#nudelnmitketchup – über dieses Hashtag (und über mich)

Erst muss ich mal ein Geständnis machen. Aufgepasst. Wird hart. Fertig? Also los:

Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie Nudeln mit Ketchup gegessen.

Also, Nudeln mit Ei und Ketchup, okay, öfter. Oder Nudeln mit zu wenig Käsesoße, aufgepeppt mit Ketchup. Aber einfach nur Nudeln mit NUR Ketchup, daran kann ich mich nicht erinnern.

Trotzdem steht dieses Gericht auch bei mir metaphorisch für Elend, Armut, am-Existenzminimum-herum-krebsen. Deshalb habe ich diesen Hashtag vorgeschlagen.

Aber warum eigentlich? Mal ein bisschen Chronologie:

Gestern also dieser doofe Spiegelartikel, dessen Titel ich schon Stunden vorher gelesen hatte, ohne ihn anzuklicken, weil ich mir schon dachte, dass sich da nichts grandioses hinter versteckt, den ich dann aber doch lesen musste, nachdem sich einige Leute in meiner Timeline über ihn aufregten.
Tatsächlich fand ich ihn relativ harmlos. Das Schlimmste daran war eigentlich, dass er einfach nicht sonderlich witzig ist (um eine Bloggerkollegin zu zitieren: „Das ist doch nicht lustig :/“). Aber manchmal verursachen auch Nichtigkeiten eine Lawine, wenn sie den richtigen Nerv treffen.

Aber ich greife vor. Jedenfalls hat mich diese locker-elitäre Scheißegalhaltung des Autors ein bisschen genervt. Zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht mehr. Das ist einfach eine Art Klassismus, die einem viel zu oft begegnet, als dass es mich noch groß stören könnte, und eigentlich kann er persönlich ja auch nichts dafür, aus einer Akademikerfamilie zu stammen (falls es denn stimmt) und gar nicht zu wissen, was für ein Scheißglück er hatte, gleich dreimal studieren zu können.

Aber ja, es nervt halt. Also gab ich ein Statement ab, das noch gar nicht so sehr gegen irgendjemand im Speziellen ging:

Damit hätte es eigentlich schon erledigt sein können (abgesehen von meiner leichten Verwunderung, dafür für meine Verhältnisse so viele Retweets zu kassieren – ich bin normalerweise schon wegen einem überglücklich). Aber dann fing @harryliebs an, ein paar Erlebnisse zu twittern, z.B. das hier:

Und da wurde mir klar: Das braucht doch nen Hashtag!

Zusammen mit @harryliebs und @Marenleinchen66 gab es dann ein bisschen Brainstorming, bis der Hashtag das Licht der Welt erblickte. Ich posaunte es raus, schrieb ein paar Tweets und ging schlafen.

Und jetzt? Dieser gottverdammte Hashtag ist momentan Platz 1 in den Trends und ich hab plötzlich 50 Follower mehr (wenn man bedenkt, dass ich vorher nur 83 hatte…!).

Das muss man sich mal reinziehen!!! Vorgestern, als sich ein neuer Follower zu mir verirrte, dachte ich noch: „Yay, wenn es so weiter geht, bin ich in ein paar Monaten dreistellig! Meinen 100. Follower begrüße ich dann aber persönlich!“ – Und jetzt ging das über Nacht so schnell, dass ich gar nicht sehen konnte, wer jetzt Nummer 100 gewesen war.

Das macht mich ein bisschen stolz (irrationalerweise – ich hab ja eigentlich nix gemacht). Aber während ich wirklich versuche, alle #nudelnmitketchup-Tweets zu lesen, gibt es natürlich darunter (neben dem üblichen Getrolle) auch reflexartig Kritik. Zumindest einen Kritikpunkt – nämlich, dass es uncool ist, nur über Klassismus im Unialltag zu twittern – kann ich sogar nachvollziehen.

Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass ich eh nicht glaubte, irgendjemand außer zwei oder drei der Follower, mit denen ich mich öfter unterhalte, würde den Hashtag benutzen. Ich bin gleichzeitig aber heilfroh, dass ein anderer Vorschlag (#art26, nach Artikel 26, dem „Recht auf Bildung“ in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte) verworfen worden ist, denn DER wäre dann wirklich nur auf Schul- und Unialltag beschränkt gewesen. #nudelnmitketchup hingegen darf gerne für alle Klassismuserfahrungen benutzt werden, die es so gibt – es würde mich sogar freuen.

