Ungerechtigkeit muss weh tun. Allen.

Eine kleine Geschichte:

Ich lebe in einer WG mit zwei weiteren Studenten, David und Dave. Die Wohnung ist ein echter Glücksgriff: Jeder von uns hat ein ausreichend großes Zimmer, dazu gibt’s ein ebenso geräumiges Wohnzimmer, ein riesiges Bad mit Badewanne (!!! Traum!), sogar ein kleiner Garten. Altbau. Bis auf den Lärmpegel (sie liegt direkt an einer gut befahrenen Straße, aber daran habe ich mich sogar schon gewöhnt) und die Kälte im Winter kann man sich echt nicht beschweren – vor allem nicht für den Preis. Billigste Wohnung, in der ich je lebte. Da hatten wir Megaglück.

Zu Altbauwohnungen gehört meist auch eine große (Wohn)Küche. Eine solche haben und nutzen wir. „Viel Platz“ bedeutet in solchen Wohnsituationen aber leider auch meist „Viel Chaos“. Ernsthaft, manchmal wäre ich froh, sie wäre kleiner, denn solange immer noch ein dreckiger Teller irgendwo abgelegt werden kann, scheint der Druck bei uns allen, einfach mal zu spülen, ziemlich gering zu sein.

Das ist ein Problem, denn gemütlich ist ja anders, ne? Aber wir sind halt Studenten und kriegen das irgendwie nicht so ideal hin. Wenn es jedoch den Rahmen des Unerträglichen sprengt, müssen Gespräche her. Eben ein solches führte ich mit Mitbewohner Dave, als die Küche mal wieder aussah wie ein Ausblick in eine postapokalyptische Zukunft.

„Wenn es nicht anders geht, müssen wir einfach einen Putzplan machen,“ meinte Mitbewohner Dave schicksalsergeben. Mitbewohner David war gerade nicht da. „Dann ist halt jeder eine Woche für die Küche verantwortlich und spült alles und so.“
Ich ließ meinen Blick über die fünfzehn Teller, achtzehn Tassen, elf Gläser, siebenundzwanzig Bierflaschen und neun Töpfe und Pfannen schweifen, die darauf warteten, abgewaschen und/oder weggeräumt zu werden, und seufzte einmal laut. „Putzplan ist okay. Aber jeder eine Woche lang… das ist ungerecht. Ich meine, ich koche fast jeden Tag, aber David ja fast nie, und wenn, ist es dann meist eine Pizza…“

Dave starrte mich völlig perplex an. „Ja, aber… du kochst doch mehr und… also, ungerecht… äh…?“
„Ja, das meine ich ja. Es ist ungerecht, wenn David genauso viel aufräumen soll wie ich.“
Dave brauchte tatsächlich eine Weile, bis das bei ihm angekommen war. Seine Verwirrung war so groß, dass er zuerst geglaubt hatte, ich hätte genau das Gegenteil gesagt.

Und warum ist das so? Weil es leider extrem ungewöhnlich ist, zurück zu treten und einen Vorteil aufzugeben, wenn man ihn schon so gut wie in der Tasche hat. Ich hätte auch einfach nicken und lächeln und mich freuen können, in Zukunft weniger Arbeit zu haben, obwohl ich einen großen Teil dieser Arbeit verursache. Aber das konnte ich nicht. Wie schaffen es Leute, wissentlich Ungerechtigkeit in Kauf zu nehmen, ohne unter erheblichen Schmerzen zu leiden?

Das führt mich wieder zurück zu einer anderen Geschichte, die ich an anderer Stelle erzählt habe – die Geschichte eines Kumpels, der in seiner Wahlentscheidung einzig und allein auf sein eigenes Wohl späht. „Also, momentan als Student müssen wir ja SPD wählen, weil sonst gibt’s Studiengebühren,“ führte er aus. (Das ist schon ein bisschen her. Studiengebühren sind inzwischen ja so gut wie Geschichte.) „Aber wenn wir dann später Lehrer sind, dann ist es ja am besten, CDU zu wählen.“
Ich, sowie die anderen beiden Studentinnen am Tisch, waren von so viel argloser Ignoranz einfach nur komplett schockiert, doch als ich diese Geschichte unlängst erzählte, wurde das Verhalten meines Kumpels als „Pragmatismus“ bezeichnet. Ich neige ja immer noch dazu, es eher Egoismus zu nennen, und meinen Kumpel ein Arschloch (allerdings, wie gesagt: ein argloses Arschloch!).

