Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 3: Bilder gucken

Sooo… hier haben wir mal keinen Standardjob, sondern eine Tätigkeit, über die ich teilweise heute noch gerne erzähle.

Auch das war ein mehr-oder-weniger Ferienjob… mehr oder weniger deswegen, weil ich ihn ein paar Monate nach dem Abi antrat und damals natürlich keine Ferien mehr hatte.

Nach meiner letzten Erfahrung war ich von der Vorstellung, in einem Fotolabor zu arbeiten, eigentlich sehr angetan, auch wenn ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, wie meine Aufgaben wohl aussehen würden. Ich hatte ziemlich Schiss, dass dafür irgendwelche technischen Fotographie-Skills von mir verlangt werden, die ich nun mal einfach nicht habe. Aber es half nix, ich musste Geld verdienen und wenn der Job übelst kompliziert wäre, würden sie ja keine Aushilfe ranlassen!

An meinem ersten Tag durfte ich sehen, dass ich längst nicht die einzige Abiturientin war, die hier einen Job ergattert hatte. Ihr müsst wissen: Fotos werden (zumindest in so großen Fotolabors) eins nach dem anderen auf aufgerollte Bänder gedruckt, die dann wiederum automatisch auf das bekannte Format zugeschnitten werden. An eben diesen Schneide-Maschinen saßen andere Aushilfskräfte und packten das Ergebnis in die ebenfalls bekannten Fototaschen ein.

Ich weiß nicht, warum ich immer so viel Glück (oder Pech, kann man sehen wie man will) habe, aber mein Arbeitsplatz war ein anderer. Ich war in den folgenden Wochen ganz allein für die Qualitätskontrolle zuständig!

Einige Kunden des Fotolabors (vor allem natürlich Fotoshops oder Supermärkte, die diesen Service anbieten) haben dafür extra bezahlt, dass die Fotos stichprobenartig überprüft wurden, andere Kunden veranlassten das nach mehreren Beschwerden der Endverbraucher. Letzteres war dann temporär. Aber wie auch immer: Ich bekam täglich eine Liste mit Kunden, die eine Überprüfung wollten, schnappte mir einen dicken Pack Fototaschen und arbeitete die durch. Das wiederholte sich Fünf bis sechs Stunden lang, dann musste ich aufhören, weil gegen Mittag das Zeug verschickt wurde.

So richtig eingearbeitet wurde ich nicht. Ich bekam Stoffhandschuhe, um die Bilder nicht zu beschmieren und wurde an einem Tisch in der Produktionshalle gesetzt. Dort war ich mir selbst überlassen. Das war erstmal ein kleiner Schock, aber ich bekam schnell Routine. Am Ende präsentierte ich alles, was ich gefunden hatte, dem Vorarbeiter, der die Hälfte davon ohne große Umstände wieder zurück warf, weil die Fehler nicht vom Betrieb verursacht worden sind, sondern auf fehlende Fotographieskills zurück zu führen waren (Verwacklungen, seltsame Farbstiche, „Lichtblitze“ etc.pp.). Sowas erkannte ich dann irgendwann von selber.

Jeden Morgen meldete ich mich zum Dienst, nahm meine Liste und legte los. Großartig kontrolliert wurde ich nicht und Gespräche gab es außerhalb den Pausen (in denen meine Kollegen normal wirkten – nicht so zombifiziert wie bei McDonald’s) auch nicht. So saß ich dann stundenlang da und sah mir Bilder an.

Hat jemand von euch „One Hour Photo“ gesehen, diesen krassen Film? In den (wenigen) lustigen Szenen erkenne ich diesen Job jedes Mal wieder. Die Leute machen sich einfach keine Gedanken darüber, wer ihre Bilder alles sehen wird. Da wird dann der Film im DM-Markt abgegeben und alle gehen davon aus, dass er sich auf magische Weise selbst entwickelt und in eine Tüte packt. Tja… dem ist nicht so. Ich habe in diesen wenigen Wochen mehr Nacktfotos von völlig Fremden gesehen als mich selbst in meinem Leben nackt im Spiegel. Besonders beliebt schienen Nacktfotos von Schwangeren zu sein… aber nicht so Demi-Moore-mäßig niveauvoll-ästhetisch, sondern teilweise echt schon fast Hardcore. Und natürlich noch viele andere nackten Tussis, die nicht schwanger waren. Titten, Titten everywhere. Dafür keinen einzigen nackten Kerl *grmpf*
Dann selbstverständlich Massen von Urlaubsfotos, Hochzeiten, Geburtstage, uuuunglaublich viele Babys, Welpen und Kätzchen (da hab ich mir immer Zeit genommen und die mir ganz genau angesehen ^^) und einmal leider auch ne Beerdigung mit offenen Sarg plus Leiche. Das war der erste echte tote Mensch, den ich in meinem Leben je gesehen habe, und es war eine komplett fremde Frau. Ich hätte darauf verzichten können.