Dennoch nervt es mich extrem, wenn einige, die sich quasi berufsmäßig mit Privilegien welcher Art auch immer beschäftigen, direkt eine solche Aktion kritisieren, weil es Leute „ausschließt“ oder „unsichtbar macht“, und anregen, doch direkt mal eine Diskussion über die Strukturen und Mehrfachdiskriminierungen etc. anzufangen.

Sorry, aber das ist mir zu akademisch und in meinen Augen auch Klassismus. Und genau daran krankte auch diese sogenannte „Klassismus-Debatte“ (die in meinen Augen keine war – zwei oder drei saudumme „Beschwert euch nicht!“-Artikel neben vielen, vielen krassen Erfahrungsberichten von Betroffenen machen noch keine Debatte!), von der im März die Rede war und von der ICH beispielsweise an prominenter Stelle ausgeschlossen wurde, weil ich mit der Meinung mancher Leute nicht konform gehe, was ich einfach nur unglaublich verletzend fand (mich allerdings nicht sonderlich überraschte).

Ich finde es okay, erst einmal Erfahrungsberichte zu sammeln, ein Bewusstsein zu schaffen. Muss man das innerhalb kürzester Zeit akademisieren?

Sollte das Hashtag noch ein paar Stunden überleben, wird sich diese Frage leider nur allzu schnell beantworten -.-

Für mich persönlich stellt sich jetzt allerdings ein anderes Problem, wenn ich die ganzen Tweets lese. Ich fange an, mich schlecht zu fühlen, wenn ich von Leuten lese, die tatsächlich oft nichts anderes zu essen hatten. Das ist einfach nur so megascheiße und tut mir unheimlich leid.

Ich wäre wahrscheinlich öfter auch nicht drumrum gekommen, wenn ich nicht vom Land käme und wir nach der Maxime leben würden: Hauptsache Essen auf dem Tisch, der Rest ist Luxus. Zwar esse ich auch heute noch meistens nur Nudeln, aber wenigstens habe ich eine ordentliche Soße dazu (= passierte Tomaten mit Gewürz und vielleicht Käse und so). Denn auch in der Zeit, als es mir finanziell am schlechtesten ging und ich nach Abzug aller Fixkosten noch 200 Euro zum Leben hatte, habe ich davon erst Essen gekauft und wenn dann nichts mehr übrig war, musste ich halt kucken, wie ich mich den Rest des Monats selbst unterhalte (zum Beispiel, indem ich mich hinsetzte, um meine einzige Jeans zu flicken).

Inzwischen geht es mir etwas besser. Ich befinde mich momentan in einer seltsamen Grauzone. Ich habe tatsächlich 30.000 Euro Schulden wegen meines Studienkredits – aber ich habe auch 3000 Euro auf meinem Girokonto. (Richtigerweise müsste ich also von 27.000 Euro Schulden reden. Man möge mir es verzeihen.)
Das Geld habe ich in den letzten zwei Jahren gespart, als ich endlich einen Job fand. Der Lohn besserte meinen monatlichen Studienkredit in einer Weise auf, die mir endlich ein wenig Luft verschaffte. Heute kann ich sagen, dass ich mich nicht mehr in einer Kneipe an einem Cola festhalten muss, weil es für mehr nicht reicht, sondern auch mal auf den Putz hauen kann, wenn ich will.

Aber oft genug, wenn ich gerade irgendwo stehe und was sehe, was ich haben will und ich einfach glücklich bin, weil ich es mir LEISTEN KANN – oft genug fallen dann urplötzlich meine Schulden auf mich herab wie das Beil einer Guillotine. Und das war’s dann mit der Freude.

Ich denke, ich bin weit davon entfernt, wirklich arm zu sein. Das ist mir klar, das habe ich auch schon in meinem ersten Beitrag über Klassismus heraus gestellt, hoffe ich. Dennoch habe ich einige unschöne Dinge erlebt, bin genervt von Kommilitonen, die einfach nicht checken, dass nicht jeder so viel Geld hat wie sie, kenne das Gefühl, wenn plötzlich 5 Euro fehlen und man nicht weiß, wen man anpumpen soll, weil man sich so schämt.

