6 Monate und ein Leben

Es ist nun schon ein halbes Jahr her, dass mein Artikel „Eure Awareness kotzt mich an!“ für viel Furore gesorgt hat. Zeit für eine Aktualisierung.

Ich habe nämlich nun einen Therapieplatz.

Und es geht mir so schlecht wie noch nie.

Dabei fängt das gerade erst wieder an. Ich fühle es kommen – meine winterliche Depression. Die jedes Jahr schlimmer wird.

Die Intervalle werden dabei immer kürzer. Bis vor ein paar Wochen kamen die schlimmen Tage nur ein bis zweimal im Monat. Inzwischen sind es so viele in der Woche. Mit einer Tendenz zu „immer“.

Meine Kraft zu Kämpfen schwindet. Dabei ist noch nicht mal Halloween. Auf das ich mich bis jetzt irgendwie nicht freuen kann. So wie ich mich auf überhaupt nichts wirklich freuen kann.

Erledigt kriege ich sowieso nichts, denn nichts scheint irgendeinen Sinn zu machen. Warum etwas tun, das mir sowieso keine Freude macht? Warum etwas unangenehmes erledigen, wenn es doch eh nichts ändert?

Ich stehe morgens auf und warte den Rest des Tages auf sein Ende. Nichts, was dazwischen liegt, hat irgendeinen Reiz. Heute habe ich müßig daran gedacht, eine Freundin anzurufen, mit der ich mich eigentlich jede Woche einmal treffe. Wir trinken was und reden. Eigentlich ganz schön. Aber was soll ich ihr heute sagen?

Egal, was ich mir vorstelle. Alles ist grau. Weggehen. Film gucken. Ein Buch lesen. Was schreiben. Warum überhaupt?

Ich denke mir Projekte aus und schreibe Listen im Wissen, hier nur irgendeinen Grund zu konstruieren für meine erbärmliche Existenz. Ein verzweifelter Versuch, sie irgendwie mit Relevanz zu füllen. Aber was am Ende rauskommt, begeistert mich nicht. Weil mich nichts begeistert.

Ich tue das Minimum dessen, was von mir erwartet wird. Ich gehe arbeiten. Ich schreibe hier, aber nur, weil ich mir selbst Deadlines gesetzt habe. Es macht mir keinen Spaß und auf Kommentare zu antworten schaffe ich nicht. Irgendwann wird niemand mehr was schreiben. Irgendwann, bald vermutlich, werde ich auch all den Menschen in meinem Umfeld zu viel. Warum sollte es denen anders gehen als meiner Familie oder jedem anderen, der mir je etwas bedeutet hat?

Ich habe keine Träume mehr.

Ich habe mich dazu durchgerungen, doch mal Antidepressiva zu versuchen, weil ich das alles nicht länger aushalte. Meine Therapeutin kann mir aber keine verschreiben. Ich muss zum Neurologen oder vielleicht zu meinem Hausarzt, dem ich allerdings bei so einer heiklen Sache nicht vertraue. Inkompetentes Arschloch, zu dem ich nur gegangen bin, weil ich jederzeit kommen konnte, ohne vorher einen Termin gemacht zu haben. Das kommt zwar meiner Antriebslosigkeit entgegen, beweist aber wohl nur, wie inkompetent er ist, wenn er immer Zeit hat.

Neurologe. Facharzt. Facharzt für den Kopf. Ich habe heute fünfmal versucht, bei einem anzurufen. Immer besetzt.

Es geht alles wieder von vorne los. Wieder stehe ich allein da. Aber dieses Mal kann ich keine neun Jahre warten. Ich habe das Gefühl, nicht mal neun Tage warten zu können.

Meine Therapeutin versucht momentan nur, mich irgendwie durch mein Studium zu bringen. Das möchte ich auch, nur um es hinter mir zu haben. Irgendwie fertig werden. Aber dann? Stehe ich da, mit Schulden, die für drei Leben reichen, mit einem Abschluss, mit dem ich nichts anfangen kann. Was danach kommt, ist ein einziges schwarzes Loch.

Wie soll ich dieses Loch füllen, wenn ich nicht mal meinen Tag füllen kann?

Ich kann nicht mehr. Wofür auch. Ich habe keine Träume mehr. Außer diesem:

Ich träumte, meine Mutter sei tot. Ich wachte auf und musste weinen. Dann der Gedanke, dass ich mich endlich umbringen könnte, wenn sie tot wäre. Noch mehr weinen.

Ich habe Angst, dass ich das neue Jahr nicht mehr erlebe.
Und ich habe Angst, weil mir dieser Gedanke immer weniger Angst macht.

Wenn du mich ein bisschen unterstützen willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee.