Abtreibung und Beratung. Teil 1: Frau Rat und ihre Fälle

Ich erzähle euch heute mal etwas von Frau Rat. Frau Rat arbeitet bei Pro Familia und führt Beratungsgespräche mit schwangeren Frauen und Mädchen, die eine Abtreibung wollen. In Deutschland ist ein solches Beratungsgespräch Pflicht, was die meisten Feministinnen als sexistische Bevormundung empfinden, die abgeschafft gehört.

Frau Rat sieht das nicht so.


1. Fall: Julia Müller, 17 Jahre, ist mit ihrer Mutter zum Beratungsgespräch gekommen.

Frau Rat: Julia, ich kann mir vorstellen, wie beängstigend das gerade alles für dich sein muss…
Frau Müller: Ja, eine Schande ist das. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie enttäuscht ich bin.
Julia schweigt.
Frau Rat: Nun ja, das ist schon tausenden anderen Frauen vor dir passiert, Julia. In diesem Gespräch möchte ich dir gerne erläutern, welche Möglichkeiten dir offen stehen…
Frau Müller: Da gibt es nichts zu erläutern. Füllen Sie einfach den Beratungsschein aus. Wir haben das bereits mit ihr besprochen.
Frau Rat: Sie und Julias Vater?
Frau Müller: Mein Mann und ich, ja. Für den ist eine Welt zusammen gebrochen. Die eigene Tochter… das Zeugnis voller Einsen und dann lässt sie sich schwängern… aber wir werden nicht zulassen, dass sie sich damit ihr ganzes Leben verpfuscht.
Frau Rat: Was sagst du denn dazu, Julia?
Frau Müller: Sie sagt gar nichts dazu. Unsere Entscheidung steht. Geben Sie uns einfach den Schein.
Frau Rat: Frau Müller, ich kann keinen Beratungsschein ausstellen, wenn Sie Ihre Tochter nicht zu Wort kommen lassen. Ich muss Sie leider bitten, kurz ins Wartezimmer zu gehen, damit ich mit Ihrer Tochter reden kann.
Frau Müller protestiert, fügt sich aber schließlich.
Frau Rat: Tja… ist sie immer so?
Julia: Ja… tut mir leid…
Frau Rat: Wie ist das eigentlich passiert? Pille vergessen?
Julia: Ich nehme die Pille gar nicht. Ich hab meine Mutter mal deswegen gefragt, aber sie ist total ausgerastet und, naja… mein Freund und ich haben dann Kondome benutzt…
Frau Rat: Hm, Kondome sind leider nicht so sicher wie die Pille. Wie haben deine Eltern reagiert?
Julia: Ich wollte es ihnen gar nicht direkt sagen, aber meine Mutter hat den Schwangerschaftstest gefunden… es gab einen Megakrach, so hab ich sie noch nie brüllen gehört… und am Ende meinten meine Eltern halt, ich muss es loswerden.
Frau Rat: Und was sagst du selbst dazu?
Julia: …ich weiß nicht. Ich will eigentlich nicht abtreiben. Aber wenn ich ein Kind habe, kann ich nicht studieren. Ich mache nächstes Jahr Abi, aber meine Eltern haben gesagt, mit einem Baby kann ich die Uni vergessen. Ich will so gerne Graphikdesignerin werden…
Frau Rat: Naja, das kann man so aber nicht sagen. Mit einen Baby zu studieren ist auf jeden Fall eine riesige Herausforderung, aber es gibt bei den meisten Unis Hilfsangebote für junge Mütter. Es gibt zum Beispiel WGs, in denen nur Studentinnen mit Kind wohnen und sich gegenseitig unterstützen – beim Babysitten zum Beispiel.
Julia: Echt? Das hab ich noch nie gehört. Wow… aber wie soll ich das bezahlen? Meine Eltern haben gesagt, sie geben mir keinen Cent, wenn ich das Baby behalte.
Frau Rat: Das dürfen deine Eltern gar nicht. Solange du noch keine Ausbildung hast, müssen sie dir Unterhalt leisten, es sei denn, sie sind dazu finanziell nicht in der Lage.
Julia: Nee, das geht schon. Mein Vater hat ne eigene Firma…
Frau Rat: Dann müssen sie für dich aufkommen, egal ob mit oder ohne Baby. Und dir selbst steht dann ja auch staatliche Hilfe zu, Kindergeld zum Beispiel…
Julia: Dann könnte ich ja… aber… nein, das geht nicht. Ich kann nicht! Meine Eltern würden nie wieder mit mir reden!
Frau Rat: Hast du denn keinen, der dich unterstützt?
Julia: Naja, meine Tante, die hab ich nach diesem Riesenstreit sofort angerufen. Die war total sauer auf Mama deswegen und meinte, ich könnte notfalls bei ihr einziehen…
Frau Rat: Was ist denn mit deinem Freund?
Julia: Der war ziemlich geschockt, aber er meinte, wir kriegen das hin. Meine Eltern können ihn nicht leiden, weil seine Eltern aus der Türkei kommen. Dabei sind die voll nett und haben auch schon gesagt, dass sie helfen werden, wenn ich was brauche…
Frau Rat: Das klingt doch gar nicht sooo hoffnungslos.
Julia: Ja, eigentlich… aber meine Mutter…
Frau Rat: Julia, wichtig ist, dass du tust, was DU für richtig hältst. Du hast noch ein paar Wochen Zeit, um dich zu entscheiden. Schau, ich habe hier eine Liste mit allen Nummern und Adressen, an die du dich wenden kannst. Da sind auch ein paar Websites und ein Forum, durch die du dich mal klicken kannst mit allem, was man als junge Mutter wissen muss. Auch zum Thema Adoption…
Julia: Wow, das werde ich mir auf jeden Fall ansehen. Danke!!
Frau Rat: Hier hast du deinen Beratungsschein. Viel Glück!


2. Fall: Renate Maier, 47, ist bereits zweifache Mutter und kommt mir ihrem Mann zur Beratung.

Frau Rat: Frau Maier, es ist eher ungewöhnlich, dass eine Frau Ihres Alters zu mir kommt. Und für die meisten ist es die erste Schwangerschaft…
Frau Maier: Ja, dann geben Sie uns doch bitte einfach diesen Schein. Mein Mann und ich sind seit 26 Jahren verheiratet, da werden wir doch wohl selbst wissen, was gut für uns ist.
Herr Maier: Ganz genau.
Frau Rat: Bitte lassen Sie uns trotzdem über Ihre Situation reden. Es dauert auch nicht lange. Ich nehme an, die Schwangerschaft war nicht so ganz geplant?
Frau Maier: Nein, das war im Urlaub… ich hatte meine Pille zuhause vergessen und ich wollte nicht zum Arzt im Ausland… ich hätte ja nicht gedacht, dass… als mir vorletzte Woche so schlecht war, dachte ich ja sogar, das wären jetzt die Wechseljahre…
Herr Maier wird rot.
Frau Rat: Aber Ihre Söhne waren Wunschkinder?
Frau Maier: Ja, natürlich!
Herr Maier: Also bei unserem Ältesten, da wollten wir damals eigentlich ja noch ein, zwei Jahre warten, bis wir mehr gespart hatten, aber Herrje, dann ist es halt passiert und wir haben es auch so hingekriegt, Gott sei Dank…
Frau Maier: Der hat gerade seinen Abschluss gemacht als Ingenieur. Der ist ja der erste in unserer Familie, der studiert hat. Unser Jüngster, der ist 20, der hat aber auch letztes Jahr angefangen. Der will Gymnasiums-Lehrer werden.
Frau Rat: Dann müssen Sie ja wahnsinnig stolz sein.
Frau Maier: Ja freilich! Und wenn ich ein paar Jahre jünger wäre… aber nein, das geht nicht…
Frau Rat: Warum glauben Sie das?
Frau Maier: Ach, so eine alte Mutter, das geht doch nicht… lieber so als… also, eine Bekannte von mir hatte eine Frühgeburt, da musste das Würmchen in so einen Brutkasten und hat da ganz hilflos gelegen mit all den Schläuchen… nach einer Woche ist es dann gestorben…
Herr Maier: Das könnte ich nicht. Da ginge ich kaputt von.
Frau Rat: Sie glauben also, das Baby hat sowieso keine Überlebenschance?
Frau Maier: Ja, ist doch so. Meine ältere Schwester hat ihr letztes Kind mit 27 bekommen, das war ’85. Damals hat der Doktor gesagt, sie wär eine „Spätgebärende“. Und ich bin zwanzig Jahre älter…
Frau Rat: Naja, das ist aber auch schon wieder 30 Jahre her. Heute ist man mit 27 eher früh dran. Und letztes Jahr sind in Deutschland fast 30.000 Kinder von Müttern über 40 geboren worden.
Herr Maier: 30.000? Das wusste ich nicht. Wusstest du das?
Frau Maier: Nein. Das ist ja ein Ding!
Frau Rat: Wie waren denn Ihre bisherigen Schwangerschaften?
Frau Maier: Die waren problemlos. Ein bisschen Übelkeit am Anfang, das war’s. Die Geburten dauerten auch nicht lange.
Herr Maier: Und unsere Buben sind kerngesund. Ich weiß nicht mehr, wann die das letzte Mal krank waren.
Frau Maier: Aber trotzdem… ich hab ja auch noch keine Krankheiten… aber der Gedanke, dass das Kleine stirbt oder irgendwie geschädigt ist… andererseits, so stirbt’s ja auf jeden Fall…
Herr Maier: Ach je…
Frau Rat: Frau Maier, ganz ehrlich: In Ihrem Alter gehören Sie tatsächlich zur Risikogruppe, aber Ihre letzte Schwangerschaft ist 20 Jahre her. Seitdem hat es sehr viele Fortschritte in der Medizin gegeben. Hier habe ich eine Liste mit Frauenärzten, die Erfahrung mit Risikoschwangerschaften haben. Vielleicht wollen Sie sich ja mal einen Termin geben lassen, bevor sie sich endgültig entscheiden.
Frau Maier: Danke… Also Heinz, ich glaube da ruf ich morgen mal an…
Herr Maier: Ja, mach das. Ach, so was Kleines wieder im Haus, das wär ja schon was…
Frau Rat: Und hier ist Ihr Beratungsschein. Viel Glück!


3. Fall: Lisa Schmidt, 28, ist allein gekommen.

Frau Rat: Also, Frau Schmidt, ich würde gerne mit Ihnen über Ihre Situation reden…
Frau Schmidt: Geben Sie mir einfach diesen blöden Schein. Dass ich hier überhaupt antanzen muss… eine Unverschämtheit!
Frau Rat: Ich verstehe Ihre Verärgerung, aber ich bin wirklich nur hier, um Ihnen zu helfen…
Frau Schmidt: Ja, helfen, helfen – klar! Ich habe studiert, einen guten Job und kann mich problemlos selbst versorgen, aber hier muss ich trotzdem angekrochen kommen, als wäre ich zu blöd, das selber zu entscheiden!
Frau Rat: Sie sind gerade sehr aufgebracht.
Frau Schmidt: Natürlich bin ich aufgebracht!
Frau Rat: Ich möchte Ihnen wirklich nur Ihre Optionen aufzeigen und…
Frau Schmidt: Ich habe keine Optionen!! Ich muss abtreiben!! Ich muss!!
Frau Schmidt bricht in Tränen aus.
Frau Rat: Frau Schmidt, warum weinen Sie denn? Hier sind Taschentücher…
Frau Schmidt: Schnüff… Danke…
Frau Rat: Sie scheinen ja doch mit der Entscheidung zu hadern. Warum „müssen“ Sie abtreiben?
Frau Schmidt: Es ist mein Freund, er… Sie verstehen das nicht, er war am Anfang nicht so… und er hat sich entschuldigt… aber die Schwangerschaft…
Frau Rat: Frau Schmidt… werden Sie misshandelt?
Frau Schmidt: Nein, er… das ist doch nicht „misshandelt“… es hat nur ein paar Mal, wenn wir Streit hatten, also… er hat sich jedes Mal entschuldigt!
Frau Rat: Das macht es nicht besser. Haben Sie sich denn schon mal jemanden anvertraut? Was ist mit ihren Eltern?
Frau Schmidt: Oh Gott, das könnte ich ihnen nicht erzählen. Mein Vater würde ihn umbringen! Nur meine beste Freundin, die habe ich angerufen nach dem ersten Mal… aber die ist direkt ausgeflippt, meinte, sie würde mich sofort holen kommen und mit mir zur Polizei gehen… seitdem treffe ich sie fast nicht mehr, obwohl sie ständig anruft…
Frau Rat: Will ihr Freund etwa nicht, dass sie sich mit ihr treffen?
Frau Schmidt: Sie… sie haben sich sowieso nie gut verstanden. Er ist ja eigentlich nicht so, aber jetzt mit dem Baby… ich hatte vor ein paar Wochen einen Virusinfekt und war mir nicht sicher, ob die Pille noch wirkt und ich habe ihm GESAGT, wir sollten besser zusätzlich Kondome nehmen, aber er wollte nicht…
Frau Rat: Und deshalb sollen Sie jetzt abtreiben – weil er keine Kinder will?
Frau Schmidt: Ich liebe ihn, aber… ich kann doch nicht mein Baby umbringen!! Aber… er war so wütend… ich weiß nicht, was er tut, wenn ich ihm sage, dass ich es behalten will… aber ich kann auch nicht zu meinem Eltern… wir sind seit über drei Jahren zusammen, da kann ich doch nicht plötzlich ankommen und sagen, dass er mich schlägt!
Frau Rat: Frau Schmidt, es gibt absolut keinen Grund, sich zu schämen. Ich hatte schon einige Frauen in Ihrer Situation bei mir. Ich habe hier zahlreiche Broschüren mit Hilfsangeboten für misshandelte Frauen. Sie können sofort einen Termin machen, wenn Sie möchten. Bitte überlegen Sie sich das! Und egal, wie Sie sich wegen des Babys entscheiden – tun Sie, was SIE für richtig halten!
Frau Schmidt: Ja… ich muss etwas tun… ich halte das nicht mehr aus…
Frau Rat: Hier ist Ihr Beratungsschein. Viel Glück!

Und jetzt? Weiter mit Teil 2

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Ich trinke zwar keinen Kaffee, aber das muss ja niemand wissen.

Nochmal: #MeinFeminismus

Es wurde ja schon oft vehement gefordert lieb danach gefragt. Da ich es außerdem gerne auf diese Weise speichern würde: #MeinFeminismus als Tweetsammlung.


 

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Wenn jemand über einzelne Punkte diskutieren möchte, gerne. Allerdings bitteschön mit Begründung, was seiner/ihrer Meinung nach an dem entsprechenden Punkt kritikwürdig ist. Meldungen von Tussis, die meine Meinung mit Mord gleichsetzen und biologistische *tuuut* *bitte höflich bleiben* sind nicht erwünscht.

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Wie man lernt, richtig beschissen zu flirten!

Jemand schon mal was von „PickUp“ gehört?

Damit ist nicht dieser muffige Schokoriegel gemeint, sondern eine Bewegung, die aus den USA zu uns rüber geschwappt ist und immer mehr Anhänger findet. Dabei geht es um das für gewisse Kerle einzig interessante Thema: Ficken!

Aber vor dem Ficken steht die Eroberung, sprich, das richtige Flirten. Genau diese Kunst versuchen einige selbsternannte Meister auf dem Gebiet, die sich tatsächlich „PickUpArtists“ (kurz PUA) nennen, ihrem atemlos lauschenden Publikum – teils gegen viel Geld – zu vermitteln.

Grundlage dieses Konzepts, das sich durch lächerlichen Fachsprech selbst den Anstrich angeblicher Wissenschaftlichkeit gibt, ist die Annahme, dass wir alle Opfer von Evolution und Biologie sind und rein gar nichts dagegen tun können. Weder Sozialisation, noch Kultur können uns das austreiben. Damit ist unser ganzes Leben völlig auf Fortpflanzung ausgelegt, somit auch jede hervorragende Leistung eines Mannes in egal welchem Gebiet nur dazu da, sich als Alphamann zu profilieren und überhaupt hat Michelangelo die Sixtinische Kapelle ja nur angemalt, um die Chicks zu beeindrucken! (Wobei, war der nicht schwul?)

