Brief an meinen Vater

Cause I’m fucked up
because you are
need attention
attention you couldn’t give

– Staind

Mein Vater,

ich schreibe dies in der Hoffnung, es dir irgendwann ins Gesicht sagen zu können.

Heute ist Vatertag und ich muss wie jedes Jahr an dich denken, obwohl du für mich nie ein Vater warst.

Wir hatten einen schweren Start, das bestreite ich nicht. Doch wie sah der genau aus? Ich habe über die Jahre hinweg so viele Versionen der ein und selben Geschichte gehört. Du und meine Mutter, ein Meer aus vagen Andeutungen, irreführenden Hinweisen und Schlägen in die Fresse.
War ich ein One Night Stand oder ein Kind der Liebe? Wolltest du wirklich, dass sie abtreibt? Hast du einfach Panik bekommen? Hat sie die Schwangerschaft forciert? Wenn ja, warum hast du dich dagegen nicht geschützt? Wart ihr nun ein Paar oder nicht? Hast du dich von Anfang an nicht für mich interessiert oder war der Druck meiner Familie zu groß, um eine Beziehung aufzubauen? Ich weiß es nicht. Zwanzig Jahre habe ich versucht, die Ereignisse zu rekonstruieren, aber es inzwischen aufgegeben. Ich kann euch nichts mehr glauben und ich habe es satt, zum x-ten Mal eine Geschichte zu hören, die wahr sein könnte, vielleicht aber auch nicht.

Tatsache ist, dass meine Mutter zu stolz war, um jemals einen Cent von dir anzunehmen. Offiziell kennt der deutsche Staat dich nicht. Sie hat mich damit nicht nur um meinen Unterhalt gebracht – MEIN Geld, nicht ihres – sondern auch um mein Erbe. Du dagegen warst auf diese Weise natürlich aus dem Schneider. Wie angenehm für dich.

Ich wusste immer, dass mit mir etwas nicht stimmte. Die Blicke, das Getuschel in meinem ekelhaft kleinen Dorf, es gibt sie sogar noch heute, 30 Jahre später. Ich wuchs auf in dem Wissen, dass jedes normale Kind einen Vater hat, nur ich nicht.
Meine Familie war blond und blauäugig, nur ich war dunkel. Ich stach raus, das merkte ich schon als Kind. „Die Sturheit hast du von deinem Vater,“ sagte meine Mutter manchmal und das erfüllte mich auf absurde Art mit Stolz.

Und doch musste ich zwölf Jahre alt werden, bis wir uns das erste Mal trafen. Ich sah dich an und sah mich, dieselben Haare, dieselben Augen. Dein Akzent überraschte mich, aber er war nur deutlichster Ausdruck einer Eigenschaft, die mich anzog und die ich unglaublich bewunderte: Du warst anders. Ein Freigeist, unabhängig, hast getan, was du wolltest, bist überall in der Welt herum gekommen.
Du bist aufgewachsen in einem Militärregime, hast dadurch einen kritischen Geist entwickelt, hast zu allem deine eigene Meinung und würdest dich niemals unterordnen. So sah ich dich damals. Und ich wollte auch so sein, denn schon mit zwölf engte mich mein Dorf, meine dämliche Familie und ihr beschränkter Horizont mehr ein, als ich ertragen konnte.

Ich wollte frei sein, ich sein. Ich wollte sein wie du.

Die Jahre vergingen. Mein Stiefvater kam gar nicht damit klar, dass ich dich traf, fühlte sich hintergangen. Aber ich war im Recht. Ich hatte ein Recht darauf, meinen Vater zu sehen. Ich mochte auch deine Familie: deine coole Frau, deine beiden Söhne. Meine Halbbrüder. Wie sehr habe ich mir immer Geschwister gewünscht.
Trotzdem habe ich damals genickt und gelächelt, als du und deine Frau mir erklärten, dass ihr ihnen nicht erzählen wollt, wer ich bin. Sie waren damals noch klein und voll in der „Mädchen sind doof!“-Phase. Ihnen da erzählen, dass sie noch eine Schwester haben? Hach, vielleicht später mal. Mal sehen.
Ich nickte und lächelte. Und ich dachte, wie dumm diese Begründung ist. Aber ich lächelte und war tief verletzt.