Normalerweise blätterte ich die Fotos nur so daumenkinoartig durch, für mehr reichte die Zeit nicht, außer ich hatte Anweisung, bei diesem und jenem Kunden ganz genau zu kontrollieren. Waren es interessante Fotos, hab ich sie auch mal eins nach dem anderen durchgesehen. Klingt insgesamt eigentlich ganz cool, ne? War es aber nicht wirklich. Ich meine, es war längst nicht so geisteszerstörend langweilig wie im McD’s, aber die Zeit zog dich doch schon ziemlich, weil die meisten Menschen nicht besonders spannende Sachen fotographieren, jedenfalls nichts, was für einen Fremden spannend wäre.

Ein Kunde des Fotolabors war eine Army Base ziemlich weit weg von uns, der von den im Nahen Osten stationierten GIs Filme geschickt wurden, die sie wiederum an das Fotolabor zum Entwickeln schickten. Als ich mal eine solche Ladung müßig durchblätterte, sah ich plötzlich eine Gefangenenmisshandlung.

Ich schwöre euch, mein Herz setzte kurz aus. Minutenlang saß ich wie erstarrt da, unfähig zu entscheiden, was ich damit anstellen sollte. Dann fing ich an, der Sache genauer auf den Grund zu gehen.
Schnell stellte ich fest, dass mein erster Eindruck ein bisschen zu krass gewesen war: Auf dem Bild war eigentlich nichts zu sehen, das wirklich an Folter erinnerte. Man konnte einige Araber erkennen, die ganz offensichtlich verängstigt waren (wer wäre das nicht) und eben ein paar GIs, die vor ihnen standen. Mehr war da eigentlich nicht. Aber trotzdem, dieser Ausdruck auf ihrem Gesicht…
Nur wenige Wochen zuvor war der Folterskandal um Abu Ghuraib durch die Medien gegangen, was damals alles, was ich bereits zu wissen glaubte, einfach nur sowas von bestätigt hat. Mit 19 war mein Antiamerikanismus so ziemlich auf dem Höhepunkt. Aber ich versuchte, rational an die Sache heran zu gehen.

Ich begann, sämtliche Bilder in dieser Fototasche eins nach dem anderen ganz genau zu untersuchen. Dabei dachte ich drüber nach, was ich machen sollte, sollte ich WIRKLICH auf Folterfotos stoßen. Niemand hatte mir gesagt, wie in solchen Fällen verfahren wird… wenn ich Bilder finden würde, die in irgendeiner Weise illegal sind. An sich, dachte ich, wäre es am besten, das meinem Vorarbeiter zu melden, aber was wäre, wenn der das weiterleitet und die Bilder irgendwie auf dem Weg Richtung Spiegel-Redaktion verschwinden würden? Weil der Chef keinen Ärger mit einem Großkunden will? Weil – so dachte ich damals – die ganze Welt ja sowieso völlig korrupt ist?
Während ich darüber grübelte, ob ich das riskieren oder vielleicht doch versuchen sollte, die Bilder einfach rauszuschmuggeln und auf eigene Faust die Presse zu informieren, checkte ich die Fotos weiter. Hätte ich eine Lupe gehabt, hätte ich wohl auch die benutzt. Ich saß sicher eine halbe Stunde einfach da und war mit dieser einen Fototasche beschäftigt, obwohl ich sonst in der selben Zeit zehn bis zwanzig durchgesehen hatte. Aber wie gesagt, niemand kontrollierte mich wirklich.