Die Prämisse von PU in aller Kürze:
Frauen sind Neanderthalerinnen, die nur darauf warten, vor dem Typen, der am lautesten mit seiner Keule rasselt, verzückt auf die Knie zu sinken. Bedauerlicherweise (für PUAs) sind diese Urtriebe bei Frauen von einer Patina aus Erziehung, Kultivierung und fehlgeleiteter Emanzipation überzogen, die Frauen tatsächlich weisgemacht hat, es gäbe mehr im Leben als nach dem perfekten Mann zu suchen, dem sie dann Kuchen backen und die Höhle heimelig gestalten können. Aber PUAs haben das durchschaut und die Fähigkeit, die versteckten Evo-Knöpfchen zu finden und zu drücken, zur Kunst erhoben! Halleluja!

Es ist ganz einfach: Da Frauen nur auf Alphamänner stehen, muss man sich selbst als einer präsentieren, um zum Schuss zu kommen. Dominanz und Status sind alles!

Das Schöne an diesem Konzept aber ist, dass man schnell jeden Typen zum „Alpha“ labern kann, der Erfolg bei Frauen hat. Klar, Anzüge tragen, Ferrari fahren, überhaupt mit Geld um sich werfen und sich einen Scheißdreck darum scheren, was andere von einem halten, ist natürlich das ultimative Ziel, aber wenn irgendein langhaariger Loser ohne Job und Geld eine klarmacht, dann ist langhaarig, erfolglos und Pleite sein halt in dessen Peer-Group auch irgendwie ein beeindruckendes Zeichen für Status. Niemals nicht kann das vielleicht einfach nur daran liegen, dass der Typ gut aussieht. Denn das kann man ja nur sehr eingeschränkt beeinflussen, womit sich kein Geld verdienen lässt!

Das macht diese Theorie im Grunde absolut nicht falsifizierbar, da alles Status sein kann und jeder erfolgreiche Flirt durch PU erklärt wird. Selbst Basics, die schon unsere Großeltern wussten (beispielsweise, dass man gepflegt besser ankommt, als wenn man zehn Meter gegen den Wind stinkt) werden von PU vereinnahmt und so präsentiert, als hätte man die Relativitätstheorie entdeckt.

Nach dieser Vorrede fragt ihr euch bestimmt, wie das in der Praxis aussieht. Bedauerlicherweise kann ich davon ebenfalls berichten.

Fangen wir von hinten an. Letzten Dienstag bin ich nach dem Deutschland-Brasilien-Spiel (7:1 YEAH!) noch bei uns in der Kneipe an der Theke gelandet. Davor ein Typ, den ich noch nie zuvor gesehen habe und der irgendwann begann, mich anzubaggern. Leider kann ich das Gespräch nicht mehr im Wortlaut wiedergeben (*hust* Ein Tor ein Schnaps *hust*), aber dass sich bei mir sehr schnell ein Gefühl von absoluter Ablehnung einstellte, ist mir noch sehr gut im Gedächtnis.

PUAs glauben, Frauen seien die Herrscherinnen des Schlafzimmers, denn Eier sind teuer, Sperma ist billig blabla und außerdem haben Frauen ja eigentlich eh kaum ne eigene Libido. Dies führe bei Frauen zu der Vorstellung, dass Männer Bittsteller sind, die um Sex betteln, da sie den ja so viel nötiger haben als Frauen.

Ein echter Alpha interessiert das natürlich nicht! Alphas können ja jede haben. Wer also den Eindruck vermittelt, überhaupt kein Interesse an der Frau ihm gegenüber zu haben, macht sich selbst umso interessanter. Logisch, ne? Umgesetzt in ein konkretes Flirtverhalten äußert sich das in einem „Mädel, ich als ultimativer Macker bin ja so viel besser als du“-Gehabe. Das kann erreicht werden durch eine enervierend süffisante Haltung oder auch schlicht Beleidigungen.

Dieser Typ schaffte es also, mich massiv anzumachen und mir gleichzeitig das Gefühl zu geben, dass er mich für eine absolute Idiotin hält (die vermutlich froh sein soll, von diesem Gottesgeschenk an die Weiblichkeit überhaupt beachtet zu werden). Am meisten habe ich noch im Gedächtnis, dass er alles hinterfragte, was ich von mir gab. Wirklich ALLES. Darunter auch Aussagen zu meinem Alter (abgesehen von meiner Mutter dürfte ich selbst die Person sein, die am besten weiß, wie alt ich bin), zu meinem Studium (nicht zu den Inhalten, sondern tatsächlich, WAS ist studiere!) und so weiter. Gönnerhafte Kommentare zu meinen Dartkünsten (ich ließ mich zu einem Spiel breitschlagen… und war BESSER als er) hätten den Sack dann zugemacht, wäre er nicht schon vorher zu gewesen.

Das Tragische daran ist, dass ich den Kerl wirklich süß fand, rein optisch gesehen. Genau mein Typ! Ein freundliches Gespräch hätte ihm alle Optionen eröffnet. Aber nee, lieber führt Mann sich wie ein Arschloch auf, weil voll Alpha und so. Doch wenn man sich wie ein Arschloch aufführt, wird man dadurch leider nicht zu einem guten Flirter, sondern zu einem Arschloch!

pickup_artist

Aber weiter im Text. Reden wir über den einzigen PU-Anhänger, den ich im echten Leben je getroffen habe und der zu seiner Obsession auch offen stand. Es handelte sich um den Freund einer Ex-Kollegin, der sich für PU zu interessieren begann, als sie gerade frisch zusammen waren.
Klar, dass sie das irgendwie scheiße fand!

Dieser Typ versuchte nun tatsächlich, als Anzugträger zum Alpha zu werden. Natürlich war ihm klar, dass einige körperliche Gegebenheiten eher auf Alpha hindeuten. Evolution halt.
So saß ich mit beiden in einer Bar und bekam mit, wie sie anfingen zu streiten. Das Thema war schnell ermittelt, als sich meine Ex-Kollegin mit blitzenden Augen zu mir drehte und zische: „Kannst du dem bitte mal sagen, dass er groß genug ist?!“
Ich musterte ihn von Kopf bis Fuß. „Alter, du bist groß genug.“
Er lächelte über so viel Naivität. „Aber es wäre besser, wenn ich NOCH größer wäre.“
„Wie groß bist du denn?“
„Eins-dreiundachzig.“
„Ähm, das reicht doch?!“
„Fünf Zentimeter mehr wären aber besser,“ erwiderte er im jammerigsten Tonfall.
Ich facepalmte innerlich und wusste genau, worauf das hinauslief, aber ich fragte dennoch nach, wieso er das für besser hielt.
Die Antwort natürlich: „Frauen stehen auf große Männer!“
Und das ist IN STEIN GEMEISSELT!!! Das ist EVOLUTION, Baby!!!
Wir begannen zu diskutieren (sinnlos). Irgendwann fragte er mich, wie groß denn meine Exfreunde gewesen wären.
„Die waren alle über eins-achtzig…“
„AHA!!!“
„… aber glaubst du, es ist cool, als so kleine Frau mit so jemanden zusammen zu sein und ständig blöde Sprüche abzukriegen, wie doof wir nebeneinander aussehen würden? Hätte ich es mir aussuchen können, wären sie mir kleiner lieber gewesen.“
Das galt natürlich nicht. Ich habe mich in all meine Freunde verliebt, weil sie groß waren und nicht etwa, weil mich ihre Persönlichkeit ansprach. Weil Evolution. Weißte Bescheid.

Schuldig blieb er mir eine Erklärung darüber, ob sich diese Faustregel irgendwann umkehrt, wenn eine gewisse Größe überschritten ist. Ab, keine Ahnung, 2 Meter 10 ist es doch schon echt eher gruselig als attraktiv. Was soll ich mit einem Mann, der einen halben Meter größer ist als ich? Weil es ja so lustig ist, zum neunzigsten Mal Witze über „Standgebläse“ zu hören?

Weiter im Text. Nach diesem erhellenden Gespräch, in dem ich erfuhr, dass PUAs besser wissen, was ich will als ich selbst, kam irgendwann der nächste Typ angerannt.

Nein, eigentlich SPRANG er mir eher in den Weg. Es war in meiner Stammdisco. Ich befand mich auf dem Weg in den Raucherbereich, als sich plötzlich ein Typ vor mich warf und sofort anfing, auf mich einzureden.
Ich kann leider auch hier nicht wiedergeben, was es genau war. Dieses Mal nicht, weil ich betrunken war (kaum), sondern weil es schwer ist, sich so viel Bullshit auf einmal zu merken. Wasserfallartig texte dieser Kerl mich zu und redete offensichtlich nur, weil er ein Wortminimum zu erfüllen hatte!
Kurz zuvor hatte ich dieses Video gesehen:

Olli Schulz lässt sich von einem solchen Checker demonstrieren, wie man Frauen aufreißt – und das ist wirklich Gold! Man weiß kaum, was peinlicher ist: Die Selbstdarstellung dieses Typen (Devil! *hysterisch kreisch*), die Tatsache, dass er in seinen Videos klingt, als würde er in der 5. Klasse ein Referat halten, auf das er sich nicht vorbereitet hat oder den traurigen Umstand, dass er Sprüche wie „Kennste das noch, ne Post, wo man diese viereckigen Dinger abgibt“ tatsächlich für witzig hält. SO. PEINLICH. Sowas erinnert mich immer an meinen Lieblingsdozenten der Erziehungswissenschaften, der uns mal den dringenden Tipp auf den Weg gab: „Versuchen Sie nicht lustig zu sein, wenn Sie es nicht sind!“

Aber ich habe dadurch gelernt, dass die Strategie vieler PUAs darin besteht, eine Frau einfach sinnlos vollzulabern, bis sie entkräftet aufgibt und in seine Arme sinkt. So ein Exemplar schien ich vor mir zu haben.
Ich fragte also, während er gerade Luft holte: „Probierst du gerade PickUp bei mir aus?“
Die einzig richtige Antwort wäre jetzt gewesen: „Hä?“ Stattdessen lachte er unbeherrscht, versuchte, den Spruch irgendwie zu überspielen (der endgültige Beweis, dass ich mit meiner Einschätzung recht gehabt hatte) und redete weiter mit der Geschwindigkeit einer AK-47.
Da er mir überhaupt nicht die Möglichkeit bot, zu Wort zu kommen, musste ich dann leider unhöflich sein und wortlos gehen.

Den tollsten Vertreter dieser Spezies traf ich dann aber noch etwas später in der selben Disco. Bis dahin war das ein hammergeiler Abend gewesen. Ich war mit Mitbewohner David unterwegs, die Musik war mega, wir tanzten viel, ich fühlte mich superwohl. Einfach ein richtig schöner Abend!
Irgendwann verzog ich mich für eine Zigarette, während Mitbewohner David weiter auf der Tanzfläche abging. Ich stand da, die Kippe in der Hand und war einfach richtig happy. Das war der Zeitpunkt, als einer dieser Möchtegern-Aufreißer auf mich zu kam und meinen Blick suchte. Ich lächelte ihn knapp an – nicht, weil er mir gefiel, sondern weil ich gelernt habe, dass man das so macht, wenn man ein menschliches Wesen vor sich hat.

Das war leider für ihn ein Signal, mich anzulabern. Und was er sagte war: „Wow, du siehst ja so richtig unzufrieden aus!“

Mir fiel ALLES aus dem Gesicht. Wie gesagt – mir ging es gerade richtig gut! Alles war toll! Und dann kommt dieser Kerl und erzählt mir, ich würde unzufrieden aussehen?!

Natürlich – der meinte das ja gar nicht so! Ich sah im Gegenteil ZU zufrieden aus! Was natürlich nicht geht… eine zufriedene Frau ist eine selbstsichere Frau und selbstsichere Frauen lassen sich nicht von PUAs abschleppen! Es galt also, mich zu verunsichern. Ihr wisst schon, Dominanz zeigen, damit er einen auf Alpha machen kann!

Aber statt völlig zusammen zu brechen, was wohl sein Ziel gewesen war, wurde ich ein bisschen sauer. „Ähm, Hallo? Was ist denn das bitte für ein Spruch?“ ging ich direkt auf Konfrontationskurs. Das brachte ihn ins Schwimmen, auch wenn er versuchte, Contenance zu bewahren. Ich war aber so von den Socken, dass ich ein Mädel hinter mir anhaute. „Stell dir vor, was der gerade zu mir gesagt hat!“
Sie hörte es sich an und wirkte ebenso verblüfft. „Also wirklich, sowas sagt man doch nicht,“ meinte sie tadelnd.
Er versuchte, das Ganze als Witz hinzustellen („Du siehst unzufrieden aus“ – höhö, superwitzig). Da war mir schon klar, dass ich hier jemanden vor mir hatte, der ein Programm abspulte. Und diese Erkenntnis war immerhin interessant genug, dass ich nicht direkt flüchtete. Mal sehen, was der sonst noch so probierte.

Ich hätte es mir nicht schlimmer ausmalen können. Wir, naja, „unterhielten“ uns über das Studium (ich antwortete einsilbig). Als ich auf Nachfrage meinte, dass ich gerne wieder zurück nach Hause will, wenn ich fertig bin, antwortete der doch tatsächlich: „Klar, du machst definitiv den Eindruck, total heimatverbunden zu sein!“
Von der völlig idiotischen Überschwänglichkeit abgesehen: Wir kannten uns ZWEI Minuten. Steh ich drauf, von einem komplett Fremden zu hören, was ich für eine Persönlichkeit habe?

An dieser Stelle dann wieder mein Standardspruch: „Probierst du gerade PickUp bei mir aus?“
Wieder kein „Hä?“. Wie lame.

Damit war für mich die Sache gegessen. Ich hatte keinen Bock mehr auf diese Spielchen und wollte wieder tanzen gehen. Ich machte ihm klar, was ich von PU hielt und verabschiedete mich.

Später sah ich ihn an der Tanzfläche stehen und mich beobachten. Er winkte mich zu sich. Dumm, wie ich bin, ging ich hin und wandte den Kopf, weil ich dachte, dass er mir etwas sagen wolle. Stattdessen packte er meine Hand. Ich, konsterniert, wollte sie wegziehen, doch er umklammerte mein Handgelenk so fest, dass ich mich wirklich losreißen musste. „Darauf steht wirklich keine Frau!“ teilte ich ihm mit, als ich das geschafft hatte.

Seine Antwort: „Scheiß auf dich!“ – und ein beleidigter Abgang.

Tja, PUAs und ihre verletzten Gefühlchen.

All das war nicht gerade dazu angetan, meine Begeisterung für PU zu erhöhen. Abgesehen davon, dass ein Mann, der sein ganzes Leben danach ausrichtet, mit möglichst vielen Frauen möglichst viel Sex zu haben, in meinen Augen so tiefsinnig wie eine Regenpfütze ist, wirkt die Verzweiflung, die sich in der Nutzung kleiner PU-Psychospielchen äußert, für mich so ziemlich als das Gegenteil von „Alpha“.

Da ist mir ein Olli Schulz lieber, der nicht nur witziger ist, sondern die ganze Scheiße auch noch richtig peinlich findet!

Zum Weiterlesen von der fabelhaften Maren, die in dem Thema viel tiefer drin ist (und sich gerne unheimlich witzig der Demontage dieser Bewegung widmet):
Was PickUp so scheiße macht
Was PickUpArtists so scheiße macht

Und Onyx hat auch ne krasse Geschichte über einen PUA auf Lager:
Der vielleicht dümmste Anmachspruch der Welt!

Wenn du den Schmerz ein wenig lindern willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee. Nur brauche ich in diesem Fall Schnaps, aber das ist hoffentlich auch ok.

It’s called Menstruation and here’s what it means to me!

Reden wir doch mal über Menstruation!

Irgendwie verfolgt mich das Thema. Also, ich meine nicht so, wie es fast jede Frau Jahrzehnte ihres Lebens verfolgt, sondern ganz geballt in letzter Zeit.
Beispielsweise durch diese „Free Bleeding“-Ente, angeblich ne feministische Bewegung, eigentlich aber nur ein bisschen unlustige antifeministische Propaganda, die natürlich von ein paar hysterischen Vollidioten direkt ernst genommen wurde – was einfach nur krass peinlich ist 😀
Dagegen wirklich witzig: dieser Beitrag der Nessy, über den ich sehr gelacht habe (ernsthaft: Seht euch das Video an!). Eine Willkommensparty für die erste Menstruation – es klingt so schrecklich, aber verglichen mit meinen Erfahrungen hätte ich liebend gerne getauscht!

Ich überlegte, ob ich nen Artikel darüber schreiben soll. Ich war unschlüssig.

