Und jetzt?

Nach vier Monaten ist es wohl mal wieder Zeit für ein Update.

Momentan habe ich die Aufmerksamkeitsspanne eines demenzkranken Goldfischs, deshalb ist Twitter gerade das einzige Medium, über das ich mich überhaupt regelmäßig zu Wort melde. Dabei gibt es zumindest eine Neuigkeit, die dann aber auch der Grund für meinen derzeitigen Zustand ist: Ich habe, mit Biegen und Brechen zwar, aber dennoch, tatsächlich mein Studium erfolgreich abgeschlossen beendet. Und dafür habe ich auch nur doppelt so lange gebraucht wie angesetzt! YAY!

Schön war das zum Ende hin nicht. Ich bin ja eine entschiedene Gegnerin der Bologna-Reform, aber wenigstens haben die Bachlor- und Masterstudenten nicht sämtliche notenrelevanten Prüfungen erst am Schluss. Nicht, dass ich nicht genug Zeit zum Lernen hatte, auch wenn einer meiner Dozenten entsetzt war über mein spätes Auftauchen zur Themenbesprechung (ich war ca. sechs Wochen vorher da, für ihn viel zu kurz, effektiv gelernt habe ich aber höchstens sechs Tage. Meine Note? Ne solide Zwei.), trotzdem wird mir das letzte Jahr als das grauenhafteste aller Zeiten in Erinnerung bleiben. Nach meinem Marathon im Frühling, währenddessen ich fünf Hausarbeiten in ebenso vielen Wochen fertig stellte (natürlich keine davon notenrelevant), ging es meinem Empfinden nach nahtlos weiter mit dem Unischeiß, obwohl das in Wahrheit so gar nicht stimmt. Mein Stresslevel war dennoch konstant hoch, sank nicht während meiner Vorbereitung auf die Klausuren und entlud sich schließlich, als ich kurz vor der eigentlich leichtesten mündlichen Prüfung vor der Sekretärin des Landesprüfungsamts einen kleine Heulattacke hatte und die Prüfung daraufhin verschieben durfte – was nett von ihr war, im Prinzip das Leiden aber nur verlängerte.

Bei all dem könnte man meinen, dass ich nach der letzten Prüfung auf Wolken hätte schweben müssen. Das Gegenteil war der Fall.

Es ist die vielleicht größte Ekelhaftigkeit dieser elenden Krankheit Depression, dass sie es schafft, eigentlich tolle Sachen in einen riesigen Haufen Scheiße zu verwandeln. So verkroch ich mich nach meiner letzten Prüfung dann auch im Bett und heulte sechs Stunden am Stück.

Und jetzt, über zwei Monate danach, hat sich im Prinzip seitdem nicht viel geändert.

Ich fühle mich zu Tode erschöpft und leergepumpt, obwohl ich eigentlich kaum etwas anderes tue als sinnlos rumzuhängen, zu viel zu trinken und arbeiten zu gehen, wo ich dann auch oft nur rumhänge und zu viel trinke. Die Motivation für die ganzen tollen Projekte, nach denen ich mich während meiner Lernphase so gesehnt habe, ist in dem Moment verpufft, als ich endlich Zeit im Überfluss dafür hatte. Übrig bleibt: Lethargie, Selbsthass.

Im Grunde falle ich momentan in die selben unguten Muster, die sich bei mir auch nach dem Abi abzeichneten. Damals nannte man es Adoleszentenkrise, aber ob dieser Begriff für mich inzwischen 32jährige Schabracke noch passt?

Manchmal glaube ich, dass jeder noch so geistlose 9-to-5-Job mit der damit zwangsläufig verbundenen Struktur besser für mich wäre als dieser dauerhafte Zustand des so-gern-Wollens-aber-einfach-nicht-Könnens, wo doch all die Zeit, die ich ausfüllen könnte mit übersprudelnder Kreativität, sowieso sinnlos verstreicht. Gefolgt von dem verzweifelten Gedanken: morgen. Morgen wird es bestimmt besser.

Bisher war es es das aber nicht. Morgen ist es nie besser. Morgen bin ich nur einen Tag älter.

Ziellosigkeit. Ich weiß schlicht und ergreifend nicht, was ich will. Oft genug weiß ich nicht mal genau, was ich NICHT will, das sind dann die Momente, in denen der geistlose 9-to-5-Job plötzlich doch wahnsinnig attraktiv erscheint, aber selbst für sowas bin ich, die frischgebackene Historikerin und Germanistin, vermutlich nicht qualifiziert. Und so zieht sich die Ungewissheit ohne Ergebnis durch die Wochen und Monate.

