Willst du das Klima retten oder hasst du die Menschheit?

Wusstet ihr, dass nur 100 Unternehmen für satte 71% der weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich sind?

Vermutlich schon. Auf diese Zahlen wird sich seit einiger Zeit immer wieder dann berufen, wenn man es wagt, beim Thema Klimaschutz an die Verantwortung des Einzelnen zu appellieren. Sie dienen als Begründung, wieso persönliche Energiesparmaßnahmen wie öfter Rad zu fahren, weniger Fleisch zu essen oder auf Flugreisen zu verzichten nichts bringen und ein solcher Appell daher nicht nur falsch, sondern auch anmaßend ist.

Schließlich ist das alles ein Fliegenschiss gegen die riesige Umweltverschmutzung durch Großkonzerne. Bevor wir etwas ändern, sollen erstmal die zur Verantwortung gezogen werden, denn schließlich können wir ja nichts für deren Fahrlässigkeit.

Leider liegt genau hier der große Denkfehler.

Wenn diese Zahlen genannt werden, klingt das immer, als seien diese Unternehmen haargenau wie die furchtbar plakativen Schurken aus der alten Captain-Planet-Fernsehserie, die Müll und Dreck tatsächlich nur deshalb verursachen, weil sie die Erde hassen und Umweltverschmutzung einfach geil finden.

Nur sind diese Unternehmen keine Captain-Planet-Antagonisten. Die bittere und ebenso simple Wahrheit ist:

Sie erzeugen Emissionen, weil sie etwas produzieren – und zwar für UNS.

Die Emissionen zu eliminieren hieße, diese Produktionsprozesse zu stoppen. So – denkt ihr wirklich, wir würden das als Konsumenten nicht merken?

Richtig ist, dass diese Unternehmen natürlich jahrzehntelang den billigsten Weg gegangen sind und viel zu lange überhaupt keine Veranlassung hatten, in klimafreundliche Technologie/Produktion zu investieren. Das ist etwas, was z.B. die CO2-Steuer ändern soll. Die macht genau dieses Umrüsten nämlich plötzlich wirtschaftlich rentabel, wenn die Alternative wäre, einfach weiter Treibhausgase in die Luft zu blasen und dafür einen riesigen Berg Steuern bezahlen zu müssen.

Aber egal, welcher Weg gegangen wird: Es bedeutet nun mal immer mehr Ausgaben für die Unternehmen und diese werden sie NATÜRLICH an die Endverbraucher weiter geben. Ein Szenario, dass diese Unternehmen für ihre Anteil an den weltweiten Emissionen bestraft, die Profiteure ihrer bisher so umweltschädlichen Methodik aber nicht, ist schlicht unmöglich.

Mit Profiteuren sind hier leider die Konsumenten gemeint. Es ist eben NICHT unfair, für ein umweltschädlich produziertes Gut mehr bezahlen zu müssen als bisher, weil der Umweltschaden ja eigentlich von einem KONZERN verursacht werde – denn das tut dieser ja nicht aus Bösartigkeit, sondern nur, um UNSEREN Konsum zu befriedigen.

Die Zurückweisung persönlicher Verantwortung mit Hinweis auf die desaströse Ökobilanz diverser Unternehmen macht daher einfach keinen Sinn. Ein Umstand, der mir auch erst vor Kurzem schmerzlich klar geworden ist. Bis dahin habe ich auch gern Graphiken geteilt, die zeigten, wie viel Emissionen die bösen Großkonzerne zu verantworten haben. Nur: dass diese Konzerne für MICH arbeiten… bis mir dieser Gedanke kam, hat es peinlicherweise etwas gedauert.


