Knutschverbot – eine absolut logische, durchführbare und überhaupt nicht beschissene Idee. Hust.

„Hey ihr Schwucheln, habt ihr kein Zuhause?“
– Die Simpsons

Leider ist es so, dass bei aller in den letzten Jahren gestiegenen Toleranz für Homosexuelle diese immer noch Probleme haben, ihre Homosexualität in der Öffentlichkeit mit einer anderen Person auszuleben, wie es für Heteros selbstverständlich ist. Das variiert natürlich von Ort zu Ort – im bayrischen Dorf wird sowas auf mehr Ablehnung stoßen als in Köln – aber es ist stark anzunehmen, dass jeder Homosexuelle, egal ob männlich oder weiblich, schon mal starrende, unhöfliche Blicke, dumme Kommentare oder in manchen Fällen sogar Gewalt erfahren hat. Und das nur, weil er oder sie offen mit einer anderen Person, die er oder sie liebt, die gleichen Zärtlichkeiten ausgetauscht hat, die man bei heterosexuellen Pärchen dauernd beobachten kann.

Es muss scheiße sein für einen Homosexuellen, sowas zu erfahren. Und das schürt natürlich auch Neid: Neid auf diejenigen, die ihren Partner jederzeit im Café oder in der Disco knutschen können, wenn sie Bock drauf haben, ohne dass diejenigen mit einer Sanktion egal welcher Art rechnen müssen. Denn für Verliebte ist es ja normal und mit keinerlei Nachteilen verbunden, ihre Verliebtheit zu demonstrieren – sofern sie denn hetero sind.

Als heterosexueller Mensch kann man also ruhig mal inne halten und sich klar machen, dass man ständig irgendetwas tut, was anderen verwehrt bleibt. Privilegien hinterfragen nennt man das.

So weit, so cool.

knutschverbot
Irgendwie so.

Nur haben wie immer ein paar Leute die wohl zwingende Tendenz, alles völlig zu übertreiben, daher wurde etwas ausgeheckt, was sie selbst nicht „Knutschverbot“ nennen, was ich aber dennoch so nenne, weil der Begriff den Kern der Sache ziemlich gut trifft und ich sie außerdem ein bisschen ärgern will.
Das Knutschverbot besagt folgendes: Heteros sind privilegiert, weil sie als Mitglied einer mächtigen Mehrheit und der „Norm“ in der Öffentlichkeit mit ihrem Partner durch diverse zärtliche Kleinigkeiten zeigen können, dass sie eben in einer Partnerschaft stecken, während Schwule und Lesben das nicht können. Daher ist es nur fair und solidarisch, sich als Hetero in der Öffentlichkeit jedwede Zärtlichkeit zu verkneifen, weil dadurch die Norm, die sie mit ihrer Rumknutscherei produzieren, etwas weniger mächtig wird.

Jo, ne. Das hab ich jetzt schon mehrmals gehört und gelesen – und natürlich ist auch die Mädchenmannschaft ganz vorne mit dabei, wenn es um noch mehr Political Correctness geht.

Ich will nicht schon wieder fragen, ob die verantwortlichen Damen den Arsch offen haben. Aber naja, es drängt sich mir halt schon die Frage auf, ob solche Leute den Arsch offen haben, ne?

Man soll sich also als reflektierter, solidarischer Hetero-Mensch jegliche Zärtlichkeit mit einem geliebten Menschen in der Öffentlichkeit verkneifen und das rettet dann irgendwie die Welt oder zumindest die Homosexuellen. Also so:

Schritt 1: Critical Hetness (sic…)
Schritt 2: ?
Schritt 3: Profit!

Da fasse ich mir doch ganz langsam und matt an den Kopf und sinke kraftlos zu Boden. Nein, wie ist das so blöd! Und für dieses Urteil gibt es mehr als einen Grund.

Es trifft genau die Falschen
Logischerweise würden sich nur Menschen dem freiwilligen Knutschverbot unterwerfen, die davon wissen und ihre Situation als Hetero reflektiert haben. Man kann, nein, muss also davon ausgehen, dass diese Leute allesamt Homosexuelle respektieren und an ihrer Seite stehen.
So. Warum sollen also Menschen, die nicht homophob sind und damit nicht Teil des Problems, unter so etwas leiden? Offensichtlich wird es ja als quälend empfunden, keine Zärtlichkeiten demonstrieren zu dürfen. Warum diese Qual auf genau die falschen Leute übertragen, die, die für das Recht einstehen, als Homosexueller genauso behandelt zu werden wie als Hetero? Wer will denn sowas?

