Bitte jetzt alle schreiend im Kreis rennen

Die AfD ist in den Bundestag eingezogen. Überrascht hat das nur diejenigen, die die letzten Wochen ganz fest die Augen zugemacht oder bis gestern geglaubt haben, die hundertste Wahlaufforderung in der streng begrenzten Filterbubble könnte genug Nichtwähler mobilisieren, um sie doch noch unter 5 Prozent zu drücken.

Das ist nicht passiert – und die einzig akzeptierte Reaktion darauf scheint kopflose Panik zu sein.

Können wir damit bitte aufhören?

Twitter ist ja nun mit seiner Begrenzung auf 140 Zeichen ein inhärent polemisches Medium, aber das ist keine Entschuldigung für die Reaktionen, die seit gestern überall aufploppen – zumal ich sicher bin, dass die meisten diese überspitzten Ansichten auch genau so ins echte Leben tragen.

Reflexartig werden die Schuldigen identifiziert und gnadenlos gehetzt, seien es nun Ostdeutsche, Männer, ostdeutsche Männer, Leute, die Witze über Frauen machen, die Piraten mit ihren 0,4 Prozent etc.pp. Gleichzeitig werden positiv gemeinte Durchhalteparolen im Stil von „87 Prozent haben nicht AfD gewählt“ brutal nieder gebrüllt – das sei ja typisch deutsch, sich jetzt zu den „Guten“ zu zählen, während Nazis im Parlament sitzen, obwohl es doch eigentlich eher diese aktuelle Weltuntergangsstimmung ist, die mir sehr deutsch daher kommt.

Konkrete Lösungsvorschläge (abseits von netten Ideen wie der Adoption eines Stolpersteins) sucht man vergeblich. Die sind auch gar nicht möglich, wenn jeder Versuch, die AfD-Wähler zurück zu gewinnen, als Anbändeln mit Rassisten verstanden wird. „Jetzt sollen wir plötzlich deren Nöte ernst nehmen? Nö.“ Sind ja auch alles Nazis und Nazis sind unbelehrbar. Warum es dann trotzdem traditioneller Teil antifaschistischer Arbeit ist, Aussteigerprogramme zu ermöglichen, erschließt sich mir nicht, genauso wenig wie die Frage, warum bei 13 Prozent Vollblut-Nazis in Deutschland die NPD nicht schon seit Jahrzehnten im Bundestag sitzt.

Ich finde es scheiße, dass die AfD so stark ist. Aber linke Massenhysterie kann ja wohl kaum die Lösung sein. Fakt ist: Sie wird in Zukunft viel zu viel von unseren Steuergeldern bekommen, um ihre Abgeordneten auszustatten, was zum Kotzen ist. Fakt ist aber auch: Mit 13 Prozent ist sie nur eine Oppositionspartei und kann alleine überhaupt nichts entscheiden. Vermutlich wird sie ihre Stimmen hauptsächlich darauf verwenden, um bei allen sinnvollen Abstimmungen dazwischen zu grätschen.

Einige scheinen wirklich zu glauben, dass es höchstens noch eine Woche dauert, bis die ersten KZs eröffnet werden – dabei ist das Schlimmste, was passieren kann, vier Jahre Stillstand im Parlament. Ob es aber überhaupt so weit kommt ist nicht gesagt, denn nur einen Tag nach der Wahl beginnt die AfD bereits, sich selbst zu zerlegen. Auch das war abzusehen.

Es bleiben ihre Wähler. Wer die nun komplett abschreibt, hat resigniert und nimmt ein ähnliches Ergebnis für die nächste Wahl schon jetzt billigend in Kauf. Das, sowie Beißreflexe gegen alle, die nach politischen Lösungen suchen, kann ja wohl kaum die Antwort sein.

„Ihre Sorgen ernst nehmen“ – mit nichts haben die Kanzlerin oder Sahra Wagenknecht gestern zu verstehen gegeben, dass sie nun Politik gegen Flüchtlinge machen wollen. Trotzdem wurden ihre Aussagen genau so interpretiert und ordnungsgemäß verteufelt. Dabei kann das lediglich heißen (und ich bin sicher, dass es so gemeint war), dass man sich darum kümmern muss, irrationale Ängste aus den Weg zu räumen, egal wie dumm sie scheinen mögen.

Ängste übrigens, die in einem politischen Klima allgemeiner Gefühligkeit gewachsen sind. Wer beispielsweise ständig behauptet, dass sich Frauen aus Furcht vor sexuellen Übergriffen kaum noch auf die Straße trauen, obwohl alle Kriminalstatistiken aussagen, dass unser Leben noch nie so sicher war wie jetzt, der muss sich nicht wundern, wenn Leute eine schreckliche Gefahr durch Flüchtlinge herbei phantasieren, die es so nicht gibt.