Damit zur sozialen Gerechtigkeit. Wenn Konsumgüter alle teurer werden, trifft das natürlich in erster Linie Arme, die sich jetzt schon kaum etwas leisten können. Ein Vorwurf, der immer als allererstes kommt, wenn ich über dieses Thema schreibe. Meistens klingen die Kommentare, als sei mir das alles scheißegal, obwohl es das selbstverständlich nicht ist. Im Gegenteil. Das sind Fragen, an denen ich gewaltig knabbere. Umso geiler ist es natürlich, auf Twitter massenhaft zu lesen, ich würde arme Menschen hassen – wegen dieses Tweets:

Ich glaube, das größte Problem dabei war das Wort „Belastung“. Wenn ich schreibe, dass eine solche Preiserhöhung keine BELASTUNG wäre, dann meine ich damit nicht, dass arme Menschen bzw. Menschen allgemein dadurch keine Mehrbelastung finanzieller Art erleiden würden (was übrigens verdammt noch mal offensichtlich ist – für wie blöd haltet ihr mich???) , sondern dass dies die falsche Begrifflichkeit ist, wenn damit eine Steigerung von Dumpingpreisen auf realistische Preise gemeint ist. „Belastung“ geht hier am Punkt vorbei – genauso, wie man bei einem Fernseher, der bislang 500 Euro kostete und den man Dank Rabatt für 400 Euro bekommt nicht sagen kann, man hätte durch seinen Kauf 100 Euro gespart.

Bisher sind unsere Preise nicht realistisch, weil der Faktor der Öko-Bilanz aktuell in dieser Kalkulation schlicht fehlt.

Wir können nur deshalb das gesamte Jahr über billiges Obst kaufen, weil die Transportkosten dafür nahezu nichtexistent sind. Sie sind so gering, dass es sich für Unternehmen sogar während der Erntezeit eher lohnt, Zwiebeln aus Südafrika nach Deutschland zu karren, als einem regionalen Bauern dafür einen Preis zu bezahlen, von dem er auch leben kann. Dass heimische Zwiebeln eine wesentlich bessere CO2-Bilanz haben, interessiert in dieser Rechnung nicht, genauso wie es keine Berücksichtigung findet, dass die Rodung eines Stücks Regenwaldes für Ackerflächen ebenfalls einen negativen Einfluss auf diese Bilanz hat und daher eine ökologische Katastrophe darstellt!

Und das macht diese Rechnung falsch. Sogar mehr als das: Es ist der gottverdammte Grund, weshalb wir überhaupt in dieser Situation gelandet sind. Wäre Kerosin nicht so spottbillig, weil darauf praktisch nirgendwo auf der Welt eine spürbare Abgabe fällig wird, gäbe es eine globale Steuer auf CO2 und würde der ökologische Schaden, der bei diversen Produktionsprozessen passiert, in die Preisgestaltung einfließen, käme kein Unternehmen dieser Welt auf die Idee, nur um Lohnkosten zu sparen Ostfriesland-Krabben zum Pulen nach Marokko zu schicken und von dort wieder zurück, weil man dafür dann – völlig zurecht!!! – Mondpreise verlangen müsste!

Aber bisher passiert nun mal genau das (und noch so viel mehr). Wir haben Billionen Tonnen Treibhausgase in die Atmosphäre geblasen und damit unser Klima zerstört, weil es uns verdammt noch mal bisher nichts gekostet hat – wodurch Konsumgüter, die tausende Kilometer Transportweg hinter sich haben, schon immer viel zu billig sind. Wenn wir die Treibhausgase reduzieren wollen, müssen wir das ändern.


Es gibt noch etwas anders, was mich an dem Vorwurf, die Armen würden durch solche Maßnahmen am meisten leiden, schon die ganze Zeit stört. Gestern ist mir endlich klar geworden, was das ist, und es ist überraschenderweise nicht der (ziemlich offensichtliche) Umstand, dass die Armen natürlich auch dann leiden würden, wenn wir die Klimakrise nicht bewältigen, oder die unironische Gleichsetzung von Obdachlosen mit Leuten, die sich doch bitte weiterhin einen Urlaub leisten können sollen auf Twitter.

Dazu folgendes Beispiel:

Es dürfte Konsens sein, dass Fairtrade-Kaffee oder fair produzierte Klamotten was Gutes sind. Unter Linken herrscht aber ein fast ebenso großer Konsens darüber, dass man Leute nicht beschämen soll, die sich sowas nicht leisten können. Dieser Meinung bin ich auch.

Jetzt stellt euch aber mal vor, es würden plötzlich wirksame Maßnahmen zum Schutz der Menschenrechte verabschiedet, die die Ausbeutung auf den Kaffeeplantagen oder der Textilproduktion in Bangladesch beenden.

Würdet ihr dann auch sagen: „Aber wie sollen sich arme Leute denn jetzt nur Kaffee und Klamotten leisten?“

Vor ein paar Tagen wurde publik, dass unser Wirtschaftsministerium aktiv Gesetze blockiert, die Unternehmen zwingen würden, auf die Einhaltung der Menschenrechte in den Produktionsländern zu achten. Das hat für große Empörung gesorgt. Aber, naja… ist euch nicht klar, dass genau durch solche Gesetze die Preise steigen würden?

Natürlich kann man Produkte immer besonders billig anbieten, wenn sie in Sklavenarbeit produziert werden! Solche Produkte finden sich überall in deutschen und europäischen Geschäften! Solche Produkte kaufen Leute, die sich finanziell nicht den Luxus leisten können, Fairtrade zu wählen!

Man kann ihnen nicht verübeln, dass sie das aktuell tun, weil diese billigen Sachen nun mal DA sind, aber was heißt das nun, wenn wir den Gedanken weiter spinnen? Bedeutet das, dass man zusammen mit dem Wirtschaftsministerium GEGEN Gesetze sein muss, die Menschenrechte in den Produktionsländern garantieren, weil die dadurch zwangsläufig entstehenden Preiserhöhungen arme Menschen belasten???

Diesen Standpunkt kann man natürlich haben… doch auf diese Weise Sklaverei und desaströse Produktionsbedingungen in anderen Ländern zu unterstützen bzw. gar zu FÖRDERN erscheint mir nicht sehr links!

Genau dieser Standpunkt scheint aber nun legitim zu sein, wenn es um Klimaschutz geht – vermutlich, weil darunter ja keine Menschen leiden, sondern nur die Umwelt.

Aber Newsflash: Menschen sind Teil dieser Umwelt!

Und wie auch beim Thema Sklavenarbeit etc. verursachen wir, d.h. die Menschen in der sogenannten Ersten Welt, durch unseren Lebensstandard Schäden, die andere ausbaden müssen. Wir können noch billig leben, wenn ganze Inselstaaten schon im Meer versunken sind oder halb Indien unbewohnbar ist.

Dazu kommt allerdings noch der feine Unterschied, dass wir von den Auswirkungen dieser Ausbeutung nicht ewig verschont bleiben werden. Schon jetzt verursacht der Klimawandel auch in Europa Schäden in Milliardenhöhe. Diese Kosten tragen wir alle! Und das ist nur der finanzielle Aspekt. Die Klimakatastrophe bedroht aber nicht nur unsere Geldbeutel, sondern gesamte Existenz. Versteht ihr das nicht? Wenn wir nicht bald was tun, werden wir alle sterben.

Deshalb verzeiht mir, wenn ich das Argument „Aber dann wird alles teurer und das belastet Arme“ einfach nicht mehr hören kann. Zumal damit ja offensichtlich nur die Armen in Deutschland gemeint sind. Es sterben jetzt schon arme Menschen in Drittweltländern, nur weil wir es nicht einsehen, für ein Steak, das um die halbe Welt geflogen ist, mehr als ein paar Cent zu bezahlen.


