Der Endgegner im Badezimmer 2: Fatshaming, Fatacceptance

Der Artikel sollte erst am Freitag erscheinen, aber ich habe den Plan geändert wegen aktuellen Stress auf Twitter, der über meinen ersten Artikel entbrannt ist. Ich hoffe, damit ist mein Standpunkt ausreichend geklärt und die Menschen, die das blöd finden, können mich von nun an meiden, denn ich werde ihn nicht ändern.

Ich mache es kurz und schmerzhaft: Ich verabscheue Fatshaming, aber ich lehne die Fataccaptance-Bewegung ab.

So, und wer jetzt noch nicht reflexartig weggeklickt hat, interessiert sich ja vielleicht für die Begründung. Hier ist sie:

Übergewicht ist nicht gesund. Übergewicht – ist – nicht – gesund. Natürlich heißt das noch lange nicht, dass jeder Übergewichtige an seinem Übergewicht sterben muss oder gar auch nur krank wird, aber das ändert nicht daran, dass Übergewicht nicht gesund ist.

Seltsamerweise wird das bei jedem anderen Thema eingesehen. Beispiel Helmut Schmidt. Der Mann ist hundertachtzig Jahre alt, aber trotzdem würde mir wohl jeder zustimmen, dass Rauchen ungesund ist, obwohl Helmut Schmidt keine Probleme damit hat.

Aber nein: Übergewicht ist hier die große Ausnahme gegen sämtliche Evidenz.

Ein bisschen kann ich den Grund dafür nachvollziehen. Ich war, wie im letzten Artikel deutlich wurde, schon als Kind Opfer von Fatshaming, auch wenn ich, wie man mir vorwarf, die meiste Zeit davon nicht mal Übergewicht hatte. Dennoch wurde mir jedes kleine Speckröllchen oder auch nur wenig figurbetonte Kleidung hämisch unter die Nase gerieben. Das war scheiße und hat mir verdammt weh getan. Und natürlich ist das ein gesamtgesellschaftliches Problem: Frauen und sogar schon kleine Mädchen müssen einem Schönheitsideal entsprechen, um respektiert zu werden und werden permanent nur auf ihr Äußeres reduziert.

Deshalb ist es mir scheißegal, wie andere aussehen. Wobei, ich glaube, so etwas gibt es gar nicht: dass man zu seinem Umfeld keine Meinung hat. Natürlich kann und darf man zur Optik seines Gegenübers eine negative Meinung haben, aber ohne guten Grund hat man einfach nicht das Recht, ihm das ins Gesicht zu sagen. Es geht einen nämlich absolut null an!

Deshalb äußere ich mich nicht zum Gewicht von Personen, die mir begegnen. Ich habe nicht die Absicht, andere Menschen wegen so etwas Unwichtigem wie dem Gewicht zu verletzen. Jeder kann so gesund oder ungesund leben, wie er möchte. Das ist mir ja so unheimlich scheißegal.

Aber nur, weil Fatshaming scheiße ist, ist das andere Extrem auch nicht besser. Seid oder werdet so fett, wie ihr wollt, das interessiert mich überhaupt nicht – aber verlangt doch nicht von jedem, dass er das schön und gesund finden soll, wenn es letzteres einfach nicht ist!

Vor einigen Wochen hat sich bei dieser Masernwelle das ganze Internet über Impfgegner lustig gemacht, die allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum trotz tatsächlich glauben, Impfen würde zu Autismus führen, aber bei diesem Thema ist es plötzlich völlig egal, was Ärzte überall auf der Welt sagen? Bitch please!

Das geht ja sogar soweit, dass selbst die Existenz eines „Übergewichts“ schon angezweifelt wird. Sind das wirklich alles nur völlig willkürliche Kategorien, die sich Ärzte nur ausgedacht haben, um dicke Menschen zu nerven?

