20 Jahre §177-Reform – Die halbe Geschichte eines Meilensteins

Vorgestern feierte meine Timeline das Jubiläum eines Meilensteins: Nach jahrelangem Ringen wurde am 15. Mai 1997 eine Reform des Paragraphen 177 (heute „sexueller Übergriff, sexuelle Nötigung, Vergewaltigung“) beschlossen. Gegen den Widerstand weiter Teile der CDU wurde damals der Begriff „außerehelich“ aus dem Gesetzestext gestrichen, womit Vergewaltigung in der Ehe nun endlich auch als solche justiziabel war. Dem voraus gingen endlose Debatten, die heute größtenteils schockierend und absurd anmuten und sich deshalb perfekt zu Demonstrationszwecken eignen – zeigt dies doch, wie hart einst für Rechte gekämpft werden musste, die uns heute selbstverständlich erscheinen, obwohl sie auf dem Papier noch gar nicht so lange existieren.

Ich war 12, als die Reform auf den Weg gebracht worden ist. Ich wusste damals nicht, dass Ehepartner bis dato vom Straftatbestand „Vergewaltigung“ nicht erfasst worden sind und war darüber schockiert. Umso wichtiger finde ich eine Erinnerungskultur in Form einer Berichterstattung 20 Jahre nach der Reform.

Und trotzdem stößt mir gerade diese Berichterstattung sauer auf. Es wird nämlich nur die halbe Geschichte erzählt.

Sehen wir uns dazu den §177 mal an, der bis zur Reform nur den Tatbestand „Vergewaltigung“ umfasste:

§ 177. Vergewaltigung.

(1) Wer eine Frau mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben zum außerehelichen Beischlaf mit ihm oder einem Dritten nötigt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren bestraft.
(2) In minder schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren.
(3) Verursacht der Täter durch die Tat leichtfertig den Tod des Opfers, so ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren.

Mit der Reform wurden die Straftatbestände „Sexuelle Nötigung“ und „Vergewaltigung“ zusammen gefasst, eine Vergewaltigung somit also zu einer besonders schweren Form der sexuellen Nötigung. Das neue Gesetz las sich dann nach einigen kleineren Korrekturen von 1998 bis 2016 (in gekürzter Form) so:

§ 177. Sexuelle Nötigung; Vergewaltigung.

(1) Wer eine andere Person

  • 1. mit Gewalt,
  • 2. durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder
  • 3. unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist,

nötigt, sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich zu dulden oder an dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft.

(2) [1] In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren. [2] Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn

  • 1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen läßt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung)

Wie bereits erwähnt wurde hier „außerehelich“ gestrichen. Gleichzeitig, und das fällt vielleicht nicht so deutlich ins Auge, wenn der Text mit den sexistischen Vorzeichen gelesen wird, die wir alle mehr oder weniger verinnerlicht haben, wird jedoch auch aus der „Frau“ in der älteren Version das geschlechtsneutrale „Person“. Und das, liebe Berichterstatter, bedeutet nichts anderes als das: Vor der §177-Reform konnten Männer laut deutschen Gesetz nicht vergewaltigt werden.

Ich möchte nun sicher nicht darüber streiten, welche Änderung bahnbrechender war. So argumentierte ein Kumpel gestern, ein betroffener Mann hätte zwar keine Vergewaltigung, wohl aber die schon vor 1997 geschlechtsneutral formulierte „Sexuelle Nötigung“ (damals §178) zur Anzeige bringen können. Allerdings gilt für Vergewaltigung in der Ehe ähnliches: Diese konnte auch schon vor der Reform als einfache Nötigung (§240) oder Körperverletzung verurteilt werden (weshalb die Behauptung, sie wäre vor 1997 „straffrei“ gewesen, strenggenommen falsch ist).
Aber das sind Feinheiten. Richtig ist ganz simpel: Bis 1997 konnte vor dem Gesetz eine Frau nicht von ihrem Ehemann und Männer im Allgemeinen von niemanden vergewaltigt werden.

Soweit die Fakten. Fragen bleibt dennoch:

Warum wird die Änderung Männer betreffend an keiner Stelle miterwähnt? Warum fällt die gegenüber der Vergewaltigung in der Ehe völlig unter den Tisch? Gibt es darüber nicht ähnlich zeithistorisch interessante Bundestagsdebattenschnipsel, welche den schweren Weg bis dahin nachzeichnen? Wie wurde DIESER Antrag aufgenommen, wer hat ihn zur Diskussion gestellt, wie lauteten die Gegenargumente? Und so weiter.

Jetzt könnte man aus antifeministischer Sicht argumentieren, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen nun mal als wichtigeres Problem wahrgenommen wird als gegen Männer. Aber selbst wenn man dieser Argumentation folgt, erklärt das in keinster Weise, warum auch aus Männerrechtler-Kreisen keine einzige Anmerkung zu dieser Reform gekommen ist. Stattdessen bin ich auf der Suche nach einer solchen einzig auf einen Eintrag zum §177 in der antifeministischen und sexistischen Datenbank WikiMANNia gestoßen, der allerdings die Reform weniger feiert als sie in verschwörungstheoretischer Manier negiert. Eine Sichtweise übrigens, mit der ich mich auch schon auseinander setzen musste:

Während ich mich also durchaus darüber ärgere, dass nur die halbe Wahrheit zu dieser dringend nötigen Reform den Weg in die Medien findet, besteht die Erinnerungskultur und damit Lobbyarbeit deutscher Männerrechtler mal wieder aus – genau – nichts.

Aber das ist ja nun auch nichts neues.

Quellen zur Straftatsbestandsgeschichte: lexetius.com

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Wie viele Deppen braucht man, um mir auf den Sack zu gehen?

Vorgestern stellte ich auf Twitter eine Frage:

Ein paar hübsche Mutmaßungen sind da zusammen gekommen.

– Ich habe gestrippt
– Ich habe alkoholfreies Bier ausgeschenkt
– Ich habe eine Wasserflasche fallen lassen und gerufen „Scheiße, das war der letzte Schnaps“
– Ich habe Trinkgeld nicht angenommen
– Ich habe gesagt, dass ich Star Wars scheiße finde
– „irgendwas mit Feuer“
– Ich bin umgekippt
– Ich habe mich für den falschen Fußballverein ausgesprochen
– Ich habe mich positiv über Feminismus und die Antifa geäußert
– Ich habe einer betrunkenen Person Alkohol verwehrt
– Ich habe die Theke „gewhamt“ (was wohl heißt, ich habe „Last Christmas“ gespielt)
– Ich habe beim Sambuca die Kaffeebohnen vergessen und ihn nicht angezündet
– Ich habe „Verdammt! Die Sportschau fällt aus und das Bier ist alle!“ gerufen
– „irgendetwas despektierliches zu Star Wars“
– Ich habe darauf bestanden, dass Abnehmen physikalischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen ist
– Ich habe alle Würfelbecher verbrannt, damit die Leute nicht mehr „meiern“ können

Teils sehr nette Antworten sind da darunter – und keine stimmt.

Die traurige Wahrheit, der schockierende Grund, weshalb eine ganze Theke voller Kerle mein Tun aufgeregt und gebannt verfolgte und (leider) auch fassungslos kommentierte:

ICH HABE EINE GOTTVERDAMMTE GLÜHBIRNE AUSGEWECHSELT!!!

Gut, eigentlich war es keine Glühbirne, sondern eine der kleinen Halogenlampen an der Theke. Sie brannte aus, ich wartete, bis sie abgekühlt war, nahm eine neue und wechselte sie aus.

DAS VERDAMMT NOCH MAL NORMALSTE AUF DER WELT – aber ich wurde angestarrt wie das 8. Weltwunder!

„Ey, kuck mal, was die da macht!“ rief der erste Kerl, als ich gerade den Draht entfernte, der die Lampe an Ort und Stelle hielt, woraufhin ich die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Kumpels und jeder anderen Person am Tresen genoss. Und dann, unglaublicherweise und völlig ironiefrei: „Die wechselt die Birne!!!“

Ich: sprachlos. Aber stoisch drehte ich die Birne raus, gerade als der Typ genau vor mir aufgefordert wurde, mir doch bitte mal zu helfen (was er glücklicherweise nicht tat).

Um die neue Birne einzudrehen, musste ich kurz auf die Theke klettern. Ein halbes Dutzend Männeraugen starrten mich dabei fassungslos und (leider kaum besser) mit unverhohlener Bewunderung an.

„Hast du ihr das beigebracht?“ wurde ein Stammgast an der Theke gefragt. Dann an mich: „Hat ER dir das beigebracht?“

Ich: „Nee. Dafür habe ich jahrelang studiert.“

Dann war ich fertig, die Scheißlampe brannte wieder und ich flüchtete unter den gefälligen Blicken meines Publikums.

Ohne Scheiß, Leute: WAS ZUR HÖLLE SOLL DAS. Wir reden hier von einer DÄMLICHEN GLÜHBIRNE. Für wie UNFASSBAR BLÖD wird man als Frau gehalten, wenn DAS als besonders kommentierungswürdige Leistung gilt, verdammte Scheiße!?

Und bevor irgendein höhnischer Trottel jetzt damit ankommt – ja, ich kenne den Witz:

„Wie viele Feministinnen braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?“ – „DAS IST NICHT WITZIG!!!“

Das Ding ist, dass der Witz als Witz witzig ist. In der Realität ist das aber leider gar nicht witzig, ihr sexistischen Arschlöcher!!! Das hat auch nichts mehr mit „Wohlwollen“ zu tun, wenn Frauen für so unsagbar dämlich gehalten werden, einfachste handwerkliche Handgriffe nicht allein meistern zu können!

Was soll ich mir dabei denken?! Soll ich etwa stolz sein, weil ich so etwas kann?! Mich freuen, dass man das würdigt? Mich gar für die angebotene Hilfe bedanken, wenn ich doch einfach nur meinen Job erledigen will?! WAS ZUR HÖLLE SOLL ICH MIT SOWAS ANFANGEN?!

Und es ist ja nicht so, als wäre das ein Einzelfall. Ich wurde schon mit Komplimenten überschüttet, nur weil ich den Feuerstein meines Zippos selber wechseln kann. Dafür muss man nur ein Schräubchen aufdrehen. Das geht mit dem FINGERNAGEL.

Einen Tag später habe ich übrigens auf der Arbeit das übergelaufene Klo entstopft und musste zwei ganze Eimer voll Wasser vom Boden wischen. Eine klempnernde Frau, man stelle es sich vor!! Wobei, streicht den letzten Teil. Das ist ja putzen – DAS kann ich natürlich, so als Frau!

Wisst ihr, als ich diesen Blog vor Jahren startete, zog ich um und schrieb darüber. Damals renovierte ich auch ein bisschen mein Zimmer und dachte darüber nach, auch darüber zu bloggen. Die Idee verwarf ich schließlich, weil ich es für zu uninteressant hielt.

Inzwischen ist mir klar, dass das nicht stimmt. Eine Frau, die selber ein paar überflüssige Schrauben aus der Wand holt und streicht – ich wäre schlagartig berühmt geworden!!!

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Mansplaining

Ich hab mich über nervige Kerls geärgert, also habe ich ein bisschen (um)gedichtet.

macker dont preach

Mansplaining: Die ekelhafte Attitüde mancher Männer, erwachsene Frauen wie Kleinkinder zu behandeln, die von nichts ne Ahnung haben können, weil Frauen ja generell nie von irgendetwas ne Ahnung haben oder gar ihre eigenen Entscheidungen treffen können. Wisster Bescheid.

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Nochmal: #MeinFeminismus

Es wurde ja schon oft vehement gefordert lieb danach gefragt. Da ich es außerdem gerne auf diese Weise speichern würde: #MeinFeminismus als Tweetsammlung.


 

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Wenn jemand über einzelne Punkte diskutieren möchte, gerne. Allerdings bitteschön mit Begründung, was seiner/ihrer Meinung nach an dem entsprechenden Punkt kritikwürdig ist. Meldungen von Tussis, die meine Meinung mit Mord gleichsetzen und biologistische *tuuut* *bitte höflich bleiben* sind nicht erwünscht.

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In eigener Sache: Was mit Kommentaren geschieht

Ich möchte hier ein paar Worte über Zensur verlieren.

Wer es noch nicht wusste, der weiß es jetzt: Ich bin Feministin – und trotzdem ein ganz normaler Mensch. Manchmal schreibe ich hier feministische Artikel, manchmal (= öfter) nicht. Das hier ist kein feministischer Blog, sondern einer, in dem ich viele verschiedene Themen zusammen werfe, so wie es mir gefällt. Deshalb ist auch die Leserschaft ziemlich bunt gemischt. Während die meisten sehr liebe Menschen sind, über deren Kommentare ich mich immer freue, ist das bei vielen, die mit dem sogenannten Geschlechterdiskurs zu tun haben, leider nicht so wirklich gegeben.

Meine ca. zweijährige Karriere als feministische Bloggerin hat mich in Bezug auf die Kommentarpolitik genau eins gelehrt: Entweder du schaltest restlos alles frei – oder du bist eine zensurwütige Diktatorin schlimmer als Hitler. So zumindest der Eindruck netter Außenstehender, die weder einen eigenen Blog betreiben, noch nachvollziehen können, wie viel Hass einem als Feministin entgegen schlägt, obwohl sie eifrig daran teilhaben.

Gestern gab es wieder eine solche, hach, nennen wir es „Diskussion“, also habe ich etwas vorgezogen, was ich eigentlich erst für in ein paar Monaten geplant hatte: Eine kleine, beispielhafte Liste der Menschen, die bei mir nicht mehr willkommen sind plus Begründung.

Vielleicht interessiert euch das Thema Feminismus nicht. Dann könnt ihr eigentlich wegklicken. Meine „Zensurpolitik“ betrifft euch dann ja sowieso nicht. Aber vielleicht wollt ihr ja mal sehen, mit was für Gestalten man sich so alles rumschlagen muss und versteht danach ein bisschen besser, warum ich Feministin bin. Außerdem ist es wirklich lustig!

Meine „Blacklist“ findet ihr hier: klick
Ihr findet sie auch rechts oben neben „Startseite“ und „About“ als eigenen Reiter oder Seite unter dem Titel „Haters gonna hate“. Ich werde diese Liste aktuell halten, wann immer es nötig ist.

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Männer als Opfer, Frauen als Täter und warum das eigentlich gar nichts mit Game of Thrones zu tun hat

Obligatorische Spoilerwarnung für die 4. Staffel von Game of Thrones, allerdings beschränkt auf das Thema Cersei.