Jetzt können ihr nach dieser Wall of Text natürlich höhnisch applaudieren und sagen: „Herzlichen Glückwunsch, du hast das Problem am Kapitalismus erkannt“ – nur beantwortet mir dann bitte eine Frage:

Angenommen, wir ziehen das eiskalt durch mit dem Kommunismus und führen den schon morgen ein, wollen aber gleichzeitig das Klima retten: Würde es dann mit unseren momentan existierenden technischen Mitteln immer noch Billigflieger, Billigfleisch und Billigmangos geben, obwohl all das massive Treibhausgas-Emissionen verursacht? Wie sollen wir all diese Probleme lösen, OHNE die Preise auf ein realistisches Maß zu heben?

Wenn Konsum klimaschädlich ist, wie soll dann ein Klimaschutz funktionieren, der nicht irgendeine Art von Verzicht bedeutet?

Falls ihr darauf eine Antwort habt: Geil, her damit, und lasst mich euch bei der Gelegenheit gleich die Füße küssen!
Falls nicht: Wieso bin ich die Böse, nur weil ich das auch nicht kann?

Es geht hier nicht um die Preise. Selbst wenn wir alle Unternehmen enteignen und in Zukunft die Gewinne in Form von niedrigen Preisen an die Verbraucher weiter geben, löst das keine Klima-Probleme.

Ist das wirklich so schwer zu verstehen?


Die Frage, wie Klimaschutz gehen soll, ohne diejenigen zu ruinieren, die ohnehin schon zu wenig haben, wird bereits breit diskutiert, was an denen, die mich auf Twitter attackieren, offensichtlich komplett vorbei gegangen ist. Eine Umweltabgabe in Form einer CO2-Steuer wird deshalb nicht nur von rechten Bonzen, sondern auch armen Linken abgelehnt. Resultat einer ideologischen Diffamierungskampagne von CDU, FDP, AfD und leider auch linker Sammelbewegungen.

Vollkommen außer Acht gelassen wird dabei von allen die Klimaprämie, die integraler Bestandteil dieses Vorschlags ist und dafür gedacht ist, Arme zu entlasten. Sie sieht grob vor, die Einnahmen aus der CO2-Steuer in Form einer Pro-Kopf-Pauschale zurück an die Bürger zu geben, womit diejenigen mit einem unterdurchschnittlichen Verbrauch profitieren würden, größere Klimasünder aber nicht. Guess what? Das sind die Reichen. Es gibt in unserem jetzigen System kaum eine einfachere Methode, Geld von oben nach unten umzuverteilen als durch eine Emissionssteuer, weil arme Menschen davon im Schnitt nun mal sehr viel weniger verursachen, da sie insgesamt einfach weniger (und v.a. nicht so blind) konsumieren. Setzt man die Pro-Kopf-Pauschale dann auch noch ab einem gewissen Einkommen aus, was meine persönliche Idee dazu ist, bleibt für die Menschen darunter sogar noch mehr übrig.

Klimawandel arme reiche
Quelle

Es gibt noch andere Ideen. Es wurde auch angedacht, eine gewisse Anzahl an Flügen (es waren meine ich drei pro Jahr und Person) relativ preisgünstig zu halten, alles was darüber geht aber massiv zu besteuern, was v.a. Manager trifft, die dieses Kontingent bereits in einer Woche verbrauchen, weil sie alle zwei Tage von München nach Berlin fliegen, nur um mit einem ach so wichtigen Kunden Mittag zu essen und zu koksen. Ich persönlich wäre auch sehr für eine komplette Subventionierung individueller Maßnahmen zur Wärmedämmung, Energieversorgung (in Form von Solarpanels auf allen Dächern) oder E-Mobilität. Ich würde darüber hinaus gerne sofort den gesamten ÖPNV kostenlos machen, SUVs, Yachten, Privatflugzeuge und Kreuzfahrten auf der Stelle verbieten und RWE enteignen – man wird ja noch träumen dürfen.