Als ich letztes Jahr auf dem Jakobsweg unterwegs war, entschied ich mich, am Ende angekommen, nochmal zurück zu fahren und wieder neu anzufangen, denn ich hatte noch Zeit über. Ich hatte in der Zwischenzeit jedoch einiges angesammelt, was das Gewicht meines Rucksacks erhöhte: Bücher, Muscheln, ein neues Strandtuch etc.pp. Insgesamt hatte ich ca. 3 Kilo mehr als am Anfang auf dem Rücken – und das merkte ich schon beim kurzen Gang zur Post, wo ich mein überflüssiges Zeug als Päckchen nach Deutschland aufgab. Es waren nur 3 Kilo, aber ich merkte dieses Mehrgewicht schon so stark auf den Füßen, dass mir völlig klar war, dass ich niemals eine ganze Etappe damit durchhalten würde, ohne mir am Schluss eine Sehnenentzündung eingefangen zu haben (schon wieder!).

Und das waren NUR die Füße. Zuviel Gewicht merkt aber der GANZE Körper. Auch ich merke das, obwohl mein Übergewicht im Vergleich zu anderen nicht sehr massiv ist.

Aber auch das ist mir egal. Jeder hat das Recht, so mit sich und seinem Körper umzugehen wie er Bock drauf hat (schrieb sie und zündete sich eine neue Kippe an…). Aber ich sehe es NICHT als meine feministische Pflicht an, an der Selbsttäuschung partizipieren, Gewicht hätte keine Auswirkungen auf die Gesundheit und allein dies in Frage zu stellen sei schon Fatshaming!

Ich habe seit über 20 Jahren Gewichtsprobleme. Ich verstehe vollkommen, wie schmerzhaft dieses Thema sein kann. Und dennoch kann ich die Fatacceptance-Bewegung nicht unterstützen – zumal es ja offensichtlich dort von einigen schon für Fatshaming gehalten wird, dass I-C-H mit M-E-I-N-E-M Gewicht unzufrieden bin, als wäre das nicht ganz allein meine Sache!!

Die heutigen Diskussionen (und Nonmentions, vergessen wir die bloß nicht!) haben mir zudem wieder mal klar vor Augen geführt, wie verbissen diese Bewegung und das Thema gesehen wird. Es gibt Strukturen in dieser Bewegung, die auf mich fast sektenartig wirken. Jegliche abweichende Meinung ist absolut inakzeptabel und wer am fettesten ist (ein Begriff übrigens, der mir extreme Bauchschmerzen bereitet, denn er trägt zu viele negative Erinnerungen mit sich, aber ob das für jemanden wie MICH in Ordnung ist, als fett oder auch nur dick bezeichnet zu werden, hat natürlich nie jemand gefragt), hat sämtliche Deutungsmacht.

Mir wurden schon lustige Tweets in die Timeline gespült von Menschen, die ich überhaupt nicht kenne, aber wenn ich diese Tweets dann retweeten wollte, stellte ich fest, dass ich das nicht konnte – weil die Person mich geblockt hat. Forsche ich dann nach, sehe ich sehr oft das Label „fat positive/fat acceptance“ aufblitzen – und dann ist mir alles klar. Ich habe nämlich schon EINMAL in der Vergangenheit etwas negatives über fatacceptance gesagt und das reicht offensichtlich schon, um geblockt zu werden, weil andere Meinungen ja so dermaßen unerträglich sind.

Und damit doch mal kurz zu Triggerwarnungen. Ja, natürlich kann ein Text wie der gestrige negative Gefühle auslösen – ABER MEHR AUCH NICHT. Er kann weder „traumatisieren“, noch sehe ich in einer Gesellschaft, in der in jeder Werbeunterbrechung mindestens drei Diät-Produkte angepriesen werden einen Sinn darin, ausgerechnet diesen einen Text mit einer Triggerwarnung zu versehen, zumal der Titel und das Thema doch schon mehr als genug Hinweise auf den Inhalt geben.
Ich muss es leider nochmal sagen: Ich habe einen Text über meinen Vater geschrieben und darüber, dass er mich nicht liebt, und dieser Text hat einige Leser zu Tränen gerührt. Er war mir wichtig, das Schreiben hat geschmerzt und mich aufgewühlt. DA könnte ich vollkommen verstehen, dass bei Lesern negative Gefühle hochkommen. Aber stattdessen wird nach einer Triggerwarnung verlangt für einen Text über meine Gewichtsprobleme. Holy Shit. Kann es sein, dass das Thema ein ganz kleines bisschen überdramatisiert wird?

