Eure Awareness kotzt mich an!

Ich bin Robin, ich leide an Depressionen und möchte mich bei jedem bedanken, der mir in den vergangenen schlimmen Wochen und Monaten seine ehrliche Anteilnahme schenkte, mir wirklich helfen wollte und besorgt war.
Ihr seid lieb. Aber: Es werden keine Lieder mehr für Helden geschrieben. Darum fühlt euch nicht angesprochen von dem, was folgt. Es ist nicht für euch.

Dieser Tag beginnt, wie der letzte endete: mit Tränen.

Viel weinen oder gar nicht, viel fressen oder wenig, viel schlafen oder sich rumwälzen.

Manchmal schlafe ich 10 Stunden am Tag. Eine kleine Flucht, die mir bleibt. Ich träume meist intensiv, oft totalen Schwachsinn, aber wenigstens ist es nicht langweilig. Ich schlafe so viel, dass mir der Rücken weh tut. Oft lege ich mich ins Bett, weil ich nicht mehr sitzen kann. Und stehe ich morgens, das heißt mittags, aus dem Bett auf, geht’s nach einem Abstecher ins Bad erst mal auf die Couch – zum Ausruhen. Ausruhen vom Aufstehen. Das ist kein Witz.

Schlimm, hm? Plastisch. #Notjustsad, indeed. Diese armen Depressiven, unterstützen muss man die. Das fave ich doch mal, und noch einen Retweet als Kirsche oben drauf. Ah, jetzt geht’s mir besser. Ich bin ein guter Mensch. Ich bin aware.

Und jetzt?

Sagt mir nicht “Bitte such dir Hilfe!” Es gibt keine Hilfe. Ich möchte, dass ihr das kapiert: Es gibt keine Hilfe. Eine Depression ist nicht wie ein fauler Zahn, der einem sofort einen Notfalltermin beim Zahnarzt verschafft. Nee, hier fault nur die Seele, das ist was anderes.

Anrufen, Therapeutentermine vereinbaren. Irgendwo kommt ein Stückchen Elan her und ich greife zum Hörer. Die Therapeuten habe ich mir vorher aus einer Liste ausgesucht.
Dabei die Frage: Kann ich da überhaupt Ansprüche stellen? Wenn man so lange warten muss, nimmt man dann nicht das, was man kriegen kann? Auch wenn man persönlich von einem rein psychoanalytischen Ansatz überhaupt nicht überzeugt ist? Brauche ich einen abgehobenen Freudianer, der mir erzählt, dass all meine Probleme im Endeffekt darauf zurück zu führen sind, dass meine Mutter mich nicht stillen konnte? Ach ja, und irgendwas mit Penis?

Es gibt Therapieplätze und davon viel zu wenige. Wenn ich morgen irgendwo da anrufe, habe ich mit Glück einen Termin in einem halben Jahr.
Nicht, dass ich morgen einfach irgendwo anrufen könnte. “Einfach irgendwo anrufen” ist nämlich nicht. Depressionen gehen mit Antriebsschwäche einher. Das Internet sagt dazu “Prokrastinieren”. Dieses Scheiß-Internet. Antriebsschwäche fühlt sich eher so an wie in einem Eisblock eingeschlossen zu sein. Ein Eisblock auf meiner Couch, den starren Blick auf einen Stapel Dreckwäsche gerichtet, die dringend gewaschen werden muss, weil ich nichts mehr zum Anziehen habe und es anfängt zu müffeln und mit jedem Tag wächst der Berg trotzdem weiter, aber ich sitze einfach nur da und starre. Manchmal werde ich nachts wach, denke an überfällige Bücher oder was auch immer gerade ansteht und bekomme Herzrasen. DANN könnte ich es sofort machen, aber dann ist ja Nacht, da ist die Bibliothek zu. Und am nächsten Morgen hat sich das Eis wieder um mich geschlossen.

Ich habe die Liste vor mir, die mir mein Hausarzt gab mit den besten Wünschen. Ich habe die Therapeuten markiert, die meine favorisierte Methode anbieten. Zehn Therapeuten. Zwölf verschiedene Sprechstundenzeiten.
Mir laufen wieder die Tränen. Ich lausche den Ansagen vom Band, notiere mir die Sprechstundenzeiten, darunter so Perlen wie “Montags zwischen viertel vor 9 und 9″. Ich habe einen Schritt gemacht und er war umsonst ohne den nächsten.
Der nächste Schritt. Der nächste Schritt. Zwei bis achtzig Wochen später, Montagmorgen. So lange habe ich gebraucht, bis ich rechtzeitig aufstehen konnte. 8 Uhr fünfundvierzig. Es klingelt. Niemand geht ran. Ich probiere es noch drei Mal. Nichts.

Keine Chance, unter sechs Monaten Wartezeit irgendwo unter zu kommen – außer Psychiatrie, die MÜSSEN einen ja nehmen, aber für Menschen mit Depressionen ist das nichts anderes als eine Verwahranstalt. Aggressive Leute, Schizophrene mit Wahnvorstellungen, drogeninduziere Psychosen vor allem. Krankenhäuser, die Psychiatrien angeschlossen haben, schicken dort am Wochenende gerne Komasäufer hin. Die sind nämlich laut und kotzen, das nervt, also raus aus dem Krankenbett, ab zu den Psychos, und diese zwar zu hart feiernden, aber ansonsten völlig gesunden Menschen müssen am nächsten Tag Fragen zu ihrer nicht vorhandenen Suchtproblematik beantworten, weil die in der Ambulanz behauptet haben, die hätten eine Suchtproblematik, weil sie die ja sonst nicht in die Psychiatrie hätten abschieben können.

Nein, da will ich nicht hin.

Ich komme durch, bekomme einen Termin. Endlich. Therapeutin: Ein Megafail. Ich soll erzählen, also erzähle ich und mittendrin unterbricht sie mich und verbietet mir, weitere Taschentücher zu nehmen, weil sie später noch Gruppentherapie hat und das ihre letzte Packung Kleenex ist. Wir verabreden einen zweiten Termin. Sie sagt ihn ab, indem sie einen Brief an meine Heimatadresse schreibt, den meine Mutter erreicht.

#NotJustSad. Depressive sind nicht einfach nur traurig. Wow. Haltet die Druckerpressen an, wir haben hier die banalste Schlagzeile der Welt.
Ihr habt studiert? Könnt Wikipedia bedienen? Warum wisst ihr das dann nicht? Und der Rest, die ganzen Arschlöcher, die einen für unzurechnungsfähig erklären oder für kleine Mimosen… denkt ihr, die lassen sich von einem Hashtag beeindrucken oder ein paar Artikeln?
Aber man liest es ja doch und fühlt sich voll aware, haut ein paar Internetadressen raus (“Hilfsangebote”) und weiter zum nächsten Skandälchen. Vielleicht hat ja jemand offizielles irgendwo “Schwule” gesagt und “Homosexuelle” gemeint, sowas geht doch nicht, Shitstorm on.

Zweiter Therapeut. Schlaffer Händedruck, ausdrucksloses Gesicht. Er sieht mich während der gesamten Sitzung nicht an und gibt mir am Ende eine Liste mit Therapeuten. Ich frage, warum er mir nur Frauen empfiehlt, mir ist das egal, ich habe keine Missbrauchserfahrung oder sonstiges, was es mir unmöglich macht, zu einem männlichen Therapeeuten zu gehen. Er nennt die Frage sinnlos. Ich deute an, dass ich aufgetaucht bin, weil ich ja bei IHM Therapie machen wollte. Er schnarrt: “Abgelehnt!” Ich bin fassungslos, springe auf, stammle irgendwas. “Unglaublich… in diesem Land…!”
Ich bin schon an der Tür. Er antwortet stoisch: “Dann wandern Sie doch aus.”

Ich weine auf dem Weg nach Hause, denke, dass diese Ignoranz mich hätte umbringen können, wäre ich gerade suizidal. Ein Teil von mir wünscht, ich wäre es.

Nur sehr wenige Behandlungsmethoden werden von der Krankenkasse anerkannt und übernommen. Eine neue Behandlungsmethode zur kassenärztlichen Legitimation zu verhelfen – ein jahrelanger Prozess, selbst wenn der Erfolg nicht wegzudiskutieren ist. Als würde man jemanden mit Schmerzen Aspirin verabreichen, weil irgendwie noch nicht abschließend geklärt ist, ob dieses ominöse Morphium auch tatsächlich wirkt.
Die Lösung besteht darin, sich einen Therapeut zu suchen, der beides kann: Die Behandlung, die von der Kasse bezahlt wird und die Behandlung, die tatsächlich am besten für einen ist. Der Therapeut therapiert dann nach der einen Methode, schreibt aber für die Kasse die andere auf die Abrechnung. So fickt man das System. Das System wollte es doch so.

Termin 3. Therapeutin, sympathisch, perfekt. Leider für mich nix frei. Aber sie empfiehlt mir Therapeuten und streicht sie für mich an.
Anruf. “Wir KÖNNEN Sie auf die Warteliste setzen, aber das dauert ein halbes Jahr!”
“Ist okay. Bitte setzen Sie mich drauf.”
“Wir haben SEHR viele Anfragen und viele kriegen zwischenzeitlich anderswo einen Therapieplatz, ohne sich bei uns abzumelden. Das ist sehr aufwendig und ärgerlich für uns. Bitte rufen Sie deshalb in drei Monaten wieder an, um zu bestätigen, dass Sie immer noch warten.”

Haha. In drei Monaten nochmal anrufen. Klar. Easy. Was spricht dagegen. “Einfach so”.

Ich bedanke mich, lege auf und notiere diese Frist in dem Wissen, dass ich sie niemals einhalten werde.

Nein, eigentlich will das System nur eines: mich tot sehen. Mich und andere wie mich. Wir kosten zuviel. Natürlich koste ich momentan überhaupt nichts, so ohne Therapieplatz, und so soll das auch bleiben. Die Nachfrage bestimmt das Angebot – nicht bei unseren Krankenkassen. Künstliche Verknappung.
Wer als Therapeut Patienten auf Rechnung der Krankenkassen behandeln will, braucht einen Kassensitz. Ein Kassensitz muss er sich aber erst kaufen gegen viele, viele tausend Euro. Und selbst wenn er so viel Geld mal einfach so aus dem Ärmel schütteln kann, kriegt er wahrscheinlich keinen, weil es ja nicht zu viele Therapeuten mit Kassensitz geben soll, denn so viel Bedarf besteht ja nicht. Also wird die Anzahl der Kassensitze klein gehalten, obwohl ein Bedarf nach Therapeuten mit Kassensitz eindeutig da ist. Angebot und Nachfrage – sonst gäbe es ja keine Wartezeiten von einem halben Jahr. Es sei denn, man ist reich und bezahlt die Behandlung selber.

Wusstet ihr nicht, ne?

Anderer Therapeut. “Die Wartezeiten für Einzeltherapie sind gerade sehr lang. In der Gruppentherapie sind aber noch Plätze frei!”
Ich mag keine Gruppentherapie. Ich hasse es, vor Fremden zu weinen. Und es interessiert mich nicht, ob Peter seit dem Tod seiner Frau keinen Sinn mehr in seinem Leben sieht oder Paula in der Schule immer gemobbt worden ist. Ich fühle mich herzlos, wenn ich das denke, aber es ist so. Ich habe keine Kraft für andere. Ich habe keine Kraft für eine kaputte Gruppe.

Ich komme auf die Warteliste. Ich soll das in einem halben Jahr nochmal bestätigen. Haha.

Wenn ein Therapeut mit Kassensitz nichts mehr frei hat, kann der einen genau das bescheinigen. Sammelt man genug dieser Absagen, kann man damit zur Krankenkasse gehen. Dort knallt man denen das als Beweis auf den Tisch, dass sie mit der Berechnung des Bedarfs an Kassensitzen Scheiße gebaut haben. Die Krankenkasse bezahlt dem Patienten dann einen Therapeuten ohne Kassensitz. So bluten sie dann doch für ihre selbst erzeugte Knappheit.

Vor ein paar Jahren ging von den Krankenkassen eine Anweisung an ihre Therapeuten, solche Bescheinigungen nicht mehr auszustellen. Man wollte den Leuten keinen Therapeuten ohne Kassensitz bezahlen, auch wenn alle anderen Therapeuten schon ausgelastet waren. Dagegen haben sich die Therapeuten dann aber gewehrt. Unethisch sei das. Recht hatten sie.

Wusstet ihr nicht, ne?

Therapieambulanz. Wurde mir bereits ein Dutzend mal empfohlen. Geht schneller, ist für harte Fälle besser. Ich bin skeptisch: eine Ambulanz? Was für Ansätze verfolgen die? Können die überhaupt was?
Jahre später. Therapieambulanz, jetzt endlich. Tägliche Sprechstundenzeiten. Keiner geht ran. Aber wenigstens gibt es eine Emailadresse. Protokoll, Ausschnitt:
“Wir senden Ihnen die Unterlagen zu. Die Wartezeit beträgt sechs Monate.”
“Mir wurde gesagt, bei euch geht es schneller. War das eine Fehlinformation?”
“Ja, das war leider eine Fehlinformation.”

#NotJustSad, ja, lest das und denkt, wie schlimm das doch alles ist. “Du bist ein toller Mensch! Such dir bitte Hilfe!”
Alles klar, Leute. Wie wär’s mit einem Hashtag #NotSoEasy. Not so easy at all.

Und jetzt stellt euch vor, man würde einem Querschnittsgelähmten die Reha verweigern und was für ein Skandal das wäre. Aber ihr sagt, das wäre dasselbe. „Ableismus“. Von „to be able“ – „fähig sein“. Die Diskriminierung von behinderten Menschen, die gewisse Dinge nicht so können wie gesunde Menschen. So wie ein blinder Mensch nicht sehen kann. So wie ein gelähmter Mensch nicht gehen kann.

So wie ein depressiver Mensch nicht… was? Was, zur Hölle?

Es war selbstverständlich absolut ableistisch von mir, als selbst Betroffene anzumerken, dass ich mich gegen diesen Begriff verwehre. Nicht als behindert gelten zu wollen kann ja nur bedeuten, dass ich was gegen Behinderte habe, ableistisch bin – unaware. Definitionsmacht? Nur, wenn es ins politsche Programm passt.

Ich habe selbstverständlich absolut nichts gegen Behinderte. Die meisten Behinderten möchten ihre Behinderung nicht als tatsächlichen Makel verstehen. Recht haben sie. Und jede offene, freie Gesellschaft MUSS in der Lage sein, Behinderten und ihren Besonderheiten einen Platz bereit zu halten, eine Möglichkeit, ein zufriedenes Leben zu führen, auch ohne Sehvermögen oder funktionierenden Beinen.

Dagegen meine Depression. Oh, dafür sollte man dich nicht verurteilen und dieser Typ in diesem Flugzeug, also, dass die einfach behaupten, der sei depressiv gewesen, das KANN ja gar nicht sein! Shitstorm! Sieh nur, ich akzeptiere deine Besonderheit! Ich bin aware!

Oh mein Gott, ihr Arschlöcher, hier für euch eine Durchsage: Ich hasse meine Depression. Ich hasse sie, weil sie mein Leben zerstört, mein Leben bedroht und das letzte was ich will ist, dass ihr sie „akzeptiert“. Ich will, dass ihr sie genauso hasst wie ich und wie hoffentlich kein Behinderter seine Behinderung hasst!!!

„Aber nein, das verstehst du falsch. Ableismus, okay, damit wird meist auf Behinderungen rekurriert, aber, naja, „able“ heißt „fähig“ und umfasst alles, was damit irgendwie zu tun hat.“

Okay, ich bin also nicht fähig, morgens auf dem Bett aufzustehen, mich an Dingen zu erfreuen, glücklich zu sein. Ich bin außerdem nicht fähig, japanisch zu sprechen oder mit Computern umzugehen und einmal habe ich in einem Anfall selbstzerstörerischer Leichtsinnigkeit eine Glasscheibe eingeschlagen, musste ein paar Tage einen Verband tragen und war nicht fähig, meine Hand zu benutzen. Ableismus, Diskriminierung aufgrund fehlender Befähigung? Meine Güte, Wikipedia hat angerufen: Sie hätten gerne eine Definition, die nicht auf alles passt.

Einmal hat mir jemand, sicher in bester Absicht, mitfühlend geschrieben, wie schwer das sicher alles ist, so als Depressive. Allein, wie man auf der Arbeit diskriminiert wird. Und ich musste stumm kichern. Depression, das ist keine Behinderung, denn Depressionen kann man verstecken, jedenfalls bis es zu spät ist. Und kein depressiver Mensch geht damit in seinem echten Leben bei fremden Menschen hausieren.

Millionen Menschen leiden an Depressionen, hundert- und tausendmal mehr Betroffene als bei anderen „Besonderheiten“, für die ihr schicke neue Namen für Diskriminierungsformen erfindet, aber psychische Erkrankungen sortiert ihr bei Ableismus unter „ferner liefen“. Danke für diese Bestätigung meiner heimlichen Überzeugung, unwert zu sein. Danke für nichts.

Mich über Unwichtigkeiten ereifern, jetzt tue ich es schon selber. Nennt das, was man uns antut, halt „Ableismus“, ignoriert Stimmen von Betroffenen.
Natürlich ist es DAS, was mich eigentlich stört – nicht ein dämliches Wort. Betroffene werden nur gehört, wenn das, was sie zu sagen haben, zur Agenda passt. Und die Agenda heißt: Shitstorm. Moralische Empörung. Political correctness.