Es gäbe bestimmt noch mehr gute Einfälle, wenn sich nicht alle so darauf versteifen würden, klimafreundliche Maßnahmen zu blockieren, nur weil sie GLAUBEN, es würde hauptsächlich arme Menschen treffen, da sie sich mit den Lösungsvorschlägen noch nie beschäftigt haben. Stattdessen wird verlangt, dass ich bereits alle parat habe, während von ihnen selbst keinerlei Ideen zu einem sozialverträglichen Klimaschutz geliefert werden. Eine reine Anti-Haltung, die ich im Hinblick auf die drohende Katastrophe echt nicht nachvollziehen kann.

Der Grund, weshalb ich hier nach staatlicher bzw. globaler Regulierung rufe (was, liebes Twitter, übrigens das Gegenteil eines neoliberalen freien Marktes wäre), ist folgender:

WEIL ES SONST NICHT FUNKTIONIERT!!! Natürlich nicht! Die Leute werden nicht von sich aus ihren Lebensstandard so weit senken, dass es einen Unterschied macht!

Und zu denen gehöre ICH übrigens auch! Ich fresse viel zu viel Fleisch, habe nur kein Auto, weil ich es mir nicht leisten kann und sollte ich mal die Gelegenheit bekommen, mit meinem Freund spottbillig Kuba zu besuchen, säße ich schneller im Flieger, als ihr „scheinheilig“ buchstabieren könnt!

Und wieso? Weil ich einem solchen Angebot nicht widerstehen könnte! Weil ich schwach bin und faul und es nicht einsehe, wieso ich mich einschränken soll, wenn das Flugzeug am Ende ja trotzdem voll wird! Mit anderen Worten: Weil ich ein normaler Mensch bin, der zwar eine Scheißangst vor dem Klimawandel hat, aber von sich aus trotzdem zu wenig tut! Genau dafür braucht es Gesetze und wenn ich danach meinen Traum aufgeben muss, in Kuba am Strand Rum zu trinken, ist das eben so!


Es gibt leider wirklich nur zwei Möglichkeiten:

Wir leben noch ein paar Jahre weiter wie bisher und nehmen damit hin, dass der Planet in absehbarer Zeit unbewohnbar wird – oder wir akzeptieren, dass die Menschheit nur überleben kann, wenn wir auf gewisse Dinge verzichten.

Wer bei dieser Frage lieber die erste Antwort wählt, hasst vermutlich einfach die Menschheit. Dann soll er mir aber bitte nicht mit den Armen kommen. Die gehören schließlich auch zur Menschheit.


Da ich leider anders als seit gestern von vielen behauptet eben nicht superprivilegiert und reich bin, sondern im Gegenteil auch ziemlich nah am Existenzminimum lebe, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee. Garantiert CO2-neutral, weil ich nämlich gar keinen Kaffee trinke.

#nudelnmitketchup – über dieses Hashtag (und über mich)

Erst muss ich mal ein Geständnis machen. Aufgepasst. Wird hart. Fertig? Also los:

Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie Nudeln mit Ketchup gegessen.

Also, Nudeln mit Ei und Ketchup, okay, öfter. Oder Nudeln mit zu wenig Käsesoße, aufgepeppt mit Ketchup. Aber einfach nur Nudeln mit NUR Ketchup, daran kann ich mich nicht erinnern.

Trotzdem steht dieses Gericht auch bei mir metaphorisch für Elend, Armut, am-Existenzminimum-herum-krebsen. Deshalb habe ich diesen Hashtag vorgeschlagen.

Aber warum eigentlich? Mal ein bisschen Chronologie:

Gestern also dieser doofe Spiegelartikel, dessen Titel ich schon Stunden vorher gelesen hatte, ohne ihn anzuklicken, weil ich mir schon dachte, dass sich da nichts grandioses hinter versteckt, den ich dann aber doch lesen musste, nachdem sich einige Leute in meiner Timeline über ihn aufregten.
Tatsächlich fand ich ihn relativ harmlos. Das Schlimmste daran war eigentlich, dass er einfach nicht sonderlich witzig ist (um eine Bloggerkollegin zu zitieren: „Das ist doch nicht lustig :/“). Aber manchmal verursachen auch Nichtigkeiten eine Lawine, wenn sie den richtigen Nerv treffen.