Ich werde weder jetzt, noch in Zukunft einen Text von mir mit einer Triggerwarnung versehen. Dafür habe ich gute Gründe. Die müssen euch nicht passen, aber ich werde mit Sicherheit nicht einen Begriff, der eigentlich im Kontext von Posttraumatischen Belastungsstörungen verwendet werden sollte (ihr wisst schon, das kriegt man, wenn man im Krieg war oder entführt oder vergewaltigt wurde und so) dazu zweckentfremden und verwässern, um vor einem Diättext zu warnen. Damit werden Befindlichkeiten, die mit Sicherheit für die Betroffenen sehr scheiße sind, auf eine Stufe gestellt mit einer schwerwiegenden psychischen Erkrankung. Und DAS ist diskriminierend.

Macht mit euren Körpern, was ihr wollt. Es interessiert mich nicht. Aber verlangt nicht von mir und anderen, diese Bewegung total abzufeiern. Denn das werde ich nicht tun.

Edit, 21. Mai:

Ich habe das Bedürfnis, dazu noch etwas zu sagen, möchte das Thema aber eigentlich nicht mehr aufkochen. Ich habe keinen Bock, jetzt zur „Feministin, die was gegen Fat Acceptance gesagt hat“ zu werden, nachdem ich doch grade erst die „Tussi, die diesen Depressionsartikel geschrieben hat“ war (ist beides sehr ungeil).
Deshalb hier ein Nachtrag, der nochmal deutlich machen soll, was ich eigentlich meine, da das offensichtlich einige nicht verstehen wollen:

mädchenmannschaft fettlogik

Dies erschien bei der Mädchenmannschaft. Und zwar unter dem Titel: Dinge, die du nicht mehr sagen solltest, außer du hasst dicke Menschen.

Ich denke, nichts könnte mehr illustrieren, was ich sagen wollte. Ich weiß nicht, wie oft ich es noch betonen soll: Mir ist egal, was andere Menschen mit ihren Körpern machen. Aber dies ist eine völlig andere Stufe. Hier werden die Gesundheitsrisiken nicht nur kleingeredet, sondern VOLLKOMMEN NEGIERT (bei gleichzeitiger Erwähnung von „gesundheitlichen Risiken durch Abnehmen“ – oh my fucking god).
Polly’s Pocket nennt das „den Punkt der totalen Toleranz“. Gefällt mir, obwohl „totale Ignoranz“ vielleicht noch besser wäre.

Und da hört es bei mir auf. Ist das wirklich so bösartig von mir? Talking ‚bout „Bösartigkeit“… die MM redet ja selbst schon nicht mehr von Fatshaming, sondern von HASS. Ein Arzt, der eine 150kg schwere Frau darauf hinweist, dass sie auf eine Diabetes zusteuert, HASST diese Frau. Mir fehlen völlig die Worte.

Aber „Diabetes“ ist ein gutes Stichwort: Zum kürzlich stattfindenden Anti-Diät-Tag las ich mehrere Tweets von Aktivistinnen, die damit auch schon wieder nicht glücklich waren, denn es gäbe ja Menschen, die wegen einer Krankheit Diät halten müssen (zum Beispiel Diabetes!) und da ist es doch unfair, diese mit Leuten in einem Topf zu werfen, die Diät halten, weil… keine Ahnung. Weil sie dicke Menschen hassen?