Später, als sie älter waren, reagierten sie auf mich sehr verhalten. Wir redeten nicht miteinander. Vielleicht waren sie beleidigt. Wenn sie auch nur ein bisschen sind wie ich, sind sie nicht doof. Ich sehe ihnen ähnlicher als ihre eigene Mutter. Jeder Vollidiot hätte erkannt, dass du, ich und die beiden verwandt sind. Aber das wurde nie thematisiert, jedenfalls nicht offen. Wenn sie nur ein bisschen so sind wie ich, hat sie das unglaublich ankotzt – dass ihre eigene Eltern sie offensichtlich für so blöd halten. Und mir gab es einen Stich, denn diese Art Totschweigen kannte ich von meiner Familie.

Ich dachte, du seist anders. Ich dachte, du seist besser.

Die Besuche wurden seltener, du warst öfter schlecht gelaunt. Das alles hinter der Fassade der Gradlinigkeit. So ein ehrlicher Mensch wie du, der versteckt doch nicht etwa, dass er mies drauf ist! Grummeligkeit als Statussymbol. Du konntest es dir ja leisten.
Und ich? Ich wollte dir einfach nur gefallen.

Aber es bröckelte. Das hätte ich schon damals sehen müssen. Und dass man sich nicht auf dich verlassen kann, wurde mir spätestens dann klar, als ich dir offenbarte, depressiv zu sein und ich dich bat – als neutrale, dritte Person – meinen Eltern klar zu machen, dass ich Hilfe brauche. Ich kam aus dem Kurzurlaub zurück, in den ich geflüchtet war, und was hattest du getan? Nichts. „Bin noch nicht dazu gekommen,“ war deine lapidare Antwort.

Das war das eine Mal, dass ich wirklich Hilfe von dir gebraucht hätte. Du hast kläglich versagt.

Rückblickend betrachtet hast du den Zerfall ganz alleine eingeleitet. Sommer 2006, ich weiß es noch genau. Das Jahr, in dem Deutschland Argentinien aus der WM gekickt hat. Das Spiel war spannend, dein Wohnzimmer voll, hast du doch überall Freunde und Bekannte, und DIE waren nun mal keine fünfjährigen Kinder und sahen sofort, was ich war und wer ich bin.
Freundlich waren sie alle, neugierig. Ob ich denn auch zur großen Feier deines 50. Geburtstages komme? Natürlich wollte ich das. Ein Fest mit Menschen aus aller Welt, dutzende, hunderte deiner alten Wegbegleiter, Reisende, Künstler, Lebemänner und Lebefrauen, ein Highlight war allein der Gedanke für mich.
Und natürlich war da meine Familie. DEINE Familie. Den Teil, den ich nicht kenne. Deinen Bruder, deine Schwester, ein halbes Dutzend Cousins und Cousinen, noch nie hatte ich einen davon gesehen. Vielleicht waren wir uns ähnlich und verstanden uns super. Ich freute mich.

Wenige Wochen später war ich zelten mit Freunden. Mein Handy klingelte, es lag in meinem Zelt. Meine Zeltnachbarin brachte es mir, DU warst dran. Noch bevor ich überhaupt Hallo sagen konnte, hast du losgebrüllt: Warum da eine fremde Person an mein Handy ginge?! Ich war völlig verwirrt wegen dieses Ausbruchs, für mich war das das Normalste der Welt?
Aber deswegen hattest du natürlich nicht angerufen. Ich höre deine Stimme heute noch – Worte, die du offensichtlich geübt hattest. Du sagtest mir, dass deine Mutter sich aus Südamerika zu deinem Geburtstag angekündigt hat. Ich hatte gerade genug Zeit, um mich zu freuen – ich würde zum ersten und vielleicht einzigen Mal meine Oma sehen! – als du meine Aufregung auch schon unterbrachst. Deine Mutter sei eine sehr alte und konservative Frau, wisse nichts von mir und daher möge ich deiner Geburtstagsfeier bitte fern bleiben.

Ich will nicht lügen: Das war ein Schlag. Ein harter. Und dennoch: Obwohl ich jedes Recht gehabt hätte, deswegen völlig auszurasten… verstand ich es. Ich verstand, warum eine Lüge manchmal nicht einfach so aufgedeckt werden kann. Ich wollte nicht dafür verantwortlich sein, dass eine alte Frau einen Herzinfarkt bekommt.

Ich verstand es. Aber es machte mich trotzdem traurig.

