Abtreibung und Beratung. Teil 2: Ein Zwang, der eigentlich nur eine Pflicht ist und manchmal eine Chance sein kann

Teil 1

Die Beratungspflicht vor einer Abtreibung in Deutschland ist von feministischer Seite eigentlich kaum eine Diskussion wert, weil sich hier mal zur Abwechslung alle einig sind: Es handelt sich um eine bevormundende, sexistische Prozedur, eine reine Schikane gegen Frauen, die im besten Fall als Slutshaminng zu bewerten ist, im schlechtesten Fall aber beweist, dass wir offensichtlich immer noch für zu dumm und unselbstständig gehalten werden, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen.

Völlig ausgeblendet werden dabei jedoch Situationen, in denen ein solches Beratungsgespräch für Frauen praktisch lebensrettend sein kann – und die gar nicht zustande kämen, gäbe es keinen „Zwang“ dazu!

Die Frau Rat aus Teil 1 gibt’s eigentlich gar nicht. Ich habe sie erfunden. Genau wie diese Gesprächsprotokolle. Aber es wird wohl hoffentlich niemand abstreiten, dass es da draußen viele MüllerMaierSchmidts gibt, die in ähnlichen Situationen stecken!

Selbstverständlich ist der Beratungspflicht erstmal ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Frau. Allerdings gibt es unzählige Beispiele in unserem Staat, die seltsamerweise trotzdem nicht als „Zwang“ dämonisiert werden. Schulzwang? Gurtzwang? Klingt albern, ne – weil jedem klar ist, dass diese „Zwänge“ als freiheitliche Eingriffe dennoch einen größeren Nutzen als Schaden haben und außerdem die Erfahrung gezeigt hat, dass man hier nicht grundsätzlich auf Freiwilligkeit bauen kann. Das ist demnach absolut nichts ungewöhnliches.

Pflicht gegen den Zwang

Was allerdings zur Frage führt, ob hier überhaupt ein Schaden entsteht? Vor allem der Schwarzer-Feminismus, der noch aktiv gegen ein real existierendes Abtreibungsverbot kämpfen musste, stellte eine Abtreibung als medizinisch zu vernachlässigenden Eingriff dar (gefährlich nur, wenn er von „Engelmacherinnen“ durchgeführt wird). Verschiedene Gruppierungen vor allem aus dem fundamentalistisch-religiösen Bereich dagegen sprechen hier gerne von unsäglichen Traumata, die der Frau bei einer Abtreibung in jedem Fall entstehen. Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. Eine Abtreibung muss keine große Belastung darstellen, kann aber durchaus aufgrund gesellschaftlicher Umstände psychische Probleme verursachen. Zwangsabtreibungen haben da allerdings nochmal ein ganz anderes Niveau – und genau als solche bewerte ich Abbrüche aufgrund Drucks von außen.

Ein Beratungsgespräch als Pflichtveranstaltung bietet keine Sicherheit, aber wenigstens die Chance, solchen Frauen Hilfe zukommen zu lassen. Hilfe, die Betroffene nicht bekämen, gäbe es keinen Zwang – denn wer eine Frau oder ein Mädchen zu einer Abtreibung zwingt, hat sicher auch keine Skrupel, sie von einem freiwilligen Beratungstermin abzuhalten.

Erfordert es wirklich SO viel Phantasie, sich die drei obigen Szenarios vorzustellen? Ich hätte mir auch ein Dutzend ausdenken können. Man kann nicht einerseits immer behaupten, Frauen seien in unserer Gesellschaft vielfachen Sexismen ausgesetzt, dann aber andererseits felsenfest der Meinung sein, negative Einflüsse von Außen wären ausgerechnet nur bei diesem EINEN Thema nicht existent!

Antiklassistische Solidarität

Unwissenheit über finanzielle Ansprüche (wie in Fall 1) oder andere Vorgänge die Schwangerschaft betreffend (Fall 2) halte ich für einen weiteren Faktor, der in einem Beratungsgespräch eliminiert werden kann. Aber als ich mal zu diesem Thema was bei der Mädchenmannschaft postete, wurde mein Kommentar tatsächlich mit der Triggerwarnung „Klassismus“ versehen und weitere Kommentare nicht mehr freigeschaltet.

Das muss man sich mal reinziehen! Und das mir, die ich selbst von Klassismus betroffen bin!