Und letztendlich entschied ich nach genauester Durchsicht, dass mir meine Kriegshysterie da einen Streich gespielt hatte. Es war wirklich nichts zu sehen, was auf illegale Umtriebe hindeutete – auch wenn ich die angstverzerrten Gesichter dieser armen Männer niemals vergessen werde. So sehen keine Terroristen aus, Leute. So sehen Menschen aus, denen mit Gewalt ihr Land und ihre Häuser genommen werden, nur weil ihre Regierung eine andere Regierung einmal zu oft angepisst hat.

Naja. Wenn die Bilder so gegen 13 Uhr ausgeliefert wurden, war meine Arbeit im Grunde beendet. Bis 15 oder 16 Uhr half ich dann noch bei irgendwelchen anderen Sachen. Nebenan war die Foto-von-Foto-Kopie-Abteilung, in der Abzüge von Fotos gemacht wurden, für die keine Negative (mehr) existierten. Das waren vor allem ganz alte Schwarzweißfotos, die ich ziemlich interessant fand, aber ich lernte dort auch, dass es viele Menschen gibt, die von ihren professionell gemachten Bewerbungsfotos auf diese Weise Abzüge bestellten. Das ist nämlich wesentlich billiger, als einfach zwanzig Abzüge beim Fotographen zu bezahlen – Geld, was Leute, die X Bewerbungen schreiben müssen, einfach nicht haben. Leider ist die Bildqualität einer solchen Kopie aber auch längst nicht so gut.

Dort kontrollierte ich auch ein bisschen die Bilder, dann hatte ich nach sieben bis acht Stunden Feierabend. Ich bin mir nicht mehr sicher, wie viel Stundenlohn ich damals bekam – es müssen so zwischen 6,50 und 7 Euro gewesen sein. Nach heutigen Maßstäben ist das natürlich weit unter Mindestlohn, aber damals fand ich es okay.

Wenn ich heute zuhause bin, muss ich manchmal an dem Fotolabor vorbei fahren. Es ist nun eine leerstehendes Lagerhaus, denn die Digitalfotographie hat solchen Firmen den Todesstoß versetzt. Und ohne genau zu wissen warum macht mich das immer traurig.

Weiterlesen:
Teil 1: Prospekte austragen
Teil 2: McDonald’s
Teil 4: Fabrik
Teil 5: Kellnern
Teil 6: Bäckerei
Teil 7: Prospekte – schon wieder

Wenn es darum ging, Geld zu verdienen, gab es in meinem Leben wirklich wenig, für das ich mir zu schade war. Deshalb habe ich auch kein Problem damit, meine Leser um eine kleine Spende in Form einer Tasse Kaffee zu bitten (via Paypal). Über ein wenig Unterstützung freue ich mich immer!

Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 2: McDonald’s

Ja, ich habe tatsächlich mal einen Sommer lang im McDonald’s malocht. Und ich weiß, was ihr jetzt denkt:

Kann man noch tiefer sinken?

Der Anstoß dazu kam von meiner Mutter, die sich die fixe Idee in den Kopf gesetzt hatte, ich müsste unbedingt einen Ferienjob haben. Vielleicht, weil sie nicht vollständig mit dem Umstand zufrieden war, dass ich mit nur zwei oder drei meiner Mitschüler in die gymnasiale Oberstufe wechselte, während alle anderen eine Lehre anfingen, wie sich das für uns Arbeiterkinder vom Land gehört. Jedenfalls bekam ich damals wie heute von meiner halben Familie aufs Brot geschmiert, ob ich mich denn für was besseres halten würde, weil mir die mittlere Reife nicht gereicht hat.

Naja. Und weil ich leider zu langsam gewesen bin, diesen Plan sofort kreischend abzuwehren, saß ich schließlich doch mit 16 einem Filialleiter gegenüber, für den weird noch eine sehr nette Bezeichnung ist, und führte ein Bewerbungsgespräch, bei dem es nur darum zu gehen schien auszuloten, wie viel Demütigung ich ertragen kann.
Kein Scheiß. Er fragte mich tatsächlich, wie ich reagieren würde, wenn ich Müll vom Parkplatz auflesen müsste und meine Mitschüler stünden daneben und lachten. Der Mann hatte einen realistischen Blick auf das Image dieses Jobs.

