Wie viele Deppen braucht man, um mir auf den Sack zu gehen?

Vorgestern stellte ich auf Twitter eine Frage:

Ein paar hübsche Mutmaßungen sind da zusammen gekommen.

– Ich habe gestrippt
– Ich habe alkoholfreies Bier ausgeschenkt
– Ich habe eine Wasserflasche fallen lassen und gerufen „Scheiße, das war der letzte Schnaps“
– Ich habe Trinkgeld nicht angenommen
– Ich habe gesagt, dass ich Star Wars scheiße finde
– „irgendwas mit Feuer“
– Ich bin umgekippt
– Ich habe mich für den falschen Fußballverein ausgesprochen
– Ich habe mich positiv über Feminismus und die Antifa geäußert
– Ich habe einer betrunkenen Person Alkohol verwehrt
– Ich habe die Theke „gewhamt“ (was wohl heißt, ich habe „Last Christmas“ gespielt)
– Ich habe beim Sambuca die Kaffeebohnen vergessen und ihn nicht angezündet
– Ich habe „Verdammt! Die Sportschau fällt aus und das Bier ist alle!“ gerufen
– „irgendetwas despektierliches zu Star Wars“
– Ich habe darauf bestanden, dass Abnehmen physikalischen Gesetzmäßigkeiten unterworfen ist
– Ich habe alle Würfelbecher verbrannt, damit die Leute nicht mehr „meiern“ können

Teils sehr nette Antworten sind da darunter – und keine stimmt.

Die traurige Wahrheit, der schockierende Grund, weshalb eine ganze Theke voller Kerle mein Tun aufgeregt und gebannt verfolgte und (leider) auch fassungslos kommentierte:

ICH HABE EINE GOTTVERDAMMTE GLÜHBIRNE AUSGEWECHSELT!!!

Gut, eigentlich war es keine Glühbirne, sondern eine der kleinen Halogenlampen an der Theke. Sie brannte aus, ich wartete, bis sie abgekühlt war, nahm eine neue und wechselte sie aus.

DAS VERDAMMT NOCH MAL NORMALSTE AUF DER WELT – aber ich wurde angestarrt wie das 8. Weltwunder!

„Ey, kuck mal, was die da macht!“ rief der erste Kerl, als ich gerade den Draht entfernte, der die Lampe an Ort und Stelle hielt, woraufhin ich die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Kumpels und jeder anderen Person am Tresen genoss. Und dann, unglaublicherweise und völlig ironiefrei: „Die wechselt die Birne!!!“

Ich: sprachlos. Aber stoisch drehte ich die Birne raus, gerade als der Typ genau vor mir aufgefordert wurde, mir doch bitte mal zu helfen (was er glücklicherweise nicht tat).

Um die neue Birne einzudrehen, musste ich kurz auf die Theke klettern. Ein halbes Dutzend Männeraugen starrten mich dabei fassungslos und (leider kaum besser) mit unverhohlener Bewunderung an.

„Hast du ihr das beigebracht?“ wurde ein Stammgast an der Theke gefragt. Dann an mich: „Hat ER dir das beigebracht?“

Ich: „Nee. Dafür habe ich jahrelang studiert.“

Dann war ich fertig, die Scheißlampe brannte wieder und ich flüchtete unter den gefälligen Blicken meines Publikums.

Ohne Scheiß, Leute: WAS ZUR HÖLLE SOLL DAS. Wir reden hier von einer DÄMLICHEN GLÜHBIRNE. Für wie UNFASSBAR BLÖD wird man als Frau gehalten, wenn DAS als besonders kommentierungswürdige Leistung gilt, verdammte Scheiße!?

Und bevor irgendein höhnischer Trottel jetzt damit ankommt – ja, ich kenne den Witz:

„Wie viele Feministinnen braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?“ – „DAS IST NICHT WITZIG!!!“

Das Ding ist, dass der Witz als Witz witzig ist. In der Realität ist das aber leider gar nicht witzig, ihr sexistischen Arschlöcher!!! Das hat auch nichts mehr mit „Wohlwollen“ zu tun, wenn Frauen für so unsagbar dämlich gehalten werden, einfachste handwerkliche Handgriffe nicht allein meistern zu können!

Was soll ich mir dabei denken?! Soll ich etwa stolz sein, weil ich so etwas kann?! Mich freuen, dass man das würdigt? Mich gar für die angebotene Hilfe bedanken, wenn ich doch einfach nur meinen Job erledigen will?! WAS ZUR HÖLLE SOLL ICH MIT SOWAS ANFANGEN?!

Und es ist ja nicht so, als wäre das ein Einzelfall. Ich wurde schon mit Komplimenten überschüttet, nur weil ich den Feuerstein meines Zippos selber wechseln kann. Dafür muss man nur ein Schräubchen aufdrehen. Das geht mit dem FINGERNAGEL.

Einen Tag später habe ich übrigens auf der Arbeit das übergelaufene Klo entstopft und musste zwei ganze Eimer voll Wasser vom Boden wischen. Eine klempnernde Frau, man stelle es sich vor!! Wobei, streicht den letzten Teil. Das ist ja putzen – DAS kann ich natürlich, so als Frau!

Wisst ihr, als ich diesen Blog vor Jahren startete, zog ich um und schrieb darüber. Damals renovierte ich auch ein bisschen mein Zimmer und dachte darüber nach, auch darüber zu bloggen. Die Idee verwarf ich schließlich, weil ich es für zu uninteressant hielt.

Inzwischen ist mir klar, dass das nicht stimmt. Eine Frau, die selber ein paar überflüssige Schrauben aus der Wand holt und streicht – ich wäre schlagartig berühmt geworden!!!

Wenn du den Schmerz ein wenig lindern willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee. Nur brauche ich in diesem Fall Schnaps, aber das ist hoffentlich auch ok.

Diese niedlichen Erstis

Ersti-Kneipentour, Die:
[1] Jährlich zu Semesteranfang wiederkehrendes Event organisiert von den unterschiedlichen Fachschaften der ortsansässigen Hochschulen für die neuen Erstsemester-Studenten mit dem hehren Ziel, diese mit ihren neuen Kommilitonen und dem urbanen Nachtleben des Studienortes bekannt zu machen.
[2] Euphemismus für mehrere Wochen Hölle, während denen sich freundliche, hart arbeitende Kellnerinnen herum schlagen müssen mit überfüllten Kneipen, inkompetenten Organisatoren und frechen Rotzgören, die in einer besseren Welt als dieser niemals ihr Abi bekommen hätten.


