Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 7: Prospekte. SCHON WIEDER.

Nachdem ich mein Engagement mit der Bäckerei irgendwie so hab auslaufen lassen, ohne je richtig gekündigt zu haben, folgte eine lange Zeit der finanziellen Unsicherheit und erfolglosen Suche nach neuen Jobs.

Inzwischen war ich komplett in meine Unistadt gezogen, was meine Möglichkeiten eigentlich hätte vergrößern sollen, aber dem war nicht so. Monatelang suchte ich und fand einfach NICHTS. Sehr gerne hätte ich gekellnert, aber ich wohnte damals noch in einem Außenbezirk, den ich nachts ohne Busse nicht mehr hätte erreichen können, wenn ich Feierabend gehabt hätte. Ich suchte also weiter, aber gute Jobs sind in einer Studentenstadt doch ziemlich rar gesät.

Schließlich wurde ich aber doch fündig – ich entdeckte ein Jobangebot in einem Online-Kleinanzeigenmarkt, das nur wenige Minuten zuvor eingestellt worden war. Sofort rief ich an und hatte ihn damit ergattert!

Wieder sollte ich etwas austragen, dieses Mal für sowas wie die Handelskammer. Eigentlich waren es keine Prospekte, sondern hauptsächlich Flyer, aber auch Poster und Sticker für verschiedene Aktionen wie einem verkaufsoffenen Sonntag oder ähnliches. Aber der eigentliche Unterschied betraf den Lohn: Ich wurde nach Stunden bezahlt, nicht nach Stückzahl! Und damit war der Austrägerjob offiziell plötzlich gar nicht mal so schlecht!!

Es waren zwar nur 7 Euro/Stunde, aber trotzdem. Immerhin mehr, als ich im Job davor bekommen habe. Und stand ich davor praktisch unter ständiger Beobachtung – in der Bäckerei musste ich immer damit rechnen, unangemeldet von der Bezirksleiterin kontrolliert zu werden, so dass ich ununterbrochen beschäftigt tun musste, ob ich Arbeit hatte oder nicht – war ich nun FREI.

Ich erledigte meine Arbeit natürlich, aber überwacht hat mich keiner. Ich nehme an, hätte ich die Flyer einfach in den Müll geschmissen, wäre das ziemlich schnell rausgekommen, doch solange sie nur irgendwie ihr Ziel erreichten, interessierte niemanden, wie ich mir die Route und die Zeit einteilte. Manchmal bekam ich eine Liste und musste Werbemittel in Geschäfte bringen, die sie bestellt hatten, aber meistens war es nicht mal das. Oft packte ich mir einfach den Trolley voll und zog los in ein bestimmtes Viertel, wo ich Flyer in öffentlichen Gebäuden auslegte oder in Geschäften fragte, ob ich ein paar dalassen könne. Nur einmal musste ich Flyer auf der Straße verteilen, was wirklich megaätzend war, aber das war nur eine Stunde.

Im Winter wäre die Arbeit sicher die Hölle gewesen; aber ich fing im Frühsommer an und das war ziemlich chillig. Es war meistens warm und die Sonne schien. Perfekte Bedingungen, um einfach mal ein bisschen durch die Stadt zu flanieren, auch wenn ich dabei einen Trolley hinter mir herzog. Wirklich, lockerer hätte der Job kaum sein können.
An einigen Tagen sollte ich Flyer in eine Gegend bringen, die mit dem Bus eine halbe Stunde entfernt lag. Das war schon fast unverschämt lässig. Ich stieg mit einem Pack Flyern in den Bus ein, fuhr eine halbe Stunde rum und las dabei ganz gemütlich, stieg am Ziel aus, verteilte etwa eine halbe Stunde mein Zeug und setzte mich danach in den Bus zurück, um wieder eine halbe Stunde zu lesen. Effektiv gearbeitet habe ich an diesen Tagen somit kaum, wurde aber trotzdem voll bezahlt. Ein Traum! ^^

Dennoch habe ich diese ungewohnte Freiheit, so hoffe ich, nicht, äh, übermäßig ausgenutzt. Ich erledigte meine Touren und stoppte nur nach der Hälfte der Zeit für ca. zehn Minuten, um eine zu rauchen und in mein Wurstbrot zu beißen. Danach ging es weiter. Es war schlicht und ergreifend supereasy.

