Bitte jetzt alle schreiend im Kreis rennen

Die AfD ist in den Bundestag eingezogen. Überrascht hat das nur diejenigen, die die letzten Wochen ganz fest die Augen zugemacht oder bis gestern geglaubt haben, die hundertste Wahlaufforderung in der streng begrenzten Filterbubble könnte genug Nichtwähler mobilisieren, um sie doch noch unter 5 Prozent zu drücken.

Das ist nicht passiert – und die einzig akzeptierte Reaktion darauf scheint kopflose Panik zu sein.

Können wir damit bitte aufhören?

Twitter ist ja nun mit seiner Begrenzung auf 140 Zeichen ein inhärent polemisches Medium, aber das ist keine Entschuldigung für die Reaktionen, die seit gestern überall aufploppen – zumal ich sicher bin, dass die meisten diese überspitzten Ansichten auch genau so ins echte Leben tragen.

Reflexartig werden die Schuldigen identifiziert und gnadenlos gehetzt, seien es nun Ostdeutsche, Männer, ostdeutsche Männer, Leute, die Witze über Frauen machen, die Piraten mit ihren 0,4 Prozent etc.pp. Gleichzeitig werden positiv gemeinte Durchhalteparolen im Stil von „87 Prozent haben nicht AfD gewählt“ brutal nieder gebrüllt – das sei ja typisch deutsch, sich jetzt zu den „Guten“ zu zählen, während Nazis im Parlament sitzen, obwohl es doch eigentlich eher diese aktuelle Weltuntergangsstimmung ist, die mir sehr deutsch daher kommt.

Konkrete Lösungsvorschläge (abseits von netten Ideen wie der Adoption eines Stolpersteins) sucht man vergeblich. Die sind auch gar nicht möglich, wenn jeder Versuch, die AfD-Wähler zurück zu gewinnen, als Anbändeln mit Rassisten verstanden wird. „Jetzt sollen wir plötzlich deren Nöte ernst nehmen? Nö.“ Sind ja auch alles Nazis und Nazis sind unbelehrbar. Warum es dann trotzdem traditioneller Teil antifaschistischer Arbeit ist, Aussteigerprogramme zu ermöglichen, erschließt sich mir nicht, genauso wenig wie die Frage, warum bei 13 Prozent Vollblut-Nazis in Deutschland die NPD nicht schon seit Jahrzehnten im Bundestag sitzt.

Ich finde es scheiße, dass die AfD so stark ist. Aber linke Massenhysterie kann ja wohl kaum die Lösung sein. Fakt ist: Sie wird in Zukunft viel zu viel von unseren Steuergeldern bekommen, um ihre Abgeordneten auszustatten, was zum Kotzen ist. Fakt ist aber auch: Mit 13 Prozent ist sie nur eine Oppositionspartei und kann alleine überhaupt nichts entscheiden. Vermutlich wird sie ihre Stimmen hauptsächlich darauf verwenden, um bei allen sinnvollen Abstimmungen dazwischen zu grätschen.

Einige scheinen wirklich zu glauben, dass es höchstens noch eine Woche dauert, bis die ersten KZs eröffnet werden – dabei ist das Schlimmste, was passieren kann, vier Jahre Stillstand im Parlament. Ob es aber überhaupt so weit kommt ist nicht gesagt, denn nur einen Tag nach der Wahl beginnt die AfD bereits, sich selbst zu zerlegen. Auch das war abzusehen.

Es bleiben ihre Wähler. Wer die nun komplett abschreibt, hat resigniert und nimmt ein ähnliches Ergebnis für die nächste Wahl schon jetzt billigend in Kauf. Das, sowie Beißreflexe gegen alle, die nach politischen Lösungen suchen, kann ja wohl kaum die Antwort sein.

„Ihre Sorgen ernst nehmen“ – mit nichts haben die Kanzlerin oder Sahra Wagenknecht gestern zu verstehen gegeben, dass sie nun Politik gegen Flüchtlinge machen wollen. Trotzdem wurden ihre Aussagen genau so interpretiert und ordnungsgemäß verteufelt. Dabei kann das lediglich heißen (und ich bin sicher, dass es so gemeint war), dass man sich darum kümmern muss, irrationale Ängste aus den Weg zu räumen, egal wie dumm sie scheinen mögen.