Hach ja. Eigentlich dachte ich, nach meinem letzten Beitrag, in dem ich meinen Standpunkt klar gemacht habe, auch wenn einige das nicht verstanden haben, könnte ich das Thema abhaken, aber die Vergewaltigung Cerseis in der 5. Folge der 4. Staffel erregt weiterhin die Gemüter. Am Montag hat Lukas Schoppe den (sarkastisch betitelten) Beitrag „Warum es sexuelle Gewalt gegen Männer nicht gibt (und sie außerdem auch halb so schlimm ist)“ nachgeliefert und sich leider entschlossen, ein Zitat von mir als Einstieg zu wählen, das da lautete „Theon wurde nicht vergewaltigt“. Dies, sowie die folgenden paar Absätze, erweckten auf mich den Eindruck, als würde hier meiner Person unterschwellig (allerdings, wie ich hoffe, unabsichtlich) unterstellt, sexuelle Gewalt gegen Männer zu leugnen, was mich aus naheliegenden Gründen mal wieder, tja… „maximal anpisst“.

Der Text ist jedoch davon abgesehen interessant, behandelt er doch teils ein Thema, das mir nach der Diskussion um Cerseis Vergewaltigung schon öfter vor die Füße gestolpert ist: Warum wird die dargestellte Gewalt in Game of Thrones gegen Männer, hier vor allem Theon Greyjoy, so gar nicht angeprangert, die gegen Cersei dagegen schon?

Eigentlich dachte ich, ich hätte mit meinem vorherigen Artikel schon die Lösung geliefert, aber offensichtlich bedarf es doch eines gesonderten Artikels, denn Schoppe macht meiner Meinung nach ein paar gewaltige Fehler. Der Text wird in vier Teile gegliedert sein:

Wird sexuelle Gewalt gegen Männer in unserer Gesellschaft verharmlost?
Was ist Vergewaltigung und warum ist Theon nicht davon betroffen?
Exkurs: Das antifeministische Märchen von der unmöglichen weiblichen Täterschaft
Was ist Verharmlosung?

 

Beginnen wir also am Anfang:

1. Wird sexuelle Gewalt gegen Männer in unserer Gesellschaft verharmlost?

Kurze Antwort: Ja. Sexuelle Gewalt allgemein wird ohnehin auch heute noch gerne verharmlost, aber bei betroffenen Männern hat das nochmal eine ganz andere Dimension. Penetriert werden gilt biologisch als weibliches „Ding“ (eine Vorstellung, die auch oft Grundlage für Homophobie gegen schwule Männer ist), während eine Vergewaltigung durch eine Frau an den Vorstellungen von Männlichkeit kratzt, dass
a) Männer in jedem Fall stärker sind als Frauen,
b) Männer ohnehin dauergeil sind und
c) wenn sie mal doch nicht geil sind, keine Erektion bekommen können, womit eine Vergewaltigung durch eine Frau physiologisch unmöglich ist.

Das alles habe ich bereits im antifeministischen Kontext gehört – von Männern. Es ist natürlich Schwachsinn. Der Punkt „Dauergeilheit“ muss ich hoffentlich nicht extra auseinander nehmen, weil er einfach zu blöd ist. Davon abgesehen gibt es genug Männer (und natürlich Jungs!), die körperlich schwächer sind als manche Frauen; außerdem könnten sie bei einem Übergriff in der Minderheit sein, durch Waffengewalt gezwungen werden, durch Substanzen gefügig gemacht, durch einen Trick gefesselt etc. pp. Mir fielen da tausend mögliche Szenarien ein, in denen sexuelle Gewalt von einer Frau an einem Mann ausgeübt werden kann und frage mich bei Leuten, die das (oft in abfälliger Weise) für absurd halten, wie es sein kann, dass ein Mensch ohne jegliche Phantasie überhaupt überleben kann. Und eine Erektion? Kann durch Drogen verursacht werden oder auch völlig ohne Spaß an der Sache passieren.

Was die Verharmlosung angeht, könnte man da vermutlich ganze Bücher mit füllen. Ich beschränke mich auf zwei Beispiele. Das erste betrifft Vergewaltigungen männlicher Personen durch andere Männer. 2012 wurde eine Studie durchgeführt, die enthüllte, dass in Jugendgefängnissen (die zu einem Großteil von Jungs belegt sind) die Gefahr, innerhalb eines Monats vergewaltigt zu werden, bei 7% liegt (siehe Bericht im Tagesspiegel und dem Kommentar des Lawblogs). Bernd Busemann erklärte daraufhin, er könne diese Zahlen „gut akzeptieren“, denn „ein Knast ist keine Mädchenpension“.

Nun ist dieses dumme Arschloch nicht irgendein Internettroll, sondern war zum damaligen Zeitpunkt Justizminister (!!!) von Niedersachsen und ist heute Präsident des niedersächischen Landtages. Diese menschenverachtenden, auf den Rechtsstaat scheißenden Äußerungen hätten meiner Ansicht nach dazu führen müssen, dass unser sauberer Herr CDU-Politiker mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt wird – tatsächlich hatte es NULL Auswirkungen auf seine Karriere. Natürlich: Es geht ja nur um ein paar Kriminelle, wen interessiert das schon?
Wäre es hierbei rein um weibliche Gefangene gegangen, wäre der Widerstand gegen diesen Herren nicht nur unter Feministinnen gewaltig gewesen. Aber so sind es ja nur Kerle. Das wird „akzeptiert“. Selbst, wenn die zum Teil noch minderjährig sind. Das ist doch völlig ohne Worte.

Das zweite Beispiel stammt aus dem Bereich Film. In „40 Tage und 40 Nächte“ spielt Josh Hartnett einen Typen, der offensichtlich jedem Rock hinterher steigt und mit seinem Leben gerade nicht klar kommt. Das führt zu einer Wette: 40 Tage und 40 Nächte muss er sowohl auf Sex, als auch auf Masturbation zu verzichten. Es geht schnell um eine ganze Stange Geld, deshalb will er diese Wette unbedingt gewinnen. Jedenfalls kettet sein bester Freund ihn gegen Ende ans Bett, um den völlig Verzweifelten nach so vielen Wochen ohne Sex davon abzuhalten, zu onanieren.

In dieser wehrlosen Situation wird er nun von seiner Ex vergewaltigt.

Der Film kam 2002 ins Kino und schwamm auf der Welle der Teenager-Komödien mit, die zu dieser Zeit heiß im Trend waren. Eine KOMÖDIE. In der eine Frau gegen den Willen des Mannes diesen zum Sex zwingt. Er schläft zwar dabei die meiste Zeit – aber ein schlafender Mensch kann keine Zustimmung geben, zumal er ihr vorher deutlich gemacht hat, dass er nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Hier könnte §179 StGB greifen – „Sexueller Missbrauch widerstandsunfähiger Personen“. Seine Fesselung erfüllt meiner Meinung nach laut §177 Abs. 1 Nr. 3 StGB das Kriterium der „schutzlosen Lage“.
Das ist nicht witzig. Das ist nicht „harmlos“. Im Gegenteil – es wird besonders unappetitlich, wenn er sich am Schluss dann auch noch bei seiner neuen Flamme ENTSCHULDIGT, weil die natürlich just danach ins Zimmer platzt und an verräterischen Flecken erkennen kann, dass er gerade Sex gehabt hatte. Also… „Sex gehabt“. Natürlich müsste hier „ist vergewaltigt worden“ stehen. Und dafür muss er sich entschuldigen? Bitch, please!!

Ich könnte gerade aus dem Bereich Popkultur noch viele weitere Beispiele bringen, aber ich denke, der Punkt ist klar: Was bei weiblichen Opfern (völlig zurecht) weder in der Realität, noch im fiktiven Kontext hingenommen würde, ist bei männlichen Opfern „akzeptiert“ oder gar „lustig“. Wenn das keine Verharmlosung ist, dann weiß ich auch nicht.

 

2. Was ist Vergewaltigung und warum ist Theon nicht davon betroffen?

Die Szene, an der Schoppe Anstoß nimmt, findet in der 3. Staffel statt. Während der gesamten Staffel wird Theon aufs Übelste gefoltert und weiß zu Anfang noch nicht mal von wem. Neben massiver körperlicher Misshandlung ist Ramsay Snow, sein Folterknecht, auch noch ein Meister der psychologischen Folter: So bringt er, ein angeblicher Retter geschickt von Theons Schwester, Theon dazu, ihm zu vertrauen und hilft ihm vermeintlich bei der Flucht. Als kompletter Psychopath (neben Joffrey und Gregor Clegane ist er der einzige wirklich von Grund auf böse Charakter der Reihe) schreckt er sogar nicht davor zurück, Männer zu töten, die Theon wohl auf seine Befehle hin verfolgt haben, um Theon vor ihnen zu „retten“ und so sein Vertrauen in ihn noch weiter zu zementieren. Kurz darauf muss Theon aber feststellen, dass sein Gönner ein sadistisches Spiel getrieben und ihn nicht zu seiner Schwester, sondern zurück in seine Folterkammer geführt hat, wo sich sein Martyrium nun fortsetzt. Ramsay benutzt dazu nun auch genüsslich schmerzvolle persönliche Informationen, die Theon ihm gegenüber im Glauben enthüllt hat, einen Freund vor sich zu haben, womit er nicht nur seinen Körper, sondern auch seine Seele massiv traktiert. Jap… der Kerl ist definitiv ein kranker Bastard im doppelten Wortsinn!

In der 7. Folge der 3. Staffel nun (betitelt „The Bear and the Maiden Fair“, ein beliebtes Lied in Westeros – in dem es übrigens kaum verhüllt um Vergewaltigung geht) findet nun die beanstandete Szene statt. Theon wird dabei von zwei jungen Frauen losgebunden, die ihm erst Wasser geben und sich um seine Wunden kümmern, bis sie anfangen, ihn unverhohlen anzumachen. Theon kapiert verständlicherweise überhaupt nicht, was abgeht, und reagiert auf einen Griff in seine Hose erst panisch, verstört und ablehnend, glaubt er doch, die Mädchen wären von Ramsay geschickt worden. Bald gibt er seinen Widerstand jedoch auf und verschlingt die nackten Damen mit Blicken, während sich eine rittlings auf ihn setzt und sich an ihn reibt. Es wird geknutscht und gestreichelt, bis Ramsay Snow die Vorstellung mit einem Trompetenstoß beendet, Theon verspottet und ihn als finalen Akt der ultimativen Folter schließlich kastriert.
Die ganze Szene wirkt nicht nur auf Theon, sondern auch auf den Zuschauer surreal. Von der bequemen Couch zuhause aus scheint es seltsam, dass Theon nicht versucht zu fliehen, wo er doch schon mal losgekettet worden ist, aber der ist nach all den Wochen der Folter und der Demütigung schwach, dehydriert und hochgradig verängstigt. Vielleicht glaubt er ja, zu halluzinieren. Aber egal. Die Frage war ja: Ist das eine Vergewaltigung?

Als ich Schoppe schrieb, dass Theon nicht vergewaltigt wird, habe ich mir dabei nicht viel gedacht. Ich glaubte, er hätte einfach was verwechselt, deshalb war der Satz „Theon wird nicht vergewaltigt“ aus meiner Sicht eine bloße Anmerkung, eine kleine Fehlerkorrektur. Seine Antwort darauf kam spät, deshalb habe ich sie auch erst vorgestern gesehen. Er schließt mit:

Ich verstehe eigentlich nicht, warum das keine Vergewaltigung sein sollte.

In seinem Artikel wirkt das wiederum etwas anders:

Ich verstehe, warum diese Szene nicht als Vergewaltigung wahrgenommen wird, schließlich schläft Violet nicht tatsächlich mit Theon, sondern simuliert einen Beischlaf. Angesichts dieser Szene ist gleichwohl schwer zu verstehen, wie die Vergewaltigung Cerseis durch Jaime ein so großer, bis in die größten amerikanischen Medien hinein beschriener Skandal werden, die Vergewaltigung Theons während seiner Folter aber völlig übersehen werden konnte.

Er sieht also, dass es keine Vergewaltigung ist, nennt es aber trotzdem Vergewaltigung. Well. *kopfkratz*

Eine Vergewaltigung ist nach §177, Absatz 2 StGB eine besonders schwere Form der sexuellen Nötigung, die vorliegt, wenn

1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen läßt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung)

Ich sehe das hier nicht gegeben, da nun mal kein „Beischlaf“ stattfindet, sondern Theon seinen Penis die ganze Zeit in der Hose behält. Ob es sexuelle Nötigung ist, ist eine andere Frage (dazu weiter unten), aber es ist keine Vergewaltigung. Bei all der Empörung, die Schoppe bei dieser Szene empfindet, habe ich dennoch nicht die geringste Ahnung, wem mit dieser Begriffsaufweichung gedient sein soll.

 

Exkurs: Das antifeministische Märchen von der unmöglichen weiblichen Täterschaft

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, ein bisschen mit antifeministischer Propaganda aufzuräumen.
Mir wurde unter Schoppes Artikel noch an den Kopf geknallt, ein Mann könne rein juristisch gesehen von einer Frau sowieso nicht vergewaltigt werden, außer er wird penetriert. Das war jetzt auch nicht das erste Mal, dass mir das vorgeworfen wird (als könnte ICH da was für) und deswegen kotzt mich das tierisch an. Es ist nämlich schlicht Bullshit!

Allerdings hat diese Behauptung, nun… einen historischen Kern. Wenn von der Reform des §177 StGB geredet wird, dann ist meistens die Änderung im Jahr 1997 gemeint, mit der das Wort „außerehelich“ aus dem Paragraphen gestrichen worden ist und somit die Vergewaltigung in der Ehe nicht länger straffrei war.

In Wahrheit war die Reform viel tiefgreifender. Vom Jahre 1871 an, als das Reichsgesetzbuch in Kraft trat, bis 1997, also über 125 Jahre lang, war im §177 immer nur von Frauen als Opfer die Rede. Die letzte Fassung vor der Reform, die von 1973 an Gültigkeit hatte, lautete:

§ 177. Vergewaltigung. (1) Wer eine Frau mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben zum außerehelichen Beischlaf mit ihm oder einem Dritten nötigt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren bestraft.
(2) In minder schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren.
(3) Verursacht der Täter durch die Tat leichtfertig den Tod des Opfers, so ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren.