Inzwischen hatte sich meine Abneigung gegen die Aussicht, ausgerechnet beim großen gelben amerikanischen M Burgerbraterin zu werden, zu epischen Ausmaßen gesteigert, aber es war zu spät. Ich WOLLTE ja gerne einen Ferienjob, aber nicht gerade DAS. Es gab einen riesigen Streit zuhause, in dem ich den Kürzeren zog. Meine Mutter zwang mich schlicht und ergreifend, in den Sommerferien dort anzutanzen und damit den schlimmsten Job anzutreten, den ich jemals hatte.

Die halbwegs gute Nachricht war, dass ich nicht in der Küche musste, um in Frittenfettschwaden zu ersticken, sondern zuerst für’s Saubermachen zuständig sein sollte, bevor ich später an die Kasse käme. Zunächst musste ich allerdings eine offizielle Gesundheitsschulung hinter mich bringen, wo ich so aufregende Dinge lernte wie, dass man sich die Hände waschen muss, wenn man mit Lebensmitteln arbeitet, oder, für mich heute noch eine Quelle des Amüsements, dass Symptome wie Halskratzen, Schüttelfrost und allgemeine Abgeschlagenheit auf eine Grippeinfektion hindeuten könnten, aber auch auf Cholera. Well…

An meinem ersten Arbeitstag zeigte mir ein netter Typ, ebenfalls ein Schüler, meinen Arbeitsplatz. Wie gesagt, zuerst sollte ich einer dieser Menschen sein, welche die Rückgabeboxen für Tabletts ausleeren, über die Tische wischen, den Müll trennen, die Klos putzen… ich war ziemlich unterwältigt. Dieser Arbeitsbereich nannte sich „Lobby“, was das Ganze allerdings auch nicht besser gemacht hat.
Mir wurde erklärt, dass gelbe Schwammtücher für die Tische benutzt werden, grüne aber für die Toiletten. „Das ist GANZ WICHTIG!“
Während er mich so auf meine Pflichten einschwor, konnte ich nur mit Mühe ein Grinsen unterdrücken. Ich hatte kurz zuvor Günther Wallraffs „Ganz unten“ gelesen, wo er sich unter anderen darüber aufregte, dass man bei McDonald’s für Tische und Klos die selben Schwammtücher benutzt. Tja, hier konnte ich live in Aktion erleben, wie solche Enthüllungsbücher die Arbeitswelt verändern und fand es köstlich. Das war allerdings das letzte Mal, dass mir während den folgenden grausamen Wochen zum Lachen zumute war.

Ich hatte übliche 8-Stunden-Schichten, die sich allerdings anfühlten wie acht Jahre. Saubermachen war einfach nur langweilig. Und ich meine hier nicht ein „Schulstunde-langweilig“ oder „Ich muss 20 Minuten auf den nächsten Bus warten und der Akku für mein iPod ist leer“-langweilig. Es war eine Art von Langeweile, bei der man zu spüren glaubt, wie sich nacheinander alle Gehirnzellen verabschieden, während der Planet unter einem seine normale Rotationsgeschwindigkeit zu verlieren scheint und sich jede Sekunde zu Äonen dehnt.
Eine geistlose, anspruchslose Tätigkeit, die durch kein Gespräch aufgelockert wurde, denn meistens war ich alleine für’s Saubermachen zuständig, und falls wir mal zu zweit waren, bedeutete das einen solchen Megabetrieb, dass an Gespräche nicht zu denken war. Ich war also acht Stunden gefangen mit mir und meinen Gedanken, die um den Umstand kreisten, im möglicherweise am meisten verlachten Job dieser Welt gelandet zu sein.

Ich erinnere mich an einen schrecklichen Tag, als der so heftig herbeigesehnte Feierabend endlich nahe war und der Filialleiter zu mir kam um zu fragen, ob ich nicht noch eine Schicht dranhängen könnte, weil irgendjemand krank geworden sei. Zuerst brach ich innerlich zusammen, weil ich mich unfähig fühlte, diesen Befehl Bitte abzulehnen, als mir der rettende Einfall kam. „Ich bin doch erst 16, ich darf nicht länger als acht Stunden arbeiten.“ Ein daran anschließendes „HA!!“ konnte ich gerade noch so zurück halten. Daraufhin schürzte der Filialleiter die Lippen, akzeptierte aber den deutschen Jugendschutz und das Arbeitsrecht.