 


 

2013:

Typ: “Da hinten das ist unser Tutor.”
Ich: “Ah, okay.”
Typ: “Wissen Sie, was das heißt?”
Ich: “Hä?”
Typ: “Also, Sie studieren auch, oder? Dann können Sie mit den Begriffen was anfangen?”
WATT???
Ich: “Äh… JA. Und Kommilitonen siezt man nicht, die 50er sind vorbei!”

 


 

Ich: “Kriegt ihr” – drei Erstis – “noch was?”
ErstiTyp: “Ja, mir noch nen Rotwein.”
ErstiTussi1: “Ich nehm nen Weißwein!”
Ich: “Sekunde. Welchen Rotwein, Bordeaux oder Merlot?”
ErstiTyp: “Äääh, den trockenen.”
Ich: “Die sind beide trocken.”
ErstiTyp: “Äh….”
ErstiTussi1: “Ich nehm den Weißwein!”
Ich: “Einen Moment, bitte.”
ErstiTussi1: “Und ein Bier!”
Ich: “Äh, welchen Weißwein, lieblich oder trocken?”
ErstiTussi1: “Oh!”
ErstiTyp: “Den Merlot!”
Ich: “Okay *notier*”
ErstiTussi1: “Den lieblichen!”
ErstiTyp: “Für mich auch noch ein großes Bier!”
Ich: “Moment, Moment…”
ErstiTussi2: “Ich krieg auch ein Bier, aber klein!”
Ich: “Moment!”
ErstiTussi1: “Nee, ich hab dir doch grad eins mitbestellt!”
ErstiTyp: “Nee, für mich doch lieber auch klein! Oder groß?”
ErstiTussi1: “Jedenfalls ein Weißwein und ein Bier!”
Ich: “So, jetzt bitte mal einer nach dem anderen! Also, für dich…?”
ErstiTyp: “Den Merlot und ein Bier.”
Ich: “Das Bier jetzt groß oder klein?”
ErstiTussi1: “Also mir ein…”
Ich: “Pscht!”
ErstiTyp: “Äh…”
ErstiTussi1: “Für mich…”
Ich: “Pscht!”
ErstiTyp: “Klein!”
Ich: “Okay, JETZT du?”
ErstiTussi1: “Den lieblichen Weißwein und ein kleines Bier!”
Ich: “Okay…”
ErstiTussi2: “Mir ein kleines Bier!”
Ich: “Ähm, war das jetzt das, was sie dir mitbestellt hat?”
ErstiTussi2: “Äh…”
ErstiTussi1: “Ich wollte…”
Ich: “PSCHT!!!”
Und beim Bezahlen lief es genauso ab.


Ich, strahlend mit einem Tablett Frei-Shots ankommend: “Die gehen aufs Haus, herzlich Willkommen in…”
Typ *grapscht nach einem Shot*
Ich: “Äh, Gemach, lass mich doch mal abstellen.”
Typ1 *zieht die Hand zurück*
Typ2 *schnappt sich blitzschnell einen Shot, kippt ihn dabei halb um*
Ich (mit zusammenfallendem Enthusiasmus): “Ähm, das gilt auch für dich.”
Typ2: “Nee, für mich gilt das nicht!” *debiles Gelächter*


Typ: “Bei euch bezahlen die Tutoren nix, gell?”
Ich: “Ja.”
Typ: “Oh, okay, dann ZWEI Bier für mich!”


2014

Ich: “Was darf es für euch sein?”
ErstiTussi: “Also mir nur ein Wasser, aber mit Strohhalm, damit es so aussieht als hätte ich einen Cock-tääähl.”
Ich: *um Fassung ring*


Eine Gruppe mit 30 Erstis schlägt auf. Ich fange an einem Kopfende an und arbeite mich quälend langsam zum anderen vor.
Dort angekommen:
Ich: “Was kann ich euch bringen?”
Erstityp: “Äh…!” *karte in zeitlupe aufnehm*
Ich: *wart*
Erstityp: “Äh…!” *in karte starr*
Ich: *wart*
Erstityp: “Äh…!” *noch ein bisschen weiter starr*
Ich: “Okay, für euch?!”
Restliche Leute: *bestell* *bestell* *bestell*
Ich: “So, und für dich?”
Erstityp: “Äh… ein Kölsch! Aber klein!!”
Ich: “Alles klar…” *knirsch*
Erstityp: *erhebt den zeigefinger* “Aber bloß nicht abgestanden! Gestern waren wir in einer Kneipe, da war das Kölsch doch tatsächlich abgestanden!”
Ich: “Oh nein, keine Sorge. Gott bewahre, dass bei dreißig Getränken, die ich gleichzeitig machen muss, das Kölsch abgestanden wäre.”
Erstityp: “Ja, ganz genau.”
Ich: Kill… me…!


Ich: “Was darf’s für euch sein?”
Erstitussi: “Ein Cola-Asbach.”
Ich (beim Schreiben murmelnd): “Ein Asbach-Cola…”
Erstitussi (gereizt): “Nein, ein Cola-Asbach!”
Ich: *nur dumm kuck*

Kurz darauf, ich bringe die Getränke:
Ich: “…und hier war das Asbach-Cola…”
Erstitussi: “COLA – ASBACH!!!”
Ich: O.O
Alle Umsitzenden: O.O
Erstitussi: “Sorry. Aber so heißt das bei uns.”
Ich: “Ah. Ja.” *headshot*


Erstitussi: “Ne Weißweinschorle, bitte.”
Ich: “Lieblich?”
Erstitussi: “Oh! Was gibt’s denn noch?”
Ich: “…”


Ich: „Hey, soll ich bei euch schon mal abkassieren? Ihr müsst ja laut Plan gleich weiter…“
Tutor: „Pfft, das ist mir doch egal.“
Ich: o.O


2015

Gruppe von 30 Leuten schlägt auf und verteilt sich sofort über die gesamte Kneipe.
Ich: „Äh, sorry, Fachschaft VWL? Für euch haben wir hier die Tische reserviert.“
Erstitussi: „Aha.“ *bleibt sitzen*
Ich: „Ähm, sorry, würdet ihr euch dann vielleicht dort hin setzen?“
Erstitussi: „Och, warum denn?“
Ich: „Äääääh… DORT haben wir für euch reserviert. Überhaupt… ist es einfacher für uns, wenn eure Gruppe zusammen sitzt…“
Erstitussi: „Hier finden wir es aber schöner!“
Ich: „Ääääh… sorry, das ist mir eigentlich egal, DORT HINTEN IST FÜR EURE GRUPPE RESERVIERT…“
Erstitussi: Bleibt sitzen. Zusammen mit ihren dämlichen Freundinnen.
Ich: Abgang. Fassungslos.