Ängste übrigens, die in einem politischen Klima allgemeiner Gefühligkeit gewachsen sind. Wer beispielsweise ständig behauptet, dass sich Frauen aus Furcht vor sexuellen Übergriffen kaum noch auf die Straße trauen, obwohl alle Kriminalstatistiken aussagen, dass unser Leben noch nie so sicher war wie jetzt, der muss sich nicht wundern, wenn Leute eine schreckliche Gefahr durch Flüchtlinge herbei phantasieren, die es so nicht gibt.

Es heißt auch, allen Menschen eine Lebensgrundlage zu schaffen, auf der Neid (vor allem nicht gegen solche, die noch weniger haben) nicht gedeihen kann. Wer finanziell abgesichert ist und nicht ständiger Existenzangst ausgesetzt, dem fällt es leichter, großzügig und hilfsbereit zu sein. Es wäre schön, wenn das kein Kriterium für ein bisschen simple Empathie wäre, aber man muss nun mal mit dem arbeiten, was man hat.

Vor allem aber bedeutet das Ergebnis für alle Parteien auch, nicht einfach weiter zu machen wie bisher. Die meisten AfD-Wähler haben sie aus Protest gewählt. Das ist zwar unfassbar idiotisch (als gäbe es keine nazifreien Alternativen zu den etablierten Parteien), dient aber jetzt trotzdem hoffentlich als Wecksignal. Die Parteien müssen personelle Konsequenzen ziehen (Schulz, der gestern quengelndes Kleinkind spielte und keinen einzigen konkreten Verbesserungsvorschlag präsentieren konnte, darf zum Beispiel gerne weg) und sich auf ihre Kernkompetenzen besinnen.

Katja Kipping beispielsweise hat das in der Berliner Runde gestern versucht, indem sie das Thema „soziale Gerechtigkeit“ ausführen wollte, wurde dann aber von der Moderation grob mit den Worten „zurück zur AfD“ abgebügelt. Die selbe Moderation wehrte sich nur Minuten später vehement gegen den Vorwurf, über jedes Stöckchen der AfD zu springen und das Flüchtlingsthema unverhältnismäßig aufzublasen. Leider stimmt es aber nun mal doch und die Medien tragen daher eine Mitschuld, woraus sie hoffentlich auch Konsequenzen ziehen werden.

Man muss außerdem sehen, was im Osten schief läuft, statt eine neue Mauer um Sachsen zu fordern. Als Witz taugt das halbwegs, aber nicht, wenn man daraus keine Lehren zieht. Ich bin absolut keine Expertin für Ostdeutschland, aber selbst ich weiß, dass sich die Heilsversprechen nach der Wiedervereinigung für viele Ossis ins Gegenteil verkehrt haben. Das ist umso mehr schade, wenn man bedenkt, dass der Mauerfall immer noch eines der großartigsten Ereignisse in der Geschichte der Menschheit darstellt.

Die nächsten Jahre werden nicht leicht – aber es ist nicht so hoffnungslos, wie viele es (gerne?) darstellen. Es gibt Lösungswege – man muss sie nur gehen, statt dagegen zu polemisieren, weil einem das schon wieder nicht radikal hysterisch genug ist. Welche Lösung diese Leute zu präsentieren hätten, die jetzt jeden attackieren, der nicht schreiend im Kreis rennt, nur um am Ende wieder dort anzukommen wo er war, möchte ich mir auch gar nicht vorstellen.

Mir ist klar, dass jeder einzelne Satz dieses Artikels aus dem Kontext gerissen, verhöhnt und als neue Rechtfertigung für Nazis verstanden werden kann – allein schon deshalb, weil er nicht betroffen genug ist. Daran krankt letztendlich die linke Bewegung und wird so zum Teil des Problems.

Da sind mir Lösungen lieber. Packen wir es an.

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Wählt die PARTEI – alle anderen sind sehr schlecht!

Spät, aber nicht zu spät – dies ist mein Bekenntnis für die PARTEI, der ich in zwei Tagen meine Stimme geben werde.

Ich bin damit eines dieser privilegierten, amoralischen Wohlstandskinder ohne echte Probleme, im Kern verachtenswerter als die AfD. Oder vielleicht doch einfach nur eine prekär lebende intelligente Abgehängte, die nicht länger bereit ist, das kleinste Übel zu wählen?

Lange haderte ich – wie vermutlich die meisten aktuell – mit meiner Wahlentscheidung. Ich habe keine politische Heimat, bei der ich egal was auch passiert mein Kreuz mache, und das macht es nicht nur dieses Jahr sehr schwierig. Ich habe in den 13 Jahren, in denen ich wählen darf, meist grün gewählt, aber auch schon die SPD, die Piraten und einmal auch die Linken, als sie noch PDS hießen. Nur CDU und FDP waren für mich immer ein No-Go.

