Stephen Kings „Alpträume“

Stephen King – Alpträume
Nightmares and Dreamscapes, 1993


Hierbei handelt es sich um eine Kurzgeschichtensammlung mit insgesamt 12 Geschichten unterschiedlicher Länge. Ganz schön viel, daher werde ich mich beim Inhalt extrem kurz halten.

alpträumeDolans Cadillac handelt von einem Typen, dessen Ehefrau von der Unterweltgröße Dolan getötet worden ist, weshalb er sich einen teuflischen Racheplan ausdenkt, bei dem Dolans geliebter Cadillac eine wichtige Rolle spielt.
Das Ende des ganzen Schlamassels spielt in einer nicht allzu fernen Zukunft, in der die Welt aufgrund von Kriegen und Terroranschlägen am Abgrund steht und ein geniales Wunderkind eine Möglichkeit findet, die menschlichen Aggressionen auf ein Minimum zu reduzieren.
In Kinderschreck erblickt eine ältliche Lehrerin hinter der Fassade ihrer Schüler das Grauen.
Der Nachtflieger ist eine Vampirstory, in der ein Journalist sich an die Fersen eines mysteriösen Piloten heftet, den er als Schuldigen einer Mordserie vermutet, ohne zu wissen, mit welchem Wesen er sich hier anlegt.

In Popsy muss ein Kidnapper erkennen, dass er von manchen Kindern besser die Finger lässt.

Es wächst einem über den Kopf wirft einen Blick zurück nach Castle Rock nach den Ereignissen im Roman Needful Things.

In Klapperzähne entpuppt sich ein Kinderspielzeug, mechanische Riesenzähne mit Füßen, als Retter in der Not.

Zueignung ist die Geschichte eines schwarzen Zimmermädchens, dass auf mysteriöse Weise die Essenz eines weißen, erfolgreichen Autors in sich aufnimmt.

Der rasende Finger beschäftigt sich mit folgender hochwichtigen Frage: Wie würdest DU reagieren, wenn du eines Tages in den Bad gehen würdest und sehen müsstest, dass aus dem Abfluss ein lebendiger Finger ragt?

In Turnschuhe treibt ein Toter in der Toilette eines Bürogebäudes immer noch sein Unwesen.

In Verdammt gute Band haben die hier verschlägt es ein Pärchen in das abgelegene Städtchen „Rock ’n Roll Heaven“. Dort merkt es bald, dass der Name hier tatsächlich Programm ist!

Und bei der letzten Story Hausentbindung handelt es sich um eine klassische Zombiegeschichte, in die eine hochschwangere Frau unvermittelt gerät.


Bei dieser Sammlung handelt es sich um die allererste Kurzgeschichtensammlung überhaupt, die ich von Stephen King gelesen habe. Damals war ich wohl noch zu jung, um alle Geschichten zu verstehen – aber seither habe ich sie noch viele Male gelesen.

Wie bei allen Kurzgeschichtensammlungen von King gibt es gute und schlechte Geschichten. Am wenigsten gefallen mir Kinderschreck, Es wächst einem über den Kopf , Zueignung, Turnschuhe und Hausgeburt. Kinderschreck ist mir einfach zu trivial, genauso wie Turnschuhe und Hausentbindung; alle drei Geschichten bedienen sich bekannter Stereotypen (Kinder als reale Monster, plötzlich auftauchende Tote/Geister und Zombies), aber schaffen es nicht, sich dabei von anderen Storys gleichen Inhaltes abzuheben. Mir erscheinen sie eher wie eine Fingerübung denn als echte Kurzgeschichten.
Zueignung dagegen ist einfach nur sehr unappetitlich, zudem verstehe ich dieses schwarz-weiß-Thema nicht so wirklich. Hier offenbart sich außerdem Kings Schwäche, aus der Sicht von Frauen zu schreiben. Letztendlich plätschert die Story etwas lahm vor sich hin, ohne dass tatsächlich was passiert. Sie ist auch einfach viel zu lang!
Es wächst einem über den Kopf ist definitiv die Story mit dem größten „Hä?“-Faktor. Eigentlich gibt es hier überhaupt keine Handlung. Man trifft einige Bekannte aus „Needful Things“ wieder (womit man die Story getrost überblättern kann, wenn man diesen Roman nicht gelesen hat) und wird mit der pessimistischen Grundstimmung dieser sterbenden Stadt konfrontiert. Das ist deprimierend und macht schlicht und ergreifend keinen Spaß!