Ich war entweder allein oder wurde von einer zweiten Aushilfe begleitet. Schnell hatte ich in der Belegschaft ein Mädel gefunden, mit dem ich mich super verstand. Also wurden wir immer zusammen losgeschickt. Damit verging die Zeit im Supertempo, weil wir uns auf den ganzen Touren unterhalten konnten, ohne dass es jemanden gestört hätte.
Dieses Mädel nahm es allerdings manchmal doch ein bisschen zu lax, hatte ich den Eindruck. Manchmal stoppten wir vor einem Supermarkt, um uns einen Snack zu kaufen, was sich dann allerdings immer zu einer halben Einkaufstour dehnte. Und einmal fragte sie mich, als wir an einem Restaurant vorbeigingen, doch tatsächlich, ob wir uns da nicht hinsetzen und eine Pizza essen sollten, was ja mal mindestens eine halbe bis dreiviertel Stunde gedauert hätte. Das habe ich dann abgelehnt, weil es maximal unverschämt gewesen wäre.

Natürlich war auch das kein Job, der mich großartig intellektuell forderte, aber an sich war er ganz cool. Er hatte nur einen Haken: Ich bekam nicht genug Stunden zusammen. Manchmal konnte ich dreimal die Woche arbeiten gehen, dann wieder eine Woche gar nicht. Zusätzlich waren die Schichten von maximal fünf Stunden einfach zu kurz, um wirklich Geld zu scheffeln. Mir wurde also klar, dass ich noch einen zweiten Job brauchte.

Und endlich, endlich kam ich in die Branche, in die ich strebte: Die Kellnerei! Mein Chef war der einzige Wirt, der mich zur Probearbeit einlud, weil alle anderen Erfahrung verlangten, die ich (abgesehen von den wenigen Wochen in der Shisha-Bar) einfach nicht hatte. Es war das übliche Dilemma – wie soll man Erfahrung sammeln, wenn niemand jemanden ohne Erfahrung einstellt? Aber mein Chef hat mir ne Chance gegeben, woran ich mich immer wieder erinnern muss, wenn ich ihm mal wieder den Kopf abreißen will.
Außerdem war ich inzwischen näher in die Innenstadt gezogen, so dass der Heimweg kein Problem mehr war. Ich hatte also ZWEI Jobs, mit denen ich endlich auf meine 400 Euro im Monat kam!

Wenn auch nicht lange. Ich glaube, ich habe dabei einfach viel zu krass übertrieben, völlig high davon, endlich Geld zu verdienen. Niemand zwang mich schließlich, gewisse Schichten zu übernehmen, aber ich nahm trotzdem so viel, wie ich kriegen konnte. So kam es, dass ich ungefähr zwei Monate lang an einigen Tagen pro Woche um 11 Uhr aufstand, um von 12 bis 17 Uhr Flyer zu verteilen. Um 17:30 Uhr war ich zuhause, wo ich schnell was aß und mich eine Stunde hinlegte, um für meine Schicht in der Kneipe um 20 Uhr fit zu sein. Ich war dann meistens erst gegen 3 oder 4 Uhr zuhause und brauchte dann noch mindestens eine Stunde, bis ich Einschlafen konnte. Am nächsten Tag dann wieder um 11 Uhr aufstehen etc. pp.

Das machte ich wie gesagt nur wenige Wochen, dann kroch ich total auf dem Zahnfleisch. Ich dachte, ich müsste mich für einen Job entscheiden und wählte die Kneipe. Dort bekam ich zwar 50 Cent weniger die Stunde, aber mit Trinkgeld konnte sich mein Stundenlohn manchmal verdoppeln, weshalb es sich schlicht mehr lohnte.
Eigentlich hatte ich geplant, bei meiner Austragerei nur mal eine Woche Pause einzulegen, was ohne Probleme ging, aber die Zeit, nach der ich mich melden wollte, wurde länger und länger und so war ich schließlich nur noch Kellnerin.

Heute ärgere ich mich ein wenig darüber. Ich hätte einfach die Stunden reduzieren bzw. die Schichten besser planen sollen, dann hätte das weiterhin gut geklappt. So hätte ich dann Überstunden aufbauen können, die mir in der Prüfungsphase etc. trotzdem einen vollen Lohn garantiert hätten. Zumal der Job einfach wirklich chillig gewesen war. Aber naja. Spätestens im Herbst wäre das bei schlechtem Wetter vermutlich auch sehr unangenehm geworden, deshalb ist es wohl okay.

Seitdem gehe ich nun kellnern, was mir meistens noch ziemlichen Spaß macht, auch wenn das Arbeitsklima manchmal ein Desaster ist. Aber nach fast 3 Jahren in diesem Job ist es definitiv die Branche, in der ich mich am wohlsten fühle!

Weiterlesen:
Teil 1: Prospekte austragen
Teil 2: McDonald’s
Teil 3: Fotolabor
Teil 4: Fabrik
Teil 5: Kellnern
Teil 6: Bäckerei

Wenn es darum ging, Geld zu verdienen, gab es in meinem Leben wirklich wenig, für das ich mir zu schade war. Deshalb habe ich auch kein Problem damit, meine Leser um eine kleine Spende in Form einer Tasse Kaffee zu bitten (via Paypal). Über ein wenig Unterstützung freue ich mich immer!

Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 6: Bäckerei

Nachdem das mit der Kellnerei nicht geklappt hatte, ging ich weiter auf die Suche und landete schließlich in einem Job, den ich abgesehen von meiner aktuellen Stelle am längsten hatte, obwohl ich ihn von all meinen bezahlten Tätigkeiten mit am meisten hasste.

Bäckereien. Es klingt besinnlich und so gemütlich bodenständig, war aber die Hölle auf Erden.

Dies war der erste Job, bei dem ich tatsächlich ein Bewerbungsgespräch führen musste, während dem ich schon einen guten Einblick in das Betriebsklima erhaschte, das dort Usus war. Es war eine große Bäckereikette, weshalb alles komplett durchorganisiert und standardisiert war. Die Hierarchien waren klar, mein Status als kleine Aushilfe ebenfalls. Dies spürte ich deutlich während jeder Schicht. Meine festangestellten Kolleginnen waren allesamt Frauen mittleren Alters, die, so muss ich leider mutmaßen, es genossen, wenigstens in diesem Bereich ihres Lebens mal jemanden zu haben, den sie rumkommandieren konnten.
So wurde ich eine Zeit lang in einer Filiale eingesetzt, in der ein schreckliches Weib arbeitete, das ich nach kurzer Zeit für Satans Großmutter hielt. Während sie für jeden Kunden ein strahlendes Lächeln übrig hatte, konnte sie mir gegenüber innerhalb von Sekunden zum Racheengel mutieren – wegen absoluten Lappalien.
Einmal während der vorlesungsfreien Zeit, in der ich immer so oft wie möglich arbeitete, musste ich vier Tage hintereinander bei dieser Frau antanzen. Danach war ich ein absolutes Nervenbündel. Die hatte Ansprüche, dass es einem die Schuhe auszog. Nur ein winziger Fehler und das Inferno brach los. So kam ich an einem Tag zur Schicht und begrüßte sie, bekam aber keine Antwort. Kaum hatte ich mich umgezogen und mich verunsichert zu ihr geschlichen, brüllte sie mich an, was ich mir eigentlich einbilde – erwarte ich etwa, dass sie MEINE Arbeit macht?!
Stein des Anstoßes war der nicht ausgeleerte Papierkorb gewesen. Ich hatte es am Abend davor einfach vergessen. Meine Güte, ey. Aber so lief es IMMER.

In anderen Filialen war es kaum besser. Ich habe in dieser Zeit wirklich ganz ausgesprochen interessante Furien kennen gelernt, von der eine bescheuerter war als die andere. Weder davor, noch danach habe ich so etwas jemals erlebt, falls jetzt jemand mit dem Spruch „Höhö, na klar, typische weibliche Stutenbissigkeit…“ ankommen will. Warum das ausgerechnet in diesem Job so war, kann ich nur mutmaßen. Vielleicht war es dieses durchstandardisierte Klima des Erfolgszwangs. Wurde zu wenig verkauft, gab es direkt eine Analyse des Standorts, infolgedessen die Festangestellten immer zittern mussten, ob sie nicht wenige Tage später plötzlich in einer anderen Filiale landen würden, die teils sehr viel weiter weg lag und in der sie sich nicht auskannten. Es herrschte ständiger Druck. So viel zum Thema „bodenständiges Handwerk“.

Was mich schon in meiner ersten Schicht völlig schockierte – und das war etwas, an das ich mich nach fast zwei Jahren in diesem Job NIE gewöhnen konnte – war der abendliche Umgang mit den Backwaren. Denn was nicht verkauft wurde, kam in den Müll.
Als ich zum ersten Mal die großen Rückgabebehälter sah, die überquollen vor Brot, Brötchen, Kuchen und Teilchen, ist mir richtig übel geworden. Das war westliche Dekadenz in Reinform. Nichts davon war schlecht, es war halt nur nicht verkauft worden. Davon hätten sich in anderen Ländern ganze Familien eine Woche ernähren können.