„Hab den Mathetest verhauen. Bin voll depri.“ Oh, das hat die Tussi jetzt NICHT gesagt, so ne Ignoranz, einfach medizinische Fachbegriffe zweckentfremden, wissen die Leute denn nicht, wie sich Betroffene bei sowas fühlen, Shitstorm, auf sie! Wir sind AWARE!!!

Ich lese „depri“ und fühle nichts. Weil es so unbedeutend ist. Umgangssprache. „ABER WORTE SCHAFFEN REALITÄT UND SPRACHE KANN BELIEBIG GEWANDELT WERDEN!“ – Ja, und deswegen heißt „depri“ hier „down“ und „Ich leide an Depressionen“ heißt „Ich leide an Depressionen“. So wie „Wenn ihr wirklich helfen wolltet, hättet ihr besseres zu tun als euch über so eine unwichtige Scheiße aufzuregen, ihr Idioten!!“ meint… nun, genau das. (Nur darf man „Idiot“ ja auch nicht mehr sagen. Das beleidigt Idioten. Aber möglicherweise ist es ja doch beleidigender, bei „Idiotie“ an geistige Behinderungen zu denken statt an Idioten.)

Währenddessen setzt irgendeine von euch eine Triggerwarnung über eine sexistische Werbung oder nennt eine prekäre Lebensituation „traumatisch“ und nein, das deckt sich ja so überhaupt nicht mit der medizinisch-psychiatrischen Definition, aber keine Sau interessiert’s, wer genug Fans hat, hat die Definitionsmacht, Scheiß auf Betroffene, außer die trinken mit dir einen Club Mate nach der Vorlesung und teilen deine Artikel auf Twitter. Nein, ich kritisiere keine Begrifflichkeiten, ich kritisiere diese unerträgliche Bigotterie und öde Irrelevanz eurer Awareness in Angesicht einer Krankheit, die unbehandelt zum Tod führt.

Man hat mir einen Anamnesebogen geschickt. Ich habe ihn vor mir, sechzig Seiten mit vielen intimen, distanzlosen, triggernden, ja wirklich triggernden Fragen und ich heule wieder. Fragen, steril formuliert, schwarze Tinte auf weißem Papier, ohne persönlichen Kontakt, niemand, der meine unmittelbare Reaktion sieht und mich auffangen könnte. Ich bin überfordert, denn ich weiß nicht, wie der Scheiß genau ausgewertet wird. Wenn meine Verfassung aber zu schlecht scheint, nehmen sie mich nicht. Gehen Sie in die Psychiatrie, da haben die all die tollen Drogen und ein schönes Zimmer, das Sie mit einem Komasäufer teilen können, der die ganze Nacht kotzt und sich einscheißt und morgen wieder weg ist.

Und wenn Sie nicht gehen und auch den Fragebogen nicht zurück schicken können, weil das schon wieder ein zu großer Schritt ist, weil wir Ihnen nicht helfen, weil Ihnen in diesem großen reichen Land niemand hilft, am allerwenigsten die, die es am lautesten behaupten, denn diese hysterischen Heuchler ohne auch nur das geringste Verständnis dafür, was es heißt, wirklich NICHT NUR TRAURIG und damit ALLEIN GELASSEN zu sein kreisen nur um sich selbst in ihrer billigen Imitation eines Menschen, dem andere nicht scheißegal sind – wenn Sie also letztendlich zusammenbrechen, dann tun Sie uns wenigstens den Gefallen und sterben leise.

Ich bin Robin, ich suche seit neun Jahren einen Therapieplatz und eure selbstgefällige Awareness kotzt mich so dermaßen an.


Wegen der großen Resonanz habe ich noch einige Ergänzungen nieder geschrieben. Darüber, was falsch ist, darüber, was sich ändern muss. Eure Ideen? Bitte lest hier: Awareness. Und jetzt?

Edit: Und noch zwei Nachträge:
1. Für die, die den Artikel mochten
2. Für die, die sich darüber aufregen

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Wie man lernt, richtig beschissen zu flirten!

Jemand schon mal was von „PickUp“ gehört?

Damit ist nicht dieser muffige Schokoriegel gemeint, sondern eine Bewegung, die aus den USA zu uns rüber geschwappt ist und immer mehr Anhänger findet. Dabei geht es um das für gewisse Kerle einzig interessante Thema: Ficken!

Aber vor dem Ficken steht die Eroberung, sprich, das richtige Flirten. Genau diese Kunst versuchen einige selbsternannte Meister auf dem Gebiet, die sich tatsächlich „PickUpArtists“ (kurz PUA) nennen, ihrem atemlos lauschenden Publikum – teils gegen viel Geld – zu vermitteln.

Grundlage dieses Konzepts, das sich durch lächerlichen Fachsprech selbst den Anstrich angeblicher Wissenschaftlichkeit gibt, ist die Annahme, dass wir alle Opfer von Evolution und Biologie sind und rein gar nichts dagegen tun können. Weder Sozialisation, noch Kultur können uns das austreiben. Damit ist unser ganzes Leben völlig auf Fortpflanzung ausgelegt, somit auch jede hervorragende Leistung eines Mannes in egal welchem Gebiet nur dazu da, sich als Alphamann zu profilieren und überhaupt hat Michelangelo die Sixtinische Kapelle ja nur angemalt, um die Chicks zu beeindrucken! (Wobei, war der nicht schwul?)

Die Prämisse von PU in aller Kürze:
Frauen sind Neanderthalerinnen, die nur darauf warten, vor dem Typen, der am lautesten mit seiner Keule rasselt, verzückt auf die Knie zu sinken. Bedauerlicherweise (für PUAs) sind diese Urtriebe bei Frauen von einer Patina aus Erziehung, Kultivierung und fehlgeleiteter Emanzipation überzogen, die Frauen tatsächlich weisgemacht hat, es gäbe mehr im Leben als nach dem perfekten Mann zu suchen, dem sie dann Kuchen backen und die Höhle heimelig gestalten können. Aber PUAs haben das durchschaut und die Fähigkeit, die versteckten Evo-Knöpfchen zu finden und zu drücken, zur Kunst erhoben! Halleluja!

Es ist ganz einfach: Da Frauen nur auf Alphamänner stehen, muss man sich selbst als einer präsentieren, um zum Schuss zu kommen. Dominanz und Status sind alles!

Das Schöne an diesem Konzept aber ist, dass man schnell jeden Typen zum „Alpha“ labern kann, der Erfolg bei Frauen hat. Klar, Anzüge tragen, Ferrari fahren, überhaupt mit Geld um sich werfen und sich einen Scheißdreck darum scheren, was andere von einem halten, ist natürlich das ultimative Ziel, aber wenn irgendein langhaariger Loser ohne Job und Geld eine klarmacht, dann ist langhaarig, erfolglos und Pleite sein halt in dessen Peer-Group auch irgendwie ein beeindruckendes Zeichen für Status. Niemals nicht kann das vielleicht einfach nur daran liegen, dass der Typ gut aussieht. Denn das kann man ja nur sehr eingeschränkt beeinflussen, womit sich kein Geld verdienen lässt!

Das macht diese Theorie im Grunde absolut nicht falsifizierbar, da alles Status sein kann und jeder erfolgreiche Flirt durch PU erklärt wird. Selbst Basics, die schon unsere Großeltern wussten (beispielsweise, dass man gepflegt besser ankommt, als wenn man zehn Meter gegen den Wind stinkt) werden von PU vereinnahmt und so präsentiert, als hätte man die Relativitätstheorie entdeckt.

Nach dieser Vorrede fragt ihr euch bestimmt, wie das in der Praxis aussieht. Bedauerlicherweise kann ich davon ebenfalls berichten.

Fangen wir von hinten an. Letzten Dienstag bin ich nach dem Deutschland-Brasilien-Spiel (7:1 YEAH!) noch bei uns in der Kneipe an der Theke gelandet. Davor ein Typ, den ich noch nie zuvor gesehen habe und der irgendwann begann, mich anzubaggern. Leider kann ich das Gespräch nicht mehr im Wortlaut wiedergeben (*hust* Ein Tor ein Schnaps *hust*), aber dass sich bei mir sehr schnell ein Gefühl von absoluter Ablehnung einstellte, ist mir noch sehr gut im Gedächtnis.

PUAs glauben, Frauen seien die Herrscherinnen des Schlafzimmers, denn Eier sind teuer, Sperma ist billig blabla und außerdem haben Frauen ja eigentlich eh kaum ne eigene Libido. Dies führe bei Frauen zu der Vorstellung, dass Männer Bittsteller sind, die um Sex betteln, da sie den ja so viel nötiger haben als Frauen.

Ein echter Alpha interessiert das natürlich nicht! Alphas können ja jede haben. Wer also den Eindruck vermittelt, überhaupt kein Interesse an der Frau ihm gegenüber zu haben, macht sich selbst umso interessanter. Logisch, ne? Umgesetzt in ein konkretes Flirtverhalten äußert sich das in einem „Mädel, ich als ultimativer Macker bin ja so viel besser als du“-Gehabe. Das kann erreicht werden durch eine enervierend süffisante Haltung oder auch schlicht Beleidigungen.

Dieser Typ schaffte es also, mich massiv anzumachen und mir gleichzeitig das Gefühl zu geben, dass er mich für eine absolute Idiotin hält (die vermutlich froh sein soll, von diesem Gottesgeschenk an die Weiblichkeit überhaupt beachtet zu werden). Am meisten habe ich noch im Gedächtnis, dass er alles hinterfragte, was ich von mir gab. Wirklich ALLES. Darunter auch Aussagen zu meinem Alter (abgesehen von meiner Mutter dürfte ich selbst die Person sein, die am besten weiß, wie alt ich bin), zu meinem Studium (nicht zu den Inhalten, sondern tatsächlich, WAS ist studiere!) und so weiter. Gönnerhafte Kommentare zu meinen Dartkünsten (ich ließ mich zu einem Spiel breitschlagen… und war BESSER als er) hätten den Sack dann zugemacht, wäre er nicht schon vorher zu gewesen.

Das Tragische daran ist, dass ich den Kerl wirklich süß fand, rein optisch gesehen. Genau mein Typ! Ein freundliches Gespräch hätte ihm alle Optionen eröffnet. Aber nee, lieber führt Mann sich wie ein Arschloch auf, weil voll Alpha und so. Doch wenn man sich wie ein Arschloch aufführt, wird man dadurch leider nicht zu einem guten Flirter, sondern zu einem Arschloch!

pickup_artist

Aber weiter im Text. Reden wir über den einzigen PU-Anhänger, den ich im echten Leben je getroffen habe und der zu seiner Obsession auch offen stand. Es handelte sich um den Freund einer Ex-Kollegin, der sich für PU zu interessieren begann, als sie gerade frisch zusammen waren.
Klar, dass sie das irgendwie scheiße fand!

Dieser Typ versuchte nun tatsächlich, als Anzugträger zum Alpha zu werden. Natürlich war ihm klar, dass einige körperliche Gegebenheiten eher auf Alpha hindeuten. Evolution halt.
So saß ich mit beiden in einer Bar und bekam mit, wie sie anfingen zu streiten. Das Thema war schnell ermittelt, als sich meine Ex-Kollegin mit blitzenden Augen zu mir drehte und zische: „Kannst du dem bitte mal sagen, dass er groß genug ist?!“
Ich musterte ihn von Kopf bis Fuß. „Alter, du bist groß genug.“
Er lächelte über so viel Naivität. „Aber es wäre besser, wenn ich NOCH größer wäre.“
„Wie groß bist du denn?“
„Eins-dreiundachzig.“
„Ähm, das reicht doch?!“
„Fünf Zentimeter mehr wären aber besser,“ erwiderte er im jammerigsten Tonfall.
Ich facepalmte innerlich und wusste genau, worauf das hinauslief, aber ich fragte dennoch nach, wieso er das für besser hielt.
Die Antwort natürlich: „Frauen stehen auf große Männer!“
Und das ist IN STEIN GEMEISSELT!!! Das ist EVOLUTION, Baby!!!
Wir begannen zu diskutieren (sinnlos). Irgendwann fragte er mich, wie groß denn meine Exfreunde gewesen wären.
„Die waren alle über eins-achtzig…“
„AHA!!!“
„… aber glaubst du, es ist cool, als so kleine Frau mit so jemanden zusammen zu sein und ständig blöde Sprüche abzukriegen, wie doof wir nebeneinander aussehen würden? Hätte ich es mir aussuchen können, wären sie mir kleiner lieber gewesen.“
Das galt natürlich nicht. Ich habe mich in all meine Freunde verliebt, weil sie groß waren und nicht etwa, weil mich ihre Persönlichkeit ansprach. Weil Evolution. Weißte Bescheid.

Schuldig blieb er mir eine Erklärung darüber, ob sich diese Faustregel irgendwann umkehrt, wenn eine gewisse Größe überschritten ist. Ab, keine Ahnung, 2 Meter 10 ist es doch schon echt eher gruselig als attraktiv. Was soll ich mit einem Mann, der einen halben Meter größer ist als ich? Weil es ja so lustig ist, zum neunzigsten Mal Witze über „Standgebläse“ zu hören?

Weiter im Text. Nach diesem erhellenden Gespräch, in dem ich erfuhr, dass PUAs besser wissen, was ich will als ich selbst, kam irgendwann der nächste Typ angerannt.

Nein, eigentlich SPRANG er mir eher in den Weg. Es war in meiner Stammdisco. Ich befand mich auf dem Weg in den Raucherbereich, als sich plötzlich ein Typ vor mich warf und sofort anfing, auf mich einzureden.
Ich kann leider auch hier nicht wiedergeben, was es genau war. Dieses Mal nicht, weil ich betrunken war (kaum), sondern weil es schwer ist, sich so viel Bullshit auf einmal zu merken. Wasserfallartig texte dieser Kerl mich zu und redete offensichtlich nur, weil er ein Wortminimum zu erfüllen hatte!
Kurz zuvor hatte ich dieses Video gesehen:

Olli Schulz lässt sich von einem solchen Checker demonstrieren, wie man Frauen aufreißt – und das ist wirklich Gold! Man weiß kaum, was peinlicher ist: Die Selbstdarstellung dieses Typen (Devil! *hysterisch kreisch*), die Tatsache, dass er in seinen Videos klingt, als würde er in der 5. Klasse ein Referat halten, auf das er sich nicht vorbereitet hat oder den traurigen Umstand, dass er Sprüche wie „Kennste das noch, ne Post, wo man diese viereckigen Dinger abgibt“ tatsächlich für witzig hält. SO. PEINLICH. Sowas erinnert mich immer an meinen Lieblingsdozenten der Erziehungswissenschaften, der uns mal den dringenden Tipp auf den Weg gab: „Versuchen Sie nicht lustig zu sein, wenn Sie es nicht sind!“

Aber ich habe dadurch gelernt, dass die Strategie vieler PUAs darin besteht, eine Frau einfach sinnlos vollzulabern, bis sie entkräftet aufgibt und in seine Arme sinkt. So ein Exemplar schien ich vor mir zu haben.
Ich fragte also, während er gerade Luft holte: „Probierst du gerade PickUp bei mir aus?“
Die einzig richtige Antwort wäre jetzt gewesen: „Hä?“ Stattdessen lachte er unbeherrscht, versuchte, den Spruch irgendwie zu überspielen (der endgültige Beweis, dass ich mit meiner Einschätzung recht gehabt hatte) und redete weiter mit der Geschwindigkeit einer AK-47.
Da er mir überhaupt nicht die Möglichkeit bot, zu Wort zu kommen, musste ich dann leider unhöflich sein und wortlos gehen.

Den tollsten Vertreter dieser Spezies traf ich dann aber noch etwas später in der selben Disco. Bis dahin war das ein hammergeiler Abend gewesen. Ich war mit Mitbewohner David unterwegs, die Musik war mega, wir tanzten viel, ich fühlte mich superwohl. Einfach ein richtig schöner Abend!
Irgendwann verzog ich mich für eine Zigarette, während Mitbewohner David weiter auf der Tanzfläche abging. Ich stand da, die Kippe in der Hand und war einfach richtig happy. Das war der Zeitpunkt, als einer dieser Möchtegern-Aufreißer auf mich zu kam und meinen Blick suchte. Ich lächelte ihn knapp an – nicht, weil er mir gefiel, sondern weil ich gelernt habe, dass man das so macht, wenn man ein menschliches Wesen vor sich hat.

Das war leider für ihn ein Signal, mich anzulabern. Und was er sagte war: „Wow, du siehst ja so richtig unzufrieden aus!“

Mir fiel ALLES aus dem Gesicht. Wie gesagt – mir ging es gerade richtig gut! Alles war toll! Und dann kommt dieser Kerl und erzählt mir, ich würde unzufrieden aussehen?!

Natürlich – der meinte das ja gar nicht so! Ich sah im Gegenteil ZU zufrieden aus! Was natürlich nicht geht… eine zufriedene Frau ist eine selbstsichere Frau und selbstsichere Frauen lassen sich nicht von PUAs abschleppen! Es galt also, mich zu verunsichern. Ihr wisst schon, Dominanz zeigen, damit er einen auf Alpha machen kann!

Aber statt völlig zusammen zu brechen, was wohl sein Ziel gewesen war, wurde ich ein bisschen sauer. „Ähm, Hallo? Was ist denn das bitte für ein Spruch?“ ging ich direkt auf Konfrontationskurs. Das brachte ihn ins Schwimmen, auch wenn er versuchte, Contenance zu bewahren. Ich war aber so von den Socken, dass ich ein Mädel hinter mir anhaute. „Stell dir vor, was der gerade zu mir gesagt hat!“
Sie hörte es sich an und wirkte ebenso verblüfft. „Also wirklich, sowas sagt man doch nicht,“ meinte sie tadelnd.
Er versuchte, das Ganze als Witz hinzustellen („Du siehst unzufrieden aus“ – höhö, superwitzig). Da war mir schon klar, dass ich hier jemanden vor mir hatte, der ein Programm abspulte. Und diese Erkenntnis war immerhin interessant genug, dass ich nicht direkt flüchtete. Mal sehen, was der sonst noch so probierte.

