Ein erfolgreiches kleines Familienunternehmen

Sie reicht mir begeistert eine Stellenanzeige für eine Konditorei.

„Wie findest du das? Darauf will ich mich bewerben!“

„Hm. Klingt ja irgendwie cool, aber dafür hast du doch nicht die Voraussetzungen?“

„Wieso?“

„Naja, hier steht, man braucht Erfahrung mit Lebensmitteln und die hast du ja nicht.“

„BITTE?! Ich habe dreißig Jahre lang einen Haushalt geführt!“

Meine Mami. Manchmal feiere ich sie 🙂

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Ich trinke zwar keinen Kaffee, aber das muss ja niemand wissen.

Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 7: Prospekte. SCHON WIEDER.

Nachdem ich mein Engagement mit der Bäckerei irgendwie so hab auslaufen lassen, ohne je richtig gekündigt zu haben, folgte eine lange Zeit der finanziellen Unsicherheit und erfolglosen Suche nach neuen Jobs.

Inzwischen war ich komplett in meine Unistadt gezogen, was meine Möglichkeiten eigentlich hätte vergrößern sollen, aber dem war nicht so. Monatelang suchte ich und fand einfach NICHTS. Sehr gerne hätte ich gekellnert, aber ich wohnte damals noch in einem Außenbezirk, den ich nachts ohne Busse nicht mehr hätte erreichen können, wenn ich Feierabend gehabt hätte. Ich suchte also weiter, aber gute Jobs sind in einer Studentenstadt doch ziemlich rar gesät.

Schließlich wurde ich aber doch fündig – ich entdeckte ein Jobangebot in einem Online-Kleinanzeigenmarkt, das nur wenige Minuten zuvor eingestellt worden war. Sofort rief ich an und hatte ihn damit ergattert!

Wieder sollte ich etwas austragen, dieses Mal für sowas wie die Handelskammer. Eigentlich waren es keine Prospekte, sondern hauptsächlich Flyer, aber auch Poster und Sticker für verschiedene Aktionen wie einem verkaufsoffenen Sonntag oder ähnliches. Aber der eigentliche Unterschied betraf den Lohn: Ich wurde nach Stunden bezahlt, nicht nach Stückzahl! Und damit war der Austrägerjob offiziell plötzlich gar nicht mal so schlecht!!

Es waren zwar nur 7 Euro/Stunde, aber trotzdem. Immerhin mehr, als ich im Job davor bekommen habe. Und stand ich davor praktisch unter ständiger Beobachtung – in der Bäckerei musste ich immer damit rechnen, unangemeldet von der Bezirksleiterin kontrolliert zu werden, so dass ich ununterbrochen beschäftigt tun musste, ob ich Arbeit hatte oder nicht – war ich nun FREI.

Ich erledigte meine Arbeit natürlich, aber überwacht hat mich keiner. Ich nehme an, hätte ich die Flyer einfach in den Müll geschmissen, wäre das ziemlich schnell rausgekommen, doch solange sie nur irgendwie ihr Ziel erreichten, interessierte niemanden, wie ich mir die Route und die Zeit einteilte. Manchmal bekam ich eine Liste und musste Werbemittel in Geschäfte bringen, die sie bestellt hatten, aber meistens war es nicht mal das. Oft packte ich mir einfach den Trolley voll und zog los in ein bestimmtes Viertel, wo ich Flyer in öffentlichen Gebäuden auslegte oder in Geschäften fragte, ob ich ein paar dalassen könne. Nur einmal musste ich Flyer auf der Straße verteilen, was wirklich megaätzend war, aber das war nur eine Stunde.

Im Winter wäre die Arbeit sicher die Hölle gewesen; aber ich fing im Frühsommer an und das war ziemlich chillig. Es war meistens warm und die Sonne schien. Perfekte Bedingungen, um einfach mal ein bisschen durch die Stadt zu flanieren, auch wenn ich dabei einen Trolley hinter mir herzog. Wirklich, lockerer hätte der Job kaum sein können.
An einigen Tagen sollte ich Flyer in eine Gegend bringen, die mit dem Bus eine halbe Stunde entfernt lag. Das war schon fast unverschämt lässig. Ich stieg mit einem Pack Flyern in den Bus ein, fuhr eine halbe Stunde rum und las dabei ganz gemütlich, stieg am Ziel aus, verteilte etwa eine halbe Stunde mein Zeug und setzte mich danach in den Bus zurück, um wieder eine halbe Stunde zu lesen. Effektiv gearbeitet habe ich an diesen Tagen somit kaum, wurde aber trotzdem voll bezahlt. Ein Traum! ^^

Dennoch habe ich diese ungewohnte Freiheit, so hoffe ich, nicht, äh, übermäßig ausgenutzt. Ich erledigte meine Touren und stoppte nur nach der Hälfte der Zeit für ca. zehn Minuten, um eine zu rauchen und in mein Wurstbrot zu beißen. Danach ging es weiter. Es war schlicht und ergreifend supereasy.

Ich war entweder allein oder wurde von einer zweiten Aushilfe begleitet. Schnell hatte ich in der Belegschaft ein Mädel gefunden, mit dem ich mich super verstand. Also wurden wir immer zusammen losgeschickt. Damit verging die Zeit im Supertempo, weil wir uns auf den ganzen Touren unterhalten konnten, ohne dass es jemanden gestört hätte.
Dieses Mädel nahm es allerdings manchmal doch ein bisschen zu lax, hatte ich den Eindruck. Manchmal stoppten wir vor einem Supermarkt, um uns einen Snack zu kaufen, was sich dann allerdings immer zu einer halben Einkaufstour dehnte. Und einmal fragte sie mich, als wir an einem Restaurant vorbeigingen, doch tatsächlich, ob wir uns da nicht hinsetzen und eine Pizza essen sollten, was ja mal mindestens eine halbe bis dreiviertel Stunde gedauert hätte. Das habe ich dann abgelehnt, weil es maximal unverschämt gewesen wäre.

Natürlich war auch das kein Job, der mich großartig intellektuell forderte, aber an sich war er ganz cool. Er hatte nur einen Haken: Ich bekam nicht genug Stunden zusammen. Manchmal konnte ich dreimal die Woche arbeiten gehen, dann wieder eine Woche gar nicht. Zusätzlich waren die Schichten von maximal fünf Stunden einfach zu kurz, um wirklich Geld zu scheffeln. Mir wurde also klar, dass ich noch einen zweiten Job brauchte.

Und endlich, endlich kam ich in die Branche, in die ich strebte: Die Kellnerei! Mein Chef war der einzige Wirt, der mich zur Probearbeit einlud, weil alle anderen Erfahrung verlangten, die ich (abgesehen von den wenigen Wochen in der Shisha-Bar) einfach nicht hatte. Es war das übliche Dilemma – wie soll man Erfahrung sammeln, wenn niemand jemanden ohne Erfahrung einstellt? Aber mein Chef hat mir ne Chance gegeben, woran ich mich immer wieder erinnern muss, wenn ich ihm mal wieder den Kopf abreißen will.
Außerdem war ich inzwischen näher in die Innenstadt gezogen, so dass der Heimweg kein Problem mehr war. Ich hatte also ZWEI Jobs, mit denen ich endlich auf meine 400 Euro im Monat kam!

Wenn auch nicht lange. Ich glaube, ich habe dabei einfach viel zu krass übertrieben, völlig high davon, endlich Geld zu verdienen. Niemand zwang mich schließlich, gewisse Schichten zu übernehmen, aber ich nahm trotzdem so viel, wie ich kriegen konnte. So kam es, dass ich ungefähr zwei Monate lang an einigen Tagen pro Woche um 11 Uhr aufstand, um von 12 bis 17 Uhr Flyer zu verteilen. Um 17:30 Uhr war ich zuhause, wo ich schnell was aß und mich eine Stunde hinlegte, um für meine Schicht in der Kneipe um 20 Uhr fit zu sein. Ich war dann meistens erst gegen 3 oder 4 Uhr zuhause und brauchte dann noch mindestens eine Stunde, bis ich Einschlafen konnte. Am nächsten Tag dann wieder um 11 Uhr aufstehen etc. pp.

Das machte ich wie gesagt nur wenige Wochen, dann kroch ich total auf dem Zahnfleisch. Ich dachte, ich müsste mich für einen Job entscheiden und wählte die Kneipe. Dort bekam ich zwar 50 Cent weniger die Stunde, aber mit Trinkgeld konnte sich mein Stundenlohn manchmal verdoppeln, weshalb es sich schlicht mehr lohnte.
Eigentlich hatte ich geplant, bei meiner Austragerei nur mal eine Woche Pause einzulegen, was ohne Probleme ging, aber die Zeit, nach der ich mich melden wollte, wurde länger und länger und so war ich schließlich nur noch Kellnerin.