Neue Gruppe will bestellen.
Ich (zu Erstitussi): „Verzeihung, dieses Glas Wein, das du von draußen mitgebracht hast, müsstest du bitte wegstellen.“
Erstitussi (mit lässig-gebieterischer Handbewegung): „Ach ja, das dürfen Sie abräumen.“
Ihre Nebenfrau erstarrt. Der Rest des Tisches erstarrt. Nach einer kurzen peinlichen Pause erstarrt auch die Tussi.
Ich: „Oh, darf ich das. Wie gütig.“


Erstitussi (an der Theke): „Sorryyy, kann man sich Musik wünschen?“
Ich: „Hm, was denn?“
Erstitussi: „Hiphop!“
Ich: „Nee, das haben wir nicht. Sorry.“
Erstitussi: „Nur mal kurz! Das hier ist so schrecklich!“
Ich: „Wie gesagt, wir haben kein Hiphop. Wir sind eine Rockkneipe.“
Erstitussi: „Boah, OKAY…“

Sie stöckelt zurück zum Tisch. Ich höre:
Erstityp: „Und?“
Erstitussi: „Will die nicht spielen. TOTALE IGNORANZ!!!“
Ich: *mich selbst am Hemdkragen zurück halt*


Tutor kommt zur Theke: „Entschuldigung, kriegen wir noch Freischnäpse? Es sind ein paar noch nachgekommen.“
Ich: „Sorry, aber meinst du nicht, das reicht jetzt? Ihr seid jetzt schon bei 39 Schnäpsen!“
Tutor: „Ja, wir sind ja auch so viele Leute!“
Ich: „Komischerweise seid ihr aber laut Bestellungen nur…“ Ich schaue nach. „ZWÖLF. ZWÖLF Leute.“
Tutor: „Ja gut, dann halt nicht. Merken wir uns für nächstes Jahr!“
Ich: „…“



Sind sie nicht niedlich?

Nein, sie sind nicht niedlich.

Wenn du den Schmerz ein wenig lindern willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee. Nur brauche ich in diesem Fall Schnaps, aber das ist hoffentlich auch ok.

7 nett gemeinte Dinge, die jede Kellnerin hasst

Schon lange nichts mehr aus der schillernden Nachtwelt der Kellnerei… das ist doch kein Zustand.

Heute geht es um ein ganz heikles Thema, denn Menschen reagieren immer sehr sauer, wenn sie helfen wollen und man ihre Hilfe ablehnt… oder sogar schlechtheißt. Allerdings ist „gut gemeint“ ja nicht „gut gemacht“ und „nett“ ist der kleine Bruder von „scheiße“, weshalb es leider einiges gibt, was man als Gast in Kneipen, Bars und Wirtshäusern falsch machen kann, obwohl man eigentlich nur behilflich sein will.
In solchen Fällen ist es als Kellnerin leider ganz schwer, die Contenance zu bewahren, denn einerseits möchte man freundliche Gäste nicht anschnauzen, andererseits steckt hinter dieser „Hilfe“ oft eine so riesige Portion himmelsschreiender Blödheit, dass man den Gästen gerne „Denk doch mal nach, du besoffener Vollhorst!!!“ ins Gesicht brüllen würde. Und wenn man das dann nicht KANN, weil man WEISS, dass sie es ja nur nett meinen… urgh.

Wenn ihr also die besten Gäste überhaupt sein wollt, vermeidet ganz einfach diese folgenden 7 nett gemeinten Dinge, die jede Kellnerin hasst!

1. „Ich bring dir das grad hoch!“

Da steht man hinter der Theke und ahnt nichts böses, als sich plötzlich am Rande des Gesichtsfeldes eine bedrohliche Bewegung abspielt. Gast hinter der Theke! GEFAHR!!
Nennt es Überdramatisierung. Aber wenn man nachts allein in einer Bar steht, dann gibt es gewisse Regeln, die für alle Gäste zu gelten haben. Und eine davon ist: GÄSTE HABEN HINTER DER THEKE NICHTS ZU SUCHEN.
Warum? Pragmatische Gründe. Und normalerweise WISSEN Gäste, dass dieser Bereich heilig und allein den Angestellten vorbehalten ist. Immerhin steht da der Alkohol und die Kasse – klar, dass man sich da fernzuhalten hat.
Aber naja, einfach schon mal die Gläser vom Tisch einsammeln und schnell hinter die Theke huschen zum Abstellen… wer könnte da etwas dagegen haben? Ist doch voll nett!
Nope. Grade, WEIL Gäste normalerweise NICHT von selbst hinter die Theke gehen, hat die Erfahrung gezeigt, dass nur megabesoffene und/oder potentiell gewaltbereite Gäste diese Regel brechen, also keine Personen, die man zu nah an den Alkohol, die Kasse oder sich selbst herankommen lassen möchte – was einen akuten Adrenalinflash zur Folge hat, wenn plötzlich so eine Gestalt hinter einem steht. Ob die dabei freundlich lächelt und die Hände voller Gläser hat, spielt dabei leider keine Rolle.
Gut, meistens sind Intermezzi dieser Art schneller vorbei, als man „Weg hinter meiner Theke!“ rufen kann, weshalb es nicht sooo tragisch ist. Aber unerwartete Schocks dieser Art nerven trotzdem. Darum: Wenn ihr unbedingt helfen wollt, stellt die Gläser AUF der Theke ab – oder einfach auf eurem Tisch so, dass man auch rankommt!

2. *Pling*

So scheppert es, ehe man reagieren kann. Grade war man noch leicht angesäuert, weil die zahlenden Gäste kein Trinkgeld gegeben haben, da purzeln auch schon ein paar Münzen in die offene Kellnerbörse. Hebt man den Kopf, blickt man in ein paar strahlende Gesichter, in denen der Stolz die Wangen rosig färbt. Denn: SIE geben das Trinkgeld NACH dem Abkassieren, weil es auf die Weise weniger zu rechnen ist – und schmeißen es gleich in die Kasse rein, damit die Kellnerin nicht mal die Hand aufhalten muss!
Hach, Leute. Sicher gut gemeint und so. Aber es gibt nur sehr wenige Kneipen, in denen das Trinkgeld aus dem Betrag besteht, der übrig bleibt, wenn man die Kasse gezählt hat. Weil kaum eine Kneipe wirklich alle Getränke in die Kasse boniert oder aufschreibt – je ranziger, desto unwahrscheinlicher. Also nehmen die Kellnerinnen das Trinkgeld raus, wenn sie es bekommen und bewahren es separat auf. Was jedoch heißt: Alles, was in der Kasse landet, bleibt auch dort – und damit beim Chef.
Widersteht also dem Dagobert-Duck-haftigen Drang, Münzen klimpern zu lassen, und gebt uns das Trinkgeld direkt in die Flosse. Das erspart uns die grobe Peinlichkeit, nachfragen zu müssen, was wir wirklich hassen!