Quelle

Damit war es juristisch nicht nur nicht möglich, dass eine Frau einen Mann vergewaltigt, sondern Männer allgemein waren als Opfer komplett ausgeschlossen.

Mit der Reform 1997 nun ersetzte das geschlechtsneutrale „Person“ das vorherige „Frau“, wenn es um das Opfer ging, während im Rest des Gesetzestextes wie üblich das generische Maskulinum beibehalten wurde. Im Zuge der 6. Strafrechtsreform ein Jahr später wurde dann noch an den Formulierungen rumgefeilt und insbesondere folgende von mir hervorgehobene Passage ergänzt:

(2) [1] In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren.
[2] Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn
1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen läßt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung)

„Beischlaf“ wird übrigens juristisch als „Penis in Scheide“ definiert, während „ähnliche Handlungen“ irgendeine Form der Penetration umfassen. Für mich ist die Formulierung damit klar, aber ich bin ja halt nur ein junges Mädchen und verstehe wenig von solchen Dingen nun mal keine Juristin.

Also kucken wir doch mal, was die Juristen dazu sagen:

Betreff Täter:

Täterschaft und Teilnahme. Für die Abgrenzung der Beteiligungsformen gelten die allgemeinen Regeln. Jeder kann Täter sein, auch eine Frau.

Betreff Opfer:

1. Der Grundtatbestand der sexuellen Nötigung (§177 Abs. 1). §177 Abs. 1 schützt Opfer egal welchen Geschlechts vor erzwungenen Sexualkontakten mit dem Täter oder mit Dritten.

Betreff Vergewaltigung eines Mannes durch eine Frau:

Als Vergewaltigung werden neben dem Beischlaf sexuelle Handlungen definiert, die das Opfer besonders erniedrigen, insbesondere wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind. Diese Handlungen müssen vom Täter am Opfer oder vom Opfer am Täter vorgenommen werden. Dabei ist grundsätzlich gleichgültig, ob das Eindringen in den Körper des Opfers oder des Täters erfolgt.

Quelle: Münchener Kommentar zum Strafgesetzbuch, Bd. 2,2. §§ 80 – 184f StGB, Beck 2005 (1. Auflage), Zitate S. 1152, 1171 u. 1165.
Geschrieben wurde der betreffende Artikel von >>>diesem Typen <<< hier.

"Da staunen Sie, was? Ich hab das nachgeschlagen.
– Lionel Hutz, The Simpsons

Voilá. Ich hoffe, die Quelle ist genehm *augenklimper*

Ich kann verstehen, wenn Männer sich gerade in Hinblick auf Sexualdelikte benachteiligt fühlen, eben WEIL es diese oben angesprochene Verharmlosung gibt, aber heute noch davon zu labern, dass Männer laut Definition nicht von einer Frau vergewaltigt werden können, ist ungefähr so sinnig wie die Behauptung, Vergewaltigung in der Ehe sei immer noch straffrei. Es ist seit über 15 Jahren anders, also wiederhole ich mein Kommentar zu diesem Bullshit: Kommt von eurem Trip runter. Extrem scheiße, dass es so lange gedauert hat, aber jetzt ist es Gott sei Dank vorbei, also hört auf, das Gegenteil zu behaupten und glaubt verdammt noch mal nicht jedes Horrormärchen über unseren ach so femifaschistischen Staat, das euch in den Kram passt.

Mit geschlechtergerechter Sprache im StGB wäre das übrigens vermutlich nicht passiert.

 

3. Was ist Verharmlosung?

Zurück zu Game of Thrones. Reden wir doch mal kurz über ein anderes Vergewaltigungsopfer: Daenerys.

In der Serie wird sie in der Nacht ihrer Hochzeit, bei der sie kein Mitspracherecht hatte, vergewaltigt. Dieser Missbrauch setzt sich fort, bis sie es schafft, ihren Ehemann/Vergewaltiger so zu umgarnen, dass er mehr in ihr sieht als sein Sexspielzeug und potentielle Gebärmaschine.

Auch in diesem Fall gab es schon Kritik. Kritisiert wurde jedoch nicht die Vergewaltigung an sich, sondern der Voyeurismus, der damit angeblich bedient wird. Ich sah das nie so. Vor allem die Szene ihrer Hochzeitsnacht fand ich ganz, ganz stark. Daenerys ist offensichtlich verängstigt, versucht aber, gefasst zu sein und mit Khal Drogo zu kommunizieren, der allerdings ihre Sprache nicht spricht. Schon bevor er ihr Oberteil abnimmt, bröckelt ihre Fassung dahin und sie beginnt zu weinen. Sie bedeckt ihre nackten Brüste, doch Khal Drogo packt ihre Handgelenke und zieht sie weg. Gerade das fand ich sehr eindrücklich: Sie wehrt sich, aber nur ganz kurz – in ihrem Gesicht und dieser Geste kann man lesen, dass sie weiß, dass sie sowieso keine Chance hat. Sie weiß, sie kann entweder kämpfen und wird, möglicherweise grün und blau geschlagen, am Ende trotzdem vergewaltigt, oder sie kann einfach still halten und es über sich ergehen lassen. Sie entscheidet sich für letzteres, womit die ganze Ausweglosigkeit ihrer Situation klar wird. Ihre gesamte Verzweiflung spiegelt sich in ihrem Gesicht und deshalb ist die Szene aus filmischer Sicht unglaublich gut.

Zu sehen hier ab ca. ab Minute 5:40

Ähnlich die zweite Szene zwischen ihr und Khal Drogo. Er vergeht sich an ihr, was ihr offensichtlich weh tut, und auch dabei ist nichts als Verzweiflung zu sehen. Berührend und ganz, ganz stark.

Der Vorwurf „Voyeurismus“ bezog sich wohl darauf, dass Daenerys in beiden Fällen oberkörperfrei war. Aber ist das schon Verharmlosung?

Eines Sonntags kroch ich nach einer höllischen Samstagabendschicht erst nach Mittag aus meinem Zimmer und fand im Wohnzimmer meinen Mitbewohner vor, der einen seiner Kumpels gerade mit Game of Thrones angefixt hatte. Sie hatten die Serie angefangen und legten gerade die 3. Folge ein, als ich reinkam.
Ich war kaum da und hatte sie begrüßt, als mein Mitbewohner meinte: „Der X hat ne Theorie zur Serie.“ Dabei sah er mich seltsam erwartungsvoll an. Ich war ob dieses Blickes verunsichert: Was kommt denn jetzt?
Ich fragte also X nach seiner Theorie. Dieser grinste breit und meinte ausgelassen: „Ich glaube, die Blonde da wird in jeder einzelnen Folge gefickt!“
Woraufhin ich ihm direkt in die Augen sah und ruhig meinte: „Findest du es witzig, dass sie vergewaltigt wird?“

Ich hätte kein besseres Resultat erzielen können, wenn ich ihm eine geknallt hätte. Meine gelassenen Worte trafen ihn voll in die Fresse, die ihm einfach wegflog. „Was?! Nein!! Ich meine, also… so meine ich das doch nicht!!“
Er stammelte noch ein bisschen mehr, aber ich winkte ab. Mein Werk war getan (ganz ohne auszurasten), mehr musste ich schon gar nicht mehr sagen. Aber er konnte gar nicht aufhören, mich anzustarren.
‚Findest du es witzig, dass sie vergewaltigt wird‘,“ wiederholte er noch einmal fassungslos.

Dieser Typ ist kein schlechter Mensch. Er denkt nur manchmal nicht nach, wie die meisten Menschen. Und klar, schöne Brüste – wer sieht die nicht gerne?
William Moulton Marston, der Schöpfer von Wonder Woman, sagte mal über sein Produkt, dass es unmöglich sei, eine weibliche Figur zu erschaffen, ohne bei irgendjemanden sexuelle Implikationen auszulösen. Ich denke, das stimmt. Daher glaube ich, dass eine Vergewaltigungsszene im filmischen Kontext nicht realisierbar ist, ohne dass sich irgendjemand davon angemacht fühlt, egal, wie sensibel, eindrücklich oder brachial man mit dem Thema umgeht. Das heißt nicht, dass solche Szenen nicht wirklich absichtlich oder unabsichtlich voyeuristisch sein können – nur sehe ich das bei Daenerys nicht gegeben. Nackte Brüste sind nichts, womit man Leute heutzutage noch schocken kann, zumal sie hier anders als die vielen anderen nackten Titten in der Serie ja auch noch Sinn machen. Deshalb sind ihre Szenen mit Khal Drogo weder voyeuristisch, noch verharmlosend.

Natürlich sind einige der Meinung, die Tatsache, dass sie im weiteren Verlauf ihren früheren Vergewaltiger zu lieben beginnt, wäre Verharmlosung. Ich nenne es lieber Stockholm-Syndrom.

Cerseis Vergewaltigung war nun eigentlich nicht im Geringsten explizit, man sieht kein einziges Fitzelchen Haut. Warum hat mich das also so aufgeregt, während ich Daenerys‘ Situation einfach so hingenommen habe?

Vielleicht lasse ich einfach ein paar Kommentare sprechen:

„Ich verstehe die Aufregung immer noch nicht. Jaime merkt das Cercei eine echt übles Miststück ist ( verlangt den Bruder zu töten ) und macht den Ragefuck ( Vergewaltigt sie ).“

„Eine Vergewaltigung aus Sicht der Beteiligten gäbe es aber allenfalls (wenn überhaupt, sie sind ja ein Liebespaar), wenn Cercei über den kompletten Akt hinweg unwillig gewesen wäre.“

„Da der komplette Akt, das unmittelbare Danach aber nicht gezeigt wurde, ist die beanspruchte Deutungshoheit “es war DEFINITIV eine Vergewaltigung!!1″ aber sowieso Mumpitz.“

Gerade die letzte Passage ist so unglaublich blöd. Ja, als Buchleser könnte man sich vielleicht vorstellen, dass es nach Abblende vielleicht noch einvernehmlich geworden ist, weil man weiß, dass es ja eigentlich einvernehmlich hätte sein sollen, aber was nützt das bitte den Zuschauern?!
Außerdem dringt er während der Szene und während sie unwillig ist in sie ein, womit der Tatbestand der Vergewaltigung erfüllt ist.

Besonders interessant finde ich die Vorstellung, jemand, der schon mal freiwillig mit jemanden geschlafen hätte, könnte ja von dieser Person nicht vergewaltigt werden. Dazu sage ich nein und der Gesetzgeber sagt auch nein und das ist gut so. Unglaublich, so etwas heute noch lesen zu müssen.

Cerseis Vergewaltigung verharmlost Vergewaltigung. Die Szene wird als einvernehmlich gelabelt, obwohl sie es nicht ist, sie zerstört einen Charakter, der sich inzwischen vom Schurken eher zum Helden entwickelt hat und sie offenbart leider die ganze Palette an saublöden Relativierungen, die mit Vergewaltigung einher gehen.

Nun kommt eine Relativierung von mir. Wir haben ja schon festgestellt, dass Theon nicht vergewaltigt wird, weil keine Penetration stattfindet. Aber für mich wäre es auch keine Vergewaltigung gewesen, hätte eine stattgefunden. Er gibt seinen Widerstand nämlich auf und macht mit. So ähnlich hätte ich mir die Szene zwischen Cersei und Jaime gewünscht. Hätte Cersei sich so verhalten wie Theon, wäre der Sex zwischen ihr und Jaime für mich keine Vergewaltigung gewesen.
Das kann man scheiße finden und mich für diese Einstellung verurteilen. Immerhin sind BEIDE am Anfang unwillig. Aber wie ich schon in dem anderen Artikel schrieb: Filmischer Kontext! Und auch juristisch wäre in beiden Fällen keine Vergewaltigung passiert. Das hat nichts damit zu tun, dass Theon ein Mann und die potentiellen Täterinnen Frauen sind. Und deshalb verharmlost die Szene sexuelle Gewalt gegen Männer nicht.

Aber natürlich gibt es noch jede Menge andere Gewalt gegen Männer, die nun, da Cerseis Vergewaltigung so in die Kritik geriet, auch kritisiert wird. Es kann ja nur so sein, dass die Sache mit Cersei schlimm ist, weil sie eine Frau ist, und die ganzen anderen Sachen nicht, weil sie Männern passieren.

Das ist falsch. Ich kritisierte nicht die Vergewaltigung per se. Ich kritisierte das gesamte Drumherum. Und weil das Drumherum bei anderen Gewalttaten „stimmt“, kritisiere ich sie nicht.

„Eine ganze Armee unfreiwillig kastrierter Sklaven, die mittels Folter zu Tötungsmaschinen gemacht werden – warum regt sich DARÜBER keiner auf?!“ – Weil es hier nichts zum Aufregen gibt! Die Art der Ausbildung, unter der die Unbefleckten zu leiden hatten, wird eindeutig als böse angesehen. Die Meister von Astapor SIND BÖSE. Und dafür werden sie bestraft. Astapors Meister werden abgeschlachtet und alle Sklaven frei gelassen. Dasselbe in Yunkai und Meereen. Sklaverei ist etwas schlechtes und das wird eindeutig kommuniziert. Was die Unbefleckten durchmachen mussten, dient dazu, die Schlechtigkeit der gesamten Gesellschaftsordnung der Städte der Sklavenbucht zu demonstrieren!

„Ein Junge wird verkrüppelt im Versuch, ihn zu ermorden und zwei andere verbrannt!“ – Ja! Und das ist schlecht! Es ist böse und es ist falsch! Es wird wohl keinen Zuschauer auf der ganzen Welt geben, der das anders sieht!

„Niemand kritisiert Theons Folter und dann wird er auch noch kastriert – das ist so grausam!“ – Ja! Weil es das sein soll! Die Gewalt dient einem Zweck! Was im Buch „off-screen“ passierte, war so innerhalb der Serie nicht zu realisieren – man kann nicht einfach einen Hauptdarsteller für eine ganze Staffel verschwinden und dann als völlig neuen, gebrochenen Menschen ein Jahr später wieder auftauchen lassen. Man muss es zeigen, sonst kapiert das doch niemand! Und es ist gut gemacht! Es ist grausam, weil es grausam sein soll! Aber das bedeutet doch nicht, dass es irgendjemand gut findet!
Theon hat Unschuldige getötet, auf die Menschen gespuckt, die ihm vertraut haben und ist Schuld daran, dass Winterfell zerstört worden ist. Aber deswegen hat er keine Folter verdient, keine Kastration, keine solche Demütigung! Diese Szenen werden nicht etwa genossen, weil er kein toller Typ ist, im Gegenteil, sie erzeugen Mitleid mit Theon und demonstrieren, was für ein komplett verrückter Irrer Ramsay Snow ist!