Seit Wochen versuche ich ich, mich zum Schreiben von Bewerbungen zu motivieren, aber da ich ja nun doch kein Lehramt ausfüllen will, steht mir plötzlich alles und nichts offen. Ein paar Ideen hätte ich ja doch, aber weil ich nun so viele Jahre mit der Vorbereitung auf einen Beruf verschwendet habe, den ich nicht will, fehlt mir bei dem Meisten davon die nötige Erfahrung. Trotzdem könnte man es ja mal probieren – wenn man nur könnte. Wenn man irgendwas einfach mal so einfach könnte.

Die letzten Tage waren gefühlsmäßig mal wieder eher schlechter und das Schreiben bis hierher hat mich auch nicht gerade aufgebaut. Trotzdem gibt es kleinere Lichtblicke. Das Geld, was ich im Dezember gesammelt habe, hat gereicht, meine zu hohen KfW-Rückzahlungen bis diesen Monat zu bezahlen – ab 1. Mai zahle ich viel weniger und kann das hoffentlich in Zukunft allein stemmen. Gleichzeitig habe ich es geschafft und es auch bei Twitter stolz verkündet, dass ich Dank (halblegaler) Überstunden nun auch beim Freund schuldenfrei bin – was er genauso melodramatisch mürrisch zur Kenntnis nahm wie angekündigt.

Er ist ein weiterer Lichtblick. Ich liebe ihn sehr. Aber ich wünschte, ich könnte für ihn immer die Frau sein, die ich bin, wenn ich nicht in diesem tiefen Loch sitze.

Trotzdem habe ich weiterhin das Gefühl, in jeder Lebenslage gerade mit beiden Füßen auf der Bremse zu stehen. Leider habe ich bisher nur auf eine Art gelernt, mit so etwas umzugehen: Indem ich ihnen etwas anderes zu tun gebe und Wandern gehe.
Nun weiß ich selber, wie asozial es rüber kommt, wenn ich im Winter um Geld bettle und im Frühling in Urlaub fahre. Aber ich weiß nicht, was ich sonst noch machen soll. Ich kann einfach nicht mehr. Und da ich wie gesagt so viel arbeiten war wie möglich, Geld zum Geburtstag bekommen habe und auch meine Mutter mir unbedingt was zum Abschluss schenken wollte, wird es nun mal das. Nicht so lange wie ich gerne möchte (dann wäre ich wohl bis September unterwegs) und so sparsam wie möglich, aber immerhin 15 Tage – die mir hoffentlich genug Kraft geben, um den Restart-Button zu finden. Der Jakobsweg ist nicht die lebenserschütternde Wunderreise, als die er immer verkauft wird, aber immerhin dafür ist er für mich gut.

Nächste Woche gehts los. Und danach kann es hoffentlich weiter gehen und ich finde Antwort auf die eingangs gestellte Frage. So oder so.

 
Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee.

Alles neu!

2016 und immer noch keine fliegenden Autos.

2015 ist vorbei – das vielleicht bisher intensivste Jahr meines Lebens. Zwei Themen haben dieses Jahr für mich dominiert. Davon war eines besonders unerfreulich: meine Depression.

Schon vorher hatte ich immer wieder am Rande erwähnt, dass ich an Depressionen leide. Seit diesem Artikel, der hundertfach geteilt worden ist, wusste es dann schließlich jeder: Eure Awareness kotzt mich an!

Seitdem habe ich Höhen und Tiefen gehabt. Schön war mit Sicherheit, dass ich nur wenige Monate nach diesem Beitrag tatsächlich endlich einen Therapieplatz bekommen habe. Leider war dieser eine Art Kompromiss: Ich wollte eigentlich eine tiefenpsychologisch fundierte Therapie, bekommen habe ich aber eine Verhaltenstherapie, auch wenn ich das in meinem Fall für reine Symptombekämpfung halte und meine tatsächlichen Probleme viel tiefer gehen.

Trotzdem: Wenigstens hatte ich endlich einen Therapieplatz und eine Therapeutin, die ich nach einem holprigen Start nun doch ziemlich gut leiden kann. Zwar habe ich immer noch öfters das Gefühl, dass sie viel nach Lehrbuch abspult und nicht so richtig checkt, was meine wirklichen Baustellen sind, aber inzwischen habe ich gelernt, bei solchen Gelegenheiten einen klaren Cut zu machen und einfach klipp und klar zu sagen, dass sie mir mit ihrer Rumreiterei auf Themen, die mir scheißegal sind, auf den Sack geht. Schon etwas netter natürlich… aber dennoch.

Nachdem die großen, schwarzen Tiefs zum Winter hin Überhand nahmen und sich die Selbstmordgedanken häuften, entschloss ich mich dann auch für eine medikamentöse Behandlung. Auch hier hat mir meine Therapeutin sehr geholfen, weil sie mir sehr kurzfristig einen Termin besorgen konnte.