Dann bekam ich meine Tage. So sei es – das rote Orakel hat gesprochen!
menstruation 2

Ich habe meine Tage zum ersten Mal mit 11 bekommen und hasste es.

Bereits, seit ich zehn war, konnte ich kaum eine Hand auf meinen Bauch legen, ohne dass es zu Spekulationen darüber führte, ob es wohl bald „soweit“ ist. Gerade meine Tante fand das Thema offensichtlich hochinteressant – vielleicht, weil sie selber nur einen Sohn hat. Jedenfalls kommentierte sie jede meiner Klagen über Bauchweh direkt mit einem bedeutungsschwangeren Blick zu meiner Mutter und den Worten „Das müssen sie sein!“

„Sie“. Auch mal „es“. Dieses große Unbekannte, was da unaufhaltsam wie die Zeit auf mich zurollte. Diese biologische Bombe in meinem Unterleib, die nur darauf wartete, in einer Kaskade aus Blut und totem Gewebe zu explodieren.

Bevor es so weit war, hatte ich tatsächlich oft Bauchschmerzen. Keine Ahnung, ob sie wirklich alle meine Menstruation ankündigten, aber einmal waren sie so schlimm, dass meine Mutter mich zum ersten Frauenarztbesuch meines Lebens schleppte und ich Bekanntschaft mit „dem Stuhl“ schloss – dieses Horrormöbel, über das in der Umkleidekabine nach dem Sportunterricht verschreckt getuschelt wurde.
Ohne große Umstände pflanzte die Gynäkologin mich auf den Stuhl und fuhrwerkte bereits an mir rum, bevor ich überhaupt realisieren konnte, was da gerade passiert. Ich saß starr da und bekam erst den Spreizer zu spüren, bevor sie mir dann noch einen Finger in den Arsch steckte, um dort noch vorsorglich alles abzutasten.

Well. Glücklicherweise war ja meine Mutter da. Die genau vor mir saß und einen so guten Einblick in mein Innenleben hatte, dass sie auf diesem Wege praktisch schon mal ihren Enkeln winken konnte. Kinder und Pubertierende haben ja bekanntlich kein Schamgefühl, weshalb man die Patientin nicht fragen muss, ob sich während dieser Prozedur alle überflüssige Personen verpissen sollen.

Die gutgelaunte Ärztin beendete die Untersuchung, konstatierte, dass alles in Ordnung sei und dass ich das nächste Mal doch bitte mit gefüllter Blase kommen solle, denn die Probleme kämen wohl eher daher. Ich lächelte höflich, verließ mit meiner Mutter das Untersuchungszimmer und schwor mir, mich dieser Person nie wieder auch nur auf 10 Meter zu nähern.

Meine Mutter und ich, wir sprachen darüber nicht. Auch war der nächste Termin irgendwie kein Thema. Aber die Zeit schritt unbarmherzig voran und so kam der Tag, etwa drei Monate vor meinem 12. Geburtstag, als ich pinkeln wollte und beim Runterziehen meines Slips ein Massaker vorfand.

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Völlig verstört riss ich meine Hose wieder hoch und rannte in mein Zimmer. Sehr schnell wurde mir aber klar, dass ich das wohl so nicht lassen konnte. Ich zeigte die Bescherung also meiner Mutter, die kreidebleich wurde und mir eine ihrer Slipeinlagen gab. Ich glaube, sie hat auch noch irgendwas über meinen Slip gesagt – dass ich ihn wegschmeißen soll oder so. Ansonsten geschocktes Schweigen.

Ich benutzte die Slipeinlagen laut der Packungsbeilage und ging ins Bett. Und das war meine „Willkommensfeier“.

In der 5. Klasse hatten wir Sexualkundeunterricht gehabt. In meinem Schulbuch war auch eine Geschichte eines Mädchens zu lesen, die zum ersten Mal ihre Tage bekam. Ihre Mutter besorgte ihr Hygieneartikel, redete mit ihr darüber und führte sie dann liebevoll zu einer kleinen Shoppingtour, um zu feiern, dass sie jetzt „eine Frau“ sei.

Der Text war im Unterricht nicht dran gekommen, aber ich hatte die Geschichte trotzdem aufgeregt gelesen. Nun schlug mir die Realität eiskalt in die Fresse.

Warum konnte das bei mir nicht auch so sein?

Meine ersten Erfahrungen mit dem Thema waren somit eine seltsame Mischung aus „Darüber redet man nicht“ und völliger Distanzlosigkeit. (Tatsächlich halte ich die Frauenärztin von damals immer noch für die beschissenste Ärztin, mit der ich je zu tun gehabt hatte.)

Wie reagiert man auf sowas? Natürlich: mit Scham.

Bei meinen Schulkameradinnen wurde dieses neue Kapitel natürlich oft thematisiert, aber irgendwie gingen die damit wesentlich cooler um als ich. Ein Mädel, das ein Jahr älter war als ich und für ihr Alter völlig abgebrüht, merkte schnell, wie gehemmt ich deswegen war und hatte damit etwas gefunden, auf dem sie mit genüsslicher Grausamkeit rumhacken konnte. Wenn sie mitbekam, dass es bei mir mal wieder so weit war, musste ich jederzeit damit rechnen, dass sie mir in der Klasse ein „Robin hat ihre Taaa-geee!!“ entgegen kreischte, was mir vor allem vor den Jungs unglaublich peinlich war. Leider fiel mir dazu nie eine schlagfertige Antwort ein, aber ich hasste das Mädchen deswegen heiß und heftig und verewigte sie schließlich in einem schrecklich gezeichneten Comic in meinem Tagebuch, in dem ich ihr eine grauenhafte Zukunft mit miesen Job und ohne Freunde prophezeite. Aber nicht mal da konnte ich meine Hemmungen ganz ablegen – ihr Comic-Ich sagte „Regel“ statt Tage. Könnt ihr euch sowas blödes vorstellen? Man möchte meinem Vergangenheits-Ich ein paar Cupcakes backen!

Auch meine anderen Freundinnen waren abgeklärter. „Stopf dir halt nen Stöpsel rein!“ kommentierte eine trocken, als ich eine Einladung zum Schwimmen gehen ablehnte, weil ich meine Tage hatte.

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Das war auch so’n Ding. Mit zwölf ging ich fast jede Woche mit meinen Großeltern schwimmen. Weil die „Regel“ in der Anfangszeit ihrem Namen allerdings nicht gerecht wird, ging das für ein paar Monate überhaupt nicht. Schmierblutungen, Zwischenblutungen, eine Menstruation, die scheinbar nach fünf Tagen vorbei war und dann irgendwie doch nicht etc. pp. Ich weiß noch, dass ich irgendwann mal heulend im Bett lag und völlig überzeugt davon war, dass ich wegen dieser Scheiße nie, nie, NIE wieder werde schwimmen gehen können!

Überhaupt waren die Tage der Tage Horror pur. Ich traute mich kaum, mich zu bewegen. Was ist, wenn was daneben ging?! Und die Binden schienen bei jedem Schritt zu knistern und ekelhaft an mir zu kleben.

Also war ein „Stöpsel“ gar keine schlechte Idee. Aber mir die selber kaufen?! OMG!!

Es war also eines dieser typisch verkrampften Gespräche mit meiner Mutter fällig. Wenn meine Mutter über solche Themen spricht, dann klingt sie nicht weniger als welterschütterlich. „Robin,“ sagte sie damals, legte ihre Hände auf meine Schultern und sah mir eindringlich-besorgt in die Augen, „dein Körper ist noch nicht bereit dazu.“

Ich weiß bis heute nicht, woran sie das fest gemacht hat. Soweit ich weiß, wurden Tampons in ihrer Anfangszeit nur für Frauen empfohlen, die bereits Mutter geworden waren, vermutlich, weil man irgendeiner dämlichen Vorstellung anhing, das erste, was die reine Maid in sich aufzunehmen habe, sollte halt der Schwanz ihres ihr ordnungsgemäß angetrauten Ehemannes in der Hochzeitsnacht sein. Aber ich nehme einfach mal nicht an, dass meine Mutter so drauf war.

Argumentativ kam ich gegen sie nicht an (ich bekam eh kaum einen Ton raus), aber mir wurde die Situation immer unerträglicher und schließlich bekam ich von irgendwoher doch OBs. Die ganz kleinen Minis. Die benutzen zu lernen war schwieriger als es aussieht und hat weh getan, aber ich biss die Zähne zusammen und bekam es schließlich hin. Learning by doing!

In dem oben verlinkten Text über dieses saudämliche „Free Bleeding“ heißt es, Tampons wären ein Produkt der Befreiung. Und, Halleluja, so war es auch!!! Plötzlich konnte ich schwimmen gehen, hatte nicht mehr das Gefühl, mich kaum bewegen zu dürfen und genoss ein zu tausend Prozent besseres Körpergefühl. Bis heute habe ich NIE wieder eine Binde oder Slipeinlage benutzt und verstehe auch nicht, wie sich irgendeine Frau das antun kann. Jeder das ihre, aber… für mich kommt das nicht in Frage.

Ein weiterer netter Nebeneffekt meiner neuen Weiblichkeit waren höllische Schmerzen jeden Monat. Die trafen leider zusammen mit einer Mutter, die absolut manisch gegen Schmerzmittel war.

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Wie scheiße ist es doch, minderjährig zu sein. Dürfen Kinder überhaupt Aspirin kaufen? Ich habe es leider nie ausprobiert. Dafür hatte ich schnell alles andere durch. Meine Mutter wälzte Naturheilkundebücher und schüttete mich mit Schafgarbentee zu, was bei der ein oder anderen Frau helfen mag, bei mir jedoch nicht. Mir blieb also nur, mich mit einer Wärmeflasche auf der Couch zusammen zu rollen und zu leiden. Möglichst still, damit ich meinen Stiefvater nicht zu einer abfälligen Bemerkung über diesen Weiberkram provozierte, den er niemals selbst erleben wird. Er schüttelte den Kopf, wenn ich mich wand, denn so schlimm konnte das ja nicht sein und diese Brandblasen, die ich mir einmal zuzog und die Narben hinterließen, welche man noch Jahre später sehen konnte, waren ja auch kein Beweis dafür, dass sowas etwa tatsächlich weh tut.

Die Schmerzen wurden weniger, als ich mit 16 anfing, die Pille zu nehmen, aber verschämt war ich deswegen immer noch. Bis dahin war es mir immer noch unangenehm, Hygieneartikel zu kaufen, doch deutete sich ein langsamer Wandel an. Ich denke, es ist ein Stück weit normal, in der Pubertät total gehemmt zu sein, wenn es bei mir auch eindeutig übertrieben war, aber mit den Jahren kam ich immer besser damit klar.

Woran vielleicht ein ganz spezieller junger Mann seinen Anteil hatte.

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Dieser Typ, ein kleiner Fascho mit lächerlich schütteren Schnauzbärtchen, auf den er wohl grandios stolz war, war der Freund einer Freundin von mir. Es ist mir heute immer noch unbegreiflich, was sie an dem Kerl gefunden hat. Zusätzlich zu einigen eindeutigen Charakterfails – der Idiot war tatsächlich ein Nazi! – hatte er beim Thema Menstruation einen eindeutigen Schuss weg. Ganz klar: Das war eklig und er wollte überhaupt nichts davon hören!!
Er selbst dagegen laberte immer wieder minutenlang davon – eben darüber, wie krass eklig das sei. Daswirdmanjawohlnochsagendürfen!
Und dieser Typ war Metzgerlehrling!!

Immer, wenn ich ihm zuhörte, merkte ich, dass mich das tierisch ankotzte. Klar, irgendwo stimmt es, menstruieren ist jetzt wirklich nicht gerade wie ein Bad in Rosenblüten, aber Herrgott, ICH habe ein Recht dazu, mich darüber zu beschweren, aber ER nicht, zumal er sonst immer den Macho rauskehrte, aber ausgerechnet bei dem Thema zur Mimose mutierte!
Als er eines Tages wieder damit anfing, kramte ich einen Tampon aus meiner Tasche und bewarf ihn damit. Er kreischte theatralisch und hörte schlagartig auf mit der Scheiße, wenn ich dabei war.

So lernte ich einerseits, dass Männer mit einer Sache nichts zu tun haben wollen, die einen essentiellen Bestandteil des Lebens einer Frau ausmacht, und andererseits, dass mir so ein Mimimi scheißegal war.

Klein-Robin ist inzwischen eine Frau, die stark auf die Dreißig zugeht und mit sich und ihren Körperfunktionen im Reinen ist. So nervig es manchmal auch ist, so froh bin ich, dieses Ereignis jeden Monat begrüßen zu können. Irgendwann möchte ich mal Kinder haben und bis es soweit ist, sagt mir dieser regelmäßige Blutschwall, dass mit mir alles in Ordnung ist. Aus diesem Grund habe ich auch eine neue Pille schnellstens wieder abgesetzt, die dazu führen sollte, dass ich meine Tage GAR NICHT mehr bekomme. Mein neuer Frauenarzt konnte überhaupt nicht verstehen, warum ich deshalb nicht jubelte, aber ich habe einfach mal darauf verzichtet, es ihm zu erklären und nahm die Pille nach drei Monaten nicht mehr.
Im Bad steht eine Maxipackung Tampons offen herum, ungeachtet der Tatsache, dass ich mit zwei Männern zusammen lebe – vor einigen Jahren wäre das undenkbar gewesen. Männer, die gefasst genug sind, auf die Frage „Geht’s dir nicht gut?“ ein „Nee, ich hab meine Tage bekommen“ als Antwort zu verkraften, ohne grün um die Nase zu werden.
Die Schmerzen sind kein Vergleich zu früher, zumal ich jetzt endlich schon groß bin und mir selbst Ibuprofen kaufen darf, was bei vielen Frauen nicht wirkt, bei mir aber schon. Jeden Monat nehme ich eine Tablette, denke an meine Mutter, während ich sie runter schlucke und kann nichts weiter tun als kichern.

Ich bin weit davon entfernt, dieses monatliche Massaker zu genießen und habe keine Ahnung, was zur Hölle mit Frauen los ist, die ihre Periode als „Erdbeertage“ bezeichnen, aber Scham – nein, die ist weg. Es mag ein Abfallprodukt des Körpers sein, aber es ist MEIN Abfall. Deshalb könnte ich seit meinem ersten Aufeinandertreffen mit solchen Typen immer noch aufplatzen, wenn Menschen diese natürliche Funktion abwerten oder saudumme Witze drüber machen. Zwar habe ich inzwischen die perfekte Antwort gefunden, wenn man mir mal wieder meine monatlichen Körperfunktionen vorwirft, nur weil ich völlig zurecht sauer oder schlecht drauf bin, aber trotzdem ist es einfach nur krass dämlich.

Denn Witze über die Periode oder PMS sind NIE lustig. Niemals.

Okay, manchmal ein bisschen.

 
Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Ich trinke zwar keinen Kaffee, aber das muss ja niemand wissen.
 

In eigener Sache: Was mit Kommentaren geschieht

Ich möchte hier ein paar Worte über Zensur verlieren.

Wer es noch nicht wusste, der weiß es jetzt: Ich bin Feministin – und trotzdem ein ganz normaler Mensch. Manchmal schreibe ich hier feministische Artikel, manchmal (= öfter) nicht. Das hier ist kein feministischer Blog, sondern einer, in dem ich viele verschiedene Themen zusammen werfe, so wie es mir gefällt. Deshalb ist auch die Leserschaft ziemlich bunt gemischt. Während die meisten sehr liebe Menschen sind, über deren Kommentare ich mich immer freue, ist das bei vielen, die mit dem sogenannten Geschlechterdiskurs zu tun haben, leider nicht so wirklich gegeben.

Meine ca. zweijährige Karriere als feministische Bloggerin hat mich in Bezug auf die Kommentarpolitik genau eins gelehrt: Entweder du schaltest restlos alles frei – oder du bist eine zensurwütige Diktatorin schlimmer als Hitler. So zumindest der Eindruck netter Außenstehender, die weder einen eigenen Blog betreiben, noch nachvollziehen können, wie viel Hass einem als Feministin entgegen schlägt, obwohl sie eifrig daran teilhaben.

Gestern gab es wieder eine solche, hach, nennen wir es „Diskussion“, also habe ich etwas vorgezogen, was ich eigentlich erst für in ein paar Monaten geplant hatte: Eine kleine, beispielhafte Liste der Menschen, die bei mir nicht mehr willkommen sind plus Begründung.