Ich hätte es mir nicht schlimmer ausmalen können. Wir, naja, „unterhielten“ uns über das Studium (ich antwortete einsilbig). Als ich auf Nachfrage meinte, dass ich gerne wieder zurück nach Hause will, wenn ich fertig bin, antwortete der doch tatsächlich: „Klar, du machst definitiv den Eindruck, total heimatverbunden zu sein!“
Von der völlig idiotischen Überschwänglichkeit abgesehen: Wir kannten uns ZWEI Minuten. Steh ich drauf, von einem komplett Fremden zu hören, was ich für eine Persönlichkeit habe?

An dieser Stelle dann wieder mein Standardspruch: „Probierst du gerade PickUp bei mir aus?“
Wieder kein „Hä?“. Wie lame.

Damit war für mich die Sache gegessen. Ich hatte keinen Bock mehr auf diese Spielchen und wollte wieder tanzen gehen. Ich machte ihm klar, was ich von PU hielt und verabschiedete mich.

Später sah ich ihn an der Tanzfläche stehen und mich beobachten. Er winkte mich zu sich. Dumm, wie ich bin, ging ich hin und wandte den Kopf, weil ich dachte, dass er mir etwas sagen wolle. Stattdessen packte er meine Hand. Ich, konsterniert, wollte sie wegziehen, doch er umklammerte mein Handgelenk so fest, dass ich mich wirklich losreißen musste. „Darauf steht wirklich keine Frau!“ teilte ich ihm mit, als ich das geschafft hatte.

Seine Antwort: „Scheiß auf dich!“ – und ein beleidigter Abgang.

Tja, PUAs und ihre verletzten Gefühlchen.

All das war nicht gerade dazu angetan, meine Begeisterung für PU zu erhöhen. Abgesehen davon, dass ein Mann, der sein ganzes Leben danach ausrichtet, mit möglichst vielen Frauen möglichst viel Sex zu haben, in meinen Augen so tiefsinnig wie eine Regenpfütze ist, wirkt die Verzweiflung, die sich in der Nutzung kleiner PU-Psychospielchen äußert, für mich so ziemlich als das Gegenteil von „Alpha“.

Da ist mir ein Olli Schulz lieber, der nicht nur witziger ist, sondern die ganze Scheiße auch noch richtig peinlich findet!

Zum Weiterlesen von der fabelhaften Maren, die in dem Thema viel tiefer drin ist (und sich gerne unheimlich witzig der Demontage dieser Bewegung widmet):
Was PickUp so scheiße macht
Was PickUpArtists so scheiße macht

Und Onyx hat auch ne krasse Geschichte über einen PUA auf Lager:
Der vielleicht dümmste Anmachspruch der Welt!

Wenn du den Schmerz ein wenig lindern willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee. Nur brauche ich in diesem Fall Schnaps, aber das ist hoffentlich auch ok.

Von linken Händen und sadistischer Rechtsmacherei

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Eine Studie unter amerikanischen Collegestudenten hat mal ergeben, dass die Hälfte der rechtshändigen Probanden keine Ahnung hat, welche Händigkeit ihre Eltern haben, während die Linkshänder fast alle darüber Bescheid wussten.

Ausgehend von diesem Phänomen ist es ziemlich schwer, zu diesem Thema etwas zu schreiben, weil fast 90% der Leute sich einen Scheißdreck dafür interessiert.

Aber, liebe Rechtshänder: Habe ich trotzdem kurz eure Aufmerksamkeit? Wo ich doch auch ein Bild gebastelt hab und alles?
Ja? Cool. Dann schnell weiter, bevor ihr euch langweilt!

„Nimm doch mal das gute Händchen!“

Ich bin Linkshänderin. Überraschung. Das führte bereits sehr früh zu Problemen – ich bin nämlich in meiner gesamten Familie die einzige.

Deswegen konnte mir niemand Schuhbinden beibringen. Meine Familie war nicht in der Lage, die unendliche Mühe auf sich zu nehmen, einfach mal die andere Hand zu benutzen und „umzudenken“. Da ich, wie jeder Linkshänder, mein gesamtes Leben genau dazu gezwungen bin, muss ich da leider eine gewisse Faulheit und Unfähigkeit konstatieren.
Aber ich war natürlich schon eine Zumutung, wie ich da saß und mit links malte, statt mein gutes Händchen zu benutzen. Sprüche darüber durfte ich mir meine halbe Kindheit anhören – aber schlimm wurde es erst, als ich in die Schule kam.

Mein Grundschullehrer war von der alten Garde und eigentlich super, aber bei diesem Thema hatte er einen kleinen Spleen. Ich hatte mich total auf die Schule gefreut, aber schon nach einer Woche war ich mit meinen Nerven völlig am Ende. Grund: Er zwang mich, alle meine Hausaufgaben doppelt zu erledigen – einmal mit links und einmal mit rechts. Das klingt vielleicht harmlos, aber für ein sechsjähriges Kind ist so eine Doppelbelastung nicht gerade easy. Und nachdem sie sehen musste, wie fertig ich war, stiefelte meine Mutter in die Schule, um ein Machtwort zu sprechen.
Mein Lehrer beugte sich ihrem Willen, aber verstanden hat er es wohl nie. Mit den doppelten Hausaufgaben war es dann vorbei, aber auch danach forderte er mich immer mal wieder auf, doch einfach mal die andere Hand zu benutzen.
Ich war sechs Jahre alt, aber ich habe ihn einfach völlig ignoriert. Ein anderes Mädchen in meiner Klasse hat er auf diese Weise jedoch umerzogen.

Und das im Jahr 1991.

Auf der weiterführenden Schule ging das Elend weiter. Wir hatten in der fünften Klasse Handarbeit, was ich wirklich gerne lernen wollte. Aber meine Lehrerin schmiss ziemlich schnell die Häkelnadeln hin und erklärte, dass sie mir mit LINKS nichts beibringen könne. Wie ich nach diesem Statement ihren Unterricht bestehen sollte, interessierte sie nicht.
Erneut gab es Tränen zuhause und meine Oma verwünschte wieder einmal meine Entartung, aber letztendlich brachte sie mich zu einer Freundin aus dem Kirchenchor, die zwar auch keine Linkshänderin war, dafür aber eine Handarbeitskönigin, und diese schaffte es schließlich mit viel Geduld, mir Häkeln mit der “falschen” Hand beizubringen. Es zeigte sich sogar, dass ich besonders begabt war und letztendlich konnte ich daher das verlangte Werkstück stolz und auf sorgfältigste Weise ausgeführt pünktlich abgeben.

Die Freude währte aber nur kurz: Meine Lehrerin warf einen Blick auf den vorbildlich gehäkelten Topflappen und erklärte, dass ich den unmöglich selbst gehäkelt haben konnte. Dabei sieht man beim Häkeln an den Maschen ganz deutlich, ob sie von einen Rechtshänder oder von einem Linkshänder gehäkelt worden sind!
Ich wieder am Heulen, wieder musste meine Mutter einschreiten und schrieb der Lehrerin einen Brief, in dem sie beteuerte, dass der beschissene Topflappen von mir selbst gemacht worden ist, was die blöde Kuh dann zähneknirschend akzeptieren musste.

„Ne Linkshändlerin?! Also, du schreibst mit links?!“

Weitere Zusammenstöße mit Spitzenpädagogen dieser Art blieben mir persönlich glücklicherweise erspart. Von anderen Linkshändern habe ich schon wesentlich schlimmeres gehört. Ich wurde nie geschlagen, weil ich mit links schrieb, auch wurde mir nicht eine Hand auf den Rücken gebunden, und ernsthaft angefeindet von irgendwelchen Idioten, die das 21. Jahrhundert verpasst haben, wurde ich auch nie, weil ich die „Teufelshand“ benutze. Diese Denke gab und gibt es ja tatsächlich. Nicht umsonst leitet sich der Begriff „sinister“ (böse, heimtückisch, schlecht) vom lateinischen Wort für „links“ ab.

Aber wenn man es nicht anders kennt, gewöhnt man sich ja an vieles. Nach all den Jahren nerven die immer gleichen saublöden Sprüche (“benutz die richtige Hand!” – “Oh, ne Linkstratsche!” – begleitet von debilen Gelächter) zwar schon, aber es ist auszuhalten, auch wenn viele Leute wirklich eine bemerkenswert unbedarfte Doofheit an den Tag legen.
„Oh, du bist Linkshändlerin? Woah… das könnte ich ja nicht!“ Was soll ich denn darauf bitteschön antworten, Captain Obvious? Stell dir vor – ich kann dafür nichts mit rechts, wie man an dem Gekrakel oben sehen kann! Und warum ist meine Händigkeit so unglaublich? Es gibt noch so viele Dinge, die ich auch nicht könnte: Mit einer Frau schlafen, weil ich hetero bin, ohne Leiter ne Wand streichen, weil ich klein bin, Isländisch lernen, weil das keiner kann etc.pp. Warum höre ich so was dümmliches aber immer nur in Bezug auf meine dominante Hand?

Was gibt’s noch?

„Ich schaffe das mit links“ oder „Der hat zwei linke Hände“ – zwei Phrasen, die ich nie benutze (würde ja auch keinen Sinn machen, ne). Über sowas kann ich nur müde lächeln. Und die Tatsache, dass sämtliche Utensilien für Linkshänder teurer sind, lässt sich wohl auch nicht ändern.

Aber das ist alles nicht wichtig, eigentlich. Als diese Minderheit, die immer eine solche bleiben wird, lebt es sich ja nicht zwangsläufig schlecht. Das hier soll kein Forderung einer, kA… „Critical Rightness“ sein oder so eine Scheiße, auch wenn ich mir beispielsweise wirklich gewünscht hätte, dass die Leute, die mir nicht die Hand gaben, als ich letztes Jahr rechts einen Verband hatte, einfach mal auf die bahnbrechende Idee gekommen wären, mir stattdessen die linke Hand zu reichen.

Nee, das ist alles völlig okay, ab und zu ein bisschen ärgerlich, aber okay, wir kommen mit sowas klar, wir Lefties, wir sind es gewöhnt, und außerdem sind Kurt Cobain und Stephen King auch Linkshänder und das ist ultracool. Wir sind eben etwas besonderes!

„Linkshändigkeit ist ein Merkmal der Degeneration.“

Aber ich sage euch, was ganz und gar NICHT okay ist: Kindesmisshandlung.
Huch, krasser Themenwechsel? Nein, überhaupt nicht. Denn es wird verdammt noch mal Zeit, diese sadistische Unsitte der Umschulung als genau das zu benennen, was es ist.

Jahrelang dachte ich, ich wäre eine der Letzten gewesen, bei der man eine Umschulung versucht hatte. Immerhin ist das ja auch schon über 20 Jahre her und wie gesagt war mein Grundschullehrer sehr alt. Ich hielt das für ein Einzelfall, aber inzwischen weiß ich, dass bei zwei Freunden von mir, die einige Jahre jünger sind, diese Umschulung tatsächlich durchgezogen worden ist. Mir wird echt schlecht, wenn ich daran denke, dass der eine in der Metallverarbeitung arbeitet, täglich mit gefährlichen Maschinen hantiert und dabei die Hand benutzt, die bei ihm natürlicherweise nicht für Feinarbeiten ausgelegt ist. Und der andere ist mein Kumpel Tim, der Typ, bei dem ich früher immer gewaschen habe, ein Designstudent – nicht auszudenken, wie viel besser er wäre, wenn er mit der richtigen Hand zeichnen würde, die bei ihm nun mal die linke wäre.

Okay, die paar Jahre – aber HEUTE macht man das nicht mehr, ne? Falsch! Eine Bekannte erzählte mir von ihrem Sohn, den sie gerade im Kindergarten angemeldet hat. Sie teilte den Erzieherinnen mit, dass er Linkshänder ist. Was war deren Kommentar, nachdem sie den Jungen ein paar Minuten gesehen hatten? “Nö, der ist kein Linkshänder!”
Tja, nun hat sie den Buben aber testen lassen und er IST Linkshänder. Den Erzieherinnen war es einfach nur zu stressig, sich auf sowas Abnormes einzustellen und hätten ihn umerzogen, wenn man sie gelassen hätte!

Nun klingt „Umschulung“ oder „Umerziehung“ so lasch, deshalb könnte man sich ja, selbst wenn sowas noch Usus ist, einfach abregen, denn es geht ja nur um’s Schreiben und überhaupt, so schlimm kann das ja nicht sein, wenn umerzogene Linkshänder trotzdem Handwerker werden oder Design studieren können. Dafür macht es ihnen das Leben ja auch leichter, weil sämtliche Werkzeuge, Schreibgeräte etc. für Rechtshänder ausgelegt sind, man spart also sogar noch Geld!

FALSCH. Eine Umschulung ist schlicht und ergreifend das Schlimmste, was man dem menschlichen Gehirn antun kann, ohne daran rumzuschnippeln. Man zwingt es etwas zu tun, wofür es verdammt noch mal nicht ausgelegt ist. Das hat Auswirkungen, die man sich als stinknormaler Rechtshänder nicht mal vorstellen kann!

Zieht euch das mal rein: Die SELBSTMORDRATE ist unter umgeschulten Linkshändern höher als bei der Normalbevölkerung! Immer noch harmlos?! Auch psychische Probleme treten gehäuft auf, wobei da natürlich kaum jemand auf die Idee kommt, dass dies etwas mit der Händigkeit zu tun haben könnte, denn die Betroffenen wissen ja selbst oft nicht mehr, dass sie mal Linkshänder waren!

Bevor jemand auf die blöde Idee kommt:
Nein, umerzogene Linkshänder ≠ psychisch krank. Bei vielen äußert sich das lediglich in einer als charmant angesehenen Links-Rechts-Schwäche, bei anderen scheinbar gar nicht. Aber es gibt halt auch so Leute wie mein Kumpel Tim, der niemals den Führerschein machen und Auto fahren darf, weil er Epileptiker ist, eine Krankheit, die mutmaßlich nicht ganz weg wäre, aber viel schwächer ausgeprägt, wenn man ihn nicht umerzogen hätte. Das hat ihm sein Neurologe zweifelsfrei bestätigt.

Weitere mögliche Auswirkungen einer Umschulung: Konzentrationsschwäche, Gedächtnisschwäche, verminderte Leistungsfähigkeit, Legasthenie, Sprachstörungen, gestörte Reaktionsfähigkeit, Probleme mit der Feinmotorik und der räumlichen Orientierung – und dies nur primär. Was für Selbstwertprobleme und Folgeerkrankungen (dazu zähle ich auch Unfälle im handwerklichen Bereich, die mit der in Wahrheit dominanten Hand nicht passiert wären) sich daraus ergeben, kann sich jeder ja selbst vorstellen!

Nun ist das glücklicherweise kein Schicksal ohne Rückfahrkarte. Es gibt inzwischen viele Anlaufstellen, die eine sogenannte Rückschulung anbieten. Was man nun von umgeschulten Linkshändern liest, die sich zu einer Rückschulung entschlossen haben, ist wirklich unglaublich grauenhaft. Viele berichten davon, sich zum ersten Mal in ihrem Leben ganz und richtig zu fühlen, dementsprechend beschissen und zerrissen fühlten sie sich vorher. Wie, das klingt irgendwie so theatralisch und mimimi? Tja, so ist es aber nun mal. Eine Umschulung, egal ob mit oder ohne Gewalt, hat auf das Gehirn Auswirkungen, die man durchaus mit einem Trauma vergleichen kann – und es ist zum Kotzen, dass das keine Sau weiß!

Deshalb entscheiden sich viele auch gegen eine Rückschulung. 1. fehlt ihnen das Wissen darum, wie massiv dieser Eingriff für sie war, 2. kennen sie es ja nicht anders und 3. scheuen viele auch aus ganz pragmatischen Gründen davor zurück, denn eine Rückschulung ist zeitintensiv, anstrengend und stressig. Man muss ja wieder ganz neu Schreiben lernen!

Leider hält mein Kumpel Tim der letzte Punkt von diesem Schritt ab. Er müsste wohl ein Krankheitssemester einlegen, da er ja kreativ tätig ist und die Erstverschlimmerung bei einer Rückschulung auch nicht vernachlässigt werden darf (gerade auch bei seiner Krankheit). Wer gibt ihm diese Zeit zurück, wie soll er das bezahlen?

Zumindest darauf habe ich beim Überlegen über diesen Artikel eine Antwort gefunden, die vermutlich vielen total radikal vorkommt: der Staat. Ja, wirklich. Wer in einer Schule umerzogen worden ist (und, wie ich bereits darlegte, war dieses Phänomen nicht generell mit dem Siebzigern verschwunden, wie vielerorts behauptet wird), sollte eine Entschädigung und Hilfestellung bei der Rückschulung bekommen, denn Schulen sind staatliche Einrichtungen. Es ist eine Sache, wenn ein unbedarfter Privatmensch keine Ahnung von den negativen Folgen einer Rückschulung hat, aber wenn sowas nicht mal in der Ausbildung von Grundschullehrern enthalten ist, liegt der Fehler ganz eindeutig dort.