Und seitdem habe ich kein einziges richtiges Tief mehr erlebt. Stattdessen: Tage, an denen ich zwar MERKTE, dass ich OHNE Tabletten total abgestürzt wäre, aber sich das alles MIT Tabletten voll im Rahmen des Erträglichen bewegte. Gleichzeitig wurde ich umgänglicher, fröhlicher und fand plötzlich wieder Interesse an diversen Sachen. Überhaupt bin ich viel fitter und die bleierne Müdigkeit, die mich oft so erstarrt hat, ist einfach weg.

Problem ist einzig die richtige Dosierung. Von richtig schlimmen Nebenwirkungen bin ich zwar nicht betroffen, aber trotzdem wird mir von der niedrigsten Dosierung ziemlich schlecht, was dazu führt, dass ich zwar fit bin und was tun KÖNNTE, aber dann doch NICHTS tue, weil ich mich bei Krankheiten wie ein kleines Baby verhalte und pausenlos nur rumplärren könnte, während ich mich auf der Couch einrolle und im Endeffekt doch nichts tun kann.

Diese Übelkeit ist mit der mittleren Dosierung seltsamerweise weg und mit der höchsten Dosierung plötzlich wieder da. Ich habe keine Ahnung wieso!

Gleichzeitig habe ich die letzen Monate gemerkt, dass mich die Tabletten ZU chillig machen. So hätte ich dann zwar immer noch megaviele wichtige Sachen zu erledigen und auch die nötige Energie dafür – aber ich tue es nicht, weil es mir plötzlich irgendwie scheißegal ist. Womit ich schließlich doch nichts tue. Wenn ein Dilemma weh tun würde, würde ich nur noch brüllen!

Ich habe im letzten Jahr mehr Artikel zu diesem Blog nicht geschrieben als tatsächlich geschrieben. Mein Entwurfsordner quillt vollkommen über und das sind nur die Ideen, die ich nicht wieder vergessen habe, weil ich mich nicht sofort damit befasste. Das ist etwas, was mir selber tierisch auf den Sack geht.

Allerdings war Neujahr… ich weiß nicht. Viele Leute machen sich ja nur allzu gern darüber lustig, dass man Vorsätze fasst. Ich dagegen denke: Wer Vorsätze macht, schafft sie vielleicht nicht, aber wer keine macht erst recht nicht!!!
Meine Vorsätze bestanden daraus, endlich all das aufzuarbeiten, das sich in letzter Zeit angesammelt hat und gleichzeitig die Dinge zu erledigen, die noch vor mir liegen. Klingt erstmal unspannend und irgendwie meh.

Aber Leute: ES KLAPPT. Ich weiß nicht, was passiert ist, aber seit dieser Woche bin ich so dermaßen motiviert wie noch nie in meinem ganzen verschissenen Leben!! Ich TUE DINGE!!! Und das sogar SOFORT!!! Und, verdammt nochmal: ES KLAPPT!!!

Vielleicht war es der berühmte Klick, der passieren muss, aber ich habe diese Woche mehr wichtige Dinge erledigt als im ganzen letzten Monat. Dabei war ich gestern sogar komplett außer Gefecht gesetzt, weil ich meine Tabletten aus Versehen überdosiert habe und mir kotzübel war. Wird mir sicher NIE wieder passieren. Aber das Beste: Während meine Tage früher häufig so aussahen wie der gestrige – der praktisch nur aus Rumgammeln bestand, weil ich zu nichts anderem fähig war – habe ich mich gestern unfassbar gelangweilt!! Ich KONNTE zwar nichts tun, WOLLTE es aber unbedingt!! Und das ist doch der absolute Hammer!!!

Mehr noch: Ich FREUE mich auf kommende Arbeit! Wenn Mitbewohner Dave demnächst auszieht, wollen Mitbewohner David und ich die Wohnung so richtig auf den Kopf stellen und so kommt es plötzlich, dass ich es gar nicht erwarten kann, das Wohnzimmer umzudekorieren! Und sein altes Zimmer einzurichten!! Und sogar das blöde Kühlfach endlich abtauen zu können!!!

Ich weiß nicht, was mit mir los ist und wieso, aber es gefällt mir! Und auch meine Therapeutin hat gesagt, dass ich Optimismus und Tatendrang ausstrahle! Dann muss es ja stimmen – die Frau ist vom Fach!!!

Ich habe also berechtigte Hoffnung… nein, vergesst das. Ich WEISS, dass ich mein Leben auf die Reihe kriegen werde. Ich WEISS es.

Armbändchen, um mich daran zu erinnern. Das habe ich ganz allein gebastelt!
Armbändchen, um mich daran zu erinnern. Das habe ich ganz allein gebastelt!

Am Dienstag habe ich mich zum ersten Mal seit Ewigkeiten bei dem Gedanken ertappt, glücklich zu sein 🙂 So starte ich das neue Jahr nicht nur als Teil einer neuen Beziehung 😀 sondern auch mit frischer, nie dagewesener Energie! Mit dem Versprechen an mich selbst: I WILL GET SHIT DONE – und dazu gehört hoffentlich auch einiges meiner alten Blogartikel-Karteileichen!