Ich sah es ja immer als besonderen Erfolg an, wenn ich abends wenig Retouren hatte – aber das wurde mir schnell ausgetrieben. Denn das musste ja heißen, dass ich nicht genug nachgebacken hatte. Ein Teil der Ware wurde nämlich geliefert, während der andere Teil frisch in der Filiale gebacken wurde. Das waren vor allem Teilchen und Brezeln, aber auch bestimmte Sorten Brötchen. Nun lag es, wenn ich wie meistens allein war, eigentlich im Laufe der Schicht in meinem Ermessen, die Menge zu schätzen, die ich noch brauchen werde, und nach dieser Schätzung zu backen. Ich lernte schnell, in welchen Filialen und an welchen Tagen ich noch damit rechnen konnte, dass kurz vor Schluss noch einiges über die Theke gehen würde, und wo und wann einfach nicht. Mein Fazit: Dann backe ich halt nach einer bestimmten Uhrzeit nicht mehr.
Aber das war falsch. Die Theke musste bis zum Schluss voll sein. Weil es schöner aussieht. Weil man ja vielleicht noch was verkaufen könnte. Und wenn dann das meiste weggeschmissen werden muss… hach Gott, sind ja halt nur Lebensmittel, ne?

Wie gesagt, alles davon war noch völlig okay und wäre es auch am nächsten Tag noch gewesen. Ich meine, jeder isst lieber frische Brötchen als welche, die schon einen Tag alt sind, aber was ist mit denen, die so gar nichts haben und froh drum wären?
Aber meine vorsichtige Frage, warum das Zeug nicht der nächsten Tafel überlassen wird, wurde abgewatscht. Lebensmittel, die nicht eingeschweißt oder sonstwas sind, dürfen nämlich nicht zur Tafel gebracht werden. Ich nehme an, das stimmt tatsächlich, aber das kam der Firma wohl auch sehr gelegen. Zudem ist es ein wunderbares Beispiel für ein wirklich beschissenes, lebensfremdes Gesetz.

Und nicht mal die Angestellten durften davon was nehmen. Mir war es erlaubt, ein bis zwei Teile auf der Arbeit zu essen, was ich minutiös in einem extra dafür vorgesehenen Formular festhalten musste, aber noch ein Brot mitnehmen, das eh auf dem Müll landen wird, ging nicht. Das hätten wir dann bezahlen müssen. Ein paar Mal hab ich es trotzdem gemacht und einfach darauf vertraut, dass die Retourscheine (noch eines der vielen, vielen Formulare) eh nicht so genau unter die Lupe genommen werden. Wer wühlt sich schon durch einen Berg Backwaren um zu kucken, ob das, was ich eingetragen habe, auch tatsächlich mit der retournierten Ware übereinstimmt?

Das war besonders ärgerlich, weil ich darüber hinaus auch noch richtig beschissen bezahlt worden bin. Der normale Stundenlohn betrug irgendwas zwischen 6 und 6,50 Euro, genau weiß ich es nicht mehr. Sonntags oder an Feiertagen bekam ich 7,20. Yay.
Das wäre noch irgendwie in Ordnung gewesen, wenn ich nicht JEDEN – VERDAMMTEN – TAG noch unbezahlt gearbeitet hätte. Es war Pflicht, eine Viertelstunde vor Schichtantritt zu kommen, damit die Frühschicht eine ordentliche Übergabe machen konnte. Das wurde NICHT bezahlt. Das Ende der Schicht war erreicht, sobald die Filiale geschlossen wurde, doch alles, was danach kam – Aufräumen, Formulare schreiben, Kasse machen – wurde ebenfalls nicht bezahlt. „Dann fängt man damit halt ne halbe Stunde früher an und ist Punkt 18 Uhr aus dem Laden raus, ne?“ könnte man jetzt denken. Aber nee, das durfte ich nicht. Die Theke musste bis Ladenschluss voll sein.
Egal, wie sehr ich mich beeilte und wie viel ich schon vorher vorbereitete, ich brauchte IMMER mindestens eine Viertelstunde für den ganzen Scheiß. Damit kam ich mindestens auf eine halbe Stunde pro Arbeitstag, die mir einfach nicht bezahlt worden ist. Wenn man jetzt noch die kurzen Schichten bedenkt – wochentags fünf bis sechs Stunden, sonn- und feiertags nur dreieinhalb – war das einfach nur zum Kotzen. Sonntags arbeitete ich also 12,5% der Zeit umsonst. Das darf doch einfach nicht sein!!

Aber das Schlimmste an diesem Job waren – tada! – die Kunden.

Ich hatte gedacht, nach McDonald’s könnte es nicht schlimmer werden. Wenn ich mir heute so ansehe, mit welchen Gestalten ich mich während meiner Kellnerei rumschlagen muss weiß ich, dass der Gedanke naiv war. Aber die Bäckereikunden waren tatsächlich NOCH schlimmer – wenn auch auf eine andere Art.

Nach einigen Monaten in diesem Job hatte ich mal wutschnaubend eine kleine Liste der doofsten Kundentypen in meinem Tagebuch zusammen gestellt, deshalb kann ich euch das heute präsentieren. Viel Spaß:

1. Die Unhöflichen
Diese Kunden haben mir das Gefühl gegeben, ein beschissener Verkaufsautomat zu sein. Kein Hallo, kein Danke, kein Tschüss. KEIN EINZIGES WORT. Nicht mal eine Bestellung. Man kann ja auch mit dem Finger drauf zeigen. So was abweisendes ist doch einfach unmöglich!