Heute ärgere ich mich ein wenig darüber. Ich hätte einfach die Stunden reduzieren bzw. die Schichten besser planen sollen, dann hätte das weiterhin gut geklappt. So hätte ich dann Überstunden aufbauen können, die mir in der Prüfungsphase etc. trotzdem einen vollen Lohn garantiert hätten. Zumal der Job einfach wirklich chillig gewesen war. Aber naja. Spätestens im Herbst wäre das bei schlechtem Wetter vermutlich auch sehr unangenehm geworden, deshalb ist es wohl okay.

Seitdem gehe ich nun kellnern, was mir meistens noch ziemlichen Spaß macht, auch wenn das Arbeitsklima manchmal ein Desaster ist. Aber nach fast 3 Jahren in diesem Job ist es definitiv die Branche, in der ich mich am wohlsten fühle!

Weiterlesen:
Teil 1: Prospekte austragen
Teil 2: McDonald’s
Teil 3: Fotolabor
Teil 4: Fabrik
Teil 5: Kellnern
Teil 6: Bäckerei

Wenn es darum ging, Geld zu verdienen, gab es in meinem Leben wirklich wenig, für das ich mir zu schade war. Deshalb habe ich auch kein Problem damit, meine Leser um eine kleine Spende in Form einer Tasse Kaffee zu bitten (via Paypal). Über ein wenig Unterstützung freue ich mich immer!

Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 5: Kellnern, der erste Versuch.

Kellnern fand ich schon immer cool, aber meine ersten Schritte in dieser Branche führten mich in ein absolutes Desaster.

Als ich zu studieren anfing, finanzierte mich meine Mutter, allerdings hielt sie mich ziemlich knapp. Große Sprünge waren nicht möglich, also ging ich auf die Suche nach einem Job und wurde in einer meiner Stammkneipen fündig.

Eigentlich war es keine Kneipe, sondern eine Shisha-Bar, in der meine beste Freundin und ich manchmal rumhingen. Dort bekam ich dann zufällig mit, dass der Wirt eine Aushilfe suchte und meldete mich sofort. Weil er mich kannte, wurde ich vom Fleck weg eingestellt, obwohl ich keine Erfahrung hatte.

Darüber machte ich mir aber keine Sorgen. Ich wusste, ich kann das. Und tatsächlich war es dann auch so. Ich musste nicht zapfen, womit mit das Schwierigste an der Kellnerei schon mal wegfiel. Dafür hatten wir ca. 15 verschiedene Kaffeesorten und nochmal so viel Tee, aber auch das hatte ich schnell drauf. In diesem Job lernte ich, den perfekten Latte Macchiato zu machen – was ein bisschen doof ist, denn ich trinke überhaupt keinen Kaffee. Aber irgendwann werde ich damit mal jemanden mit der passenden Kaffeemaschine richtig glücklich machen, also ist das okay.

Aber obwohl die Arbeit an sich gut lief und mir das Kellnern Spaß machte, blieb ich nur wenige Wochen in dem Laden, weil der Chef mich massiv sexuell belästigte.

Es fing mit ein paar blöden Sprüchen an, wurde aber schnell richtig schlimm. Wenn Gäste da waren oder die zweite Kellnerin – oder, natürlich, seine Frau (!!) – hielt er sich zurück. Aber jeden Sonntag fing ich eine Stunde vor der anderen Kellnerin an und meistens waren zu dem Zeitpunkt auch keine Gäste da.
Leider wusste ich damals nicht, wie ich mich dagegen wehren sollte. Ich war Anfang Zwanzig und hatte keine Ahnung, was ich dem entgegen setzen konnte. Das kann man sich heute vielleicht nicht mehr vorstellen, wenn man mich kennt, aber damals war ich absolut hilflos.

Meine Freunde halfen nicht so wirklich. Klar, sie fanden das total scheiße von ihm, aber so richtige Entrüstung, die mir gezeigt hätte, wie FALSCH das ist, konnten sie nicht aufbringen. ICH würde keine Freundin so hängen lassen – aber das zeigt mir im Rückblick nur, wie läppisch sexuelle Belästigung eingeschätzt wird.

So stand ich dann da und machte einen Tee, während er mich von hinten umarmte, seinen Schwanz an meinen Arsch rieb und meinen Nacken küsste, und konnte gar nichts tun, außer mich ihm entwinden. Heute würde ich ihm mein Knie zwischen die Beine rammen. Und nein, das halte ich NICHT für übertrieben. Wer jetzt rumweinen will, dass Gewalt gegen Männer ja ach so akzeptiert sei, darf seine Beschwerde gerne schriftlich an den Papierkorb seiner Wahl richten.
Er war ein hässlicher, ekelhafter Wicht, dem ich auf jede erdenkliche Art zu verstehen gegeben habe, dass ich das nicht will. Aber es war ihm egal. Ihm war auch egal, dass er verheiratet war. Er bedrängte mich und interessierte sich einen Scheißdreck dafür, dass ich weder seine dumme Sprüche hören, noch seine dreckigen Pfoten oder seine Schwulstlippen an mir spüren wollte.

Ich trug das lange mit mir herum. Wie gesagt, meinen Freunden hab ich davon erzählt, aber nicht meinen Eltern. Die waren froh, dass ich einen Job hatte, durch den ich wenigstens ein paar Stunden am Wochenende beschäftigt war und ein bisschen Geld verdiente. Damals lief es familiär nicht so gut, deshalb wäre ich im Traum nicht auf die Idee gekommen, mich meinen Eltern mitzuteilen – obwohl mein Stiefvater von einem auf den anderen Moment aufdrehen kann und DAS nicht einfach so hingenommen hätte. Und meine Mutter… ach, keine Ahnung, wie die reagiert hätte.

Jedenfalls grübelte ich viel zu lange darüber nach, statt tätig zu werden. Es war klar, dass ich damit allein zurecht kommen musste. Niemand würde mir helfen. Selbst die andere Kellnerin, eine Frau in den Vierzigern, schien das doch teilweise mitzukriegen – und deswegen sauer auf MICH zu sein. Vermutlich war ich für sie die kleine Schlampe, die vom Chef einen Bonus bekommt, weil sie sich betatschen lässt (dabei hab ich nie irgendwas in der Art bekommen).

Mit der Zeit steigerte ich mich innerlich in eine riesige Wut rein – vor allem auf mich selbst. Mein Lebensziel war es doch, mutig zu sein, wieso konnte ich das in diesem Fall nicht? Ich hasste mich selbst dafür. So wollte ich nicht sein – ängstlich, duckmäuserisch, ein leichtes Opfer. Wer war dieser Typ schon? Warum hatte ich solche Angst, ihm einfach klipp und klar meine Meinung zu sagen? Nur wegen DEN paar Kröten?

Es gärte in mir, aber irgendwann trat ich mir innerlich selbst in den Arsch. Bei der nächsten Aktion, so schwor ich mir, würde ich etwas sagen und mit den Konsequenzen leben. Ich musste nur meine Wut anzapfen, die schon immer mein bester Antrieb gewesen war.

Kurz darauf war es soweit: Bei der nächsten Schicht ging ich in die Küche und er gab mir im Vorbeigehen einen Arschklaps. Bescheuerterweise dachte ich sogar sekundenlang darüber nach, ob das jetzt überhaupt, naja… „zählt“, so verglichen mit einem Schwanz, der sich ungebeten an mir reibt… aber ich kam schnell zur Besinnung.
Ich drehte mich also zu ihm um, lächelte ihn strahlend an und sagte ihm, dass er eine fängt, wenn er das nochmal macht.

Seine Reaktion war Gelächter. Vielleicht hielt er das Ganze nur für ein Spiel, das gerade die nächste Stufe von „Ach, die kleine Bitch ziert sich nur“ erreicht hatte. Aber irgendwas an meiner extrem coolen Reaktion schien ihm zu zeigen, dass ich das vollkommen ernst meinte.
Während er lachte, drehte ich mich um und machte eine neue Kohle fertig. Vielleicht war es ja DAS gewesen – dass ich die Frechheit besessen hatte, ihm den Rücken zuzudrehen. Jedenfalls erstarb sein Lachen irgendwann. Ich konnte ihn nicht sehen, aber regelrecht fühlen, wie es in ihm zu arbeiten begann. Und schließlich meinte er angepisst: „Ich hab schon gegen zehn Russen gleichzeitig gekämpft – was willst DU kleine Frau da denn machen?“

Eine mehr als offensichtliche Drohung. Aber ich hatte tatsächlich die nächste Stufe erreicht. Es half irgendwie, an meinen Bogen zu denken und daran, ihm einen Pfeil mitten in seine dumme Fresse zu schießen. All die Angst von vorher war wie weggefegt. Wäre ich noch cooler gewesen, wäre ich erfroren. „Werden wir dann ja sehen,“ war mein einziges Kommentar. Ich meinte das vollkommen ernst. Egal, wie viele Kämpfe er schon bestritten hatte, in diesem Moment war ich sicher, dass ich ihn in der Mitte durchbrechen konnte, wenn ich wollte.