Laut der Logik des MM-Artikels waren bereits diese überkorrekten Hinweise, die mal wieder äußerst pflichtschuldig geteilt worden sind, Fatshaming in Reinform. Weil nämlich ALLES Fatshaming ist.

Nein, schlimmer. Alles ist HASS.

Ich weiß nicht, wie oft ich noch sagen muss, dass es mir hier um mich geht. Ich hasse keine dicken Menschen und finde sie auch nicht per se unattraktiv. Im Gegenteil, ich finde viele dicke Menschen atemberaubend schön, aber das ändert für mich selbst überhaupt nichts.

Es macht mich traurig, dass man mir etwas so abgrundtief böses vorwirft: Hass gegen Menschen allein aufgrund ihrer äußeren Erscheinung. So war ich nie, so will ich auch nie sein.

Aber wenn ALLES Hass ist, dann ist das wohl unvermeidlich. Schöne neue Welt.


Weitere Beiträge zur Themenwoche:
Der ewige Kampf
Buchtipp
The war is won!
Meine Diät!
Rezepttipp: Der Teig ohne Mehl!
Geheimtipp: Die Nudel ohne Kalorien!
Bonus – das beste Rezept der Welt! (Zum Mitmachen!)

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Der hat ja auch immerhin keine Kalorien.

Wessen Privileg schwerer wiegt…

Einige Bloggerinnen haben die Aktion #waagnis ins Leben gerufen und andere aufgefordert, daran teilzunehmen. Das hier ist allerdings weniger ein Teilnehmerpost als ein kleiner Rant gegen die Kritiker dieser Aktion. Das ist hoffentlich auch genehm.

Als ich heute um halb eins so langsam die Augen aufbekam (ich war mal wieder arbeiten bis vier Uhr morgens), war meine erste Amtshandlung, wie immer, der Griff zum Laptop. Und, wie so oft, öffnete ich Twitter und sofort ploppten einige Fragezeichen über meinem müden Schädel auf. #waagnis, hä? Was geht ab?

Das war schnell geklärt. Ninia, Kathrin, Johanna und Maike von Kleinerdrei schrieben über das Hadern mit ihren Körpern, haben sich entschlossen, (teils weiterhin) ohne Waage zu leben und fordern alle auf, ebenfalls von ihren Problemen mit der unnötigen Badezimmerelektronik namens Waage zu berichten. Entweder in Form von Blogposts oder bei Twitter unter dem Hashtag #waagnis.

Noch bevor ich allerdings die Artikel alle lesen und entscheiden konnte, ob ich das nun cool finden soll oder nicht, fielen mir die ersten negativen Statements zu der Aktion ins Auge. Gleich gefolgt von einem entschuldigenden Tweet von Ninia.

Nennt mich anti, aber in diesem Moment war mir sofort klar, dass etwas, was so eine Entschuldigung nötig macht, eigentlich nur gut sein kann.

Doch zunächst zu mir.

Probleme mit meinem Gewicht habe ich schon häufiger thematisiert, man könnte also auf die Idee kommen, dass ich dazu nichts mehr zu sagen habe. Tatsächlich ist das aber eine neverending story… und nicht nur für mich.

Seit zweieinhalb Monaten lebe ich mehr oder weniger unfreiwillig ohne Waage, denn Anfang April bin ich umgezogen und war bisher zu faul, meine Waage in meiner alten WG abzuholen. Sie war auch eines der ersten Geräte, die ich für diese WG anschaffte – zusammen mit einer Küchenwaage.

Der Slogan der Mädels von #waagnis lautet übrigens:
waagnis
Ich musste direkt lachen, als ich das las. Nicht, weil es ein lächerliches Statement ist, sondern weil ich Leute kenne, die selbst DAS für irgendwie bescheuert halten.