Wobei sich die Frage stellt: WIRD so etwas tatsächlich mal erwähnt? In meinem Studium der Erziehungswissenschaften jedenfalls nicht. Nun studiere ich aber ja auf Gymnasium, werde also Kinder unterrichten, bei denen der Prozess der Festlegung auf eine Händigkeit bereits abgeschlossen ist, aber andererseits musste ich mir auch sowas wie lerntheoretische Entwicklungsphasen von Babys anhören und dennoch war die Händigkeit NIE ein Thema. Ob das bei Grundschullehramt anders ist, kann ich nur spekulieren. Ich befürchte nein.
Man muss wohl kein ganzes Seminar über dieses Thema halten, das sich ja auch gut in drei Worten zusammenfassen lässt, nämlich „Umschulung? HELL NO.“ Aber naja, wenigstens EINE Sitzung sollte doch bitte Pflicht sein! Und wenn es nur darum geht, bescheuerte Eltern von so etwas abzuhalten!

Schattendasein als Spiegelbild

Das schockierende Phänomen „Linkshändigkeit“ ist zwar etwas, von dem jeder schon mal gehört hat, wird aber von vielen Rechtshändern, die es gewohnt sind, in einer rechtsdominanten Welt zu leben, unter „Irrelevanz“ abgelegt. Leider auch von vielen Eltern, die es oft nicht mal schaffen, ihren linkshändigen Kindern die einfachsten Hilfsmittel an die Hand zu geben!

Während meines Praktikums in einer Grundschule musste ich mal sehen, wie sich der einzige Linkshänder der Klasse mit einer Schere abmühte. Linkshänder können mit Rechtshänderscheren nur gut schneiden, wenn sie wirklich höllenscharf sind, weitaus schärfer als eine Schere, die Kinder diesen Alters in die Hände bekommen sollten.

Ich ging also zu dem Kleinen hin. “Hast du ne Linkshänderschere?”
“Nee,” antwortete der Bub piepsig.

Aaah, zum Kotzen! Dies ist sogar aus mehr als dem offensichtlichen Grund geradezu perfide: Die Fähigkeit, etwas schön ausschneiden zu können, wird nämlich bei Grundschülern und Kindergartenkindern gerne als Test für den Reifegrad herangezogen. Dann ist es doch einfach scheiße, wenn die kleinen Linkshänder mit falschen Scheren schneiden müssen!

Ich latschte zu seiner Lehrerin und sagte ihr, dass sie den Eltern sobald wie möglich klar machen sollte, dass der Junge eine ordentliche Ausrüstung für Linkshänder braucht. Nur hatte ich nicht den Eindruck, dass die Lehrerin kapierte, wie wichtig das ist!

Also bin ich selbst wieder zu dem Bub hingegangen und habe ihm gesagt, er möge seinen Eltern von der Praktikantin ausrichten, sie sollen ihm gefälligst eine richtige Schere kaufen. Viel lieber hätte ich ihm einen Zettel für seine blöden Eltern mitgegeben, aber ich hatte meine Kompetenzen ohnehin schon mehr als überschritten. Heute würde ich es trotzdem tun!

Was bezwecke ich eigentlich hiermit? Die üblichen Verdächtigen werden wohl behaupten, ich wäre halt mal wieder so eine Tussi, die nur jammern will. Aber dazu habe ich ja keinen Grund, denn mit MIR ist ja alles in Ordnung. Ich wurde nicht umgeschult und kann heute mit ein bisschen irrationalen Stolz auf meine Linke hinunter blicken und denken: „Yeah, you are special.“
Aber andere hatten dieses Glück nun mal nicht – und das muss viel stärker thematisiert werden.

Ich nannte eine Umschulung „sadistisch“, dabei verlangt Sadismus wohl Absicht, weshalb das eigentlich nicht zutreffend ist. Aber auch Ignoranz kann höllenartige Auswirkungen haben. Gegen diese schreibe ich an, denn selbst viele Linkshänder haben keine Ahnung davon. Wenn das dann gleichzeitig dazu führt, auch nicht-umgeschulten Linkshändern das Leben ein bisschen zu erleichtern, sei es nun mit der Bereitstellung „linker“ Materialien durch Erziehungsberechtigte oder einfach nur durch das Verkneifen eines doofen, schon tausendmal gehörten Spruchs – damit wäre ich auch sehr zufrieden!

Eigentlich wollte dieser Beitrag schon seit Ewigkeiten geschrieben werden, aber ich glaubte, dafür einen Aufhänger zu brauchen. Nun war ich am 13. August, dem internationalen Linkshändertag, leider nicht da. Doch eine kleine Unterhaltung auf Twitter gestern hat den Stein schließlich ins Rollen gebracht… und mir ist mal wieder klar geworden (auch durch die Beobachtung meiner Reaktion beim Schreiben – unglaublich, wie ich mich reinsteigern und sauer werden kann!), dass dieses Thema viel öfter auf den Tisch gehört, bis auch die letzten Rechtshänder checken, dass sie verdammt noch mal nicht allein auf der Welt sind.

Als letztes eine Empfehlung für solche, die mehr darüber erfahren wollen und vielleicht sogar jetzt überlegen, sich wieder zurückschulen zu lassen: Das Linkshänderforum mit vielen Erfahrungsberichten, Tipps und Links zum Thema!
leftpower

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Die Demontage eines Idols: „Arrow“ (Teil 2: Kritik)

Achtung: Folgender kleiner Rant Folgende kleine Rezension ist voller Spoiler und bezieht sich auf die erste Staffel. Lest also nur weiter, wenn ihr die Staffel schon kennt oder euch Spoiler in diesem Fall egal sind!

Nach dem ersten Teil, in dem ich über die Comicvorlage berichtet habe und warum ich diese so liebe, könnt ihr euch also gut vorstellen, warum ich auf diese Serie gespannt war.
Und leider muss ich sagen: Ich mag sie nicht.

Prämisse

Bereits die Prämisse der gesamten Serie, die Basis von Olivers Motivation, ist so dermaßen an den Haaren herbei gezogen, dass man nur den Kopf schütteln kann: Wir sehen ihn mit seinem Vater und dem einzigen anderen Überlebenden des Yachtunglücks in einem Rettungsboot treiben (wie lange, wird nicht erläutert – es scheinen aber schon ein paar Tage zu sein). Die Vorräte sind knapp, Rettung offensichtlich noch nicht in Sicht. Daher beschließt Mr. Queen, die Überlebenschancen seines Sohnes zu erhöhen, indem er erst den (völlig unschuldigen) dritten Kerl erschießt und dann schließlich auch sich selbst, nicht ohne Oliver vorher zu beschwören, auch nur ja zu überleben, damit er nach Hause zurück kehren und das Unrecht, an dem er Anteil hatte, wieder gut machen kann.

Ähm, ja. Muss ich ausführen, wie löchrig dieser „Plan“ ist? Mr. Queen hatte nicht die geringste Ahnung, wie diese Sache ausgehen wird. Er wusste weder von der nahen Insel (die zu dem Zeitpunkt noch nicht zu sehen ist), noch von den vielen Jahren Folter, Entbehrungen und Training, die Oliver dort erwarteten. Wie kommt man auf die Idee, in einer solchen Situation – sein entkräftetes Kind schutzlos in einer Nussschale auf dem Pazifik treibend – sich selbst abzuknallen, nur damit es vielleicht nen Schluck Wasser mehr aus der Notration kriegt? Wäre es nicht wesentlich intelligenter gewesen, einfach, naja, AM LEBEN ZU BLEIBEN und damit auch für alle Eventualitäten gewappnet zu sein? Seinen Sohn vielleicht verteidigen zu können, wenn es nötig wäre? Gemeinsam an ein rettendes Ufer zu paddeln, wenn Oliver allein dazu zu schwach gewesen wäre? Sein Hirn anzustrengen und nach Lösungen zu suchen, statt es sich einfach wegzuballern?

Desweiteren ist Oliver zu diesem Zeitpunkt ein gedankenloser, arroganter Partyhengst, dem jegliches Interesse für andere Menschen oder das Geschäft seines Vaters völlig abgeht und der nicht im Geringsten zu dem befähigt ist, was sein Vater von ihm verlangt. Erst die Insel formte ihn zu einem „echten Mann“, wenn man das so nennen will. Wie hätte sein Vater das vorhersehen sollen?

Von diesen groben Logiklücken abgesehen bereitet mir der unbeteiligte dritte Mann allerdings noch mehr Kopfschmerzen. Oliver kehrt am Ende ja tatsächlich zurück, um als grüngewandeter Rächer den Kampf gegen das Böse aufzunehmen, ein Kampf, der ihm sein offensichtlich geläuteter Vater kurz vor seinem Tod aufträgt. Aber wie viel ist dieser Kampf, wie viel Oliver als verkörperte Gerechtigkeit wert, wenn all dies auf einem kaltblütigen Mord basiert? Und wie ernst mag seinem Vater die Wiedergutmachung wohl gewesen sein, wenn er völlig skrupellos in der Lage ist, einfach einen Unschuldigen zu erschießen? Zumal eine Reflexion über diese Tat völlig fehlt. Als Oliver die letzten Momente seines Vaters seiner Mutter schildert, wird dieser Mann nicht mal erwähnt, als gäbe es ihn gar nicht!! Dies grenzt schon extrem hart an Narzissmus – und ist eines Helden nicht würdig!

Die Dialoge

Eigentlich könnte ich diesen Punkt abkürzen und einfach nur sagen: Sie sind gotterbärmlich schlecht. Aber sie verursachen mir wirklich solche Schmerzen, dass ich es dabei nicht belassen kann.

Es gibt eigentlich nur drei Gesprächsthemen in der gesamten Serie:

– Sinnieren über Olivers Vigilantentum. Hauptakteure: Oliver und Dig.

– Emotionalisiertes Herumschwurbeln über seine Ex-Beziehung mit Laurel und darüber, wie ganz doll verstört alle Beteiligten sind und waren. Hauptakteure: Oliver, Laurel, Tommy.

– Allgemeines Rumheulen. Hauptakteure: Eigentlich alle. Aber vor allem die Queen-Familie.

Den letzten Punkt möchte ich gerne weiter ausführen. Mir scheint es wirklich so, als würde so ziemlich jedes Gespräch innerhalb der Familie so ablaufen:

Thea: „Ich war eben mit ein paar Freundinnen Eis essen. Du weißt schon, am Gesellschaftsleben teilnehmen, funktionieren. Aber ich konnte das Eis nicht genießen. Denn weißt du, wem das Eis auch gut geschmeckt hätte? Dad.“
Oliver: „Ach Dad.“
Thea: „Ja. Ich vermisse ihn so. Jetzt kann ich ihm nicht erzählen, dass ich mit Freundinnen Eis essen war.“
Oliver: „Das muss sehr hart für dich sein. Ich vermisse Dad auch.“
Thea: „Ja. Ich bin froh, dass du mir das erzählst. Seitdem du von dieser Insel zurück gekehrt bist, bist du nicht mehr der Bruder, den ich mal kannte. Du bist so verschlossen.“
Oliver: „Thea, ich kann dir nicht erzählen, warum ich so verschlossen bin. Es tut mir sehr leid.“
Thea: „WENN DAD DOCH NUR HIER WÄRE!!!“ *türenknall*

Und nein, das ist KEINE Übertreibung!
Meine Fresse, geht’s vielleicht noch ein bisschen unsubtiler auf die Tränendrüse?! Ich verstehe vollkommen, wie traumatisch es für eine Familie ist, ein Mitglied zu verlieren, und Olivers unerhoffte Rückkehr wird diese Wunden sicher wieder aufgerissen haben, aber Herrgott, irgendwann ist es auch mal gut! Immerhin ist ja jetzt nur einer tot statt wie vorher angenommen zwei. Das sollte doch zumindest ein bisschen tröstlich sein!
Außerdem ist es fünf Jahre her. Eigentlich genug Zeit, Trauerarbeit zu leisten und damit zumindest halbwegs abzuschließen. Natürlich hinterlässt so etwas für den Rest des Lebens Spuren und kann nie ganz abgeschlossen sein, aber naja, man muss auch nicht in jedem Gespräch wieder auf das Thema zurück kommen! DAS IST NICHT HILFREICH!

…und leider auch nicht authentisch. Alle Beteiligten wirken dadurch wie kleine, zarte Pflänzchen, die ununterbrochen nur jammern und offensichtlich seit 5 Jahren kaum ihr Leben im Griff haben. Und das ist einfach too much. Diese Laberei! Das war zwar schon in Dawson’s Creek erfolgreich (ernsthaft, ich habe die Serie kaum je gesehen, weil sie so genervt hat, aber gab es da auch nur EIN authentisches Gespräch, wie es auch zwischen echten Teenagern stattfinden könnte?) und auch Smallville hat sich da SEHR hervorgetan.
Offensichtlich ist dieses überemotionalisierte Herumschwurbeln IN. Ich finde es aber trotzdem scheiße!

Dieses viele Rumtöten…!

Aber kommen wir zu Oliver, der, kaum wieder Zuhause, natürlich direkt weiß, was zu tun ist und als verkleideter Schütze loslegt. Dabei erschießt er direkt in der ersten Folge schon mehrere Typen.

Und das, liebe Freunde der verehrten Comickunst, geht EIGENTLICH gar nicht, denn Green Arrow tötet NIE.

Nun entwickeln sich Comics ja auch weiter, ähnlich wie die menschliche Moral. Die Anfänge, als in Comics noch wahre Lichtgestalten unterwegs waren, sind längst Vergangenheit. Die Akzeptanz für gewisse Inhalte nahm immer weiter zu, so wie auch das Alter des Zielpublikums. Spätestens seit den Siebzigern trauten sich Comics auch Themen anzusprechen, die für Kinder nur bedingt geeignet sind (und erst da fing auch das große Massensterben diverser Charaktere an…).

green arrow first kill
Green Arrow verwackelt den Schuss. The Flash (erste Serie) #217, 1972

Was ich sagen will: Ich habe zwar immer noch lieber diesen Green Arrow im Kopf, der direkt ins Kloster rannte, als er mal jemanden aus Versehen erschossen hat, aber naja – mit einem Killer komme ich irgendwie auch klar. Solange nicht auch noch Batman so anfängt (Niemals. Bitte!!!).

Allerdings nur, wenn das alles noch hübsch den Regeln der Logik gehorcht und nachvollziehbar bleibt, was zugegebenermaßen bei der Rolle, in der ICH ihn gerne sehen würde, fast unmöglich ist (mir fällt jedenfalls nicht ein, wie man einen Charakter gleichzeitig frohgemut, links und dem Töten seiner Gegner nicht abgeneigt anlegen könnte…) – aber leider schafft es die Serie auch nicht. Aber sowas von nicht.

huntress

In mehreren Folgen taucht Helena Bertinelli auf, die Tochter eines Mafiabosses, die mit den kriminellen Machenschaften nichts zu tun haben will und dann, als sie im Geheimen versucht, Beweise gegen ihren Vater zu sammeln, ihren Verlobten durch ein Attentat verliert – angeordnet von ihrem Vater. Deswegen ist sie verständlicherweise sauer und möchte sich rächen.

Sowas nennt sich Motivation und ist zumindest im fiktiven Kontext absolut nachvollziehbar – aber nicht für Mr. Oliver Queen! Dessen Feldzug ist ja, äh, was völlig anderes.

Huntress (Helena Bertinelli) - das Original.
Huntress (Helena Bertinelli) – das Original.

Deswegen ist es ja auch okay, wenn er die bösen Typen, die auf seine Liste stehen, abknallt (und deren Freunde… und die Bodyguards… und noch so ein paar andere Leute, die halt irgendwie noch gerade da sind…!), aber Helena, die ihren mordenden Mafiadaddy um die Ecke bringen will, also nein, das ist ja bäh, das geht gar nicht!

Aber das muss man eben verstehen… der Kerl steht ja nicht auf der Liste. ER STEHT NICHT AUF DER LISTE!!!

Wenn man der Meinung ist, böse Menschen umbringen zu dürfen sei okay, begibt man sich auf SEHR dünnes Eis. Oliver Queen ist allerdings schon längst eingebrochen – und präsentiert sich damit als ein Typ, dessen Einschätzung offensichtlich das Maß aller Dinge ist, obwohl er sich nur auf eine saublöde Liste rekurriert und er ansonsten nicht im Geringsten über sein Handeln reflektiert!

Was mich zum nächsten Punkt führt:

Der Charakter „Oliver“/Olivers Charakter

Tja, was lässt sich dazu sagen? Außer dem vielen Rumheulen, dem halbgaren Moralkodex und dem fremdgesteuerten Rachefeldzug ist da ja nicht viel, oder?

Das nervt mich eigentlich am meisten. Denn Oliver Queen ist witzig. Er ist polternd, tönend, absolut überzeugt von sich, ein polemisches Großmaul, der Polizisten „blaue Faschisten“ nennt und „Bonzen“ hasst und dessen Ansichten ebenso unerschütterlich sind wie seine Neigung, ab und zu seine Meinung einfach mal so um 180 Grad zu ändern. Ein Charakter, den man, wenn er über’s Ziel hinaus schießt (höhö) gleichzeitig hassen als auch dafür lieben kann, dass er sich dabei so verdammt lustig aufregt. Er ist ein Mann mit Idealen, der für eben diese bereit ist zu kämpfen, der nur WEGEN diesen Idealen kämpft.

So ist der Comic-Ollie. Und Arrow-Oliver?

Wir erfahren nach und nach in Flashbacks, wie er auf der Insel zu der starken Kampfmaschine wurde, die ihren Bogen meisterlich beherrscht. Doch wie wurde er zu einem Menschen, der Böses verdammt? Wie wurde er zu einer Persönlichkeit, die sich für Schwache und Entrechtete einsetzt?
Die Antwort ist: gar nicht. In jedem gottverdammten Intro labert er davon, den letzten Wunsch seines Vaters in die Tat umzusetzen. Dabei ist er genauso humorbefreit wie der Rest dieser Serie. Aber darüber hinaus? Ein großes, schwarzes Loch, wo eigentlich so etwas wie eine Motivation sein müsste.