Vielleicht interessiert euch das Thema Feminismus nicht. Dann könnt ihr eigentlich wegklicken. Meine „Zensurpolitik“ betrifft euch dann ja sowieso nicht. Aber vielleicht wollt ihr ja mal sehen, mit was für Gestalten man sich so alles rumschlagen muss und versteht danach ein bisschen besser, warum ich Feministin bin. Außerdem ist es wirklich lustig!

Meine „Blacklist“ findet ihr hier: klick
Ihr findet sie auch rechts oben neben „Startseite“ und „About“ als eigenen Reiter oder Seite unter dem Titel „Haters gonna hate“. Ich werde diese Liste aktuell halten, wann immer es nötig ist.

Wenn du den Schmerz ein wenig lindern willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee. Nur brauche ich in diesem Fall Schnaps, aber das ist hoffentlich auch ok.

Endlich enthüllt: Warum Frauen einfach kein Abseits checken!

Ich behaupte, es existiert keine Frau auf dieser Welt, die DEN dummen Spruch nicht schon mal gehört hat: Frauen verstehen Abseits nicht.

Heute beginnt mit der Fußball-Weltmeisterschaft das größte Turnier des deutschen Sportfans – und weil Fußball immer noch als die letzte Bastion testosterongeschwängerter Männlichkeit in unseren modernen Zeiten gilt, dreht sich in solchen Zeiten nicht nur der Ball, sondern auch das Bullshit-O-Meter. Es reicht halt nicht, dass unsere nationalen Damen in den letzten Jahren ihren männlichen Konterparts gezeigt haben, wie man ein solches Turnier gewinnt (mehrfach) und gleichzeitig die Menge an weiblichen Fußballfans zugenommen hat (deutlich), um den werten Herren zu beweisen, dass Frauen das Spiel sowohl aktiv wie auch passiv beherrschen können.

Aber ein Abseits-Spruch, das geht natürlich immer. Ein Brüller! Frauen und Fußball passt halt nicht. Und diese Scheiße muss natürlich schon so früh wie möglich eingepflanzt werden.

So hat dann auch die Zeitschrift MÄDCHEN ihre letzte Ausgabe dem Thema Fußball gewidmet. Ach ja… die MÄDCHEN. Seit wann ist die Zeitschrift so weichgespült? Als ICH noch ein Mädchen war, gab es da explizite Berichte über diverse Sexpraktiken zu lesen. Kann man scheiße finden (mich hat es damals verstört und fasziniert), aber wenigstens hat es an der Vorstellung gerüttelt, Mädchen wollen ja eigentlich immer nur kuscheln. Inzwischen wirkt das Heft wie „Bild der Frau Light“.

Fußballrelevante Themen dieser Ausgabe: Wie man sich für’s Public Viewing schminkt (offensichtlich, indem man kopfüber in einen Eimer mit schwarz-rot-goldener Farbe springt). Ein Poster mit Spielplan und den „sechs heißesten Fußballern“ (Ronaldo – würg). Eine Foto-Love-Story über eine Fußballmannschaft (natürlich männlich!) und Tussis, die Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um an die Jungs ranzukommen. Titel: „11 Kicker für Sophie“ (hat das Internet mich ruiniert oder klingt das für euch auch wie ein billiger Porno?). „Die MÄDCHEN Traum-11“ besteht aus unbekannten 0815-Typen, deren Bilder man für’s Voting einschicken konnte und die neben ihrem kleinen Steckbrief (in dem man z.B. erfährt, dass Florian, 18, es für ein No-Go hält, wenn ein Mädchen die Rechnung im Restaurant übernimmt) verträumt in die Kamera starren und irgendwie hat das auch was mit Fußball zu tun.

Und mittendrin: eine offensichtlich brandneue Kolumne, die in dieser Ausgabe ihr Debüt feiert: „Was denken Jungs über…?“

„Unser neues Expertenteam! Hier stellen sich die vier Jungs vor, die dir ab sofort ehrliche Antworten auf aktuelle und intime Fragen geben, die du dich vielleicht nicht zu stellen traust.“ – denn Mädchen, so wissen wir, sind ja grundsätzlich kleine verschüchterte Hascherl.

In dieser Ausgabe wird nun nach „Fußballmädchen“ gefragt. Aaaaber damit sind natürlich keine Mädchen gemeint, die Fußball spielen! Neinneinnein! Es geht nur um Mädchen, welche die Dreistigkeit besitzen, mit ihren männlichen Freunden die WM-Spiele gucken zu wollen. Aber selbstverständlich muss man vorher unbedingt abklären: IST DAS FÜR JUNGS ÜBERHAUPT OKAY?

Louis (sic), Lenny (SIC) Norik (SIC!) und Yunus (SIC!!!) beantworten also diese Frage. Nur Yunus, 14, findet Mädchen als Zuschauer okay. Lenny, 15, guckt lieber ganz alleine. Louis, 13, guckt nur mit Kumpels, weil Fußball für Mädchen ja nur Party ist und nicht Fußball. Und Norik, mit seinen 18 Jahren praktisch die graue Eminenz des „Expertenteams“, findet: „Auf keinen Fall!“ – denn er hat keinen Bock, den dummen Mädchen zu erklären, was Abseits ist. (Darüber hinaus findet er Mädchen, die Fußball spielen, „irgendwie unsexy“. An sich selbst mag er übrigens seinen Charakter und dass er mit allen Leuten super auskommt. Aja.)

Und da wären wir wieder. Dieser saudumme Spruch. Das ultimative Geschlechterklischee. Frauen und Abseits. Gröh-hö-höl.

Meine Kindheit habe ich sonntags neben den Fußballplätzen diverser Amateur-Dorfmannschaften verbracht, denn mein Stiefvater hat Fußball gespielt, weshalb es für meine Mutter praktisch Pflicht war, sich das anzusehen und mich mitzuschleppen. Meine gesamte Familie ist total fußballgeil – also, die männliche Hälfte. Als ich dagegen mit zehn Jahren einmal zum Jugendtraining ging, zerrte mich mein Stiefvater regelrecht vom Platz und verbot mir, in den Verein einzutreten.

Man könnte also sagen: Ich und der Fußball, wir haben eine Vergangenheit. Und daher habe ich nach jahrelanger Observation und unzähligen Gesprächsanalysen die Lösung entdeckt. Der Grund, weshalb viele Frauen tatsächlich kein Abseits checken.

Es liegt schlicht und ergreifend an den Männern!

Habt ihr mal einen Kerl gefragt, ob er euch Abseits erklären kann? Mit großer Geste wird dann sinnierend gen Himmel gestarrt und ihr hört ein Gemurmel wie „Als Konrad Koch den Fußball in Deutschland etablierte… Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel… der Sammer damals… FC Bayern, Stern des Südens… Tante Käthe… schießenbolzenpassenabgebenstürmerverteidigertormannschiri…“

Oder, um das mal graphisch darzustellen:

AbseitsregelKompliziert

Das ist das ganze Geheimnis. Die Abseitsregel ist nicht kompliziert – sie wird nur völlig beschissen erklärt. Kein Wunder, dass die keiner checkt. Besser gesagt keinE. Denn es muss halt eher Frauen erklärt werden.

Das ist aber auch nur logisch, denn die meisten Typen haben Jahre Vorsprung. Sie saßen ihre halbe Kindheit lang als kleine Hosenscheißer auf dem Schoß ihres Papas und haben das Aktuelle Sportstudio verfolgt, ob sie wollten oder nicht. Möglicherweise führt dieser frühkindliche Overkill zu einer seltsamen Verknotung der Synapsen, die es unmöglich macht, einfachste Sachverhalte zu diesem Thema halbwegs verständlich zu erklären. Möglicherweise WOLLEN manche Abseits aber auch gar nicht simpel erklären, weil man sich auf die Weise ganz doll schlau vorkommen kann, wenn dem Gegenüber Fragezeichen über dem Kopf aufploppen. Vor allem, wenn’s ne Frau ist, aber Fußball doch halt so ein Männersport und überhaupt, können die Tussis nicht einfach ein paar Schnittchen machen und Bier bringen, statt daneben zu sitzen und mitzugröhlen?!

Frauen verstehen Abseits nicht – nichts weiter als ein taktischer Bluff zur Selbstaufwertung, um zu verschleiern, wer hier der wahre Schuldige ist, und um Mädchen ins Hirn zu prügeln, dass sie sowieso alle ein bisschen unterbelichtet sind. Dieses Ergebnis meiner jahrelangen Beobachtungen nenne ich die Abseits-Falle (ich weiß: tierisch clever).

Wenn euch also das nächste Mal ein Kerl darüber vollnölt, dass Frauen Abseits nicht kapieren, dann lächelt mitfühlend, schließt ihn warm in eure Arme und flüstert ihm sinnlich ins Ohr: „Etwas einfach erklären zu können kann man lernen. Ich glaube fest an dich!“

Alternativ: Bittet ihn, euch die Regel darzulegen, lehnt euch zurück und genießt es zu sehen, wie er sich abstrampelt und rumstottert. Besonders lustig ist es, wenn er noch ein paar Kumpels dabei hat, die ihm ständig ins Wort fallen, weil sie es halt noch besser wissen.

Das ist ein Spaß, besser als jedes Länderspiel.

PS: „Abseits“ liegt vor, wenn ein Spieler den Ball Richtung gegnerisches Tor zu seinem Mitspieler schießt und sich im Moment des Abspielens zwischen diesem Mitspieler und dem gegnerischen Tormann kein anderer Spieler der gegnerischen Mannschaft befindet.

Und weil man Sachen immer besser checkt, wenn man den Sinn dahinter versteht: Gäbe es diese Regel nicht, könnte ein Spieler das gesamte Spiel über praktisch genau vor der Nase des gegnerischen Tormanns stehen bleiben und auf einen guten Pass warten, den er reindonnern kann, was dann ja wohl ziemlich lame wäre.

Oder, um das mal graphisch darzustellen:

Abseitsregel

Ich behaupte, es existiert keine Frau auf der Welt, die DAS nicht checken kann, wenn sie will.

Und ja, ich weiß, dass es da noch ungefähr eine Million Sonderregeln gibt. Das ist mir aber scheißegal. Ist ja nicht so, als wäre ich Fußballfan.

PPS:
Ich: „Kannst du mir mal Abseits erklären?“
Mitbewohner David: „Oh Gott, wo soll ich da anfangen…!“

– überarbeitete Version –

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Ich trinke zwar keinen Kaffee, aber das muss ja niemand wissen.

Männer als Opfer, Frauen als Täter und warum das eigentlich gar nichts mit Game of Thrones zu tun hat

Obligatorische Spoilerwarnung für die 4. Staffel von Game of Thrones, allerdings beschränkt auf das Thema Cersei.

Hach ja. Eigentlich dachte ich, nach meinem letzten Beitrag, in dem ich meinen Standpunkt klar gemacht habe, auch wenn einige das nicht verstanden haben, könnte ich das Thema abhaken, aber die Vergewaltigung Cerseis in der 5. Folge der 4. Staffel erregt weiterhin die Gemüter. Am Montag hat Lukas Schoppe den (sarkastisch betitelten) Beitrag „Warum es sexuelle Gewalt gegen Männer nicht gibt (und sie außerdem auch halb so schlimm ist)“ nachgeliefert und sich leider entschlossen, ein Zitat von mir als Einstieg zu wählen, das da lautete „Theon wurde nicht vergewaltigt“. Dies, sowie die folgenden paar Absätze, erweckten auf mich den Eindruck, als würde hier meiner Person unterschwellig (allerdings, wie ich hoffe, unabsichtlich) unterstellt, sexuelle Gewalt gegen Männer zu leugnen, was mich aus naheliegenden Gründen mal wieder, tja… „maximal anpisst“.

Der Text ist jedoch davon abgesehen interessant, behandelt er doch teils ein Thema, das mir nach der Diskussion um Cerseis Vergewaltigung schon öfter vor die Füße gestolpert ist: Warum wird die dargestellte Gewalt in Game of Thrones gegen Männer, hier vor allem Theon Greyjoy, so gar nicht angeprangert, die gegen Cersei dagegen schon?

Eigentlich dachte ich, ich hätte mit meinem vorherigen Artikel schon die Lösung geliefert, aber offensichtlich bedarf es doch eines gesonderten Artikels, denn Schoppe macht meiner Meinung nach ein paar gewaltige Fehler. Der Text wird in vier Teile gegliedert sein:

Wird sexuelle Gewalt gegen Männer in unserer Gesellschaft verharmlost?
Was ist Vergewaltigung und warum ist Theon nicht davon betroffen?
Exkurs: Das antifeministische Märchen von der unmöglichen weiblichen Täterschaft
Was ist Verharmlosung?

 

Beginnen wir also am Anfang:

1. Wird sexuelle Gewalt gegen Männer in unserer Gesellschaft verharmlost?

Kurze Antwort: Ja. Sexuelle Gewalt allgemein wird ohnehin auch heute noch gerne verharmlost, aber bei betroffenen Männern hat das nochmal eine ganz andere Dimension. Penetriert werden gilt biologisch als weibliches „Ding“ (eine Vorstellung, die auch oft Grundlage für Homophobie gegen schwule Männer ist), während eine Vergewaltigung durch eine Frau an den Vorstellungen von Männlichkeit kratzt, dass
a) Männer in jedem Fall stärker sind als Frauen,
b) Männer ohnehin dauergeil sind und
c) wenn sie mal doch nicht geil sind, keine Erektion bekommen können, womit eine Vergewaltigung durch eine Frau physiologisch unmöglich ist.

Das alles habe ich bereits im antifeministischen Kontext gehört – von Männern. Es ist natürlich Schwachsinn. Der Punkt „Dauergeilheit“ muss ich hoffentlich nicht extra auseinander nehmen, weil er einfach zu blöd ist. Davon abgesehen gibt es genug Männer (und natürlich Jungs!), die körperlich schwächer sind als manche Frauen; außerdem könnten sie bei einem Übergriff in der Minderheit sein, durch Waffengewalt gezwungen werden, durch Substanzen gefügig gemacht, durch einen Trick gefesselt etc. pp. Mir fielen da tausend mögliche Szenarien ein, in denen sexuelle Gewalt von einer Frau an einem Mann ausgeübt werden kann und frage mich bei Leuten, die das (oft in abfälliger Weise) für absurd halten, wie es sein kann, dass ein Mensch ohne jegliche Phantasie überhaupt überleben kann. Und eine Erektion? Kann durch Drogen verursacht werden oder auch völlig ohne Spaß an der Sache passieren.

Was die Verharmlosung angeht, könnte man da vermutlich ganze Bücher mit füllen. Ich beschränke mich auf zwei Beispiele. Das erste betrifft Vergewaltigungen männlicher Personen durch andere Männer. 2012 wurde eine Studie durchgeführt, die enthüllte, dass in Jugendgefängnissen (die zu einem Großteil von Jungs belegt sind) die Gefahr, innerhalb eines Monats vergewaltigt zu werden, bei 7% liegt (siehe Bericht im Tagesspiegel und dem Kommentar des Lawblogs). Bernd Busemann erklärte daraufhin, er könne diese Zahlen „gut akzeptieren“, denn „ein Knast ist keine Mädchenpension“.

Nun ist dieses dumme Arschloch nicht irgendein Internettroll, sondern war zum damaligen Zeitpunkt Justizminister (!!!) von Niedersachsen und ist heute Präsident des niedersächischen Landtages. Diese menschenverachtenden, auf den Rechtsstaat scheißenden Äußerungen hätten meiner Ansicht nach dazu führen müssen, dass unser sauberer Herr CDU-Politiker mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt wird – tatsächlich hatte es NULL Auswirkungen auf seine Karriere. Natürlich: Es geht ja nur um ein paar Kriminelle, wen interessiert das schon?
Wäre es hierbei rein um weibliche Gefangene gegangen, wäre der Widerstand gegen diesen Herren nicht nur unter Feministinnen gewaltig gewesen. Aber so sind es ja nur Kerle. Das wird „akzeptiert“. Selbst, wenn die zum Teil noch minderjährig sind. Das ist doch völlig ohne Worte.

Das zweite Beispiel stammt aus dem Bereich Film. In „40 Tage und 40 Nächte“ spielt Josh Hartnett einen Typen, der offensichtlich jedem Rock hinterher steigt und mit seinem Leben gerade nicht klar kommt. Das führt zu einer Wette: 40 Tage und 40 Nächte muss er sowohl auf Sex, als auch auf Masturbation zu verzichten. Es geht schnell um eine ganze Stange Geld, deshalb will er diese Wette unbedingt gewinnen. Jedenfalls kettet sein bester Freund ihn gegen Ende ans Bett, um den völlig Verzweifelten nach so vielen Wochen ohne Sex davon abzuhalten, zu onanieren.