Das hat ihn völlig zerstört. Und es war einfach nur so toll.

Er sagte nichts mehr, aber den Rest des Abends, der noch richtig stressig wurde, war er komplett angepisst und meckerte mich wegen jedem Scheiß an. Tisch 5 hat keine Getränke mehr, es stehen zu viele dreckige Gläser rum, die Arbeitsplatte in der Küche ist krümelig… Kleinigkeiten. Aber ich ließ mir sein Gemecker am Arsch vorbei gehen. Ich wusste ja, dass er nur einen Vorwand suchte, um mich anzuscheißen. Und das gipfelte schließlich gegen Ende meiner Schicht in einer Tirade über meine schlechte Arbeit, bei der er mit den Worten schloss: „So hat das doch keinen Sinn!“
Ich stand da mit verschränkten Armen und unverschämten Lächeln und antwortete einfach maximal gelangweilt: „Joah.“ Worauf ihm wiederum keine passende Antwort einfiel. Er gab mir meinen Lohn für den Abend und ich haute ab. Auf dem Weg zu meiner Stammdisco, wo ich mich mit meiner besten Freundin treffen wollte (die mir ein Highfive für die ganze Sache gab), dachte ich müßig drüber nach, ob ich denn nun gefeuert worden bin. Oder hatte ich gekündigt? Keine Ahnung. Irgendwie war es mir aber auch egal.

Eine Woche später rief seine Frau an. Er hatte nicht mal die Eier, es selbst zu tun. Die fragte mich, ob ich denn abends kommen würde. Offensichtlich war es also doch keine Kündigung gewesen. Ich verneinte, sie war irritiert und legte schließlich ohne große Diskussion auf. Leider glaube ich, dass sie ganz genau wusste, welches Arschloch sie sich da angelacht hatte. Heute würde ich sie vielleicht nochmal freundlich darauf hinweisen. Damals beließ ich es aber bei knappen Worten.

Ich bin danach nie wieder zu diesem Wichser gegangen, außer einmal. Er hatte inzwischen einen anderen Laden gefunden, der wesentlich größer war und offensichtlich sehr gut lief. Ein paar alte Freunde schleppten mich mit.
Ich sah ihn an diesem Abend nur einmal ganz kurz. Als sein Blick auf mich fiel, lächelte ich ihn kalt an. Worauf ihm die nackte Panik ins Gesicht geschrieben stand und er sich schnellstens verpisste.

Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie jemanden geschlagen, aber ich glaube kaum, dass ein gezielter Faustschlag mir mehr Genugtuung hätte verschaffen können als dieses Lächeln und diese Reaktion.

Weiterlesen:
Teil 1: Prospekte austragen
Teil 2: McDonald’s
Teil 3: Fotolabor
Teil 4: Fabrik
Teil 6: Bäckerei
Teil 7: Prospekte – schon wieder

Wenn es darum ging, Geld zu verdienen, gab es in meinem Leben wirklich wenig, für das ich mir zu schade war. Deshalb habe ich auch kein Problem damit, meine Leser um eine kleine Spende in Form einer Tasse Kaffee zu bitten (via Paypal). Über ein wenig Unterstützung freue ich mich immer!

Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 4: Fabrik

Um die (leider recht lange) Zeit zwischen Abi und Unianfang zu überbrücken, bewarb ich mich in der Fabrik meines Stiefvaters. Damit sollte ich den ersten und bisher einzigen Job ergattern, in dem ich nicht unter Mindestlohn bezahlt wurde.

Mein Stiefvater meinte, ich solle mich auf Akkordarbeit einstellen, worüber ich nur müde die Schultern zuckte. Dann hätte ich das halt auch mal durch, wo man doch immer so viel schreckliches von Akkordarbeit hört, aber ich dachte mir, schlimmer als McDonald’s kann’s ja nicht werden. Und bei DER Bezahlung – ich konnte kaum meckern!
Ich bekam 8 Euro pro Stunde, wobei man bedenken muss, dass das auch schon wieder fast zehn Jahre her ist. In der Fabrik wurden allerdings auch Nachtschichten gefahren sowie Wochenendschichten, wofür es immer Aufschlag gab. Ich weiß nicht mehr wie viel genau – außer an Feiertagen: Da gab es satte 150% Aufschlag, womit ich in einer Stunde 20 Euro (!!!) verdiente. Als ich das hörte, war meine spontane Reaktion: „Äääh, kann ich auch Doppelschicht…?“ (leider durfte ich das nicht ^^)

Es war eine Chemiefirma, die auch im Bereich Pharmazie tätig war und u.a. Kochsalzbeutel herstellte. Damit durfte ich mich mehrere Wochen lang beschäftigen. Wieder wurde ich im Bereich Qualitätskontrolle eingesetzt – aber bei etwas so wichtigen wie medizinischen Bedarf natürlich nicht in „leitender Position“. Nee, dafür waren Festangestellte verantwortlich. Meine Aufgabe war es zusammen mit anderen studentischen Aushilfen, den Damen die eingepackten Kochsalzbeutel aus den Kartons zu packen, sie auf ein Band zu legen, zuzukucken, wie die Kontrolleurinnen die Beutel durchleuchteten und die Beutel dann am Schluss wieder zurück in die Kartons zu packen.
Me-ga-spannend! Aber eigentlich war es gar nicht sooo ätzend. Die Angestellten waren gut drauf und plapperten die ganze Zeit fröhlich (ihre Arbeit erledigten sie trotzdem). Zu uns Aushilfen waren sie immer nett. Was will man mehr?

Manchmal wechselten wir den Arbeitsplatz und gingen an ein anderes Band. Dieses wog die Kochsalzbeutel automatisch und blieb stehen, wenn ein Beutel drüber lief, der zu viel Abweichung nach oben oder unten hatte. Damit musste man auch hier nicht besonders viel nachdenken, aber das war schon okay. Eine ganze Woche lang hatte ich Nachtschicht und tat nichts anderes als das.

Es gab nur zwei richtig üble Sachen. Die eine betraf die schwangeren Angestellten der Firma. Eine Chemiefirma, wie gesagt. Heißt, sobald eine Frau, die in einem Bereich arbeitete, in dem sie mit Chemikalien in Berührung kam, eine Schwangerschaft feststellte, wurde sie sofort von ihrem Arbeitsplatz abgezogen. Allerdings gab es offensichtlich irgendwie keine geeignete Alternative, so dass diese Frauen in völlig sinnlose Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen gesteckt wurden. Und nicht nur das – sie brauchten sogar noch zusätzlich Hilfe dabei!
Ich wurde eines Tages dazu auserwählt. Es folgten einige schlimme, schlimme Stunden. Keine Ahnung, ob die Frau mich nicht leiden konnte oder einfach wegen der Gesamtsituation total angepisst war, jedenfalls redeten wir während der gesamten Prozedur kein Wort miteinander. Was wir taten? Ich packte ihr Kochsalzbeutel aus und legte sie für sie auf eine Waage, wartete, bis sie das Gewicht notiert hatte und packte die Scheißbeutel wieder ein. Die Beutel wogen 2,5 Kilo, was angeblich für eine Schwangere zu schwer ist – allein deshalb brauchte sie Hilfe. Diese Arbeit war haargenau dasselbe, was an diesem einen Band komplett automatisch ablief, nur eben viel, viel langsamer. Sowas unglaublich unnötiges muss man sich erst mal ausdenken!!
Zweimal musste ich diese Qual durchmachen, aber als ich ein drittes Mal zu ihr geschickt werden sollte, weigerte ich mich. Es gab schließlich noch genug andere Aushilfen, warum zur Hölle sollte ich das immer machen? Es musste dann jemand anderes gehen.

Der allgemeine Konsens bei den anderen Angestellten war dann allergrößte Abneigung gegenüber den Schwangeren. Das hat mich dann wiederum ein wenig sauer gemacht. Was können denn diese Frauen dafür, dass die Firma es mit ihren Schutzbestimmungen möglicherweise ein bisschen übertrieb (ich meine, 2,5 Kilo heben, sowas schadet doch keinem Baby?)? Die hätten vermutlich auch lieber was sinnvolles gemacht, als allen zur Last zu fallen. Das muss man sich mal reinziehen… im Grunde wäre es die Firma billiger gekommen, die Schwangeren einfach bis zur Geburt bei voller Bezahlung heim zu schicken!