Aber ich greife vor. Jedenfalls hat mich diese locker-elitäre Scheißegalhaltung des Autors ein bisschen genervt. Zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht mehr. Das ist einfach eine Art Klassismus, die einem viel zu oft begegnet, als dass es mich noch groß stören könnte, und eigentlich kann er persönlich ja auch nichts dafür, aus einer Akademikerfamilie zu stammen (falls es denn stimmt) und gar nicht zu wissen, was für ein Scheißglück er hatte, gleich dreimal studieren zu können.

Aber ja, es nervt halt. Also gab ich ein Statement ab, das noch gar nicht so sehr gegen irgendjemand im Speziellen ging:

Damit hätte es eigentlich schon erledigt sein können (abgesehen von meiner leichten Verwunderung, dafür für meine Verhältnisse so viele Retweets zu kassieren – ich bin normalerweise schon wegen einem überglücklich). Aber dann fing @harryliebs an, ein paar Erlebnisse zu twittern, z.B. das hier:

Und da wurde mir klar: Das braucht doch nen Hashtag!

Zusammen mit @harryliebs und @Marenleinchen66 gab es dann ein bisschen Brainstorming, bis der Hashtag das Licht der Welt erblickte. Ich posaunte es raus, schrieb ein paar Tweets und ging schlafen.

Und jetzt? Dieser gottverdammte Hashtag ist momentan Platz 1 in den Trends und ich hab plötzlich 50 Follower mehr (wenn man bedenkt, dass ich vorher nur 83 hatte…!).

Das muss man sich mal reinziehen!!! Vorgestern, als sich ein neuer Follower zu mir verirrte, dachte ich noch: „Yay, wenn es so weiter geht, bin ich in ein paar Monaten dreistellig! Meinen 100. Follower begrüße ich dann aber persönlich!“ – Und jetzt ging das über Nacht so schnell, dass ich gar nicht sehen konnte, wer jetzt Nummer 100 gewesen war.

Das macht mich ein bisschen stolz (irrationalerweise – ich hab ja eigentlich nix gemacht). Aber während ich wirklich versuche, alle #nudelnmitketchup-Tweets zu lesen, gibt es natürlich darunter (neben dem üblichen Getrolle) auch reflexartig Kritik. Zumindest einen Kritikpunkt – nämlich, dass es uncool ist, nur über Klassismus im Unialltag zu twittern – kann ich sogar nachvollziehen.

Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass ich eh nicht glaubte, irgendjemand außer zwei oder drei der Follower, mit denen ich mich öfter unterhalte, würde den Hashtag benutzen. Ich bin gleichzeitig aber heilfroh, dass ein anderer Vorschlag (#art26, nach Artikel 26, dem „Recht auf Bildung“ in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte) verworfen worden ist, denn DER wäre dann wirklich nur auf Schul- und Unialltag beschränkt gewesen. #nudelnmitketchup hingegen darf gerne für alle Klassismuserfahrungen benutzt werden, die es so gibt – es würde mich sogar freuen.

Dennoch nervt es mich extrem, wenn einige, die sich quasi berufsmäßig mit Privilegien welcher Art auch immer beschäftigen, direkt eine solche Aktion kritisieren, weil es Leute „ausschließt“ oder „unsichtbar macht“, und anregen, doch direkt mal eine Diskussion über die Strukturen und Mehrfachdiskriminierungen etc. anzufangen.