Euch allen ein superschönes neues Jahr!

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Ich trinke zwar keinen Kaffee, aber das muss ja niemand wissen.

Kurzer Halloweengruß

Es ist soweit, und das wie jedes Jahr völlig plötzlich und total überraschend: Der schönste Feiertag des Jahres! Halloween!!!

halloweenpumkin

An dieser Stelle möchte ich einfach nur ein kleines Hallo an alle dalassen, die sich nach meinem letzten Beitrag in den Kommentaren oder per Mail bei mir gemeldet und mir Mut zugesprochen haben. Viel mehr ist mir dieses Jahr zu diesem Festtag leider nicht möglich.
Die letzten Wochen waren depressionsbedingt sehr hart, aber wenigstens heute geht es mir ziemlich gut. So freue ich mich nicht nur drauf, heute Abend hammergeil kostümiert wie immer die Stadt unsicher zu machen, sondern feiere auch, dass ich mich nun schon das fünfte Jahr in Folge mit der Ausrede vor der Arbeit drücken konnte, Halloween sei für mich ein religiöser Feiertag (was stimmt).

Was die kommenden Wochen und Monate angeht, bin ich nun auch recht zuversichtlich, denn anders als befürchtet habe ich dank meiner Therapeutin noch diese Woche einen Termin bei einem Psychiater bekommen (das hätte, nur der Vollständigkeit halber, ohne ihre Intervention BIS MÄRZ gedauert. MÄRZ.), der mir nun Antidepressiva verschrieben hat. Diese werde ich ab Montag nehmen und hoffe, dass es was bringt.

Damit hat der Winter für mich ein wenig den Schrecken verloren, aber wenigstens heute soll der Tod und das Sterben trotzdem zelebriert werden. Weil… das gehört sich so an Halloween und ist SEHR GESUND!

Feiert schön, liebe Leute. Life’s no fun without a good scare – viel mehr bleibt uns auf dieser Welt und in diesem Leben auch nicht mehr übrig.

Und wenn ihr dazu noch was schönes zum Lesen wollt, hier nochmal meine Halloweenbeiträge vom letzten Jahr:
Die große Halloween-Blogparade
Meine fünf schlimmsten Horrorfilme
Spielereview: Betrayal at House on the Hill
Stephen Kings fünf beste Kurzgeschichten
Die fünf besten Halloween-Serienspecials
Minimalistische Partytipps

Und natürlich die gruseligste Halloweengeschichte aller Zeiten:
Halloween Horror Happening

Weißt du, was auch der pure Horror ist? Existenzängste, weil man nicht genug Knete hat! Wenn du mir ein wenig meiner Angst nehmen und mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich deshalb gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Ich trinke zwar keinen Kaffee, aber das muss ja niemand wissen.

6 Monate und ein Leben

Es ist nun schon ein halbes Jahr her, dass mein Artikel „Eure Awareness kotzt mich an!“ für viel Furore gesorgt hat. Zeit für eine Aktualisierung.

Ich habe nämlich nun einen Therapieplatz.

Und es geht mir so schlecht wie noch nie.

Dabei fängt das gerade erst wieder an. Ich fühle es kommen – meine winterliche Depression. Die jedes Jahr schlimmer wird.

Die Intervalle werden dabei immer kürzer. Bis vor ein paar Wochen kamen die schlimmen Tage nur ein bis zweimal im Monat. Inzwischen sind es so viele in der Woche. Mit einer Tendenz zu „immer“.

Meine Kraft zu Kämpfen schwindet. Dabei ist noch nicht mal Halloween. Auf das ich mich bis jetzt irgendwie nicht freuen kann. So wie ich mich auf überhaupt nichts wirklich freuen kann.

Erledigt kriege ich sowieso nichts, denn nichts scheint irgendeinen Sinn zu machen. Warum etwas tun, das mir sowieso keine Freude macht? Warum etwas unangenehmes erledigen, wenn es doch eh nichts ändert?

Ich stehe morgens auf und warte den Rest des Tages auf sein Ende. Nichts, was dazwischen liegt, hat irgendeinen Reiz. Heute habe ich müßig daran gedacht, eine Freundin anzurufen, mit der ich mich eigentlich jede Woche einmal treffe. Wir trinken was und reden. Eigentlich ganz schön. Aber was soll ich ihr heute sagen?

Egal, was ich mir vorstelle. Alles ist grau. Weggehen. Film gucken. Ein Buch lesen. Was schreiben. Warum überhaupt?