Dolans Cadillac, Nachtflieger, Popsy und Verdammt gute Band haben die hier sind so mittel. Sie sind nett zu lesen, hinterlassen aber keinen bleibenden Eindruck. Bei Dolans Cadillac kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier viel zu viel Aufwand betrieben wird für zu wenig Ergebnis. Die Geschichte ist genauso aufgebläht wie Nachtflieger. Ich bin ja der Meinung, dass Stephen King einfach die Finger von Vampiren lassen sollte, denn irgendwie kriegt er das nie so wirklich zu meiner Zufriedenheit hin! Das ist dann auch die Schwäche von Popsy.
Die Idee von Verdammt gute Band haben die hier ist durchaus der Hammer – hier trifft das Pärchen auf sämtliche Rockstars, die zu früh gestorben sind. Das Problem, was ich damit habe, ist ein ganz persönliches, welches ich nicht Stephen King anlasten will, dennoch hat es mir den Spaß ziemlich vermiest: Ich kenne die meisten der Rockstars (größtenteils Stars aus den 60er Jahren) einfach nicht. Janis Joplin, Elvis etc. sind klar, aber dazu kommen noch sooo viele andere Personen, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Und jedes Mal ärgere ich mich, dass Stephen King diese Story schrieb, bevor Kurt Cobain sich auf seine Reise in den Rock ’n Roll Heaven gemacht hat…

Damit zu den wirklich guten Storys. Das Ende des ganzen Schlamassels ist die einzige Geschichte, die in der Ich-Perspektive geschrieben ist. Der Bruder des besagten Wunderkindes schildert darin rückblickend in einem Bericht die Ereignisse, wobei er sich interessanterweise durch Einnahme eines langsam wirkenden Gifts selbst eine Deadline (höhö) gesetzt hat. Das Ganze ist unheimlich spannend, zudem regt die Handlung zum Nachdenken über die Natur des Menschen und seine Intelligenz an.

klapperzähne
Klapperzähne!

Klapperzähne ist besonders interessant, weil man irgendwie damit rechnet, dass dieses Gebiss mit Füßen, welches der Hauptcharakter zufällig in einem Tankstellenshop aufstöbert, das Böse in der Story ist. Isses aber nicht, im Gegenteil. Das ist lustig und vor allem super geschrieben. Man wünscht sich sofort auch so ein Teil!

Meine Lieblingsgeschichte ist aber mit Abstand Der rasende Finger. Allein die Idee ist so dermaßen schräg, offenbart aber wieder mal Stephen Kings skurriles Verständnis von Horror. Es muss nicht immer ein Zombie, Vampir oder Geist sein – man würde genauso ausrasten, wenn so etwas alltägliches wie ein (körperloser?) Finger sich plötzlich an Stellen zeigt, wo er nicht hingehört!
Zudem nutzt King hier wirklich das komplette Potential, was sich aus diesen Vorgaben bietet. So bescheuert es auch ist, man fiebert wirklich mit, vor allem, da hier innerhalb von wenigen Seiten einige wirklich lebensnahe, glaubhafte Charaktere gezeichnet werden. Kings große Stärke!

Zusammengefasst ist Alpträume, auch wenn die Bewertung ein wenig harsch aussieht, eine wirklich schöne Kurzgeschichtensammlung mit vielen unterschiedlichen Storys. Für jeden sollte was dabei sein… und für Kingfans ist es das sowieso!

Als letztes sollte erwähnt werden, dass die Sammlung nur die Hälfte der Geschichten aus „Nightmares and Dreamscapes“ enthält, zumindest ist das in der Ausgabe so, die ich vor vielen Jahren gekauft habe. Die andere Hälfte wurde im Band Abgrund veröffentlicht, der sich damit ja auch gut für das aktuelle Bücher-ABC anbieten würde – wenn ich ihn denn gelesen hätte 😦

Aber was glaubt ihr, was ich mir GERADE JETZT bestellt habe? :mrgreen:


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Stephen Kings „Achterbahn“

Stephen King – Achterbahn
Riding the bullet, 2000


achterbahnDen Studenten Alan Parker erreicht eine schlechte Nachricht: Seine Mutter liegt nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus. Obwohl sein Auto kaputt ist, möchte er es sich nicht nehmen lassen, sie sofort zu besuchen. Dazu will er die gesamte Strecke trampen.