Es heißt auch, allen Menschen eine Lebensgrundlage zu schaffen, auf der Neid (vor allem nicht gegen solche, die noch weniger haben) nicht gedeihen kann. Wer finanziell abgesichert ist und nicht ständiger Existenzangst ausgesetzt, dem fällt es leichter, großzügig und hilfsbereit zu sein. Es wäre schön, wenn das kein Kriterium für ein bisschen simple Empathie wäre, aber man muss nun mal mit dem arbeiten, was man hat.

Vor allem aber bedeutet das Ergebnis für alle Parteien auch, nicht einfach weiter zu machen wie bisher. Die meisten AfD-Wähler haben sie aus Protest gewählt. Das ist zwar unfassbar idiotisch (als gäbe es keine nazifreien Alternativen zu den etablierten Parteien), dient aber jetzt trotzdem hoffentlich als Wecksignal. Die Parteien müssen personelle Konsequenzen ziehen (Schulz, der gestern quengelndes Kleinkind spielte und keinen einzigen konkreten Verbesserungsvorschlag präsentieren konnte, darf zum Beispiel gerne weg) und sich auf ihre Kernkompetenzen besinnen.

Katja Kipping beispielsweise hat das in der Berliner Runde gestern versucht, indem sie das Thema „soziale Gerechtigkeit“ ausführen wollte, wurde dann aber von der Moderation grob mit den Worten „zurück zur AfD“ abgebügelt. Die selbe Moderation wehrte sich nur Minuten später vehement gegen den Vorwurf, über jedes Stöckchen der AfD zu springen und das Flüchtlingsthema unverhältnismäßig aufzublasen. Leider stimmt es aber nun mal doch und die Medien tragen daher eine Mitschuld, woraus sie hoffentlich auch Konsequenzen ziehen werden.

Man muss außerdem sehen, was im Osten schief läuft, statt eine neue Mauer um Sachsen zu fordern. Als Witz taugt das halbwegs, aber nicht, wenn man daraus keine Lehren zieht. Ich bin absolut keine Expertin für Ostdeutschland, aber selbst ich weiß, dass sich die Heilsversprechen nach der Wiedervereinigung für viele Ossis ins Gegenteil verkehrt haben. Das ist umso mehr schade, wenn man bedenkt, dass der Mauerfall immer noch eines der großartigsten Ereignisse in der Geschichte der Menschheit darstellt.

Die nächsten Jahre werden nicht leicht – aber es ist nicht so hoffnungslos, wie viele es (gerne?) darstellen. Es gibt Lösungswege – man muss sie nur gehen, statt dagegen zu polemisieren, weil einem das schon wieder nicht radikal hysterisch genug ist. Welche Lösung diese Leute zu präsentieren hätten, die jetzt jeden attackieren, der nicht schreiend im Kreis rennt, nur um am Ende wieder dort anzukommen wo er war, möchte ich mir auch gar nicht vorstellen.

Mir ist klar, dass jeder einzelne Satz dieses Artikels aus dem Kontext gerissen, verhöhnt und als neue Rechtfertigung für Nazis verstanden werden kann – allein schon deshalb, weil er nicht betroffen genug ist. Daran krankt letztendlich die linke Bewegung und wird so zum Teil des Problems.

Da sind mir Lösungen lieber. Packen wir es an.

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Ich trinke zwar keinen Kaffee, aber das muss ja niemand wissen.

Auf der falschen Seite der Theke – ein WM-Finale als Kellnerin

„Du hast noch ne Reservierung für zehn Leute auf Tisch 4 für 20 Uhr,“ teilt mir mein Chef gut gelaunt mit. Ich bestätige die Reservierung, lege auf und starre aus dem Fenster in den Regen.

Klar muss es heute regnen! Damit das Public Viewing auch schön ins Wasser fällt. Für mich als Kellnerin bedeutet das leider, dass viel mehr Menschen in die Kneipen strömen werden, um sich das WM-Finale anzusehen. Einfach zuhause bleiben ist bei einem solchen Spiel für die meisten keine Option.

Mein Chef hat einen Bierstand beim Public Viewing ergattert und sämtliche Kolleginnen dort eingeteilt. Einzige verfügbare Kellnerin für die Kneipe: ich. Alleine.

Diesem Schicksal konnte ich nicht entgehen – so sehr es mich auch ankotzt. Viel lieber wäre ich heute auf der anderen Seite der Theke, um unser Team zu feiern. Je näher die Öffnung der Kneipe jedoch rückt, desto mehr freunde ich mich mit dem Gedanken an. Wenn meine Kinder mich in 20 Jahren fragen, wo ich beim Finale 2014 gewesen sei, kann ich sagen, dass ich hinter der Theke gestanden und den Laden geschmissen habe. Eigentlich ist das doch irgendwie cool.