Natürlich sind das alles irgendwie first world problems. Ich hätte ja auch einfach eine Lehre machen können, wie mir meine Oma nicht müde wird vorzuhalten. Auch will ich auf gar keinen Fall den Eindruck erwecken, alle meine Probleme resultierten aus klassistischen Benachteiligungen. Da spielt noch sehr viel mehr mit rein, unter anderem ein paar persönliche Befindlichkeiten und dann auch noch schlicht die Tatsache, dass ich ebenfalls ein Uni-Loser bin. Ich hätte schon vor Jahren fertig sein können – dass ich es nicht bin, daran hat z.B. der aus finanziellen Gründen nicht zu vermeidende Umstand, oft bis spät nachts oder früh morgens arbeiten zu müssen und dann am nächsten Tag einfach zu kaputt zu sein, um ein Unibuch in die Hand zu nehmen, nur marginal Anteil.

An vielen, vielen Dingen bin ich selbst Schuld. An anderen aber halt auch nicht. Und das ist scheiße – unabhängig davon, dass ich die größte Scheißzeit hinter mir habe und endlich Hochdeutsch kann und der ganze andere Schrott.

Gleichzeitig heißt das jedoch nicht, dass ich andere nicht sehe, denen es viel dreckiger geht, ob sie jetzt studieren oder nicht. Ich hoffe einfach sehr (gegen besseres Wissen…), dass diese unbedarfte Aktion, die plötzlich zu einer Lawine wurde, die für mich viel zu groß ist (was aber doch auch nur deutlich zeigt, wie unzufrieden viele mit dem bestehenden System sind), weiter geht, ohne dass es plötzlich in einer Schlägerei nach allen Seiten ausartet und jeder dem anderen die Butter auf der Stulle nicht gönnt. Man kann sich über bestehende Ungerechtigkeiten beschweren, ohne die Leute zu vergessen, denen es noch viel schlechter geht.
Ich frage mich immer, ob Leute, die so etwas anprangern, null multitaskingfähig sind, denn ich kann in der Tat an beides gleichzeitig denken (und noch einiges mehr).

Vergessen wir doch bitte nicht die wahren Feinde. Nämlich die Bonzen da oben :mrgreen:

Einer davon schreibt jetzt also für Spiegel Online. Wie gesagt – ich gönne es Leuten wie ihm ja, nicht bedürftig zu sein. Wenn ich studierte Eltern hätte und die Möglichkeit, gleich dreimal ein Studium anzufangen, hätte ich es vielleicht auch gemacht. Nur ist das eben halt auch keine Leistung. Das scheinen er und die anderen Wohlstandsbubis leider oft zu vergessen, wenn ich mir jetzt ansehe, wie er sich über #nudelnmitketchup lustig macht. Dabei fing er gerade an, mir Leid zu tun, weil ich nicht davon ausgegangen bin, dass er den jammerigen sexistischen Unterton und den subtilen klassistischen Hauch, der sich durch seinen Text zieht, wirklich bewusst beabsichtigt hat, und er dieses ganze Gebashe vielleicht nicht verdient hat.

Aber naja, das war halt einmal -.-

Er wird jetzt also bald „Literarisches Schreiben“ studieren. DAS wäre ja was. Ein absoluter Traum für mich. Stattdessen studiere ich Lehramt, also was langweilig-bodenständiges, weil ich mir allein den Gedanken, später vielleicht aufgrund eines unnützen Abschlusses, der auf einem reinen Interessenstudium basiert, keinen Job zu haben, nicht leisten kann (ich werde trotzdem mit aller Kraft versuchen, eine gute Lehrerin zu sein, wenn es mal soweit ist – aber mein Lebenstraum ist es halt nicht gerade).

Ich würde mir wünschen, dass er und alle anderen, die sich jetzt so smart darüber lustig machen, vielleicht irgendwann verstehen, wie es ist, nicht alle Möglichkeiten offen stehen zu haben.

Aber auch das ist wohl nur so ein blödsinniger Traum.

Gibt es eine bessere Gelegenheit, um Geld zu betteln? Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Ich trinke zwar keinen Kaffee, aber das muss ja niemand wissen.