Nachdem zwei Autofahrer ihn bereits ein gutes Stück mitgenommen haben, geht er gerade an einem Friedhof vorbei, als ein dritter Autofahrer anhält und ihn mitnimmt. Trotz des seltsamen Geruchs im Wageninnern steigt er ein, muss aber im Laufe der Fahrt feststellen, dass er das Auto mit einem Toten teilt, der ihm nicht wohlgesonnen ist…


Man kann sich drüber streiten, ob dieses nicht mal 100 Seiten lange Geschichtchen eine Kurzgeschichte oder doch schon eine Novelle ist. Wie dem aus sei – das hat den Ullstein-Verlag nicht davon abgehalten, diese Story als einzelnes Buch herauszubringen und seinerzeit immerhin knapp 7 Euro dafür zu verlangen.
Noch im Okay-Bereich, wenn die Geschichte das wert ist. Nun – das ist sie leider nicht! Achterbahn ist wirklich stinklangweilig und lange nicht in der Lage, als einzige Geschichte ein Buch zu tragen.

Ich meine, wie platt ist das bitte. Der Typ latscht an einem Friedhof vorbei und der nächste Autofahrer, der anhält, ist ein Zombie. Wow.

Was das Ganze mit der Achterbahn („The Bullet“) zu tun hat, vor der Alan als Kind mal Angst gehabt hat, hat sich mir leider auch nicht so ganz erschlossen. Das ist wieder so ein Beispiel für Catchphrases oder Metapher, die Stephen King fast in jeder Geschichte einführt und dann bis zum Erbrechen auf die Spitze treibt. Bei „Sie“ ist das Afrika, bei „Dolores“ ist es „trick me twice, shame on me“, bei „Friedhof der Kuscheltiere“ ist es „Der Acker im Herzen eines Mannes ist steiniger“ etc.pp. Hier steht die Achterbahn nun metaphorisch für Herausforderungen – in diesem Fall die Herausforderung des Zombies für Alan, entweder anstelle seiner Mutter zu sterben oder sich selbst zu retten, indem er seine Mutter zum Tode verurteilt.
Ich habe mit sowas immer Probleme. Das ist einfach gegen die Spielregeln: Ein Geist/Zombie/Dämon kann nicht einfach jeden x-beliebigen Menschen aufgabeln und vor eine sadistische Wahl stellen. Dafür muss dieser sich in irgendeiner Weise verpflichtet oder schuldig gemacht haben!
Leider ist Achterbahn damit für mich durchgefallen. Die Story ist zu beliebig, der Horror vorhersehbar und die Charaktere platt. Die Tatsache, dass die Story auch noch einzeln als Buch erschienen ist, ist dabei das Tüpfelchen auf dem i und schlicht Geldmacherei.

Fazit: Wirklich nur für Fans!

2 von 10 Vergnügungspark-Attraktionen!


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Stephen Kings „Atlantis“

Stephen King – Atlantis
Hearts in Atlantis, 1999


atlantis2
Dieses King-Werk darf eine Sonderstellung für sich beanspruchen. Es ist im Grunde eine Novellen- und Kurzgeschichtensammlung, wie es einige von Stephen King gibt. Aber nur hier hängen die insgesamt fünf Texte thematisch und inhaltlich zusammen und bilden einen gemeinsamen Erzählbogen. Allerdings spielen alle auf unterschiedlichen Zeitebenen, wobei der Aufbau chronologisch ist.

Niedere Männer in gelben Mänteln
In der ersten (und längsten) Erzählung lernen wir den elfjährigen Bobby Garfield kennen, der im Jahre 1960 nach dem Tod seines Vaters mit seiner Mutter allein lebt. Diese hat der Tod ihres Mannes und die darauf folgende einsame finanzielle Verantwortung für den gemeinsamen Sohn wohl verbittert, denn sie behandelt Bobby äußerst kalt und pflegt zudem einen ausgesprochen manischen Sparwahn, unter dem Bobby zusätzlich zu leiden hat. Bobbys einzige Freunde sind sein bester Kumpel John und Carol, in die er – natürlich! – heimlich verknallt ist.
Bobbys Leben ändert sich gründlich, als sich ein neuer Untermieter bei den Garfields vorstellt. Von dem alten Ted Brautigan ist Bobby sofort fasziniert, nicht zuletzt, weil dieser seine Liebe zur Literatur mit scharfsinnigen Anekdoten und ohne die für Erwachsene typische Herablassung fördert.
Schnell entwickelt sich eine Freundschaft zwischen dem ungleichen Paar, doch schon bald wird diese getrübt: Ted leidet offensichtlich unter der Wahnvorstellung, von geheimnisvollen „niederen Männern“, die Gelb tragen, verfolgt zu werden, und verfällt immer öfter in Phasen, die Bobby als Alterssenilität interpretiert. Dennoch tut er ihm den Gefallen, in der Stadt nach Anzeichen für diese seltsamen niederen Männer Ausschau zu halten… und muss mit der Zeit mit Entsetzen feststellen, dass Teds Phantasien gar nicht so verrückt zu sein scheinen…