In dieser wehrlosen Situation wird er nun von seiner Ex vergewaltigt.

Der Film kam 2002 ins Kino und schwamm auf der Welle der Teenager-Komödien mit, die zu dieser Zeit heiß im Trend waren. Eine KOMÖDIE. In der eine Frau gegen den Willen des Mannes diesen zum Sex zwingt. Er schläft zwar dabei die meiste Zeit – aber ein schlafender Mensch kann keine Zustimmung geben, zumal er ihr vorher deutlich gemacht hat, dass er nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Hier könnte §179 StGB greifen – „Sexueller Missbrauch widerstandsunfähiger Personen“. Seine Fesselung erfüllt meiner Meinung nach laut §177 Abs. 1 Nr. 3 StGB das Kriterium der „schutzlosen Lage“.
Das ist nicht witzig. Das ist nicht „harmlos“. Im Gegenteil – es wird besonders unappetitlich, wenn er sich am Schluss dann auch noch bei seiner neuen Flamme ENTSCHULDIGT, weil die natürlich just danach ins Zimmer platzt und an verräterischen Flecken erkennen kann, dass er gerade Sex gehabt hatte. Also… „Sex gehabt“. Natürlich müsste hier „ist vergewaltigt worden“ stehen. Und dafür muss er sich entschuldigen? Bitch, please!!

Ich könnte gerade aus dem Bereich Popkultur noch viele weitere Beispiele bringen, aber ich denke, der Punkt ist klar: Was bei weiblichen Opfern (völlig zurecht) weder in der Realität, noch im fiktiven Kontext hingenommen würde, ist bei männlichen Opfern „akzeptiert“ oder gar „lustig“. Wenn das keine Verharmlosung ist, dann weiß ich auch nicht.

 

2. Was ist Vergewaltigung und warum ist Theon nicht davon betroffen?

Die Szene, an der Schoppe Anstoß nimmt, findet in der 3. Staffel statt. Während der gesamten Staffel wird Theon aufs Übelste gefoltert und weiß zu Anfang noch nicht mal von wem. Neben massiver körperlicher Misshandlung ist Ramsay Snow, sein Folterknecht, auch noch ein Meister der psychologischen Folter: So bringt er, ein angeblicher Retter geschickt von Theons Schwester, Theon dazu, ihm zu vertrauen und hilft ihm vermeintlich bei der Flucht. Als kompletter Psychopath (neben Joffrey und Gregor Clegane ist er der einzige wirklich von Grund auf böse Charakter der Reihe) schreckt er sogar nicht davor zurück, Männer zu töten, die Theon wohl auf seine Befehle hin verfolgt haben, um Theon vor ihnen zu „retten“ und so sein Vertrauen in ihn noch weiter zu zementieren. Kurz darauf muss Theon aber feststellen, dass sein Gönner ein sadistisches Spiel getrieben und ihn nicht zu seiner Schwester, sondern zurück in seine Folterkammer geführt hat, wo sich sein Martyrium nun fortsetzt. Ramsay benutzt dazu nun auch genüsslich schmerzvolle persönliche Informationen, die Theon ihm gegenüber im Glauben enthüllt hat, einen Freund vor sich zu haben, womit er nicht nur seinen Körper, sondern auch seine Seele massiv traktiert. Jap… der Kerl ist definitiv ein kranker Bastard im doppelten Wortsinn!

In der 7. Folge der 3. Staffel nun (betitelt „The Bear and the Maiden Fair“, ein beliebtes Lied in Westeros – in dem es übrigens kaum verhüllt um Vergewaltigung geht) findet nun die beanstandete Szene statt. Theon wird dabei von zwei jungen Frauen losgebunden, die ihm erst Wasser geben und sich um seine Wunden kümmern, bis sie anfangen, ihn unverhohlen anzumachen. Theon kapiert verständlicherweise überhaupt nicht, was abgeht, und reagiert auf einen Griff in seine Hose erst panisch, verstört und ablehnend, glaubt er doch, die Mädchen wären von Ramsay geschickt worden. Bald gibt er seinen Widerstand jedoch auf und verschlingt die nackten Damen mit Blicken, während sich eine rittlings auf ihn setzt und sich an ihn reibt. Es wird geknutscht und gestreichelt, bis Ramsay Snow die Vorstellung mit einem Trompetenstoß beendet, Theon verspottet und ihn als finalen Akt der ultimativen Folter schließlich kastriert.
Die ganze Szene wirkt nicht nur auf Theon, sondern auch auf den Zuschauer surreal. Von der bequemen Couch zuhause aus scheint es seltsam, dass Theon nicht versucht zu fliehen, wo er doch schon mal losgekettet worden ist, aber der ist nach all den Wochen der Folter und der Demütigung schwach, dehydriert und hochgradig verängstigt. Vielleicht glaubt er ja, zu halluzinieren. Aber egal. Die Frage war ja: Ist das eine Vergewaltigung?

Als ich Schoppe schrieb, dass Theon nicht vergewaltigt wird, habe ich mir dabei nicht viel gedacht. Ich glaubte, er hätte einfach was verwechselt, deshalb war der Satz „Theon wird nicht vergewaltigt“ aus meiner Sicht eine bloße Anmerkung, eine kleine Fehlerkorrektur. Seine Antwort darauf kam spät, deshalb habe ich sie auch erst vorgestern gesehen. Er schließt mit:

Ich verstehe eigentlich nicht, warum das keine Vergewaltigung sein sollte.

In seinem Artikel wirkt das wiederum etwas anders:

Ich verstehe, warum diese Szene nicht als Vergewaltigung wahrgenommen wird, schließlich schläft Violet nicht tatsächlich mit Theon, sondern simuliert einen Beischlaf. Angesichts dieser Szene ist gleichwohl schwer zu verstehen, wie die Vergewaltigung Cerseis durch Jaime ein so großer, bis in die größten amerikanischen Medien hinein beschriener Skandal werden, die Vergewaltigung Theons während seiner Folter aber völlig übersehen werden konnte.

Er sieht also, dass es keine Vergewaltigung ist, nennt es aber trotzdem Vergewaltigung. Well. *kopfkratz*

Eine Vergewaltigung ist nach §177, Absatz 2 StGB eine besonders schwere Form der sexuellen Nötigung, die vorliegt, wenn

1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen läßt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung)

Ich sehe das hier nicht gegeben, da nun mal kein „Beischlaf“ stattfindet, sondern Theon seinen Penis die ganze Zeit in der Hose behält. Ob es sexuelle Nötigung ist, ist eine andere Frage (dazu weiter unten), aber es ist keine Vergewaltigung. Bei all der Empörung, die Schoppe bei dieser Szene empfindet, habe ich dennoch nicht die geringste Ahnung, wem mit dieser Begriffsaufweichung gedient sein soll.

 

Exkurs: Das antifeministische Märchen von der unmöglichen weiblichen Täterschaft

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, ein bisschen mit antifeministischer Propaganda aufzuräumen.
Mir wurde unter Schoppes Artikel noch an den Kopf geknallt, ein Mann könne rein juristisch gesehen von einer Frau sowieso nicht vergewaltigt werden, außer er wird penetriert. Das war jetzt auch nicht das erste Mal, dass mir das vorgeworfen wird (als könnte ICH da was für) und deswegen kotzt mich das tierisch an. Es ist nämlich schlicht Bullshit!

Allerdings hat diese Behauptung, nun… einen historischen Kern. Wenn von der Reform des §177 StGB geredet wird, dann ist meistens die Änderung im Jahr 1997 gemeint, mit der das Wort „außerehelich“ aus dem Paragraphen gestrichen worden ist und somit die Vergewaltigung in der Ehe nicht länger straffrei war.

In Wahrheit war die Reform viel tiefgreifender. Vom Jahre 1871 an, als das Reichsgesetzbuch in Kraft trat, bis 1997, also über 125 Jahre lang, war im §177 immer nur von Frauen als Opfer die Rede. Die letzte Fassung vor der Reform, die von 1973 an Gültigkeit hatte, lautete:

§ 177. Vergewaltigung. (1) Wer eine Frau mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben zum außerehelichen Beischlaf mit ihm oder einem Dritten nötigt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren bestraft.
(2) In minder schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren.
(3) Verursacht der Täter durch die Tat leichtfertig den Tod des Opfers, so ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren.

Quelle

Damit war es juristisch nicht nur nicht möglich, dass eine Frau einen Mann vergewaltigt, sondern Männer allgemein waren als Opfer komplett ausgeschlossen.

Mit der Reform 1997 nun ersetzte das geschlechtsneutrale „Person“ das vorherige „Frau“, wenn es um das Opfer ging, während im Rest des Gesetzestextes wie üblich das generische Maskulinum beibehalten wurde. Im Zuge der 6. Strafrechtsreform ein Jahr später wurde dann noch an den Formulierungen rumgefeilt und insbesondere folgende von mir hervorgehobene Passage ergänzt:

(2) [1] In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren.
[2] Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn
1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen läßt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung)

„Beischlaf“ wird übrigens juristisch als „Penis in Scheide“ definiert, während „ähnliche Handlungen“ irgendeine Form der Penetration umfassen. Für mich ist die Formulierung damit klar, aber ich bin ja halt nur ein junges Mädchen und verstehe wenig von solchen Dingen nun mal keine Juristin.

Also kucken wir doch mal, was die Juristen dazu sagen:

Betreff Täter:

Täterschaft und Teilnahme. Für die Abgrenzung der Beteiligungsformen gelten die allgemeinen Regeln. Jeder kann Täter sein, auch eine Frau.

Betreff Opfer:

1. Der Grundtatbestand der sexuellen Nötigung (§177 Abs. 1). §177 Abs. 1 schützt Opfer egal welchen Geschlechts vor erzwungenen Sexualkontakten mit dem Täter oder mit Dritten.

Betreff Vergewaltigung eines Mannes durch eine Frau:

Als Vergewaltigung werden neben dem Beischlaf sexuelle Handlungen definiert, die das Opfer besonders erniedrigen, insbesondere wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind. Diese Handlungen müssen vom Täter am Opfer oder vom Opfer am Täter vorgenommen werden. Dabei ist grundsätzlich gleichgültig, ob das Eindringen in den Körper des Opfers oder des Täters erfolgt.

Quelle: Münchener Kommentar zum Strafgesetzbuch, Bd. 2,2. §§ 80 – 184f StGB, Beck 2005 (1. Auflage), Zitate S. 1152, 1171 u. 1165.
Geschrieben wurde der betreffende Artikel von >>>diesem Typen <<< hier.

"Da staunen Sie, was? Ich hab das nachgeschlagen.
– Lionel Hutz, The Simpsons

Voilá. Ich hoffe, die Quelle ist genehm *augenklimper*

Ich kann verstehen, wenn Männer sich gerade in Hinblick auf Sexualdelikte benachteiligt fühlen, eben WEIL es diese oben angesprochene Verharmlosung gibt, aber heute noch davon zu labern, dass Männer laut Definition nicht von einer Frau vergewaltigt werden können, ist ungefähr so sinnig wie die Behauptung, Vergewaltigung in der Ehe sei immer noch straffrei. Es ist seit über 15 Jahren anders, also wiederhole ich mein Kommentar zu diesem Bullshit: Kommt von eurem Trip runter. Extrem scheiße, dass es so lange gedauert hat, aber jetzt ist es Gott sei Dank vorbei, also hört auf, das Gegenteil zu behaupten und glaubt verdammt noch mal nicht jedes Horrormärchen über unseren ach so femifaschistischen Staat, das euch in den Kram passt.

Mit geschlechtergerechter Sprache im StGB wäre das übrigens vermutlich nicht passiert.

 

3. Was ist Verharmlosung?

Zurück zu Game of Thrones. Reden wir doch mal kurz über ein anderes Vergewaltigungsopfer: Daenerys.

In der Serie wird sie in der Nacht ihrer Hochzeit, bei der sie kein Mitspracherecht hatte, vergewaltigt. Dieser Missbrauch setzt sich fort, bis sie es schafft, ihren Ehemann/Vergewaltiger so zu umgarnen, dass er mehr in ihr sieht als sein Sexspielzeug und potentielle Gebärmaschine.

Auch in diesem Fall gab es schon Kritik. Kritisiert wurde jedoch nicht die Vergewaltigung an sich, sondern der Voyeurismus, der damit angeblich bedient wird. Ich sah das nie so. Vor allem die Szene ihrer Hochzeitsnacht fand ich ganz, ganz stark. Daenerys ist offensichtlich verängstigt, versucht aber, gefasst zu sein und mit Khal Drogo zu kommunizieren, der allerdings ihre Sprache nicht spricht. Schon bevor er ihr Oberteil abnimmt, bröckelt ihre Fassung dahin und sie beginnt zu weinen. Sie bedeckt ihre nackten Brüste, doch Khal Drogo packt ihre Handgelenke und zieht sie weg. Gerade das fand ich sehr eindrücklich: Sie wehrt sich, aber nur ganz kurz – in ihrem Gesicht und dieser Geste kann man lesen, dass sie weiß, dass sie sowieso keine Chance hat. Sie weiß, sie kann entweder kämpfen und wird, möglicherweise grün und blau geschlagen, am Ende trotzdem vergewaltigt, oder sie kann einfach still halten und es über sich ergehen lassen. Sie entscheidet sich für letzteres, womit die ganze Ausweglosigkeit ihrer Situation klar wird. Ihre gesamte Verzweiflung spiegelt sich in ihrem Gesicht und deshalb ist die Szene aus filmischer Sicht unglaublich gut.

Zu sehen hier ab ca. ab Minute 5:40

Ähnlich die zweite Szene zwischen ihr und Khal Drogo. Er vergeht sich an ihr, was ihr offensichtlich weh tut, und auch dabei ist nichts als Verzweiflung zu sehen. Berührend und ganz, ganz stark.

Der Vorwurf „Voyeurismus“ bezog sich wohl darauf, dass Daenerys in beiden Fällen oberkörperfrei war. Aber ist das schon Verharmlosung?

Eines Sonntags kroch ich nach einer höllischen Samstagabendschicht erst nach Mittag aus meinem Zimmer und fand im Wohnzimmer meinen Mitbewohner vor, der einen seiner Kumpels gerade mit Game of Thrones angefixt hatte. Sie hatten die Serie angefangen und legten gerade die 3. Folge ein, als ich reinkam.
Ich war kaum da und hatte sie begrüßt, als mein Mitbewohner meinte: „Der X hat ne Theorie zur Serie.“ Dabei sah er mich seltsam erwartungsvoll an. Ich war ob dieses Blickes verunsichert: Was kommt denn jetzt?
Ich fragte also X nach seiner Theorie. Dieser grinste breit und meinte ausgelassen: „Ich glaube, die Blonde da wird in jeder einzelnen Folge gefickt!“
Woraufhin ich ihm direkt in die Augen sah und ruhig meinte: „Findest du es witzig, dass sie vergewaltigt wird?“

Ich hätte kein besseres Resultat erzielen können, wenn ich ihm eine geknallt hätte. Meine gelassenen Worte trafen ihn voll in die Fresse, die ihm einfach wegflog. „Was?! Nein!! Ich meine, also… so meine ich das doch nicht!!“
Er stammelte noch ein bisschen mehr, aber ich winkte ab. Mein Werk war getan (ganz ohne auszurasten), mehr musste ich schon gar nicht mehr sagen. Aber er konnte gar nicht aufhören, mich anzustarren.
‚Findest du es witzig, dass sie vergewaltigt wird‘,“ wiederholte er noch einmal fassungslos.

Dieser Typ ist kein schlechter Mensch. Er denkt nur manchmal nicht nach, wie die meisten Menschen. Und klar, schöne Brüste – wer sieht die nicht gerne?
William Moulton Marston, der Schöpfer von Wonder Woman, sagte mal über sein Produkt, dass es unmöglich sei, eine weibliche Figur zu erschaffen, ohne bei irgendjemanden sexuelle Implikationen auszulösen. Ich denke, das stimmt. Daher glaube ich, dass eine Vergewaltigungsszene im filmischen Kontext nicht realisierbar ist, ohne dass sich irgendjemand davon angemacht fühlt, egal, wie sensibel, eindrücklich oder brachial man mit dem Thema umgeht. Das heißt nicht, dass solche Szenen nicht wirklich absichtlich oder unabsichtlich voyeuristisch sein können – nur sehe ich das bei Daenerys nicht gegeben. Nackte Brüste sind nichts, womit man Leute heutzutage noch schocken kann, zumal sie hier anders als die vielen anderen nackten Titten in der Serie ja auch noch Sinn machen. Deshalb sind ihre Szenen mit Khal Drogo weder voyeuristisch, noch verharmlosend.