Am schlimmsten sind aber selbstverständlich die Faschos von der AfD. Nichtwählen war für mich noch nie eine Option, aber dieses Jahr habe ich es ernsthaft erwogen. Nur die AfD hielt mich davon ab. Irgendwas muss ich wählen. Nur: Was?

Letztendlich waren es diese unfassbare Arroganz und lächerlichen Schuldzuweisungen der letzten Wochen gegen die PARTEI und ihre Wähler, die meine Entscheidung fest machten. Vorher habe ich ihre Plakate und Aktionen gefeiert wie die meisten anderen auch, aber sie tatsächlich wählen wollte ich nicht, auch wenn der Gedanke ab und zu in meinem Kopf herum spukte.

Geht wählen! Nein, nicht so!

„Taktisch wählen“ ist das Schlagwort der Stunde, denn es reicht ja nicht, nicht die AfD zu wählen, sondern das RICHTIGE. Was das ist, wusste allerdings selbst Anna-Mareike Krause nicht, die mit ihrem kurzen Textchen auf Twitter über zweitausend Favs kassierte, dafür aber sicherlich mit keiner einzigen Person geredet hat, die sie darin so selbstgerecht charakterisiert.

Seitdem geht es Schlag auf Schlag, mit prominenter Unterstützung. Sogar Stefan Niggemeier verzichtet darauf, die unfassbaren Relativierungen und recherchefreien Behauptungen eines Martin Kaul in der TAZ auseinander zu nehmen und empfiehlt den Artikel lieber, denn es sind natürlich die 0,2% Wähler der PARTEI, die Sonntagabend Schuld sein werden am (vermutlich) zweistelligen Ergebnis der AfD und dagegen muss man ja was tun.

Den etablierten Parteien passt dieser (eingedenk ihrer Größe) maßlos überzogene Kreuzzug gegen die PARTEI durch vor allem linksorientierte Journalisten und selbsternannte Twitteraktivisten natürlich super in den Kram. Nebenbei hat man gleich auch allen anderen Wählern erklärt, die dieses Mal einer Kleinpartei ihre Stimme geben wollten, warum sie deswegen am Untergang der Menschheit Schuld sein werden, und direkt schon einen Schuldigen für die kommenden miserablen Wahlergebnisse gefunden.

Wie überaus angenehm! Jedenfalls deutlich bequemer, als sich selbst die Frage zu stellen, was man falsch macht, obwohl man doch vermeintlich zu den Guten gehört. Warum um alles in der Welt wird man trotzdem nicht gewählt?

Linke Identitätspolitik

Man hat ja als Wähler häufig das Gefühl, dass im Bundestag eigentlich überhaupt nicht gearbeitet wird. Umso überraschender kam vor einigen Monaten einfach so Leben in eine schon lange geführte Debatte: Nur um die Bundeskanzlerin vorzuführen, war es plötzlich möglich, innerhalb weniger Tage die „Ehe für Alle“ zur Abstimmung zu bringen.

Alle, auch ich, haben das Ergebnis gefeiert. Es freut mich für alle Schwulen und Lesben und auch für Deutschland insgesamt, weil es peinlich war, dass halb Europa dieses Gesetz schon hatte, wir aber nicht. Doch ich kann auch jeden verstehen, der nun mit hängenden Schultern vor dieser Schlagzeile steht und aus der letzten Reihe murmelt: „Und was ist mit mir?“

Anscheinend gibt es seit Jahren eine Mehrheit für linke Forderungen im Bundestag, nur hoppla, gemerkt hat es bis vor kurzem keiner. Ist es da ein Wunder, wenn jemand wie ich (40.000 Euro Studienkreditschulden, nie Bafög bekommen trotz alleinerziehender Arbeiter-Mutter, gegenwärtig mit 450-Euro-Mindestlohn-Job) sich tatsächlich abgehängt fühlt? Zusammen mit ganz vielen anderen in völlig anderen Lebenssituationen, für die auch überhaupt nichts getan wird?

Gleichzeitig nölen noch am Tag der erfolgreichen Abstimmung über die „Ehe für Alle“ Berliner Hipster ganz Twitter voll, weil ihnen das Ergebnis nicht weit genug geht. Denn was ist mit den vielen tausenden, ach, was sag ich – MILLIONEN Menschen in Deutschland, deren Geschlecht nicht männlich oder weiblich ist, den Leuten, die ihre polyamoren Beziehungen gerne auch legitimieren wollen, es aber nicht dürfen, und überhaupt, ist die Ehe nicht ein überkommenes Konstrukt, das genau wie der Kapitalismus abgeschafft gehört???