Herzen in Atlantis
1966: Pete Riley studiert erfolgreich an der University of Maine und erlebt seine ersten sexuellen Erfahrungen mit seiner neuen Freundin, der Antikriegsaktivistin Carol, bis sein gesamtes Studentenwohnheim mit dem „Hearts“-Virus infiziert wird (Hearts als Kartenspiel sollte jeder kennen, der Windows verwendet und sich schon mal die vorinstallierten Spiele angesehen hat). Im Folgenden verbringen er und seine Kommilitonen jede freie Minute mit Kartenspielen, wodurch die Noten sämtlicher Betroffener in den Keller rasseln. Dies allein wäre nicht so tragisch, wenn Petes Stipendium nicht an einen guten Notendurchschnitt gekoppelt wäre… und ein Verlust dieses Stipendiums nicht bedeuten würde, dass er zum Wehrdienst einberufen und nach Vietnam geschickt wird…

Blind Willie
1983: Willie Shearman, nach außen hin ein seriöser Geschäftsmann, verwandelt sich jeden Tag in „Blind Willie“, einen Vietnamveteran, der im Kampf erblindet ist und mittels seiner Behinderung täglich große Summen auf den Straßen von New York erbettelt. In einem skurrilen Akt der Buße versucht er damit, die Schuld, die er im Krieg auf sich geladen hat, abzutragen. Gleichzeitig kann er nicht vergessen, wie er als Junge tatkräftig mitgeholfen hat, zusammen mit seinen Freunden ein kleines Mädchen namens Carol brutal zu verprügeln…

Warum wir in Vietnam sind
1999: Bobbys alter Freund John, der ebenfalls in Vietnam gedient hat, steckt auf dem Weg zur Beerdigung eines ehemaligen Vorgesetzten im Stau fest. Während seine Gedanken in die Vergangenheit schweifen und er sich wieder schmerzlich an eine alte Frau erinnert, die vor seinen Augen erschossen worden ist, regnet es plötzlich Gegenstände auf die Straße…

Heavenly Shades of Night are Falling
1999: Bobby Garfield besucht seine Heimatstadt und trifft am Grabe von John auf Carol, von der man glaubte, sie wäre bei einem Anschlag ihrer Aktivistengruppe ums Leben gekommen. Während beide Erinnerungen austauschen, erreicht sie von Ted, der einst vor den Augen von Bobby von den niederen Männern geschnappt worden ist, eine Nachricht, die offensichtlich nicht von dieser Welt stammt…


Es ist lange her, seitdem ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, aber ich glaube mich zu erinnern, dass es mir am Anfang recht lahm vorkam. „Toll,“ dachte ich, „wieder Kinder, wieder die Sechziger, denk dir mal was neues aus!“ Mir schien es, als hätte Stephen King Probleme, in die Handlung und die Charaktere hinein zu finden, was sich in manch literarischen Behäbigkeit widerspiegelte.

Doch dieser Eindruck ist schnell vergessen, spätestens, wenn Ted auftaucht. Stephen King beschreibt den chesterfieldrauchenden, rootbeersüchtigen Bücherwurm äußerst sympathisch, weshalb das Geheimnis um seine Vergangenheit und die Menschen (sofern es Menschen sind?), die ihn jagen, einen sofort fesselt. Mit ihm kommen auch die einzigen übersinnlichen Elemente, mit denen Stephen King ja ansonsten nicht gerade sparsam umgeht, in den Storyband, denn Ted bildet sich die „niederen Männer“ mitnichten ein und ist auch selbst nicht ganz so normal und harmlos, wie er scheint.

Wer diese „niederen Männer“ jedoch sind, bleibt zumindest in diesem Buch ein Mysterium. Dazu muss man wissen: Der Aufbau von „Atlantis“ ist unter Stephen Kings vielen Werken einzigartig, doch muss ebenfalls erwähnt werden, dass zumindest die erste Geschichte (und damit auch die letzte) starke Bezüge zu Kings Saga „Der Dunkle Turm“ aufweist. Das ist ein siebenbändiger (bzw. obwohl abgeschlossen inzwischen um einen achten Band ergänzten) Koloss, vor dem meiner Erfahrung nach selbst viele eingefleischte Stephen King Fans im Angesicht der puren Gigantomanie schon im Vorfeld kapitulieren. Erst im siebten Band wird der Leser dort wieder auf Ted stoßen.