„Now I will fulfill my father’s dying wish“ klingt so großartig, ist aber nur eine nett verpackte Umschreibung für „Ich habe nicht die geringste Ahnung, was ich hier eigentlich mache“. Und das NERVT.

Womit wir bei den Themen der Serie angekommen wären.

Die Themen

Wie gesagt ist Green Arrow eigentlich ein sozialkritischer Held, der sich für die Belange der unteren Klassen einsetzt und gegen Diskriminierungen kämpft. Zumindest in Ansätzen ist das auch in der Serie vorhanden, denn Oliver ist auch dort (obschon Mitglied der Upper Class) auf einem Feldzug gegen Bösewichte, die Schwächere ausgenommen haben, die sich nicht wehren können.

Solange sie halt auf seiner blöden Liste stehen.

Während vor allem die Hard Travelling Heroes Saga bemüht war, auch mal die Perspektive der Opfer zu zeigen (selbst wenn diese vermeintliche „Täter“ waren – beispielsweise Menschen, die nur stahlen, weil sie sonst verhungern würden), geschieht das in der Serie NIE. Eine Behandlung der sozialen Problemlagen findet praktisch nicht statt.

Was aber noch viel schlimmer ist: Es spielt kein Thema in der Serie, behauptet wird aber was anderes!

So gibt es eine Folge, in der eine Familie einen Bankraub nach dem anderen begeht. Dig meint daraufhin zu Oliver, dass sowas doch durchaus auch mal ein Job für „The Hood“ sein könnte. „Ich kümmere mich nicht um Straßenkriminalität“, wehrt Oliver diesen Vorschlag brüsk ab (am Ende tut er das Verlangte jedoch natürlich trotzdem).

Denn ja, Banküberfälle haben ja so wahnsinnig viel mit Straßenkriminalität zu tun. Passiert ja täglich, so ein Bankraub, gell.

Tatsache ist: Straßenkriminalität ist wohl zu proll und bäh, um in der Serie eine größere Rolle zu spielen. Dann müsste man sich ja mit diesen ganzen Losern auseinander setzen, die klauen und überfallen und dealen, weil sie nie etwas anderes gelernt haben, da ihr Land sie schon von Anfang an abgestempelt und ihnen keine Chance gelassen hat, jemals etwas zu erreichen. Das ist ja zu differenziert, da kriegt man ja Kopfweh von. Lieber heult man noch ein bisschen über den toten Papi rum, der ja auch nicht so wirklich der gute Kerl war, für den man ihn gehalten hat, um sich nicht mit echten Problemen auseinander setzen zu müssen.

Auch hier gilt: Wäre das irgendeine Serie und irgendein Charakter, dann könnte ich das ja noch ignorieren. Aber hier geht es nun mal um Green Arrow, den Sozialaktivisten unter den Superhelden. Das ist ein ERBE. Und es ist ja nicht so, als ob in Zeiten von Bankenkrisen, die ganze Familien an den Rande des Ruins treiben, Rassismusdebatten, grassierender Homophobie, Überwachung etc.pp. ein solcher Held nicht mehr benötigt würde. Im Gegenteil!

Eine Serie mit solchen Inhalten hätte ich geliebt. Allerdings hätte sowas von den Programmmachern ja Mut erfordert – den Mut eines Denny O’Neill und Neal Adams. Aber der ist offensichtlich ausgestorben.

Was bleibt, ist ein absolut unpolitischer Held, den man scheut, auf reale Missstände loszulassen. Das treibt mitunter seltsame Blüten. Warum um alles in der Welt muss man in der heutigen Zeit für eine solche Serie eine Droge erfinden, gegen die Oliver dann kämpfen kann? Ich meine, gibt es nicht genug echte Drogen?

Vertigo – Dreh- und Angelpunkt der vielleicht blödesten Storyline der ersten Staffel. Wirkung? Weiß man nicht. Bestandteile? Oh nein, sowas kann man ja nicht in einem Familienprogramm erörtern. Auswirkungen? Ein paar blöde Upper-Class-Gören, die zugedröhnt Unfälle bauen (Olivers süße kleine Sis) oder auf der Straße tanzen, wo sie dann überfahren werden. Suchtpotential? Äh, da war doch dieser Typ, der total krass nervös war und, äh…!
Und das Zeug kommt in PILLENFORM. Oh my fucking God. Und so eine Kinderdroge soll diese ganze Stadt im Würgegriff haben?

Die Drogenproblematik ist eng mit Green Arrows Figurenhistorie verbunden. Als Denny O’Neill sich traute, das Thema in den Siebzigern anzuschneiden (er leitete die Story ein mit den Worten: „Viele werden sagen, die folgende Geschichte dürfe man nicht erzählen…“ *dramatische Musik einblend*), wagte er etwas zu zeigen, was zu dieser Zeit absolut neu und schockierend war:

Green Lantern (2. Serie) #85, 1971. Noch so  ein voll berühmtes Cover.
Green Lantern (2. Serie) #85, 1971. Noch so ein voll berühmtes Cover.

einen drogensüchtigen Superhelden. Green Arrow musste lernen, dass Drogensucht etwas ist, das nicht nur Schwächlinge und Feiglinge heimsucht, sondern jeden treffen kann – auch seinen eigenen Sidekick. Das war gleich aus zwei Gründen bemerkenswert: Erstens kratzte es an der Vorstellung des „perfekten Helden“ (war damit aber auf der Höhe der Zeit) und zweitens an dem Klischee, mit dem sich Politik und Eltern gerne beruhrigten – nämlich, dass nur Asoziale Drogen nehmen.
Seitdem kann das Thema bei Green Arrow nicht mehr unvoreingenommen behandelt werden. Schicksalsschläge, Baby. Und daher war es eigentlich auch nur logisch, dass Drogen auch in sämtlichen Adaptionen des Stoffes (höhö) auftauchen werden. Das war schon bei dem Green Arrow der Fall, der bei Smallville zeitweise rumturnte (leider kein Witz – allerdings war diese Figur und vor allem ihre krasse Beliebheit bei den Fans wohl mit ein Grund, warum Arrow überhaupt in Produktion gegangen ist) und nun eben auch in dieser Serie.

Aber warum so scheiße und oberflächlich?

Irgendwie schafft die Serie es, das Thema gleichzeitig zu diabolisieren als auch zu verharmlosen. So scheint sich seine (übrigens im Comic nicht-existente) Schwester zu Anfang so ziemlich alles einzuwerfen, was sie in die Finger bekommen kann – nur um dann von einem auf den anderen Tag damit aufzuhören. Leidensdruck, Suchtpotential? Irgendwie gar nicht. Gleichzeitig erfährt man über diese Pseudodroge Vertigo absolut nichts, außer eben, dass es eine Droge ist – und damit ja grundsätzlich eeeevil. Mehr Infos braucht man ja nicht, ne.

Ich kann mir nicht helfen – aber jedes Mal, wenn in einem Medium eine erfundene Droge auftaucht (und das ist leider schon öfter passiert), ist es bei mir irgendwie vorbei. Weil es so lame ist. Als müsste man die Zuschauer vor der harten Realität schützen.

Realitätsnähe?

Und damit wäre ich dann am letzten Punkt, der sicher nicht der schlimmste ist, aber nun mal trotzdem hier steht und mir unglaublich auf den Sack geht.

Seit Christopher Nolan für seine Batman-Trilogie so viel Fame abgegrast hat, wird versucht, sein Konzept der „Pseudorealität“ auf andere Projekte zu übertragen. Arrow ist Opfer davon geworden.

Ich bin absolut kein Fan von Pseudorealität (sowie ebenso kein Fan von Nolan allgemein), weil Superhelden nun mal nicht realistisch sind. Boom, harte Wahrheiten. Selbst bei theoretisch möglichen Helden wie Batman passt mir dieser Ansatz absolut nicht, weil damit schlicht und ergreifend ein Haufen Spaß auf der Strecke bleibt. Bei Nolans Batman äußerte sich das z.B. in ultralahmen Kampfszenen, weil sich Christian Bale in diesem Ganzkörperpanzer (warum genau hat er nochmal so viel für die Rolle trainiert?) kaum rühren konnte. Dabei ist Batman ein gottverdammter Ninja!

Bei Arrow ist das ein bisschen subtiler, aber einen großen Kritikpunkt hätte ich dann doch. Vielleicht einen, der für jeden, der noch nie einen Bogen in der Hand gehabt hatte, absolut uninteressant ist. Aber leider BIN ich nun mal selbst Bogenschützin (woran Green Arrow wohl mit einen Anteil hatte) und als solche kann ich das leider nicht ignorieren.

Zuerst war ich ja sogar sehr erfreut über die Änderung, Oliver ganze fünf Jahre auf dieser Insel versauern zu lassen statt nur ein paar Monate, denn fünf Jahre sind vor allem in einer solchen Extremsituation eine ausreichende Zeit, um ein solcher Ausnahmeschütze zu werden.
Natürlich tut er trotzdem mit seinem Bogen ständig Dinge, die ich unter „eigentlich absolut unmöglich“ einordnen würde. Aber hier greift nun die „Superhelden-Realität“: Das muss man eben einfach hinnehmen oder sich halt eine verdammte Doku ansehen. Wer nicht mal bereit ist, für einen Horrorfilm grundsätzlich die Prämisse zu akzeptieren, dass Geister existieren, hat ja auch keinen Spaß an dem Streifen. So auch hier: Da ist also dieser Typ, der eine ziemlich schwierig zu handhabende Waffe, für die man in nicht unerheblichen Maß auch schlicht Talent haben muss, perfekt beherrscht. Alles klar, ist einzusehen!

Doch nun kommen einige technische Details dazu – und ich aus dem Facepalmen nicht mehr raus.
In einer Folge sieht man in einem Flashback, wie Shado Oliver trainiert, indem sie ihn auf Wasser schlagen lässt, damit er stark genug wird, den Bogen zu spannen. Dieser Bogen habe, so wird erklärt, ein Zuggewicht von 150 lbs (englischen Pfund).

„Was mache ich hier eigentlich“ sagt dieser Blick!
Freunde und Nachbarn: HUNDERTFÜNFZIG PFUND. Hat irgendjemand der Schreiberlinge, die das verbrochen haben, schon mal einen Bogen in der Hand gehalten?! Warum haben die Bogenlehrer, die für die Serie sicher engagiert worden sind, nicht mal das Maul aufgemacht?! Hundertfünfzig Pfund!! Wisst ihr, wie VIEL das ist?! Wie gottverdammt UNMÖGLICH es ist, sowas zu spannen – und damit dann auch noch richtig zu zielen?!
Englische Langbogen, so ziemlich die stärksten Bogen, die jemals im größeren Maße auch wirklich verwendet worden sind, kamen im Mittelalter als rüstungsdurchschlagende Waffen zum Einsatz – und hatten sogar WENIGER Pfund! Allgemein geht man von einem Zuggewicht zwischen 100 und ca. 140 Pfund aus, und selbst DAS ist schon unglaublich viel!! Zusammen mit den völlig übertrieben scharfen Pfeilspitzen, die Oliver verwendet, sollte jeder Pfeil jedes Opfer, auf das er jemals geschossen hat, schlicht und ergreifend durchballern. Das ist auf so vielen Ebenen so unendlich übertrieben!!

… und leider nichts weiter als dummes Rumgepose. Denn nein, ein Oliver Queen würde einen solchen Bogen nicht spannen können, auch wenn er fünf Jahre lang nichts anderes getan hätte als Wasser zu verprügeln. Überhaupt, wie lange hat er das gemacht? Ein, zwei Tage? Und schon ging es? UND DANN AUCH NOCH SO LEICHT!?

Wisst ihr, warum mich das am meisten nervt? Weil es so grandios unnötig ist. Keinem Mensch fällt so ein Bullshit auf (außer Schützen wie mir), also hätte man es doch auch einfach weglassen können. Oder, krasser Gedanke: es einfach richtig darstellen können. Auch 70 oder 80 lbs sind für einen Anfänger je nach Fitness extrem schwer zu spannen und reichen für das, was er damit macht, vollkommen aus. Nehmen wir noch den Superhelden-Bonus mit rein: 100 lbs. Schön runde Zahl.
Aber nee – hauen wir doch noch 50% drauf! Ich wünschte, ihr wüsstet, wie dämlich das ist!!

Und das in einem Serienuniversum, das in der gesamten 1. Staffel ansonsten als „reale Welt“ gelabelt worden ist. Womit es laut Gerüchten demnächst vorbei sein wird (Achtung, Spoiler auf Staffel 2): The Flash wird aufkreuzen, erlebt wohlmöglich sogar in der Serie seine „Verwandlung“ von dem etwas lahmen Wissenschaftler Barry Allen zum schnellsten Mann der Welt, der sich mal locker mit vielfacher Schallgeschwindigkeit bewegen kann. Ich habe bisher nur die 1. Folge der 2. Staffel gesehen, aber die unglaublich unsubtil eingeworfene Nachrichtenmeldung über einen „neuen Teilchenbeschleuniger in Central City“ lässt schon eine grauenhafte Ahnung aufkommen (denn nein, ein Teilchenbeschleuniger hatte mit Barry Allens Superkräften im Comic nicht das Geringste zu tun).

Ich bin mir sicher: Die meisten Zuschauer, von denen viele offensichtlich nicht wissen, dass die Serie auf einem Superheldencomic basiert, werden hier unangenehme Gedanken in Richtung nuking the fridge haben – denn man kann nicht erst eine pseudorealistische Welt erschaffen, um sie dann mit sowas zusammen prallen zu lassen. Kein einziges fantastisches, mystisches oder sciencefictionhaftes Element in der gesamten ersten Staffel und dann DAS in Staffel 2? Ooooh jeeee…

Und sonst so?

Ich könnte ja noch ewig ranten. Zum Beispiel darüber, wie unglaublich dämlich die meisten Folgen sind, die oft auf dem Umstand basieren, dass Felicity offensichtlich nur noch ein Update davon entfernt ist, aus ihrem Computer eine Zeitmaschine oder eine Rakete zum Mars zu bauen. Man stelle sich die gesamte Serie mal ohne dieses unrealistische Wunderwesen vor. Klappt nicht, ne.

Oder darüber, wie sehr ich Roy Harper hasse. Der Junge ist verdammt noch mal mitsamt der gesamten Arrow-Familie einer meiner Lieblingssuperhelden, nicht nur deswegen, weil ich eine Schwäche für Charaktere mit Drogenproblemen habe, aber hier schaffen sie es, ihn aber sowas von vollständig komplett zu versauen. Allein diese Frisur!! Und es hat ja nicht gereicht, Clark Kent in Smallville immer in roter Weste und blauem Shirt rumrennen zu lassen – ohne rotem Hoodie kann dieser Typ hier offensichtlich auch nicht aus dem Haus! Er könnte auch ein Schild tragen mit „Seht mich an, ich werde demnächst Sidekick!“

Und Thea! Was für eine Schnepfe! Oder „Laurel“ (warum nicht Dinah!?)! Wie lame! Und diese völlig storyirrelevanten „Workouts“ von Oliver (ist euch aufgefallen, dass in jedem Vorspann eine andere Trainingseinheit gezeigt wird?!), nur um ihn oben ohne zu zeigen, als wäre er dieser hässliche Typ aus Twilight!! Und überhaupt: StarLING City?! Was war denn verkehrt an „Star City“?!

Aber es muss doch auch was gutes geben…?

Es fällt mir schwer, es zuzugeben, aber: Ja.

Stephen Amell ist zwar als Besetzung eigentlich viel zu jung, ist aber – man verzeihe mir mein Gelechze – ein absolutes Schneckchen, auch wenn er mir viel zu übertrainiert ist und ich deshalb auf seine halbnackten Fitnessstündchen verzichten kann. Auch sind die Kampfszenen größtenteils grandios choreographiert und lassen mein Fangirlherz höher schlagen. Das (und noch viel mehr) hätte ich mir für die Batman-Trilogie gewünscht. Und Paul Blackthorne spielt Malcolm Merlyn wirklich erstklassig und schafft es damit, dem einzigen interessanten Charakter in der gesamten Serie Leben einzuhauchen. Angeblich isser ja tot, aber so blöd werden die Macher ja nicht sein!

Fazit

Dennoch reichen diese paar Pünktchen nicht, um die Serie für mich zu retten. Zwar muss ich zugeben, dass ich mit ihr jetzt durch Hassliebe verbunden bin (wohl, weil ich mir ja tatsächlich die gesamte erste Staffel reingequält habe), heißt: Ich werde sie weiter verfolgen, aber leider ist da dennoch der Gedanke, dass hier wieder Mal ein DC-Charakter nicht die Behandlung bekommt, die er verdient, und unglaublich viel Potential verschenkt worden ist.

Ich bin gespannt, wie schlimm es noch werden wird, wundere mich in der Zwischenzeit ein bisschen, warum die Serie in der Internet Movie Data Base ein Rating von 8,1 bekommt und versuche weiterhin, mir beim Facepalmen kein Schädelhirntrauma zuzuziehen.

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Mehr Raum für Antifeministen! Antifeministen brauchen unsere Hilfe!