Ich versuchte, leise zu weinen, aber du hast mein Schniefen trotzdem durch das Telefon gehört. Und da ging es los. Was ich mir einbilde? Wie ich es wagen könne, nun zu heulen? Was ich mir dabei denke? Das sei so typisch für mich, immer seien alle anderen Schuld, während ich flenne, ich solle doch endlich Verantwortung übernehmen, peinlich wäre das, diese Hilflosigkeit, peinlich überhaupt alles an mir…

Ich hörte deine Worte und es war wie ein Dolch mitten ins Herz. Es waren nicht nur die Worte. Es war ihre Zusammenhangslosigkeit. Diese Ungerechtigkeit. Darf ich etwa NICHT traurig sein, weil du mich verleugnest? Darf ich etwa nicht traurig sein darüber, keinen Vater zu haben wie die normalen Kinder?

Dies war der Anfang vom Ende. Wir redeten ab da kaum noch miteinander. Drei Jahre später rief ich dich zum letzten Mal an an dem Tag, an dem sich meine Eltern trennten, wieder mal so eine Gelegenheit, an der ich vielleicht ein wenig Zuspruch gebraucht hätte, aber du warst desinteressiert und hast das Gespräch abgewürgt mit dem Versprechen, dich bald zu melden.

Seitdem Funkstille. Seit sechs Jahren.

Ich hatte seitdem viel Zeit zum Nachdenken. Und wenn ich den Bruch wirklich datieren müsste, käme ich auf den Tag dieses ersten grässlichen Telefonats. Denn damals hast du selbst das Bild, das ich von dir hatte, in tausend Scherben zerschmettert, auch wenn das mir damals noch nicht bewusst war.

Seit diesem Tag trug ich das Wissen um deine Erbärmlichkeit.

Natürlich machte ich mir zunächst sehr viele Vorwürfe. Zerfleischt habe ich mich. Hattest du mit deinen harten Worten Recht? War ich so schwach, wie du mich dargestellt hast?

Ich wollte doch stark sein. Ich wollte wie du sein. Aber nach langem Nachdenken, vielen Selbstzweifeln und auch Hass gegen mich selbst erkannte ich, dass du an diesem Tag dich selbst angebrüllt hast. Es ist kein Verbrechen, traurig zu sein, weil man behandelt wird wie ein unangenehmes Geheimnis, für das sich jeder schämt. Wohl ist es aber ein absolutes Armutszeugnis, genau diesen Eindruck in seinem Kind zu erwecken, nur weil man über zwanzig Jahre lang zu feige ist, seiner eigenen Mutter etwas zu beichten.

Nicht ich war schwach. Du warst es. Immer gewesen. Und das beste, was man über dich sagen kann ist wohl, dass du dich dafür wenigstens genug geschämt hast, um zu versuchen, deine Schuld auf mich abzuwälzen.

Was ich an dir liebte, war reine Illusion. Du ach so starker Mensch warst niemals stark genug, um für mich da zu sein. Du verschwandest endgültig, als es mit mir zu schwierig wurde. Ich, dein schmutziges kleines Geheimnis, das wohl einfach zu anstrengend ist.

Und so muss ich leben und und zurecht kommen mit dem Wissen, dass ich einer von zwei Personen auf diesem Planeten, die mich immer lieben sollten, egal was ich für eine Scheiße baue und wie tief ich auch sinke – dass ich einer dieser beiden Personen völlig egal bin.

Wenn ich heute zum Telefon greife, rufe ich nicht dich an, sondern meinen Stiefvater. Er war mit meiner Mutter zusammen, seitdem ich zwei Jahre alt bin. Er war gerade zwanzig Jahre alt und hat dennoch die Verantwortung für ein Kind übernommen, das nicht mal sein eigenes war. Und er ist auch heute noch für mich da, obwohl sie inzwischen getrennt sind.

Natürlich hatten wir unsere Probleme. Wir sind zwei völlig verschiedene Charaktere. Wir haben gestritten, gebrüllt und uns eisig angeschwiegen. Er hat tausend Fehler gemacht und mich auf vielerlei Art verletzt, wie du es nie getan hast – aber das ist ja auch nicht schwer, wenn man nicht da ist.

Du hast mir mal gesagt, wie tief beeindruckt du von mir schon bei unserem ersten Treffen warst, noch bevor ich überhaupt den Mund aufgemacht habe. Ich hatte den Stuhl neben dir genommen und ihn ein Stück von dir weggerückt, bevor ich mich setzte. Ich habe das nicht mit Absicht gemacht, möglicherweise war es also eine unbewusste Geste, vielleicht auch nur Zufall – aber du meintest, dir hätten zum ersten Mal in deinem Leben die Worte gefehlt.