Es sind die selben immer unzufriedenen Verfechter einer akademisierten Identitätspolitik, die in jeder Hinsicht so kompromissbereit sind wie ein Backstein, aber jetzt plötzlich panisch die „Wahl des kleinsten Übels“ beschwören. Dabei wird genauso absolut und autoritär vorgegangen wie bereits seit Jahren und mit lächerlichen Seitenhieben gegen PARTEI-Wähler Stimmung gemacht. So ist ihr angebliches Geschlecht anscheinend immer eine Erwähnung wert, weil „männlich“ inzwischen in manchen Kreisen tatsächlich zum Schimpfwort verkommen ist.

Und weiter geht’s: „Eine Stimme für die PARTEI stärkt die AfD“, „Wer die PARTEI wählt, dem sind Flüchtlinge egal“ – vielleicht bald simpel verkürzt zu „Die PARTEI-Wähler sind Nazis“, wobei das vermutlich schon irgendeiner getwittert hat und ich hab’s nur nicht gesehen, weil ich von dutzenden radikallinken Accounts geblockt bin. Gründe dafür sind beispielsweise schockierende Aussagen wie die, dass Übergewicht ungesund ist.

Jeder Arbeiter, der einfach nur genug Geld verdienen will, um seine Familie zu ernähren, fasst sich da an den Kopf, aber so sieht linke Politik in den sozialen Netzwerken seit Jahren aus. In den Parteien ist es kaum besser. Radikal überzogene Forderungen meist ohne konkrete Pläne zur Umsetzung oder pure Untätigkeit, gleichzeitig das Kultivieren einer Geisteshaltung, bei der linke Kandidaten Filme mit sterbenden Deutschen suchen, obwohl sie für dieses dumme Kartoffelvolk eigentlich im Bundestag sitzen wollen – warum genau soll man die nun wählen?

Wir haben eine Regierungskrise

„Taktisch wählen“, das heißt im anderen Kontext auch: Wie muss man wählen, um die nächste Große Koalition zu verhindern? Lange Artikel wurden dazu geschrieben und Rechnungen aufgemacht für die simple Erkenntnis, dass man dann FDP oder die Grünen wählen muss, denn außer einer Jamaika-Koalition ist momentan sonst nichts möglich, solange man die AfD außen vor lassen will.

Was ist aber mit den Wählern, die keine Regierung unter konservativer Leitung haben wollen?

Die AfD, die aller Wahrscheinlichkeit nach über 10% aller Stimmen binden wird und für eine Regierung nicht in Frage kommt, verschärft das Problem erheblich. Tatsächlich haben wir aber schon seit Jahren eine waschechte Regierungskrise und niemand scheint’s zu merken oder die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Eine ganz ähnliche Situation liegt schon seit mehreren Legislaturperioden im Saarland vor. Es ist schlicht nicht möglich, eine nicht-konservative Regierung zu bilden. Die Saar-SPD unter dem Vollversager Heiko Maas, der für seine Unfähigkeit mit einem Bundesministerposten belohnt wurde, unterlag dreimal in Folge der CDU, auch weil die Linke, Lafontaine sei Dank, im Saarland stärker ist als in jedem anderen der alten Bundesländer, und die Saar-Grünen 2009 lieber mit der CDU kuschelten als eine rot-rot-grüne Koalition zu bilden.

Bei der Neuwahl 2012 war ich heilfroh, im Saarland nicht mehr wählen zu dürfen. Was hätte ich denn wählen sollen? Jede, wirklich JEDE Entscheidung hätte der CDU genützt.

Ähnlich trostlos sieht es jetzt auf Bundesebene aus. In meinen Augen ist ein Regierungswechsel so weit entfernt wie nie. Angela Merkel wird so lange im Amt bleiben, bis sie keine Lust mehr hat (oder stirbt). Wenn sie irgendwann abtritt, werden uns die 16 Jahre unter Kohl wie ein verlängertes Wochenende vorkommen. Schuld sind die linken Parteien, wozu ich auch die SPD zähle, die schon lange vergessen hat, was es heißt, sozialdemokratische Politik für Arbeiter zu machen, während der Rest nur damit beschäftigt ist, sich gegenseitig den Preis für die radikalste Traumtänzerei abzujagen.

Es ist auch dieser Verrat an klassisch linken Idealen, welche die AfD erst möglich gemacht hat.