Natürlich sind einige der Meinung, die Tatsache, dass sie im weiteren Verlauf ihren früheren Vergewaltiger zu lieben beginnt, wäre Verharmlosung. Ich nenne es lieber Stockholm-Syndrom.

Cerseis Vergewaltigung war nun eigentlich nicht im Geringsten explizit, man sieht kein einziges Fitzelchen Haut. Warum hat mich das also so aufgeregt, während ich Daenerys‘ Situation einfach so hingenommen habe?

Vielleicht lasse ich einfach ein paar Kommentare sprechen:

„Ich verstehe die Aufregung immer noch nicht. Jaime merkt das Cercei eine echt übles Miststück ist ( verlangt den Bruder zu töten ) und macht den Ragefuck ( Vergewaltigt sie ).“

„Eine Vergewaltigung aus Sicht der Beteiligten gäbe es aber allenfalls (wenn überhaupt, sie sind ja ein Liebespaar), wenn Cercei über den kompletten Akt hinweg unwillig gewesen wäre.“

„Da der komplette Akt, das unmittelbare Danach aber nicht gezeigt wurde, ist die beanspruchte Deutungshoheit “es war DEFINITIV eine Vergewaltigung!!1″ aber sowieso Mumpitz.“

Gerade die letzte Passage ist so unglaublich blöd. Ja, als Buchleser könnte man sich vielleicht vorstellen, dass es nach Abblende vielleicht noch einvernehmlich geworden ist, weil man weiß, dass es ja eigentlich einvernehmlich hätte sein sollen, aber was nützt das bitte den Zuschauern?!
Außerdem dringt er während der Szene und während sie unwillig ist in sie ein, womit der Tatbestand der Vergewaltigung erfüllt ist.

Besonders interessant finde ich die Vorstellung, jemand, der schon mal freiwillig mit jemanden geschlafen hätte, könnte ja von dieser Person nicht vergewaltigt werden. Dazu sage ich nein und der Gesetzgeber sagt auch nein und das ist gut so. Unglaublich, so etwas heute noch lesen zu müssen.

Cerseis Vergewaltigung verharmlost Vergewaltigung. Die Szene wird als einvernehmlich gelabelt, obwohl sie es nicht ist, sie zerstört einen Charakter, der sich inzwischen vom Schurken eher zum Helden entwickelt hat und sie offenbart leider die ganze Palette an saublöden Relativierungen, die mit Vergewaltigung einher gehen.

Nun kommt eine Relativierung von mir. Wir haben ja schon festgestellt, dass Theon nicht vergewaltigt wird, weil keine Penetration stattfindet. Aber für mich wäre es auch keine Vergewaltigung gewesen, hätte eine stattgefunden. Er gibt seinen Widerstand nämlich auf und macht mit. So ähnlich hätte ich mir die Szene zwischen Cersei und Jaime gewünscht. Hätte Cersei sich so verhalten wie Theon, wäre der Sex zwischen ihr und Jaime für mich keine Vergewaltigung gewesen.
Das kann man scheiße finden und mich für diese Einstellung verurteilen. Immerhin sind BEIDE am Anfang unwillig. Aber wie ich schon in dem anderen Artikel schrieb: Filmischer Kontext! Und auch juristisch wäre in beiden Fällen keine Vergewaltigung passiert. Das hat nichts damit zu tun, dass Theon ein Mann und die potentiellen Täterinnen Frauen sind. Und deshalb verharmlost die Szene sexuelle Gewalt gegen Männer nicht.

Aber natürlich gibt es noch jede Menge andere Gewalt gegen Männer, die nun, da Cerseis Vergewaltigung so in die Kritik geriet, auch kritisiert wird. Es kann ja nur so sein, dass die Sache mit Cersei schlimm ist, weil sie eine Frau ist, und die ganzen anderen Sachen nicht, weil sie Männern passieren.

Das ist falsch. Ich kritisierte nicht die Vergewaltigung per se. Ich kritisierte das gesamte Drumherum. Und weil das Drumherum bei anderen Gewalttaten „stimmt“, kritisiere ich sie nicht.

„Eine ganze Armee unfreiwillig kastrierter Sklaven, die mittels Folter zu Tötungsmaschinen gemacht werden – warum regt sich DARÜBER keiner auf?!“ – Weil es hier nichts zum Aufregen gibt! Die Art der Ausbildung, unter der die Unbefleckten zu leiden hatten, wird eindeutig als böse angesehen. Die Meister von Astapor SIND BÖSE. Und dafür werden sie bestraft. Astapors Meister werden abgeschlachtet und alle Sklaven frei gelassen. Dasselbe in Yunkai und Meereen. Sklaverei ist etwas schlechtes und das wird eindeutig kommuniziert. Was die Unbefleckten durchmachen mussten, dient dazu, die Schlechtigkeit der gesamten Gesellschaftsordnung der Städte der Sklavenbucht zu demonstrieren!

„Ein Junge wird verkrüppelt im Versuch, ihn zu ermorden und zwei andere verbrannt!“ – Ja! Und das ist schlecht! Es ist böse und es ist falsch! Es wird wohl keinen Zuschauer auf der ganzen Welt geben, der das anders sieht!

„Niemand kritisiert Theons Folter und dann wird er auch noch kastriert – das ist so grausam!“ – Ja! Weil es das sein soll! Die Gewalt dient einem Zweck! Was im Buch „off-screen“ passierte, war so innerhalb der Serie nicht zu realisieren – man kann nicht einfach einen Hauptdarsteller für eine ganze Staffel verschwinden und dann als völlig neuen, gebrochenen Menschen ein Jahr später wieder auftauchen lassen. Man muss es zeigen, sonst kapiert das doch niemand! Und es ist gut gemacht! Es ist grausam, weil es grausam sein soll! Aber das bedeutet doch nicht, dass es irgendjemand gut findet!
Theon hat Unschuldige getötet, auf die Menschen gespuckt, die ihm vertraut haben und ist Schuld daran, dass Winterfell zerstört worden ist. Aber deswegen hat er keine Folter verdient, keine Kastration, keine solche Demütigung! Diese Szenen werden nicht etwa genossen, weil er kein toller Typ ist, im Gegenteil, sie erzeugen Mitleid mit Theon und demonstrieren, was für ein komplett verrückter Irrer Ramsay Snow ist!

Natürlich kann man das trotzdem alles kritisieren. Im Zuge dieser Debatte habe ich jetzt schon häufiger von Männern gelesen, welche die dargestellte Gewalt ekelhaft finden und sie sich kaum ansehen können. Ich empfand das nicht so. Dafür könnt ihr mich gerne häuten, aber so ist es nun mal. Ich entstamme der Generation, die Resident Evil, Counterstrike und Postal 2 zockte, sich mit Saw und Hostel einen schönen Filmabend machte und die Pervertierung des HipHop und den Aufstieg des Nu Metal mitsamt seiner gewalttätigen Lyrics miterlebte. Wir sind die Generation, die laut Vorstellung erzkonservativer alter Säcke eigentlich komplett aus Amokläufern bestehen müsste und sind trotzdem zum überwiegenden Teil friedliche Menschen, die niemals irgendetwas von dem, was wir gesehen oder gehört haben, nachmachen könnten oder wollten.
Es gibt Gewaltdarstellungen, die ich ebenfalls ekelhaft finde und mir nicht ansehen kann. Und ja, einiges in Game of Thrones fand ich übertrieben. Aber nichts davon hat mich in irgendeiner Weise schockiert. Ich musste nie die Augen abwenden und meinen Appetit hat es mir auch nicht verdorben. Jetzt könnt ihr mir gerne Verrohrung, Degeneration oder sonstwas vorwerfen, aber dann vergesst bitte nicht die viele Millionen Fans, die außer mir auch keine Probleme damit haben.

Lieber Schoppe, was wir hier haben, ist eine Diskussion um Gewalt in den Medien, keine Geschlechterdiskussion. Damit habe ich mich im Zuge meiner Examensarbeit beschäftigt und kann daher sagen, dass der Vorwurf, Popkulturelle Medien seien gewalttätig oder sonstwie anrüchig, so alt ist wie die Popkultur selbst. Das ist kein Mann-Frau-Ding. Und eine Vergewaltigung, ob sie nun wirklich passiert oder nicht, ist nichts, was rein aufgrund ihrer Gewalttätigkeit kritisiert worden ist. Jedenfalls nicht von mir.

Deshalb lass mich das nächste Mal bitte aus dieser Diskussion raus, zumal du die ganzen Leute, welche die Vergewaltigung Cerseis relativierten, ja offensichtlich ignorierst, obwohl es unmöglich ist, dass dieselben Leute deiner Argumentation bezüglich der sexuellen Gewalt gegen Theon folgen. Ich habe ein gewaltiges Problem mit der Verharmlosung von Vergewaltigung, egal gegen wen sie geht, aber ich habe kein Problem mit Gewalt in den Medien und damit auch keines mit Vergewaltigung in den Medien, sofern beides in den richtigen Kontext gesetzt wird. Und das ist bei Theon, Bran, den Unbefleckten, Jaime, als er seine Hand verliert, und all den anderen, die innerhalb der Serie Opfer von Gewalttaten sind, in meinen Augen definitiv der Fall.

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Ich trinke zwar keinen Kaffee, aber das muss ja niemand wissen.

Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 5: Kellnern, der erste Versuch.

Kellnern fand ich schon immer cool, aber meine ersten Schritte in dieser Branche führten mich in ein absolutes Desaster.

Als ich zu studieren anfing, finanzierte mich meine Mutter, allerdings hielt sie mich ziemlich knapp. Große Sprünge waren nicht möglich, also ging ich auf die Suche nach einem Job und wurde in einer meiner Stammkneipen fündig.

Eigentlich war es keine Kneipe, sondern eine Shisha-Bar, in der meine beste Freundin und ich manchmal rumhingen. Dort bekam ich dann zufällig mit, dass der Wirt eine Aushilfe suchte und meldete mich sofort. Weil er mich kannte, wurde ich vom Fleck weg eingestellt, obwohl ich keine Erfahrung hatte.

Darüber machte ich mir aber keine Sorgen. Ich wusste, ich kann das. Und tatsächlich war es dann auch so. Ich musste nicht zapfen, womit mit das Schwierigste an der Kellnerei schon mal wegfiel. Dafür hatten wir ca. 15 verschiedene Kaffeesorten und nochmal so viel Tee, aber auch das hatte ich schnell drauf. In diesem Job lernte ich, den perfekten Latte Macchiato zu machen – was ein bisschen doof ist, denn ich trinke überhaupt keinen Kaffee. Aber irgendwann werde ich damit mal jemanden mit der passenden Kaffeemaschine richtig glücklich machen, also ist das okay.

Aber obwohl die Arbeit an sich gut lief und mir das Kellnern Spaß machte, blieb ich nur wenige Wochen in dem Laden, weil der Chef mich massiv sexuell belästigte.

Es fing mit ein paar blöden Sprüchen an, wurde aber schnell richtig schlimm. Wenn Gäste da waren oder die zweite Kellnerin – oder, natürlich, seine Frau (!!) – hielt er sich zurück. Aber jeden Sonntag fing ich eine Stunde vor der anderen Kellnerin an und meistens waren zu dem Zeitpunkt auch keine Gäste da.
Leider wusste ich damals nicht, wie ich mich dagegen wehren sollte. Ich war Anfang Zwanzig und hatte keine Ahnung, was ich dem entgegen setzen konnte. Das kann man sich heute vielleicht nicht mehr vorstellen, wenn man mich kennt, aber damals war ich absolut hilflos.

Meine Freunde halfen nicht so wirklich. Klar, sie fanden das total scheiße von ihm, aber so richtige Entrüstung, die mir gezeigt hätte, wie FALSCH das ist, konnten sie nicht aufbringen. ICH würde keine Freundin so hängen lassen – aber das zeigt mir im Rückblick nur, wie läppisch sexuelle Belästigung eingeschätzt wird.

So stand ich dann da und machte einen Tee, während er mich von hinten umarmte, seinen Schwanz an meinen Arsch rieb und meinen Nacken küsste, und konnte gar nichts tun, außer mich ihm entwinden. Heute würde ich ihm mein Knie zwischen die Beine rammen. Und nein, das halte ich NICHT für übertrieben. Wer jetzt rumweinen will, dass Gewalt gegen Männer ja ach so akzeptiert sei, darf seine Beschwerde gerne schriftlich an den Papierkorb seiner Wahl richten.
Er war ein hässlicher, ekelhafter Wicht, dem ich auf jede erdenkliche Art zu verstehen gegeben habe, dass ich das nicht will. Aber es war ihm egal. Ihm war auch egal, dass er verheiratet war. Er bedrängte mich und interessierte sich einen Scheißdreck dafür, dass ich weder seine dumme Sprüche hören, noch seine dreckigen Pfoten oder seine Schwulstlippen an mir spüren wollte.

Ich trug das lange mit mir herum. Wie gesagt, meinen Freunden hab ich davon erzählt, aber nicht meinen Eltern. Die waren froh, dass ich einen Job hatte, durch den ich wenigstens ein paar Stunden am Wochenende beschäftigt war und ein bisschen Geld verdiente. Damals lief es familiär nicht so gut, deshalb wäre ich im Traum nicht auf die Idee gekommen, mich meinen Eltern mitzuteilen – obwohl mein Stiefvater von einem auf den anderen Moment aufdrehen kann und DAS nicht einfach so hingenommen hätte. Und meine Mutter… ach, keine Ahnung, wie die reagiert hätte.

Jedenfalls grübelte ich viel zu lange darüber nach, statt tätig zu werden. Es war klar, dass ich damit allein zurecht kommen musste. Niemand würde mir helfen. Selbst die andere Kellnerin, eine Frau in den Vierzigern, schien das doch teilweise mitzukriegen – und deswegen sauer auf MICH zu sein. Vermutlich war ich für sie die kleine Schlampe, die vom Chef einen Bonus bekommt, weil sie sich betatschen lässt (dabei hab ich nie irgendwas in der Art bekommen).

Mit der Zeit steigerte ich mich innerlich in eine riesige Wut rein – vor allem auf mich selbst. Mein Lebensziel war es doch, mutig zu sein, wieso konnte ich das in diesem Fall nicht? Ich hasste mich selbst dafür. So wollte ich nicht sein – ängstlich, duckmäuserisch, ein leichtes Opfer. Wer war dieser Typ schon? Warum hatte ich solche Angst, ihm einfach klipp und klar meine Meinung zu sagen? Nur wegen DEN paar Kröten?

Es gärte in mir, aber irgendwann trat ich mir innerlich selbst in den Arsch. Bei der nächsten Aktion, so schwor ich mir, würde ich etwas sagen und mit den Konsequenzen leben. Ich musste nur meine Wut anzapfen, die schon immer mein bester Antrieb gewesen war.

Kurz darauf war es soweit: Bei der nächsten Schicht ging ich in die Küche und er gab mir im Vorbeigehen einen Arschklaps. Bescheuerterweise dachte ich sogar sekundenlang darüber nach, ob das jetzt überhaupt, naja… „zählt“, so verglichen mit einem Schwanz, der sich ungebeten an mir reibt… aber ich kam schnell zur Besinnung.
Ich drehte mich also zu ihm um, lächelte ihn strahlend an und sagte ihm, dass er eine fängt, wenn er das nochmal macht.

Seine Reaktion war Gelächter. Vielleicht hielt er das Ganze nur für ein Spiel, das gerade die nächste Stufe von „Ach, die kleine Bitch ziert sich nur“ erreicht hatte. Aber irgendwas an meiner extrem coolen Reaktion schien ihm zu zeigen, dass ich das vollkommen ernst meinte.
Während er lachte, drehte ich mich um und machte eine neue Kohle fertig. Vielleicht war es ja DAS gewesen – dass ich die Frechheit besessen hatte, ihm den Rücken zuzudrehen. Jedenfalls erstarb sein Lachen irgendwann. Ich konnte ihn nicht sehen, aber regelrecht fühlen, wie es in ihm zu arbeiten begann. Und schließlich meinte er angepisst: „Ich hab schon gegen zehn Russen gleichzeitig gekämpft – was willst DU kleine Frau da denn machen?“

Eine mehr als offensichtliche Drohung. Aber ich hatte tatsächlich die nächste Stufe erreicht. Es half irgendwie, an meinen Bogen zu denken und daran, ihm einen Pfeil mitten in seine dumme Fresse zu schießen. All die Angst von vorher war wie weggefegt. Wäre ich noch cooler gewesen, wäre ich erfroren. „Werden wir dann ja sehen,“ war mein einziges Kommentar. Ich meinte das vollkommen ernst. Egal, wie viele Kämpfe er schon bestritten hatte, in diesem Moment war ich sicher, dass ich ihn in der Mitte durchbrechen konnte, wenn ich wollte.