So halbwegs versöhnt mache ich mich ein paar Stunden später auf den Weg zu meiner Arbeitsstelle. Schon von weitem sehe ich eine Traube Menschen, die aufgeregt vor der Kneipe warten.
Und sämtliche positiven Gefühle fallen in mir zusammen.

„7 Uhr macht ihr auf, oder?!“ werde ich sofort aufgeregt bestürmt. „Wir haben reserviert!“
Ich kenne den Typen: ein Stammgast, der oft bei Fußballspielen anwesend ist. Ich starre ihn perplex an. „Ja – für um halb 9!“
„Dein Chef hat uns gesagt, ihr macht um 7 auf und da dachten wir…!“

Ich antworte nicht. Noch nicht mal den Laden aufgesperrt und schon bin ich richtig sauer! Wie kann der mir das antun?! Wenn er den Gästen sagt, dass wir um 7 aufmachen, dann soll er doch bitte MIR sagen, dass ich schon um halb 7 kommen soll!

Ich öffne und betrete den Laden, hinter mir eine kleine Karawane. Es ist dunkel, nur das Notlicht brennt, aber das stört die Leute nicht. Eilig mache ich das Licht an.
„Wir stören jetzt irgendwie, ne?“ fragt einer. Ungeachtet dessen sitzt die Hälfte schon.
„Nee, aber ich brauch grad fünf Minuten, sorry!“

In fliegender Hast erledige ich alle nötigen Handgriffe, Kaffeemaschine an, den Stickstoff für die Zapfanlage aufdrehen, Stereoanlage an, Spülmaschine auch. Deren Anblick macht mich noch mehr sauer – die braucht nämlich eine halbe Stunde, bis sie auf Temperatur ist. Was scheiße ist, denn ich werde sie dringend brauchen! Und die Gläser von gestern Abend hat der Chef auch stehen lassen. Meine Fresse!

Im Abstellraum liegen ein paar Original-WM-Trikots. Die bekamen wir von einer Brauerei zum Verlosen. Eins davon packe ich aus und ziehe es an. Männergröße XL, viel zu groß für mich, außerdem wird es darin sicher megaheiß werden, aber es nicht zu tragen geht gar nicht klar, ein bisschen WM-Feeling will ich selbst auch noch haben. Ich kremple die Ärmel hoch und stopfe eine Ecke hinter meinen Gürtel. So wird’s gehen.

Jetzt das Wichtigste: die blöden Fernseher. Zwei Stück haben wir, dazu noch einen Beamer, insgesamt fünf Fernbedienungen. Ich fummle so lange rum, bis ich das richtige Sky-Programm gefunden habe. Der Chef hat mir nie erklärt, wie das geht.

Endlich fertig, die Leute werden schon ungeduldig. Ich renne zum ersten Tisch, verscheuche dabei gleichzeitig noch ein paar Typen von Tisch 4, weil der ja reserviert ist, aber ich hatte ja keine Zeit ein Schild hinzustellen.
Am Tisch nehme ich die Bestellung auf. „Malzbier“ „Erstmal Cola“ „Weißbier“ „KiBa“ „Alt“ „Flaschenbier“ „Radler mit viel Sprite“ – mein Gott, können die nicht einfach alle Pils trinken?

Wenigstens enttäuschen mich die anderen Typen nicht, die einen neuen Platz gefunden haben. „Ein Pils“ – vier Männer, ein Wort! So kann ich unseren 5-Liter-Biertower anpreisen, dann wären die schon mal versorgt. Sie wollen drüber nachdenken.

Während ich die Getränke fertig mache, tauchen noch fünf Leute für den reservierten Tisch auf. Von wegen halb 9. Die wollen natürlich auch was trinken. Auch das bringe ich sofort. Ich nutze die Gelegenheit, mich für meinen etwas ruppigen Ton vor der Tür zu entschuldigen. „Aber ich bin heute alleine und mein Chef hätte…“ „Du bist heute ALLEINE?!“

Ich ernte erstes Mitleid.

Es kommen mehr Leute. Trotz „Reserviert“-Schildchen muss ich den letzten Tisch ständig verteidigen. Viele Leute gehen auch wieder, weil sie keinen Platz finden. An der Theke sitzen jetzt auch schon zwei, ein wortkarger Stammgast und ein Typ mittleren Alters, der sich sofort beschwert, es würde kleben. Ich renne mit Reinigungsmittel und einem Tuch hin, kann aber absolut nichts klebriges entdecken. Der Typ bläst die Backen.