Natürlich kann man das trotzdem alles kritisieren. Im Zuge dieser Debatte habe ich jetzt schon häufiger von Männern gelesen, welche die dargestellte Gewalt ekelhaft finden und sie sich kaum ansehen können. Ich empfand das nicht so. Dafür könnt ihr mich gerne häuten, aber so ist es nun mal. Ich entstamme der Generation, die Resident Evil, Counterstrike und Postal 2 zockte, sich mit Saw und Hostel einen schönen Filmabend machte und die Pervertierung des HipHop und den Aufstieg des Nu Metal mitsamt seiner gewalttätigen Lyrics miterlebte. Wir sind die Generation, die laut Vorstellung erzkonservativer alter Säcke eigentlich komplett aus Amokläufern bestehen müsste und sind trotzdem zum überwiegenden Teil friedliche Menschen, die niemals irgendetwas von dem, was wir gesehen oder gehört haben, nachmachen könnten oder wollten.
Es gibt Gewaltdarstellungen, die ich ebenfalls ekelhaft finde und mir nicht ansehen kann. Und ja, einiges in Game of Thrones fand ich übertrieben. Aber nichts davon hat mich in irgendeiner Weise schockiert. Ich musste nie die Augen abwenden und meinen Appetit hat es mir auch nicht verdorben. Jetzt könnt ihr mir gerne Verrohrung, Degeneration oder sonstwas vorwerfen, aber dann vergesst bitte nicht die viele Millionen Fans, die außer mir auch keine Probleme damit haben.

Lieber Schoppe, was wir hier haben, ist eine Diskussion um Gewalt in den Medien, keine Geschlechterdiskussion. Damit habe ich mich im Zuge meiner Examensarbeit beschäftigt und kann daher sagen, dass der Vorwurf, Popkulturelle Medien seien gewalttätig oder sonstwie anrüchig, so alt ist wie die Popkultur selbst. Das ist kein Mann-Frau-Ding. Und eine Vergewaltigung, ob sie nun wirklich passiert oder nicht, ist nichts, was rein aufgrund ihrer Gewalttätigkeit kritisiert worden ist. Jedenfalls nicht von mir.

Deshalb lass mich das nächste Mal bitte aus dieser Diskussion raus, zumal du die ganzen Leute, welche die Vergewaltigung Cerseis relativierten, ja offensichtlich ignorierst, obwohl es unmöglich ist, dass dieselben Leute deiner Argumentation bezüglich der sexuellen Gewalt gegen Theon folgen. Ich habe ein gewaltiges Problem mit der Verharmlosung von Vergewaltigung, egal gegen wen sie geht, aber ich habe kein Problem mit Gewalt in den Medien und damit auch keines mit Vergewaltigung in den Medien, sofern beides in den richtigen Kontext gesetzt wird. Und das ist bei Theon, Bran, den Unbefleckten, Jaime, als er seine Hand verliert, und all den anderen, die innerhalb der Serie Opfer von Gewalttaten sind, in meinen Augen definitiv der Fall.

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Noch was über Maskulismus – ein Blogstöckchen

Erzählmirnix warf ein Blogstöckchen mit maskulistischen Fragen und weil ich vor kurzem darüber jammerte, nie mit Blogstöckchen bedacht zu werden, muss ich darauf nun reagieren, wenn ich persönlich aufgefordert werde.

(So sieht’s aus. In einem Kampf gegen mich selbst kann ich leider nur verlieren.)

1. DEN Maskulismus gibts ja eigentlich gar nicht – oder? Wie würdest du (deinen) Maskulismus definieren?

„Den“ Maskulismus gibt es ebenso wenig wie „den“ Feminismus. Ich bin keine Maskulistin, aber einen Maskulismus, den ich für potentiell für unterstützenswert halte, ist politisch links und humanistisch. Er reflektiert die maskuline Rolle im Geschlechterdiskurs, spürt soziale Unbalancen zu Ungunsten des männlichen Geschlechts auf und versucht sie zu beseitigen, ohne sich dabei wie ein ekelhaft frauenverachtender Macker oder ein verdammter Nazi aufzuführen.
Leider würde ich maximal drei mir bekannte Maskulisten so einordnen.

2. Was war dein erster Berührungspunkt mit Maskulismus? Wann hast du zum ersten Mal was davon gehört und wann und warum hast du dich evtl. zum ersten mal selbst so bezeichnet?

Auf antifeministischen Websites, auf denen ich mich aus einem masochistischen Hang heraus irgendwann anfing, regelmäßig rumzutreiben, ist mir der Begriff irgendwann über den Weg gelaufen – allerdings hat das verdammt lange gedauert. Ich begriff den Terminus schnell als Bezeichnung einer sozialen/politischen Bewegung, die zumindest in Deutschland eigentlich gar nicht existiert bzw. so wenig Einfluss hat, dass sie genauso gut inexistent sein könnte. Stattdessen herrschen Strömungen vor, die ich aus reiner Gutmütigkeit ggü. ernsthaften Maskulisten „Maskulinismus“ und „Antifeminismus“ nenne und die ich als antidemokratisch, menschenverachtend, misogyn und meist auch mit einen ungesunden Hang zum rechten Rand der Politik ansehe.

3. Gibt es maskulistische/männerrechtliche Bereiche, von denen du persönlich besonders betroffen bist?

Da ich eine Frau bin, betreffen mich maskulistische Bereiche eigentlich nicht direkt, aber wie auch beim Missständen, die mein Feminismus beseitigen will, denke ich, dass einige gesellschaftliche Umstände beide Geschlechter gleichermaßen diskriminieren und daher bei gewissen Themen sowohl Maskulismus als auch Feminismus Überschneidungen zeigen.
Beispiel: Ein Typ, der von allen Seiten Druck kriegt, weil er einen ordentlichen handwerklichen Beruf lernen soll, damit er später seine Familie ernähren kann, obwohl er lieber in Galicien sitzen und Lieder über das Meer dichten will – das Männerbild, das sich hierin offenbart, spiegelt gleichzeitig das mittransportierte Frauenbild, denn jemand, der so eine Einstellung hat, glaubt vermutlich auch, dass die Fähigkeiten von Frauen über „Brutpflege“ und Apfelkuchenbacken nicht weit hinaus gehen. Find ich scheiße, also unterstütze ich mit einem Feminismus, der dafür eintritt, dass Frauen jeden Beruf ergreifen können, den sie wollen, indirekt auch das gleiche Ziel für die Männer.
Alles andere wär ja auch hirnlos.

4. Rein hypothetisch: Der Maskulismus wird plötzlich unglaublich einflussreich und Deutschland wird ein komplett maskulistischer Staat. Was würde sich aus deiner Sicht geändert haben?

Die Frage mag ich nicht, weil sie irgendwie impliziert, dass wir momentan in einem feministischen Staat leben – und das klingt mir viel zu sehr nach antifeministischer Jammerlappen-Verschwörungstheorie.
Hätten wir einen maskulistischen Staat, der sich nach dem richtet, was im maskulistischen Diskurs momentan vorherrschend ist, wäre wohl der einzig legale Scheidungsgrund der Alterungsprozess der Ehefrau, würden Pornos im Mittagsprogramm laufen, gälte ein Arschklaps als freundliches Kompliment, wären die einzig akzeptablen Berufe für Frauen „Krankenschwester“, „Sekretärin“ und „Kindergärtnerin“, würde eine Nummer im Puff 10 Euro kosten und vor dem Reichstag stünde zur Feier des großartigen männlichen Pioniergeistes ein exorbitanter Phallus aus purem Gold, in dem die Namen sämtlicher Männer eingraviert wären, die es jemals geschafft haben, allein ein Nutellaglas aufzukriegen, flankiert von barbusigen Schönheiten, die 24/7 jauchzend Rosenblätter schmeißen.

Oder so.

5. What about the Womenz? Ist für Frauen die Welt schon rosarot (haha, Wortspiel) oder gibt es aus deiner Sicht noch Dinge, die sich für Frauen verbessern sollten. Was für eine Rolle spielt da aus deiner Sicht der Maskulismus?

Ich wäre wohl keine Feministin, wenn hier nichts stehen würde. Nachfolgend eine unvollständige Liste in Stichworten mit Dingen, die ich anprangere:
Die permanente Herabwürdigung von Frauen in der Gesellschaft/Werbung/im familiären Umfeld, die Reduzierung von Frauen als schmuckes Beiwerk ohne eigene Meinung und/oder Sexobjekt, das Victimblaming bei allen Formen sexueller Gewalt, das ständige Kleinhalten und die Fokussierung auf eine extrem limitierte Geschlechterrolle, dem bereits kleine Mädchen ausgesetzt sind, die Rezeptpflicht für die Pille danach, das Abtreibungsverbot in Deutschland, das ausgesetzt ist, faktisch aber noch existiert, Alltagssexismus, gläserne Decken etc.pp.

Der vorherrschende Maskulismus, der ja eigentlich nur ein Antifeminismus ist, wertet all diese Punkte als unwichtig und macht sich darüber lustig, dass Frauen drauf bestehen, wie normale Menschen behandelt zu werden.

6. Was stört dich am Maskulismus? Welche Themen, Meinungen oder Maskulisten gehen dir auf die Nerven, bzw. mit wem möchtest du nicht in einen Topf geworfen werden?

Tja… viel!
Mich stören vor allem diejenigen Maskulisten, die überhaupt gar keine sind (auch nach eigener Aussage nicht), aber den maskulistischen Diskurs mit ihrem Antifeminismus bestimmen. Typen, die nur rumjaulen, aber keinerlei gesellschaftlich anschlussfähigen Verbesserungsvorschläge vorbringen können. Kerle, die minutiös darlegen können, warum Männer von Natur aus aggressiver (gleich „stärker“) sein müssen als Frauen, sich dann aber gleichzeitig auf jedes von einer Frau begangene Verbrechen stürzen und genüsslich zerflücken, obwohl das auf so viele Arten überhaupt keinen Sinn macht.
Überhaupt – diese grassierende, unglaubliche Unlogik, die Inkohärenz diverser Forderungen und/oder Standpunkte. Es gibt eigentlich kein einziges Thema, bei dem der Maskulismus sich einig ist. Oft existieren komplett konträre Ansichten nebeneinander, ohne dass dies kommentiert, ja, anscheinend sogar, ohne dass es bemerkt wird. Vermutlich wird jetzt jemand hastig nach einer Ausrede suchen und das als „Diskursbereitschaft“ verbrämen, aber das ist es nicht. Wie auch, wenn absolut widersprüchliche Meinungen gar nicht registriert werden!
Es ist anstrengend, den Maskulismus zu diskutieren, denn anders als im Feminismus gibt es einfach keine klar zuordbaren Strömungen, und dass, obwohl meiner Beobachtung nach das Spektrum weitaus breiter gestreut ist. Es fehlt jegliche Struktur. Und so kommt es, dass sich einerseits ein antisexistischer, antiklassistischer Humanist als Maskulist bezeichnet und ein homophobes, frauenhassendes, sich die familäre Struktur des 3. Reiches zurückwünschendes Arschloch steht daneben und nennt sich genauso. Ja, scheiße, ne. Da fällt es leider verdammt schwer, diese Bewegung zu verteidigen.

Der Maskulismus muss aufhören, sich thematisch am Feminismus zu orientieren, wenn er jemals gesellschaftsfähig sein will. Es wirkt doch leicht erbärmlich, wenn 90% aller Themen mit einem „Und da hat diese Feministin gesagt…!“ beginnen oder mit einem „Und gestern hat jene Frau folgendes gar schröcklich Ungemach verursacht…!“ eingeleitet werden. Als gäbe es darüber hinaus nichts zu sagen.

Ein Thema, das mir besonders am Herzen liegt, ist sexuelle Gewalt. Nun ist das halt nichts, was nur ein Geschlecht betrifft. Aber wie wird sich im Maskulismus um dieses Thema gekümmert? Eigentlich nur, indem man Feministinnen trollt. Jegliche Erfahrung mit sexueller Gewalt wird abgewertet. Weil!
Ja, warum? Weil es ungefähr 5% Frauen oder Feministinnen gibt, die tatsächlich einen Männerhass haben? Weil diese Minderheitenmeinung, die absolut nicht gesellschaftsfähig ist (als ich mich das letzte Mal umsah, träumte noch jede heterosexuelle Frau, die ich kenne, von einem Mann, mit dem sie auf ewig glücklich sein kann), das männliche Ego so grundlegend erschüttert, dass man kollektiv asoziale oder auch ganz schlicht gewaltvolle Erlebnisse abwatschen muss, nur um durch die Erkenntnis, dass es Männer gibt, die sadistische Arschlöcher sind, nicht in seinem Selbstwert tangiert zu werden, wobei sich auch hier die Frage stellt „wieso?“?
Wenn sich mit sexueller Gewalt beschäftigt wird, dann nur mit zwei Szenarien, auf die immer gleich reagiert wird:
1. ein weibliches Opfer, ein männlicher, mutmaßlicher Täter – das Opfer wird abgewertet und sich auf die Seite des Täters gestellt (ist der Fall klar und der Täter eindeutig schuldig, herrscht dagegen Grillenzirpen – aber selbst dann werden oft trotzdem Ausflüchte gesucht und auf unseren femizentrischen Staat geschimpft, der es (zumindest ab und an) wagt, Vergewaltigung oder sexuelle Gewalt auch zu bestrafen, so wie es das Gesetz vorsieht)
2. ein männliches Opfer (gerne minderjährig), eine weibliche Täterin – and all hell breaks loose.
Was ist mit den vielen Jungs und Männern, die Opfer von männlichen Tätern werden? Was ist mit den ganzen Messdienern, den Söhnen missbrauchender Väter, den Gefängnisinsassen, die sich nicht gegen Vergewaltigungen wehren können? Oh, klar, die werden auch hin und wieder mal erwähnt – aber nur so: „Ja, das ist schon schlimm, das, ABER DIESE BESCHISSENEN FEMINAZIS INTERESSIEREN SICH DAFÜR JA NATÜRLICH NICHT!!!“

Abarbeiten am Feminismus, gegen jede Vernunft, gegen jede Verhältnismäßigkeit, ohne Sinn und Verstand, Hauptsache anti. DAS stört mich am Maskulismus.