2. Die Verschwörungstheoretiker
Ähnlich wie bei McDonald’s war ich dazu angehalten, Leute auf Angebote etc. hinzuweisen, nur hat das in diesem Fall wirklich Sinn gemacht. 1. hatte ich die Ware anders als im McD’s ja schon vor mir und ich war froh, wenn ich alles verkaufte und 2. waren die Angebote tatsächlich ziemlich gut. Wenn also drei Teilchen im Angebot waren, jemand aber nur zwei bestellte, dann wies ich ihn auf das Angebot hin, weil ein drittes Teilchen wirklich nur 10-20 Cent mehr gekostet hätte.
Aber wird es einem gedankt? Natürlich nicht! Stattdessen wurde mir wütend unterstellt, ich wolle dem Kunden was „andrehen“. Weil ich ja Teil der internationalen Bäckereiverschwörung bin!
Manche machte das offensichtlich so wütend, dass sie daraufhin in stures Schweigen verfielen. Was blöd war, denn dann stand ich da abwartend mit der Tüte und wusste nicht, ob sie nun noch ein Teilchen mehr wollten oder nicht.

3. Die anderen Verschwörungstheoretiker
Diese wurden dagegen sauer, wenn ich mal VERGASS, auf ein Angebot hinzuweisen und sie es dann trotzdem noch selbst entdeckten. Das konnte ja nur bedeuten, dass ich aus irgendeiner perfiden Motivation heraus gar nicht WILL, dass sie von diesem supergeilen Angebot profitieren. Logisch, ne?!

4. Die Salzphobiker
Leute, die Brezeln bestellten, aber das Salz darauf nicht wollten. Okay, versteh ich. Aber warum zur Hölle muss ICH das machen?!
Tatsächlich gab es außergewöhnlich viele Kunden, die von mir verlangten, dass ICH das Salz abknibbeln sollte. Macht das mal, wenn ihr das Teil nur mit einer Zange anfassen dürft, was natürlich für jeden deutlich sichtbar war. Wo ist das verdammte Problem dabei, es einfach selbst zu machen?!

5. Die Kleinkinder
Keine echten Kleinkinder, sondern erwachsene Leute, die sich so benahmen. In den meisten Filialen gab es auch die Möglichkeit, sich hinzusetzen und Kaffee zu trinken. Die Kleinkinder nun haben dann regelmäßig eine Schweinerei verursacht, die ich eher im Kindergarten erwartet hätte. Und wer durfte das am Schluss dann wieder aufräumen? Ganz genau!

6. Die Schnäppchenjäger
Natürlich wollten diese Leute was kaufen, aber warum den vollen Preis bezahlen, wenn man auch ganz frech einen Nachlass verlangen konnte?

7. Die Hektiker
Die Hektiker hatten Zeit. Viel Zeit. Hauptsächlich zum Kaffee trinken. Stundenlang. Außer, wenn plötzlich fünf neue Kunden an der Theke standen. DANN mussten sie natürlich augenblicklich bezahlen. Und weil sie ja schon vorher da gewesen waren, wollten sie logischerweise zuerst abkassiert werden. Was die anderen Kunden wütend machte. Aber wenn ich sie NICHT vorließ, waren es natürlich die Hektiker, die wütend waren. Opfer war immer die Verkäuferin.

8. Die geizigen Legastheniker
Wenn die Legastheniker mit ihrem Einkauf fertig waren, waren sie ganz arg überrascht, wenn sie den Preis hörten, weil der Preis ja natürlich niemals nicht an der Ware dransteht und sie auch nicht auf die Idee kamen, mich einfach danach zu fragen. Stattdessen wurde sich dann wutschnaubend verpisst, während ich mit der bereits eingepackten Ware da stand und mir was einfallen lassen musste, um das Kassenminus wieder auszugleichen.

9. Die Beleidigten
Nachdem man nun schon so viele Jahre Kunde war, ist es natürlich ganz schröcklich beleidigend, dass man IHR Produkt, das sie IMMER kaufen, nicht mehr vorrätig hatte. Das musste schließlich immer da sein. Selbst, wenn sie erst fünf Minuten vor Schluss aufkreuzten. Selbst, wenn sie wussten, dass man auch Vorbestellungen machen kann. Ist ja logisch, ne.