Wie mein geschätzter Ex-Mitbewohner Moritz zum Beispiel. Er beäugte unsere neue Küchenwaage damals völlig verblüfft. „Wofür brauchst du die denn?“
Ich, gnadenlos: „Um Sachen zu wiegen.“
„Äh, aber warum? Das geht doch auch so?“
Nun muss ich mich vor jemanden, der eine halbe Stunde braucht, um eine Karotte und ne halbe Zucchini zu schneiden und das „Kochen“ nennt, wohl wirklich nicht zu rechtfertigen, tat es aber doch. „Ja, normal schon. Aber ich koche ja auch mal nach Rezept. Oder brauch abgewogene Zutaten zum Backen. Oder für Nudeln.“
Schockierter Blick von Moritz. „Du wiegst deine Nudeln?!?!“
„Ja.“
…Und er glotze mich an, als hätte ich eine Essstörung.

Zum ersten Mal in meinem Leben wurde mir klar, dass andere Leute das wohl offensichtlich nicht tun. Also, Nudeln wiegen. Aber da Moritz mit seinem Urteil nicht falsch lag (jedenfalls nicht völlig), gibt es für mich leider keine Alternative.

Das Problem ist, dass ich fressen kann, bis ich fast platze. Weitaus mehr, als ich brauche, weitaus mehr, als angenehm für mich ist. Und leider fehlt mir durch jahrelange Probleme mit meiner Ernährung irgendeine Art Mechanismus, der meinem Körper während des Essens sagt „Es langt jetzt“. Natürlich fühle ich mich nach zu viel Essen völlig vernichtet. Es ist nicht so, dass mir ein Sättigkeitsgefühl fehlt. Eher die Beherrschung, auch darauf zu hören, obwohl das für die meisten Leute überhaupt kein bewusster Akt ist und sie einfach von selbst aufhören, wenn sie merken, dass sie satt sind.

Daher wiege ich meine Nudeln. Ich habe nämlich festgestellt, dass ich von 100-120 Gramm Nudeln absolut angenehm satt bin. Essen kann ich aber auch locker doppelt so viel. Weshalb die Küchenwaage in diesem Fall mein einziger Freund ist, der zwischen mir und der völligen Überfressung steht.

Und aus dem selben Grund kann ich das #waagnis nicht eingehen und meine Körperwaage entsorgen.

Seitdem meine Waage in meiner Ex-WG im Exil ist, habe ich zugenommen. Das spüre ich an meinen Jeans und natürlich auch an der Optik. Vor meinem Umzug hatte ich gerade ein paar Kilo abgenommen und war auf 71 kg runter, verteilt auf schnuckelige 1,58. Inzwischen dürfte ich wieder bei 75 sein, ungefähr.

Und das gefällt mir nicht. ICH gefalle MIR so nicht. Es ist mein ureigenes Ästhetik- und auch Körperempfinden, dass ich mir mit 10-20 Kilo weniger besser gefallen würde. Hatte ich alles schon, konnte es damals allerdings nicht genießen. Jetzt wäre das anders und deswegen möchte ich da wieder hin!

Das klappt allerdings nicht ohne Waage. Ich kann auf dieses elende Kontrollding nicht verzichten. Ich hätte nämlich nicht wieder 4 Kilo zugenommen, wenn ich zwischendurch gesehen hätte, in welche Richtung ich mich gerade bewege. Ohne Waage war das ein diffuses Gefühl, das sich ganz langsam aufbaute, bis es zu spät war.
„Hm, so lange ohne Waage. Hab ich zugenommen? Neeeee.“
„Hm, die Jeans kneift. Ist aber auch frisch gewaschen. Muss nix heißen.“
„Hm, ist das ein neues Speckröllchen? Schwer zu sagen…“
„Okay, ein neues Loch im Gürtel. JETZT ist es amtlich!“

Natürlich ist die Waage nur ein unzureichendes Gerät zur Messung des Körpers. Die Waage interessiert sich nicht dafür, ob ich mir gerade ein Kilo Eis reingepfiffen hab oder ein Liter Wasser auf Ex – in beiden Fällen zeigt sie direkt danach ein Kilo mehr an. Es ist ihr auch egal, ob ich gerade meine Tage hab und aufgeschwemmt bin. Oder, ob ich vor oder nach ihrer Besteigung aufs Klo gehe. Die Waage macht, was sie will, weil der menschliche Körper macht, was er will!