Nach ein paar Wochen war diese erste Station durch. Ich sollte nun in die Abteilung meines Stiefvaters kommen – ein wesentlich sensiblerer Bereich. Und das war ätzende Sache Nr. 2. Nicht nur mussten wir von Kopf bis Fuß Schutzkleidung tragen inklusive Handschuhen, Mundschutz und Kapuzen, in der Produktionshalle war es auch noch so laut, dass an Gespräche nicht zu denken war und es stank so dermaßen, dass ich schon nach kürzester Zeit hämmernde Kopfschmerzen bekam. Wir mussten irgendwelche Plastikteile kontrollieren, was wir ebenso gut auch sonstwo hätten machen können, dafür muss man nicht direkt zwischen Maschinen sitzen.
Wie gut, dass ich das nur einen einzigen Tag machen musste. Als wir uns morgens zum Dienst gemeldet hatten, war ein Kerl aus einer anderen Abteilung gekommen und hatte gefragt, ob einer von uns ab dem nächsten Tag bei ihm arbeiten könne. In dieser anderen Abteilung gab es keinen Schichtdienst, dafür wurde jeden Tag eine halbe Stunde länger gearbeitet (was super war, ich wollte ja viele Stunden machen). Weil die anderen beiden Aushilfen keine Anstalten machten, sich zu melden – sie waren Freundinnen und wollten nicht getrennt werden – erklärte ich mich bereit dazu.

Und das war eine Sache, wegen der mein Stiefvater jah-re-lang beleidigt gewesen war. Wie konnte ich es auch wagen, seine Abteilung zu verschmähen, obwohl das Odeur doch so entzückend ist und die Geräuschkulisse so lieblich? Ich schwöre euch, er hat sich aufgeführt wie ein Kleinkind und ähnlich rumgebrüllt. Wenn ich drüber nachdenke, kann ich heute noch nur den Kopf schütteln und verstehe immer noch nicht, wie man das so aufbauschen kann.

Jedenfalls hatte ich die Abteilung eine Schicht lang kennen gelernt und hatte schon mehr als genug davon. Ich war extrem dankbar über die Chance, woanders zu arbeiten. Und wieder landete ich in – tada! – der Qualitätskontrolle!

Dieses Mal durfte ich wieder selber ran. Wochenlang durfte ich mich mit Verschlusskappen beschäftigen, keine Ahnung wofür, die etwa so groß waren wie das letzte Glied meines kleinen Fingers. Die Dinger sollten eigentlich gelb sein, doch irgendwie war Farbe in die Maschine gekommen, so dass einige dieser Kappen blau gesprenkelt waren. Ich nehme an, das hat ihre Funktionstüchtigkeit in keinster Weise beeinflusst, aber trotzdem schien das ein No-Go zu sein.
Meine Aufgabe war es also, die Tüten dieser Kappen á fünfhundert Stück nacheinander zu schnappen, an meinem Arbeitsplatz (ein Tisch in einem ruhigen Labor, in dem noch zwei Festangestellte saßen) auszukippen und durchzusehen. Acht Stunden täglich. Well, warum nicht, ne?

Natürlich nicht eine Kappe nach der anderen, sondern nur oberflächlich. Sprich, ich hab ca. zwanzig Kappen vor mich geschoben, drauf gestarrt, ein bisschen darin rumgewühlt, nochmal gestarrt und dann wieder zurück in den Beutel getan. So wurde es mir gezeigt und so machte ich es dann auch.

Damals hatte ich noch richtige Adleraugen. Man stelle es sich vor – das führte doch tatsächlich zu Problemen. Mehrmals meinte mein Vorarbeiter, wenn er sich die aussortierten Kappen ansah (es waren meistens nur fünf oder sechs pro Beutel) und eine fand, die nur ein ganz klein bisschen versaut war, sowas sollte ich drin lassen. Nicht, weil das nichts wäre, was aussortiert gehört, sondern weil eine Kappe mit SO kleinen Fehlern den Eindruck erwecken könnte, ich würde zu langsam arbeiten, denn ansonsten würde ich sowas ja gar nicht entdecken. Obwohl er jederzeit sehen konnte, dass ich haargenau das Tempo anschlug, das er mir vorgemacht hatte.
Da fällt einem nichts mehr zu ein, oder? Man wird heutzutage schon kritisiert, wenn man zu gut in seinem Job ist (auch wenn es nur sowas idiotisches ist). Was soll ich denn machen, wenn mein Blick halt auf so eine minimal-verfärbte Kappe fällt?
Ich sortierte also trotzdem alles aus, was ich fand. Prompt kam dann eines Tages der Big Boss der ganzen Chose durch die Abteilung flaniert, im Schlepptau irgendwelche Investoren. Als er ihnen demonstrieren wollte, was ich da mache, grabschte er nach einer Kappe, konnte aber partout keinen Fehler daran feststellen. Das brachte ihn richtig zum Stammeln, bis ich so gnädig war und ihm den Fehler zeigte (ein einziger blauer Spritzer, nicht größer als ein Nähnadelstich). Darüber musste ich sehr lachen, als er weg war, auch wenn ich ein bisschen Angst hatte, tatsächlich einen Anschiss zu bekommen, weil ich zu gründlich war (es kam aber keiner).

Ich arbeitete das Maximum an möglichen Tagen, die man arbeiten darf, ohne Steuern zu bezahlen, dann verabschiedete ich mich auch aus diesem Job, um ein Haufen Geld reicher – und die Erfahrung, dass gründliche Arbeit verdächtig ist 😀

Weiterlesen:
Teil 1: Prospekte austragen
Teil 2: McDonald’s
Teil 3: Fotolabor
Teil 5: Kellnern
Teil 6: Bäckerei
Teil 7: Prospekte – schon wieder

Wenn es darum ging, Geld zu verdienen, gab es in meinem Leben wirklich wenig, für das ich mir zu schade war. Deshalb habe ich auch kein Problem damit, meine Leser um eine kleine Spende in Form einer Tasse Kaffee zu bitten (via Paypal). Über ein wenig Unterstützung freue ich mich immer!

Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 3: Bilder gucken

Sooo… hier haben wir mal keinen Standardjob, sondern eine Tätigkeit, über die ich teilweise heute noch gerne erzähle.

Auch das war ein mehr-oder-weniger Ferienjob… mehr oder weniger deswegen, weil ich ihn ein paar Monate nach dem Abi antrat und damals natürlich keine Ferien mehr hatte.

Nach meiner letzten Erfahrung war ich von der Vorstellung, in einem Fotolabor zu arbeiten, eigentlich sehr angetan, auch wenn ich mir überhaupt nicht vorstellen konnte, wie meine Aufgaben wohl aussehen würden. Ich hatte ziemlich Schiss, dass dafür irgendwelche technischen Fotographie-Skills von mir verlangt werden, die ich nun mal einfach nicht habe. Aber es half nix, ich musste Geld verdienen und wenn der Job übelst kompliziert wäre, würden sie ja keine Aushilfe ranlassen!

An meinem ersten Tag durfte ich sehen, dass ich längst nicht die einzige Abiturientin war, die hier einen Job ergattert hatte. Ihr müsst wissen: Fotos werden (zumindest in so großen Fotolabors) eins nach dem anderen auf aufgerollte Bänder gedruckt, die dann wiederum automatisch auf das bekannte Format zugeschnitten werden. An eben diesen Schneide-Maschinen saßen andere Aushilfskräfte und packten das Ergebnis in die ebenfalls bekannten Fototaschen ein.

Ich weiß nicht, warum ich immer so viel Glück (oder Pech, kann man sehen wie man will) habe, aber mein Arbeitsplatz war ein anderer. Ich war in den folgenden Wochen ganz allein für die Qualitätskontrolle zuständig!

Einige Kunden des Fotolabors (vor allem natürlich Fotoshops oder Supermärkte, die diesen Service anbieten) haben dafür extra bezahlt, dass die Fotos stichprobenartig überprüft wurden, andere Kunden veranlassten das nach mehreren Beschwerden der Endverbraucher. Letzteres war dann temporär. Aber wie auch immer: Ich bekam täglich eine Liste mit Kunden, die eine Überprüfung wollten, schnappte mir einen dicken Pack Fototaschen und arbeitete die durch. Das wiederholte sich Fünf bis sechs Stunden lang, dann musste ich aufhören, weil gegen Mittag das Zeug verschickt wurde.