10. Der Bescheißer
Das war eigentlich nur ein einziger Kunde. Der hatte behauptet, ich hätte ihm gesagt, dass sein Einkauf im Angebot sei. Was eine Lüge war. Aber natürlich bekam er seinen Scheiß trotzdem billiger und ICH einen Anschiss von meiner Kollegin, der sich gewaschen hatte.

11. Die Nuschler
Die Nuschler bekamen das Maul nicht auf beim Sprechen. Was okay ist. Nicht okay ist es, auszurasten, wenn ich nachfragte, was sie da gerade bestellt haben. Ich kann nämlich nicht Gedanken lesen.

12. Die Individualisten
Ein Berg Brötchen. Ein Fingerzeig: „Das da, bitte!“ Und das heißt: Dieses und kein anderes. Wehe, ich NÄHERTE mich auch nur einem anderen. Dann ist Pole offen.

13. Die „Was wäre wenn“s
Diese Kunden kamen genau wie die Beleidigten ganz am Schluss noch in den Laden gestürmt und regten sich ganz furchtbar darüber auf, dass die Auswahl nicht mehr so riesig war wie zu Schichtbeginn, kauften dann aber genau EIN Brötchen. Die Motivation dahinter ist sonnenklar: JETZT wollten sie ja eigentlich gar nichts, aber was wäre, wenn sie tatsächlich mal noch eine größere Menge kurz vor Feierabend bräuchten!? Also lieber schon mal vorsorglich beschweren, damit diese Katastrophe niemals eintreten möge!

14. Die beschissenen Eltern
Leute, die mild lächelnd zusahen, wie ihre kleinen Kinder, die natürlich nichts dafür können, den Laden in ein Schlachtfeld verwandelten, während die süßen Kleinen vermutlich für eine ähnliche Verhaltensweise zuhause eine gescheuert bekämen. Aber wen interessiert schon eine komplett vollgeschmierte Theke. Die dumme Verkäuferin kann es ja sauber machen.

5. Die „Schmeckt das?“
Tja, Leute. Was soll ich als Verkäuferin auf eine solche Frage antworten? Etwa „Nein“?

Ich hielt den Job wie gesagt knapp zwei Jahre aus, dann konnte ich einfach nicht mehr. Auch das ist eine Erfahrung, die ich nie wieder wiederholen will.

Weiterlesen:
Teil 1: Prospekte austragen
Teil 2: McDonald’s
Teil 3: Fotolabor
Teil 4: Fabrik
Teil 5: Kellnern
Teil 7: Prospekte – schon wieder

Wenn es darum ging, Geld zu verdienen, gab es in meinem Leben wirklich wenig, für das ich mir zu schade war. Deshalb habe ich auch kein Problem damit, meine Leser um eine kleine Spende in Form einer Tasse Kaffee zu bitten (via Paypal). Über ein wenig Unterstützung freue ich mich immer!

Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 4: Fabrik

Um die (leider recht lange) Zeit zwischen Abi und Unianfang zu überbrücken, bewarb ich mich in der Fabrik meines Stiefvaters. Damit sollte ich den ersten und bisher einzigen Job ergattern, in dem ich nicht unter Mindestlohn bezahlt wurde.

Mein Stiefvater meinte, ich solle mich auf Akkordarbeit einstellen, worüber ich nur müde die Schultern zuckte. Dann hätte ich das halt auch mal durch, wo man doch immer so viel schreckliches von Akkordarbeit hört, aber ich dachte mir, schlimmer als McDonald’s kann’s ja nicht werden. Und bei DER Bezahlung – ich konnte kaum meckern!
Ich bekam 8 Euro pro Stunde, wobei man bedenken muss, dass das auch schon wieder fast zehn Jahre her ist. In der Fabrik wurden allerdings auch Nachtschichten gefahren sowie Wochenendschichten, wofür es immer Aufschlag gab. Ich weiß nicht mehr wie viel genau – außer an Feiertagen: Da gab es satte 150% Aufschlag, womit ich in einer Stunde 20 Euro (!!!) verdiente. Als ich das hörte, war meine spontane Reaktion: „Äääh, kann ich auch Doppelschicht…?“ (leider durfte ich das nicht ^^)

Es war eine Chemiefirma, die auch im Bereich Pharmazie tätig war und u.a. Kochsalzbeutel herstellte. Damit durfte ich mich mehrere Wochen lang beschäftigen. Wieder wurde ich im Bereich Qualitätskontrolle eingesetzt – aber bei etwas so wichtigen wie medizinischen Bedarf natürlich nicht in „leitender Position“. Nee, dafür waren Festangestellte verantwortlich. Meine Aufgabe war es zusammen mit anderen studentischen Aushilfen, den Damen die eingepackten Kochsalzbeutel aus den Kartons zu packen, sie auf ein Band zu legen, zuzukucken, wie die Kontrolleurinnen die Beutel durchleuchteten und die Beutel dann am Schluss wieder zurück in die Kartons zu packen.
Me-ga-spannend! Aber eigentlich war es gar nicht sooo ätzend. Die Angestellten waren gut drauf und plapperten die ganze Zeit fröhlich (ihre Arbeit erledigten sie trotzdem). Zu uns Aushilfen waren sie immer nett. Was will man mehr?