Dennoch brauche ich das blöde Teil einfach, denn zumindest für die grobe Richtung reicht es. Deshalb werde ich meine Waage nicht entsorgen (und kann leider auch nicht, wie gewünscht, ein Foto machen, weil ich sie ja momentan nicht in der Wohnung habe).

Ich weiß nicht, ob das vielleicht bedeutet, dass ich „noch nicht so weit“ bin. Oder ob es einfach von meinem Standpunkt aus nur logisch ist. Wie soll ich das beurteilen? Ich hätte meine Meinung nicht, wenn ich nicht der Meinung wäre, dass meine Meinung richtig ist.

Dennoch mag ich die Aktion und fand alle Ausgangsartikel ziemlich gut. Deswegen nervt es mich auch, wie viel Kritik die Initiatorinnen einstecken müssen!

Warum? Naja. Es gibt ja diese „fat acceptance“-Bewegung, die sich für die Akzeptanz „alternativer Körperformen“, bzw. in diesem Fall ganz konkret fetter Körper einsetzt (sie nennen sich selbst so. Also, fett. Deshalb schreibe ich das jetzt einfach so, obwohl ich sowas im Leben nicht jemanden ins Gesicht sagen würde. Dazu habe ich es selbst schon zu oft gehört.). Eine Bewegung, die ich nicht unkritisch betrachte, die mich aber auch nicht wirklich tangiert.

Genau aus dieser Ecke erschallt nun ne Menge Wut, was in meinen Augen einfach nur paradox ist. Immerhin war es ja die Intention der Autorinnen, alle mollige Frauen da draußen dazu zu motivieren, den ständigen Kampf mit der Waage einfach aufzugeben und sich ihr Leben nicht von ein paar Zahlen auf einem Display diktieren zu lassen!

Und das ist ja auch richtig so. Oft wird der Einfluss der Medien etc. auf dieses Thema verharmlost (mein Eindruck: Meist irgendwie nur von Männern, die nur auf Frauen mit Modelmaßen stehen), aber man muss sich nur mal ein bisschen umsehen und auf saublöde Artikel wie diesen stoßen um zu merken, dass es eben NICHT harmlos ist. Kleine Mädchen machen sich schon Sorgen um ihre Figur, der Großteil der weiblichen Teenager hasst sich, erwachsene Frauen geben Tonnen von Geld dafür aus, schlank zu werden oder zu bleiben.

Diese Frauen und Mädchen sind alle sehr unsicher und sehr unglücklich, obwohl sie größtenteils wirklich keinen Grund dazu haben. Aber es wird ihnen eben eingeredet. Eine Folter, an der sogar Freunde und Familie mit Genuss partizipieren.

Für einige dieser Frauen könnte es ein Segen sein, die Waage einfach in den Müll zu werfen, sich davon nicht mehr den Tag versauen zu lassen, nicht mehr darüber zu grübeln, warum man heute plötzlich ein Kilo mehr wiegt, obwohl man gestern nur Salat und ne Salzkartoffel gegessen hat (das passiert halt manchmal einfach so). Was ist daran bitte schlecht?

Auf Twitter las ich von irgendeiner, das Problem sei, dass sich hier nur Frauen mit „Normalgrößen“ zu Wort gemeldet hätten. Und diese sind natürlich im Vergleich zu richtig fetten Frauen total privilegiert, was in manchen radikalen Strömungen des Feminismus der finale Code ist für „Fresse halten“. Denn privilegierte Menschen dürfen NIEMALS irgendwas sagen!