Ich wurde aufgefordert, eine Linksammlung maskulistischer, maskulinistischer und antifeministischer Internetauftritte zu verlinken und komme diesem Wunsch GERNE nach:

Matzes supitolle Auflistung der hehren Kämpfer gegen die Zersetzung der westlichen Kultur durch die Femnazis und den femizentrisch-faschistischen Staatsapparat

Jetzt denken wahrscheinlich einige „WHUUUT?! Die Tussi ist Feministin, warum verlinkt die ihre Nemesis!?“

Ganz einfach: Ich bin es leid. Ich bin es leid, dass jede blöde Äußerung von Alice Schwarzer am nächsten Tag in allen Gazetten verrissen wird, ich bin es leid, dass in der Uni jeder bei der Erwähnung des Wortes „Feministin“ kichert, ich bin es leid, dass sich aus diesem Grund kaum eine traut, sich Feministin zu nennen, auch wenn es tausend Überschneidungen mit der eigenen Überzeugung gibt, ich bin es leid, mich für jede verbale Bösartigkeit, die sich irgendeine Feministin jemals geleistet hat, rechtfertigen zu müssen, auch wenn sowas nie über MEINE Lippen gekommen wäre, ich bin es leid, als männerhassende Täterin da zu stehen, während die ganzen ach so lammfrommen Antifeministen sich als Verteidiger des Abendlandes profilieren und gleichzeitig rumjammern können, ja so dermaßen von ach so diabolischen Frauen ausgebeutet zu werden.

Der Feminismus ist älter als der Antifeminismus, was logisch ist, denn es kann sich niemand „Anti“ positionieren, wenn es dieses Etwas nicht vorher gegeben hat. Der Maskulismus ist ebenfalls jünger einfach deswegen, weil es bisher in der Weltgeschichte kaum einen Anlass gab, eine männerrechtliche Bewegung zu gründen. Aus dem gleichen Grund gehören jenen beiden Gruppen auch viel weniger Aktivisten an. Womit ich nicht sagen will, dass es nicht durchaus viele Menschen in Deutschland gibt, die der selben Denke anhängen, es aber nicht heraushängen lassen.
Damit sind Feministinnen auch präsenter in der Gesellschaft, was an sich ja schön ist, aber leider dazu führt – und hier kommen wir wieder zu meiner Motivation, eine solche Liste zu verlinken – dass auch viele so richtig dumme feministische Statements eine weitaus größere Verbreitung finden als dies bei so manch unterirdischer maskulistischer Sichtweise der Fall ist.

Dennoch bin und bleibe ich Feministin, denn der Feminismus ist vielschichtig und nur, weil ein paar kranke Tussis davon fantasieren, alle Männer zu kastrieren und sogar schon kleine Jungs hassen, weil männlich, muss mich das in meiner Überzeugung nicht tangieren – denn es ist ja nicht meine, im Gegenteil!

Feministin bin ich, weil ich einige eindeutige Missstände gegen Frauen auch heute noch verorte. Mein größtes Anliegen, mein Hauptaugenmerk und Schwerpunkt sozusagen, sehe bzw. lege ich dabei auf sexueller Gewalt und allem, was damit zusammen hängt. Das nur so nebenbei.

Das heißt jedoch nicht, dass mir sämtliche männerrechtlichen Anliegen am Arsch vorbei gehen, im Gegenteil. Männer waren und sind in vielen Bereichen benachteiligt, wofür ich maßgeblich das verkrustete Rollenverständnis verantwortlich mache, welches mein Feminismus kritisiert und bekämpft. Zwangsläufig entstehen dadurch Überschneidungen zwischen meinem Feminismus und meinem Maskulismus, denn dieser ist auf gar keinen Fall per se schlecht!!

Ich denke, ich habe schon oft genug meinen Willen demonstriert, gegen idiotische Auswüchse des Feminismus anzugehen, genauso, wie ich verständliche Anliegen des Maskulismus jederzeit unterstütze, ohne mich dabei im Geringsten in meinem Feminismus gestört zu fühlen. Denn ich mag Männer und möchte beide Geschlechter in einem respektvollen, liebevollen Umgang miteinander sehen.

Was ich NICHT mag, sind Antifeministen – frauenhassende Arschlöcher, ignorante Scheuklappenträger, die jegliche Benachteiligung gegen Frauen in sämtlichen Epochen der Weltgeschichte leugnen und daher dem Feminismus, egal in welcher Ausprägung, jeden auch noch so zarten Hauch Legitimität absprechen. Männer, die im selben Atemzug den Wunsch einer Frau, Karriere zu machen, verdammen können und gleichzeitig süffisant feststellen, dass Frauen spätestens ab 35 ja eh sämtliche Attraktivität und damit Daseinsberechtigung flöten gegangen ist. Leute wie der gute Matze oben, die meinen, Frauen wären intrigante Ausbeuterinnen, die kein anderes Ziel haben, als sich irgendeinen Kerl mit Kohle zu krallen und sich von ihm ein Nest bauen zu lassen, wo sie ihren fetter werdenden Arsch parken und den Rest ihres Lebens darauf verwenden, ihm aus reinem Kalkül und nur, weil es ihnen einen perversen Spaß bereitet, Männer leiden zu sehen, Zärtlichkeit und Sex vorzuenthalten, während sie andererseits ständig auf der Pirsch nach einem Seitensprung sind, denn Frauen sind ja grundsätzlich untreu und können ein Kind wohl nur lieben, wenn es von einem Mann groß gezogen wird, der unwissentlich nicht der biologische Vater ist.

Klingt bescheuert, findet ihr? Ja, das IST es auch! Es ist misogyner, hasserfüllter und nicht zuletzt menschenfeindlicher Bullshit, dessen ständige Wiederholung zur Spaltung der Gesellschaft und damit zum Unglück BEIDER Geschlechter beiträgt!
Trotzdem es einige Antifeministen gibt, die so oder ähnlich denken, ist immer nur von bescheuerten Feministinnen die Rede, die schon eine geschlechtsspezifische Anrede als Gewalt empfinden und die Farbe Rosa am liebsten aus Gottes Tuschkasten verbannen wollen – weil eine Meinung wie obige eben höchstens im Netz, aber niemals in einer ernsthaften Zeitschrift oder TV-Format kursiert.

„Ach, Internet“, mögen manche jetzt vielleicht denken, „unnötig, sich darüber aufzuregen.“
Tja, aber nur, weil diese Leute im echten Leben vermutlich SO klein mit Hut sind, ändert das leider nichts daran, dass solche Meinungen existieren! Und so lange kaum einer weiß, dass sie es tun, kann ich vollkommen nachvollziehen, warum viele die Augen verdrehen, wenn sie eine Feministin reden hören. Wo augenscheinlich kein Problem, da kein Grund zur Aufregung!

Doch sorry: Es GIBT ein Problem! Und einige davon sind in dieser Linksammlung (sowie in allem, was davor und was danach gelabert wird) gesammelt.

Ich habe nicht jeden Link überprüft. Auch möchte ich, um das nochmals zu betonen, dem Maskulismus nicht die Existenzberechtigung absprechen, da es männerrechtlich gesehen einige eindeutige Baustellen gibt (zu einer liefere ich nächste Woche schon einen lange in Arbeit befindlichen Beitrag – man darf gespannt sein). Ich gehe davon aus, dass viele dieser Links völlig in Ordnung sind und nachvollziehbare Forderungen stellen.

Aber der Antifeminismus ist eben nicht der Maskulismus, sondern höchstens eine ekelhafte Facette davon. Und Links mit solchen Inhalten verbreite ich nur zu gerne. Denn die Abartigkeiten, die Antifeministen von sich geben, sollen gehört und gelesen werden, damit die Menschen sehen, wie nötig der Feminismus auch heute noch ist. Entscheidet bitte selbst, welche Seite zu der einen und welche zu der anderen Gruppe gehört. Spezifizierungen zu einzelnen Links nehme ich gerne in den Kommentaren entgegen.

Daher danke ich dem armen Matze für seine Hilfe. Er glaubt, eine Verbreitung dieser Links würde praktisch die Welt retten und den abgrundtief bösen Feminismus ausrotten. Ich sage: Sowas kann dem Feminismus nur gut tun.

Vermutlich wird er das nicht einsehen und sich diebisch über die Verlinkung freuen. Es sei ihm gegönnt. Dann ist er glücklich, ich bin glücklich und der Christian, auf dessen Blog diese Liste zu finden ist und der dort einige der bemerkenswertesten Kandidaten für den Titel „Antifeminist des Jahres“ um sich schart, ist vermutlich auch glücklich wegen der Klicks.

Jeder freut sich – ist das nicht schön. So nett können Feministinnen sein.

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Die Zugänglichkeit der deutschen Universitäten für das unterprivilegierte Proletariat

Eigentlich wollte ich heute über was ganz anderes schreiben, aber nachdem ich gerade eine Kolumne auf Spiegel Online von Jan „Der schwarzer Kanal“ Fleischhauer gelesen habe und mir dabei fast ein Ei geplatzt ist, muss dieses Thema jetzt endlich auf den Tisch!

Mir ist es wirklich unbegreiflich, wie solche Leute mit ihrer wirren, polemischen Krakelei eine Plattform auf einer der größten deutschen Nachrichtenseiten bekommen können! Was ist jetzt bitte genau sein Problem? Ist er nun für oder gegen Studiengebühren? Ist er dagegen, aber es kotzt ihn an zu wissen, dass die verteufelte SPD von Anfang an keine Studiengebühren einführen wollte? Oder ist er dafür, weil: die Lidl-Verkäuferinnen?! Was ist denn das bitte für eine Argumentationskette?! Nochmal: Wie kann einem solchen Typen die Möglichkeit geboten werden, seine geistigen Abwegigkeiten der breiten Masse zu präsentieren?!

Es kann einem natürlich Angst und Bange werden bei dem Gedanken, die Universität mit solchen Pöbel wie mir teilen zu müssen. Mir dummen Arbeiterkind!

Ich kam im universitären Umfeld mit Klassismus in Berührung, lange bevor ich das Wort überhaupt kannte. Ach, eigentlich fing es ja schon vorher an! Die Arzttochter wurde nach der Grundschule – natürlich! – aufs Gymnasium geschickt, doch ich, Tochter einer Sachbearbeiterin und eines Schreiners, kam selbstverständlich auf eine Realschule. Es half leider nichts, dass ich dort einige Jahre in Folge die Beste in der Klasse war und mich tödlich langweilte – niemand dachte darüber nach, daran nachträglich etwas zu ändern!

Und auch wenn mir immer wieder von einigen Familienmitgliedern nahe gelegt wurde, doch einfach eine Lehre zu machen und Geld zu verdienen, zog ich nach der mittleren Reife den Wechsel zu einer anderen Schule durch und erreichte dort mein Abitur.

Dann ging es darum: Wo studieren? Die nächsten Unis fielen direkt weg, wegen Studiengebühren! Also bewarb ich mich in andere Bundesländer und wurde dort glücklicherweise an einer Uni angenommen.

Und hier fingen die Probleme erst RICHTIG an. Kein Mensch konnte, nein, wollte mir helfen, meinen Stundenplan zusammen zu stellen oder überhaupt mal bei der Studienordnung durchzublicken. Wie sollten sie auch, ich war die erste in meiner Familie, die studiert!
Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte, und als das für meine Eltern offensichtlich wurde, fuhr mich mein ziemlich angepisster Stiefvater zu meiner künftigen Uni und warf mich dort aus dem Auto mit dem Befehl, erst wieder zu kommen, wenn ich die Studienberatung wegen meinen Problemen aufgesucht hätte.

Tja, da irrte ich also auf dem Campus rum, ohne zu wissen, wo ich mich hinwenden sollte. Schließlich, als die Verzweiflung groß genug wurde, ging ich einfach mal in eines der vielen Gebäude rein und fragte dort den erstbesten Studenten, wo die Studienberatung ist. Und er, sicher in bester Absicht, schickte mich leider zum falschen Büro.

Mir wird immer noch ganz heiß bei dem Gedanken, was ich dort erlebte. Stotternd und verschüchtert schilderte ich der Sekretärin meine Probleme, was diese mit einem süffisanten Grinsen bedachte.

„Was, Sie wollen zur Studienberatung für Soziologie? Da sind Sie hier aber falsch, hier ist Jura. Ich würde sagen, da geht das kleine Mädchen noch mal heim und kuckt sich die Öffnungszeiten der Studienberatung im Internet an! Das müsste der Herr Müller sein, im Raum 0815. Der ist aber erst nächste Woche wieder da.“ Ihr Grinsen wurde breiter und noch eine Spur selbstzufriedener. Einen Seitenhieb hatte sie nämlich noch für mich! „Bis dahin können Sie ja noch ein bisschen Hochdeutsch üben!“

Wenn ich diese Geschichte erzähle, ernte ich meist ungläubige Blicke, aber ich schwöre, es hat sich genau so abgespielt! Und oh mein Gott, wie gerne würde ich wieder zu diesem Tag zurück gehen. Heute würde ich dieser blöden Kuh den Arsch aufreißen!!! Aber damals war ich einfach nur erstarrt. Die einzige Aufsässigkeit, die ich mir leistete, war ein sarkastisches „Viel Spaß“ an die anderen Studenten, die noch vor der Tür warteten, als ich davon schlich.

Ich ging zurück zu meinem Stiefvater, setzte mich ins Auto und brach in Tränen aus. Selten habe ich mich so gedemütigt gefühlt. Zum ersten Mal wurde mir klar, dass meine Herkunft, die sich in so vielen Kleinigkeiten äußerte – meinem Auftreten, meiner Wortwahl, meiner allgemeinen Unsicherheit in diesem Umfeld, meinem Dialekt – in gewissen Kreisen ein Grund war, mich von vorne herein zu disqualifizieren und verächtlich zu machen. Aber das war auch die Geburt eines Gefühls, das ich gerne „Arbeiterhass“ nennen würde. Arbeiterhass, geboren aus Arbeiterstolz!
Ich habe mit meinem Stiefvater nie mehr darüber gesprochen, aber als er mich in Tränen aufgelöst so vor sich sah und sich meine stockende Schilderung anhörte, stieg in ihm wohl ein ähnliches Empfinden auf. Er war jedenfalls kurz davor, auszusteigen und zu der Tussi zu gehen, um ihr seine Meinung zu sagen. Leider habe ich ihn damals davon abgehalten.

Und das war nur der Beginn meiner Odyssee, die noch nicht beendet ist und die sich trotzdem immer noch so anfühlt, als wäre ich eine Fremde in einem fremden Land, bewohnt von Leuten, die genauso aussehen wie ich, aber besser gekleidet sind und mit mir nicht mehr gemeinsam haben als Aliens.

Da war zum Beispiel die junge Studentin in meinem Philosophieseminar über Kant, die dem Dozenten aus welchen Gründen auch immer erzählte, dass sie eine wunderschöne Ausgabe der „Kritik der reinen Vernunft“ damals von ihrem Großvater zum Abitur geschenkt bekommen hat.
Ich saß neben ihr und spürte wieder diese Wut. MEIN Opa war Bergmann gewesen und hat in seiner Freizeit Hühner gezüchtet. Ich bin mir fast sicher, dass er in seinem ganzen Leben nie was von Kant gehört hat (fragen kann ich ihn aber leider nicht mehr), geschweige denn jemals auf die Idee gekommen ist, mir ein Buch von ihm zu schenken.

Überhaupt – Bücher. Die Romane, die wir zuhause haben, hatte ich schon mit 12 Jahren durch. Und Sachbücher, Bücher, mit denen man sein Wissen mehren konnte? Ein medizinisches Nachschlagewerk aus den Fünfzigern, in dem Onanie noch als (rein männliche) Krankheit aufgeführt wird und eine sechsbändige Enzyklopädie, die verkündet, die Amerikaner hätten für die nächsten Jahre eine bemannte Mission zum Mond geplant. Tolle Voraussetzungen!

Geld war natürlich auch immer ein Thema. Der obligatorische Bafögantrag wurde gestellt und abgewiesen. Meine alleinerziehende Mutter verdient angeblich zu viel. Und ja, von ihrem Gehalt können junge Sacharbeiter, die anders als meine Mutter, die seit den boomenden Siebzigern im selben Betrieb angestellt ist, heute nur träumen. Auch wurde uns negativ ausgelegt, dass meine Mutter ein Haus besitzt. Aber ein Haus ist nicht automatisch Luxus, vor allem nicht, wenn noch über 100.000 Euro Schulden drauf sind! Ich komme vom Land, da hat so ziemlich JEDER ein Haus, Wohnungen gibt es auf dem Land praktisch nicht! Was hätte sie tun sollen – es verkaufen?! Das Haus, das größtenteils mit ihrem Geld und der Hände Arbeit ihres Partners und Vaters gebaut worden ist, nur damit ihre Tochter studieren kann?! Und dann? Sich eine Wohnung suchen, die mietmäßig im Endeffekt auch nicht billiger kommt als die Raten für unser Haus?!

Ein Sacharbeiter-Gehalt, und davon sollte sie mir eine Wohnung, Essen und Taschengeld bezahlen. Hätte sie nicht geschafft, wenn sie sich nicht ihre eigenen Lebenserhaltungskosten mit meinem Stiefvater geteilt hätte – und damit war es vorbei, als sie sich trennten und sie ihm seinen Anteil am Haus ausbezahlte.
Und das war der Moment, als mir schmerzlich klar wurde, dass mein 400-Euro-Job ebenfalls nicht reicht, um zu leben und ich es nicht weiter verantworten kann, meiner Mutter so viel Geld abzuverlangen. Ein paar Wochen erwog ich ernsthaft, mein Studium abzubrechen und eine Lehre zu beginnen und hätte ich gewusst, dass ich tatsächlich eine Lehrstelle bekommen würde, hätte ich es wohl gemacht. Aber ich wusste es eben nicht, also entwickelte ich einen Plan B und richtete einen Studienkredit ein. Gäbe es diese Möglichkeit nicht, wäre ein Studienabbruch keine Frage des Sollens, sondern des Müssens gewesen!