Das hat ihn völlig zerstört. Und es war einfach nur so toll.

Er sagte nichts mehr, aber den Rest des Abends, der noch richtig stressig wurde, war er komplett angepisst und meckerte mich wegen jedem Scheiß an. Tisch 5 hat keine Getränke mehr, es stehen zu viele dreckige Gläser rum, die Arbeitsplatte in der Küche ist krümelig… Kleinigkeiten. Aber ich ließ mir sein Gemecker am Arsch vorbei gehen. Ich wusste ja, dass er nur einen Vorwand suchte, um mich anzuscheißen. Und das gipfelte schließlich gegen Ende meiner Schicht in einer Tirade über meine schlechte Arbeit, bei der er mit den Worten schloss: „So hat das doch keinen Sinn!“
Ich stand da mit verschränkten Armen und unverschämten Lächeln und antwortete einfach maximal gelangweilt: „Joah.“ Worauf ihm wiederum keine passende Antwort einfiel. Er gab mir meinen Lohn für den Abend und ich haute ab. Auf dem Weg zu meiner Stammdisco, wo ich mich mit meiner besten Freundin treffen wollte (die mir ein Highfive für die ganze Sache gab), dachte ich müßig drüber nach, ob ich denn nun gefeuert worden bin. Oder hatte ich gekündigt? Keine Ahnung. Irgendwie war es mir aber auch egal.

Eine Woche später rief seine Frau an. Er hatte nicht mal die Eier, es selbst zu tun. Die fragte mich, ob ich denn abends kommen würde. Offensichtlich war es also doch keine Kündigung gewesen. Ich verneinte, sie war irritiert und legte schließlich ohne große Diskussion auf. Leider glaube ich, dass sie ganz genau wusste, welches Arschloch sie sich da angelacht hatte. Heute würde ich sie vielleicht nochmal freundlich darauf hinweisen. Damals beließ ich es aber bei knappen Worten.

Ich bin danach nie wieder zu diesem Wichser gegangen, außer einmal. Er hatte inzwischen einen anderen Laden gefunden, der wesentlich größer war und offensichtlich sehr gut lief. Ein paar alte Freunde schleppten mich mit.
Ich sah ihn an diesem Abend nur einmal ganz kurz. Als sein Blick auf mich fiel, lächelte ich ihn kalt an. Worauf ihm die nackte Panik ins Gesicht geschrieben stand und er sich schnellstens verpisste.

Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie jemanden geschlagen, aber ich glaube kaum, dass ein gezielter Faustschlag mir mehr Genugtuung hätte verschaffen können als dieses Lächeln und diese Reaktion.

Weiterlesen:
Teil 1: Prospekte austragen
Teil 2: McDonald’s
Teil 3: Fotolabor
Teil 4: Fabrik
Teil 6: Bäckerei
Teil 7: Prospekte – schon wieder

Wenn es darum ging, Geld zu verdienen, gab es in meinem Leben wirklich wenig, für das ich mir zu schade war. Deshalb habe ich auch kein Problem damit, meine Leser um eine kleine Spende in Form einer Tasse Kaffee zu bitten (via Paypal). Über ein wenig Unterstützung freue ich mich immer!

Game of Thrones – [positive Kritik not found]

Spoilerwarnung bis zur aktuellen Folge (Season 4, Episode 3). Leichte Spoilerwarnung für Nichtbuchleser, aber ich versuche mich auf ein Minimum zu beschränken.

Leute, ich bin megamäßig angepisst. Das hat in diesem Fall zwar etwas gedauert, aber nun hätte ich nicht übel Lust, zu den Drehorten von Game of Thrones zu fahren und und dort die gottverdammten Sets abzufackeln.

Wisst ihr, bis letzte Woche hatte ich fest geplant, endlich (der Plan steht schon seit der dritten Staffel im letzten Jahr) die feministische Kritik an dieser Ausnahmeserie in einem langen Artikel so richtig auseinander zu nehmen, denn ich mag die Serie und teilte die Kritik nicht. Ich wollte auf den völlig hanebüchenen Vorwurf eingehen, die Serie würde – wieder mal – keine starken weiblichen Charaktere bieten. Ich wollte darlegen, wie dämlich es ist, der Serie Homophobie vorzuwerfen, nur weil George R. R. Martin sich entschlossen hat, kein Gleichberechtigungs-Winterwunderland zu erschaffen, welches die gesellschaftlichen Umstände, Sitten und Gebräuche von Westeros völlig ignorieren würde. Und ich wollte versuchen zu erklären, warum die Darstellung von Vergewaltigung, wie sie z.B. Daenerys in der ersten Staffel immer wieder erleiden muss, nicht notgedrungen zu verurteilen und voyeuristisch ist, nur weil es halt IMMER einen Wichser geben wird, der sowas geil findet, statt verdammt noch mal etwas Mitgefühl aufzubringen.

Dann kam die letzte Folge. Und mein ganzes schönes Konzept krachte völlig zusammen.

In Folge 3 wird Cersei von ihrem Bruder und (ehemaligen) Geliebten Jaime vergewaltigt. Ich konnte erst nicht glauben, dass dies wirklich passiert. Fassungslos wartete ich während der ca. zweiminütigen Szene auf irgendetwas, was diese Grässlichkeit stoppen würde. Aber es passierte nichts. Und kaum wurde abgeblendet, schlug ich die Hände über den Kopf zusammen und stöhnte: „Das wird SO VIELE Diskussionen geben!!!“

Dem war so, obwohl ich mich ein paar Tage lang stur und absichtlich nicht damit befasst habe. Doch jetzt ist Schluss. Ein einziger Artikel, über den ich gestolpert bin, hat einen regelrechten Damm gebrochen und nun könnte ich wirklich platzen vor Wut.

Es gibt zwei große, GROSSE Probleme mit dieser Szene. Das erste, das offensichtlichste Problem besteht darin, dass Regisseur Alex Graves behauptet, es wäre keine Vergewaltigung. Well… dann ist ja alles in Ordnung. NICHT!!!
Wenn er darüber labert, dass der Sex „gegen Ende einvernehmlich wird“, beschreibt er eine recht verbreitete Art der, nun, nennen wir es „sexuelle Eroberung“, im filmischen Kontext (und ich bin überzeugt davon, dass so etwas schon öfter in Filmen dargestellt wurde, als es in der Realität überhaupt vorkommt). Er hatte wohl sowas im Sinn:

Pussy Galore (ach… no comment) erwidert den Kuss am Ende und das, was danach kommt (man geht davon aus, dass sie danach Sex hatten, aber es wird dann wohl abgeblendet, so dass man es nicht mit Sicherheit wissen kann) offensichtlich. Verbalisiert käme wohl sowas unglaublich dämliches raus wie „Nein, James, nicht, nein, nein… oh… oh, ja! JA!“ Ich kann zwar ein Stück weit nachvollziehen, warum manche auch mit solchen Szenen Probleme haben – man kann ja nicht wissen, ob der gute James aufgehört hätte, wäre sie NICHT plötzlich dahin geschmolzen – aber für mich ist das keine Vergewaltigung.

Es wäre demnach auch bei Cersei und Jaime für mich keine Vergewaltigung gewesen, hätte sie so reagiert. Genau darauf wartete ich dann auch die ganze Zeit. Selbst kleine Anzeichen hätten mir ja schon genügt. Man ist ja anspruchslos. Aber die gibt es nicht. Die Szene ist von hinten bis vorne eine Vergewaltigung.
Nach einem (einvernehmlichen) Kuss, den Cersei abbricht, zischt Jaime was von Liebe, packt Cersei, reißt ihr Kleid (oder ihren Unterrock) kaputt, drängt sie schließlich zu Boden. Cersei wehrt sich mit Taten und Worten („stop it, stop it“, „it’s not right“, „no“), fängt an zu weinen und zu schluchzen, verzieht das Gesicht vor Schmerz, dreht es (mit geschlossenen Augen) weg. An einer einzigen Stelle, als beide noch stehen, scheint sie kurzzeitig ein wenig, äh, zugeneigter, aber das erwähne ich nur der Vollständigkeit halber, weil sie danach offensichtlich weiterhin keinen Sex will. Jaime interessiert ihr Geschluchze nicht („I don’t care“).
EINE – VERGEWALTIGUNG. Ganz klar. Genauso klar ist die darauf folgende feministische Kritik. Aber nicht nur Feministinnen sehen das so. Und selbst Idioten, die nicht kapieren, warum die Szene scheiße ist, sehen die Vergewaltigung. Wie um alles in der Welt kann Graves behaupten, es sei keine?!

Nehmen wir mal an, Graves lügt nicht, weil er jetzt so viel Kritik aushalten muss (armes Hascherl!), wenn er sagt, dass die Szene einvernehmlich geplant gewesen war. Dann hätte ich da eine Frage: Mr. Graves, warum sind Sie so ein unglaublicher Loser?! Wie kann man seine Intention als erfahrener Künstler so grandios verfehlen?! Denn ein Regisseur ist IMMER die letzte Instanz – in diesem Fall nach der Vorlage von George R. R. Martin, den Drehbuchschreibern und den Schauspielern. ER IST DER VERANTWORTLICHE. Und als solcher hat er einfach nur himmelschreiend versagt. Er ist ein Versager. Und offensichtlich ein blödes Arschloch, das nicht den Unterschied zwischen einer wenig hübschen, aber nicht vollends verwerflichen „Sie mag erst nicht und dann ja doch“-Sexszene und einer offensichtlichen Vergewaltigung kapiert!!!

Das ist eine Problematik, die erst durch sein dämliches Kommentar so schlimm geworden ist – aber es sieht noch wesentlich beschissener aus, wenn man die Bücher kennt.

Offensichtlich kann sich das verlinkte Basler Provinzblatt keinen Autoren leisten, der die gottverdammten Bücher gelesen hat. Angeblich sei die Szene nur deshalb kritisiert worden, weil sie sich so nicht in der Vorlage findet und darum sei das alles ja wieder mal nur feministische Hysterie und #aufschrei und höhöhö, kuck dir mal die frustrierten Emanzen an.

Tja, DIESE frustrierte Emanze hier HAT die Bücher gelesen. Auch dort ist die Sexszene an Joffreys aufgebahrter Leiche nicht gerade ein Ausbund an Romantik. Im Buch kehrt Jaime erst an dieser Stelle aus seiner Gefangenschaft zurück und fällt, kaum wird er Cersei ansichtig, von Lust übermannt über sie her. Auch hier fragt er nicht erst nett, ob sie mit ihm schlafen will, aber sie öffnet sich für ihn und empfängt ihn willig. Ja, nicht gerade supi, aber keine Vergewaltigung.

Aber das ist nicht das Problem. Es geht nicht darum, dass ein einvernehmlicher Verkehr für die Serie zu einer Vergewaltigung umgeschrieben worden ist (obwohl, wie ich finde, die Frage danach, warum die Macher glauben, so etwas sei nötig, durchaus legitim ist). Es geht auch nicht darum, dass die Serie von der Vorlage abweicht. Das ist ja schon öfter passiert und interessiert außer ein paar Puristen keine Sau. Einige der Änderungen fand ich sogar extrem gelungen, so dass die entsprechenden Szenen in meinen Augen sogar besser waren als in den Büchern. So bin ich auch sehr damit einverstanden, dass in Daenerys‘ Hochzeitsnacht ebenfalls eine Vergewaltigung stattfindet (dies ist offensichtlich, es sei denn, man gehört zu den armseligen Gestalten, für die es keine Vergewaltigung ist, wenn eine völlig verzweifelte Frau in Angesicht ihres Riesen von Ehemannes bemerkt, dass sie komplett chancenlos ist und sich daher nicht wehrt), obwohl der Verkehr im Buch als einvernehmlich geschildert wird. Im Buch wird Daenerys genau wie in der Serie nicht gefragt, ob sie Khal Drogo heiraten will, ist aber dort erst 13 Jahre alt – lächerliche Vorstellung, sie würde dem Sex in ihrer Hochzeitsnacht freudestrahlend zustimmen, zumal die folgenden Zusammenkünfte dann wieder als nicht-einvernehmlich beschrieben werden. Das hat im Buch schlichtweg keinen Sinn gemacht, daher ist es gut, dass sie das geändert und eine wirklich starke, sehr gut gespielte Szene daraus gemacht haben, in der die ganze Ausweglosigkeit von Daenerys‘ Situation eindrücklich deutlich wird.
Es geht auch nicht einfach nur darum, dass eine Vergewaltigung dargestellt wird. Das war nicht das erste Mal in der Serie und wird wohl auch nicht das letzte Mal gewesen sein. Die gesamte Serie ist ausgesprochen brutal – dämlich, ausgerechnet Vergewaltigungsszenen anzuprangern, solange sie nicht voyeuristisch ausgeschlachtet werden.

Nein, die Szene ist deshalb zum Kotzen, weil sie damit mal so eben nebenbei Jaimes Charakter vollständig zerstört.

Jaime ist am Anfang der Serie ein Arschloch. Ein arroganter Wichser, so ein echter Lannister halt, der nicht nur Ned Stark angreift, sondern sogar vor seiner eigenen Familie nicht halt macht, wenn er, um zu fliehen, den Verwandten, der zu ihm in seinen Käfig gesperrt wird, mal eben umbringt (das hat sowieso keinen Sinn gemacht, denn dieser altbekannte „kranker Mitgefangener“-Trick hätte auch funktioniert, hätte er seinen Cousin oder wer der Typ war einfach darum gebeten, sich tot zu stellen). Erst der Verlust seiner Hand, aber vor allem seine Wanderschaft mit Brienne läutet einen Wandel ein.
Überhaupt – Brienne. In der 3. Staffel unterhält er sich mit ihr noch darüber, wie ekelhaft Vergewaltigung ist und rettet sie dann auch noch vor einer eben solchen, und jetzt vergewaltigt er mal so eben die Liebe seines Lebens?! Aber nee, ich vergaß: Es war ja alles total einvernehmlich *kotz*

Wer die Bücher nicht gelesen hat und vielleicht nicht mal weiß, dass die Szene im Buch anders ist, der wird nicht verstehen, warum das so unglaublich schrecklich ist. Es sah dann halt eben zwar so aus, als hätte Jaime sich gebessert, aber tja, alte Gewohnheiten, ne? Ist er wohl doch ein Arschloch, Lannister halt.
Genau das ist er eben nicht. Hier muss ich leider ein bisschen spoilern, also nicht weiter lesen, wenn ihr minimale Ausblicke auf das Kommende nicht lesen wollt. Fakt ist, dass so ziemlich alle Charaktere der Reihe nicht eindeutig gut oder eindeutig schlecht sind, sondern jeder gute und schlechten Anteile hat. Jaime war am Anfang ziemlich eindeutig schlecht (davon abgesehen, dass er mal eben so ganz King’s Landing gerettet hat, wofür ihm nie gedankt wurde), ein Charakter, den ich mit Vergnügen gehasst habe, entwickelt sich aber stark. Bis dato (die Reihe ist ja noch nicht beendet) hat sich das noch nicht sehr in konkreten Taten ausgedrückt, aber als Point-of-View-Charakter, also ein Charakter, aus dessen Sicht Teile der Handlung geschildert werden, wird ein Einblick in seine Innenwelt gewährt und die ist eindeutig.
Besonders beeindruckend ist hierbei sein Verhältnis zu Cersei. Nachdem er sich so nach ihr gesehnt hat und seine Sehnsucht sich in ihrem einvernehmlichen Sex entladen hat, wird ihm im Folgenden immer mehr bewusst, was für ein schrecklicher Mensch Cersei eigentlich ist – liebt sie aber immer noch. Das ist ein schmerzvolles Dilemma und eine vielschichtige Charakterzeichnung, die einfach großartig ist. Allerdings typisch für die Reihe – ein Grund, weshalb ich sie so liebe und warum sie so erfolgreich ist.