Die Zugänglichkeit der deutschen Universitäten für das unterprivilegierte Proletariat

Eigentlich wollte ich heute über was ganz anderes schreiben, aber nachdem ich gerade eine Kolumne auf Spiegel Online von Jan „Der schwarzer Kanal“ Fleischhauer gelesen habe und mir dabei fast ein Ei geplatzt ist, muss dieses Thema jetzt endlich auf den Tisch!

Mir ist es wirklich unbegreiflich, wie solche Leute mit ihrer wirren, polemischen Krakelei eine Plattform auf einer der größten deutschen Nachrichtenseiten bekommen können! Was ist jetzt bitte genau sein Problem? Ist er nun für oder gegen Studiengebühren? Ist er dagegen, aber es kotzt ihn an zu wissen, dass die verteufelte SPD von Anfang an keine Studiengebühren einführen wollte? Oder ist er dafür, weil: die Lidl-Verkäuferinnen?! Was ist denn das bitte für eine Argumentationskette?! Nochmal: Wie kann einem solchen Typen die Möglichkeit geboten werden, seine geistigen Abwegigkeiten der breiten Masse zu präsentieren?!

Es kann einem natürlich Angst und Bange werden bei dem Gedanken, die Universität mit solchen Pöbel wie mir teilen zu müssen. Mir dummen Arbeiterkind!

Ich kam im universitären Umfeld mit Klassismus in Berührung, lange bevor ich das Wort überhaupt kannte. Ach, eigentlich fing es ja schon vorher an! Die Arzttochter wurde nach der Grundschule – natürlich! – aufs Gymnasium geschickt, doch ich, Tochter einer Sachbearbeiterin und eines Schreiners, kam selbstverständlich auf eine Realschule. Es half leider nichts, dass ich dort einige Jahre in Folge die Beste in der Klasse war und mich tödlich langweilte – niemand dachte darüber nach, daran nachträglich etwas zu ändern!

Und auch wenn mir immer wieder von einigen Familienmitgliedern nahe gelegt wurde, doch einfach eine Lehre zu machen und Geld zu verdienen, zog ich nach der mittleren Reife den Wechsel zu einer anderen Schule durch und erreichte dort mein Abitur.

Dann ging es darum: Wo studieren? Die nächsten Unis fielen direkt weg, wegen Studiengebühren! Also bewarb ich mich in andere Bundesländer und wurde dort glücklicherweise an einer Uni angenommen.

Und hier fingen die Probleme erst RICHTIG an. Kein Mensch konnte, nein, wollte mir helfen, meinen Stundenplan zusammen zu stellen oder überhaupt mal bei der Studienordnung durchzublicken. Wie sollten sie auch, ich war die erste in meiner Familie, die studiert!
Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte, und als das für meine Eltern offensichtlich wurde, fuhr mich mein ziemlich angepisster Stiefvater zu meiner künftigen Uni und warf mich dort aus dem Auto mit dem Befehl, erst wieder zu kommen, wenn ich die Studienberatung wegen meinen Problemen aufgesucht hätte.

Tja, da irrte ich also auf dem Campus rum, ohne zu wissen, wo ich mich hinwenden sollte. Schließlich, als die Verzweiflung groß genug wurde, ging ich einfach mal in eines der vielen Gebäude rein und fragte dort den erstbesten Studenten, wo die Studienberatung ist. Und er, sicher in bester Absicht, schickte mich leider zum falschen Büro.

Mir wird immer noch ganz heiß bei dem Gedanken, was ich dort erlebte. Stotternd und verschüchtert schilderte ich der Sekretärin meine Probleme, was diese mit einem süffisanten Grinsen bedachte.

„Was, Sie wollen zur Studienberatung für Soziologie? Da sind Sie hier aber falsch, hier ist Jura. Ich würde sagen, da geht das kleine Mädchen noch mal heim und kuckt sich die Öffnungszeiten der Studienberatung im Internet an! Das müsste der Herr Müller sein, im Raum 0815. Der ist aber erst nächste Woche wieder da.“ Ihr Grinsen wurde breiter und noch eine Spur selbstzufriedener. Einen Seitenhieb hatte sie nämlich noch für mich! „Bis dahin können Sie ja noch ein bisschen Hochdeutsch üben!“

Wenn ich diese Geschichte erzähle, ernte ich meist ungläubige Blicke, aber ich schwöre, es hat sich genau so abgespielt! Und oh mein Gott, wie gerne würde ich wieder zu diesem Tag zurück gehen. Heute würde ich dieser blöden Kuh den Arsch aufreißen!!! Aber damals war ich einfach nur erstarrt. Die einzige Aufsässigkeit, die ich mir leistete, war ein sarkastisches „Viel Spaß“ an die anderen Studenten, die noch vor der Tür warteten, als ich davon schlich.