Es scheint nicht immer die Sonne im Hetenland
Ein Mann schreibt eine Oper über eine Frau? Oh Sir, Wie köstlich absurd!“
– Futurama
Es stimmt ja schon: Bis auf einige sehr, sehr kleine Ausnahmen ist Heterosexualität in der gesamten Menschheitsgeschichte immer das gewesen, was als einzig normale Neigung angesehen worden ist. Entsprechend schlecht war es meistens um die Rechte von Homosexuellen bestellt. Wissen wir ja alle! Dennoch empfinde ich die Sichtweise, dass Heteros es IMMER leicht haben und Homos IMMER schwer, in dieser Form zu einfach, wenn damit begründet wird, warum ein freiwilliges Knutschverbot für jeden, der hetero ist und Homosexuelle unterstützen will, obligatorisch sein muss, sonst würde man sich ja nur selbst was vorheucheln.
Unglaublich, aber wahr, aber es gibt tatsächlich heterosexuelle Menschen, für die die Erfahrung, mit ihrem Partner Zärtlichkeiten auszutauschen, auch in der Öffentlichkeit, einfach unglaublich wichtig ist. Als erstes würden mir da ABs einfallen. ABs, das steht für Absolute Beginners und mit diesem Begriff werden Menschen bezeichnet, die schon erwachsen sind, aber trotzdem noch keine Beziehungserfahrung (inklusive Sexualität) haben. (Bevor die Frage aufkommt: Ja, ich bin eine Ex-AB. Etwas, über das ich irgendwann mal ausführlicher schreiben werde.) Es wäre unendlich scheiße für diese Menschen, wenn sie dann endlich, endlich eine Beziehung gefunden haben, sofort unter Menschen sämtliche Berührungen und Liebesbekundungen unterdrücken zu müssen.
Oder stellt euch ein Missbrauchsopfer vor, das nach langer Therapiearbeit endlich wieder so weit ist, Nähe zuzulassen. Soll so jemand tatsächlich gezwungen sein, sich nach der ganzen Arbeit, die das Gegenteil zum Ziel hatte, selbst zu regulieren, nur um keine Norm zu reproduzieren?
Das mögen konstruierte Beispiele sein, es sind aber nichtsdestotrotz Fälle, die so oder ähnlich vorkommen können. Solchen Leuten kann man sowas nicht zumuten – finde ich zumindest. Natürlich wurde im entsprechenden Artikel der MM auch betont, dass ja keine wirklichen Verhaltensregeln aufgestellt werden können, weil ihnen dazu die Macht fehlt, und deshalb der Begriff „Knutschverbot“ ja so falsch wäre, aber der Druck, der zumindest in entsprechenden Szenen herrschen wird oder tatsächlich schon herrscht, sagt doch was ganz anderes: Wer nicht mitmacht, kann ja nicht für Homo-Rechte sein. Was im Grunde heißt, dass derjenige homophob ist. Und wir wollen doch nicht homophob sein, oder?!?!
Tut mir leid, aber bei dieser Aufspielerei als moralische Höchstinstanz kotze ich ihm Strahl.

Minus mal Minus ergibt nicht Plus
Kein Homo wird mehr kuscheln können, wenn Heteros weniger kuscheln. Sich als Hetero das Knutschen zu versagen bedeutet nicht, dass Homos mehr knutschen. Es wird sich NICHTS ändern dadurch. Nur eines ist sicher: Dadurch gibt es weniger (sichtbare) Liebe. Und das ist scheiße, denn: Liebe ist doch genau das, was jeder will und das einzige, das dereinst die Welt retten wird.
Also kann ein Liebesentzug, und sei es auch nur in der Öffentlichkeit, doch wohl nicht das Ziel sein?

fehlende Signalwirkung
Ich weiß nicht, ob die Mädels von der MM an einer interessanten Art der Realitätsverweigerung leiden oder es einfach bisher nicht gemerkt haben. Aber Tatsache ist: Der Feminismus ist kein Mainstream. Genauso wenig wie Gay Pride oder Queer-Sachen. Es gibt nur eine ganz kleine Gruppe in diesem Land, die sich mit sowas beschäftigt und von dieser kleinen Gruppe werden sich wohl einige bezüglich des Knutschverbots genauso an den Kopf fassen wie ich.