Ich denke mir Projekte aus und schreibe Listen im Wissen, hier nur irgendeinen Grund zu konstruieren für meine erbärmliche Existenz. Ein verzweifelter Versuch, sie irgendwie mit Relevanz zu füllen. Aber was am Ende rauskommt, begeistert mich nicht. Weil mich nichts begeistert.

Ich tue das Minimum dessen, was von mir erwartet wird. Ich gehe arbeiten. Ich schreibe hier, aber nur, weil ich mir selbst Deadlines gesetzt habe. Es macht mir keinen Spaß und auf Kommentare zu antworten schaffe ich nicht. Irgendwann wird niemand mehr was schreiben. Irgendwann, bald vermutlich, werde ich auch all den Menschen in meinem Umfeld zu viel. Warum sollte es denen anders gehen als meiner Familie oder jedem anderen, der mir je etwas bedeutet hat?

Ich habe keine Träume mehr.

Ich habe mich dazu durchgerungen, doch mal Antidepressiva zu versuchen, weil ich das alles nicht länger aushalte. Meine Therapeutin kann mir aber keine verschreiben. Ich muss zum Neurologen oder vielleicht zu meinem Hausarzt, dem ich allerdings bei so einer heiklen Sache nicht vertraue. Inkompetentes Arschloch, zu dem ich nur gegangen bin, weil ich jederzeit kommen konnte, ohne vorher einen Termin gemacht zu haben. Das kommt zwar meiner Antriebslosigkeit entgegen, beweist aber wohl nur, wie inkompetent er ist, wenn er immer Zeit hat.

Neurologe. Facharzt. Facharzt für den Kopf. Ich habe heute fünfmal versucht, bei einem anzurufen. Immer besetzt.

Es geht alles wieder von vorne los. Wieder stehe ich allein da. Aber dieses Mal kann ich keine neun Jahre warten. Ich habe das Gefühl, nicht mal neun Tage warten zu können.

Meine Therapeutin versucht momentan nur, mich irgendwie durch mein Studium zu bringen. Das möchte ich auch, nur um es hinter mir zu haben. Irgendwie fertig werden. Aber dann? Stehe ich da, mit Schulden, die für drei Leben reichen, mit einem Abschluss, mit dem ich nichts anfangen kann. Was danach kommt, ist ein einziges schwarzes Loch.

Wie soll ich dieses Loch füllen, wenn ich nicht mal meinen Tag füllen kann?

Ich kann nicht mehr. Wofür auch. Ich habe keine Träume mehr. Außer diesem:

Ich träumte, meine Mutter sei tot. Ich wachte auf und musste weinen. Dann der Gedanke, dass ich mich endlich umbringen könnte, wenn sie tot wäre. Noch mehr weinen.

Ich habe Angst, dass ich das neue Jahr nicht mehr erlebe.
Und ich habe Angst, weil mir dieser Gedanke immer weniger Angst macht.

Wenn du mich ein bisschen unterstützen willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee.

Mixtape: Depressive Mix

Die Idee, Mixtapes zu bloggen, habe ich ja von der lieben Friedl geklaut. (Sie behauptet zwar, sie wäre nicht die Erste mit dieser Idee gewesen, weshalb man das nicht Diebstahl nennen kann, aber ich denke, sie ist nur bescheiden.) Es geht also um Musik! Einzige Regel: Ein Mixtape darf nicht länger sein als 80 Minuten, die übliche Länge für CDs. Das verlangt zwar keiner, aber so habe ich es beschlossen.

Auch wenn ich mich zeitweise wirklich wenig damit beschäftige und der musikalischen Entwicklung in meinen favorisierten Genres gut fünf Jahre hinterher hinke, ist Musik ein essentieller Bestandteil meines Lebens. Ich könnte mir absolut NICHT vorstellen, mit einem Mann zusammen zu sein, der nicht zumindest ähnliche Musik hört wie ich. Einen HipHopper könnte ich niemals lieben und wer tatsächlich nur auf House abgeht, möchte mich ganz sicher nicht in seiner Nähe haben. Ich bin ein Musiknazi (und stolz drauf).

Es muss also krachen. Metal, Rock, Punk, Alternative. Und hier direkt schon mal einen wichtigen Disclaimer: Mir gehen Genrebezeichnungen ziemlich am Arsch vorbei. Es ist absolut unmöglich, in diesem Bereich ohne abgeschlossenes Musikstudium durchzublicken und richtige Einteilungen zu treffen. Und selbst dann tauchen immer wieder Bands auf, die irgendwie ja doch was völlig neues machen. Konstruktionen wie „Extreme Power Orchestral Post Emo Melodic Gore Metal“ klingen witzig, sind aber für normale Menschen unbrauchbar. Ich werde also bei künftigen Mixtapes M-E-I-N-E Bezeichnungen gelten lassen, die sich nur einer einigen Maxime unterordnen: Es klingt halt gut zusammen.
Ich habe euch vorgewarnt. Also lasst bitte nicht den Metal-Hammer-Redakteur raushängen, wenn ihr mit meiner Einordnung nicht zufrieden seid 🙂

Nach dieser langen Vorrede auf zum heutigen Mixtape, das überhaupt nicht gernetechnisch, sondern thematisch geordnet ist. Tja, aber Hauptsache ewig davon gelabert.