Ich ging zurück zu meinem Stiefvater, setzte mich ins Auto und brach in Tränen aus. Selten habe ich mich so gedemütigt gefühlt. Zum ersten Mal wurde mir klar, dass meine Herkunft, die sich in so vielen Kleinigkeiten äußerte – meinem Auftreten, meiner Wortwahl, meiner allgemeinen Unsicherheit in diesem Umfeld, meinem Dialekt – in gewissen Kreisen ein Grund war, mich von vorne herein zu disqualifizieren und verächtlich zu machen. Aber das war auch die Geburt eines Gefühls, das ich gerne „Arbeiterhass“ nennen würde. Arbeiterhass, geboren aus Arbeiterstolz!
Ich habe mit meinem Stiefvater nie mehr darüber gesprochen, aber als er mich in Tränen aufgelöst so vor sich sah und sich meine stockende Schilderung anhörte, stieg in ihm wohl ein ähnliches Empfinden auf. Er war jedenfalls kurz davor, auszusteigen und zu der Tussi zu gehen, um ihr seine Meinung zu sagen. Leider habe ich ihn damals davon abgehalten.

Und das war nur der Beginn meiner Odyssee, die noch nicht beendet ist und die sich trotzdem immer noch so anfühlt, als wäre ich eine Fremde in einem fremden Land, bewohnt von Leuten, die genauso aussehen wie ich, aber besser gekleidet sind und mit mir nicht mehr gemeinsam haben als Aliens.

Da war zum Beispiel die junge Studentin in meinem Philosophieseminar über Kant, die dem Dozenten aus welchen Gründen auch immer erzählte, dass sie eine wunderschöne Ausgabe der „Kritik der reinen Vernunft“ damals von ihrem Großvater zum Abitur geschenkt bekommen hat.
Ich saß neben ihr und spürte wieder diese Wut. MEIN Opa war Bergmann gewesen und hat in seiner Freizeit Hühner gezüchtet. Ich bin mir fast sicher, dass er in seinem ganzen Leben nie was von Kant gehört hat (fragen kann ich ihn aber leider nicht mehr), geschweige denn jemals auf die Idee gekommen ist, mir ein Buch von ihm zu schenken.

Überhaupt – Bücher. Die Romane, die wir zuhause haben, hatte ich schon mit 12 Jahren durch. Und Sachbücher, Bücher, mit denen man sein Wissen mehren konnte? Ein medizinisches Nachschlagewerk aus den Fünfzigern, in dem Onanie noch als (rein männliche) Krankheit aufgeführt wird und eine sechsbändige Enzyklopädie, die verkündet, die Amerikaner hätten für die nächsten Jahre eine bemannte Mission zum Mond geplant. Tolle Voraussetzungen!

Geld war natürlich auch immer ein Thema. Der obligatorische Bafögantrag wurde gestellt und abgewiesen. Meine alleinerziehende Mutter verdient angeblich zu viel. Und ja, von ihrem Gehalt können junge Sacharbeiter, die anders als meine Mutter, die seit den boomenden Siebzigern im selben Betrieb angestellt ist, heute nur träumen. Auch wurde uns negativ ausgelegt, dass meine Mutter ein Haus besitzt. Aber ein Haus ist nicht automatisch Luxus, vor allem nicht, wenn noch über 100.000 Euro Schulden drauf sind! Ich komme vom Land, da hat so ziemlich JEDER ein Haus, Wohnungen gibt es auf dem Land praktisch nicht! Was hätte sie tun sollen – es verkaufen?! Das Haus, das größtenteils mit ihrem Geld und der Hände Arbeit ihres Partners und Vaters gebaut worden ist, nur damit ihre Tochter studieren kann?! Und dann? Sich eine Wohnung suchen, die mietmäßig im Endeffekt auch nicht billiger kommt als die Raten für unser Haus?!