Und hier sind wir nun und dieses Mal ist es sehr bewusst: Ich rücke von dir ab. Ich rücke von dir ab, final und endgültig. Ich löse mich von dem Gedanken, dir jemals etwas zu bedeuten, egal was ich in meinem Leben noch erreichen werde. Denn du warst nicht da für mich. Du hast dir einen Stuhl genommen und dich mit dem Rücken zu mir ans andere Ende des Raumes gesetzt, noch bevor ich überhaupt geboren war.

Und das werfe ich dir nicht einmal vor. Was ich dir vorwerfe sind deine Lügen. Dein Aufplustern. Die Täuschung, es sei anders und ich könnte einen Platz in deinem Leben haben. Und vor allem werfe ich dir vor, mir den Eindruck vermittelt zu haben, dies alles sei MEINE Schuld, nur weil du dich nicht deiner Verantwortung stellen konntest.

Weil du ein Kind bist. Ein weitgereistes Kind, das viel gesehen und erlebt hat, aber nichtsdestotrotz ein Kind, das sich seinen eigenen Fehlern nicht stellt, sondern vor ihnen wegläuft. Ein selbstbezogenes, verwöhntes Kind, das seine einzige Tochter mit Füßen trat, als sie eigentlich eine helfende, liebende Hand gebraucht hätte.

Und wozu? Um dein Selbstbild eines unabhängigen, furchtlosen und immer ehrlichen Mannes aufrecht zu erhalten, obwohl du ein unreifes, feiges und lügnerisches Arschloch bist.

Vater, ich brauche dich nicht. Denn, oh mein Gott, ich bin ja so viel besser als du.

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Eine beschissene Weihnachtsgeschichte

Wenn man feststellt, dass die größte Tradition, derer man im eigenen Blog frönt, ein jährlicher angepisster Beitrag zu und über Weihnachten ist. Enjoy!

Weihnachten bei Familie Urban
2013. Auch im Hause Urban gibt es Traditionen. Nach einem einmaligen, unglaublich grauenhaften Ausflug in Würstchen-mit-Kartoffelsalat-Gefilde gibt es dieses Jahr wieder das volle Festtagsprogramm: Reh, Klöße, Rotkohl. Das Reh bekommt mein Onkel von einem befreundeten Jäger und legt es schon Tage vorher ein. Es ist so zart, wie das Fleisch von langsam ausgebluteten Engeln sein muss.

Ich hasse den Ausdruck „gefräßiges Schweigen“, aber der passt auf meine Familie sowieso nicht. Irgendjemand hat immer gerade lange genug gekaut, um nach der Soße zu brüllen, mehr Wein zu fordern oder meiner Oma zu sagen, dass sie sich endlich hinsetzen soll, weil die keine fünf Minuten aushält, ohne etwas zu putzen. Und nachdem die Frauen den Tisch abgeräumt haben (-.-), hat auch der letzte den Mund endlich frei.

Leider.

Denn als wir da gerade so sitzen, alle vollgefressen wie die Schweine im Glanze des künstlichen Weihnachtsbaumes, den meine Oma sich vor Jahren gegen den Protest der gesamten Familie zugelegt hat, fängt mein Onkel aus heiterem Himmel an, über Asylanten zu reden.

Ich seufze innerlich. Damals war grade Lampedusa. 10 Wochen nach dem Unglück war der Unfall immer noch in allen Medien.

Onkel: „Ja, ne, is klar, hier her kommen und dann Sozialhilfe kriegen.“
Anderer Onkel: „Genau.“
Onkel: „Unsereins reißt sich den Arsch auf.“

Missbilligendes Schnalzen meiner Oma wegen „Arsch“. Ich starre in mein Weinglas. Halt einfach die Fresse, Robin, denke ich.

Onkel: „Was die alles kriegen! Zum Beispiel *random Geschichte die wahr sein könnte oder aber auch nicht über einen Immigrant, der angeblich ungerechtfertigterweise zu viel Hartz IV oder sonstwas bekommen hat*“

Fresse, Robin, denke ich.

Onkel: „Sollen die doch daheim bleiben, diese Molukken, diese…“
Tante: „Ach, Frank…“
Onkel: „Molukken, immer nur die Hand aufhalten…“

Ach, scheiß drauf, denke ich resigniert.