Über dieses Mixtape

Die Idee dazu kam mir während einer meiner langen Kneipenschichten, als die Leute mal wieder mehr Sitzfleisch hatten als Geld in ihren Portemonnaies und der Feierabend einfach nicht kommen wollte. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie schwierig es ist, solche Leute rauszukehren, ohne Gewalt anzuwenden. „Psychologische Kriegsführung“ schoss mir schließlich irgendwann durch den Kopf und so ward das Mixtape geboren.
Die Idee war, die Leute durch depressive Musik unterschwellig so zu deprimieren, bis sie nur noch nach Hause ins sichere Bett flüchten und in ihre Kopfkissen weinen wollen. Ein absolut wasserdichter Plan… der nicht geklappt hat. Im Gegenteil: Ich habe noch für keine Mix-CD so viele Komplimente bekommen wie für diese. Offensichtlich ist vielen Menschen ruhigere Musik, ob depressiv oder nicht, doch viel lieber als Power Metal oder Slipknot… muss man nicht verstehen.
Trotzdem mag ich den Mix, denn er hat Stil. Wenn man schon richtig echt depressiv ist und das ganze Leben ein einziges schwarzes Loch finsterer Verzweiflung, dann kann man immer noch behaupten, in seinen schlimmsten Stunden wenigstens noch gute Musik gehört zu haben.
Bei einigen Songs wird der ein oder andere vielleicht nicht so leicht verstehen, was daran jetzt so megadepressiv sein soll. Viele Menschen glauben „traurig = ruhig“ und das heißt dann meistens, dass irgendeine Tussi mit triefender Stimme irgendwas von verschmähter Liebe jault. Ich sehe das ein bisschen anders – und für den verweichlichten Charts-Mainstream dürften einige Songs tatsächlich schon zu hart sein. Aber: halt alle hart depressiv.

Hören also auf eigene Gefahr 🙂

Depressive Mix

1. Staind – For You

And I feel like I am nothing
but you made me, so do something

Welche Band könnte mehr für das Lebensgefühl der Generation stehen, die sich Anfang der 2000er durch die Metaldiscos dieser Welt pogte?
Wir waren seltsam, wir waren unverstanden, wir waren depressiv. Staind lieferte dazu den Soundtrack. Es ist physikalisch unmöglich, dass diese Band irgendwas produzieren könnte, das nicht in einem Tränenmeer endet.
Ein Staind-Album ist praktisch ein einziger Aufruf zum Massenselbstmord.
Jedenfalls, wenn man so eine Scheißjugend mit so einer Scheißfamilie hatte wie wir.

2. End of Green – Tragedy Insane

I gaze, I gaze my open veins
The morphin makes insane…

Möglicherweise die unbekannteste Band, die ich hier aufzählen werde, aber das völlig unberechtigt. Selbst, wenn dies der einzige gute Song von End of Green wäre (was nicht stimmt), ist er so genial, dass man der Band ein Denkmal aus den zerschmetterten Hoffnungen und Träumen ihrer Fans bauen sollte.
Das Lied vibriert sich bis in die allerletzten Gehirnwindungen und bohrt einen Haken aus schwarzer Agonie in meinen Magen, wann immer ich es höre. Deshalb kann ich es mir nicht immer geben, aber was solche Gefühle auslösen kann, muss ja einfach gut sein.
Es existiert auch eine Akustik-Version, aber ich finde obige tausendmal besser. Akustik-Stücke finde ich irgendwie beliebig, sättigen aber wohl den Geschmack der Massen nach dunkler Musik, die ja niemals hart sein kann. Das Original ist dagegen wesentlich treibender.

3. Sum 41 – Noots

One by one, we both fall down
but who’s the first one to hit the ground now?

Sum 41, die machen doch nur so Partyscheiße für den Soundtrack von 90er-Highschool-Comedys? Hahahahaha Nein.
Ich war selbst total überrascht, als ich über diesen Song aus purem Zufall stolperte, aber seitdem hat er sich zu einem meiner absoluten Lieblingsstücken entwickelt, auch wenn er derbe runterzieht – denn hier stimmt einfach alles!

4. 30 Seconds to Mars – The Kill

This is who I really am!