Sorry, aber das ist mir zu akademisch und in meinen Augen auch Klassismus. Und genau daran krankte auch diese sogenannte „Klassismus-Debatte“ (die in meinen Augen keine war – zwei oder drei saudumme „Beschwert euch nicht!“-Artikel neben vielen, vielen krassen Erfahrungsberichten von Betroffenen machen noch keine Debatte!), von der im März die Rede war und von der ICH beispielsweise an prominenter Stelle ausgeschlossen wurde, weil ich mit der Meinung mancher Leute nicht konform gehe, was ich einfach nur unglaublich verletzend fand (mich allerdings nicht sonderlich überraschte).

Ich finde es okay, erst einmal Erfahrungsberichte zu sammeln, ein Bewusstsein zu schaffen. Muss man das innerhalb kürzester Zeit akademisieren?

Sollte das Hashtag noch ein paar Stunden überleben, wird sich diese Frage leider nur allzu schnell beantworten -.-

Für mich persönlich stellt sich jetzt allerdings ein anderes Problem, wenn ich die ganzen Tweets lese. Ich fange an, mich schlecht zu fühlen, wenn ich von Leuten lese, die tatsächlich oft nichts anderes zu essen hatten. Das ist einfach nur so megascheiße und tut mir unheimlich leid.

Ich wäre wahrscheinlich öfter auch nicht drumrum gekommen, wenn ich nicht vom Land käme und wir nach der Maxime leben würden: Hauptsache Essen auf dem Tisch, der Rest ist Luxus. Zwar esse ich auch heute noch meistens nur Nudeln, aber wenigstens habe ich eine ordentliche Soße dazu (= passierte Tomaten mit Gewürz und vielleicht Käse und so). Denn auch in der Zeit, als es mir finanziell am schlechtesten ging und ich nach Abzug aller Fixkosten noch 200 Euro zum Leben hatte, habe ich davon erst Essen gekauft und wenn dann nichts mehr übrig war, musste ich halt kucken, wie ich mich den Rest des Monats selbst unterhalte (zum Beispiel, indem ich mich hinsetzte, um meine einzige Jeans zu flicken).

Inzwischen geht es mir etwas besser. Ich befinde mich momentan in einer seltsamen Grauzone. Ich habe tatsächlich 30.000 Euro Schulden wegen meines Studienkredits – aber ich habe auch 3000 Euro auf meinem Girokonto. (Richtigerweise müsste ich also von 27.000 Euro Schulden reden. Man möge mir es verzeihen.)
Das Geld habe ich in den letzten zwei Jahren gespart, als ich endlich einen Job fand. Der Lohn besserte meinen monatlichen Studienkredit in einer Weise auf, die mir endlich ein wenig Luft verschaffte. Heute kann ich sagen, dass ich mich nicht mehr in einer Kneipe an einem Cola festhalten muss, weil es für mehr nicht reicht, sondern auch mal auf den Putz hauen kann, wenn ich will.

Aber oft genug, wenn ich gerade irgendwo stehe und was sehe, was ich haben will und ich einfach glücklich bin, weil ich es mir LEISTEN KANN – oft genug fallen dann urplötzlich meine Schulden auf mich herab wie das Beil einer Guillotine. Und das war’s dann mit der Freude.

Ich denke, ich bin weit davon entfernt, wirklich arm zu sein. Das ist mir klar, das habe ich auch schon in meinem ersten Beitrag über Klassismus heraus gestellt, hoffe ich. Dennoch habe ich einige unschöne Dinge erlebt, bin genervt von Kommilitonen, die einfach nicht checken, dass nicht jeder so viel Geld hat wie sie, kenne das Gefühl, wenn plötzlich 5 Euro fehlen und man nicht weiß, wen man anpumpen soll, weil man sich so schämt.