Das ist so großartig, das musste ich einfach ergänzen!
Das ist so großartig, das musste ich einfach ergänzen!

Wenn man was erreichen will, muss man Akzente setzen. Man braucht Signale, um gesehen zu werden, denn ohne sichtbares Signal wird sich kein Mensch für das Anliegen, für das man kämpft interessieren, da es schlicht und ergreifend niemand bemerkt.
Was ist wohl die Signalwirkung von „Ich unterlasse es ab jetzt, meinen Freund öffentlich zu küssen und mit ihm Händchen zu halten“? Genau: Nichts. Weil das nämlich längst nicht jeder macht. Oder habt ihr euch bei einem Paar schon mal nach kürzester Zeit gefragt: „Oh mein Gott, dieser Typ und diese Tussi sitzen jetzt schon seit zehn Minuten an unseren Nebentisch und haben sich noch kein einziges Mal geküsst!! Da stimmt doch was nicht!! Wenn… wenn ich darüber nachdenke, bringt das mein gesamtes heteronormatives Weltbild ins Wanken!!einself“
Nicht so wirklich, ne? So eine Maßnahme bringt nur was und ist nur dann überhaupt sichtbar, wenn man sie auch ständig verbalisiert. Damit erreicht man irgendwelche Leute auf der Straße schon mal nicht, außer man labert sie halt im Vorbeigehen an. „Verzeihung, wir kennen uns nicht und sind uns nie begegnet, aber dieser Mann an meiner Seite ist MEIN Mann. Wie Sie jedoch sehen, verzichten wir aufs Händchenhalten aus Solidarität zu Homosexuellen, die das nicht so einfach können!“ – Nicht ernsthaft, ne?
Und selbst wenn man sich bei sowas auf seinen Familien- und Freundeskreis beschränkt, wird man innerhalb kürzester Zeit einfach nur zu einer gewaltigen Nervensäge, ähnlich Vegetariern, die bei jedem Essen betonen müssen, dass sie kein Fleisch essen, statt einfach das Maul zu halten und sich ihrem Salat zu widmen. Niemand mag Nervensägen!
Sobald eine Zahl von Leuten, die mitmachen, erreicht wäre, deren Befolgung des Knutschverbots tatsächlich in der Gesellschaft spürbar wäre, wäre das Verbot nicht mehr nötig, weil es dann keine Homophobie mehr gäbe – oder zu einer Randerscheinung geworden wäre.

Ich bin keine Ellen-Jamesianerin
Besonders bemerkenswert ist bei der MM, und zwar nicht nur bei diesem Artikel, die ganz außergewöhnliche Leidensfähigkeit der Betroffenen. Sätze, die ich besonders köstlich fand, waren zum Beispiel:
Wenn ich mir bewusst bin, dass ich andere damit verletzen kann, habe ich doch gleich viel weniger Freude daran in der Öffentlichkeit zu knutschen.
Und zu einer kritischen Stimme:
lass es halt und schönes unbeschwertes Leben noch.
Hui, harte Bandagen. „Du bist glücklich. SCHÄM DICH!!!“
Es tut mir ja ganz furchtbar leid, aber ich bin tragischerweise nicht masochistisch veranlagt. Ich brauche nicht dieses Gefühl, mich permanent selbst zu kasteien, um in meiner kleinen radikalen Seifenblase als härteste PClerin den meisten Fame abzugrasen. Und vor allem möchte ich mich nicht wegen Dingen schämen, auf die ich keinen Einfluss habe. Ich bin heterosexuell nicht aus Entscheidung, sondern so geboren. Warum werde ich deswegen angefeindet?

So. So viel zu meiner doch ausführlicher ausgefallenen Kritik an diesem dämlichen Knutschverbot. Jetzt lässt es sich natürlich leicht meckern, wenn man keinen Gegenvorschlag hat. Doch dazu ist mir heute eine Idee gekommen:

Statt sich als Hetero jegliche Zärtlichkeit selbst zu unterbinden – wie wäre es, wenn sich nicht einfach jeder einen gleichgeschlechtlichen Freund oder eine Freundin schnappt und mit DER ein bisschen auf schwul oder lesbisch macht? Und zwar so richtig in der Öffentlichkeit?