Wie kann so jemand einen solchen Müll von sich geben, ohne sich selbst zu hassen?

Es gibt einige Dinge, die sind einfach universell. „Gerechtigkeit“ ist eines davon. Und deshalb sollte es einfach jedem wehtun, Ungerechtigkeit zu sehen, egal ob man davon betroffen ist oder nicht, egal ob man von dieser Ungerechtigkeit unmittelbar profitiert oder nicht.

Und nein, das hat nichts mit Schuldgefühlen oder Scham zu tun (wobei letzteres definitiv angebracht ist, wenn man Ungerechtigkeit willentlich und bewusst zulässt, nur damit man selbst keine Spülhände kriegt). Ich nenne es Verantwortung.

Wir haben übrigens immer noch keinen Putzplan.

Dieser Artikel kann als Nachtrag zu diesem verstanden werden.

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Heroes and Bastards

Ich glaube, wenn es eines gibt, was sich wie ein roter Faden durch mein ganzes Leben zieht, dann ist es meine völlige Faszination für Helden. Mein nerdiges Superhelden-Fantum ist da ja nur die Spitze des Eisberges. Seit jeher bewundere ich Menschen, die für andere ihr Leben riskiert haben, für eine gute Sache einstanden, selbst gegen den Strom, oder ganz einfach für Gerechtigkeit kämpfen.

Aus diesem Grund wäre ich wahnsinnig gern Polizistin geworden. Also so richtig Mordkommission oder ähnliches, jedenfalls nicht Streife. Ich glaube, das hätte ich gut gekonnt. Ich habe reichlich Phantasie, ein super Gedächtnis und kann logisch genug denken, um auch noch den abwegigsten Tathergang rekonstruieren zu können.

Drei Dinge haben mich davon abgehalten:

– meine Depression (obwohl ich das sogar eher positiv auslegen würde… ich weiß, wann ich die Reißleine ziehen muss, daher kann mir eines der größten Probleme von Polizisten – Burnout – nicht passieren. Viele andere Leute, die noch nie psychische Probleme hatten, wissen das nicht.)
– meine Heimatverbundenheit (in meinen Dorf ist in 30 Jahren EIN Mord passiert… und im Umland sieht es ähnlich aus. Wenn ich was „interessantes“ hätte machen wollen, wäre ein Umzug unumgänglich gewesen – in eine furchtbare, riesige Großstadt. Kann ich nicht, will ich nicht.)
– meine Unsportlichkeit (ich hätte im Leben nicht die Sportprüfung bestanden. Tja.)

Und jetzt ist es zu spät, ich bin zu alt. Das ist schade. Ich war immer der Meinung, Polizist wird man aus Überzeugung, um zu dienen und zu schützen. Das ist ein amerikanisches Motto, aber ich glaubte, im Prinzip würde das auf alle Polizisten zutreffen. Und genau deshalb könnte ich einfach nur aufplatzen, wenn ich eine Story wie diese lese.

Da wird eine Frau auf übelste Weise von kranken Perversen bedroht und beleidigt und tut genau das, was man in diesem Fall tun sollte, was sich aber nur wenige trauen: Anzeige erstatten.
An zuständiger Stelle wird sie erstmal mit geballter Inkompetenz belästigt. Ich meine, ich bin längst nicht so internetaffin, wie ich es gerne wäre und halte es für keine Schande, nicht zu wissen, was ein Blog oder Twitter ist… ABER DOCH NICHT ALS FACHFRAU. Wie kann so jemand in der Abteilung „Internetkriminalität“ sitzen?!
So weit, so unbefriedigend, aber noch im Rahmen. Gestern nun wird die selbe Frau unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ins Präsidium geladen, was sie freut, denn sie glaubt, es gäbe was neues wegen ihrer Anzeige. Stattdessen wird sie dort damit konfrontiert, dass SIE jetzt diejenige ist, gegen die ermittelt wird, wegen „Verbreitung von Pornographie“. Wohlgemerkt, das ist ein Straftatbestand, der, sofern er durch ein Gericht bestätigt wird, das weitere Leben in empfindlicher Weise versauen kann! Und das wegen EINES Bildes, auf dem ganz verschwommen Fellatio zu sehen war.
Der Rest ist einfach nur unfassbar. Ohne Belehrung ihrer Rechte, ohne Anwalt muss Aurelie Fingerabdrücke abgeben, wird fast noch zu einer DNA-Probe verdonnert und schlicht und ergreifend behandelt wie eine Schwerverbrecherin.