Die Macher der Serie nun haben das alles ab Jaimes Rückkehr sehr zuverlässig versaut. Keine Ahnung, warum sie die Sexszene direkt bei seiner Ankunft gestrichen haben – ich hatte die (wie ich jetzt weiß idiotische) Hoffnung gehegt, sie wollten vielleicht einfach den Titten- und Sexcontent ein bisschen zurück schrauben. Das allein wäre jedoch noch vertretbar gewesen. Schlimm wurde es erst, als Jaime sich im Folgenden – WOCHEN nach seiner Rückkehr – versucht, an Cersei ranzumachen und sie dies beständig abblockt. Sie knallt ihm sogar an den Kopf, dass er sich nicht genug Mühe gegeben habe, schneller zu ihr zurück zu kehren, wohlgemerkt aus seiner GEFANGENSCHAFT. Das findet sich so zwar auch im Buch, allerdings nur als verbitterte und typisch egozentrische Gedanken Cerseis in den Teilen, die aus ihrer Sicht geschildert worden sind.
Mir hat das überhaupt nicht gefallen, wird doch damit Jaimes intrinsische Motivation aus den Büchern zu einer extrinsischen. Er ändert sich nicht langsam, weil er selbstständig merkt, dass Cersei eine saublöde Kuh ist, sondern weil sie so asozial mit ihm umgeht. Damit wird diese wunderbar beschriebene Charakterentwicklung zu einer reinen Trotzreaktion auf Cerseis Arschigkeit. Und das ist unglaublich scheiße!!

Dennoch wird diese Entwicklung zum Guten wohl auch in der Serie so beschrieben werden – und genau deshalb ist die Vergewaltigung so schlimm. Die einzige Möglichkeit, das wieder hinzubiegen, wäre wirkliche, ehrliche Reue; wenn die Vergewaltigung ein letztmaliges Zurückfallen in alte, böse Verhaltensmuster gewesen wäre und der letzte Anstoß, den Jaime braucht, um sich vollends in Richtung „gut“ zu entwickeln. Zwar wäre das immer noch eine selten schreckliche und beschissene Art, seine Wandlung zu initiieren, aber es hätte wenigstens noch leidlich funktioniert.

Tja, ratet mal, warum das so nicht kommen wird?! Ganz genau: Weil der Sex ja EINVERNEHMLICH gewesen war! Und weil Arschloch-Regisseur Graves ja so dermaßen davon überzeugt ist, KANN Jaime seine Gewaltanwendung ja gar nicht bereuen. Warum auch, wenn es einvernehmlich war?!

Ist damit klar, warum die Szene so unendlich beschissen ist? Die Szene wird im Folgenden vermutlich ignoriert werden, eine wirkliche Auseinandersetzung wird nicht statt finden. Und Jaime wird sich von seiner schrecklichen Schwester abwenden, weil er ja so viel besser ist als sie, und zum Sympathieträger. Ein Vergewaltiger. Bravo. Einfach nur toll gemacht, ihr Vollidioten. This is how you ruin a character.

Gleichzeitig ist damit auch Cerseis Charakter total kaputt. Sie ist eine furchtbare Frau, eine arrogante Zicke, ein intrigantes Miststück, eine schreckliche Diplomatin und ein grausamer Mensch. Aber jetzt kann ich sie nicht mehr hassen. Auch DAS haben die Macher versaut.
Natürlich kommen schon die Assis angekrochen, die meinen, Cersei hätte es halt verdient, eben weil sie so scheiße ist. So wie auch im echten Leben immer Rechtfertigungen gesucht werden, warum ein Vergewaltigungsopfer ja doch irgendwie selbst Schuld ist. Yay, victim blaming galore. Mal was ganz neues!!

Man mag argumentieren, dass dies ja auch Vielschichtigkeit sei – wenn man bösen Charakteren böse Dinge zustoßen lässt. Aber wisst ihr, das ist schwer. Offensichtlich ja ZU schwer für die Verantwortlichen. Zumal es vermutlich keine großartigen Auswirkungen auf Cersei haben wird, denn mit ihren vielen Hör-aufs hat sie ja zugestimmt. Meine Fresse, ist das einfach nur so schlecht!!

Somit wird des billigen Schockeffekts wegen mal eben so ein Bild dem Zuschauer implementiert, das für das fortgesetzte Leid vieler Vergewaltigungsopfer verantwortlich ist. Und MIR hat es den Spaß an einer meiner Lieblingsserien versaut. Das ist natürlich im Vergleich keine Tragödie, aber es kotzt mich trotzdem an. Und nun habe ich, obschon ich so lange geplant hatte, die Serie vor Vorwürfen zu verteidigen, das dringende Gefühl, die ganze Zeit im Hinblick auf die für die Handlung völlig unnötigen Nacktszenen, die vielen so bemüht expliziten Gespräche und dieses ganze Setting um Littlefingers Puff erstens etwas blauäugig und zweitens zu nachsichtig gewesen zu sein. Ich meine, wenn man sich als Mädchen in Jungsdomänen herum treibt (zumindest halten die Macher dieser Serie Fantasy offensichtlich für ein Jungsgenre), wie ich es schon mein ganzes Leben lang tue, dann muss man einiges hinnehmen. Man stumpft ab, verdreht nur die Augen, wenn Wonder Womans Titten mal wieder völlig überdimensioniert und unrealistisch gezeichnet werden oder Steel Panther von Schlampen und Nutten singen. Man akzeptiert den Fanboyservice in einer solchen Serie, auch wenn HBO das eigentlich nicht nötig hat und ganz klar ist, dass ein solcher Erfolg gar nicht möglich wäre, hätte die Serie nicht auch viele weibliche Fans.

Aber offensichtlich sind HBO seine weiblichen Fans egal, wenn sie es zu Anfang jeder Staffel gerade mal 13 Minuten (3. Staffel) bzw. 11 Minuten (4. Staffel) aushalten, bis die erste von Littlefingers Nutten ihre nackten Titten durchs Bild schwingt.

Und jetzt das. Eine für den Handlungsverlauf und die Charakterentwicklung völlig kontraproduktive Gewalttat, die angeblich keine ist, und darum auch nicht als solche behandelt werden wird, mit keinerlei Auswirkungen auf die Beteiligten. Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.

Ich bin ehrlich: Ich werde mir die Serie weiter ansehen, weil der Rest einfach immer noch viel zu gut ist. Noch habe ich auch einen winzigen Rest Hoffnung, dass es anders weitergehen wird, als ich es hier vorhergesagt habe. Die neue Folge kommt schließlich schon heute Nacht und eine Frau hat Regie geführt. Ob das irgendwas ändern wird, bezweifle ich, zumal ich nicht weiß, wie die Serie gedreht wird (chronologisch oder parallel) und ob sie die Endfassung der letzten Folge überhaupt sehen konnte, bevor die 4. Folge gedreht worden ist. Möglicherweise hat sie sich auf die reine Beschreibung verlassen (müssen) und dachte auch, das alles wär ja so super einvernehmlich abgelaufen.

Aber ein Stück weit ist die Serie für mich nun wirklich ruiniert – und das finde ich so unglaublich scheiße.

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Ein Jahr danach: #Aufschrei, Nachhallen

Stellt euch vor, ihr latscht in eine Musikschule rein und bucht Stunden bei Herman Li. Ihr würdet ihn angucken und fragen: „Was kann Gitarre denn so?“ Und Herman Li würde grinsen und euch ein zwölfminütiges Solo an den Kopf knallen.

So ähnlich fühlte ich mich bei #aufschrei.

Im Dezember 2012 startete ich diesen Blog und kündigte auch gleich an, im Netzfeminismus mitmischen zu wollen. Einen Monat später kam der #aufschrei. Es war tatsächlich so gewesen, als hätte ich arglos lächelnd die Arme ausgebreitet und gerufen: „Na, was ist? Komm doch her und zeig mir, was du kannst!“ Und die lakonische Antwort aus den Tiefen des Internets war: „Das, Robin. Das.“

In den Tagen, in denen #aufschrei am wirkungsmächtigsten war und im Sekundentakt Tweets abgesendet wurden, machte ich ein richtiges Wechselbad der Gefühle durch. Was aber überwog: pure Euphorie. Ja, das mag bescheuert klingen, wenn wir uns das Thema zurück ins Gedächtnis rufen, aber die reine Wahrheit. Natürlich, während ich Beiträge wie diesen hier schrieb und meine Erinnerungen nach sexistischen Erlebnissen durchforstete, die ich twittern konnte, war ich selbstverständlich in anderer Stimmung. Scham über alte Verletzungen, Wut über saublöde Sprüche, kopfschüttelndes Entsetzen über Dinge, die einfach nicht richtig sind und die ich trotzdem hinnehmen musste, weil ich zu jung oder zu ängstlich war, um mich zu wehren.
Doch danach – Befreiung. Das gute Gefühl, Teil eines Kollektivs zu sein, das endlich die Schnauze voll hat und es jedem ins Gesicht brüllt, der immer noch der Meinung ist, das sei doch alles nicht schlimm.

Jahrelang waren meine Erfahrungen immer nur abgewertet worden. „Reg dich nicht so auf“ „Boah, du hast echt keinen Humor“ „Naja, ist ja nichts schlimmes passiert“ – nur einige der Sprüche, die ich mir anhören musste. Einmal löste ich mit meiner Erzählung über diese saublöde Gynäkologin, die es nicht geschafft hatte, mir als Kind auch nur die rudimentärste Intimsphäre zuzugestehen, einen krassen Streit aus, in dem ich mir von einer Freundin maschinengewehrartig immer wieder anhören musste, was für eine hysterische Kuh ich sei, die ich fortan der Meinung gewesen bin, diese Frau sei eine schlechte Ärztin. Ob guter oder schlechter Doktor, das hinge ja nicht vom Einfühlungsvermögen ab (ähä. Doch. Auch.).

Und plötzlich war alles anders. Ich merkte, ich bin nicht allein, nie gewesen. Viele hatten ähnliches erlebt, viele favorisierten meine Erlebnisse, weil sie fanden, dass sie relevant waren. Es war wie eine nachträgliche Legitimation für die ganzen Scheißgefühle, ausgelöst durch Scheißerlebnisse, die in mir gebrodelt hatten und die ich nur sehr selten rausgelassen hatte, weil ich ja doch nicht auf Verständnis hoffen konnte.

#aufschrei war für mich die reinste Kartharsis.

Und DANN kamen die Hater und Trolle.

Ein Jahr nach #aufschrei hat es sich in gewissen Kreisen etabliert, von „#Aufschreihälsen“ etc. zu reden und dafür johlenden Beifall zu kassieren. Denn #aufschrei, wisst ihr, war männerfeindlich, und alles, was unter diesem Hashtag getwittert worden ist, war die pure Jammerei. Natürlich. Wisster Bescheid.

Für einige scheint es wirklich zu reichen, beim #aufschrei mitgemacht zu haben, um als „radikalfeministisch“ eingestuft zu werden. Was haben diese Leute bitte für eine Definition von radikal? Warum darf ich nicht erzählen, was mir passiert ist, warum muss ich die Täter schützen?

Natürlich deswegen: Weil es um Männer geht. Und weil ich von EIN PAAR Männern berichte, die im Laufe meines Lebens meine Grenzen überschritten haben, MUSS das ja heißen, dass ich allgemein Männer hasse. Selbst wenn einige Täter Frauen gewesen waren. Was dann wohl heißt, dass ich komplett alles und jeden hasse, oder so.

Mich ärgert diese Einschätzung so dermaßen – nicht nur, weil ich selbst betroffen bin. Es ist einfach nur krass selektiv und undifferenziert, denn diese Art Hater machen mehrere schwerwiegende Fehler:

1. Sehen sie den Ursprung nicht. Dieser war NICHT „Sammeln wir jetzt mal böse Storys über die bösen Männer“, sondern „Sammeln wir mal unschöne, sexistische Erlebnisse“. Wer sind die, die uns das verbieten wollen? Was haben die, die sich von „Typ X hat mich in der Straßenbahn angegrabscht“ angesprochen und beleidigt fühlen, für ein Scheißproblem? Und warum ist das MEIN Problem?

2. Darauf aufbauend: Sie sehen nur, was sie sehen wollen. Ja, dann hat halt irgendeine Tussi tatsächlich in einem Tweet Männer kollektiv unter Generalverdacht gestellt oder wirklich mal was peinlich-überempfindliches getwittert, was man auch unter den wohlwollendsten Umständen nicht als irgendeine Form des Sexismus einordnen kann. Das ist kein Beweis für die inhärente Männerfeindlichkeit oder Irrelevanz des #aufschreis, sondern Resultat unserer demokratischen Gesellschaft. Ich vergleiche das gerne mit Sozialleistungen: Diese sind, wie mir wohl jeder zustimmen wird, für Menschen, die sie brauchen, die unverschuldet in Not geraten sind, gut und richtig. Nun würde aber vermutlich nicht mal der am weitesten linke Politiker bestreiten, dass damit auch Schindluder getrieben wird, dass das Phänomen „Sozialschmarotzer“ (so sehr ich das Wort auch hasse) tatsächlich existiert, wenn auch sehr, sehr viel weniger verbreitet als vom rechten Rand gerne angenommen. Aber das finde ich okay. Anders geht es nämlich nicht. Erfinde irgendwas tolles und irgendjemand wird es missbrauchen. So war es, so ist es und so wird es auch immer sein, solange wir nicht auf Totalüberwachung umstellen. Aber so wie eine ungenannte Zahl Sozialschmarotzer nicht Sozialleistungen per se in etwas böses verwandeln, so wurde durch ein paar blöde Tweets auch nicht direkt der gesamte #aufschrei zerstört. Die Intention war nämlich eine andere.

Wer sind die, die alle Teilnehmerinnen des #aufschreis pauschal abwerten müssen, sich dann aber nicht erblöden, immer wieder individuelle Ausnahmen zu machen, statt die Sache einfach umgekehrt anzugehen, so wie es sein sollte? Was erwarten solche Leute von mir für die gönnerhafte Feststellung, MEIN Erlebnis X wäre ja tatsächlich uncool gewesen? Ne Parade oder was? Brauche ich eine solche Legitimation etwa – und dann auch noch von Typen und Tussis, die mit der gleichen lässigen Nonchalance alle anderen „Aufschreihälse“ beleidigen?
Es scheint ein großes Opfer zu sein, in Einzelfällen eingestehen zu müssen, dass Sexismus und sexualisierte Gewalt tatsächlich existiert. Und sobald dieses Opfer erbracht wurde, wird erwartet, dass man sich total lieb und sachlich mit diesen opferbereiten Personen und all ihren wunderbaren Theorien auseinander setzt. Diese Leute, die Hashtags wie #aufschrei, #schauhin, #isjairre und #nudelnmitketchup missbrauchen und das megamäßig lustig finden. Tja – nee. Dazu fällt mir eigentlich nur eines ein:

you suck

Sogar von feministischen Verschwörungen ist teils die Rede, denn diese Hashtagerfindung kann ja kein Zufall gewesen sein und überhaupt wurden die vielen zehntausend Tweets ja nur von ungefähr sieben Radikalfemis produziert und bla. Manche gehen von einer „realen“ Zahl von „echten“ Tweets aus, die mich immer wieder zum Kichern bringt, denn das hieße, ich hätte mit meinen Tweets je nach Interpretation 10-100% des #aufschreis allein abgedeckt. Hihihi und so – aber nö.

Was bleibt ein Jahr nach #aufschrei? Uns wurde ein Label gegeben, dass ich sehr gerne benutze, wenn mir mal wieder was blödes passiert. Wenn ich über so etwas schreibe, tagge ich es mit dem Hashtag, benutze ihn weiterhin bei Twitter, egal wie viele Trolle darunter bereits twittern etc.pp. Ich weiß, ich werde damit eher gefunden, ich weiß, ich werde so besser gehört. Und das gefällt mir. Denn laut sein ist gut. Auch ohne Gitarre.

Am Schluss noch ein paar Links von vor einem Jahr:
Mein Aufschrei (dort am Ende auch eine umfangreiche, aber mit Sicherheit unvollständige Liste mit weiteren #Aufschrei-Beiträgen von anderen Bloggerinnen)
Meine Antwort an Meike Lobo und ihren Anti-Aufschrei-Artikel
Der Aufschrei im Generationenkonflikt – ein Gespräch mit meiner Mutter

Und auf Kleinerdrei findet sich ein schöner „Ein Jahr danach“-Artikel, der weitere Links zu diesem Thema sammelt!

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