Die Pausen waren auch schlimm. Sie boten Einblick in eine Welt, zu der ich auf gar keinen Fall gehören wollte. Im Pausenraum, in dem damals, als man in solchen Zimmern noch rauchen durfte, eine Sichtweite von unter einem Meter herrschte, wurde nicht geredet. Die Leute, meine Kollegen, saßen einfach da, den Kopf in eine Hand gestützt, eine Zigarette in der anderen Hand, und blickten starr geradeaus. Vor sich mayoverschmiertes Verpackungspapier der hauseigenen Erzeugnisse.
Tatsächlich wurde ein Teil des Lohnes damals sozusagen in Naturalien bezahlt. Keine Ahnung, ob das heute noch genauso ist. Ich bekam 17 Mark Stundenlohn – allerdings gingen davon 4 Mark pro Stunde für Essen ab, was ich an diesem Tag verbraten durfte bzw. eigentlich musste. Dieser… ach, nennen wir es „Bonus“ verfiel nämlich nach jedem Arbeitstag. Das heißt, ich hatte nach einem 8-Stunden-Tag ein Budget von 32 Mark, von dem ich mir Essen nehmen durfte, wobei es egal war, ob ich etwas in der Pause aß oder mir Zeug mit nach Hause mitnehmen wollte. Das war jedes einzelne Mal mehr Geld, als ich ausgab, womit ich mich jedes Mal ärgerte, weil ich das Geld natürlich lieber bar auf die Kralle bekommen hätte.
Auch hier stand mir meine jugendliche Naivität im Wege: Wenn ich mich heute solchen Auflagen gegenüber sehen würde, würde ich am Ende des Arbeitstages so viel Essen einpacken, bis mein Budget aufgebraucht ist, und es verdammt noch mal an irgendwelche fremden Leute verschenken. Aus reinem Protest gegen diese blödsinnige Regelung. Aber so clever war ich mit 16 leider noch nicht.

Die Arbeit an der Kasse war nicht ganz so langweilig, hatte aber ihre ganz eigenen Schrecklichkeiten. Ich rede von den Kunden. Angepisste Bestellungen im Stil von „Ich will ein Bic-Mäc-Menü, aber die Pommes müssen richtig frisch sein, sonst brauchen Sie mir gar keine zu bringen!!!“ waren alltäglich. Und aus dieser Erfahrung habe ich zwei Dinge gelernt.

Erstens: Ich bin verdammt noch mal freundlich zu Dienstleistern, egal im welcher Branche. Außer, sie sind selber total scheiß-unfreundlich. Das kann natürlich auch mal vorkommen.
Zweitens: Viele Menschen sind scheiße. Zum Beispiel Menschen, die vergessen, dass sie einen anderen Menschen vor sich haben, keinen Automaten. Und ganz besonders Menschen, die hohe Erwartungen haben bis zum Mond.

Ernsthaft: Man kriegt in Fast-Food-Restaurants genau das, wofür man bezahlt. Nicht, dass McDonald’s besonders billig wäre. Das isser nicht. Aber ihr versteht, was ich meine. Wenn man qualitativ hochwertige, aromatische, heißbrutzelnde Vollwertkost haben will, die lange sättigt, dann geht man verdammt noch mal nicht in ein Fast-Food-Restaurant, sondern latscht woanders hin oder lernt selber kochen. McDonald’s ist halt kein Essen, sonder nur fast Essen – das auch ziemlich geil sein kann. Denn ja, ich esse heute immer noch ab und zu dort, daran hat mein kleiner Ausflug hinter die Kulissen nichts geändert. Aber Menschen, die davon zu viel erwarten, leiden für mich an Wahnvorstellungen. Die Hygiene muss gewahrt werden – klar – und es soll drin sein, was auch draufsteht – logisch – aber an die Qualität sollte man einfach nicht zu hohe Ansprüche stellen. Und vor allem ist es eine absolute Frechheit, seinen Unmut darüber, in solchen Massenabfertigungsketten nicht so gut zu speisen wie in einem Laden, in dem man noch Messer und Gabel kennt, bei den Kassierern abzuladen.

Und für Witze wie „Ich hätte gerne einen Cheeseburger ohne Käse“ ist ein solcher Ort auch der falsche Platz. Nicht, dass das nicht tatsächlich ziemlich witzig ist. Aber die meisten McDonald’s-Kassierer sind so in ihrer Welt aus Agonie und Verzweiflung gefangen, dass man sie wirklich nicht noch mit unnötigen Diskussionen nerven muss.