7. Welche Erfahrungen hast du allgemein gemacht, wenn du über das Thema Maskulismus diskutiert hast?

Unwissen im echten Leben, weil sowohl der Begriff als auch relevante männerrechtliche Themen noch keine große Verbreitung gefunden haben (da die Herren ja halt anderweitig beschäftigt sind) und online oft abwehrendes, biestiges Verhalten, wenn man es wagt, antifeministische Auswüchse zu kritisieren.

8. Wenn du die Möglichkeit (Zeit, finanzielle Mittel, Reichweite, Unterstützung) hättest eine maskulistische Aktion zu organisieren, wie würde diese aussehen?

Ich würde eine Kampagne gegen dieses verfassungswidrige Beschneidungsgesetz starten mit allem, was dazu gehört: Werbespots, Infobroschüren für Eltern, Erzieher und Politiker, Demos etc.pp. Die Berichterstattung während der heißesten Phase dieser Debatte hat mir gezeigt, dass dieses Problem einfach keine Lobby hat, also muss man selbst die Lobby sein.

Normalerweise wirft man Blogstöckchen weiter. Konkrete Personen möchte ich dieses Mal nicht benennen, würde mich aber freuen, wenn noch die ein oder andere Feministin das Thema aufgreift.

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Beschneidungsgesetz, ein Jahr danach. Unendliche Diskussionen und mein Nachtrag.

Dieses Mal drei Tage zu spät. Shame on me.

„Die Beschneidungsdebatte ist im Prinzip einer der Hauptgründe, warum ich dieses Blog eröffnet habe“ lautete der erste Satz meines Artikels Beschneidungsdebatte, ein Jahr danach. Beschissene Argumente und meine Antworten, den ich im Mai diesen Jahres schrieb.

Vor diesem Hintergrund ist es vermutlich irgendwie schicksalsträchtig und/oder ironisch, dass er bis heute der mit Abstand meistgelesene Beitrag auf diesem meinem Blog ist.

Das ist aus meiner Sicht aus mehreren Gründen gerechtfertigt: Erstens habe ich an keinem anderen Artikel so lange gearbeitet (allein, die ganzen Bilder zusammen zu klauen!), zweitens ist mir in der Zeit zwischen dem Artikel und heute immer noch kein Thema unter gekommen, das mich mehr aufgeregt hat und drittens ist die gesamte „Debatte“ sowie ihr Ergebnis nun mal so ziemlich die dämlichste Unlogischkeit, die sich unser Staat geleistet hat, seit ich denken kann.
Warum das so ist, habe ich ja im betreffenden Artikel schon ausführlich dargelegt, aber damit war das Thema für mich noch nicht erledigt. Im Gegenteil. Zwar hat mir die schriftliche Reflexion über saudumme Argumente dabei geholfen, meine Gegenargumente in Diskussionen nicht mehr ständig neu formulieren zu müssen, sondern stand praktisch als geistige Kopie parat, wann immer ich in die Verlegenheit kam, aber auch darüber hinaus stolperte mir die Beschneidung immer wieder vor die Füße.

In den vergangenen Monaten habe ich noch mehr dazu gelesen, Diskussionen geführt und weiter nachgedacht. Dabei habe ich – und das ist immerhin ein positiver Punkt – kein dämliches Argument mehr gehört, das mir neu gewesen wäre (ich war also wenigstens einmal in meinem Leben gründlich!). Aber dennoch taten sich neue Problemfelder auf, die es wert sind, beackert zu werden.

Dieser Beitrag kann also als Ergänzung oder Fortsetzung zu meinem ersten Artikel verstanden werden. Teils führt er alte Überlegungen weiter, teils thematisiert er neue Blickwinkel, die sich mir eröffnet haben.

beschneidung4

Die juristische Beurteilung ist eigentlich eindeutig…!

Die gesamte Debatte und damit auch das daraus entstandene Gesetz lässt sich eigentlich auf eine einzige Fragestellung reduzieren: Was ist wichtiger – Religionsfreiheit oder das Recht auf körperliche Unversehrtheit?
Für frömmelnde religiöse Menschen war diese Frage ziemlich einfach zu beantworten. Womit mal wieder bewiesen wäre, dass Religionen ganz wunderbar vorm Denken bewahren.
Ja, genau diesen Punkt hatte ich eigentlich schon mal, aber inzwischen habe ich einen ganz ausgezeichneten Artikel zur juristischen Bewertung gelesen, den ich allerdings – natürlich! – nicht mehr finde. Der kippte auf die Argumentation pro körperliche Unversehrtheit noch mal eine Schippe drauf mit einigen juristischen und verfassungsrechtlichen Details, die mich ehrlich gesagt einfach nur baff machten. Deshalb versuche ich mal, die Punkte nachzuliefern, die mir am meisten im Gedächtnis geblieben sind.

Punkt 1: Religionsfreiheit ist ein individuelles Recht. Wesentlich ausschweifender habe ich das schon in meinen ersten Beitrag versucht zu sagen, aber all die vielen Worte, die ich verschwendet habe, lassen sich auf eines reduzieren: individuell.
Es ist meine eigene Entscheidung, mich unter Regeln und Vorschriften zu beugen, die meine Religion mir auferlegt, auch wenn diese Regeln platt gesagt nicht mit einigen sonstigen Menschenrechten übereinstimmen. Die sagen ja im Grunde nur, dass ich machen kann was ich will, solange ich niemanden dabei schade. Niemand kann mich also dazu zwingen, am Sonntag in die Kirche zu rennen, am Ramadan zu fasten oder am Sabbat zu ruhen. Das entscheide allein ICH. Wenn ich es will. Das ist MEINE Religionsfreiheit.

Wenn es jetzt um andere Personen geht, greift Punkt 2, und der ist besonders interessant.
Wenn es zu diesen Diskussionen kam, wurde immer Art. 4 des Grundgesetzes zitiert:

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Für Leute, die nicht kapiert haben, dass dieses Recht individuell ist, war die Sache damit klar. Aber, Freunde und Nachbarn, das ist nicht alles, was unser Grundgesetz dazu zu sagen hat! Und darauf musste zumindest ich auch erst gestoßen werden.
Es ist ein sehr altes Gesetz, eines, das schon 1919 in der Weimarer Verfassung stand, aber wohl als sinnvoll genug erachtet wurde, um auch ins Grundgesetz Eingang zu finden. Es findet sich ganz unschuldig ziemlich am Schluss im Art. 140 und lautet:

(1) Die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten werden durch die Ausübung der Religionsfreiheit weder bedingt noch beschränkt.

Nun bin ich keine Juristin. Aber das ist für mich nicht anders interpretierbar als so: „Mach mit deiner Religion was du willst, solange es sich in Einklang mit den deutschen Gesetzen bewegt.“

Und das fand ich hammerhart. In diesen ganzen dummen Diskussionen verfielen die Verteidiger der religiösen Beschneidung immer in regelrechte Schwärmerei, wenn es um die Religionsfreiheit ging. Ganze Epen wurden darüber gedichtet, was für eine hochmoderne Errungenschaft es sei, ungestört seine Religion ausüben zu dürfen. Sie haben ja recht! Aber leider wurde damit häufig der Einwand, dass damit kein anderes Recht eingeschränkt werden dürfe, vom Tisch gewischt. Religionsfreiheit steht im Grundgesetz, Punkt aus!
Jetzt kann ich dazu sagen: Stimmt! Aber nicht ohne Einschränkungen! Und das macht mich sehr, sehr glücklich!
Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass es noch eine Ausnahme von der Ausnahme gibt, und die steht in Art. 4 als dritter Absatz:

(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Das ist natürlich mit dem Aussetzen der Wehrpflicht nicht mehr wichtig. Aber es zeigt, dass sich die Religionsfreiheit schon seit dem Bestehen des Grundgesetzes unter dieses zu beugen hatte, sofern es keine expliziten Ausnahmen gab.

Gottes Grausamkeit kennt Grenzen

Bleiben wir bei Gesetzen.
Ich hatte erschöpfend dargelegt, dass für wahrlich gläubige Juden alle Argumente contra Beschneidung obsolet sind, wenn es darum geht, den Bund mit Gott zu schließen. Auch hatte ich über „diesen einen jüdischen Typen“ erzählt, der sich nicht vorstellen konnte, dass man gegen Beschneidung sein kann, ohne antisemitisch zu sein.

Der gleiche Kerl meinte auch, dass noch niiiie ein Jude in der Geschichte des Judentums ein Problem mit der Beschneidung gehabt hätte. Leider ist das nachweislich falsch, genau wie die Vorstellung, dass nur eine Beschneidung den echten Juden ausmacht. Vielfach wurde eine Ausnahme zitiert, laut der eine Familie ihre Sohn nicht beschneiden lassen muss, wenn dieser bereits zwei ältere Brüder durch diese Prozedur verloren hat.

Leider konnte ich nirgendwo den Originaltext in einer Sprache finden, die ich auch verstehen kann (und, um Lisa Simpson zu zitieren: Ich werde jetzt bestimmt nicht auch noch Hebräisch lernen!), weshalb ich mit dieser Info sehr vorsichtig umgehen will. Fakt scheint dennoch zu sein, dass der Talmud diese Sonderregel kennt und das betreffende Kind von der Beschneidung freistellt – allerdings nur, wenn eine Bluterkrankheit vorliegt.

Diese Regelung, die bei mir Assoziationen mit der Sole Survivor Policy bei den amerikanischen Streitkräften sowie deren deutsches Äquivalent in Bezug auf Befreiung der Wehrpflicht weckt, zeigt nun eindeutig, dass eine Beschneidung nicht den Juden macht. Nein, dazu reicht es nun mal völlig, eine jüdische Mutter zu haben. Knifflig wird es erst, wenn man konvertieren will. Dazu fand ich folgendes schöne Zitat eines Rabbis:

P.S. Needless to say, the above only applies to a non-Jew who wishes to convert. However, a Jewish child who cannot be circumcised due to medical reasons does not lose his Jewish status or identity.

Quelle

Zwar ist das nun keine offizielle Stellungnahme des jüdischen Oberhaupts (so etwas gibt’s ja auch nicht), aber wenn es etwas gibt, in dem das Judentum dem Christentum schon immer eindeutig überlegen war, dann ist es die Diskursbereitschaft. Während (nicht nur) im Mittelalter die Kirche eine „Glaub halt daran und halt die Schnauze“-Politik bei ihren Gläubigen fuhr, galt eine breite theologische Ausbildung bei gläubigen Juden als allerhöchstes Gut. Allein deswegen war die Alphabetisierungsrate unter Juden stets sehr hoch, denn zur Feier ihrer Bar Mitzwa mussten die jüdischen Jungs aus der Tora lesen. Aber auch darüber hinaus genoss ein Jude (zumindest ein männlicher) allerhöchsten Respekt unabhängig von seiner Herkunft, wenn er dazu in der Lage war, scharfsinnige und rhetorisch ausgefeilte Bemerkungen zu theologischen Diskussionen beizutragen.  Begabte Kinder wurden dahingehend ermuntert und aktiv gefördert.

Man könnte also sagen, dass dem Judentum als Religion eine beispiellose Reflexionsbereitschaft inhärent ist. Warum also nicht bei diesem Thema? Warum nicht die „medizinischen Gründe“ auch auf Nicht-Bluter ausweiten? Wenn ein Jude ein Jude ist, auch wenn er nicht beschnitten ist, was gibt es dann noch für Argumente für aufgeklärte, gebildete Juden, daran unbedingt festhalten zu müssen? Zeigt die Sonderregel nicht, dass Gott gütig ist und niemanden abweist, der im Geiste beschnitten ist (wie es Jesus ein berühmter Jude mal ausdrückte), auch wenn sein Körper aus jüdischer Sicht unvollkommen ist?
Ist es nicht an der Zeit, sich dem durch die Geschichte ziehenden, großartigen jüdischen Hang zur Bildung zuzuwenden, der so viele hervorragende jüdische Wissenschaftler hervorgebracht hat, und einfach mit Blick auf die vielen medizinischen Fakten anzuerkennen, dass die Beschneidung abgeschafft gehört?

Das Problem mit der HIV-Prävention

Nun ist das Beharren auf der medizinischen Nutzlosigkeit der Beschneidung (sofern keine medizinische Indikation vorliegt) sehr schwer, wenn selbst Organisationen wie die WHO weiter fleißig daran arbeiten, den Mythos „Beschneidung als HIV-Prävention“ unters Volk zu bringen.
Interessant ist dabei, welches Volk sie damit beglücken.
Tante Jay, der Beschneidung auch ein Herzensthema ist (und die, nebenbei bemerkt, vermutlich mehr Original-Artikel zur Beschneidung geschrieben hat als alle deutschen Männerrechtler zusammen), engagiert sich sehr gegen diesen Mythos und hat hier (ausnahmsweise englisch) ein wichtiges Argument geliefert – vielleicht das wichtigste überhaupt.

Dieses lautet: JA, wenn man kein Kondom benutzt, wird das Risiko, sich mit HIV anzustecken, durch eine Beschneidung um 60% gesenkt – allerdings pro Verkehr.
Das ist ein wunderschönes Beispiel dafür, wie selbst eine harte Wissenschaft wie Mathematik falsch interpretiert werden kann, wenn man diese blöden Statistiken einfach nicht richtig liest. Wenn jemand eh kein Kondom verwendet (aus welchem Grund auch immer), dann ist ein 60%iger Schutz vor HIV schon eine beeindruckende Zahl, die aber völlig in die Bedeutungslosigkeit abrutscht, wenn man sie mit jedem einzigen Mal Sex in Verbindung bringt. Leider denken daran wohl die Wenigsten, wenn sie solche Zahlen lesen!

Das muss die WHO auch wissen (wenn es schon Bill Gates nicht weiß). Damit stellt sich die Frage, warum auf Grundlage solcher Zahlen dennoch weiterhin die Beschneidung in besonderen HIV-Risikogebieten, sprich, vor allen afrikanischen Staaten, so hartnäckig voran getrieben wird.

Ich neige eigentlich nicht sehr zu Verschwörungstheorien, aber mir fällt dazu keine einzige Erklärung ein, die nicht eindeutig rassistisch motiviert wäre. Fungieren hier Menschen, die bewusst dumm gehalten werden und die sich nicht so ohne Weiteres Gegenpositionen zu dieser Praxis beschaffen können, als Versuchskaninchen? Oder ist das gar ein bewusster Versuch, einfach mal auf diese Weise etwas gegen die Überbevölkerung zu tun?