Ein Sacharbeiter-Gehalt, und davon sollte sie mir eine Wohnung, Essen und Taschengeld bezahlen. Hätte sie nicht geschafft, wenn sie sich nicht ihre eigenen Lebenserhaltungskosten mit meinem Stiefvater geteilt hätte – und damit war es vorbei, als sie sich trennten und sie ihm seinen Anteil am Haus ausbezahlte.
Und das war der Moment, als mir schmerzlich klar wurde, dass mein 400-Euro-Job ebenfalls nicht reicht, um zu leben und ich es nicht weiter verantworten kann, meiner Mutter so viel Geld abzuverlangen. Ein paar Wochen erwog ich ernsthaft, mein Studium abzubrechen und eine Lehre zu beginnen und hätte ich gewusst, dass ich tatsächlich eine Lehrstelle bekommen würde, hätte ich es wohl gemacht. Aber ich wusste es eben nicht, also entwickelte ich einen Plan B und richtete einen Studienkredit ein. Gäbe es diese Möglichkeit nicht, wäre ein Studienabbruch keine Frage des Sollens, sondern des Müssens gewesen!

Man muss dazu sagen, dass ich noch Altstudierende bin, nach allem, was ich beobachtet habe, die BA/MA-Studenten der neuen Studiengänge aber überhaupt nicht arbeiten gehen können! Das Studium ist nun so straff und so arbeitsintensiv (dabei aber nicht im Geringsten besser), dass dafür schlicht und ergreifend keine Zeit mehr bleibt! Für diese Menschen gibt es gar keine andere Möglichkeit als einen Studienkredit, wenn Mami und Papi das Studium nicht bezahlen können! Und selbst damit wird es schwer – der Kredit bei der KfW, den ich habe, ist auf 650 Euro im Monat limitiert! Versucht mal davon zu leben, wenn ihr davon von Miete über Essen über Bücher über Klamotten über Semesterbeitrag ALLES bezahlen müsst!

Und dann stellt euch vor, ihr müsstet davon noch Studiengebühren abdrücken. 1000 Euro im Jahr – dafür muss ich zweieinhalb Monate arbeiten gehen!
Ich hab mal eine Äußerung eines CDU-Politikers gehört, als es darum ging, im Saarland Studiengebühren einzuführen. Ich weiß den Namen des Politikers nicht mehr, aber seine Meinung war folgende: „500 Euro Studiengebühren bei 10 Semestern, das sind 10.000 Euro… das ist ja nicht sooo viel. Das ist ungefähr der Wert eines Autos.“

Wem ist die mathematische Glanzleistung in diesem Beispiel aufgefallen!? Die stammt nicht von mir! Der Mensch war tatsächlich der Meinung, dass 10 * 500 = 10.000 Euro ist! Da ist die Frage dann nicht mehr, ob der Typ selbst studiert hat oder nicht, sondern ob er überhaupt die 5. Klasse geschafft hat!
Muss ich überhaupt noch erwähnen, dass es ein kleiner Unterschied ist, ein Auto von diesem Geld zu kaufen und dieses dann auch zu HABEN, oder sich von 10.000 Euro einfach auf Nimmerwiedersehen zu verabschieden?! Das sollte klar sein, selbst wenn es sich korrekterweise nur um 5.000 Euro handelt! Das ist eine Summe, die man halt auch erst mal verdienen muss – für einen Bankmanager natürlich ein weitaus leichteres Unterfangen als für eine Lidl-Verkäuferin!!

Eigentlich sollte man meinen, die Erkenntnis, dass manche Leute zwar durchaus gut leben können, wie meine Familie es immer tat (wir sind eben NICHT arm!), aber es halt für diese eine kaum zu stemmende Belastung ist, ein Kind – oder, Gott bewahre, zwei oder drei! – zur Universität zu schicken wäre einfach. Aber nein – für gewisse Mitstudenten, aus genannten Gründen eher aus einem besserverdienenden Akademikerhaushalt stammend denn aus meinem Milieu, ist das eine nicht zu leistende Einsicht.