Als mal wenig Betrieb herrschte, zeigte mir eine andere Kassiererin, wie man die freie Zeit überbrücken kann, denn tatenlos rumstehen und auf Kundschaft warten wird in dieser Branche überhaupt nicht gerne gesehen. Zum Beispiel kann man die Dip-Päckchen auffüllen. Als sie mir das demonstrierte, flogen die kleinen Töpfchen nur so durch die Luft.
„Warum beeilst du dich denn so?“ fragte ich ratlos.
„Ach, das hab ich mir so angewöhnt. Fix muss das alles gehen, Anweisung von oben… das wirst du auch noch lernen.“

Als ich das hörte, hätte ich am liebsten laut geschrien. Denn ich WOLLTE das nicht lernen. Nichts gegen ein bisschen Dynamik, wenn viel los ist, im Gegenteil, aber warum nicht ein paar Gänge runter schalten, wenn eben NICHTS los ist? Was soll dieser künstliche Stress? Ist dieser Job so megagut bezahlt, dass ständige Hektik gerechtfertigt ist, selbst wenn sie gar nicht nötig ist? (Die Antwort lautet: Nein.)
Das habe ich damals nicht verstanden und das verstehe ich auch heute noch nicht. Klar, jetzt wird das irgendwer lesen und mir fehlende Arbeitsmoral und Faulheit unterstellen. Aber das ist keine Arbeitsmoral. Das ist krank. Und nicht ökonomisch. Wer Luft hat, sollte auch mal durchatmen können und dann seine Arbeit in einem Tempo erledigen, bei dem einem nicht sämtliche Nerven durchbrennen, weil sie so unter Hochspannung stehen. Also bitte!!

Squidward_headdesk

Somit war die Arbeit an der Kasse eine interessante Mischung aus Burnout, Boreout und dem Gefühl, von seiner eigenen Firma für eine absolute Vollidiotin gehalten zu werden. Habt ihr euch jemals gefragt, warum Kassierer in solchen Läden einen mit Fragen wie „Als Menü oder Einzel?“ oder „Soll noch ein Getränk dazu?“ nerven, obwohl man nur schnell einen Hamburger auf die Hand will? Das ist alles vorgeschrieben, Leute. Mehr als das. Die Kassen funktionierten damals nach einem idiotensicheren Prinzip, das sich vermutlich bis heute wenig geändert hat.
Es standen beispielsweise nicht die Namen der Produkte auf den Tasten, sondern es waren die entsprechenden Bilder abgebildet. Wobei mir ersteres echt lieber gewesen wäre – manche Graphiken erforderten doch etwas viel Phantasie. Und was diese latent dämlichen Nachfragen angeht: Dazu blinkte damals sofort eine Meldung auf, wenn ich etwas eintippte.

Beispiel: Jemand bestellt einen Big Mac. Hysterische Erinnerung: „Menü?“ Und tatsächlich war es nun meine Pflicht, nachzufragen, ob der Gast nicht vielleicht doch ein Menü will. Sowas geht mir ja immer total auf den Sack, denn ich esse in solchen Läden NIE Menüs. Aber gut. Weiter geht’s: Bestellt jemand ein Menü, blinkt die Meldung „Dessert?“ auf. Dann wäre es eigentlich meine Aufgabe gewesen, genau diese Frage (mit ein bisschen mehr Worten) an den Gast weiter zu leiten. Es gab noch mehr solcher Hinweise. Aber das war dann eine Sache, der ich mich komplett verweigerte. Schlimm genug, dass mir schon genau vorgekaut worden ist, was und in welcher Form ich mit den Gästen reden darf, aber ich sah schlicht nicht ein, Leute, die zu 99% genau wissen, was sie gerne essen wollen, mit solchen dämlich-manipulativen Nachfragen zu nerven. Klar gibt es sicher den ein oder anderen, dem dann siedendheiß und ganz urplötzlich einfällt, dass er noch total Bock auf ein Eis hat, aber rechtfertigt das die Nerverei aller anderen Gäste?
Das war und ist mir einfach alles viel zu standardisiert. Wo ist da denn noch Raum für eigenständiges Denken?