Das Problem ist doch, dass homosexuelle Zärtlichkeiten als abweichend von der Norm angesehen werden. Also könnte doch eine Herangehensweise sein, die Menschen dahingehend ein wenig zu desensibilisieren. Einem bayrischen Landei wird nach seinem Umzug nach Köln mit Sicherheit nach einiger Zeit nicht mehr alles aus dem Gesicht fallen, wenn es zwei küssende Männer sieht. Desensibilisierung! Und, nicht vergessen, nerven. „Ich bin nicht schwul, aber ich wäre es gerne, nur um Leute zu nerven, die was gegen Schwule haben“ sprach einst der unvergleichliche Kurt Cobain (der sicher viele Männer sehr, sehr glücklich gemacht hätte, wäre er denn wirklich schwul gewesen). Das ist auch ein Grund, weshalb er manchmal Frauenkleider angezogen hat: zum Ärgern.

Einen schönen Mann kann nichts entstellen.
Einen schönen Mann kann nichts entstellen.

Und das ist doch cool. Also, einen Homophobiker ärgern. Dem würde doch schier der Kopf platzen, wenn sich die Zahl derer, die er hasst, sich vor seinen Augen plötzlich verzehnfacht. Er wird zwar irgendwann mitkriegen, dass die meisten davon ihre Homosexualität nur faken, aber nützt ihm das was? Nee. Er kann entweder alle dumm anlabern und sich damit lächerlich machen, weil er ja weiß, dass er die falschen anspricht, oder es einfach sein lassen. Der alte „Wir malen einfach an alle Türen ein X“-Trick, den kennen wir doch schon aus Märchen. Verwirrungsstrategie! Der totale Hirnfick!

Ich glaube, sowas könnte ein sehr großer Spaß werden. Hier fänden sich auch mit Sicherheit mehr Teilnehmer als beim Knutschverbot. Und es würde eindeutig mehr Aufmerksamkeit erregen!

Man muss es ja nicht ständig durchziehen, aber man kann es nach Belieben immer mal wieder einbauen. Shoppen mit der besten Freundin? Geht doch einfach mal Hand in Hand und gebt euch Wangenbussis. Saufen mit eurem Bro? Nennt ihn „Schatz“ und streichelt sein Knie. Auch als Aktivität für Pärchenabende geeignet! Tauscht halt im Restaurant einfach die Partner!

Es versteht sich von selbst, dass sämtliche Zärtlichkeiten, die man normalerweise nur mit dem Partner teilt, den man liebt und sexuell begehrt, vorher mit eurem gleichgeschlechtlichen Kumpel oder der Kumpeline, mit der ihr dieses Spiel durchführen wollt, genau abgeklärt werden, denn natürlich findet sowas nicht jeder angenehm. Manche Hardcores finden vielleicht nicht mal etwas dabei, Zungenküsse auszutauschen, während andere schon durch einem Schmatz auf die Wange oder einem Arm um die Schulter ein bisschen überfordert sind.
Aber das ist okay! Partnerschaftlichkeit äußert sich in vielen Kleinigkeiten. Wer nicht aus einem gerechtfertigten Grund ein Problem mit Nähe hat, muss doch vor einem kurzen Händchenhalten mit einem Freund nicht zurück schrecken. Natürlich ist ein „Wäääh, eklig, das find ich schwul!“ nicht gerade ein bestechendes Gegenargument! Alle anderen werden mit Sicherheit einen Weg finden, sich ein bisschen homo zu geben!

Stellt euch lauter entgeisterte Gesichter vor, wenn an einem schönen Sonntagnachmittag plötzlich das halbe Café voll ist mit vermeidlich schwulen und lesbischen, süß turtelnden Pärchen! Ich fände das gigantisch! Und es wäre tausendmal effektiver, dabei aber doch noch gleichzeitig lustiger und einfach lebensbejahender als ein saublödes Knutschverbot!

Problem ist natürlich, dass so eine Idee von den zitierten Kräften sicher sofort demontiert werden würde und zwar mit lauter schicken Fremdwörtern, die ich allesamt nicht kenne.

Tja, das ist mir aber egal. Ich bin lieber leicht anmaßend als völlig ineffektiv!

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