Ich weiß nicht, wie oft ich mich schon dafür rechtfertigen musste, dieses oder jenes nicht zu tun, weil es mir zu teuer ist. „Tja, warum kaufst du dir nicht was ordentliches? Kein Wunder, dass es nicht funktioniert,“ war das Urteil meiner Mitbewohner zu meinem unter-300-Euro-Netbook, das ich vor ein paar Monaten gekauft und direkt verflucht habe, weil es schlicht und ergreifend scheiße ist (mein erstes Netbook hat aber vor vier Jahren auch nicht mehr gekostet und läuft nun gezwungenermaßen immer noch).

Begreift ihr nicht, meine lieben privilegierten Mitstudenten, dass ich mir mehr nicht leisten kann?! Meine Fresse, wenn ich das Geld hätte, würde ich mir natürlich auch ein supergeiles oberpowermäßiges Macbook für tausend Euro irgendwas kaufen, aber ich kann es nun mal nicht!! Leute, ich habe zu diesem Zeitpunkt fast dreißigtausend Euro Schulden!!! Und JA, anders als Bafög muss ich die irgendwann KOMPLETT zurück zahlen!!

Ich freue mich ja für euch, dass alles von euren Eltern bezahlt wird und ihr nicht mal arbeiten gehen müsst, aber kommt mal aus eurer Reiches-Kind-Seifenblase raus und macht verdammt noch mal die Augen auf!

Interessant war auch die Ansicht dieses einen Typen, den ich 2010 auf dem Jakobsweg in Spanien traf, ein Trip, den ich mir vom Mund abgespart hatte! – auf mein Geständnis hin, gerne richtig gut Spanisch sprechen zu können. Obwohl ich mehrmals darauf hinwies, nicht viel Geld zu haben, penetrierte er mich mit Vorschlägen wie diesem: „Ein einmonatiger Sprachkurs in Madrid kostet gerade mal tausend Euro!“
Was, nur tausend Euro?! Ein Schnäppchen! Ich Dummerchen, sowas nicht vorher in Betracht gezogen zu haben!

Fremdsprachen sind definitiv nicht meine Stärke. Aber ist es ein Wunder, dass ich schlechter Englisch spreche und verstehe als Leute, die schon in der Schule ein Auslandsjahr in den USA spendiert bekamen, zwischen Schulabschluss und Uni „einfach mal chillten“ und eine Backpackungtour durch Australien unternahmen und jetzt in den nächsten Semesterferien zwei Monate in Irland zelten wollen?! Und das ich aus diesem Grund jedes Mal ein kleines bisschen eskalieren könnte, wenn man mir herablassend bescheinigt, dass meine Lieblingsserie im O-Ton ja viiiel besser sei?

Klassismus ist nichts, über das ich aus meinem universitären Elfenbeinturm heraus abgehoben fasele, sondern meine Lebensrealität! Daher möchte ich gerne jedes Mal Amok laufen, wenn ich eine elitäre Radikalfeministin lese, die in einer Arroganz, die wahrlich ihresgleichen sucht, mit Fremdwörtern und feministischen Fachtermini um sich wirft, so dass ihr Text für alle, die nicht schon mindestens einen Bachelor haben, völlig unverständlich wird, gleichzeitig aber in einem Akt der totalen puritanischen Selbstbeweihräucherung ob ihrer Hingabe für diskriminierte Minderheiten hinter gebräuchlichen Phrasen ein „RW“ für „Redewendung“ einfügt, „als Hilfe für Nicht-Muttersprachler_innen“.

Was für eine groteske Lächerlichkeit! Und die gleichen Menschen, die sich für den moralischen Eichstrich der gesamten Welt halten, werfen mir Klassismus vor, wenn ich konstatiere, dass es Frauen gibt, die ein niedrigeres Bildungsniveau haben. Können die Frauen was dafür, meinte ich, dass diese Frauen blöd sind?! Nein, aber sie stecken dennoch da drin, wie auch  ich bis zu einem gewissen Grad drin steckte und immer noch stecke!

Und aus dieser meiner Position heraus sage ich am Ende dieses viel zu langen, völlig abschweifigen Posts, um noch mal einen Bogen zu meinem Aufhänger zu schlagen, in aller gebotener proletarischer Deftigkeit: Herr Fleischhauer, ich finde Sie scheiße!

 

Wenn 10.000 Menschen mir via Paypal je eine Tasse Kaffee spenden würden, wäre ich meine Schulden los. Klingt machbar! Willst du einer davon sein?