Man muss dazu sagen, dass ich noch Altstudierende bin, nach allem, was ich beobachtet habe, die BA/MA-Studenten der neuen Studiengänge aber überhaupt nicht arbeiten gehen können! Das Studium ist nun so straff und so arbeitsintensiv (dabei aber nicht im Geringsten besser), dass dafür schlicht und ergreifend keine Zeit mehr bleibt! Für diese Menschen gibt es gar keine andere Möglichkeit als einen Studienkredit, wenn Mami und Papi das Studium nicht bezahlen können! Und selbst damit wird es schwer – der Kredit bei der KfW, den ich habe, ist auf 650 Euro im Monat limitiert! Versucht mal davon zu leben, wenn ihr davon von Miete über Essen über Bücher über Klamotten über Semesterbeitrag ALLES bezahlen müsst!

Und dann stellt euch vor, ihr müsstet davon noch Studiengebühren abdrücken. 1000 Euro im Jahr – dafür muss ich zweieinhalb Monate arbeiten gehen!
Ich hab mal eine Äußerung eines CDU-Politikers gehört, als es darum ging, im Saarland Studiengebühren einzuführen. Ich weiß den Namen des Politikers nicht mehr, aber seine Meinung war folgende: „500 Euro Studiengebühren bei 10 Semestern, das sind 10.000 Euro… das ist ja nicht sooo viel. Das ist ungefähr der Wert eines Autos.“

Wem ist die mathematische Glanzleistung in diesem Beispiel aufgefallen!? Die stammt nicht von mir! Der Mensch war tatsächlich der Meinung, dass 10 * 500 = 10.000 Euro ist! Da ist die Frage dann nicht mehr, ob der Typ selbst studiert hat oder nicht, sondern ob er überhaupt die 5. Klasse geschafft hat!
Muss ich überhaupt noch erwähnen, dass es ein kleiner Unterschied ist, ein Auto von diesem Geld zu kaufen und dieses dann auch zu HABEN, oder sich von 10.000 Euro einfach auf Nimmerwiedersehen zu verabschieden?! Das sollte klar sein, selbst wenn es sich korrekterweise nur um 5.000 Euro handelt! Das ist eine Summe, die man halt auch erst mal verdienen muss – für einen Bankmanager natürlich ein weitaus leichteres Unterfangen als für eine Lidl-Verkäuferin!!

Eigentlich sollte man meinen, die Erkenntnis, dass manche Leute zwar durchaus gut leben können, wie meine Familie es immer tat (wir sind eben NICHT arm!), aber es halt für diese eine kaum zu stemmende Belastung ist, ein Kind – oder, Gott bewahre, zwei oder drei! – zur Universität zu schicken wäre einfach. Aber nein – für gewisse Mitstudenten, aus genannten Gründen eher aus einem besserverdienenden Akademikerhaushalt stammend denn aus meinem Milieu, ist das eine nicht zu leistende Einsicht.

Ich weiß nicht, wie oft ich mich schon dafür rechtfertigen musste, dieses oder jenes nicht zu tun, weil es mir zu teuer ist. „Tja, warum kaufst du dir nicht was ordentliches? Kein Wunder, dass es nicht funktioniert,“ war das Urteil meiner Mitbewohner zu meinem unter-300-Euro-Netbook, das ich vor ein paar Monaten gekauft und direkt verflucht habe, weil es schlicht und ergreifend scheiße ist (mein erstes Netbook hat aber vor vier Jahren auch nicht mehr gekostet und läuft nun gezwungenermaßen immer noch).

Begreift ihr nicht, meine lieben privilegierten Mitstudenten, dass ich mir mehr nicht leisten kann?! Meine Fresse, wenn ich das Geld hätte, würde ich mir natürlich auch ein supergeiles oberpowermäßiges Macbook für tausend Euro irgendwas kaufen, aber ich kann es nun mal nicht!! Leute, ich habe zu diesem Zeitpunkt fast dreißigtausend Euro Schulden!!! Und JA, anders als Bafög muss ich die irgendwann KOMPLETT zurück zahlen!!

Ich freue mich ja für euch, dass alles von euren Eltern bezahlt wird und ihr nicht mal arbeiten gehen müsst, aber kommt mal aus eurer Reiches-Kind-Seifenblase raus und macht verdammt noch mal die Augen auf!

Interessant war auch die Ansicht dieses einen Typen, den ich 2010 auf dem Jakobsweg in Spanien traf, ein Trip, den ich mir vom Mund abgespart hatte! – auf mein Geständnis hin, gerne richtig gut Spanisch sprechen zu können. Obwohl ich mehrmals darauf hinwies, nicht viel Geld zu haben, penetrierte er mich mit Vorschlägen wie diesem: „Ein einmonatiger Sprachkurs in Madrid kostet gerade mal tausend Euro!“
Was, nur tausend Euro?! Ein Schnäppchen! Ich Dummerchen, sowas nicht vorher in Betracht gezogen zu haben!

Fremdsprachen sind definitiv nicht meine Stärke. Aber ist es ein Wunder, dass ich schlechter Englisch spreche und verstehe als Leute, die schon in der Schule ein Auslandsjahr in den USA spendiert bekamen, zwischen Schulabschluss und Uni „einfach mal chillten“ und eine Backpackungtour durch Australien unternahmen und jetzt in den nächsten Semesterferien zwei Monate in Irland zelten wollen?! Und das ich aus diesem Grund jedes Mal ein kleines bisschen eskalieren könnte, wenn man mir herablassend bescheinigt, dass meine Lieblingsserie im O-Ton ja viiiel besser sei?

Klassismus ist nichts, über das ich aus meinem universitären Elfenbeinturm heraus abgehoben fasele, sondern meine Lebensrealität! Daher möchte ich gerne jedes Mal Amok laufen, wenn ich eine elitäre Radikalfeministin lese, die in einer Arroganz, die wahrlich ihresgleichen sucht, mit Fremdwörtern und feministischen Fachtermini um sich wirft, so dass ihr Text für alle, die nicht schon mindestens einen Bachelor haben, völlig unverständlich wird, gleichzeitig aber in einem Akt der totalen puritanischen Selbstbeweihräucherung ob ihrer Hingabe für diskriminierte Minderheiten hinter gebräuchlichen Phrasen ein „RW“ für „Redewendung“ einfügt, „als Hilfe für Nicht-Muttersprachler_innen“.

Was für eine groteske Lächerlichkeit! Und die gleichen Menschen, die sich für den moralischen Eichstrich der gesamten Welt halten, werfen mir Klassismus vor, wenn ich konstatiere, dass es Frauen gibt, die ein niedrigeres Bildungsniveau haben. Können die Frauen was dafür, meinte ich, dass diese Frauen blöd sind?! Nein, aber sie stecken dennoch da drin, wie auch  ich bis zu einem gewissen Grad drin steckte und immer noch stecke!

Und aus dieser meiner Position heraus sage ich am Ende dieses viel zu langen, völlig abschweifigen Posts, um noch mal einen Bogen zu meinem Aufhänger zu schlagen, in aller gebotener proletarischer Deftigkeit: Herr Fleischhauer, ich finde Sie scheiße!

 

Wenn 10.000 Menschen mir via Paypal je eine Tasse Kaffee spenden würden, wäre ich meine Schulden los. Klingt machbar! Willst du einer davon sein?

Die Selbstdemontage des Feminismus, erklärt am Beispiel von ein bisschen Schuhwichse

Im einführenden Post zu meinem Verständnis von Feminismus hatte ich ja schon angesprochen, wie wenig ich mich von der derzeit wohl führenden Strömung des Feminismus vertreten fühle. Dazu möchte ich euch hier nun eine Story darlegen, wie sie beispielhafter nicht sein könnte.

Wenn man sich ein bisschen mit Netzfeminismus beschäftigt, kommt man an der Mädchenmannschaft nicht vorbei, also habe auch ich dort ab und zu gelesen, seitdem ich blogge. Besonders angeturnt hat mich die Seite aber nie: Von Anfang an konnte ich über den Wust an undurchsichtigen Fachwörtern nur die Stirn runzeln (was ich von gegenderter Sprache halte, habe ich ja auch schon dargelegt), die viele Texte für mich unverständlich gemacht haben, auch kann ich mit verlinkten englischen Texten nicht viel anfangen (ja, mein Englisch ist scheiße! Verklagt mich doch!).

Aber naja, die Mädchenmannschaft scheint eine Institution zu sein, daher war es nicht verkehrt, ab und zu zu spicken. Und es wurde sogar mal so richtig mysteriös, als die Mädchenmannschaft anlässlich ihres fünften Geburtstages zur Feier lud – und es danach schien, als wäre die Party zum absoluten Massaker eskaliert.

Was war passiert? Nun, die Veranstalterinnen hatten den verhängnisvollen Fehler begangen, einige Organisatorinnen des Berliner Slutwalks einzuladen.
Slutwalk? Dahinter steckt die Idee, als Frau jederzeit so rumlaufen zu dürfen, wie es einem beliebt, ohne angepöbelt, angepackt oder vergewaltigt zu werden. Keiner hat das Recht dazu, auch wenn man mit Netzstrumpfhosen, XS-Rock ohne Höschen und bauchfrei wie eine „Schlampe“ daher kommt. Dafür gehen die Slutwalkerinnen (mit oder ohne entsprechendem Outfit) auf die Straße und demonstrieren für sexuelle Selbstbestimmung.
Soweit cool und richtig, aber dass Frauen sich selbst als Schlampe bezeichnen, darf man als Frau und Feministin natürlich scheiße finden. Ich fand es anfänglich auch etwas befremdlich, kann den Gedanken dahinter aber nachvollziehen.

Darum ging es bei der Diskussion vordergründig aber gar nicht, man höre und staune. Was aber das eigentliche Thema war, was gesagt und getan wurde, was denn jetzt so schlimm war, darüber gibt auch der entsprechende Artikel bei der Mädchenmannschaft nicht viel Auskunft. Die Slutwalkerinnen waren jedenfalls die Schuldigen (wobei natürlich alle anwesenden weißen Menschen irgendwie schuldig waren – also, weil die ja weiß sind). Es wurden jedenfalls „rassistische Reproduktionen“ geliefert, „weiße Überlegenheitsgesten“ zur Schau gestellt und „Umkehrungsrhetoriken“ waren schließlich auch noch dabei.

Klingt ja erstmal… spannend. Das macht doch neugierig. Wenn eine Freundin in Tränen aufgelöst zu mir kommt und schluchzt, dass ihr Freund sie beleidigt hätte, will ich ja auch als allererstes wissen, was der Arsch gesagt hat.
Aber eine Erklärung? Fehlanzeige. Auch auf anderen Blogs, welche diese unsäglichen Entgleisungen zum Thema hatten, fand ich keinen Hinweis auf die genauen Vorkommnisse. Ich bin also auf meine eigene Fantasie angewiesen, die mich in diesem Fall aber leider im Stich lässt.

Ich meine, „rassistische Reproduktionen“… ich weiß nicht mal, was das ist! Wie muss man sich das vorstellen? Hatten Beate Zschäpe und Anders Breivik auf der Bühne ungeschützten Sex?

Der ganze Mist spielte sich bereits im September ab, aber ich weiß immer noch nicht, was da genau abgelaufen ist, genauso wie alle anderen, die nicht dabei waren (also ungefähr 80 Millionen Deutsche minus 100). Offensichtlich waren die Ereignisse so dermaßen traumatisch, dass man sie unmöglich öffentlich wiedergeben kann. Einig waren sich aber wohl alle darin, dass sowas NIE-NIE-NIE wieder passieren dürfe!

Ebenso waren alle der Meinung, dass die Slutwalkerinnen am beschissensten waren, weil die rassistisch sind. Das ist ja erstmal ein harter Vorwurf. Wie kommen die darauf?
Ganz einfach: Auf dem letzten Slutwalk sind ein paar Demonstrantinnen auf die Idee gekommen, sich mit Schuhcreme (ich gebe zu, ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, das Wort „Wichse“ in eine Artikelüberschrift einzubauen!) oder sonstwas Burkas auf ihre teilweise nackten Körper zu malen, zu sehen hier: klick

Und ab da war die Kacke am Dampfen.

Irgendjemand fing an, dies als „Blackfacing“ zu verurteilen und alle anderen übernahmen das völlig unreflektiert, vielleicht, weil der Begriff anders als so viele andere Termini des Netzfeminismus so leicht verständlich und durchschaubar ist.

Blackfacing im Klu-Klux-Klan-Epos
Blackfacing im Klu-Klux-Klan-Epos „Birth of a Nation“

Blackfacing bezeichnet im Übrigen die ehemals weit verbreitete (und teilweise immer noch vorhandene) Praxis im Theater, Film etc., weiße Schauspieler oder Schausteller auf schwarz zu schminken. Damit wurden in Varietees gerne schwarze Menschen bloßgestellt und veralbert, zudem konnte man den für Rassisten natürlich unzumutbaren Zustand umgehen, mit echten schwarzen Schauspielern arbeiten zu müssen. Auf Theaterebene dürfte das bekannteste Beispiel für eine geblackfacte Rolle wahrscheinlich „Othello“ sein.

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Geht auch umgekehrt.

Blackfacing ist also an sich wirklich ziemlich rassistisch. Doch hier kommen wir direkt zum Ausgangsproblem dieser ganzen saublöden Diskussion, das darum auch das Schlimmste ist: Was die Slutwalkerinnen gemacht haben, IST KEIN BLACKFACING.

Ich hatte vor Wochen das zweifelhafte Vergnügen, mit einer Feministin im echten Leben darüber zu diskutieren. Die Bereitschaft, einfach mal einzusehen, dass hier jemand voreilig ein falsches Etikett draufgeklatscht hat, ging völlig gegen Null. Und selbst WENN es kein Blackfacing wäre, so ihre Argumentation, ist es ja immer noch rassistisch, dass hier mutmaßlich deutsche Frauen gegen Burkas demonstrieren, da sie damit in unangemessener, kolonialistisch anmutender Weise für die besagten Burkaträgerinnen sprechen, obwohl sie selbst nicht betroffen sind. Dies scheint im Übrigen nicht ihre exklusive Meinung zu sein, sondern ist u.a. bei der Mädchenmannschaft und Feministinnen ähnlicher Couleur wohl inzwischen anerkannter Konsens.

So. Und da muss ich ganz ehrlich fragen: Habt ihr alle den Arsch offen?!

Es kann doch wohl nicht sein, dass Frauen, die es scheiße finden, dass andere Frauen gezwungen werden, sich zu verschleiern, als Rassistinnen bezeichnet werden!! Ich glaub es hackt!
Das Verschleierungsgebot im Islam ist sexistisch und zum Kotzen und das sollte doch wohl feministischer Konsens sein! Was das mit Rassismus zu tun hat, erschließt sich mir übrigens immer noch nicht. Ehrlich gesagt finde ich es weitaus rassistischer, die Kritik an einer Religionsgemeinschaft als Rassismus zu bezeichnen, weil dies impliziert, Anhänger dieser Religion würden alle miteinander zu einer anderen Rasse gehören. Das hatten wir in Deutschland doch schon, das ist langweilig!
Moslems gibt es überall auf der Welt! Es gibt schwarze Moslems, arabische Moslems, moslemische Latinos, asiatische Moslems und nicht zuletzt weiße Moslems. Schwarze und arabische sind wohl global in der Überzahl, aber dennoch: Wie kann eine Kritik gegen des Islam bzw. eine dort verbreitete sexistische Praxis rassistisch sein? Islamophobisch – okay! Aber rassistisch, nein, das geht nicht klar!

Viele Frauen werden sich wohl erstmals mit feministischen Ideen auseinander setzen, wenn sie als Mädchen bemerken, dass andere Mädchen vieles nicht dürfen, was in Deutschland selbstverständlich ist. Dass Mädchen in anderen Ländern oft nicht lesen und schreiben lernen dürfen, zum Beispiel. Oder eben, dass sie sich verschleiern müssen, während gleichaltrige Mädchen hier die Qual der Wahl zwischen einem „Hello Kitty!“-Shirt und einem „Emily the Strange“-Tanktop haben. Das ist ein super Nährboden für weitere feministische Anliegen, denn diese Mädchen werden irgendwann den Blick zurück nach Hause richten und merken, dass hier ebenfalls noch viele, viele Dinge sehr, sehr falsch laufen.

Damit könnte eine neue Feministin geboren sein. Super! Nur leider passiert das nicht. Was glaubt ihr, wie sich ein solches Mädchen vorkommen würde, wenn sie mit der Vorstellung, dass Burkas sexistisch sind, auf erfahrenere Feministinnen trifft und dann angeklagt wird, eine Rassistin zu sein? Das ist ja mal so ein richtiger Schlag in die Fresse für einen Newbie! Und ein erfolgreicher noch dazu, denn dieses Mädchen wird sich auf dem Absatz umdrehen und wegrennen!
Und da wären wir bei der Selbstdemontage. Solche Inhalte und vor allem solche Anfeindungen gegen interessierte Menschen, die sich völlig logisch gegen sexistische Bekleidungsvorschriften aussprechen, können ja nur abschreckend sein! Was glaubt ihr denn, warum man ausgelacht wird, wenn man sagt, man sei eine Feministin? Cool ist der Feminismus im öffentlichen Bewusstsein jedenfalls nicht – genau wegen so einer Scheiße!! Und das führt folgerichtig zu einer stetig sinkenden Zahl an Frauen, die sich unter dieses Label begeben wollen, was ja wohl niemand in der Szene toll finden kann!