Mehr als Protest

Ich verstehe vollkommen, dass viele beim Gedanken an AfD-Faschos im Bundestag das kalte Grausen überkommt. Trotzdem wähle ich die PARTEI. Trotz der Panikmache von allen Seiten, die da lautet: Wer eine Partei wählt, die aller Wahrscheinlichkeit nach unter 5% bleibt, stärkt alle anderen Parteien, welche die Sperrklausel überwinden und damit auch die AfD.

Nur deswegen eine der etablierten Parteien zu wählen, würde allerdings bedeuten, diese für den beschissenen Job, den sie machen, auch noch zu belohnen. Und wofür? Nachdem die AfD sicher einziehen wird, ist es mir ganz ehrlich scheißegal, ob sie am Ende 13,1% oder 13,3% erreicht. Anders als die ganzen Hysteriker glaube ich nämlich nicht, dass ein Einzug in den Bundestag mit diesem Ergebnis unsere Demokratie oder 70 Jahre Frieden in Europa ernsthaft bedroht.

Sie wird aber vermutlich noch stärker werden – und dann wird es wirklich brenzlig, wenn wir nicht vernünftig gegen steuern.

Meine Wahl ist eine Protestwahl – aber nicht nur. Es heißt, die PARTEI sei eine Satirepartei ohne Inhalte, aber das sehe ich entschieden anders. Satire existiert nicht im leeren Raum, sie braucht eine Projektionsfläche. Die PARTEI persifliert die aktuelle politische Lage, weil sie sie kritikwürdig findet, transportiert damit also sehr wohl Inhalt. Das Programm der PARTEI ist originär links und darin finde ich mich besser wieder als bei jeder anderen Partei.

Und ja – auch der Humor ist ein Faktor: Denn diese bissige, eklig autoritäre Gnadenlosigkeit, welche die radikalen Linken gegenüber jedem vermeintlichen Abweichler zur Schau stellen, macht die gesamte Bewegung einfach verdammt unsympathisch, um nicht zu sagen unwählbar.

Natürlich ärgert mich der Gedanke, dass meine Stimme am Sonntag vermutlich unter „Sonstiges“ laufen wird. So ist es eben immer in einer Demokratie: Jede Maßnahme nützt nur etwas, wenn genug Leute mitmachen. Das ist aber kein Grund, es nicht wenigstens zu versuchen oder bei anderen Leuten Überzeugungsarbeit zu leisten. So konnte ich schon zwei weitere Stimmen für die PARTEI sichern, worauf ich ausgesprochen stolz bin.

Ohne Kompromisse funktioniert keine Politik. Aber wenn sich alle gegen ihre Überzeugungen entscheiden, nur um die AfD zu verhindern, wird jeder Fortschritt oder auch nur eine ehrliche Fehlersuche vermieden. Wenn immer nur das kleinste Übel gewählt wird, wird das kleinste Übel immer übler.

Mit der AfD werden wir uns noch eine ganze Weile beschäftigen müssen. Die etablierten Parteien müssen durch eine Klatsche bei der Wahl zum Umdenken gezwungen werden, damit sie in Zukunft gegen die AfD bestehen können. Deshalb ist meine Entscheidung für die PARTEI weder amoralisch oder undemokratisch. Im Gegenteil. Ich halte es langfristig für das Beste, damit wir auch noch in ein paar Jahren ein regierungsfähiges Land ohne Beteiligung von Nazis haben. Und ich wähle sie, weil ich tatsächlich glaube, dass ihre Mitglieder eine gute und gerechte Politik machen würden, käme sie tatsächlich in den Bundestag. Das unterscheidet sie meiner Meinung nach von anderen Klein- oder Ein-Themen-Parteien wie dem Bündnis Grundeinkommen, das momentan auch viel Zulauf erhält.

Mir soll es Recht sein. Denn wer wirklich etwas gegen die AfD unternehmen will, kann meinetwegen jede andere Partei wählen, solange es sich nicht um CDU, FDP, SPD, Grüne oder Linke handelt. Denn diese Parteien sind einfach momentan sehr schlecht, wohingegen die PARTEI sehr gut ist.

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Ich trinke zwar keinen Kaffee, aber das muss ja niemand wissen.

Ich habe jahrelang die Falschen gewählt!

Ich hatte gerade ein regelrecht verstörendes Gespräch über die Wahl. Wisst ihr, bisher war ich immer der Meinung, man solle das wählen, was man gut und richtig und gerecht findet. Alles andere fand ich egoistisch, weil, ich bin ja nicht allein auf der Welt, ne?
Aber mein Gesprächspartner hat mir die Augen geöffnet: Zu wählen, was einzig und allein für MICH gut ist, ist nicht egoistisch, sondern pragmatisch.