„Weißte, die kommen nicht hier her, weil sie Sozialhilfe wollen, sondern weil sie Angst um ihr Leben haben,“ sage ich. Ungläubiges Gelächter von den billigen Rängen. „Oh klar, klar!“ zischt es zynisch.

„Ja, voll klar. Meinst du, die gehen gerne von zuhause weg?“
„Ja sicher, nix leisten und…“
„Hallooo, das sind FLÜCHTLINGE!“
„Dann sollen se halt woanders hin! Immer müssen wir alles bezahlen! Sollen se halt kucken, wo se bleiben!“
„Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt. Wir haben mehr als genug Geld, um ein paar Asylanten aufzunehmen!“

An dieser Stelle läuft mein anderer Onkel knallrot an. „Ja – das ist aber Geld, das von UNS Arbeitern kommt und nicht von SCHMAROTZERN!!“

Man sieht regelrecht den Geifer spritzen. Und dabei fällt sein hasserfüllter Blick auf MICH.

Ich hebe die Augenbrauen. Dieser Seitenhieb ist ja fast schon zu billig, dabei auch ohne Substanz. Zugegeben, ich bin Langzeitstudentin – aber ich habe noch nie in meinem Leben Befög bezogen, Wohngeld bekommen oder sonst in irgendeiner Weise staatliche Unterstützung. Nein, ich habe einen Kredit, den ich irgendwann ganz alleine zurück zahlen darf und gehe arbeiten. Ich Schmarotzer, ich. Während dieser empörte Arbeiterstolz meinem Onkel, der sich alle drei Jahre einen neuen BMW kauft, nicht so wirklich gut zu Gesicht steht. Aber wer möchte da schon den ersten Stein werfen…

Jedenfalls beschließe ich, auf diese gezielte Provokation nicht einzugehen, denn mein Onkel pöbelt schon wieder. Er muss so viel schuften, die tun gar nichts, Sozialschmarotzer, Assis, Kanaken, Molukken, bla-bla-BLA.

Und an der Stelle gesellt sich dann heiliger Zorn zu meinem ohnehin nicht sonderlich friedvollen Gemüt. Waren es doch immerhin genau DIESE Menschen, die mich unbedingt katholisch erziehen mussten.

„Leute, geht’s noch?! Es geht hier um Menschen, die aus dem Krieg flüchten und die man STERBEN LÄSST, statt ihnen zu helfen! Und ihr hetzt auch noch über die! Ihr solltet euch was schämen! Mein Gott, ey, und das an Weihnachten!!“

Ja, Weihnachten, dieses Fest, an dem alle in der Messe ganz arg nasse Augen kriegen, wenn es darum geht, dass unser Erlöser doch tatsächlich in einem elendigen Stall zur Welt kommen musste (tatsächlich war’s eine Höhle) und das auch noch im Winter (eigentlich war’s Sommer), dieses arme Bübele!

Drei ganze Sekunden lang herrscht absolute, verblüffte Stille. Wenn auch meine gesamte Familie keinen sachlichen Argumenten zugänglich ist – von der einzigen Nicht-Christin am Tisch so zurecht gewiesen zu werden, macht alle sprachlos. Dann schnaubt mein Onkel sarkastisch, verzichtet jedoch auf weitere Diskussionen. Das Gespräch wendet sich anderen Themen zu.

Aber, wisst ihr… das Essen war gut…

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Jedenfalls: Dies ist neben der Versicherung meiner Oma bei unserer letzten Begegnung, ich sei für alle eine einzige Enttäuschung, mit ein Grund, weshalb ich mich dieses Jahr entschlossen habe, nicht heim zu fahren, sondern allein in meiner WG zu bleiben und mich vollzufressen. Ich werde mich also demnächst in die Küche begeben und kochen. Es gibt:

– Champignoncremesuppe
– Rouladen, Klöße und Rotkraut
– Häagen-Daz-Eis, Geschmacksrichtung Karamell-Brownie

Und für später dann noch Backcamembert und Datteln in Speckmantel – nur um sicher zu gehen, dass ich nicht vom Fleisch falle. (Das Ganze garniert mit einer Feiertagsportion schlechten Gewissens, weil ich wenigstens den Anstand habe, mich in Angesicht eines voll gedeckten Tisches beim Gedanken an all den Hunger in der Welt ein bisschen zu schämen statt über die zu hetzen, die sowieso nichts haben. Essen tu ich’s aber natürlich trotzdem :/ )

Dazu allerlei festtagstauglicher Medienkonsum, auf den ich mich noch einigen muss. Ich liebäugle ein bisschen mit einem „Herr der Ringe“-Marathon, aber irgendwie hätte ich auch mal wieder Bock auf „Matrix“.
Oder lieber doch weihnachtlich mit „Stirb langsam“ oder „Gremlins“? Hach, diese Entscheidungen!