Dieses Lied ey, dieses Lied. Man könnte zu recht argumentieren, dass sie hier mal wieder ganz tief in die Jaul-Kiste greifen, aber dennoch wird dieser Song mir immer im Gedächtnis bleiben als Soundtrack zu einem der seltsamsten Träume, die ich jemals hatte – was ganz besonders bemerkenswert ist, wenn man bedenkt, dass ich in meinem Träumen NIE einen Soundtrack habe.
Aber hier war es so. Es war auf dem Jakobsweg, weshalb ich (leider?) viel Zeit hatte, über den Traum nachzudenken. So ganz kapiert habe ich ihn (nach fast 5 Jahren) immer noch nicht und irgendwie ist es mir auch zu peinlich, das hier auszubreiten, weil ich mit Sicherheit nicht rüber bringen kann, was mich daran so tief verstört hat.
Nur soviel: Batman spielte eine Rolle (Sex mit ihm leider nicht). Und der Umstand, dass Jared Leto (der Sänger) bald als Joker über die Kinoleinwand turnen wird, macht dieses surreale Erlebnis im Rückblick nicht unbedingt besser.

5. Green Day – Boulevard of Broken Dreams

I’m walking down the line
That divides me somewhere in my mind

Ok, DAS ist nun ziemlich Mainstream. Jedenfalls war es für Green Day vermutlich ihr letzter großer Hit – was den Song, so ausgelutscht er auch inzwischen ist, trotzdem nicht schlecht macht. Besonders gefällt mir das Video, das inhaltlich nahtlos an das Video zu „Holiday“ anschließt, was dann doch +1 auf Kreativität verdient!

6. Amy Lee – Sally’s Song

And will we ever end up together?
No, I think not, it’s never to become
For I am not the one

Tja… wie war das mit dieser gefühlsduseligen Scheiße, in der irgendwelche Tussis mit triefender Stimme was von verlorener Liebe jaulen?
Aber nein, das lasse ich so nicht stehen. Zwar habe ich nie verstanden, weshalb Amy Lee zeitweise in der Szene so groß war – denn diese Frau ist nicht die außergewöhnliche Sängerin, als die sie immer gefeiert wird. Wirklich gar nicht. Live-Aufnahmen von Evanescence sind in meinen Ohren tatsächlich ein einziger Alptraum. Die Wahrheit ist: Sie wird gefeiert, weil sie fast die EINZIGE Sängerin in dieser Sparte ist!
Und trotzdem… ihre Interpretation von Danny Elfmans wundervoller Arbeit für diesen „Nightmare before Christmas“-Song ist grandios. Tatsächlich sogar deutlich besser als das Original, das ich im Film neben nur einen einzigen weiteren Song nicht mochte. Und er war der perfekte Soundtrack für mich in einer Phase, in der ich sehr, sehr unglücklich verliebt war.
Kitschig? Vielleicht. Aber auch so, so bitter.

7. Linkin Park – Breaking the Habit

I’ll never fight again
And this is how it ends

In einer extrem schlimmen Phase, die auch nicht besser wurde dadurch, dass Youtube noch nicht existierte, war ich völlig geflasht von dem Song nebst dem unglaublich genialen Video. In den antiken Prä-Internet-Zeiten bestand nun die einzige Lösung darin, nächtelang zwischen Viva und MTV hin und her zu zappen, um vielleicht! zufälligerweise! mit ganz viel Glück! diesen Song zu erwischen.
Es ist also nicht übertrieben zu sagen, dass ich für dieses Lied wirklich gelitten habe. Aber es war es wert.

8. The Offspring – Lightning Rod

Locked up forever inside
I look to the stars and ask why

KEIN MIXTAPE OHNE THE OFFSPRING!!! (Das ist ein Versprechen, von dem ich jetzt schon weiß, dass ich es nicht halten kann, auch wenn ich mich bemühen werde.)
Ich kenne alles von The Offspring und auch, wenn es sehr falsch ist, dass viele mit dieser Band nur „Pretty Fly (for a white guy)“ verbinden, ist DIESES Lied wirklich ziemlich untypisch. Aber WENN sie depressiv werden, dann richtig – daran ändert auch das wilde Rumgekloppe auf den Drums nichts.
Im Gegenteil. Wer die tiefe Traurigkeit in diesem Lied nicht erkennt, nur weil es nicht ruhig ist, ist vermutlich schon tot.

9. Ignite – Sunday bloody Sunday

How long, how long must we sing this song?

Noch eine Einladung zum Pogen, noch eine Coverversion. Nicht, dass ich das U2-Original nicht mag, aber Ignite haben nicht nur die Geschwindigkeit dieses Klassikers praktisch verzehnfacht, sondern ordnungsgemäß für die Metal-Massen aufbereitet.
Thema ist, wie vielleicht schon bekannt, der „Bloody Sunday“, an dem unbewaffnete irische Demonstranten von britischen Soldaten abgeschlachtet wurden, was den Nordirlandkonflikt nochmal befeuerte. Wie könnte ein Song über einen so rundherum unnötigen, da vermeidbaren Konflikt nicht runterziehen?