Und das hat mein Leben total verändert. Mir ist klar geworden, dass meine Einstellung all die Jahre über unvernünftig gewesen war. Das muss man sich mal vorstellen! Ich darf seit 10 Jahren wählen und hab mir all die Jahre über tatsächlich über andere Menschen Gedanken gemacht, die nicht das geringste mit mir zu tun haben! Wie viel Zeit ich damit verschwendet habe! Wie viel Geld ich dadurch verschwendet habe!

Wenn jeder an sich selbst denkt, ist doch an jeden gedacht, ne? Also muss ich meine Wahlentscheidungen völlig neu überdenken. Glücklicherweise gibt es aber ja den Wahl-O-Mat, der mir bei der Entscheidungsfindung helfen kann!

Ich habe die Antworten einfach mal transparent gemacht, damit ihr vielleicht auch von dieser aufregend neuen Wertvorstellung profitieren könnt (also, nicht, dass es mich interessiert, ob ich irgendjemanden mit einem meiner Artikel helfe oder auch nur ein wenig Zerstreuung liefere. Das wäre ja unpragmatisch, geradezu verrückt!).

1. Es soll ein gesetzlicher flächendeckender Mindestlohn eingeführt werden.
Hach, gleich sowas. Es ist schwieriger als man denkt, einfach nur pragmatisch zu sein!
Momentan würde mir das als Kellnerin noch was nutzen. Aber wenn ich JETZT eine Partei wähle, die für den Mindestlohn ist und das wirklich durchsetzt, wann wird der wohl kommen? Wohl frühestens in ein, zwei Jahren. Bis dahin bin ich schon im Referendariat. Und als Lehrerin bin ich auf Mindestlohn nicht angewiesen, ne? Also fort mit dem Scheiß!

2. Eltern, deren Kinder nicht in die Kita gehen, sollen ein Betreuungsgeld erhalten.
Hm, tricky. Ob Kita oder Betreuungsgeld, für diese Blagen muss doch sowieso ich bezahlen, die aufrechte Steuerzahlerin. Andererseits, wenn die Leute ihre Kinder zuhause halten, kriegen MEINE Kinder später vielleicht eher nen Kitaplatz. Und wenn die Eltern dafür zuhause bleiben, kriege ich vielleicht eher nen Job. Also definitiv ja!

3. Generelles Tempolimit auf Autobahnen!
Um Gottes Willen, nein. Ich fahre gerne schnell. Mir doch egal, wenn andere Leute dafür zu blöd sind und Unfälle bauen. Das ist gut für den Genpool.

4. Deutschland soll den Euro als Währung behalten.
Es wird wohl verdammt teuer werden, die Mark wieder einzuführen, aber wenigstens wären wir dann diese ganzen Loserstaaten los, für die aufrechte Steuerzahler wie ich immer blechen müssen.

5. Der Strompreis soll vom Staat stärker reguliert werden.
Was interessiert mich das? Ich habe einen Gasherd und steh auf Kerzen.

6. Die Videoüberwachung im öffentlichen Raum soll ausgebaut werden.
Dann kann ich diesen ganzen Assis, die glauben, ich würde mir meine #aufschrei-Geschichten nur ausdenken, endlich das Gegenteil beweisen. Fettes ja!

7. In Deutschland soll ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt werden.
Wäre ja nett, einfach so Geld für nix zu bekommen. Aber da ich ja trotzdem arbeiten gehe, müssen aufrechte Steuerzahler wie ich den anderen Schlendrianen diesen Luxus bezahlen. Ich glaub, es hackt!

8. Nur ökologische Landwirtschaft soll finanzielle Förderung erhalten.
Ökozeug ist mir zu teuer. Warum sollte ich denen Geld in den Rachen schmeißen?

9. Alle Kinder sollen ungeachtet ihres kulturellen Hintergrundes gemeinsam unterrichtet werden.
Ich habe wirklich keine Lust, mich später mit Schülern rumschlagen zu müssen, die nicht mal wissen, warum Pfingsten frei ist!

10. Der Spitzensteuersatz soll erhöht werden.
Klingt auf den ersten Blick verlockend. Andererseits verlassen diese Leistungsträger dann Deutschland, nehmen ihre Firmen mit, entlassen alle Arbeiter und für diese Arbeitslosen muss dann ICH aufkommen. No way!