Diesen Damen scheint das tatsächliche Problem entgangen zu sein. Das Problem ist ja nicht, dass Frauen ab BMI 30 verhöhnt und ständig wegen ihrer Figur kritisiert werden. Das Problem ist, dass sowas auf ALLE Frauen zutrifft! Eine Ausnahme mögen wohl die wenigen von der Natur gesegneten sein, die ohne Sport etc. essen können was sie wollen und trotzdem schlank bleiben. Aber selbst die werden doch ständig auf ihr Gewicht angesprochen, auf ihren Körper reduziert!

Die Schwere eines Misstandes äußert sich nicht darin, wie die Gesellschaft auf solche reagiert, die extrem krass von der gesetzten Norm abweichen. Die Schwere eines Misstandes äußert sich darin, wie die Gesellschaft auf solche reagiert, die davon auch nur ein bisschen abweichen. Und das ist beim Thema „weibliche Figur“ eindeutig der Fall!

Der Schmerz, den richtig fette Menschen empfinden müssen, wenn sie angepöbelt oder ausgelacht werden, wird nicht im Geringsten geschmälert, wenn eine, die in einen H&M reingehen kann und dort sogar auch ohne Übergrößenabteilung was passendes findet, davon berichtet, wie an ihrem Aussehen rumgemäkelt wurde. Und es ist nur logisch, dass eine solche Frau sich mit solchen, die von diesen Attacken noch viel mehr betroffen sind, praktisch automatisch solidarisiert!

Deshalb ist es gar nicht schlecht, dass sich hier Frauen zu Wort gemeldet haben, die nach Interpretation der fat-acceptance-Membern ne völlig normale Figur haben. Ganz im Gegenteil! DAS beweist doch erst, was für ein Problem wir heutzutage mit abweichenden Körperformen haben!

Deshalb finde ich die Kritik an der Aktion völlig überzogen, vor allem, wenn man das weiter denkt. Wenn jetzt Frauen, die mehr wiegen als die Initiatorinnen meinen, dass nur so richtig fette Frauen sich dazu wirklich äußern dürfen, was passiert dann, wenn NOCH dickere Frauen auftauchen? Gibts ne Grenze, ab der man sich äußern darf? Oder heißt es: Je mehr BMI, desto mehr Gewicht haben auch die Worte?

Manchmal sollte man einfach mal überlegen, was sich Leute bei bestimmten Dingen gedacht haben. Und die #waagnis-Mädels haben bestimmt nicht gedacht: Höhö, trollen wir mal ein bisschen rum. Sie haben reflektiert, wofür dieses Scheißding Waage eigentlich steht und beschlossen, sich daraus zu befreien, während sie gleichzeitig anderen Frauen damit Mut machen wollen.

Dass dabei viele fatpositive- oder fatacceptance-Bloggerinnen „unsichtbar“ gemacht wurden… also meine Güte. Manchmal glaube ich, manche Leute stecken so tief in ihrer Filterbubble drin, dass sie gar nicht merken, dass ihnen außerhalb dieser keine Sau zuhört. Ich habe mich beispielsweise schon seit ich denken kann mit Diäten, Gewicht etc. beschäftigt, aber fat acceptance ist mir erst über den Weg gelaufen, als ich anfing zu bloggen. Das ist wieder mal keine besonders verbreitete Bewegung, die daher doch über jeden neuen Impuls froh sein kann. Wenn dieser jetzt von Ninia, Kathrin, Johanna und Maike kommt, warum nicht? Sie mögen einen anderen Ansatz haben, sind auch wahrscheinlich nicht fat positive. Aber sie sind Frauen und haben eine Leidensgeschichte. Frauen mit einer kleinen Idee. #waagnis eben. Und der Vorstellung, dass man ausgehend von seiner Blogger-Fangemeinde damit vielleicht für das ein oder andere Mädchen etwas besser macht.

Ich mache bei #waagnis nicht mit. Aber ich hoffe, viele andere tun es. Und Ninia, Kathrin, Johanna und Maike wünsche ich alles Gute. Sie haben sich absolut nichts vorzuwerfen.

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Der hat ja auch immerhin keine Kalorien.