Bäh – versteht man das Buch dann überhaupt oder kann man es sich dann sparen? Tja, ich habe es selbst verschlungen, bevor ich auch nur eine Seite des „Dunklen Turms“ gelesen habe, daher kann ich mit Gewissheit sagen: Wer damit klar kommt, dass am Ende der ersten Novelle ein paar Fragezeichen übrig bleiben, der wird dennoch Spaß an dieser Geschichte haben. Und wer danach doch noch den „Dunklen Turm“ lesen will, wird feststellen, dass es sogar besser war, Ted schon zu kennen, bevor man ihn dann wieder trifft.

„Herzen in Atlantis“ geht wiederum in eine ganz andere Ecke. Hier zeigt sich, dass Stephen King zu Unrecht als reiner Horrorautor verschrien ist und durchaus auch subtile Geschichten voll  alltäglichen Schrecken fabrizieren kann, wie neben ihm kaum ein Zweiter.

Allein die Idee, aus einem harmlosen Kartenspiel mit Freunden auf diese Weise ein Ringen um Leben und Tod zu machen – grandios! Damit muss man „Herzen in Atlantis“ in einem Atemzug nennen mit ähnlich aufgebauten und ebenfalls fantastischen Storys wie „Pin-Up“ (besser bekannt unter dem Titel der Verfilmung – „Die Verurteilten“) oder „Die Leiche“ (verfilmt unter „Stand by me“). Hier ist Vorwissen absolut nicht nötig – lesen und genießen!

„Blind Willie“ schlägt fast in die selbe Kerbe, ist aber, obschon sehr gut, nicht ganz so überzeugend. Hier wirkt der frömmelnde Drang zur Buße stellenweise etwas zu konstruiert, zudem sind Willies Vorsichtsmaßnahmen, die verhindern sollen, dass jemand heraus findet, dass sich hinter dem blinden Bettler ein durchaus des Sehens mächtiger Mittelklassetyp verbirgt, gnadenlos überzogen.

„Warum wir in Vietnam sind“ ist dann wieder einer dieser King-Storys, welche die Furchen auf der Stirn von Seite zu Seite mehr vertiefen. Sie ist, naja… einfach weird. Auch, wenn sich die Ereignisse letztendlich als reine Phantasie eines in Agonie windenden Sterbenden heraus stellen, ist sowas wohl einfach nichts für jeden.

Insgesamt betrachtet ist „Atlantis“ nicht gerade Kings bestes Werk, aber durchaus im oberen Drittel anzusiedeln, da hier ein grandioses Sittengemälde der 60er Jahre gezeichnet wird. Wer seinen Schreibstil mag, sich aber vor allzu plastisch geschilderten Horror gruselt, sei dieses Buch daher besonders ans Herz gelegt, da es einige seiner herausragendsten erzählerischen Eigenschaften in sich vereint, ohne ins Blutige abzurutschen. Von mir wärmstens empfohlen!

7 von 10 Kräuterbier-Flaschen!


Lieblingszitat:

„Manche Bücher solltest du wegen der Geschichte lesen, Bobby. Sei nicht wie die Büchersnobs, die das nie tun. Andere solltest du wegen der Worte lesen – der Sprache. Sei keiner von denjenigen, die immer nur auf Nummer Sicher gehen wollen und DAS nie tun. Aber wenn du ein Buch findest, das sowohl eine gute Geschichte als auch gute Worte zu bieten hat, dann solltest du es wie einen Schatz betrachten.“

„Ja, in Atlantis rauchen auch die Ärzte.“


 

Es existiert im Übrigen auch eine Verfilmung unter den Titel „Hearts in Atlantis“ mit Anthony Hopkins als Ted, die allerdings nur die erste Geschichte behandelt.

atlantis

Damit ist der Titel leider auch kompletter Nonsens, da dieser sich innerhalb der Sammlung einzig auf die zweite Novelle bezieht („Hearts“ dürfte klar sein und mit „Atlantis“ ist das sagenhafte Unterseereich gemeint, welches von Donovan (und viel, viel später leider auch von den No Angels) besungen worden ist. Innerhalb der Erzählung steht das in eben diesem Song dargestellte „Atlantis“ als Metapher für die 60er Jahre unter dem Eindruck des Vietnamkrieges und der aufstrebenden Hippiekultur). Der Film selber ist trotz Anthony Hopkins (der tragischerweise überhaupt nicht so aussieht, wie ich mir Ted vorgestellt habe) leider eher mittelmäßig geraten, zumal sämtliche Verweise auf den „Dunklen Turm“ eliminiert worden sind.


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