Ich wiederhole es nochmal: Das einzige, was gegen eine HIV-Ansteckung hilft, ist ein Kondom. Und da die Sensibilität der Eichel durch eine Beschneidung herab gesetzt wird, führt dies zu einem erhöhten Risiko einer Verbreitung des HI-Virus, denn beschnittene Männer können oder wollen teilweise keine Kondome mehr benutzen.

Wie oft denn eigentlich noch?!

Das Problem mit dem Gebärmutterhalskrebs

Ursprünglich hatte ich diesen Punkt gar nicht in meinem ersten Artikel drin, weil er mir so absurd erschien, ihn dann aber ergänzt, als immer mehr Kommentare dazu geschrieben wurden. Ich hatte mich aber dabei auf ein reine ethische Argumentation gestützt, weil ich dachte, das reicht.

Es reicht offensichtlich nicht.

Vor kurzem erreichte mich eine Email, in der ich zu einer Stellungnahme zu „Beschneidung als Mittel gegen HPV-Infektion“ gebeten wurde. HPV sind die Erreger, die u.a. Gebärmutterhalskrebs auslösen können. Und ehrlich gesagt hat mich der Inhalt der Mail so sprachlos gemacht, dass ich nach längerem Nachdenken fast geneigt war zu glauben, hier wolle mich jemand testen, der mir mein feministisches Engagement gegen Beschneidung nicht abnimmt.

Inzwischen denke ich das nicht mehr. Aber der Vorschlag, es mir auf mein feministisches Banner zu schreiben, Beschneidungen flächendeckend bei allen Jungs schon im Babyalter zu begrüßen, weil damit Frauen vor Gebärmutterhalskrebs geschützt werden, wird dadurch leider nicht besser.

Wie gesagt: Die ethische Argumentation hat nichts gebracht. Also wollte ich das dieses Mal rein rational und mittels harter Wissenschaft angehen. Mathematisch, wirtschaftlich. Ich fand folgende Zahlen:

– jährlich erkranken in Deutschland ca. 4700 Frauen an Gebärmutterhalskrebs, ca. 1500-1600 sterben daran
– im Jahr 2011 wurden ca. 660.000 Kinder in Deutschland geboren – natürlich ist davon ca. die Hälfte (330.000) männlich
– eine Beschneidung kostet zwischen 200 und 700 Euro

Auf Grundlage dieser Zahlen startete ich ein kleines Gedankenexperiment. Nehmen wir mal an, der Plan einer flächendeckenden Beschneidung würde in die Tat umgesetzt und die Beschneidung würde tatsächlich nur 200 Euro kosten. Damit ergäbe sich für ein Jahr folgende Rechnung:
330.000 * 200 = 66.000.000
Die Beschneidung eines einzigen Jahrgangs nützt natürlich überhaupt nichts, deshalb muss man das weiter führen. Ein Effekt dürfte erst dann spürbar sein, wenn die ersten Jungs sexuell aktiv werden. Sagen wir, mit 15 Jahren. Nehmen wir der Einfachheit halber mal an, die Geburten würden bis dahin stabil bleiben. Das ergibt dann folgendes:
66.000.000 * 15 = 990.000.000

Es würde also FAST EINE MILLARDE EURO kosten, über 15 Jahre hinweg flächendeckend alle deutschen Jungs beschneiden zu lassen! Und da stellt sich mir die Frage: Ist so eine riesige Menge Geld nicht vielleicht besser in der Krebsforschung aufgehoben? Ich bin keine Ärztin, aber damit lässt sich doch sicher was mit anfangen, oder?!
Wobei da ja noch einiges fehlt. Nicht mit eingerechnet sind die Kosten für die dafür nötige Bürokratie und für etwatige Strafverfahren, denn meine Fresse, wäre so ein Gesetz wirklich in Deutschland möglich, dann könnt ihr aber Gift drauf nehmen, dass ich am Tage der Geburt meines Sohnes vom Wochenbett springen und ins nächste Gericht rennen würde, denn MEINEN Sohn wird ohne Grund NIEMAND beschneiden!! Damit bin ich sicher nicht die Einzige. Ach ja, und die Kosten für eventuelle Nachbehandlungen bei Komplikationen sind sicher auch ein gewaltiger Faktor. Ein einziger Tag im Krankenhaus kostet ja auch schon über 100 Euro! Ich könnte mir vorstellen, dass diese Posten zusammen genommen die Kosten für eine flächendeckende Beschneidung über die nächsten 15 Jahre leicht verdoppeln könnten!
(Der Vollständigkeit halber muss gesagt werden, dass Jungs, die tatsächlich unter einer Phimose leiden, hier heraus gerechnet werden müssten, aber ich halte die Zahl derer, die eine Beschneidung wirklich brauchen, inzwischen für verschwindend gering.)

Nun sollten solche wirtschaftlichen Überlegungen natürlich hinten an stehen, wenn es darum geht, Menschenleben zu retten – das gebietet die Ethik. Nur ist eine Beschneidung nun mal keine Maßnahme, die keinerlei negativen Konsequenzen nach sich zieht, außer, dass sie viel kostet. Das sah auch meine Mailpartnerin ein und schrieb, dass ja „maximal“ 5-15% aller Jungen nach einer Beschneidung unter Komplikationen leiden würden.

Nehmen wir das mal als Grundlage (obwohl ich die Zahlen anzweifle!), dann ergibt sich ausgehend von der oben genannten Geburtenzahl über 15 Jahre, dass demnach 247.000 bis 742.500 Jungs von Komplikationen betroffen wären. Dieser gewaltigen Menge stehen in diesem Zeitraum 70.500 gebärmutterhalskrebserkrankte Frauen gegenüber bzw. ca. 23.250 Frauen, die daran sterben.

Und da muss man sich doch fragen: So tragisch eine Krebserkrankung ist – rechtfertigt eine solche Präventivmaßnahme die Verletzung einer Menschengruppe, die bis zu zehnmal so groß ist (wenn man wirklich nur die beschnittenen Männer mit Komplikationen rechnet)?

Und auch diese Zahl ist ja nur eine unzulässige Annäherung. In den letzten 30 Jahren hat sich beispielsweise die Zahl derer, die an Gebärmutterhalskrebs sterben, mehr als halbiert. Es ist wohl nicht allzu verwegen zu vermuten, dass dieser Trend erfreulicherweise weiter gehen wird. Darüber hinaus wird die Gebärmutterhalskrebsimpfung erst seit 2007 in Deutschland für Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren empfohlen. Da Gebärmutterhalskrebs oft erst Jahrzehnte nach einer HPV-Infektion auftritt, ist auch bei den Erkrankungen in Zukunft mit einem dramatischen Rückgang zu rechnen.

Hieran sieht man, dass eine solche Maßnahme gegen jede Verhältnismäßigkeit gehen würde – vor allem, wenn man bedenkt, dass überhaupt nicht gesichert ist, ob eine Beschneidung tatsächlich eine Ansteckung mit HPV unwahrscheinlicher macht.

Ehrlich gesagt bin ich zu faul, mich dahingehend auch noch durch das halbe Internet zu wühlen, weil es mir wirklich zu blöd ist, aber ich lehne mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass die Behauptung einer 100%igen Sicherheit absoluter Bullshit ist. Die Mädchen der Jahrgänge, die nun männlicherseits flächendeckend beschnitten würden, können sich immer noch bei älteren Männern (oder Frauen) anstecken, das gleiche gilt für die Jungs, ob nun beschnitten oder nicht. Dazu kommen eventuelle Ansteckungen im Ausland oder durch Ausländer!

Ich bin, wie gesagt, keine Ärztin. Aber wenn mein beschränktes medizinisches Wissen mich nicht trügt, kann man Viren nur durch eine Art ausrotten. Man kann dutzende Verhaltensmaßnahmen für die unterschiedlichsten Viren propagieren, um eine Ansteckung unwahrscheinlicher zu machen, aber gänzlich aus einer Population verschwindet ein Virus nur durch eine wirksame Impfung.
Eben eine solche gibt es bereits für Gebärmutterhalskrebs, wobei diese weder fehlerlos, noch gänzlich ohne Kritiker ist. Aber das ist zumindest mal ein Ansatz, der eine wirkliche Lösung greifbar macht – nicht die Beschneidung!!

Daher: Nein, ich werde mir dieses dumme, unethische Projekt sicher nicht auf mein feministisches Banner schreiben – und hoffe ganz stark, dass eine solche Idee niemals im Feminismus trendet. Es ist schlimm genug, wenn Alice Schwarzer sich zu solchem Schwachsinn hinreißen lässt, aber da bisher von ihr keine wirkliche Forderung dahingehend kam, nehme ich an, dass sie wohl selber weiß, wie dämlich das ist.

Feminismus und Beschneidung

Und damit leite ich über zu einem Thema, das mich persönlich betrifft und ganz besonders aufregt.
Ich schrieb ja bereits, dass mich der Feminismus bei diesem Thema krass enttäuscht hat. Leider habe ich seitdem kaum etwas gelesen, was mein Eindruck dahingehend hätte ändern können.
Es ist eine Sache, sich nicht für ein bestimmtes Thema zu interessieren, aber eine völlig andere, dieses aktiv zu torpedieren. Auch wenn ich nicht verstehe, warum viele Feministinnen nicht sehen, dass ein Engagement gegen männliche Beschneidung dennoch ein feministisches Anliegen sein kann, könnte ich bei solchen Fällen wahrhaft kotzen.

So schrieb Antje Schrupp einen scheinheiligen Tweet, in dem sie süffisant fragte, ob sich die selben, die sich gegen männliche Beschneidung positionieren, ebenfalls so engagiert gegen geschlechtsangleichende Operationen bei intersexuellen Kindern argumentieren würden. In diesem kurzen Tweet war so viel falsch, dass ich meinen Kopf am liebsten mit Volldampf gegen die nächste Wand gerammt hätte. Meine extrem naheliegende Gegenfrage, warum sich denn die Leute, die sich gegen geschlechtsangleichende Operationen bei intersexuellen Kindern engagieren, nicht ebenso gegen männliche Beschneidung positionieren, wurde nonchalant ignoriert (führte aber zu einer weiteren fruchtlosen Diskussion mit einem beschnittenen Mann – dazu weiter unten).
Noch schlimmer als Frau Schrupps logische Glanzleistung traf mich ein gedankenlos eingestreuter Nebensatz auf einem feministischen Blog, der implizierte, dass man es bei einem Engagement gegen Beschneidung mit male tears zu tun hätte. Die kurz darauf stattfindende Diskussion, die entbrannte, weil ich das so einfach nicht stehen lassen konnte, zeigte mir, dass die Autorin nicht die geringste Ahnung von dem Thema hat.

Gleichzeitig muss ich mir immer wieder ein Ohr darüber volljaulen lassen, dass es keine Diskriminierung von Männern gibt, weil Diskriminierung sei ja strukturell bla – bla – BLA. Ja, keine Ahnung, vielleicht ist ein verfassungswidriges Gesetz, das sich nur gegen Jungs richtet, wirklich keine Diskriminierung, keine Ahnung wie man das laut Duden definiert, aber dieses Gesetz zu verteidigen oder sich drüber lustig zu machen, ist halt trotzdem ein unglaubliches Arschlochverhalten, nech?

Und da kommt mir etwas in den Sinn, was ich oft in Bezug auf die Abtreibungsdebatten denke, aber auch hier passt: „Wenn du nicht dazu beitragen willst, das für dich ach so irrelevante Problem zu lösen, dann halt einfach die Fresse.“

Das einzig positive, was ich zur feministischen Beteiligung (oder Nicht-Beteiligung) zur Beschneidungsdebatte bieten kann, ist dieser Text:
Warum Knabenbeschneidung gerade Feministinnen etwas angeht
Darüber hinaus ist mir nichts dezidiert feministisches dazu bekannt, was ich nicht selbst geschrieben habe. Und das finde ich immer noch sehr, sehr scheiße.

Männliche Diskussionsunwilligkeit

Nach dieser angebrachten Feminismuskritik ist aber dennoch eine Erfahrung, die ich in den letzten Monaten machen musste, wesentlich schwerwiegender. Es gibt nämlich genau eine Gruppe, mit der man aus meiner Sicht am schlechtesten über dieses Thema diskutieren kann.

Beschnittene Männer.

Natürlich gibt es Foren, in denen Betroffene ihre Erfahrungen austauschen und sich stark gegen dieses Gesetz engagieren, aber die Mehrheit aller Männer, sie sich mir als beschnitten offenbarten, kann für dieses Thema absolut keine Energie aufbringen. Interessanterweise sogar in mindestens einen Fall, in dem mein Gegenüber unter gewaltigen sexuellen Einbußen aufgrund seiner Beschneidung zu leiden hatte. Warum das Beschneidungsgesetz ein Problem ist, sah er trotzdem nicht.

Eine spezielle Diskussion ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Sie fand offline statt, in meinen eigenen vier Wänden. Drei Männer, die ich alle mag, mit denen ich eng verbunden bin, die alle beschnitten sind, und die eine Scheiße von sich gaben, dass es mir die Schuhe auszog.

So lachten sie schon, als ich das Thema auch nur auspackte. Was für ein Mimimi, dachten sie. SIE haben ja immerhin überhaupt keine Probleme, also GIBT es keine Probleme. Eine besondere Perle:
Ich: „Man schnippelt nicht an Genitalien rum. Das tut man doch nicht!“
Typ: „Das sind keine Genitalien.“
Ich: „Ähm, doch?“
Typ: „Nein!“
Ich: „Es ist der PENIS. Was ist daran für dich denn kein Genital?!“
Typ: „Es ist nicht der Penis, es ist HAUT!“

(Hatte ich eben nicht behauptet, ich hätte nun alle dummen Argumente schon mal gehört? Wie ihr seht, war das gelogen…)

Diese Diskussion ging stundenlang und war leider sehr heftig. Besonders von meiner Seite, denn 1. habe ich es wirklich satt, die ewig gleichen Argumente ständig erneut zu wiederlegen und bin deshalb inzwischen etwas empfindlich und 2. konnte ich einfach echt nicht fassen, wie drei so intelligente Männer so idiotisch und unlogisch diskutieren können.
Der größte Kritikpunkt von ihrer Seite aus war die ganze Zeit über, dass ich ja was gegen medizinische indizierte Beschneidung hätte. Es half überhaupt nichts, dass ich diese Fälle mehrmals explizit ausklammerte (wobei ich immer noch der Meinung bin, dass dies selbstverständlich ist!). Immer wieder kamen sie darauf zurück – vermutlich, weil bei allen dreien diese medizinischen Gründe vorgeschoben worden gegeben waren.