3. „Und noch einen Schnaps für dich!“

Heikler Punkt. Ich möchte auf gar keinen Fall den Eindruck erwecken, Kellnerinnen fänden es IMMER scheiße, wenn Gäste einen ausgeben. Im Gegenteil – möchte ich nach meiner Schicht noch weiter ziehen, ist das eine nette Gelegenheit, schon mal etwas vorzutanken, ohne den Schankverlust meines Chefs in astronomische Höhen zu treiben. (Die Alternative – das, was man trinkt, auch zu bezahlen – kommt natürlich gar nicht in Frage.)
ABER. Leider scheint Gästen nicht klar zu sein, wie oft so etwas passiert, zumal viele mit EINER Schnapsrunde mit der Kellnerin absolut nicht zufrieden zu stellen sind. Da Alkohol jedoch die Arbeitsleistung eklatant verschlechtert, was vielen Besoffenen scheinbar nicht bekannt ist, kann man schlicht und ergreifend nicht jedes Getränkeangebot annehmen.
Und, noch wichtiger: Man WILL es auch nicht. Natürlich machen ein, zwei Schnaps nicht besoffen. Aber nur, weil ich gerne einen trinken gehe, heißt das nicht, dass ich diesen Scheiß, der mir zudem überhaupt nicht schmeckt, in mich reinschütten muss, nur um Gästen einen Gefallen zu tun, weil sie das Angebot ja nur nett gemeint haben. Es ist nämlich immer noch MEIN Körper, den ich schädige, wann ICH es will. Und sowieso ist halbbesoffen weggeschmissenes Geld, auch wenn es nicht mein eigenes ist.
Also? Gerne könnt ihr fragen, ob die diensthabende Thekenkraft mit euch einen trinken will. Aber wenn sie „nein“ sagt, hört auch wieder damit auf – und seid dann verdammt noch mal nicht beleidigt!

4. „Lass mich das machen!“

Irgendwann im Laufe der Schicht kommt die lästige Aufgabe, das Leergut wegbringen zu müssen. Arbeitet man nun in einer Kneipe, in der dazu ein Gang durch den Gastraum nötig ist, kann man hundertprozentig sicher sein, dass mindestens ein Gast in den Weg springt und seine Hilfe anbietet.
Nett. Sicher. Aber falls ihr auch zu diesen Exemplaren gehört und gar nicht verstehen könnt, warum das so schlimm sein soll, beantwortet mir bitte eine Frage: Wenn dabei was schiefgeht und eine Flasche zu Bruch geht, welcher Depp muss dann wohl die Scherben aufkehren?
Na? Na??? Da habt ihr’s. Tatsächlich ist das keine Panikmache, wenn man viele verschiedene Flaschen in vielen verschiedenen Größen in eine Kiste quetscht. Dass da mal was durchrutscht, ist praktisch unvermeidlich, aber wesentlich unwahrscheinlicher, wenn jemand diese Kiste trägt, der das schon mal gemacht hat. Andererseits ist es leider absolut nicht hilfreich, sich einer Person in den Weg zu stellen, die diese wackelige Angelegenheit wegbringen will, bevor etwas passiert, oder gar schon an der Kiste zu zerren, ehe sie auf das freundliche Angebot überhaupt antworten konnte.
Natürlich gibt es sicher auch Kellnerinnen, die diese Form der Ritterlichkeit zu würdigen wissen. Bei allen anderen gilt jedoch das selbe wie bei den Freischnäpsen: EINMAL FRAGEN REICHT. Und da ich zwar als Kellnerin durchaus dafür Sorge tragen soll, dass Gäste sich wohlfühlen, aber nicht auf der Welt bin, um mich darum zu kümmern, dass fremde Männer sich wie Helden vorkommen, weil sie für mich eine unfassbar leichte Kiste mit leeren Flaschen wegbringen, sehe ich es auch nicht ein, diese Arbeit abzugeben, nur um jemanden einen Gefallen zu tun – zumal die möglichen Scherben dann wieder ganz allein meine Angelegenheit sind, denn beim Putzen hilft natürlich keiner.

5. „Lass mich dich heimbringen!“

Das letzte Bier ist gezapft, der Schankraum leer, nur noch ein Gast sitzt an der Theke. Alles ist bereit für den Feierabend, wäre da nicht ein Problem: penetrante Überfürsorglichkeit.
Auch das bitte nicht falsch verstehen. Ich bin vollkommen davon überzeugt, dass die meisten Angebote, mich sicher nach Hause zu geleiten, wirklich galanter Hilfsbereitschaft entspringen statt irgendwelchen Hintergedanken. Und trotzdem nehme ich sowas nicht an. Denn erstens bin ich jahrelang allein heim gegangen und lebe immer noch. Und zweitens sehe ich absolut nicht, warum es gefährlicher sein sollte, allein heim zu gehen, als mich von jemanden heimbringen zu lassen, den ich nicht kenne.
Denn ja, solche Angebote kommen nur von ganz neuen Gästen, die man genau an diesem Abend kennen gelernt hat. Sie waren nett, haben sich mit uns unterhalten, gaben ein gutes Trinkgeld. Aber vertraue ich ihnen deswegen? Nope.
Aus der Sicht des Gastes, der nur redliche Ziele hat, ist das natürlich eine krasse Beleidigung. Aber auch darauf kann man schlicht und ergreifend keine Rücksicht nehmen. Und einfach hartnäckig weiter darauf zu bestehen, mich heim bringen zu dürfen, obwohl ich das schon abgelehnt habe, ist nicht gerade dazu angetan, mich von der Harmlosigkeit der betreffenden Person zu überzeugen.

6. „Ich nehm schon mal…“

Ein Tablett zu tragen, voll mit befüllten Gläsern, davon viele hoch und schwer, ist ein heikler Balanceakt. Das sollte eigentlich jedem einleuchten. Darum leuchtet es mir absolut NICHT ein, warum Gäste darauf rumgrabschen müssen!
Ganz ehrlich, Leute: Finger weg!!! Was glaubt ihr, was passiert, wenn ihr mal eben so eurer bestelltes, pfundschweres Weißbier von einem vollbepackten Tablett nehmt, das mit einer Hand balanciert wird?! Und warum sind erwachsene Menschen so ungeduldig, dass sie der Kellnerin unbedingt beim Verteilen der Bestellung „helfen“ müssen, obwohl sie damit höchstens den Inhalt der Gläser über der Kellnerin verteilen?!
LASST ES. Es ist nicht nett, es ist nicht hilfreich. Es ist nur scheißgefährlich! Denn wenn man diese ruckartige Unbalance nicht reflexartig ausgleichen kann, hat man nicht nur viel zu wischen und ist sehr nass, sondern muss auch die tödlichen Blicke des Chefs ertragen, der solche Missgeschicke natürlich nicht in Rechnung stellt, aber halt auch nicht besonders begeistert davon ist.
Daher: Nehmt gerne eure Gläser vom Tablett, aber erst, wenn es sicher auf dem Tisch steht!