Anruf, mein Mitbewohner. Er will wissen, ob für ihn, Mitbewohner zwei und einen weiteren Typen noch Platz ist. Ich biete ihnen die Theke an, sie sind einverstanden. Schnell stelle ich auch dort ein „Reserviert“-Schildchen hin. Mein Chef würde ausflippen, wenn er das sieht – an SEINER Theke dürfen immerhin nur SEINE Stammgäste sitzen. Aber die sind nicht da, gucken heute woanders und solange ich arbeite (alleine!!) bestimme ich, wer wo sitzen darf.

Auch diese Reservierung muss ich öfter verteidigen. Es ist inzwischen 20 Uhr, die ersten 100 Euro hab ich bereits verdient. Der zweite reservierte Tisch im Schankraum taucht pünktlich auf, alle anderen Tische sind nun ebenfalls proppenvoll, jeder einzelne Sitzplatz ist inzwischen belegt. Ich schwitze bereits heftig unter meinem Trikot, renne aber weiter tapfer gegen den Ansturm an.

Die Pilstrinker haben ihre erste Runde leer. „Wie ist das denn mit dem Biertower – kriegen wir den zur Feier des Tages ein bisschen billiger?“
Ich öffne den Mund und will anfangen zu diskutieren, aber dann seufze ich einfach nur „Ach, warum nicht…“ Je mehr Leute kommen, umso angepisster bin ich wegen der Situation. Wenn mein Chef nicht will, dass ich Nachlass gebe, soll er mich nicht allein da stehen lassen!

Anruf, wieder mein Mitbewohner. Es werden jetzt doch ein paar mehr Leute. Ich sage ihm, dass dann vermutlich einige stehen müssen, aber das ist ihm egal. Außerdem bitte ich ihn dringend, sich zu beeilen, denn ewig werde ich die Theke nicht mehr frei halten können.

Sie tauchen gerade noch rechtzeitig auf. Zwölf Leute. „Mann, tust du mir leid!“ ist so ziemlich das erste, was mein Mitbewohner sagt. Der andere, den ich genau hier hinter dieser Theke kennen gelernt habe – ein ehemaliger Kollege – murmelt mit Blick in den Schankraum einfach nur „Oh Mann…“

Höchste Zeit, unsere beschissene Verlosung vorzubereiten. Nach dem Anpfiff gilt es ja nicht mehr. In fliegender Hast beschrifte ich ca. 50 Lose und verteile sie. Die Leute müssen das Ergebnis tippen und wer richtig liegt, bekommt einen Preis. Eigentlich sind noch genug da, weil bisher kaum jemand richtig getippt hat, aber mein Chef will trotzdem nur ein Trikot rausrücken. Er meinte, wenn ich mehrere Gewinner habe, soll ich losen. Klar, ER hat ja auch nicht den Stress am Hals, wenn einer richtig getippt hat und erfährt, dass er nun doch nichts kriegt…! Ich versuche trotzdem, allen Anwesenden die Spielregeln so gut es geht zu erklären.

Unser Putzmann taucht mit einem Kumpel auf. Sie bestellen jeder ein Bier und wirken beleidigt, weil die Theke belegt ist. Ich jedoch bin unglaublich froh. Dieser Kumpel ist mir schon mehrmals bei anderen Fußballspielen mit Naziparolen aufgefallen, aber weil er ein riesiger Kerl ist und im besoffenen Zustand unglaublich aggressiv, hat mein Chef sich nie getraut, ihn deswegen rauszuschmeißen. ICH könnte das allerdings nicht einfach so hinnehmen, weshalb ich erleichtert bin, dass beide ihr Bier runterstürzen und wieder gehen.

Das tun auch viele andere Leute, die sehen, dass der Laden voll ist. Heute könnte die Kneipe locker dreimal so groß sein.

Ein paar Leute wollen Pizza bestellen vom Italiener nebenan. Ich sage, dass der heute zu hat. Ich habe keine Ahnung, ob der heute zu hat. Ich kann aber nicht auch noch Pizza servieren.

Ich habe ungefähr fünf Sekunden Luft, Zeit, endlich mal was zu trinken. Ich bin am Verdursten. Im Laden sind locker 28 Grad. „Was ist denn da-has?“ fragt eine Bekannte meiner Mitbewohner mit feixenden Blick auf mein Glas. „Tee!“ blaffe ich. Es ist wirklich kalter Tee mit Eiswürfeln. Grün, weil ich das Koffein dringend brauche.

Der Anpfiff nähert sich. Die Leute vom reservierten Tisch grölen irgendwelche Fußballlieder. Schon seit einer Stunde werde ich ständig von denen angehauen, ich solle lauter drehen. Mehrmals habe ich dieser Bitte schon entsprochen, es reicht immer noch nicht. Als die Mannschaften einlaufen, brüllt der halbe Tisch gleichzeitig „LAUTER!!!“

„Es wäre laut genug, wenn ihr einfach eure Schnauze halten würdet“, zische ich bei meiner Rückkehr hinter die Theke. Ich habe genug. Ich reiße den Lautstärke-Knopf nach oben, der Krach ist nun infernalisch. Dafür kriege ich stehenden Applaus.