Und letztendlich kam nach langer, langer Diskussion ein sehr entlarvender Satz – ein Satz von einem Menschen, den ich noch nie wütend gesehen habe. Aber hier kochte er regelrecht. Der Satz lautete: „Was du machst, ist im Grunde MICH abwerten, indem du sowas sagst!!“

Ich denke, da liegt der entscheidende Punkt – und das ist auch der Grund, weshalb ich wieder davon abgekommen bin, männliche Beschneidung als „Genitalverstümmelung“ zu bezeichnen. Dieser Begriff ist so maximal negativ besetzt (völlig zurecht), dass spontane Ablehnungshaltungen einfach nur vorprogrammiert sind. Wer möchte schon hören, dass er verstümmelt wurde, obwohl er sich völlig okay fühlt? Das ist definitiv ein Angriff auf den Selbstwert, der mit geradezu manischer Überkompensation gekontert wird.

Was man dagegen tun könnte… da bin ich ehrlich gesagt ratlos. Es dürfte feststehen, dass dieses Gesetz nicht ohne die Unterstützung von beschnittenen Männern gekippt werden kann. Damit bin ich dann leider raus, denn ich bin weder Mann, noch beschnitten. Möglicherweise ist das ja auch ein Problem: Möchten beschnittene Männer von einer Frau hören, dass man sie vielleicht völlig ohne Grund in Gefahr und um die Möglichkeit gebracht hat, Sex mit allen intakten Nervenzellen zu genießen?

Hier muss von männlicher Seite weiterhin wesentlich mehr Aufklärung betrieben werden.

Aber das ist etwas, was ich nach all meinen langen Diskussionen zumindest im Real Life immer noch nicht sehe.

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Die Selbstdemontage des Feminismus, erklärt am Beispiel von ein bisschen Schuhwichse

Im einführenden Post zu meinem Verständnis von Feminismus hatte ich ja schon angesprochen, wie wenig ich mich von der derzeit wohl führenden Strömung des Feminismus vertreten fühle. Dazu möchte ich euch hier nun eine Story darlegen, wie sie beispielhafter nicht sein könnte.

Wenn man sich ein bisschen mit Netzfeminismus beschäftigt, kommt man an der Mädchenmannschaft nicht vorbei, also habe auch ich dort ab und zu gelesen, seitdem ich blogge. Besonders angeturnt hat mich die Seite aber nie: Von Anfang an konnte ich über den Wust an undurchsichtigen Fachwörtern nur die Stirn runzeln (was ich von gegenderter Sprache halte, habe ich ja auch schon dargelegt), die viele Texte für mich unverständlich gemacht haben, auch kann ich mit verlinkten englischen Texten nicht viel anfangen (ja, mein Englisch ist scheiße! Verklagt mich doch!).

Aber naja, die Mädchenmannschaft scheint eine Institution zu sein, daher war es nicht verkehrt, ab und zu zu spicken. Und es wurde sogar mal so richtig mysteriös, als die Mädchenmannschaft anlässlich ihres fünften Geburtstages zur Feier lud – und es danach schien, als wäre die Party zum absoluten Massaker eskaliert.

Was war passiert? Nun, die Veranstalterinnen hatten den verhängnisvollen Fehler begangen, einige Organisatorinnen des Berliner Slutwalks einzuladen.
Slutwalk? Dahinter steckt die Idee, als Frau jederzeit so rumlaufen zu dürfen, wie es einem beliebt, ohne angepöbelt, angepackt oder vergewaltigt zu werden. Keiner hat das Recht dazu, auch wenn man mit Netzstrumpfhosen, XS-Rock ohne Höschen und bauchfrei wie eine „Schlampe“ daher kommt. Dafür gehen die Slutwalkerinnen (mit oder ohne entsprechendem Outfit) auf die Straße und demonstrieren für sexuelle Selbstbestimmung.
Soweit cool und richtig, aber dass Frauen sich selbst als Schlampe bezeichnen, darf man als Frau und Feministin natürlich scheiße finden. Ich fand es anfänglich auch etwas befremdlich, kann den Gedanken dahinter aber nachvollziehen.

Darum ging es bei der Diskussion vordergründig aber gar nicht, man höre und staune. Was aber das eigentliche Thema war, was gesagt und getan wurde, was denn jetzt so schlimm war, darüber gibt auch der entsprechende Artikel bei der Mädchenmannschaft nicht viel Auskunft. Die Slutwalkerinnen waren jedenfalls die Schuldigen (wobei natürlich alle anwesenden weißen Menschen irgendwie schuldig waren – also, weil die ja weiß sind). Es wurden jedenfalls „rassistische Reproduktionen“ geliefert, „weiße Überlegenheitsgesten“ zur Schau gestellt und „Umkehrungsrhetoriken“ waren schließlich auch noch dabei.

Klingt ja erstmal… spannend. Das macht doch neugierig. Wenn eine Freundin in Tränen aufgelöst zu mir kommt und schluchzt, dass ihr Freund sie beleidigt hätte, will ich ja auch als allererstes wissen, was der Arsch gesagt hat.
Aber eine Erklärung? Fehlanzeige. Auch auf anderen Blogs, welche diese unsäglichen Entgleisungen zum Thema hatten, fand ich keinen Hinweis auf die genauen Vorkommnisse. Ich bin also auf meine eigene Fantasie angewiesen, die mich in diesem Fall aber leider im Stich lässt.

Ich meine, „rassistische Reproduktionen“… ich weiß nicht mal, was das ist! Wie muss man sich das vorstellen? Hatten Beate Zschäpe und Anders Breivik auf der Bühne ungeschützten Sex?

Der ganze Mist spielte sich bereits im September ab, aber ich weiß immer noch nicht, was da genau abgelaufen ist, genauso wie alle anderen, die nicht dabei waren (also ungefähr 80 Millionen Deutsche minus 100). Offensichtlich waren die Ereignisse so dermaßen traumatisch, dass man sie unmöglich öffentlich wiedergeben kann. Einig waren sich aber wohl alle darin, dass sowas NIE-NIE-NIE wieder passieren dürfe!

Ebenso waren alle der Meinung, dass die Slutwalkerinnen am beschissensten waren, weil die rassistisch sind. Das ist ja erstmal ein harter Vorwurf. Wie kommen die darauf?
Ganz einfach: Auf dem letzten Slutwalk sind ein paar Demonstrantinnen auf die Idee gekommen, sich mit Schuhcreme (ich gebe zu, ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, das Wort „Wichse“ in eine Artikelüberschrift einzubauen!) oder sonstwas Burkas auf ihre teilweise nackten Körper zu malen, zu sehen hier: klick

Und ab da war die Kacke am Dampfen.

Irgendjemand fing an, dies als „Blackfacing“ zu verurteilen und alle anderen übernahmen das völlig unreflektiert, vielleicht, weil der Begriff anders als so viele andere Termini des Netzfeminismus so leicht verständlich und durchschaubar ist.

Blackfacing im Klu-Klux-Klan-Epos
Blackfacing im Klu-Klux-Klan-Epos „Birth of a Nation“

Blackfacing bezeichnet im Übrigen die ehemals weit verbreitete (und teilweise immer noch vorhandene) Praxis im Theater, Film etc., weiße Schauspieler oder Schausteller auf schwarz zu schminken. Damit wurden in Varietees gerne schwarze Menschen bloßgestellt und veralbert, zudem konnte man den für Rassisten natürlich unzumutbaren Zustand umgehen, mit echten schwarzen Schauspielern arbeiten zu müssen. Auf Theaterebene dürfte das bekannteste Beispiel für eine geblackfacte Rolle wahrscheinlich „Othello“ sein.

blackface2
Geht auch umgekehrt.

Blackfacing ist also an sich wirklich ziemlich rassistisch. Doch hier kommen wir direkt zum Ausgangsproblem dieser ganzen saublöden Diskussion, das darum auch das Schlimmste ist: Was die Slutwalkerinnen gemacht haben, IST KEIN BLACKFACING.

Ich hatte vor Wochen das zweifelhafte Vergnügen, mit einer Feministin im echten Leben darüber zu diskutieren. Die Bereitschaft, einfach mal einzusehen, dass hier jemand voreilig ein falsches Etikett draufgeklatscht hat, ging völlig gegen Null. Und selbst WENN es kein Blackfacing wäre, so ihre Argumentation, ist es ja immer noch rassistisch, dass hier mutmaßlich deutsche Frauen gegen Burkas demonstrieren, da sie damit in unangemessener, kolonialistisch anmutender Weise für die besagten Burkaträgerinnen sprechen, obwohl sie selbst nicht betroffen sind. Dies scheint im Übrigen nicht ihre exklusive Meinung zu sein, sondern ist u.a. bei der Mädchenmannschaft und Feministinnen ähnlicher Couleur wohl inzwischen anerkannter Konsens.

So. Und da muss ich ganz ehrlich fragen: Habt ihr alle den Arsch offen?!

Es kann doch wohl nicht sein, dass Frauen, die es scheiße finden, dass andere Frauen gezwungen werden, sich zu verschleiern, als Rassistinnen bezeichnet werden!! Ich glaub es hackt!
Das Verschleierungsgebot im Islam ist sexistisch und zum Kotzen und das sollte doch wohl feministischer Konsens sein! Was das mit Rassismus zu tun hat, erschließt sich mir übrigens immer noch nicht. Ehrlich gesagt finde ich es weitaus rassistischer, die Kritik an einer Religionsgemeinschaft als Rassismus zu bezeichnen, weil dies impliziert, Anhänger dieser Religion würden alle miteinander zu einer anderen Rasse gehören. Das hatten wir in Deutschland doch schon, das ist langweilig!
Moslems gibt es überall auf der Welt! Es gibt schwarze Moslems, arabische Moslems, moslemische Latinos, asiatische Moslems und nicht zuletzt weiße Moslems. Schwarze und arabische sind wohl global in der Überzahl, aber dennoch: Wie kann eine Kritik gegen des Islam bzw. eine dort verbreitete sexistische Praxis rassistisch sein? Islamophobisch – okay! Aber rassistisch, nein, das geht nicht klar!

Viele Frauen werden sich wohl erstmals mit feministischen Ideen auseinander setzen, wenn sie als Mädchen bemerken, dass andere Mädchen vieles nicht dürfen, was in Deutschland selbstverständlich ist. Dass Mädchen in anderen Ländern oft nicht lesen und schreiben lernen dürfen, zum Beispiel. Oder eben, dass sie sich verschleiern müssen, während gleichaltrige Mädchen hier die Qual der Wahl zwischen einem „Hello Kitty!“-Shirt und einem „Emily the Strange“-Tanktop haben. Das ist ein super Nährboden für weitere feministische Anliegen, denn diese Mädchen werden irgendwann den Blick zurück nach Hause richten und merken, dass hier ebenfalls noch viele, viele Dinge sehr, sehr falsch laufen.

Damit könnte eine neue Feministin geboren sein. Super! Nur leider passiert das nicht. Was glaubt ihr, wie sich ein solches Mädchen vorkommen würde, wenn sie mit der Vorstellung, dass Burkas sexistisch sind, auf erfahrenere Feministinnen trifft und dann angeklagt wird, eine Rassistin zu sein? Das ist ja mal so ein richtiger Schlag in die Fresse für einen Newbie! Und ein erfolgreicher noch dazu, denn dieses Mädchen wird sich auf dem Absatz umdrehen und wegrennen!
Und da wären wir bei der Selbstdemontage. Solche Inhalte und vor allem solche Anfeindungen gegen interessierte Menschen, die sich völlig logisch gegen sexistische Bekleidungsvorschriften aussprechen, können ja nur abschreckend sein! Was glaubt ihr denn, warum man ausgelacht wird, wenn man sagt, man sei eine Feministin? Cool ist der Feminismus im öffentlichen Bewusstsein jedenfalls nicht – genau wegen so einer Scheiße!! Und das führt folgerichtig zu einer stetig sinkenden Zahl an Frauen, die sich unter dieses Label begeben wollen, was ja wohl niemand in der Szene toll finden kann!

Die geballte Verachtung der etablierten Radikalen bekamen jedenfalls die Slutwalkerinnen zu spüren. Und das nur, weil sie fresh und frech sein wollten und Bodypainting betrieben haben.
Das ist dieses angebliche Blackfacing nämlich eigentlich: Bodypainting. Niemand hat sich schwarz angemalt und sich als eine andere Ethnie ausgegeben. Es waren aufgemalte Burkas, die nun mal schwarz sind! Wie schwer kann es sein, diesen Unterschied zu kapieren?!

Und der angebliche Rassismus, der darin besteht, für Frauen in Burkas zu sprechen – meine Fresse!

Wer eine Frau zwingt, sich ganz zu verschleiern, ist scheiße. Und eine Religion, die dies verordnet, ist demzufolge auch scheiße! Damit sage ich weder, dass der gesamte Islam beschissen ist (zumal die Verschleierung eigentlich gar keine religiöse Pflicht darstellt – anders als z.B. im Christentum!) oder alle Moslems, sondern nur, dass ein Typ, der seine Frau oder seiner Tochter in eine Burka zwingt und das mit seiner Religion begründet, ein sexistisches Arschloch ist! Viel mehr wollten die Slutwalkerinnen wohl auch nicht sagen!
Wenn das rassistisch und islamophobisch ist, mein Gott, dann bin ich es halt! Genauso, wie ich christenfeindlich bin, weil ich die Haltung der Kirche zur Homosexualität zum Kotzen finde oder antisemitisch, weil ich absolut gegen Beschneidung bin! Wenn man Zeit sparen will, kann man das ja gleich „antiabrahamitisch“ nennen und falls es das Wort nicht gibt, erfinde ich es hiermit! Also los, verurteilt mich!

Blackfacing, Rassismus und die blöden Slutwalkerinnen also. Als ich mich durch den ellenlangen „Sorry“-Artikel bei der Mädchenmannschaft quälte und darauf noch in ein paar Blogs stöberte, kam ich mir vor, als wäre ich die einzige vernünftige Person auf der Welt. Nirgendwo las ich auch nur das geringste bisschen Widerstand gegen die von irgendjemanden in die Welt gesetzte glatte Lüge, die Slutwalkerinnen würden blackfacen, und leider haben selbst die Slutwalkerinnen, wohl erschreckt von so viel shitstormigen Hass, eher eine entschuldigende Demutshaltung eingenommen statt einfach „Äh, gehts noch?!“ zu sagen. Es ist nun mal schwer, sich gegen so laut gröhlende Platzhirsche zu verteidigen und an sowas wie Vernunft zu appellieren.