So richtig eingearbeitet wurde ich nicht. Ich bekam Stoffhandschuhe, um die Bilder nicht zu beschmieren und wurde an einem Tisch in der Produktionshalle gesetzt. Dort war ich mir selbst überlassen. Das war erstmal ein kleiner Schock, aber ich bekam schnell Routine. Am Ende präsentierte ich alles, was ich gefunden hatte, dem Vorarbeiter, der die Hälfte davon ohne große Umstände wieder zurück warf, weil die Fehler nicht vom Betrieb verursacht worden sind, sondern auf fehlende Fotographieskills zurück zu führen waren (Verwacklungen, seltsame Farbstiche, „Lichtblitze“ etc.pp.). Sowas erkannte ich dann irgendwann von selber.

Jeden Morgen meldete ich mich zum Dienst, nahm meine Liste und legte los. Großartig kontrolliert wurde ich nicht und Gespräche gab es außerhalb den Pausen (in denen meine Kollegen normal wirkten – nicht so zombifiziert wie bei McDonald’s) auch nicht. So saß ich dann stundenlang da und sah mir Bilder an.

Hat jemand von euch „One Hour Photo“ gesehen, diesen krassen Film? In den (wenigen) lustigen Szenen erkenne ich diesen Job jedes Mal wieder. Die Leute machen sich einfach keine Gedanken darüber, wer ihre Bilder alles sehen wird. Da wird dann der Film im DM-Markt abgegeben und alle gehen davon aus, dass er sich auf magische Weise selbst entwickelt und in eine Tüte packt. Tja… dem ist nicht so. Ich habe in diesen wenigen Wochen mehr Nacktfotos von völlig Fremden gesehen als mich selbst in meinem Leben nackt im Spiegel. Besonders beliebt schienen Nacktfotos von Schwangeren zu sein… aber nicht so Demi-Moore-mäßig niveauvoll-ästhetisch, sondern teilweise echt schon fast Hardcore. Und natürlich noch viele andere nackten Tussis, die nicht schwanger waren. Titten, Titten everywhere. Dafür keinen einzigen nackten Kerl *grmpf*
Dann selbstverständlich Massen von Urlaubsfotos, Hochzeiten, Geburtstage, uuuunglaublich viele Babys, Welpen und Kätzchen (da hab ich mir immer Zeit genommen und die mir ganz genau angesehen ^^) und einmal leider auch ne Beerdigung mit offenen Sarg plus Leiche. Das war der erste echte tote Mensch, den ich in meinem Leben je gesehen habe, und es war eine komplett fremde Frau. Ich hätte darauf verzichten können.

Normalerweise blätterte ich die Fotos nur so daumenkinoartig durch, für mehr reichte die Zeit nicht, außer ich hatte Anweisung, bei diesem und jenem Kunden ganz genau zu kontrollieren. Waren es interessante Fotos, hab ich sie auch mal eins nach dem anderen durchgesehen. Klingt insgesamt eigentlich ganz cool, ne? War es aber nicht wirklich. Ich meine, es war längst nicht so geisteszerstörend langweilig wie im McD’s, aber die Zeit zog dich doch schon ziemlich, weil die meisten Menschen nicht besonders spannende Sachen fotographieren, jedenfalls nichts, was für einen Fremden spannend wäre.

Ein Kunde des Fotolabors war eine Army Base ziemlich weit weg von uns, der von den im Nahen Osten stationierten GIs Filme geschickt wurden, die sie wiederum an das Fotolabor zum Entwickeln schickten. Als ich mal eine solche Ladung müßig durchblätterte, sah ich plötzlich eine Gefangenenmisshandlung.

Ich schwöre euch, mein Herz setzte kurz aus. Minutenlang saß ich wie erstarrt da, unfähig zu entscheiden, was ich damit anstellen sollte. Dann fing ich an, der Sache genauer auf den Grund zu gehen.
Schnell stellte ich fest, dass mein erster Eindruck ein bisschen zu krass gewesen war: Auf dem Bild war eigentlich nichts zu sehen, das wirklich an Folter erinnerte. Man konnte einige Araber erkennen, die ganz offensichtlich verängstigt waren (wer wäre das nicht) und eben ein paar GIs, die vor ihnen standen. Mehr war da eigentlich nicht. Aber trotzdem, dieser Ausdruck auf ihrem Gesicht…
Nur wenige Wochen zuvor war der Folterskandal um Abu Ghuraib durch die Medien gegangen, was damals alles, was ich bereits zu wissen glaubte, einfach nur sowas von bestätigt hat. Mit 19 war mein Antiamerikanismus so ziemlich auf dem Höhepunkt. Aber ich versuchte, rational an die Sache heran zu gehen.

Ich begann, sämtliche Bilder in dieser Fototasche eins nach dem anderen ganz genau zu untersuchen. Dabei dachte ich drüber nach, was ich machen sollte, sollte ich WIRKLICH auf Folterfotos stoßen. Niemand hatte mir gesagt, wie in solchen Fällen verfahren wird… wenn ich Bilder finden würde, die in irgendeiner Weise illegal sind. An sich, dachte ich, wäre es am besten, das meinem Vorarbeiter zu melden, aber was wäre, wenn der das weiterleitet und die Bilder irgendwie auf dem Weg Richtung Spiegel-Redaktion verschwinden würden? Weil der Chef keinen Ärger mit einem Großkunden will? Weil – so dachte ich damals – die ganze Welt ja sowieso völlig korrupt ist?
Während ich darüber grübelte, ob ich das riskieren oder vielleicht doch versuchen sollte, die Bilder einfach rauszuschmuggeln und auf eigene Faust die Presse zu informieren, checkte ich die Fotos weiter. Hätte ich eine Lupe gehabt, hätte ich wohl auch die benutzt. Ich saß sicher eine halbe Stunde einfach da und war mit dieser einen Fototasche beschäftigt, obwohl ich sonst in der selben Zeit zehn bis zwanzig durchgesehen hatte. Aber wie gesagt, niemand kontrollierte mich wirklich.

Und letztendlich entschied ich nach genauester Durchsicht, dass mir meine Kriegshysterie da einen Streich gespielt hatte. Es war wirklich nichts zu sehen, was auf illegale Umtriebe hindeutete – auch wenn ich die angstverzerrten Gesichter dieser armen Männer niemals vergessen werde. So sehen keine Terroristen aus, Leute. So sehen Menschen aus, denen mit Gewalt ihr Land und ihre Häuser genommen werden, nur weil ihre Regierung eine andere Regierung einmal zu oft angepisst hat.

Naja. Wenn die Bilder so gegen 13 Uhr ausgeliefert wurden, war meine Arbeit im Grunde beendet. Bis 15 oder 16 Uhr half ich dann noch bei irgendwelchen anderen Sachen. Nebenan war die Foto-von-Foto-Kopie-Abteilung, in der Abzüge von Fotos gemacht wurden, für die keine Negative (mehr) existierten. Das waren vor allem ganz alte Schwarzweißfotos, die ich ziemlich interessant fand, aber ich lernte dort auch, dass es viele Menschen gibt, die von ihren professionell gemachten Bewerbungsfotos auf diese Weise Abzüge bestellten. Das ist nämlich wesentlich billiger, als einfach zwanzig Abzüge beim Fotographen zu bezahlen – Geld, was Leute, die X Bewerbungen schreiben müssen, einfach nicht haben. Leider ist die Bildqualität einer solchen Kopie aber auch längst nicht so gut.

Dort kontrollierte ich auch ein bisschen die Bilder, dann hatte ich nach sieben bis acht Stunden Feierabend. Ich bin mir nicht mehr sicher, wie viel Stundenlohn ich damals bekam – es müssen so zwischen 6,50 und 7 Euro gewesen sein. Nach heutigen Maßstäben ist das natürlich weit unter Mindestlohn, aber damals fand ich es okay.

Wenn ich heute zuhause bin, muss ich manchmal an dem Fotolabor vorbei fahren. Es ist nun eine leerstehendes Lagerhaus, denn die Digitalfotographie hat solchen Firmen den Todesstoß versetzt. Und ohne genau zu wissen warum macht mich das immer traurig.

Weiterlesen:
Teil 1: Prospekte austragen
Teil 2: McDonald’s
Teil 4: Fabrik
Teil 5: Kellnern
Teil 6: Bäckerei
Teil 7: Prospekte – schon wieder

Wenn es darum ging, Geld zu verdienen, gab es in meinem Leben wirklich wenig, für das ich mir zu schade war. Deshalb habe ich auch kein Problem damit, meine Leser um eine kleine Spende in Form einer Tasse Kaffee zu bitten (via Paypal). Über ein wenig Unterstützung freue ich mich immer!

Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 2: McDonald’s

Ja, ich habe tatsächlich mal einen Sommer lang im McDonald’s malocht. Und ich weiß, was ihr jetzt denkt:

Kann man noch tiefer sinken?