Jedenfalls steht auch ne Flasche Jack Daniel’s im Kühlschrank. Ihr wisst schon – aus Gründen.

All meinen Lesern frohe Weihnachten und was geiles zu essen, behaltet eure geistige Gesundheit und lasst euch beschenken! ICH jedenfalls hab ja schon eine Batman-Tasse bekommen! Tja – da kuckt ihr!!

Zum Schluss ein bisschen Besinnlichkeit:

Darüber habe ich ohne Scheiß wirklich tagelang gelacht.

Das Elend der vergangenen Weihnacht:
Weihnachten ist scheiße
„Trotzdem frohe Weihnachten…“
Alle Jahre wieder: Fröhliche Scheiß-Weihnacht!

Wenn du den Schmerz ein wenig lindern willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee. Nur brauche ich in diesem Fall Schnaps, aber das ist hoffentlich auch ok.

Weihnachten ist scheiße

Sprach sie und meinte es ernst.

Ich freue mich ja sehr für diese ganzen netten Leute, für die Weihnachten der schönste Feiertag des Jahres ist, weil sie dann mit ihrer Familie scheißglücklich unter dem Christbaum sitzen und „Jingle Bells“ trällern (was übrigens gar kein Weihnachtslied ist, genauso wenig wie „Last Christmas“. Und wenn ihr denkt, dass ich das nur erwähne, weil Klugscheißerei das einzige ist, was mich in dieser Jahreszeit wenigstens ein bisschen aufheitert, habt ihr vollkommen Recht.), aber bei mir war das halt nie so.

Klar, als Kind war Weihnachten super. Geschenke und so. Aber je älter ich wurde, desto beschissener wurde es auch.

Denn: Meine Familie hat leider ein Rad ab. Wir mögen uns nicht sonderlich. Also, untereinander mögen sie sich schon (meistens), aber sie mögen mich nicht und ich mag sie nicht (lieben tu ich sie aber trotzdem. Verdammt.).
Man könnte meinen, dass Weihnachten mal die perfekte Gelegenheit wäre, die Meinungsverschiedenheiten des restlichen Jahres beiseite zu schieben und es sich einfach mal gutgehen zu lassen, aber von sowas hält meine Familie nichts. Einmal das schwarze Schaf, immer das schwarze Schaf, und das an 365 Tagen des Jahres!

Wenn ich das schlimmste Weihnachten küren müsste, wüsste ich nicht, ob letztes Weihnachten oder vorletztes Weihnachten den Preis bekommen sollte. Vorletztes Weihnachten war das erste Weihnachten nach der Trennung meiner Eltern. Dementsprechend megafröhlich war die Stimmung. Ich glaube, nur das nächste Bestattungsinstitut hat ne heißere Party geschmissen als wir vor zwei Jahren.
Tja, und letztes Jahr war dann das erste Weihnachten nach meinem Rausschmiss durch meine Mutter. Darauf folgten viele Wochen der Funkstille. Erst zu Weihnachten wagten wir dann wieder eine Annäherung, die gründlicher nicht hätte schiefgehen können. Es endete damit, dass ich heulend bei meiner Tante lag und gerne sterben wollte, während eine Etage darunter der Rest meiner Familie Bescherung feierte.

Hm, ja, ich glaube, letztes Weihnachten hat dann doch knapp die Nase vorne…

Auch ansonsten waren die Weihnachtsfeste ab meinen Jugendjahren einfach nur zum Kotzen. Ich musste für dumme Witze herhalten, wurde bei jedem Konter gemaßregelt (denn sich verteidigen mag meine Familie nicht so – wenn man beleidigt wird soll man gefälligst den Kopf senken und die Schnauze halten!) und muss mir jedes Jahr wieder anhören, wie schrecklich es ist, dass ich nicht in der Kirche war. Offensichtlich scheint meine Oma, ansonsten noch nicht sehr senil, davon immer wieder aufs neue überrascht zu sein, genauso wie von der Tatsache, dass ich mich seit 8? 9? Jahren um elf Uhr abends von der Familienfeier verabschiede und in meine alte Stammkneipe gehe, um dort mit meinen Freunden zu feiern. Oder wie ich sie in diesem Zusammenhang gerne nenne: „Die Familie, die ich mir ausgesucht habe“.