7. „Das macht…“

Ihr arbeitet seit Stunden ohne richtige Pause. Viele Leute grölen durcheinander, die Musik ist laut. Euch ist ein bisschen duselig, weil ihr euch ein paar Schnäpse habt aufdrängen lassen. Es ist mitten in der Nacht, aber der Feierabend noch lange nicht in Sicht. Wobei, EINE Gruppe will jetzt endlich bezahlen, also schnell die Rechnung aus der Kasse nehmen und hin, oje, viele verschiedene Getränke und alle wollen getrennt bezahlen, Moment, der eine Typ will als erster, drei Bier, vier Schnaps, zwei Longsdrinks, äh…
„Das macht soundsoviel Euro!“
Danke, Alter. NICHT hilfreich. Darüber hinaus Nervfaktor Unendlich bei Gästen und eine ach so nette Geste, die Kellnerinnen im ganzen Land abgrundtief hassen.
Glaubt jemand ernsthaft, ich könnte mich einfach so drauf verlassen, was ihr mir da jetzt vorgerechnet habt? Natürlich nicht. Menschen sind böse. Warum sollte ich bei völlig unbekannten Gästen also darauf vertrauen, dass sie mir den richtigen Betrag nennen? Und selbst, wenn diese Gäste total redlich sind: Menschen sind außerdem ziemlich doof. Viele brauchen keine laute Musik, Alkohol oder Stress, um sich schlicht und ergreifend zu verrechnen.
So oder so: Ich muss den Scheiß selber ausrechnen. Da ist es nicht gerade förderlich, mich dabei immer und immer und IMMER UND IMMER UND IMMER wieder zu unterbrechen, weil ihr schon auf die Lösung gekommen seid oder – ganz hilfreich, natürlich! – zum achtzigsten Mal aufzuzählen, was ihr alles getrunken habt!
Lasst uns Zeit zum Rechnen und haltet dabei bitte einfach die Schnauze. Das ist das netteste, was ihr tun könnt, ohne euch dabei anstrengen zu müssen!

Mit welchen hilfreichen Handgriffen machen euch in eurem Beruf Gäste, Kunden, Patienten, Klienten etc. das Leben schwerer als nötig?

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Ich trinke zwar keinen Kaffee, aber das muss ja niemand wissen.

Auf der falschen Seite der Theke – ein WM-Finale als Kellnerin

„Du hast noch ne Reservierung für zehn Leute auf Tisch 4 für 20 Uhr,“ teilt mir mein Chef gut gelaunt mit. Ich bestätige die Reservierung, lege auf und starre aus dem Fenster in den Regen.

Klar muss es heute regnen! Damit das Public Viewing auch schön ins Wasser fällt. Für mich als Kellnerin bedeutet das leider, dass viel mehr Menschen in die Kneipen strömen werden, um sich das WM-Finale anzusehen. Einfach zuhause bleiben ist bei einem solchen Spiel für die meisten keine Option.

Mein Chef hat einen Bierstand beim Public Viewing ergattert und sämtliche Kolleginnen dort eingeteilt. Einzige verfügbare Kellnerin für die Kneipe: ich. Alleine.

Diesem Schicksal konnte ich nicht entgehen – so sehr es mich auch ankotzt. Viel lieber wäre ich heute auf der anderen Seite der Theke, um unser Team zu feiern. Je näher die Öffnung der Kneipe jedoch rückt, desto mehr freunde ich mich mit dem Gedanken an. Wenn meine Kinder mich in 20 Jahren fragen, wo ich beim Finale 2014 gewesen sei, kann ich sagen, dass ich hinter der Theke gestanden und den Laden geschmissen habe. Eigentlich ist das doch irgendwie cool.

So halbwegs versöhnt mache ich mich ein paar Stunden später auf den Weg zu meiner Arbeitsstelle. Schon von weitem sehe ich eine Traube Menschen, die aufgeregt vor der Kneipe warten.
Und sämtliche positiven Gefühle fallen in mir zusammen.

„7 Uhr macht ihr auf, oder?!“ werde ich sofort aufgeregt bestürmt. „Wir haben reserviert!“
Ich kenne den Typen: ein Stammgast, der oft bei Fußballspielen anwesend ist. Ich starre ihn perplex an. „Ja – für um halb 9!“
„Dein Chef hat uns gesagt, ihr macht um 7 auf und da dachten wir…!“

Ich antworte nicht. Noch nicht mal den Laden aufgesperrt und schon bin ich richtig sauer! Wie kann der mir das antun?! Wenn er den Gästen sagt, dass wir um 7 aufmachen, dann soll er doch bitte MIR sagen, dass ich schon um halb 7 kommen soll!

Ich öffne und betrete den Laden, hinter mir eine kleine Karawane. Es ist dunkel, nur das Notlicht brennt, aber das stört die Leute nicht. Eilig mache ich das Licht an.
„Wir stören jetzt irgendwie, ne?“ fragt einer. Ungeachtet dessen sitzt die Hälfte schon.
„Nee, aber ich brauch grad fünf Minuten, sorry!“

In fliegender Hast erledige ich alle nötigen Handgriffe, Kaffeemaschine an, den Stickstoff für die Zapfanlage aufdrehen, Stereoanlage an, Spülmaschine auch. Deren Anblick macht mich noch mehr sauer – die braucht nämlich eine halbe Stunde, bis sie auf Temperatur ist. Was scheiße ist, denn ich werde sie dringend brauchen! Und die Gläser von gestern Abend hat der Chef auch stehen lassen. Meine Fresse!

Im Abstellraum liegen ein paar Original-WM-Trikots. Die bekamen wir von einer Brauerei zum Verlosen. Eins davon packe ich aus und ziehe es an. Männergröße XL, viel zu groß für mich, außerdem wird es darin sicher megaheiß werden, aber es nicht zu tragen geht gar nicht klar, ein bisschen WM-Feeling will ich selbst auch noch haben. Ich kremple die Ärmel hoch und stopfe eine Ecke hinter meinen Gürtel. So wird’s gehen.

Jetzt das Wichtigste: die blöden Fernseher. Zwei Stück haben wir, dazu noch einen Beamer, insgesamt fünf Fernbedienungen. Ich fummle so lange rum, bis ich das richtige Sky-Programm gefunden habe. Der Chef hat mir nie erklärt, wie das geht.