Manchmal wechselten wir den Arbeitsplatz und gingen an ein anderes Band. Dieses wog die Kochsalzbeutel automatisch und blieb stehen, wenn ein Beutel drüber lief, der zu viel Abweichung nach oben oder unten hatte. Damit musste man auch hier nicht besonders viel nachdenken, aber das war schon okay. Eine ganze Woche lang hatte ich Nachtschicht und tat nichts anderes als das.

Es gab nur zwei richtig üble Sachen. Die eine betraf die schwangeren Angestellten der Firma. Eine Chemiefirma, wie gesagt. Heißt, sobald eine Frau, die in einem Bereich arbeitete, in dem sie mit Chemikalien in Berührung kam, eine Schwangerschaft feststellte, wurde sie sofort von ihrem Arbeitsplatz abgezogen. Allerdings gab es offensichtlich irgendwie keine geeignete Alternative, so dass diese Frauen in völlig sinnlose Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gesteckt wurden. Und nicht nur das – sie brauchten sogar noch zusätzlich Hilfe dabei!
Ich wurde eines Tages dazu auserwählt. Es folgten einige schlimme, schlimme Stunden. Keine Ahnung, ob die Frau mich nicht leiden konnte oder einfach wegen der Gesamtsituation total angepisst war, jedenfalls redeten wir während der gesamten Prozedur kein Wort miteinander. Was wir taten? Ich packte ihr Kochsalzbeutel aus und legte sie für sie auf eine Waage, wartete, bis sie das Gewicht notiert hatte und packte die Scheißbeutel wieder ein. Die Beutel wogen 2,5 Kilo, was angeblich für eine Schwangere zu schwer ist – allein deshalb brauchte sie Hilfe. Diese Arbeit war haargenau dasselbe, was an diesem einen Band komplett automatisch ablief, nur eben viel, viel langsamer. Sowas unglaublich unnötiges muss man sich erst mal ausdenken!!
Zweimal musste ich diese Qual durchmachen, aber als ich ein drittes Mal zu ihr geschickt werden sollte, weigerte ich mich. Es gab schließlich noch genug andere Aushilfen, warum zur Hölle sollte ich das immer machen? Es musste dann jemand anderes gehen.

Der allgemeine Konsens bei den anderen Angestellten war dann allergrößte Abneigung gegenüber den Schwangeren. Das hat mich dann wiederum ein wenig sauer gemacht. Was können denn diese Frauen dafür, dass die Firma es mit ihren Schutzbestimmungen möglicherweise ein bisschen übertrieb (ich meine, 2,5 Kilo heben, sowas schadet doch keinem Baby?)? Die hätten vermutlich auch lieber was sinnvolles gemacht, als allen zur Last zu fallen. Das muss man sich mal reinziehen… im Grunde wäre es die Firma billiger gekommen, die Schwangeren einfach bis zur Geburt bei voller Bezahlung heim zu schicken!

Nach ein paar Wochen war diese erste Station durch. Ich sollte nun in die Abteilung meines Stiefvaters kommen – ein wesentlich sensiblerer Bereich. Und das war ätzende Sache Nr. 2. Nicht nur mussten wir von Kopf bis Fuß Schutzkleidung tragen inklusive Handschuhen, Mundschutz und Kapuzen, in der Produktionshalle war es auch noch so laut, dass an Gespräche nicht zu denken war und es stank so dermaßen, dass ich schon nach kürzester Zeit hämmernde Kopfschmerzen bekam. Wir mussten irgendwelche Plastikteile kontrollieren, was wir ebenso gut auch sonstwo hätten machen können, dafür muss man nicht direkt zwischen Maschinen sitzen.
Wie gut, dass ich das nur einen einzigen Tag machen musste. Als wir uns morgens zum Dienst gemeldet hatten, war ein Kerl aus einer anderen Abteilung gekommen und hatte gefragt, ob einer von uns ab dem nächsten Tag bei ihm arbeiten könne. In dieser anderen Abteilung gab es keinen Schichtdienst, dafür wurde jeden Tag eine halbe Stunde länger gearbeitet (was super war, ich wollte ja viele Stunden machen). Weil die anderen beiden Aushilfen keine Anstalten machten, sich zu melden – sie waren Freundinnen und wollten nicht getrennt werden – erklärte ich mich bereit dazu.