Dennoch hat es jetzt endlich jemand getan und das ist auch der Grund für diesen Artikel. In der aktuellen „Emma“ werden die Ereignisse rund um die Eskalationen bei der Geburtstagsfeier der Mädchenmannschaft aufgeführt und ENDLICH kritisch beleuchtet, was natürlich sofort Gegenreaktionen hervorrief. Khaos.Kind findet den Artikel gar so scheiße, dass sie sich nie wieder eine „Emma“ kaufen will.
Tja, ich dagegen nahm dies als Anlass, mir heute morgen die erste „Emma“ meines Lebens kaufen zu gehen. Stockbesoffen suchte ich am Bahnhofskiosk nach einer Ausgabe (letztendlich musste ich einen Mitarbeiter bitten, mir zu helfen. Die „Emma“ lag im Regal unter dem Ressort „Autos und Technik“, wo ich sie nicht so wirklich vermutet hätte. Nur so als lustige Anekdote nebenbei.) und habe den betreffenden Artikel, der leider nicht mehr online verfügbar ist, gerade gelesen.

Ich kann nur sagen: YES, tausendmal YES!!! Klartext, endlich!! All das, was ich vorher so oft gedacht habe, was aber nie auf Seiten der Mädchenmannschaft erschien, was ich auch gar nicht versuchte dorthin zu kommentieren, weil es eh nicht freigeschaltet worden wäre, endlich gebündelt in einem fantastischen Artikel! Und sogar Alice Schwarzer selbst hat direkt zu Anfang auch ein paar Worte über die Vorkommnisse geschrieben. Und da muss ich sagen: Ich habe in der Vergangenheit nie einen Hehl darum gemacht, Alice Schwarzer nicht zu mögen, aber hier schreibt sie sich in mein Herz! Ich unterschreibe jeden Satz!

Zudem bietet der Artikel noch viele weitere Infos rund um den Skandal, die man angesichts der gleichgeschalteten Mädchenmannschafts-Informationspolitik auf der Seite vergeblich gesucht hat. Interessant, wie es da neuen Bewegungen erschwert wird, sich in der feministischen Szene zu etablieren,  nur weil man beleidigt ist, weil man da nicht die Chefin ist!

Das größte Problem ist für mich diese gewollte Verquickung von Feminismus und Antirassismus, die bei der Mädchenmannschaft vorherrscht. Ehrlich gesagt habe ich am Anfang schlicht und ergreifend überhaupt nicht gecheckt, warum dort alles so durcheinander geworfen wird. Auch Khaos.Kind schreibt: Es geht nicht das eine ohne das andere.

Da frage ich mich wieso? Für mich sind das zwei völlig unterschiedliche Baustellen. Beide Anliegen treten für die Freiheit des Einzelnen ein und gegen Pauschalisierungen aufgrund von Äußerlichkeiten, aber das wars doch auch schon.
Ich habe lange überlegt, wie ich das unverfänglich formulieren könnte, aber da das wohl nicht möglich ist, schreibe ich einfach so, wie ich es auch denke: Ich bin zwar gegen jede Form des Rassismus, aber Antirassismus ist einfach nicht mein Hauptanliegen. Ich bin doch schon antirassistisch eingestellt, warum soll ich mich dann auch noch plakativ als Antirassistin bezeichnen, nur weil ich gleichzeitig Feministin bin? Ich finde, dieses Label sollte denen vorbehalten werden, die sich wirklich in dieser Szene engagieren, was ich weder tue, noch vorhabe. Feminismus ist mein Thema, Antirassismus nicht. Schon gar nicht, wenn mich dieser völlig überzogene Anspruch an den Antirassismus schon allein deswegen zur Rassistin stempelt, weil ich zufällig weiß bin.

Lustigerweise bin ich laut den Regeln dieser Menschen nicht mal wirklich weiß. Mein Vater ist Südamerikaner, was mich zu einer Latina und damit zur Woman of Color macht. Meinte jedenfalls die oben erwähnte Feministin. Es war sehr komisch mit anzusehen, wie die sich wand, als ich ihr diese Info lieferte, denn ganz ehrlich, sehen tut man das wirklich nur im Sommer und auch nur, wenn man es weiß. Damit dürfte ich mich ihr zufolge zwar Woman of Color nennen, wenn ich das MÖCHTE, aber ich hätte ja trotzdem weiße Privilegien, da ich als weiß „gelesen“ werde. Damit bin ich also irgend so ein Zwischending… und ihr Ton wurde direkt ein bisschen vorsichtiger.

Ach, das ist doch alles Schwachsinn. Mein Vater ist wirklich Südamerikaner, aber ich bin weiß, basta. Dennoch verbitte ich mir die Beleidigung, eine Rassistin zu sein, die von den Rassistinnen der Mädchenmannschaft kommt.
Rassistinnen der Mädchenmannschaft? Aber klar! Wer allen weißen Menschen und damit auch mir sagt, wir seien allein aufgrund unserer Hautfarbe rassistisch, ist es wohl selber ganz eindeutig. Na, wem da wohl die Ironie gerade in den Arsch beißt!

Es ist einfach verdammt schade, dass diese Form des Feminismus zumindest im Netz momentan wohl die Tonangebende ist. Aber nur weil man am lautesten brüllt, hat man sicher nicht automatisch Recht. Die Slutwalkerinnen, die von der Mädchenmannschaft auf diese Weise angefeindet worden sind, hätten nicht so zu Kreuze kriechen müssen. Eher wäre doch ein gepflegt-saftiges „Fick dich“ in Richtung der Mädchenmannschaft angebracht gewesen. Denn die gesamte Aktion war toll und unterstützenswert, was durch diesen kleinlichen Krieg der antirassistischen Gender-Studies-Akademikerinnen-Elite nun komplett untergegangen ist.

Tja, und so demontiert sich der Feminismus also weiter von selbst, nur weil ein paar Frauen meinen, dass sie die Alleinherrschaft über die political correctness haben und dem Rest der feministischen Gemeinde diktieren dürfen, was die zu denken und zu sagen hat. Und natürlich, WIE sie es zu sagen hat.

Naja – mit mir jedenfalls nicht!

Edit: Miriam hat mir in den Kommentaren ein paar Links zu Artikeln geliefert, die sich schon vor der „Emma“ kritisch mit den Vorkommnissen auseinander gesetzt haben (sie selbst hat das übrigens auch). Weil das so eine schöne Ergänzung und wirklich lesenswert ist:

Taz: Mädchenmannschaft ausgewechselt

Jungle World: Eine ganz eigene Diktion

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my feminism: Über diese Kategorie

In meinem Eingangspost habe ich es ja schon angekündigt, nun mache ich es wahr und eröffne eine eigene Kategorie, die sich mit Themen rund um Feminismus und Sexismus gefüllt werden soll. Warum, wieso, weshalb und vor allem: wie? Naja, dazu sollte ich mich wohl erstmal erklären.

Mein Background
Ich stamme aus einem kleinen katholischen Dörflein irgendwo in Deutschland, an dem viele Errungenschaften des modernen Lebens spurlos vorbei gegangen sind.

Und damit ist selbstverständlich nicht die technische Ausstattung gemeint, sondern *die Denke*.

Ich war ein schwieriges Kind. Fing schon damit an, dass meine Mutter die Dreistigkeit besaß, mich ohne Ehemann auf die Welt zu bringen. Ein regelrechter Skandal.
Und so ging es weiter. Ich bin nun mal nicht das, was man gemeinhin meint, wenn man „Mädchen“ sagt. Und dazu wurde ich nicht durch Erziehung gemacht, sondern wurde so geboren.

Meine Lieblingsfarbe war blau. Ich hasste Puppen und liebte Bäume klettern. Kleidchen waren mir zuwider. Mathe war mein bestes Fach. Und die Turtles interessierten mich mehr als Barbie.

Ich finde das nicht schlimm, denn Menschen sind halt verschieden, aber meiner Familie war das ein Gräuel. Aber weil ich außerdem noch ziemlich stur bin, habe ich mich erfolgreich dagegen gewehrt, in eine Schablone i wish i was a boygepresst zu werden, die mir nicht passte. Dennoch bin ich unter der Prämisse aufgezogen worden, dass ich nicht alles machen darf, weil ich ein Mädchen bin, dass ich nicht alles sagen darf, weil ich ein Mädchen bin, und dass ich meine männlichen Familienmitglieder bedienen „darf“, weil ich ein Mädchen bin, während die gleichzeitig tun und lassen konnten, was sie wollten.

Wie kann man in so einem Umfeld aufwachsen und NICHT Feministin werden?

Wie es weiter ging
Ich wurde älter und bekam Titten. Und ab da fingen die Probleme erst richtig an.
images6Vielleicht war ich durch meine Vorgeschichte sensibilisiert, aber ich regte mich über einen Klaps auf den Hintern und einem dummen Spruch wesentlich mehr auf als meine Freundinnen, die in etwas fortschrittlicheren Familien groß geworden sind.
Und was soll ich sagen… ich habe nie aufgehört, mich aufzuregen. Es existiert ein Umgang mit Frauen und Mädchen in unserer Gesellschaft, den ich zum Kotzen finde. Und daher muss ich meine große Schnauze immer dann aufmachen, wenn ich diese Ungerechtigkeit wittere.

Aber warum jetzt?
Der Feminismus hat mich lange abgeschreckt. Sowohl von außen wie auch von innen.
Lange Zeit wehrte ich mich gegen diesen Stempel, wenn man mir während einer Diskussion abfällig konstatierte, eine Feministin zu sein. Denn Feministinnen, das sind doch diese Hardcore-Emanzen, die in Jutesäcken durch die Straßen ziehen und BHs verbrennen? Und Alice Schwarzer, deren Verdienste man zwar würdigen muss, die aber trotzdem oft genug unglaublich viel Scheiße von sich gibt? Damit wollte ich nicht in einen Topf geworfen werden.
Doch irgendwann las ich einen Spruch, der mir die Augen öffnete. Er verbarg sich ganz klein auf einer Infowand an der Uni und ist ebenso simpel wie kurz und wahr:

Unbenannt
Und ich stand da und dachte: „Hmhmhm… stimmt.“

Tja, damit war ich Feministin, ganz ohne meinen BH zu verbrennen.

Ich war aber auch gleichzeitig Bloggerin, da ich auch gerade meinen ersten Blog gestartet habe. Der Gedanke, über meinen Ansichten zum Feminismus zu bloggen, war aber noch weit weg. Denn: Ich traute mich schlicht und ergreifend nicht. Je mehr ich mich mit dem Netzfeminismus beschäftigte, desto mehr Fragezeichen erschienen über meinen Kopf. Ich konnte mit vielen Begriffen überhaupt nichts anfangen, aber was noch schlimmer war: Ich konnte auch mit vielen Inhalten nichts anfangen.

Vieles geht völlig an der Realität vorbei und hat stimmt weder mit dem Bild, was ich vom Feminismus habe noch mit meinem Frauenbild überein. Auch trieft bei manchen doch tatsächlich die Akademikerarroganz aus jedem Wort – während ich doch immer noch nur ein armes katholisches Mädchen vom Lande bin, das so ein bisschen planlos durch die Uni stolpert und irgendwie versucht, sein Leben auf die Reihe zu kriegen.
Lange Rede, kurzer Sinn: Ich hielt mich schlichtweg für zu blöd, um da mitmischen zu können. Trotzdem versuche ich das jetzt. Und der Grund ist ganz einfach:

1. BIN ICH NICHT BLÖD, nur weil ich ein paar schicke englische Begriffe nicht kenne oder der Meinung bin, es sei scheißegal, ob man „sexuelle Orientierung“ oder „sexuelle Positionierung“ sagt (dazu weiter unten).

2. traf ich unlängst zwei Feministinnen, die sich, anders als ich, auch im Real Life in feministischen Organisationen betätigen und damit ja eigentlich die „besseren“ Feministinnen sind… und ich dennoch feststellen musste, dass beide absolute Trottel sind. Habe ich etwa tatsächlich Angst, mich mit sowas anzulegen? Bitch please!

Es sei also beschlossen: Ich bin eine Feministin, die über ihren Feminismus bloggt – und zwar so, wie ICH es will!

Die Sprache
Nun herrscht allerdings gerade in diesem Bereich bei einigen Menschen ein, wie drücke ich das nett aus… gewisser Sprachfaschismus (uh). Wer nicht mitmacht, wird dabei wohl als Teil des Systems gesehen, das es eigentlich zu bekämpfen gilt.
Tja, das ist mir aber scheißegal. Ich studiere nicht Germanistik, ohne die Sprache zu lieben, die ich gelernt habecanwordsdoit. Da sehe ich es schlicht und ergreifend nicht ein, im Zuge einer völlig überrissenen politischen Korrektheit meine Texte durchzugendern und damit unlesbar zu machen. Tut mir leid, aber nö. Vorstöße wie solche, die Antje Schrupp gestern vorgestellt hat, sind in meinen Augen einfach nur lächerlich.

Die Sprache ist ein gewachsen Ding und ständig im Wandel begriffen. Diesen Wandel beeinflussen zu wollen, bringt indes überhaupt nichts, denn hier ist die Unsichtbare Hand am Werk. Manche Vorschläge zur Änderung der Sprache werden vielleicht angenommen, weil sie einleuchten – aber „Mann Meier“, Frau* /Mann* oder „mensch“ statt „man“ gehören definitiv nicht dazu.
Und was noch schlimmer ist: Solche Eingriffe in unser schönes Deutsch verprellen viele Menschen, die sich mit feministischen Themen gerne beschäftigen wollen, aber auf solche Albernheiten einfach keinen Bock haben. Das ist für den Normalbürger schlicht nicht vermittelbar, daher lasse ich es.
Wer das doof findet, darf sich gerne bei mir beschweren – oder liest es halt einfach nicht!

Was bleibt noch zu sagen?
So, ich hoffe, ich habe jetzt niemanden verprellt. Ich weiß noch nicht genau, worüber ich schreiben werde, obwohl ich einige Ideen habe, aber die werde ich euch erst präsentieren, wenn ich zufrieden mit der Ausarbeitung bin. Ich hoffe damit, auch wenn ich die Welt sicher nicht retten werde, wenigstens ein paar Machos zu nerven und Arsche zu treten :mrgreen:
black canary

Wer das fresh findet, von dem nehme ich gerne eine Spende entgegen.