11. Deutschland soll aus der NATO austreten.
Ja. Hat die NATO jemals was für mich gemacht?

12. Kein Neubau von Kohlekraftwerken!
Was interessiert mich das? Auf dem Land haben wir sowieso frische Luft.

13. Die „Pille danach“ soll rezeptpflichtig bleiben.
Einerseits wäre das ja ganz nützlich, falls ich die mal brauche. Andererseits hab ich mir grade eine Packung auf Vorrat aus Spanien mitgebracht. Also bin ich aus dem Schneider! Pech für den Rest.

14. Alle Banken in Deutschland sollen verstaatlicht werden.
Und am Ende muss ich dafür auch noch zahlen, oder was? NIEMALS!

15. Deutschland soll mehr Flüchtlinge aufnehmen.
Nein. Ich bin ja kein Flüchtling.

16. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollen für die Zeit, in der sie Angehörige pflegen, staatliche Lohnersatzleistungen erhalten.
Nein. Ich pflege ja keine Angehörigen.

17. Verfassungswidrige Parteien sollen weiterhin verboten werden dürfen.
Ach… die tun doch auch nur, was das Beste für sie ist. Eigentlich könnten die mir egal sein, aber ich bin ja gerade erst dabei, vernünftig zu werden. Die kriegen einen Sympathiepunkt, aber psst.

18. BAföG soll unabhängig vom Einkommen der Eltern gezahlt werden.
Zu spät für mich. Nö.

19. An allen deutschen Grenzen sollen wieder Einreisekontrollen durchgeführt werden.
Die Kontrolle würde mich zwar nerven, aber wenigstens kommen dann weniger Schmarotzer in unser Land!

20. In Aufsichtsräten und Vorständen von Unternehmen soll eine gesetzliche Frauenquote gelten.
Nein. Ich bin zwar eine Frau, aber Aufsichtsräte und Vorstände tangieren mich ja nicht.

21. Finanzstarke Bundesländer sollen schwache Bundesländer weniger unterstützen müssen.
Oh, da muss ich ja mal eben googeln.
Aha! Ich wohne in einem Geberland! Na dann ist die Antwort ja klar.

22. Das gesetzliche Renteneintrittsalter soll wieder gesenkt werden.
Nö. Ich gehe ja später nicht in Rente, sondern werde pensioniert.

23. Der Staat soll im öffentlichen Dienst verstärkt Menschen mit Migrationshintergrund einstellen.
Nein. Ich bin ja kein Migrant.

24. Rüstungsexporte sollen verboten werden.
Aber die bringen Deutschland doch so viel Geld! Alberner Vorschlag!

25. Das Ehegattensplitting soll beibehalten werden.
Neutral. Das kommt ja ganz darauf an, was mein Mann später verdient.

26. Deutschland soll sich für einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union einsetzen.
Ja. Dann brauche ich keinen Reisepass, wenn ich dort Urlaub machen will.

27. Abgeordnete des Bundestags sollen ihre Nebeneinkünfte auf den Euro genau offenlegen müssen.
Na, schwierig. Einerseits könnte man denen ja das Gehalt kürzen, wenn sie zu viel nebenbei dazu verdienen (heißt: weniger Steuern für uns aufrechte Steuerzahler!). Andererseits will ich das ehrlich gesagt gar nicht wissen – das macht die Entscheidungsfindung ja NOCH schwieriger!

28. Energieintensive Industrien sollen sich stärker als bisher an der Finanzierung der Energiewende beteiligen müssen.
Ich finde ja, die Energiewende sollte überhaupt gestoppt werden. Viel zu teuer! Daher kann ich diese Frage nicht eindeutig beantworten. Sie ist völlig falsch gestellt!

29. Hartz-IV-Empfängern und -Empfängerinnen sollen weiterhin Leistungen gekürzt werden, wenn sie Jobangebote ablehnen.
Ja. Ich bin ja keine Hartz-IV-Empfängerin.

30. Der Staat soll weiterhin für Religionsgemeinschaften Kirchensteuer einziehen.
Ja. Ich bezahle eh keine Kirchensteuer.

31. Alle Bürgerinnen und Bürger sollen in gesetzlichen Krankenkassen versichert sein müssen.
Hm. Wenn sie es nicht mehr müssen, werden es wohl viele auch nicht tun. Heißt: Es wird billiger für mich. Find ich gut!

32. In der Euro-Zone soll jeder Staat alleine für seine Schulden haften.
Das ist ja wohl keine Frage. Was habe ich mit den Schulden anderer Leute zu schaffen?