Der Anstoß dazu kam von meiner Mutter, die sich die fixe Idee in den Kopf gesetzt hatte, ich müsste unbedingt einen Ferienjob haben. Vielleicht, weil sie nicht vollständig mit dem Umstand zufrieden war, dass ich mit nur zwei oder drei meiner Mitschüler in die gymnasiale Oberstufe wechselte, während alle anderen eine Lehre anfingen, wie sich das für uns Arbeiterkinder vom Land gehört. Jedenfalls bekam ich damals wie heute von meiner halben Familie aufs Brot geschmiert, ob ich mich denn für was besseres halten würde, weil mir die mittlere Reife nicht gereicht hat.

Naja. Und weil ich leider zu langsam gewesen bin, diesen Plan sofort kreischend abzuwehren, saß ich schließlich doch mit 16 einem Filialleiter gegenüber, für den weird noch eine sehr nette Bezeichnung ist, und führte ein Bewerbungsgespräch, bei dem es nur darum zu gehen schien auszuloten, wie viel Demütigung ich ertragen kann.
Kein Scheiß. Er fragte mich tatsächlich, wie ich reagieren würde, wenn ich Müll vom Parkplatz auflesen müsste und meine Mitschüler stünden daneben und lachten. Der Mann hatte einen realistischen Blick auf das Image dieses Jobs.

Inzwischen hatte sich meine Abneigung gegen die Aussicht, ausgerechnet beim großen gelben amerikanischen M Burgerbraterin zu werden, zu epischen Ausmaßen gesteigert, aber es war zu spät. Ich WOLLTE ja gerne einen Ferienjob, aber nicht gerade DAS. Es gab einen riesigen Streit zuhause, in dem ich den Kürzeren zog. Meine Mutter zwang mich schlicht und ergreifend, in den Sommerferien dort anzutanzen und damit den schlimmsten Job anzutreten, den ich jemals hatte.

Die halbwegs gute Nachricht war, dass ich nicht in der Küche musste, um in Frittenfettschwaden zu ersticken, sondern zuerst für’s Saubermachen zuständig sein sollte, bevor ich später an die Kasse käme. Zunächst musste ich allerdings eine offizielle Gesundheitsschulung hinter mich bringen, wo ich so aufregende Dinge lernte wie, dass man sich die Hände waschen muss, wenn man mit Lebensmitteln arbeitet, oder, für mich heute noch eine Quelle des Amüsements, dass Symptome wie Halskratzen, Schüttelfrost und allgemeine Abgeschlagenheit auf eine Grippeinfektion hindeuten könnten, aber auch auf Cholera. Well…

An meinem ersten Arbeitstag zeigte mir ein netter Typ, ebenfalls ein Schüler, meinen Arbeitsplatz. Wie gesagt, zuerst sollte ich einer dieser Menschen sein, welche die Rückgabeboxen für Tabletts ausleeren, über die Tische wischen, den Müll trennen, die Klos putzen… ich war ziemlich unterwältigt. Dieser Arbeitsbereich nannte sich „Lobby“, was das Ganze allerdings auch nicht besser gemacht hat.
Mir wurde erklärt, dass gelbe Schwammtücher für die Tische benutzt werden, grüne aber für die Toiletten. „Das ist GANZ WICHTIG!“
Während er mich so auf meine Pflichten einschwor, konnte ich nur mit Mühe ein Grinsen unterdrücken. Ich hatte kurz zuvor Günther Wallraffs „Ganz unten“ gelesen, wo er sich unter anderen darüber aufregte, dass man bei McDonald’s für Tische und Klos die selben Schwammtücher benutzt. Tja, hier konnte ich live in Aktion erleben, wie solche Enthüllungsbücher die Arbeitswelt verändern und fand es köstlich. Das war allerdings das letzte Mal, dass mir während den folgenden grausamen Wochen zum Lachen zumute war.

Ich hatte übliche 8-Stunden-Schichten, die sich allerdings anfühlten wie acht Jahre. Saubermachen war einfach nur langweilig. Und ich meine hier nicht ein „Schulstunde-langweilig“ oder „Ich muss 20 Minuten auf den nächsten Bus warten und der Akku für mein iPod ist leer“-langweilig. Es war eine Art von Langeweile, bei der man zu spüren glaubt, wie sich nacheinander alle Gehirnzellen verabschieden, während der Planet unter einem seine normale Rotationsgeschwindigkeit zu verlieren scheint und sich jede Sekunde zu Äonen dehnt.
Eine geistlose, anspruchslose Tätigkeit, die durch kein Gespräch aufgelockert wurde, denn meistens war ich alleine für’s Saubermachen zuständig, und falls wir mal zu zweit waren, bedeutete das einen solchen Megabetrieb, dass an Gespräche nicht zu denken war. Ich war also acht Stunden gefangen mit mir und meinen Gedanken, die um den Umstand kreisten, im möglicherweise am meisten verlachten Job dieser Welt gelandet zu sein.

Ich erinnere mich an einen schrecklichen Tag, als der so heftig herbeigesehnte Feierabend endlich nahe war und der Filialleiter zu mir kam um zu fragen, ob ich nicht noch eine Schicht dranhängen könnte, weil irgendjemand krank geworden sei. Zuerst brach ich innerlich zusammen, weil ich mich unfähig fühlte, diesen Befehl Bitte abzulehnen, als mir der rettende Einfall kam. „Ich bin doch erst 16, ich darf nicht länger als acht Stunden arbeiten.“ Ein daran anschließendes „HA!!“ konnte ich gerade noch so zurück halten. Daraufhin schürzte der Filialleiter die Lippen, akzeptierte aber den deutschen Jugendschutz und das Arbeitsrecht.

Die Pausen waren auch schlimm. Sie boten Einblick in eine Welt, zu der ich auf gar keinen Fall gehören wollte. Im Pausenraum, in dem damals, als man in solchen Zimmern noch rauchen durfte, eine Sichtweite von unter einem Meter herrschte, wurde nicht geredet. Die Leute, meine Kollegen, saßen einfach da, den Kopf in eine Hand gestützt, eine Zigarette in der anderen Hand, und blickten starr geradeaus. Vor sich mayoverschmiertes Verpackungspapier der hauseigenen Erzeugnisse.
Tatsächlich wurde ein Teil des Lohnes damals sozusagen in Naturalien bezahlt. Keine Ahnung, ob das heute noch genauso ist. Ich bekam 17 Mark Stundenlohn – allerdings gingen davon 4 Mark pro Stunde für Essen ab, was ich an diesem Tag verbraten durfte bzw. eigentlich musste. Dieser… ach, nennen wir es „Bonus“ verfiel nämlich nach jedem Arbeitstag. Das heißt, ich hatte nach einem 8-Stunden-Tag ein Budget von 32 Mark, von dem ich mir Essen nehmen durfte, wobei es egal war, ob ich etwas in der Pause aß oder mir Zeug mit nach Hause mitnehmen wollte. Das war jedes einzelne Mal mehr Geld, als ich ausgab, womit ich mich jedes Mal ärgerte, weil ich das Geld natürlich lieber bar auf die Kralle bekommen hätte.
Auch hier stand mir meine jugendliche Naivität im Wege: Wenn ich mich heute solchen Auflagen gegenüber sehen würde, würde ich am Ende des Arbeitstages so viel Essen einpacken, bis mein Budget aufgebraucht ist, und es verdammt noch mal an irgendwelche fremden Leute verschenken. Aus reinem Protest gegen diese blödsinnige Regelung. Aber so clever war ich mit 16 leider noch nicht.

Die Arbeit an der Kasse war nicht ganz so langweilig, hatte aber ihre ganz eigenen Schrecklichkeiten. Ich rede von den Kunden. Angepisste Bestellungen im Stil von „Ich will ein Bic-Mäc-Menü, aber die Pommes müssen richtig frisch sein, sonst brauchen Sie mir gar keine zu bringen!!!“ waren alltäglich. Und aus dieser Erfahrung habe ich zwei Dinge gelernt.

Erstens: Ich bin verdammt noch mal freundlich zu Dienstleistern, egal im welcher Branche. Außer, sie sind selber total scheiß-unfreundlich. Das kann natürlich auch mal vorkommen.
Zweitens: Viele Menschen sind scheiße. Zum Beispiel Menschen, die vergessen, dass sie einen anderen Menschen vor sich haben, keinen Automaten. Und ganz besonders Menschen, die hohe Erwartungen haben bis zum Mond.