Nun bin ich ja leider keine Polizistin geworden, aber wenn sich der Sachverhalt so abgespielt hat, wie sie das schildert, klingen bei mir alle Alarmglocken. Das kann SO auf gar keinen Fall richtig und RECHT sein! Ich bin kein großer Fan von Pornographie, vor allem nicht in Reichweite von Minderjährigen, aber es ist doch absolut lächerlich, gegen eine harmlose Blogbetreiberin wegen EINESversch wommenen Fotos auf diese Weise vorzugehen, während man gleichzeitig auf diversen Seiten wie youporn etc. völlig freien Zugriff auf die allerexplizitesten, abartigsten Sexpraktiken in Videoform hat – Dinge, die selbst mich als Erwachsene verstören!! Und ein Irrer, der ihr Bilder von verstümmelten FRAUENLEICHEN schickt, ist angeblich nicht ermittelbar! Sorry, aber WAS ist wohl gefährlicher für die Allgemeinheit!?

Die ganze Story könnt ihr in Aurelies Blog lesen und sofern ihr es nicht schon getan habt, teilt ihren Beitrag auf Twitter oder Facebook oder macht sonst, was in eurer Macht steht, um diese Absurdität weiter publik zu machen.

Ich bin im Allgemeinen etwas vorsichtig mit sowas. Ich kenne Aurelie nicht persönlich (bisschen gestritten haben wir aber schon ^^), wie wohl die wenigsten. Sie könnte im Grunde sonstwas erzählen, überprüfen können wir das nicht. Aber WENN das stimmt, bin ich einfach nur so richtig, richtig angepisst und stinksauer!
Polizisten sind meine Helden. acab2Vielleicht nur ganz kleine, aber jedenfalls solche,
die den Schutz von Schwachen und Rechtlosen zu ihrem Lebensunterhalt gemacht haben. Genau deshalb enttäuscht mich sowas einfach unglaublich. Ich hatte eine ziemliche Punkphase als Teenager, aber, so wenig das auch passen mag, vor der Polizei hatte ich immer Respekt. All Cops Are Bastards? Nee, der Meinung war ich nie.

Aber sowas erschüttert meinen Glauben an die Gerechtigkeit gewaltig. Und wenn ich sowas lese, erinnere ich mich plötzlich wieder an diesen einen Typen, den ich während eines Praktikums kennen gelernt habe, den einzigen Menschen, dem ich je begegnet bin, den ich für einen waschechten Soziopathen halte. Und dieser Typ wollte – Polizist werden.
Ich weiß nicht, was er heute macht, aber unserem Land zuliebe hoffe ich, dass er seinen Berufswunsch niemals in die Tat umgesetzt hat. Und der Menschheit zuliebe hoffe ich, dass er einen schlimmen Unfall hatte. Denn er war böse. Die Welt ist besser ohne ihn dran.

Ich hoffe weiter, dass die meisten Leute, die Uniform tragen, gute, anständige Menschen sind, die mit einem zufriedenen Gefühl ins Bett gehen, wenn sie jemanden geholfen haben, und die nicht schlafen können, wenn es eine Ungerechtigkeit gab, gegen die sie machtlos waren.

Für den Rest sind wir da. Das Volk, die vierte Gewalt im Staat. Also teilt Aurelies Geschichte, aber teilt sie nicht nur, weil die Reaktion völlig überzogen und in Anbetracht der vorherigen Vorkommnisse absolut unfair war, sondern teilt sie, um bürokratiehörigen Schreibtischtätern mit Allmachtsphantasien mal so richtig auf den Tisch zu kacken und ihnen zu zeigen: So nicht!!

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