Endlich fertig, die Leute werden schon ungeduldig. Ich renne zum ersten Tisch, verscheuche dabei gleichzeitig noch ein paar Typen von Tisch 4, weil der ja reserviert ist, aber ich hatte ja keine Zeit ein Schild hinzustellen.
Am Tisch nehme ich die Bestellung auf. „Malzbier“ „Erstmal Cola“ „Weißbier“ „KiBa“ „Alt“ „Flaschenbier“ „Radler mit viel Sprite“ – mein Gott, können die nicht einfach alle Pils trinken?

Wenigstens enttäuschen mich die anderen Typen nicht, die einen neuen Platz gefunden haben. „Ein Pils“ – vier Männer, ein Wort! So kann ich unseren 5-Liter-Biertower anpreisen, dann wären die schon mal versorgt. Sie wollen drüber nachdenken.

Während ich die Getränke fertig mache, tauchen noch fünf Leute für den reservierten Tisch auf. Von wegen halb 9. Die wollen natürlich auch was trinken. Auch das bringe ich sofort. Ich nutze die Gelegenheit, mich für meinen etwas ruppigen Ton vor der Tür zu entschuldigen. „Aber ich bin heute alleine und mein Chef hätte…“ „Du bist heute ALLEINE?!“

Ich ernte erstes Mitleid.

Es kommen mehr Leute. Trotz „Reserviert“-Schildchen muss ich den letzten Tisch ständig verteidigen. Viele Leute gehen auch wieder, weil sie keinen Platz finden. An der Theke sitzen jetzt auch schon zwei, ein wortkarger Stammgast und ein Typ mittleren Alters, der sich sofort beschwert, es würde kleben. Ich renne mit Reinigungsmittel und einem Tuch hin, kann aber absolut nichts klebriges entdecken. Der Typ bläst die Backen.

Anruf, mein Mitbewohner. Er will wissen, ob für ihn, Mitbewohner zwei und einen weiteren Typen noch Platz ist. Ich biete ihnen die Theke an, sie sind einverstanden. Schnell stelle ich auch dort ein „Reserviert“-Schildchen hin. Mein Chef würde ausflippen, wenn er das sieht – an SEINER Theke dürfen immerhin nur SEINE Stammgäste sitzen. Aber die sind nicht da, gucken heute woanders und solange ich arbeite (alleine!!) bestimme ich, wer wo sitzen darf.

Auch diese Reservierung muss ich öfter verteidigen. Es ist inzwischen 20 Uhr, die ersten 100 Euro hab ich bereits verdient. Der zweite reservierte Tisch im Schankraum taucht pünktlich auf, alle anderen Tische sind nun ebenfalls proppenvoll, jeder einzelne Sitzplatz ist inzwischen belegt. Ich schwitze bereits heftig unter meinem Trikot, renne aber weiter tapfer gegen den Ansturm an.

Die Pilstrinker haben ihre erste Runde leer. „Wie ist das denn mit dem Biertower – kriegen wir den zur Feier des Tages ein bisschen billiger?“
Ich öffne den Mund und will anfangen zu diskutieren, aber dann seufze ich einfach nur „Ach, warum nicht…“ Je mehr Leute kommen, umso angepisster bin ich wegen der Situation. Wenn mein Chef nicht will, dass ich Nachlass gebe, soll er mich nicht allein da stehen lassen!

Anruf, wieder mein Mitbewohner. Es werden jetzt doch ein paar mehr Leute. Ich sage ihm, dass dann vermutlich einige stehen müssen, aber das ist ihm egal. Außerdem bitte ich ihn dringend, sich zu beeilen, denn ewig werde ich die Theke nicht mehr frei halten können.

Sie tauchen gerade noch rechtzeitig auf. Zwölf Leute. „Mann, tust du mir leid!“ ist so ziemlich das erste, was mein Mitbewohner sagt. Der andere, den ich genau hier hinter dieser Theke kennen gelernt habe – ein ehemaliger Kollege – murmelt mit Blick in den Schankraum einfach nur „Oh Mann…“

Höchste Zeit, unsere beschissene Verlosung vorzubereiten. Nach dem Anpfiff gilt es ja nicht mehr. In fliegender Hast beschrifte ich ca. 50 Lose und verteile sie. Die Leute müssen das Ergebnis tippen und wer richtig liegt, bekommt einen Preis. Eigentlich sind noch genug da, weil bisher kaum jemand richtig getippt hat, aber mein Chef will trotzdem nur ein Trikot rausrücken. Er meinte, wenn ich mehrere Gewinner habe, soll ich losen. Klar, ER hat ja auch nicht den Stress am Hals, wenn einer richtig getippt hat und erfährt, dass er nun doch nichts kriegt…! Ich versuche trotzdem, allen Anwesenden die Spielregeln so gut es geht zu erklären.

Unser Putzmann taucht mit einem Kumpel auf. Sie bestellen jeder ein Bier und wirken beleidigt, weil die Theke belegt ist. Ich jedoch bin unglaublich froh. Dieser Kumpel ist mir schon mehrmals bei anderen Fußballspielen mit Naziparolen aufgefallen, aber weil er ein riesiger Kerl ist und im besoffenen Zustand unglaublich aggressiv, hat mein Chef sich nie getraut, ihn deswegen rauszuschmeißen. ICH könnte das allerdings nicht einfach so hinnehmen, weshalb ich erleichtert bin, dass beide ihr Bier runterstürzen und wieder gehen.

Das tun auch viele andere Leute, die sehen, dass der Laden voll ist. Heute könnte die Kneipe locker dreimal so groß sein.

Ein paar Leute wollen Pizza bestellen vom Italiener nebenan. Ich sage, dass der heute zu hat. Ich habe keine Ahnung, ob der heute zu hat. Ich kann aber nicht auch noch Pizza servieren.

Ich habe ungefähr fünf Sekunden Luft, Zeit, endlich mal was zu trinken. Ich bin am Verdursten. Im Laden sind locker 28 Grad. „Was ist denn da-has?“ fragt eine Bekannte meiner Mitbewohner mit feixenden Blick auf mein Glas. „Tee!“ blaffe ich. Es ist wirklich kalter Tee mit Eiswürfeln. Grün, weil ich das Koffein dringend brauche.

Der Anpfiff nähert sich. Die Leute vom reservierten Tisch grölen irgendwelche Fußballlieder. Schon seit einer Stunde werde ich ständig von denen angehauen, ich solle lauter drehen. Mehrmals habe ich dieser Bitte schon entsprochen, es reicht immer noch nicht. Als die Mannschaften einlaufen, brüllt der halbe Tisch gleichzeitig „LAUTER!!!“

„Es wäre laut genug, wenn ihr einfach eure Schnauze halten würdet“, zische ich bei meiner Rückkehr hinter die Theke. Ich habe genug. Ich reiße den Lautstärke-Knopf nach oben, der Krach ist nun infernalisch. Dafür kriege ich stehenden Applaus.