Ich muss feststellen, dass ich nun, da es so laut ist, die Bestellungen nicht mehr hören kann. In mir drin stirbt etwas. Heimlich drehe ich wieder ein bisschen leiser, keiner merkt es.

Nationalhymne. Die eine Hälfte der Gäste singt mit, die andere Hälfte schürzt angewidert die Lippen. Ladies and Gentlemen: Deutschland.

Ich bitte meinen Mitbewohner, einen Kasten Weißbier holen zu gehen. Er weiß ja, wo alles ist. Er erledigt das schnell. Dann räumt er noch die Spülmaschine aus, weil sich die dreckigen Gläser inzwischen stapeln, und räumt sie wieder ein. Bevor er vor die Theke zurück kehrt, umarme ich ihn stürmisch. Der Stammgast an der Theke lacht.

„Sag mal, bist du alleine?!“ fragt mich eine Frau im Schankraum. Ich nicke, sie schüttelt fassungslos den Kopf.

Das Spiel läuft schon seit einer Viertelstunde, noch habe ich kein Fitzelchen davon gesehen. Hinter der Theke sehe ich den Fernseher nicht. Die Leute bestellen nun etwas weniger, wie immer, wenn ein Fußballspiel läuft. „Noch eine komplette Runde drehen, dann guck ich selber mal 10 Minuten,“ nehme ich mir vor. Die Runde dauert ebenfalls eine Viertelstunde. Eigentlich könnte ich danach direkt wieder von vorne anfangen, aber ich beschließe, mir jetzt mal eine Pause zu gönnen. Mit einer Zigarette stelle ich mich zu meinen Mitbewohnern an die Theke. 10 Minuten hatte ich mir vorgenommen. Nach knapp vier Minuten ist meine Zigarette aufgeraucht und mein schlechtes Gewissen immens. Also wieder zurück.

Trotz der Hilfe meines Mitbewohners werden die Biergläser knapp. Wenn ein Tisch so voll ist, wie heute alle Tische voll sind, komme ich nicht an die benutzten Gläser ran. Die meisten Gäste denken auch nie daran, sie vielleicht mal dort hinzustellen, wo ich sie auch erreichen kann.

Ich überlege noch, wie ich das Problem lösen soll, als die Kopfschüttel-Frau zu mir kommt. „Sag mal, würde es dir helfen, wenn wir dir ein paar Gläser einsammeln?“
Die Rettung! Sie und ihre Freunde bringen alle ihre gebunkerten und unerreichbaren Gläser, ein paar andere tun es ihnen gleich.

Halbzeit. Ein allgemeiner Strom Richtung Klo setzt ein. Endlich Lücken, durch die ich passe und Gläser einsammeln kann. Die vier Pilstrinker bestellen ihren zweiten 5-Liter-Biertower.

Ich arbeite nun schon drei Stunden unter Volldampf und fange an, Fehler zu machen. Drei Weißbier und ein Weißbier mit Cola sind bestellt, ich mache ein Weißbier und drei Weißbier mit Cola. „Scheißeee,“ murmle ich, was jetzt? Ein Liter Bier einfach wegkippen?
Ich bringe den Leuten das Ergebnis trotzdem, zwei kriegen ihr Bier halt mit Cola, keiner beschwert sich.

Wir sind bereits in der 60. Minute. Ich habe immer noch nichts mitgekriegt, glaube aber ständig, was zu verpassen. Bei jedem noch so kleinen Run Richtung Tor schreit die Menge auf. Und sobald der Neuer den Ball auch nur berührt, egal wie lasch der Schuss war, gibt es „Manuuu!!“-Rufe und Applaus.

Überhaupt applaudieren alle pausenlos. Oft direkt neben meinem Ohr. Das pfeift inzwischen kräftig. Wie wird das erst, wenn wir wirklich ein Tor schießen?
Zeit für meinen alten Disco-Trick: Ohrstöpsel aus Taschentüchern basteln. Dafür reißt man eine Ecke ab, kaut sie und steckt sie sich ins Ohr. Isoliert gut und hält besser als normale Ohrstöpsel!

Ich komme mit neuen Bestellungen zur Theke. „Beliebigen Knopf drücken,“ empfängt mich jemand.
„Hä?“
„Das steht da! Robin, der Fernseher schaltet sich gleich ab!“
Nicht der Fernseher, sondern der Receiver!!! OMG, die automatische Abschaltung nach drei Stunden!!! Das wollte der Chef doch deaktivieren!!!