Ernsthaft: Man kriegt in Fast-Food-Restaurants genau das, wofür man bezahlt. Nicht, dass McDonald’s besonders billig wäre. Das isser nicht. Aber ihr versteht, was ich meine. Wenn man qualitativ hochwertige, aromatische, heißbrutzelnde Vollwertkost haben will, die lange sättigt, dann geht man verdammt noch mal nicht in ein Fast-Food-Restaurant, sondern latscht woanders hin oder lernt selber kochen. McDonald’s ist halt kein Essen, sonder nur fast Essen – das auch ziemlich geil sein kann. Denn ja, ich esse heute immer noch ab und zu dort, daran hat mein kleiner Ausflug hinter die Kulissen nichts geändert. Aber Menschen, die davon zu viel erwarten, leiden für mich an Wahnvorstellungen. Die Hygiene muss gewahrt werden – klar – und es soll drin sein, was auch draufsteht – logisch – aber an die Qualität sollte man einfach nicht zu hohe Ansprüche stellen. Und vor allem ist es eine absolute Frechheit, seinen Unmut darüber, in solchen Massenabfertigungsketten nicht so gut zu speisen wie in einem Laden, in dem man noch Messer und Gabel kennt, bei den Kassierern abzuladen.

Und für Witze wie „Ich hätte gerne einen Cheeseburger ohne Käse“ ist ein solcher Ort auch der falsche Platz. Nicht, dass das nicht tatsächlich ziemlich witzig ist. Aber die meisten McDonald’s-Kassierer sind so in ihrer Welt aus Agonie und Verzweiflung gefangen, dass man sie wirklich nicht noch mit unnötigen Diskussionen nerven muss.

Als mal wenig Betrieb herrschte, zeigte mir eine andere Kassiererin, wie man die freie Zeit überbrücken kann, denn tatenlos rumstehen und auf Kundschaft warten wird in dieser Branche überhaupt nicht gerne gesehen. Zum Beispiel kann man die Dip-Päckchen auffüllen. Als sie mir das demonstrierte, flogen die kleinen Töpfchen nur so durch die Luft.
„Warum beeilst du dich denn so?“ fragte ich ratlos.
„Ach, das hab ich mir so angewöhnt. Fix muss das alles gehen, Anweisung von oben… das wirst du auch noch lernen.“

Als ich das hörte, hätte ich am liebsten laut geschrien. Denn ich WOLLTE das nicht lernen. Nichts gegen ein bisschen Dynamik, wenn viel los ist, im Gegenteil, aber warum nicht ein paar Gänge runter schalten, wenn eben NICHTS los ist? Was soll dieser künstliche Stress? Ist dieser Job so megagut bezahlt, dass ständige Hektik gerechtfertigt ist, selbst wenn sie gar nicht nötig ist? (Die Antwort lautet: Nein.)
Das habe ich damals nicht verstanden und das verstehe ich auch heute noch nicht. Klar, jetzt wird das irgendwer lesen und mir fehlende Arbeitsmoral und Faulheit unterstellen. Aber das ist keine Arbeitsmoral. Das ist krank. Und nicht ökonomisch. Wer Luft hat, sollte auch mal durchatmen können und dann seine Arbeit in einem Tempo erledigen, bei dem einem nicht sämtliche Nerven durchbrennen, weil sie so unter Hochspannung stehen. Also bitte!!

Squidward_headdesk

Somit war die Arbeit an der Kasse eine interessante Mischung aus Burnout, Boreout und dem Gefühl, von seiner eigenen Firma für eine absolute Vollidiotin gehalten zu werden. Habt ihr euch jemals gefragt, warum Kassierer in solchen Läden einen mit Fragen wie „Als Menü oder Einzel?“ oder „Soll noch ein Getränk dazu?“ nerven, obwohl man nur schnell einen Hamburger auf die Hand will? Das ist alles vorgeschrieben, Leute. Mehr als das. Die Kassen funktionierten damals nach einem idiotensicheren Prinzip, das sich vermutlich bis heute wenig geändert hat.
Es standen beispielsweise nicht die Namen der Produkte auf den Tasten, sondern es waren die entsprechenden Bilder abgebildet. Wobei mir ersteres echt lieber gewesen wäre – manche Graphiken erforderten doch etwas viel Phantasie. Und was diese latent dämlichen Nachfragen angeht: Dazu blinkte damals sofort eine Meldung auf, wenn ich etwas eintippte.

Beispiel: Jemand bestellt einen Big Mac. Hysterische Erinnerung: „Menü?“ Und tatsächlich war es nun meine Pflicht, nachzufragen, ob der Gast nicht vielleicht doch ein Menü will. Sowas geht mir ja immer total auf den Sack, denn ich esse in solchen Läden NIE Menüs. Aber gut. Weiter geht’s: Bestellt jemand ein Menü, blinkt die Meldung „Dessert?“ auf. Dann wäre es eigentlich meine Aufgabe gewesen, genau diese Frage (mit ein bisschen mehr Worten) an den Gast weiter zu leiten. Es gab noch mehr solcher Hinweise. Aber das war dann eine Sache, der ich mich komplett verweigerte. Schlimm genug, dass mir schon genau vorgekaut worden ist, was und in welcher Form ich mit den Gästen reden darf, aber ich sah schlicht nicht ein, Leute, die zu 99% genau wissen, was sie gerne essen wollen, mit solchen dämlich-manipulativen Nachfragen zu nerven. Klar gibt es sicher den ein oder anderen, dem dann siedendheiß und ganz urplötzlich einfällt, dass er noch total Bock auf ein Eis hat, aber rechtfertigt das die Nerverei aller anderen Gäste?
Das war und ist mir einfach alles viel zu standardisiert. Wo ist da denn noch Raum für eigenständiges Denken?

Vielleicht ist das auch mit ein Grund dafür, dass McDonald’s Mitarbeiter kein Trinkgeld annehmen dürfen. Die richtige Begründung dafür kannte ich mal, aber ich habe sie ehrlich gesagt wieder vergessen. Vermutlich war sie unlogisch und dämlich, sonst hätte ich sie mir gemerkt.

Und letztendlich drängte sich mir während meiner Kassiererkarriere dann noch der Gedanke auf, dass McDonald’s seinen Mitarbeitern schlicht und ergreifend nicht vertraut. In einem Betrieb, in dem alles zack-zack gehen muss, passieren natürlich auch oft genug Fehler. Und die Leute wissen eben doch meist nicht, was sie nun genau essen wollen. In der Praxis sieht das dann so aus, dass man etwas falsches in die Kasse eingibt, weil man sich verhört hat oder der Kunde sich Sekunden später nochmal umentscheidet.
Normalerweise sollte es möglich sein, so etwas als Kassierer selbstständig zu stornieren. Hier ging das aber nicht. Wenn ich etwas falsches eingetippt hatte, musste ich nach dem Schichtleiter brüllen, der dann mit dem Kassenschlüssel angerannt kam, irgendetwas an der Kasse rumschraubte, sie deaktivierte und schließlich wieder hochfuhr. Das dauert. Und dabei ist das noch die Idealvorstellung. Oft genug war auf die Schnelle kein Schichtleiter auffindbar – und dann stand man da vor den hungrigen Menschenmassen, die nicht kapierten, was das Problem war.

Mir wurde das irgendwann echt zu blöd. Die Kasse löscht sich ja schließlich von selber, wenn man sie öffnet. Also tat ich genau das: Ein Tastendruck, Kasse springt auf, ich knalle sie wieder zu, voilá, schon kann es weiter gehen. Und wenn ihr jetzt die Hände über den Kopf zusammen geschlagen habt: Damit habt ihr absolut Recht. Mir ist erst nachdem ich den Job wieder aufgegeben hatte klar geworden, was ich damit eigentlich angerichtet hatte. Mit 16, im Angesicht dieser dämlichen Kasse, dachte ich noch nicht so weit, dass ich damit jedes Mal einen Betrag bonierte, den ich dann ja überhaupt nicht kassierte. Ich will gar nicht wissen, für wie viel Kassenminus ich in dieser Zeit verantwortlich war. Allerdings hat mich niemals jemand darauf angesprochen, also hab ich wohl einfach Glück gehabt.

Als ich meine festgelegten Schichten in den Sommerferien hinter mir hatte, hätte ich am liebsten eine Parade mit anschließenden Feuerwerk organisiert. Ich war so unglaublich froh, wieder frei zu sein… als meine Mutter nach meinem letzten Arbeitstag zu mir kam.
„Wegen dem Job… also, so zwei Wochen solltest du dich auf die neue Schule konzentrieren und dich eingewöhnen… aber ab dann könntest du doch fest dort arbeiten, so ein oder zwei halbe Schichten die Woche…“
Weiter kam sie nicht, weil ich in Ohnmacht fiel. Nein, ganz so schlimm war es nicht. Aber ich machte ihr mit meiner hysterischen Reaktion auf diesen Vorschlag so unmissverständlich klar, dass ich mich eher an mein Bett festketten würde, als dort wieder zu arbeiten, dass sie den Mund zuklappte und das Thema nie wieder zur Sprache brachte.