Furchtbar war auch dieses eine Weihnachten, als meine Familie beschloss, dem unsittlichsten Weihnachtsbrauch überhaupt zu frönen. Das Grauen hat einen Namen: „Würstchen und Kartoffelsalat“.
Sorry, aber das ist doch einfach scheiße. Wenn ich schon gezwungen bin, mit Leuten, die ich nicht leiden kann, einen auf Feiertag zu machen, dann will ich wenigstens was Geiles dabei essen. Glücklicherweise wurde dieses Experiment, auch wenn das alle gaaaanz toll fanden – so bezaubernd schlicht! -, nach einem Versuch wieder eingestellt. Jetzt gibt es wieder Wildragout, Klöße, Rotkohl und einem Eimer voll Bratensoße an Heiligabend, so wie sich das gehört.

Wenn wenigstens die Geschenke gut wären. Geld und Konsumgüter können so wunderbar tröstlich sein. Aber nein, auch das kriegt meine Familie nicht hin. Seit 15 Jahren kriege ich zu Weihnachten jedes Mal Duschgel und Parfum geschenkt. ICH MAG ABER KEIN PARFUM. Ich stinke nicht (das habe ich verifiziert) und brauche sowas nicht. Und WENN ich sowas wollte, was schwer ist, weil mir von Parfumgestank meistens schlecht wird, will ich mir das doch bitte selber aussuchen. Eigentlich sollten sie das wissen, es interessiert sie nur nicht. Ich bin ein Mädchen, ich muss auf Parfum stehen, basta.

Wenn ihnen dann mal in einem klaren Moment bewusst wird, was mir eigentlich gefällt, versauen sie das allerdings auch. Da kriege ich Converse, aber in der falschen Größe. Klasse. Hab ja nicht zehn Paare zuhause stehen, wo man nachsehen könnte, was ich für ne Größe habe.

Oder sie denken: „Sie liest gerne. Kaufen wir ihr ein Buch!“ Und welches Buch wird es dann? Natürlich: irgendeines. Bücher sind ja wie Gummibärchen: Magst du eines, magst du alle. Und was ist schon das Problem daran, ihr einen Band einer Buchreihe zu kaufen und dabei in der Mitte anzufangen?

Ich mag Päckchen und ich mag es, Zeug geschenkt zu bekommen. Aber wenn mir das Zeug nie gefällt, möchte ich vielleicht doch lieber nur Geld und Gutscheine.

Dieses Jahr habe ich fast noch weniger Lust auf Weihnachten als jemals zuvor. Aus diesem Grund werde ich auch nur Heiligabend bei meiner Familie sein. Später geht es dann, wie schon gesagt, in meine Stammkneipe, um mich hemmungslos zu besaufen.
Am 1. Weihnachtsfeiertag möchte meine Mutter mit mir essen gehen, auch wenn ich keinen Bock darauf habe, aber naja. Ich hoffe, trotzdem recht früh wieder zuhause zu sein, wo ich mich mit einer Auflaufform voll Lasagne vor die Glotze setzen und alles ganz allein aufessen werde.
Und am 2. Weihnachtsfeiertag muss ich arbeiten gehen. Halleluja. Und das wird mein Weihnachten sein.

Jaja, diese ganzen glücklichen Menschen, welche die Feiertage besinnlich im Kreis ihrer Liebsten begehen und dann, benebelt von dieser ganzen Glückseligkeit, in ihrem Blog fragen, was MEIN schönstes Weihnachtserlebnis war.

Damit kann ich nicht dienen. Sorry. Stattdessen folgender Aufruf an euch: Was war euer schlimmstes Weihnachtserlebnis? Lasst uns zusammen ein bisschen den freudezerfressenden Zynismus frönen und erzählt!

fuckchristmas

 

Ich freue mich über jede Spende in Form einer Tasse Kaffee. Passend zur Jahreszeit würde ich das Geld dann in etwas eher Festliches investieren – ein Glas Jack Daniel’s mit Zimtstange oder so.