Die geballte Verachtung der etablierten Radikalen bekamen jedenfalls die Slutwalkerinnen zu spüren. Und das nur, weil sie fresh und frech sein wollten und Bodypainting betrieben haben.
Das ist dieses angebliche Blackfacing nämlich eigentlich: Bodypainting. Niemand hat sich schwarz angemalt und sich als eine andere Ethnie ausgegeben. Es waren aufgemalte Burkas, die nun mal schwarz sind! Wie schwer kann es sein, diesen Unterschied zu kapieren?!

Und der angebliche Rassismus, der darin besteht, für Frauen in Burkas zu sprechen – meine Fresse!

Wer eine Frau zwingt, sich ganz zu verschleiern, ist scheiße. Und eine Religion, die dies verordnet, ist demzufolge auch scheiße! Damit sage ich weder, dass der gesamte Islam beschissen ist (zumal die Verschleierung eigentlich gar keine religiöse Pflicht darstellt – anders als z.B. im Christentum!) oder alle Moslems, sondern nur, dass ein Typ, der seine Frau oder seiner Tochter in eine Burka zwingt und das mit seiner Religion begründet, ein sexistisches Arschloch ist! Viel mehr wollten die Slutwalkerinnen wohl auch nicht sagen!
Wenn das rassistisch und islamophobisch ist, mein Gott, dann bin ich es halt! Genauso, wie ich christenfeindlich bin, weil ich die Haltung der Kirche zur Homosexualität zum Kotzen finde oder antisemitisch, weil ich absolut gegen Beschneidung bin! Wenn man Zeit sparen will, kann man das ja gleich „antiabrahamitisch“ nennen und falls es das Wort nicht gibt, erfinde ich es hiermit! Also los, verurteilt mich!

Blackfacing, Rassismus und die blöden Slutwalkerinnen also. Als ich mich durch den ellenlangen „Sorry“-Artikel bei der Mädchenmannschaft quälte und darauf noch in ein paar Blogs stöberte, kam ich mir vor, als wäre ich die einzige vernünftige Person auf der Welt. Nirgendwo las ich auch nur das geringste bisschen Widerstand gegen die von irgendjemanden in die Welt gesetzte glatte Lüge, die Slutwalkerinnen würden blackfacen, und leider haben selbst die Slutwalkerinnen, wohl erschreckt von so viel shitstormigen Hass, eher eine entschuldigende Demutshaltung eingenommen statt einfach „Äh, gehts noch?!“ zu sagen. Es ist nun mal schwer, sich gegen so laut gröhlende Platzhirsche zu verteidigen und an sowas wie Vernunft zu appellieren.

Dennoch hat es jetzt endlich jemand getan und das ist auch der Grund für diesen Artikel. In der aktuellen „Emma“ werden die Ereignisse rund um die Eskalationen bei der Geburtstagsfeier der Mädchenmannschaft aufgeführt und ENDLICH kritisch beleuchtet, was natürlich sofort Gegenreaktionen hervorrief. Khaos.Kind findet den Artikel gar so scheiße, dass sie sich nie wieder eine „Emma“ kaufen will.
Tja, ich dagegen nahm dies als Anlass, mir heute morgen die erste „Emma“ meines Lebens kaufen zu gehen. Stockbesoffen suchte ich am Bahnhofskiosk nach einer Ausgabe (letztendlich musste ich einen Mitarbeiter bitten, mir zu helfen. Die „Emma“ lag im Regal unter dem Ressort „Autos und Technik“, wo ich sie nicht so wirklich vermutet hätte. Nur so als lustige Anekdote nebenbei.) und habe den betreffenden Artikel, der leider nicht mehr online verfügbar ist, gerade gelesen.

Ich kann nur sagen: YES, tausendmal YES!!! Klartext, endlich!! All das, was ich vorher so oft gedacht habe, was aber nie auf Seiten der Mädchenmannschaft erschien, was ich auch gar nicht versuchte dorthin zu kommentieren, weil es eh nicht freigeschaltet worden wäre, endlich gebündelt in einem fantastischen Artikel! Und sogar Alice Schwarzer selbst hat direkt zu Anfang auch ein paar Worte über die Vorkommnisse geschrieben. Und da muss ich sagen: Ich habe in der Vergangenheit nie einen Hehl darum gemacht, Alice Schwarzer nicht zu mögen, aber hier schreibt sie sich in mein Herz! Ich unterschreibe jeden Satz!

Zudem bietet der Artikel noch viele weitere Infos rund um den Skandal, die man angesichts der gleichgeschalteten Mädchenmannschafts-Informationspolitik auf der Seite vergeblich gesucht hat. Interessant, wie es da neuen Bewegungen erschwert wird, sich in der feministischen Szene zu etablieren,  nur weil man beleidigt ist, weil man da nicht die Chefin ist!

Das größte Problem ist für mich diese gewollte Verquickung von Feminismus und Antirassismus, die bei der Mädchenmannschaft vorherrscht. Ehrlich gesagt habe ich am Anfang schlicht und ergreifend überhaupt nicht gecheckt, warum dort alles so durcheinander geworfen wird. Auch Khaos.Kind schreibt: Es geht nicht das eine ohne das andere.

Da frage ich mich wieso? Für mich sind das zwei völlig unterschiedliche Baustellen. Beide Anliegen treten für die Freiheit des Einzelnen ein und gegen Pauschalisierungen aufgrund von Äußerlichkeiten, aber das wars doch auch schon.
Ich habe lange überlegt, wie ich das unverfänglich formulieren könnte, aber da das wohl nicht möglich ist, schreibe ich einfach so, wie ich es auch denke: Ich bin zwar gegen jede Form des Rassismus, aber Antirassismus ist einfach nicht mein Hauptanliegen. Ich bin doch schon antirassistisch eingestellt, warum soll ich mich dann auch noch plakativ als Antirassistin bezeichnen, nur weil ich gleichzeitig Feministin bin? Ich finde, dieses Label sollte denen vorbehalten werden, die sich wirklich in dieser Szene engagieren, was ich weder tue, noch vorhabe. Feminismus ist mein Thema, Antirassismus nicht. Schon gar nicht, wenn mich dieser völlig überzogene Anspruch an den Antirassismus schon allein deswegen zur Rassistin stempelt, weil ich zufällig weiß bin.

Lustigerweise bin ich laut den Regeln dieser Menschen nicht mal wirklich weiß. Mein Vater ist Südamerikaner, was mich zu einer Latina und damit zur Woman of Color macht. Meinte jedenfalls die oben erwähnte Feministin. Es war sehr komisch mit anzusehen, wie die sich wand, als ich ihr diese Info lieferte, denn ganz ehrlich, sehen tut man das wirklich nur im Sommer und auch nur, wenn man es weiß. Damit dürfte ich mich ihr zufolge zwar Woman of Color nennen, wenn ich das MÖCHTE, aber ich hätte ja trotzdem weiße Privilegien, da ich als weiß „gelesen“ werde. Damit bin ich also irgend so ein Zwischending… und ihr Ton wurde direkt ein bisschen vorsichtiger.

Ach, das ist doch alles Schwachsinn. Mein Vater ist wirklich Südamerikaner, aber ich bin weiß, basta. Dennoch verbitte ich mir die Beleidigung, eine Rassistin zu sein, die von den Rassistinnen der Mädchenmannschaft kommt.
Rassistinnen der Mädchenmannschaft? Aber klar! Wer allen weißen Menschen und damit auch mir sagt, wir seien allein aufgrund unserer Hautfarbe rassistisch, ist es wohl selber ganz eindeutig. Na, wem da wohl die Ironie gerade in den Arsch beißt!

Es ist einfach verdammt schade, dass diese Form des Feminismus zumindest im Netz momentan wohl die Tonangebende ist. Aber nur weil man am lautesten brüllt, hat man sicher nicht automatisch Recht. Die Slutwalkerinnen, die von der Mädchenmannschaft auf diese Weise angefeindet worden sind, hätten nicht so zu Kreuze kriechen müssen. Eher wäre doch ein gepflegt-saftiges „Fick dich“ in Richtung der Mädchenmannschaft angebracht gewesen. Denn die gesamte Aktion war toll und unterstützenswert, was durch diesen kleinlichen Krieg der antirassistischen Gender-Studies-Akademikerinnen-Elite nun komplett untergegangen ist.

Tja, und so demontiert sich der Feminismus also weiter von selbst, nur weil ein paar Frauen meinen, dass sie die Alleinherrschaft über die political correctness haben und dem Rest der feministischen Gemeinde diktieren dürfen, was die zu denken und zu sagen hat. Und natürlich, WIE sie es zu sagen hat.

Naja – mit mir jedenfalls nicht!

Edit: Miriam hat mir in den Kommentaren ein paar Links zu Artikeln geliefert, die sich schon vor der „Emma“ kritisch mit den Vorkommnissen auseinander gesetzt haben (sie selbst hat das übrigens auch). Weil das so eine schöne Ergänzung und wirklich lesenswert ist:

Taz: Mädchenmannschaft ausgewechselt

Jungle World: Eine ganz eigene Diktion

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Früher waren wenigstens noch die Kinder froh, wenn es geschneit hat

„Hinweg, du unangenehme… Jahreszeit!“

Diese Woche war es dann endlich auch bei uns soweit: Schnee!

Nicht, dass Schnee was ungewöhnliches wäre für mich, aber in meiner unfreiwilligen Wahlheimat ist man damit völlig überfordert. Hier bricht sofort der komplette Verkehr zusammen, sobald ein Schneeflöckchen auf den Rathausplatz fällt. Bereits vor Wochen, als es zeitweise höchstens ein bisschen graupelte, kippten diese Idioten Tonnen von Salz auf die Straßen, was selbstverständlich unglaublich umweltschonend ist. Auch auf den Gehwegen setzen die Anwohner bei den gigantischen Schneemengen (ich habe nachgemessen: Vorgestern waren es brandgefährliche drei Zentimeter!!1!) lieber auf Salz denn auf Muskelkraft. Diese Genies!

Sowas gäbe es bei uns nicht, obwohl in meiner Heimat bedeutend mehr Schnee fällt.

Ich habe Schnee immer sehr gerne gemocht. Ohne angeben zu wollen: Ich war eine unangefochtene Schlittenkönigin. In Kindergarten und Grundschule konnte es niemand mit mir aufnehmen. Ich war immer die Schnellste und Wagemutigste und darum wurde auch immer ICH ausgewählt, wenn der obligatorische winterliche Kampf „Kufenschlitten vs. Bob“ entbrannte.
Diese blöden Bobfahrer behaupteten nämlich immer, wir würden unsere Bahn mit den Kufen kaputt machen. Dabei sind sie es, die die Bahn mit ihren arschlangweiligen, lahmen Bobs aufrauen und damit zerstören.
Jeden Winter kam es deshalb zum Streit, den wir vor der drohenden Eskalation immer mit einem alles entscheidenden Rennen klärten. Es fuhr der beste Schlittenfahrer (aka MOI) gegen den besten Bobfahrer. Und ich habe IMMER gewonnen! Auch wenn in den späteren Jahren immer wieder Sabotageakte verübt wurden. Aber damit konnten sie mir nichts anhaben, weil ich einfach zu gut war :mrgreen: Einem in meine Bahn gestoßenen Bob habe ich einfach halsbrecherisch umrundet und fuhr befriedigt durchs Ziel, während ich hörte, wie mein Gegner in das eigentlich mir geltende Hindernis krachte.

Hach, Success! Wenigstens einmal im Leben.

Schnee ist echt toll. Es macht Spaß, sich in ihm rumzuwälzen, gleichzeitig macht es mit Schnee vor der Tür aber auch mehr Spaß, drin zu bleiben. Während es schneit, ist die gesamte Welt super schallisoliert und wenn er dann liegen bleibt, sieht die gleiche Welt direkt viel weniger scheiße aus.

Aber es gibt da eine Sache, über die ich einfach nicht hinweg komme, ein Problem, das Frau Weh unlängst geschildert hat.

Schneeballschlachtverbot auf Schulhöfen. Jetzt mal ganz ehrlich: Gibt es was blöderes?

Ich kenne das noch aus meiner eigenen Schulzeit und fand es damals auch schon bescheuert. Man darf auf dem Schulhof keine Schneebälle werfen, weil irgendwelche Arschlochkinder Steine in die Bälle einarbeiten könnten, so wurde mir das damals erklärt.
Tja, wenn diese Kinder das tun, sollten sie den Arsch voll kriegen (bildlich gesprochen). Ich denke, es dürfte doch kein unüberwindbares Hindernis darstellen, Schneeballschlachten zu erlauben, aber ein paar Verhaltensregeln aufzustellen. Zum Beispiel: Keine Steine in die Bälle. Oder nicht alle auf einen. Das klappt bei allen anderen Spielen ja auch!

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Aber NEE, es ist ja zu GEFÄHRLICH. Mir kommen die Tränen.
Ich würde jetzt mal ganz dreist behaupten, dass 100% aller Deutschen schon mal bei einer Schneeballschlacht mitgemacht haben (denn das „Problem“ ist ja nicht weg, nur weil man es in der Schule verbietet). Aber wie viele Menschen kennt ihr, die durch sowas schon ein Auge verloren haben?
Na also: keinen. Das ist eine ganz einfache Bielefeld-Rechnung. Ergo: Schneeballschlachten sind nicht gefährlich! Jedenfalls ist der Sportunterricht weitaus gefährlicher.

Warum also den Kindern den Spaß versauen?

Auch darauf ist die Antwort eindeutig: Weil es halt verboten ist.

Ich finde es immer wieder lustig, wie Menschen sich sklavisch an Gesetze halten, nur weil es Gesetze sind, ohne auch nur mal eine Minute darüber nachzudenken, ob diese Gesetze sinnvoll sind oder nicht. Das wurde mal getestet, indem man einen völlig einwandfreien Bürgersteigabschnitt mit Schildern absperrte. Alle Leute sind brav dran vorbei gelatscht, obwohl jeder sehen konnte, dass der Straße an der Stelle nichts fehlte.
Aber-aber-aber da war ein SCHILD!!! Also muss man seiner Bürgerpflicht nachkommen und sich gefälligst daran halten, auch wenn man einen Umweg latschen muss! Das Milgram-Experiment für den täglichen Gebrauch!

Ich bin ja selber nicht davor gefeit, aber ich versuche wenigstens, mein Hirn genug auf Trab zu halten, um solchen Fallen zu entgehen. Dazu hatte ich dann während meines Schulpraktikums tatsächlich mal ein schönes Erlebnis:

Ich überquerte den Schulhof Richtung Sporthalle (nur hinter derselben, in eine Ecke gekauert, durfte ich rauchen), als ein Bub mit Skateboard an mir vorbei fuhr. Ich hatte schon den Mund halb offen, um dem Kerl zu sagen, dass Skateboards auf dem Schulgelände verboten sind, aber gerade noch rechtzeitig kam mir die Erleuchtung.
Interessiert mich das überhaupt? Das Verbot ist dämlich, totstürzen kann der sich auch überall sonst! – dachte ich, und ließ ihn weiter fahren.

Ich hätte es ja kaum für möglich gehalten, aber sogar deutsche Gerichte scheinen in letzter Zeit ein wenig an der Quelle des gesunden Menschenverstandes genippt zu haben. Es gab nämlich vor kurzem tatsächlich einen Lehrer, der bei einer Schneeballschlacht auf dem Schulgelände mitgemischt und dabei was aufs Auge bekommen hat (es gibt sie also doch, diese Fälle. Aber das ist vermutlich statistisches Rauschen.). Die Kosten für die medizinische Versorgung wollte die Schule nicht übernehmen, weil er ja selbst Schuld ist, wenn er bei etwas mitmacht, was VERBOTEN!! ist. Das Gericht sah das anders und eroberte sich damit einen besonderen Platz in meinem Herzen.

Schon klar, diese Sache zu erlauben, ist vermutlich ein versicherungstechnisches Problem. Eltern würden wohl jeder Schule aufs Dach steigen, wenn ihr geliebter Linus-Sebastian oder ihre Elisabeth-Annegret ein böses Steinchen ins Auge kriegt.
Aber tja… dann sollen die Eltern das eben einfach nicht dürfen. Wenn das Schätzchen sich beim Spiel im heimatlichen Schrebergarten verletzt, kann man ja auch niemanden verantwortlich machen. Das will ja keiner. Und das ist die Definition des Wortes „Unfall“. Von denen übrigens immer noch die meisten im Haushalt passieren.
Warum sollte also die Schule für etwas verantwortlich sein, das ganz klar höherer Gewalt unterliegt? Und was soll überhaupt diese ganze Übervorsicht? Ich bin auch ohne Netz und doppelten Boden durch meine Kindheit gekommen. Dabei hab ich einen Zahn verloren und meine Nase musste genäht werden, aber meine Güte! Lieber fällt sich das Kind ein paar Mal die Knie blutig, als dass man Bewegungslegastheniker heran züchtet, die umfallen, wenn sie zum ersten Mal in ihrem Leben auf einem Bein stehen müssen.

Die Schule sollte einfach sagen: Schneeballschlachten ab jetzt erlaubt. Gleichzeitig sollte man den Heimunterricht in Deutschland zulassen. Wer nämlich dann als Elternteil bei dieser Ankündigung ein Bild seines Kindes mit zermatschten Augäpfeln vor sich hat, kann sein Kind einfach selbst zuhause vererziehen und es dabei in eine riesige Plastikbubble sperren.

Dann sind alle glücklich und ich kann meine Kinder in eine Welt setzen, in der sie Schneebälle werfen dürfen, wo es ihnen passt.

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Ich trinke zwar keinen Kaffee, aber das muss ja niemand wissen.