Und das ist meine Einstellung bis heute. Als ich mich vor ein paar Jahren wirklich am Existenzminimum entlang hangelte und tatsächlich bereit war, alles zu tun – wirklich ALLES – war für mich eines trotzdem völlig klar: Nie wieder Fast Food!

Weiterlesen:
Teil 1: Prospekte austragen
Teil 3: Fotolabor
Teil 4: Fabrik
Teil 5: Kellnern
Teil 6: Bäckerei
Teil 7: Prospekte – schon wieder

Wenn es darum ging, Geld zu verdienen, gab es in meinem Leben wirklich wenig, für das ich mir zu schade war. Deshalb habe ich auch kein Problem damit, meine Leser um eine kleine Spende in Form einer Tasse Kaffee zu bitten (via Paypal). Über ein wenig Unterstützung freue ich mich immer!

Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 1: Prospekte

Meine Arbeitskarriere begann genau wie die von tausenden anderen Jugendlichen auch: mit Zeitungen austragen.

Okay, eigentlich waren es keine Zeitungen, sondern Prospekte für einen Supermarkt. Aber die Arbeit war im Grunde dieselbe. Die Idee dazu hatte meine beste Freundin, die mich fragte, ob wir uns die Arbeit nicht teilen und gemeinsam ein bisschen Geld verdienen sollen. Mit 15 war Geld natürlich knapp, es gab hundert Sachen, die ich gerne gehabt hätte, also war ich sofort Feuer und Flamme. Jedes Wochenende stundenlang durch unser 2000-Einwohner-Dorf ziehen, egal bei welchen Wetter, schien zu einer Zeit, in der Alkohol und Party machen noch nicht zum standardmäßigen Wochenendprogramm gehörten, kein allzu großes Opfer zu sein.

Die erste Überraschung kam sofort am Anfang, und das war dann auch eine Sache, in der sich unser neuer Job doch grundsätzlich von schnöder Zeitungsaustragerei unterschied: Die Prospekte wurden geliefert und wir mussten sie erst zusammen falten.
Klingt easy, dauerte aber schon mal locker ne Stunde. Ihre Mutter half uns. Danach waren unsere Finger schwarz vor Druckerfarbe. Eine enervierende Zusatzarbeit, mit der wir wirklich nicht gerechnet hätten.

Aber gut, richtig los ging es am nächstem Tag, einem Samstag. Voll motiviert bepackten wir unseren Trolley, der mitgeliefert worden war, und machten uns an die Arbeit.

Schnell merkten wir, dass unser elend kleines Dörflein, das uns während dieser ersten Phase der Pubertät so ekelhaft einengend erschienen war, doch irgendwie größer ist, als wir gedacht hatten. All diese Häuser! Wir brauchten für eine Straße ewig. An jedem Haus veranstalteten wir erst mal eine lustige Briefkastensuchaktion, denn seltsamerweise verweigern sich offensichtlich viele Haushalte dem Diktat eines Briefschlitzes oder sichtbar aufgestellten Briefkastens nahe der Eingangstür. So kamen auf zehn Häuser, die wir in Windeseile belieferten, mindestens eines, für das wir mehrere Minuten brauchten, weil wir einfach keine Möglichkeit fanden, die zur Auslieferung bestimmten Prospekte auch tatsächlich ordnungsgemäß auszuliefern. Wir waren leider zu diesem Zeitpunkt zu jung und von der neuen Verantwortung zu eingeschüchtert, um uns so etwas am Arsch vorbei gehen zu lassen. HEUTE würde ich „Scheiß drauf“ denken, das Prospekt vor die Tür oder sonstwohin schmeißen und fröhlich pfeifend weiter ziehen, aber als kleine fünfzehnjährige Mädchen war der Gedanke, diesen unseren ersten Job irgendwie nicht richtig zu machen und dafür gar am Ende einen Anschiss zu bekommen, eine absolute Horrorvorstellung.

Dazu trugen die vielen Menschen bei, denen wir auf unserer Tour begegneten und die uns misstrauisch beäugten, während wir brav grüßten (in unserem Dorf grüßt man jede Person, die einem über den Weg läuft, aber natürlich muss der jüngere Mensch den Anfang machen). In so ziemlich jeder Straße wurden wir von wutschnaubenden Leuten angehalten, die uns vorhielten, in der Woche davor kein Prospekt bekommen zu haben. Der Umstand, dass wir in der Woche davor noch gar nicht die zuständigen Prospektausträgerinnen gewesen waren, galt irgendwie nicht als valider Einwand. Supermarktprospekte sind die Bibeln der katholischen Dorfoma – da kochen die Emotionen hoch!

Wenn wir also keinen Briefkasten fanden und auch auf unser Klingeln niemand antwortete, wurden wir immer kreativer in unseren Problembewältigungsstrategien. Wir klemmten die Prospekte unter Türmatten, warfen sie durch gekippte Fenster, steckten sie in Blumentöpfe, suchten Steine, mit denen wir sie beschweren konnten, um sie vor der Eingangstür, die auch oft genug ziemlich versteckt war, ablegen zu können. Wie gesagt, heute bin ich der Meinung, dass Leute, die keine Briefkästen aufstellen, selbst Schuld sind, wenn sie dann kein Prospekt bekommen! Aber damals waren wir hochmotiviert.

Leider zeigte sich im Laufe dieses Tages, dass Motivation allein nicht reicht, um seinen Lebensunterhalt oder zumindest ein üppiges Taschengeld zu verdienen. Zu Anfang ließen wir uns noch euphorisch darüber aus, was wir mit dem ganzen Geld alles anstellen würden (ich plante brav Comics zu kaufen, während meine BF einfach nur feiern wollte), aber je länger wir unterwegs waren, desto mehr ratterten unsere Gedanken. Wir wurden nach Stückzahl bezahlt, nicht nach Zeit – womit jede verstrichene Minute unseren Stundenlohn weiter schmälerte.
Eigentlich hatten wir geglaubt, ein Samstagmittag würde reichen, doch letztendlich waren wir bis nach Einbruch der Dunkelheit unterwegs und mussten irgendwann, als wir nicht einmal mehr die Klingelschildchen lesen konnten, aufhören, obwohl wir noch nicht fertig waren. Eigentlich war uns eingeschärft worden, alle Prospekte samstags unter die Leute zu bringen, damit jeder Haushalt den ganzen Sonntag lang Zeit hatte, dieses hochwichtige Dokument ausgiebig zu studieren, aber im Dunkeln konnten wir nicht anders, als zu kapitulieren.

Keine Ahnung, wie viele Stunden wir an diesem Tag letztendlich unterwegs gewesen waren. Am nächsten Tag half der Vater meiner BF uns mit den restlichen Vierteln, indem er uns mit dem Auto rumkutschierte, kopfschüttelnd über diese Misere.

Es ist klar, dass wir bei den nächsten Touren nicht ganz so lange gebraucht hätten, weil wir ja nun schon wussten, wo wir all diese beschissenen Briefkästen finden würden, aber dieses eine Wochenende hatte uns trotzdem mehr als deutlich gezeigt, wie völlig unterbezahlt dieser Job ist. Auch unsere Eltern waren der Meinung, dass so etwas die pure Zeitverschwendung war. Damit war unsere Karriere als Prospektausträgerinnen beendet (und die Suche des betreffenden Supermarktes nach Angestellten, die diesen Scheißjob länger als ein paar Wochen aushielten, ging weiter). Letztendlich bekam jede von uns 36 Mark (das sind inflationsbereinigt, hach, ca. 30 Euro?), was einem Stundenlohn entspricht, den ich mich gar nicht traue auszurechnen.

Fazit: Für zwölfjährige Schülerlein, die gut zu Fuß sind und sich reich fühlen wollen, obwohl sie eigentlich von hinten bis vorne verarscht werden, eignet sich ein solcher Job sehr gut, zumal Zeitungen oder ähnliches austragen meines Wissens einer der wenigen Jobs ist, die man unter 14 überhaupt machen darf. Für alle anderen, die wissen, wie viel Arbeitskraft wert ist und schon Dreisatz können, ist das nur eine Option, wenn sie lediglich einen guten Grund haben wollen, ausgedehnt spazieren zu gehen und das Geld eigentlich nicht brauchen, oder in finanzieller Hinsicht ausreichend verzweifelt sind.

Weiterlesen:
Teil 2: McDonald’s
Teil 3: Fotolabor
Teil 4: Fabrik
Teil 5: Kellnern
Teil 6: Bäckerei
Teil 7: Prospekte – schon wieder

Wenn es darum ging, Geld zu verdienen, gab es in meinem Leben wirklich wenig, für das ich mir zu schade war. Deshalb habe ich auch kein Problem damit, meine Leser um eine kleine Spende in Form einer Tasse Kaffee zu bitten (via Paypal). Über ein wenig Unterstützung freue ich mich immer!