Ich springe zur Stereoanlage, oh mein Gott, welche Fernbedienung ist die richtige, was kann ich drücken, ohne alles kaputt zu machen, einfach mal einen Kanal hoch und…

„EEEEY!!!!!“ brüllt der ganze Laden wie ein Mann auf. Ich ziehe den Kopf ein und drücke wieder zurück. Kollektives Aufatmen. „Hat geklappt,“ wird mir vergnügt mitgeteilt. Ich lächle hilflos.

Die 80. Minute nähert sich, mein Gott, wenigstens die letzten Minuten würde ich doch gerne sehen… ich nehme letzte Bestellungen auf. „Ähm, danach bin ich mal 10 Minuten am Gucken…“ „Mach nur, wir werden schon ne Viertelstunde auskommen, ohne zu Verdursten.“

Verständnisvolle Gäste.

Das Spiel geht in die Verlängerung, das gleiche gilt für mich. Ich finde eine halbe Minute Zeit, um mal die Lose durchzusehen. Eigentlich zählt das Ergebnis nach 90 Minuten, aber ob jemand wirklich 0:0 getippt hat…?
Ich finde einen Zettel, bei dem ich nicht beschwören könnte, ob die Zahl bei Deutschland eine 0 oder eine 3 ist. Auch das noch! Eine kurze Umfrage an der Theke ergibt aber, dass es eine 3 sein muss. Also kein Gewinner, dann zählt das Endergebnis, beschließe ich.

Zwei Fässer geht mein Mitbewohner mir wechseln, worüber ich sehr dankbar bin.

Halbzeit der Verlängerung, so, die zweite Hälfte sehe ich mir jetzt aber WIRKLICH an! Ein Kumpel meiner Mitbewohner bestellt noch ein Alt. „Das mach ich noch, dann guck ich selber,“ teile ich ihm überzeugt mit. Er lächelt, redet kurz mit seiner Freundin, dreht sich wieder um, als ich ihm ein Alt hinstelle und sagt: „Machst du noch ein Radler?“

Nach dem Radler dann vor die Theke. Ich darf sogar sitzen. Es ist die 110. Minute. Ich rauche und trinke kalten Tee.

Dann macht Götze sein Tor und der Laden explodiert. Alle feiern, ich feiere mit. Was für ein schönes Tor!!

„Yay, wir sind Weltmeister!“ singt eine Bekannte neben mir, obwohl das Spiel noch läuft. Ich sage ihr, dass sowas Unglück bringt, obwohl ich es selber glaube.

10 Minuten und einen lächerlich schlechten Freistoß von Messi später ist es dann soweit. Keinen hält es mehr auf seinem Stuhl. Wir schreien und umarmen uns, ich höre Glas klirren, es ist mir egal. Im Schankraum falle ich mehreren Leuten um den Hals, dann stürme ich hinter die Theke und mache Freischnaps für alle klar. Das ist mit dem Chef nicht abgesprochen, auch das ist mir egal.

Der ruft kurz darauf an. In diesem Moment bin ich zu happy, um sauer auf ihn zu sein. Er spricht mir seine Hochachtung aus, weil ich schon vor dem ersten Spiel gesagt habe, dass wir Weltmeister werden, und er sich zusammen mit sämtlichen fußballbegeisterten Stammgästen deswegen über mich lustig gemacht hat. Er billigt außerdem meine Freirunde.

Ich bin mega gut drauf, aber das hält nicht lange an. Die Leute feiern, keiner sitzt mehr. Kein Durchkommen. Unmöglich, da überhaupt zu bedienen oder einzelne Leute noch ihren Tischen zuzuordnen. Einige könnten sogar schon gegangen sein. Wie lange das wohl noch geht? Ich habe so viel Geld in der Kasse, aber noch nichts abkassiert. Das macht mir Angst.

Glücklicherweise zieht es die Leute zwar nach draußen, aber nicht alle auf einmal. Ich kassiere das erste Dutzend ab. Wie erwartet bei so glücklichen Menschen klingelt die Trinkgeldkasse. Es sind aber tatsächlich ein, zwei dabei, die megageizig sind. Zum Beispiel hat der Typ, der sich über die klebrige Theke beschwert hat, die gar nicht klebrig war, zusammen mit seinem Kumpel 43,80 Euro zu bezahlen. Erst motzen sie, das könne ja nicht sein (kann es), dann geben sie 45 Euro. Und eine Tussi gibt doch tatsächlich gar nichts. Das macht mich ein bisschen fassungslos. Dafür gibt eine andere 7 Euro, „Weil du das heute so toll gemacht hast!“ Das höre ich noch mehrmals. Ich freue mich.