Natürlich sind das alles irgendwie first world problems. Ich hätte ja auch einfach eine Lehre machen können, wie mir meine Oma nicht müde wird vorzuhalten. Auch will ich auf gar keinen Fall den Eindruck erwecken, alle meine Probleme resultierten aus klassistischen Benachteiligungen. Da spielt noch sehr viel mehr mit rein, unter anderem ein paar persönliche Befindlichkeiten und dann auch noch schlicht die Tatsache, dass ich ebenfalls ein Uni-Loser bin. Ich hätte schon vor Jahren fertig sein können – dass ich es nicht bin, daran hat z.B. der aus finanziellen Gründen nicht zu vermeidende Umstand, oft bis spät nachts oder früh morgens arbeiten zu müssen und dann am nächsten Tag einfach zu kaputt zu sein, um ein Unibuch in die Hand zu nehmen, nur marginal Anteil.

An vielen, vielen Dingen bin ich selbst Schuld. An anderen aber halt auch nicht. Und das ist scheiße – unabhängig davon, dass ich die größte Scheißzeit hinter mir habe und endlich Hochdeutsch kann und der ganze andere Schrott.

Gleichzeitig heißt das jedoch nicht, dass ich andere nicht sehe, denen es viel dreckiger geht, ob sie jetzt studieren oder nicht. Ich hoffe einfach sehr (gegen besseres Wissen…), dass diese unbedarfte Aktion, die plötzlich zu einer Lawine wurde, die für mich viel zu groß ist (was aber doch auch nur deutlich zeigt, wie unzufrieden viele mit dem bestehenden System sind), weiter geht, ohne dass es plötzlich in einer Schlägerei nach allen Seiten ausartet und jeder dem anderen die Butter auf der Stulle nicht gönnt. Man kann sich über bestehende Ungerechtigkeiten beschweren, ohne die Leute zu vergessen, denen es noch viel schlechter geht.
Ich frage mich immer, ob Leute, die so etwas anprangern, null multitaskingfähig sind, denn ich kann in der Tat an beides gleichzeitig denken (und noch einiges mehr).

Vergessen wir doch bitte nicht die wahren Feinde. Nämlich die Bonzen da oben :mrgreen:

Einer davon schreibt jetzt also für Spiegel Online. Wie gesagt – ich gönne es Leuten wie ihm ja, nicht bedürftig zu sein. Wenn ich studierte Eltern hätte und die Möglichkeit, gleich dreimal ein Studium anzufangen, hätte ich es vielleicht auch gemacht. Nur ist das eben halt auch keine Leistung. Das scheinen er und die anderen Wohlstandsbubis leider oft zu vergessen, wenn ich mir jetzt ansehe, wie er sich über #nudelnmitketchup lustig macht. Dabei fing er gerade an, mir Leid zu tun, weil ich nicht davon ausgegangen bin, dass er den jammerigen sexistischen Unterton und den subtilen klassistischen Hauch, der sich durch seinen Text zieht, wirklich bewusst beabsichtigt hat, und er dieses ganze Gebashe vielleicht nicht verdient hat.

Aber naja, das war halt einmal -.-

Er wird jetzt also bald „Literarisches Schreiben“ studieren. DAS wäre ja was. Ein absoluter Traum für mich. Stattdessen studiere ich Lehramt, also was langweilig-bodenständiges, weil ich mir allein den Gedanken, später vielleicht aufgrund eines unnützen Abschlusses, der auf einem reinen Interessenstudium basiert, keinen Job zu haben, nicht leisten kann (ich werde trotzdem mit aller Kraft versuchen, eine gute Lehrerin zu sein, wenn es mal soweit ist – aber mein Lebenstraum ist es halt nicht gerade).

Ich würde mir wünschen, dass er und alle anderen, die sich jetzt so smart darüber lustig machen, vielleicht irgendwann verstehen, wie es ist, nicht alle Möglichkeiten offen stehen zu haben.

Aber auch das ist wohl nur so ein blödsinniger Traum.

Gibt es eine bessere Gelegenheit, um Geld zu betteln? Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Ich trinke zwar keinen Kaffee, aber das muss ja niemand wissen.