Ich muss feststellen, dass ich nun, da es so laut ist, die Bestellungen nicht mehr hören kann. In mir drin stirbt etwas. Heimlich drehe ich wieder ein bisschen leiser, keiner merkt es.

Nationalhymne. Die eine Hälfte der Gäste singt mit, die andere Hälfte schürzt angewidert die Lippen. Ladies and Gentlemen: Deutschland.

Ich bitte meinen Mitbewohner, einen Kasten Weißbier holen zu gehen. Er weiß ja, wo alles ist. Er erledigt das schnell. Dann räumt er noch die Spülmaschine aus, weil sich die dreckigen Gläser inzwischen stapeln, und räumt sie wieder ein. Bevor er vor die Theke zurück kehrt, umarme ich ihn stürmisch. Der Stammgast an der Theke lacht.

„Sag mal, bist du alleine?!“ fragt mich eine Frau im Schankraum. Ich nicke, sie schüttelt fassungslos den Kopf.

Das Spiel läuft schon seit einer Viertelstunde, noch habe ich kein Fitzelchen davon gesehen. Hinter der Theke sehe ich den Fernseher nicht. Die Leute bestellen nun etwas weniger, wie immer, wenn ein Fußballspiel läuft. „Noch eine komplette Runde drehen, dann guck ich selber mal 10 Minuten,“ nehme ich mir vor. Die Runde dauert ebenfalls eine Viertelstunde. Eigentlich könnte ich danach direkt wieder von vorne anfangen, aber ich beschließe, mir jetzt mal eine Pause zu gönnen. Mit einer Zigarette stelle ich mich zu meinen Mitbewohnern an die Theke. 10 Minuten hatte ich mir vorgenommen. Nach knapp vier Minuten ist meine Zigarette aufgeraucht und mein schlechtes Gewissen immens. Also wieder zurück.

Trotz der Hilfe meines Mitbewohners werden die Biergläser knapp. Wenn ein Tisch so voll ist, wie heute alle Tische voll sind, komme ich nicht an die benutzten Gläser ran. Die meisten Gäste denken auch nie daran, sie vielleicht mal dort hinzustellen, wo ich sie auch erreichen kann.

Ich überlege noch, wie ich das Problem lösen soll, als die Kopfschüttel-Frau zu mir kommt. „Sag mal, würde es dir helfen, wenn wir dir ein paar Gläser einsammeln?“
Die Rettung! Sie und ihre Freunde bringen alle ihre gebunkerten und unerreichbaren Gläser, ein paar andere tun es ihnen gleich.

Halbzeit. Ein allgemeiner Strom Richtung Klo setzt ein. Endlich Lücken, durch die ich passe und Gläser einsammeln kann. Die vier Pilstrinker bestellen ihren zweiten 5-Liter-Biertower.

Ich arbeite nun schon drei Stunden unter Volldampf und fange an, Fehler zu machen. Drei Weißbier und ein Weißbier mit Cola sind bestellt, ich mache ein Weißbier und drei Weißbier mit Cola. „Scheißeee,“ murmle ich, was jetzt? Ein Liter Bier einfach wegkippen?
Ich bringe den Leuten das Ergebnis trotzdem, zwei kriegen ihr Bier halt mit Cola, keiner beschwert sich.

Wir sind bereits in der 60. Minute. Ich habe immer noch nichts mitgekriegt, glaube aber ständig, was zu verpassen. Bei jedem noch so kleinen Run Richtung Tor schreit die Menge auf. Und sobald der Neuer den Ball auch nur berührt, egal wie lasch der Schuss war, gibt es „Manuuu!!“-Rufe und Applaus.

Überhaupt applaudieren alle pausenlos. Oft direkt neben meinem Ohr. Das pfeift inzwischen kräftig. Wie wird das erst, wenn wir wirklich ein Tor schießen?
Zeit für meinen alten Disco-Trick: Ohrstöpsel aus Taschentüchern basteln. Dafür reißt man eine Ecke ab, kaut sie und steckt sie sich ins Ohr. Isoliert gut und hält besser als normale Ohrstöpsel!

Ich komme mit neuen Bestellungen zur Theke. „Beliebigen Knopf drücken,“ empfängt mich jemand.
„Hä?“
„Das steht da! Robin, der Fernseher schaltet sich gleich ab!“
Nicht der Fernseher, sondern der Receiver!!! OMG, die automatische Abschaltung nach drei Stunden!!! Das wollte der Chef doch deaktivieren!!!

Ich springe zur Stereoanlage, oh mein Gott, welche Fernbedienung ist die richtige, was kann ich drücken, ohne alles kaputt zu machen, einfach mal einen Kanal hoch und…

„EEEEY!!!!!“ brüllt der ganze Laden wie ein Mann auf. Ich ziehe den Kopf ein und drücke wieder zurück. Kollektives Aufatmen. „Hat geklappt,“ wird mir vergnügt mitgeteilt. Ich lächle hilflos.

Die 80. Minute nähert sich, mein Gott, wenigstens die letzten Minuten würde ich doch gerne sehen… ich nehme letzte Bestellungen auf. „Ähm, danach bin ich mal 10 Minuten am Gucken…“ „Mach nur, wir werden schon ne Viertelstunde auskommen, ohne zu Verdursten.“

Verständnisvolle Gäste.

Das Spiel geht in die Verlängerung, das gleiche gilt für mich. Ich finde eine halbe Minute Zeit, um mal die Lose durchzusehen. Eigentlich zählt das Ergebnis nach 90 Minuten, aber ob jemand wirklich 0:0 getippt hat…?
Ich finde einen Zettel, bei dem ich nicht beschwören könnte, ob die Zahl bei Deutschland eine 0 oder eine 3 ist. Auch das noch! Eine kurze Umfrage an der Theke ergibt aber, dass es eine 3 sein muss. Also kein Gewinner, dann zählt das Endergebnis, beschließe ich.

Zwei Fässer geht mein Mitbewohner mir wechseln, worüber ich sehr dankbar bin.

Halbzeit der Verlängerung, so, die zweite Hälfte sehe ich mir jetzt aber WIRKLICH an! Ein Kumpel meiner Mitbewohner bestellt noch ein Alt. „Das mach ich noch, dann guck ich selber,“ teile ich ihm überzeugt mit. Er lächelt, redet kurz mit seiner Freundin, dreht sich wieder um, als ich ihm ein Alt hinstelle und sagt: „Machst du noch ein Radler?“

Nach dem Radler dann vor die Theke. Ich darf sogar sitzen. Es ist die 110. Minute. Ich rauche und trinke kalten Tee.