Es wird Zeit für die Siegerehrung. Drei Leute hatten 1:0 getippt. Hm, und jetzt? Anruf bei Chef. Der ist so gut drauf, dass er ALLEN einen Preis gönnt. Zwei Trikots haben wir noch (plus das, was ich trage – aber das ist inzwischen sehr versaut), dazu ne DFB-Stranddecke. Ich gehe alles holen, lasse die Gewinner Streichhölzer ziehen und übergebe die Preise.

Immer mehr Leute bezahlen und gehen. Ich bin sicher, dass genügend bereit stehen, um nachzurücken – aber ich hatte schon vor Stunden beschlossen, nach dem Spiel dicht zu machen. Ich kann nicht mehr. Der Chef hätte heute das Geschäft seines Lebens machen können, hätte er mir noch eine Kollegin zur Seite gestellt – so ist jetzt Feierabend.

Einer der Typen, der gewonnen hat, bedankt sich am Ende überschwänglich für das Trikot. 80 Euro kosten die Dinger. Oder kosteten sie zumindest bis gestern – jetzt fehlt ja ein Stern. Ich lächle ihn an. Trinkgeld hat er nicht gegeben.

Die Leute, die schon vorher so nett waren, bestehen darauf, mir zu helfen, indem sie sämtliche Gläser zusammen räumen. Die Kopfschüttel-Frau lässt sich von mir die Mailadresse der Kneipe geben. Sie will sich bei meinem Chef beschweren, weil er mich allein hat stehen lassen. Viele andere Gäste teilen mir mit, wie geil ich den Laden geschmissen habe. Ich fühle mich wie die Weltmeisterin im Kellnern.

Ein Stammgast macht noch Stress, weil er betrunken immer aggressiv wird und findet, ich hätte mich einfach weigern sollen, so zu arbeiten. Einerseits findet er, ich hätte mich gar nicht so reinhängen sollen, andererseits ist er sauer, dass er nun bald gehen muss, weil ich schließe. Wir streiten uns ein bisschen, am Ende wankt er angepisst heim.

Ich schließe hinter ihm ab. Nur noch ein einziger Stammgast ist da, ein richtiges Schätzchen. Zu dem setze ich mich. Erstmal Pause vorm großen Aufwisch! Endlich in Ruhe rauchen, endlich auch mal ein Bier trinken!

Wir sitzen friedlich da und sehen uns ein bisschen Nachberichterstattung an, als mein Chef reingewankt kommt. Die Stände beim Public Viewing mussten schon um 1 Uhr schließen. Deutschland.

Seit unserem letzten Telefonat hat er es geschafft, sich komplett volllaufen zu lassen. Als er hoch zur Theke kommt, stolpert er gegen einen Barhocker und schiebt ihn beiseite. „Jetzt komm ich vom Stand und muss hier auch noch selbst die Stühle zusammen stellen,“ grummelt er. Für einen Moment würde ich ihn gerne umbringen.

Der Stammgast verabschiedet sich, der Chef setzt sich an einen Tisch, den ich schon gewischt habe. Vermutlich will er noch bedient werden, aber nee. Ich ignoriere ihn und beginne, die Zapfanlage sauber zu machen. Wenig später schwankt er heim.

Ich räume weiter auf, während die Nachberichterstattung weiter läuft. Um 3 Uhr endet sie und eine Wiederholung des Spiels fängt an. Na sowas!

Ich muss nur noch das Leergut wegbringen und alle Getränke auffüllen, dann setze ich mich an die Theke. Während das Spiel läuft, zähle ich die Kasse. 750 Euro zähle ich, das wären 250 Bier, wenn denn alle nur Bier getrunken hätten, fast alles davon in nur fünf Stunden.

97 Euro Trinkgeld, das bricht meinen persönlichen Rekord.

Eigentlich wollte ich schnell raus, damit ich noch ein bisschen mitfeiern kann, aber das Spiel fesselt mich. Ich mache mir noch was zu trinken und hole mir eine Packung Kneipenchips, weil ich jetzt erst merke, wie hungrig ich bin, dann sitze ich allein an der Theke in der leeren Kneipe und sehe mir das WM-Finale an.

Als das Spiel abgepfiffen und der Pokal überreicht wird, weine ich ein bisschen.

Trikot4

Wie ich jemanden von seinem Ausländerhass heilte und mich dabei sehr, sehr wenig anstrengen musste

Unweit der Kneipe, in der ich Bier schubse, befindet sich ein ziemlich geiler Dönerladen mit ziemlich netter Belegschaft. Und so kam es, dass diese türkischen Herren mich und meine Kollegin eines frühen Morgens mitsamt dem spärlichen Rest aus der Kneipe in ihr (bereits geschlossenes) Etablissement luden.

Es wurde Alkohol und Essen kredenzt und alle hatten viel Spaß, als plötzlich ein bisschen Bullshit an mein Ohr drang.