Vielleicht ist das auch mit ein Grund dafür, dass McDonald’s Mitarbeiter kein Trinkgeld annehmen dürfen. Die richtige Begründung dafür kannte ich mal, aber ich habe sie ehrlich gesagt wieder vergessen. Vermutlich war sie unlogisch und dämlich, sonst hätte ich sie mir gemerkt.

Und letztendlich drängte sich mir während meiner Kassiererkarriere dann noch der Gedanke auf, dass McDonald’s seinen Mitarbeitern schlicht und ergreifend nicht vertraut. In einem Betrieb, in dem alles zack-zack gehen muss, passieren natürlich auch oft genug Fehler. Und die Leute wissen eben doch meist nicht, was sie nun genau essen wollen. In der Praxis sieht das dann so aus, dass man etwas falsches in die Kasse eingibt, weil man sich verhört hat oder der Kunde sich Sekunden später nochmal umentscheidet.
Normalerweise sollte es möglich sein, so etwas als Kassierer selbstständig zu stornieren. Hier ging das aber nicht. Wenn ich etwas falsches eingetippt hatte, musste ich nach dem Schichtleiter brüllen, der dann mit dem Kassenschlüssel angerannt kam, irgendetwas an der Kasse rumschraubte, sie deaktivierte und schließlich wieder hochfuhr. Das dauert. Und dabei ist das noch die Idealvorstellung. Oft genug war auf die Schnelle kein Schichtleiter auffindbar – und dann stand man da vor den hungrigen Menschenmassen, die nicht kapierten, was das Problem war.

Mir wurde das irgendwann echt zu blöd. Die Kasse löscht sich ja schließlich von selber, wenn man sie öffnet. Also tat ich genau das: Ein Tastendruck, Kasse springt auf, ich knalle sie wieder zu, voilá, schon kann es weiter gehen. Und wenn ihr jetzt die Hände über den Kopf zusammen geschlagen habt: Damit habt ihr absolut Recht. Mir ist erst nachdem ich den Job wieder aufgegeben hatte klar geworden, was ich damit eigentlich angerichtet hatte. Mit 16, im Angesicht dieser dämlichen Kasse, dachte ich noch nicht so weit, dass ich damit jedes Mal einen Betrag bonierte, den ich dann ja überhaupt nicht kassierte. Ich will gar nicht wissen, für wie viel Kassenminus ich in dieser Zeit verantwortlich war. Allerdings hat mich niemals jemand darauf angesprochen, also hab ich wohl einfach Glück gehabt.

Als ich meine festgelegten Schichten in den Sommerferien hinter mir hatte, hätte ich am liebsten eine Parade mit anschließenden Feuerwerk organisiert. Ich war so unglaublich froh, wieder frei zu sein… als meine Mutter nach meinem letzten Arbeitstag zu mir kam.
„Wegen dem Job… also, so zwei Wochen solltest du dich auf die neue Schule konzentrieren und dich eingewöhnen… aber ab dann könntest du doch fest dort arbeiten, so ein oder zwei halbe Schichten die Woche…“
Weiter kam sie nicht, weil ich in Ohnmacht fiel. Nein, ganz so schlimm war es nicht. Aber ich machte ihr mit meiner hysterischen Reaktion auf diesen Vorschlag so unmissverständlich klar, dass ich mich eher an mein Bett festketten würde, als dort wieder zu arbeiten, dass sie den Mund zuklappte und das Thema nie wieder zur Sprache brachte.

Und das ist meine Einstellung bis heute. Als ich mich vor ein paar Jahren wirklich am Existenzminimum entlang hangelte und tatsächlich bereit war, alles zu tun – wirklich ALLES – war für mich eines trotzdem völlig klar: Nie wieder Fast Food!

Weiterlesen:
Teil 1: Prospekte austragen
Teil 3: Fotolabor
Teil 4: Fabrik
Teil 5: Kellnern
Teil 6: Bäckerei
Teil 7: Prospekte – schon wieder

Wenn es darum ging, Geld zu verdienen, gab es in meinem Leben wirklich wenig, für das ich mir zu schade war. Deshalb habe ich auch kein Problem damit, meine Leser um eine kleine Spende in Form einer Tasse Kaffee zu bitten (via Paypal). Über ein wenig Unterstützung freue ich mich immer!