Dann macht Götze sein Tor und der Laden explodiert. Alle feiern, ich feiere mit. Was für ein schönes Tor!!

„Yay, wir sind Weltmeister!“ singt eine Bekannte neben mir, obwohl das Spiel noch läuft. Ich sage ihr, dass sowas Unglück bringt, obwohl ich es selber glaube.

10 Minuten und einen lächerlich schlechten Freistoß von Messi später ist es dann soweit. Keinen hält es mehr auf seinem Stuhl. Wir schreien und umarmen uns, ich höre Glas klirren, es ist mir egal. Im Schankraum falle ich mehreren Leuten um den Hals, dann stürme ich hinter die Theke und mache Freischnaps für alle klar. Das ist mit dem Chef nicht abgesprochen, auch das ist mir egal.

Der ruft kurz darauf an. In diesem Moment bin ich zu happy, um sauer auf ihn zu sein. Er spricht mir seine Hochachtung aus, weil ich schon vor dem ersten Spiel gesagt habe, dass wir Weltmeister werden, und er sich zusammen mit sämtlichen fußballbegeisterten Stammgästen deswegen über mich lustig gemacht hat. Er billigt außerdem meine Freirunde.

Ich bin mega gut drauf, aber das hält nicht lange an. Die Leute feiern, keiner sitzt mehr. Kein Durchkommen. Unmöglich, da überhaupt zu bedienen oder einzelne Leute noch ihren Tischen zuzuordnen. Einige könnten sogar schon gegangen sein. Wie lange das wohl noch geht? Ich habe so viel Geld in der Kasse, aber noch nichts abkassiert. Das macht mir Angst.

Glücklicherweise zieht es die Leute zwar nach draußen, aber nicht alle auf einmal. Ich kassiere das erste Dutzend ab. Wie erwartet bei so glücklichen Menschen klingelt die Trinkgeldkasse. Es sind aber tatsächlich ein, zwei dabei, die megageizig sind. Zum Beispiel hat der Typ, der sich über die klebrige Theke beschwert hat, die gar nicht klebrig war, zusammen mit seinem Kumpel 43,80 Euro zu bezahlen. Erst motzen sie, das könne ja nicht sein (kann es), dann geben sie 45 Euro. Und eine Tussi gibt doch tatsächlich gar nichts. Das macht mich ein bisschen fassungslos. Dafür gibt eine andere 7 Euro, „Weil du das heute so toll gemacht hast!“ Das höre ich noch mehrmals. Ich freue mich.

Es wird Zeit für die Siegerehrung. Drei Leute hatten 1:0 getippt. Hm, und jetzt? Anruf bei Chef. Der ist so gut drauf, dass er ALLEN einen Preis gönnt. Zwei Trikots haben wir noch (plus das, was ich trage – aber das ist inzwischen sehr versaut), dazu ne DFB-Stranddecke. Ich gehe alles holen, lasse die Gewinner Streichhölzer ziehen und übergebe die Preise.

Immer mehr Leute bezahlen und gehen. Ich bin sicher, dass genügend bereit stehen, um nachzurücken – aber ich hatte schon vor Stunden beschlossen, nach dem Spiel dicht zu machen. Ich kann nicht mehr. Der Chef hätte heute das Geschäft seines Lebens machen können, hätte er mir noch eine Kollegin zur Seite gestellt – so ist jetzt Feierabend.

Einer der Typen, der gewonnen hat, bedankt sich am Ende überschwänglich für das Trikot. 80 Euro kosten die Dinger. Oder kosteten sie zumindest bis gestern – jetzt fehlt ja ein Stern. Ich lächle ihn an. Trinkgeld hat er nicht gegeben.

Die Leute, die schon vorher so nett waren, bestehen darauf, mir zu helfen, indem sie sämtliche Gläser zusammen räumen. Die Kopfschüttel-Frau lässt sich von mir die Mailadresse der Kneipe geben. Sie will sich bei meinem Chef beschweren, weil er mich allein hat stehen lassen. Viele andere Gäste teilen mir mit, wie geil ich den Laden geschmissen habe. Ich fühle mich wie die Weltmeisterin im Kellnern.

Ein Stammgast macht noch Stress, weil er betrunken immer aggressiv wird und findet, ich hätte mich einfach weigern sollen, so zu arbeiten. Einerseits findet er, ich hätte mich gar nicht so reinhängen sollen, andererseits ist er sauer, dass er nun bald gehen muss, weil ich schließe. Wir streiten uns ein bisschen, am Ende wankt er angepisst heim.

Ich schließe hinter ihm ab. Nur noch ein einziger Stammgast ist da, ein richtiges Schätzchen. Zu dem setze ich mich. Erstmal Pause vorm großen Aufwisch! Endlich in Ruhe rauchen, endlich auch mal ein Bier trinken!

Wir sitzen friedlich da und sehen uns ein bisschen Nachberichterstattung an, als mein Chef reingewankt kommt. Die Stände beim Public Viewing mussten schon um 1 Uhr schließen. Deutschland.

Seit unserem letzten Telefonat hat er es geschafft, sich komplett volllaufen zu lassen. Als er hoch zur Theke kommt, stolpert er gegen einen Barhocker und schiebt ihn beiseite. „Jetzt komm ich vom Stand und muss hier auch noch selbst die Stühle zusammen stellen,“ grummelt er. Für einen Moment würde ich ihn gerne umbringen.

Der Stammgast verabschiedet sich, der Chef setzt sich an einen Tisch, den ich schon gewischt habe. Vermutlich will er noch bedient werden, aber nee. Ich ignoriere ihn und beginne, die Zapfanlage sauber zu machen. Wenig später schwankt er heim.

Ich räume weiter auf, während die Nachberichterstattung weiter läuft. Um 3 Uhr endet sie und eine Wiederholung des Spiels fängt an. Na sowas!

Ich muss nur noch das Leergut wegbringen und alle Getränke auffüllen, dann setze ich mich an die Theke. Während das Spiel läuft, zähle ich die Kasse. 750 Euro zähle ich, das wären 250 Bier, wenn denn alle nur Bier getrunken hätten, fast alles davon in nur fünf Stunden.

97 Euro Trinkgeld, das bricht meinen persönlichen Rekord.

Eigentlich wollte ich schnell raus, damit ich noch ein bisschen mitfeiern kann, aber das Spiel fesselt mich. Ich mache mir noch was zu trinken und hole mir eine Packung Kneipenchips, weil ich jetzt erst merke, wie hungrig ich bin, dann sitze ich allein an der Theke in der leeren Kneipe und sehe mir das WM-Finale an.

Als das Spiel abgepfiffen und der Pokal überreicht wird, weine ich ein bisschen.

Trikot4