„Türken sind total nett,“ hörte ich, „aber Russen! Wäh, ich hasse Russen!!“

Huch, dachte ich, und spitzte die Ohren. Tatsächlich entpuppte sich einer der Menschen, die freundlicherweise mit eingeladen worden waren, gerade als ziemliches Arschloch. Während ich mich mit dem Besitzer des Dönerladens unterhielt, verfolgte ich gleichzeitig die Diskussion, das sich auf sein dämliches Bekenntnis hin entsponnen hatte. Ein Mädel versuchte ihn standhaft, von der Idiotie seiner Äußerungen zu überzeugen. Aber der Kerl blieb hart!
„Ich hab mal ne Weile gesessen und, ganz ohne Scheiß, diese blöden Russen waren im Knast einfach die Schlimmsten! Ich will mit diesem Pack nichts mehr zu tun haben!“

Ich drehte mich um und fixierte sein biergeschwängertes Gesicht. „Hallo? Nur weil du ein paar schlechte Erfahrungen gemacht hast, rechtfertigt das doch wohl nicht so eine beschissene Aussage!“

„Du verstehst das nicht! Ich habe einige kennen gelernt und glaub mir, diese Scheiß-Russen sind die Asozialsten überhaupt!“

„Ja, okay, ich glaub dir ja, dass die, die du getroffen hast, scheiße waren, aber warum schließt du davon direkt auf ALLE Russen?!“

„Weil das so ist!!! Bah, die sind der totale Abschaum, alle zusammen, geh mir weg mit Russen!“

„Aber nur, weil ein PAAR Russen sich blöd verhalten, kannst du doch nicht die ganzen anderen mit verurteilen, die hier auch nur ganz normal und unbehelligt leben wollen und völlig in Ordnung sind! Das ist doch total unfair und intolerant! Die können doch nichts für Kriminelle, die zufällig auch russisch sind! “

„Das ist mir scheißegal! Die sind alle – ALLE – scheiße! Ich will mit denen nicht reden, ich will mit denen nix zu tun haben, am besten gehen die alle zusammen zurück in ihr Scheißland!!!“

Ich facepalmte kurz innerlich, fragte mich müßig, warum ich mir im angetrunkenen Zustand eine solche idiotische Diskussion gebe und sah ihn schließlich seufzend an. „Du hast grade gesagt, dass du mal im Knast warst! Weißt du, mit der gleichen Logik könnte ich auch sagen, dass ich mit Leuten wie DIR nichts zu tun haben will, weil du mal kriminell geworden bist und ihr blöden Verbrecher ja alle gleich seid und euch NIE ändert!“

An dieser Stelle geschah etwas, mit dem ich im Leben nicht gerechnet hätte. Die Gesichtszüge des Typen entgleisten auf meine Worte hin. Und plötzlich stand er vor mir, mit gesenkten Kopf und tieftraurigen Augen, und wirkte wie eingeschrumpelt. „Ja… ja, du hast ja Recht,“ flüsterte er deprimiert.

Äh.

Hab ich?

Ich stand da und war sprachlos. Absolut, absolut sprachlos. Ich meine, bin ich der erste Mensch auf der Welt, der ihm diese Parallele aufgezeigt hat, obwohl sie offensichtlicher nicht sein könnte? Ist er das erste Mal überhaupt mit so etwas wie Logik in Berührung gekommen?!

Wie er da so stand wie ein begossener Pudel, sah es fast so aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. Ich dagegen war in sowas wie eine Schockstarre gefallen.

So fühlt es sich also an, wenn jemand ein Argument annimmt? Mir Recht gibt? So fühlt es sich also an, zu… gewinnen?

„Der kann sich da heute sowieso nicht mehr dran erinnern,“ meinte Mitbewohner Dave tags darauf schulterzuckend, als ich diese Geschichte aufgeregt erzählte. Ich glaube leider, das stimmt. Aber nehmen wir einfach mal an, es wäre nicht so. Dass dieser Mensch sich tatsächlich seinen Vorurteilen bewusst geworden ist und von nun an toleranter durchs Leben stiefelt. Und das nur wegen eines nicht besonders leidenschaftlich vorgetragenen Arguments von mir, von dem ich nie geglaubt hätte, dass es ankommt, fruchtet. Weil ich eigentlich nur diskutiert habe um des Diskutierens Willen. Weil ich so eine Scheiße nicht in der Nähe von mir ertragen kann, ohne sie zumindest zu kommentieren. Weil ich meine große Fresse nie halten kann.

Und offensichtlich ist das gut. Dieses eine Mal war es gut. Wenn auch nur ganz vielleicht. Aber immerhin. Halleluja.

Vielleicht besteht doch noch Hoffnung für die Menschheit.

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Ich trinke zwar keinen Kaffee, aber das muss ja niemand wissen.