Und das war eine Sache, wegen der mein Stiefvater jah-re-lang beleidigt gewesen war. Wie konnte ich es auch wagen, seine Abteilung zu verschmähen, obwohl das Odeur doch so entzückend ist und die Geräuschkulisse so lieblich? Ich schwöre euch, er hat sich aufgeführt wie ein Kleinkind und ähnlich rumgebrüllt. Wenn ich drüber nachdenke, kann ich heute noch nur den Kopf schütteln und verstehe immer noch nicht, wie man das so aufbauschen kann.

Jedenfalls hatte ich die Abteilung eine Schicht lang kennen gelernt und hatte schon mehr als genug davon. Ich war extrem dankbar über die Chance, woanders zu arbeiten. Und wieder landete ich in – tada! – der Qualitätskontrolle!

Dieses Mal durfte ich wieder selber ran. Wochenlang durfte ich mich mit Verschlusskappen beschäftigen, keine Ahnung wofür, die etwa so groß waren wie das letzte Glied meines kleinen Fingers. Die Dinger sollten eigentlich gelb sein, doch irgendwie war Farbe in die Maschine gekommen, so dass einige dieser Kappen blau gesprenkelt waren. Ich nehme an, das hat ihre Funktionstüchtigkeit in keinster Weise beeinflusst, aber trotzdem schien das ein No-Go zu sein.
Meine Aufgabe war es also, die Tüten dieser Kappen á fünfhundert Stück nacheinander zu schnappen, an meinem Arbeitsplatz (ein Tisch in einem ruhigen Labor, in dem noch zwei Festangestellte saßen) auszukippen und durchzusehen. Acht Stunden täglich. Well, warum nicht, ne?

Natürlich nicht eine Kappe nach der anderen, sondern nur oberflächlich. Sprich, ich hab ca. zwanzig Kappen vor mich geschoben, drauf gestarrt, ein bisschen darin rumgewühlt, nochmal gestarrt und dann wieder zurück in den Beutel getan. So wurde es mir gezeigt und so machte ich es dann auch.

Damals hatte ich noch richtige Adleraugen. Man stelle es sich vor – das führte doch tatsächlich zu Problemen. Mehrmals meinte mein Vorarbeiter, wenn er sich die aussortierten Kappen ansah (es waren meistens nur fünf oder sechs pro Beutel) und eine fand, die nur ein ganz klein bisschen versaut war, sowas sollte ich drin lassen. Nicht, weil das nichts wäre, was aussortiert gehört, sondern weil eine Kappe mit SO kleinen Fehlern den Eindruck erwecken könnte, ich würde zu langsam arbeiten, denn ansonsten würde ich sowas ja gar nicht entdecken. Obwohl er jederzeit sehen konnte, dass ich haargenau das Tempo anschlug, das er mir vorgemacht hatte.
Da fällt einem nichts mehr zu ein, oder? Man wird heutzutage schon kritisiert, wenn man zu gut in seinem Job ist (auch wenn es nur sowas idiotisches ist). Was soll ich denn machen, wenn mein Blick halt auf so eine minimal-verfärbte Kappe fällt?
Ich sortierte also trotzdem alles aus, was ich fand. Prompt kam dann eines Tages der Big Boss der ganzen Chose durch die Abteilung flaniert, im Schlepptau irgendwelche Investoren. Als er ihnen demonstrieren wollte, was ich da mache, grabschte er nach einer Kappe, konnte aber partout keinen Fehler daran feststellen. Das brachte ihn richtig zum Stammeln, bis ich so gnädig war und ihm den Fehler zeigte (ein einziger blauer Spritzer, nicht größer als ein Nähnadelstich). Darüber musste ich sehr lachen, als er weg war, auch wenn ich ein bisschen Angst hatte, tatsächlich einen Anschiss zu bekommen, weil ich zu gründlich war (es kam aber keiner).

Ich arbeitete das Maximum an möglichen Tagen, die man arbeiten darf, ohne Steuern zu bezahlen, dann verabschiedete ich mich auch aus diesem Job, um ein Haufen Geld reicher – und die Erfahrung, dass gründliche Arbeit verdächtig ist 😀

Weiterlesen:
Teil 1: Prospekte austragen
Teil 2: McDonald’s
Teil 3: Fotolabor
Teil 5: Kellnern
Teil 6: Bäckerei
Teil 7: Prospekte – schon wieder

Wenn es darum ging, Geld zu verdienen, gab es in meinem Leben wirklich wenig, für das ich mir zu schade war. Deshalb habe ich auch kein Problem damit, meine Leser um eine kleine Spende in Form einer Tasse Kaffee zu bitten (via Paypal). Über ein wenig Unterstützung freue ich mich immer!