Im Gegenteil ist es absolut klassistisch anzunehmen, alle Frauen hätten die gleichen Informations- und Handlungsmöglichkeiten und wären in keinem Fall Repressionen ausgesetzt, egal wie jung, ungebildet oder verunsichert sie sind. Die gleichgeschaltete MM-Rhetorik unterscheidet sich dahingehend nicht im Geringsten von der Argumentationslinie der Apologeten unseres sozial undurchlässigen Bildungssystems – nur gehen DIE davon aus, dass persönliches Versagen Aufstiege verhindert („hat sich halt nicht genug angestrengt“), während hier einfach unterstellt wird, jede Entscheidung für oder gegen eine Abtreibung sei total informiert und ohne Repressionen geschehen. Tja, vor dem Hintergrund haben Frauen, die nach diesem erzwungenen Eingriff leiden, halt einfach die Arschkarte gezogen, weil sie ja angeblich gar nicht existieren. Das ist nicht nur klassistisch, sondern diskriminiert auch noch psychische Erkrankungen!

Ein weiterer schöner Vergleich drängt sich mir da in Bezug auf die Diskussionen um das US-Gesundheitsreform auf. „Warum soll ICH gezwungen werden, Geld in eine staatliche Krankenkasse einzuzahlen? ICH mache das ja sowieso schon privat. Etwa nur um den Pöbel zu unterstützen, der zu dumm ist, sich selbst um seine Vorsorge zu kümmern? Vielleicht haben es solche Leute ja VERDIENT, an Krankheiten zu verrecken, deren Behandlung sie nicht bezahlen können?”
Ja, und vielleicht SOLLEN Frauen, die nicht den Bildungsstand haben, sich selbst durch den bürokratischen Dschungel zu wühlen, ja gar keine Kinder in die Welt setzen? Antiklassismus, Mädchenmannschaftsstyle?

Klar nervt das, zu so einem Gespräch gehen zu müssen, obwohl man selbst den totalen Durchblick über sämtliche Eventualitäten hat. Aber kann man dieses Opfer nicht mal aus Solidarität auf sich nehmen?

Eine Abtreibung ist kein Kindergeburtstag

Ich bin für das Recht auf Abtreibung, das es in Deutschland immer noch nicht gibt. Aber Abtreibungen sind dennoch nichts schönes. Ein solches Statement mag vor fünfzig Jahren von einer Feministin unmöglich gewesen sein, aber heute sind wir doch ein bisschen weiter und sollten auch Dinge ansprechen dürfen, die nicht zur politischen Agenda der 60er Jahre gepasst haben.

Unabhängig von der psychischen Verfassung der Frau wird hier nun mal potentielles Leben zerstört. Das ist schlimm, aber anders als Pro-Life-Spinner werte ich die Persönlichkeitsrechte eines erwachsenen Menschen (der Schwangeren) höher als die eines Zellhaufens, der sich erst zum Mensch entwickelt.
Dass er dies allerdings ziemlich sicher tun wird, wenn man ihn in Ruhe lässt, ist halt auch ein Fakt – und ich der Meinung, dass es keine unzumutbare Last ist, etwa eine halbe Stunde Zeit zu opfern, um die Entscheidung zur Abtreibung in einem Beratungsgespräch zu bestätigen, wenn damit mögliches Leben gerettet werden kann. Zumindest DAS hat der Fötus meiner Meinung nach verdient, egal, was später daraus wird.

Man kann nicht immer nur Rechte fordern, aber jedwede Pflicht, die sich daraus möglicherweise ergibt, konsequent ablehnen. Dazu zähle ich auch den Umstand, Abtreibungen nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt durchführen lassen zu dürfen und danach mit der Entscheidung leben zu müssen. Anders erhält man nämlich am Schluss keine emanzipierten Frauen, sondern verwöhnte Kackbratzen, die darauf insistieren, ihre gesunden Babys bis kurz vor der Geburt umbringen zu dürfen, weil den wankelmütigen Madames vielleicht halt mal ein halbes Jahr zu spät einfallen könnte, dass ein Kind ja jetzt irgendwie doch nicht so gut passt. Ist DAS etwa Eigenverantwortung und Selbstständigkeit?

Dass letztendlich eine Beratungspflicht nur Frauen trifft und sie deshalb sexistisch ist, kann dagegen halt auch kein starkes Gegenargument sein, wenn nun mal nur Frauen schwanger werden können.

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