheit nicht.

Betreuung

Das ist ein für mich schwieriger Punkt. Es ist mir peinlich, mir selbst und anderen eingestehen zu müssen, dass ich nicht mal in der Lage bin, ein paar Telefonate zu führen. Und doch ist das der Punkt, der nicht nur bei mir am meisten hakt.

Viele waren sehr schockiert über diese Zahl: neun Jahre. Neun gottverdammte Jahre, fast mein gesamtes Erwachsenenleben. So lange suche ich schon nach einem ambulanten Therapieplatz. Aber selbst mit unserem trägen Gesundheitssystem ohne genügend Kassensitze könnte ich schon längst austherapiert sein – wäre ich am Anfang nur am Ball geblieben.

Es ist nicht nur die Antriebslosigkeit, die mich hier hindert. Es ist schlicht und ergreifend die psychische Belastung, die mit dieser Suche einher geht. Vielleicht habt ihr ja schon mal wegen einer Grippe bei eurem Arzt angerufen und euch während genau diesen zwei Minuten Gespräch mit der Sprechstundenhilfe elender gefühlt als sonst im gesamten Krankheitsverlauf. Tja, so geht es mir auch. Vergessen wir die leichte (fast überwundene) Soziale Phobie, die ich ebenfalls mein Eigen nennen darf und die Telefonate allgemein recht unangenehm macht, vergessen wir auch den Stress und die Übermüdung, die mit dem Jonglieren Dutzender verschiedener Sprechzeiten einher geht: Muss ich bei einem Therapeuten anrufen, ist der Tag gelaufen. Oft kamen mir schon die Tränen, bevor überhaupt jemand abhob, und wenn man mich dann auch noch aufforderte, „kurz zu erzählen“, was mein verdammtes Problem ist, ging die Sirene erst richtig los.

Es schlaucht. Es triggert. Es macht mich fertig. Und für was? Wie man sieht: für nichts.

Damit stehe ich nun wirklich nicht alleine. Ja, es ist peinlich, sich eingestehen zu müssen, dass man in diesem einen speziellen Fall tatsächlich jemanden braucht, der einen ans Händchen nimmt, weil man sonst immer wieder aufgibt. Aber genau so jemanden sollte es geben. Was mir vorschwebt, ist eine Art Betreuer, der vielleicht sogar selbst Therapeut sein könnte, aber ein Sacharbeiter (mit entsprechender Fortbildung) würde ja auch schon reichen. Dieser Person schildert man im persönlichen Gespräch EINMAL seine Situation, statt sie zehnmal wiederholen zu müssen und SIE erledigt dann die Therapeutensuche. Ist genügend Vorwissen vorhanden, kann dabei ja auch schon mal eine kleine Vorauswahl getroffen werden (es bringt wohl wenig, einen fünfzigjährigen Alkoholiker zu einem Therapeuten zu schicken, der sonst vor allem Essstörungen bei Jugendlichen behandelt. Aber woher soll man sowas als Betroffener wissen? Die wenigsten Therapeuten haben Internetauftritte.). Auch eine vorläufige Diagnose wäre hierbei schon möglich, wenn auch nur im sehr, sehr beschränkten Rahmen.
(Auch wäre ein System denkbar, das ähnlich wie die Programme funktioniert, die an Unis zur Anmeldung für Veranstaltungen verwendet werden. Damit wäre für den verantwortlichen Betreuer beispielsweise ersichtlich, welcher Therapeut noch freie Kapazitäten hat, am besten zum Profil des Patienten passt o.ä. Hier würde sich allerdings die Frage nach einem adäquaten Datenschutz stellen.)

Wie schwer kann es sein, solche Betreuer zur Verfügung zu stellen? Und falls es sowas schon gibt: Warum weiß ich nichts davon?

Veränderung – aber wie?

Hier kommen wir zum Hauptpunkt und hier bin ich leider ratlos. Ich besitze keinen Einfluss, habe kein politisches Amt und kenne keinen Weg, irgendetwas zum Besseren zu wenden außer, mich fortwährend lautstark zu beschweren.

Genau das scheint allerdings bei dieser Thematik momentan ein riesiges Problem zu sein. Die so hochgejubelte Awareness, die ich kritisiert habe, ist beiläufig, oberflächlich und geht an den wirklichen Problemen vorbei. Sie fokussiert sich einzig auf den Abbau der Stigmatisierung psychischer Erkrankungen mit dem ach so hehren Ziel, die dann irgendwann gesellschaftlich völlig akzeptierten, nun viel selbstbewussteren Betroffenen auf diese Weise zu motivieren, sich Hilfe zu suchen – und übersieht dabei völlig, dass es keine Hilfe gibt. Das ist entweder, wie schon gesagt, einfach nur heuchlerische Selbstprofilierung – oder pure Unwissenheit.

Gegen Heuchelei kann man als Außenstehender nun leider nicht viel tun. Gegen Unwissenheit aber schon. Ja, nennt mich bekloppt, aber ich plädiere hiermit für Awareness! Keine Awareness hinsichtlich der traurigen Tatsache, dass selbst im 21. Jahrhundert viele erwachsene, gebildete Menschen „psychisch krank“ immer noch mit „unzurechnungsfähig“ gleichsetzen oder glauben, Depressive wären einfach nur weinerliche Jammerlappen. Klar tut das weh. Trotzdem: Vergesst diese Idioten. Ich rede von Awareness dahingehend, wie schwer es uns selbst völlig ohne Stigmatisierung gemacht wird, gesund zu werden. Darüber wurde noch viel zu wenig geredet, darüber ist viel zu wenig bekannt. Aber genau das muss sich ändern.

Ich kenne keinen Weg, etwas zu ändern, außer mich zu beschweren. Das habe ich hiermit getan. Aber wir Betroffenen sind viel zu leise… weil wir alle krank sind. Weil wir häufig schon froh sind, morgens aus dem Bett zu kommen. Deshalb müssen sich viel, viel mehr Leute beschweren und nach gangbaren Lösungen suchen – Leute mit Energie, Grips und Macht.

Gründe dafür habe ich nun wirklich genug genannt. Konkrete Hindernisse, die es aus dem Weg zu räumen gilt, auch wenn ich nicht so richtig weiß, wie das gehen soll. Aber ich hoffe auf eine echte Debatte über das Thema „Versorgung psychisch Kranker“ – hinausgehend über die mitleidige Feststellung, was wir doch alles für arme, kleine Hascherl sind.

Es ist ein unmenschliches, ineffektives und darüber hinaus auch noch wahnwitzig kostenintensives System, das eine grundlegende Reform benötigt. Wenn das geschafft ist, kommt das Ende des Stigmas übrigens ganz allein. Nichts würde mich glücklicher machen, als in zehn Jahren auf irgendeinen saublöden Spruch über Depressionen zu antworten: „Weißt du was? Ich war auch mal depressiv und kuck, wie gut es mir heute Dank der richtigen Therapie geht!“

Bis dahin gibt es noch zu viel zu tun, um uns an Kleinigkeiten aufzuhängen. Ich hoffe, ihr seid dabei.

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