33. Auch gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften sollen ein gemeinsames Adoptionsrecht erhalten.
Nein. Ich bin ja keine gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft.

34. Keine Speicherung von Kommunikationsdaten (z.B. Telefon, Internet) ohne konkreten Anlass!
Warum denn nicht? Mein Gewissen ist rein!

35. Bei Neuvermietungen soll der Mietpreis nur begrenzt angehoben werden dürfen.
Ich werde mal ein Haus erben, in dem ich nicht wohnen will. Wenn ich den Mietpreis nicht so hoch setzen kann wie ich will wär das echt scheiße!

36. Volljährige deutsche Staatsangehörige sollen keine weitere Staatsangehörigkeit besitzen dürfen.
Ja. Ich habe ja keine zweite Staatsangehörigkeit.

37. Die Nutzung von Autobahnen soll kostenpflichtig sein.
Wäre schon ätzend, wenn ich sowas bezahlen müsste. Allerdings fahre ich ja kaum Autobahn. Längerfristig spare ich damit wohl mehr Geld als ich verliere!

38. Einführung von Volksentscheiden auf Bundesebene!
Niemals. Dafür sind die Menschen viel zu blöd.

Auswertung
Ich war sehr aufgeregt, als das Ergebnis näher rückte. Ob es sich wohl geändert hatte? Noch letztes Wochenende habe ich den Wahl-O-Mat nach diesen unwichtigen, selbstlosen Kriterien ausgefüllt, von denen ich jetzt weiß, dass sie falsch waren. Also muss wohl sicherlich ein anderes Ergebnis heraus gekommen sein.
Aber zunächst musste ich noch meine Schwerpunkte markieren, die mir besonders wichtig sind, denn diese werden doppelt gezählt. Das ist durchaus schwierig: Viele Thesen haben ja schon Vor- und Nachteile und bei einigen habe ich lange nachdenken müssen, denn es ist vielleicht jetzt noch gar nicht abzusehen, welche Entscheidung für mich wohl billiger kommt. Deshalb legte ich meine Schwerpunkte auf die Antworten, die ich aus vollem Herzen unterstützen kann. Da ich weder Flüchtling, noch bafögberechtigt, noch Migrantin, noch Hartz-IV-Empfängerin und auch nicht lesbisch bin und ebenfalls weder Angehörigen pflege, noch eine doppelte Staatsbürgerschaft anstrebe, war das ganz leicht!

Das Ergebnis!!
Ihr könnt euch meinen Ärger gar nicht vorstellen, als ich endlich die Zahlen schwarz auf weiß vor mir sah und sich meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten – eine Partei, die ich in meiner arglosen Dummheit noch NIE gewählt habe, ungeschlagen mit 73,3% auf dem ersten Platz!
Ich brach über meiner Tastatur zusammen. Diese Verschwendung! Bundestagswahlen, Landtagswahlen, Europawahlen, keine Ahnung wie viele insgesamt, aber jedes Mal: Mist gewählt! Ich dachte, ich hätte vielleicht wenigstens EINMAL intuitiv die richtige Entscheidung getroffen, aber nein! 10 Jahre Wahlberechtigung, 10 verlorene Jahre!

Aber was soll man machen? Die Zeit lässt sich nicht zurück drehen. Wenigstens weiß ich jetzt, was ich tun muss und dieses Wissen wird mir niemand mehr nehmen. Ich verspreche euch, unlogische Schwachheiten wie Gerechtigkeitssinn, Mitleid oder der Glaube an unsere Verfassung werden ich mir jetzt sicher nicht mehr erlauben!

Fortan werde ich mich von tiefschwarzen Pragmatismus leiten lassen und darf der CDU zu einer neuen Stammwählerin gratulieren! Herzlichen Glückwunsch, CDU! Du willst nur das BESTE für mich!

Wobei du als pragmatischste Partei sicher Verständnis dafür hast, wenn ich in Zukunft meine Entscheidung meinen veränderten Lebensbedingungen anpassen werde. Sollte ich also mal arbeitslos werden, Kinder kriegen, die studieren wollen, einen Mann heiraten, der kein Deutscher ist, meine Eltern krank werden oder mein Sohn schwul, dann wird mir der Wahl-O-Mat sicher auch bei dieser Entscheidung helfen. Ein Glück!

Wenn dir dieser Beitrag gezeigt hat, dass gnadenloser Egoismus einfach super ist, darfst du mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Nachdem ich dir so viel Geld in Zukunft gespart habe, weil du danach nie wieder für irgendetwas spenden wirst, habe ich das verdient!