10. Avenged Sevenfold – Danger Line

Now I found myself in my own blood
the damage done is far beyond repair

Es hat lange gedauert, bis ich kapiert hatte, wie rundherum großartig Avenged Sevenfold eigentlich ist und ich glaube, das fing mit diesem Lied an. Zuerst hatte ich nicht richtig zugehört und ging davon aus, dass es darin um Selbstmord geht, weshalb es mich besonders angesprochen hat. Dann habe ich aber DOCH richtig hingehört und stellte leicht ernüchtert fest, dass es hierbei um einen Soldaten geht, der erschossen wird. Meh.
Und bevor mir jetzt achttausend wütendende Antifems aufs Dach steigen, die niemals selbst in einem Krieg gekämpft haben, aber hier weibliche Privilegien wittern, spare ich mir weitere Kommentare zu dem Thema. Dazu ist der Song zu großartig, egal worum es geht.

11. Jimmy Eat World – Bleed American

I’m not alone cause the TV’s on, yeah
I’m not crazy cause I take the right pills
everyday

Ich glaube, von allen Songs in dieser Playlist kenne ich dieses Lied hier am längsten. Mich hat nie interessiert, was er eigentlich bedeutet – schon die ersten Zeilen geben ja das Thema vor. In wenigen Worten so ein deprimierendes Szenario entwerfen… das ist wirklich grandios.

12. Nirvana – Heart-Shaped Box

She eyes me like a Pisces when I am weak
I’ve been locked inside your heart-shaped box for weeks

Wie könnte man mit meinem musikalischen Hintergrund einen Depressive Mix machen OHNE Nirvana?
Im Prinzip würde hier fast jeder Nirvana-Song passen, aber Heart-Shaped Box ist nicht nur einer meiner Lieblingssongs von ihnen, sondern liefert eines der besten Musikvideos aller Zeiten gleich mit. Das surreale Setting ist toll, aber Kurt Cobain getaucht in diese grellen Farben zu sehen hat mich in meiner Nirvana-Fangirl-Phase unglaublich berührt.
Thema ist angeblich ein krebskrankes Kind, was allerdings bei Nirvana immer etwas schwierig zu sagen ist, weil Kurt bei vielen Songs bewusst keine wirkliche Anhaltspunkte für eine sinnvolle Interpretation hinterlassen hat. Überhaupt waren für ihn Texte gar nicht mal so wichtig (was recht seltsam ist bei einem Songschreiber).
Egal. Ich höre das Lied, sehe Kurts im Video so unglaublich blauen Augen vor mir, die leicht psychopathisch blitzen, und fühle tiefe Melancholie. Was will man mehr.

13. Placebo – Song to say Goodbye

You lying, trying waste of space…

Placebo ist so ein Fall, ganz ähnlich wie Staind. Irgendwie tut diese Musik tief in der Seele weh, auch wenn sie ganz anders ist als das Zeug, das Staind fabriziert. Es ist ruhiger, effektreicher und irgendwie auch künstlerischer, dabei aber nicht besser oder schlechter. Einfach anders – mit dem selben Effekt. Sprich: Auch ein Placebo-Album ist praktisch ein einziger Aufruf zum Massenselbstmord – aber die Methode wäre sicher eher zelebrierend als zerstörerisch.
Macht das irgendeinen Sinn? Egal. Hört euch einfach das Lied an.

14. Five Finger Death Punch – The Bleeding

Well, I’m so ugly
You’re better off without me
and I’m better off without…

Das sind so Lieder, bei denen ich kaum glauben kann, dass es trotzdem nur Liebesgesülze ist. Es klingt wesentlich zu krass dafür und das ist einfach nichts, was ich bei dem Thema richtig nachvollziehen kann.
Trotzdem… diese Musik, so wunderschön dunkel, diese Stimme, so fantastisch gegröhlt.

15. System of A Down – Lonely Day

Such a lonely day
And it’s mine
It’s a day that I am glad I survived.

Ein Lied, bei dem ich die Arme um mich legen und mich, blicklos vor mich hinstarrend, in eine dunkle Ecke setzen will. So voll klischeemäßig. System of A Down sind eigentlich nie verkehrt!

16. Metallica – The Unforgiven

The old man then prepares
To die regretfully
That old man here is me

Mein Patenonkel starb mit Mitte Vierzig an Krebs. Er war ein großer Metallica-Fan – etwas, worüber ich mich nie wirklich mit ihm unterhalten habe. Überhaupt hatten wir, seitdem ich erwachsen bin, viel zu wenig Kontakt. Er wusste nicht, wer ich bin und ich weiß nicht, wer er wirklich war. Das einzige, was ich ihm widmen konnte, war dieses Lied, als er starb – wenigstens wusste ich, dass ihm DAS gefallen hätte.
Für alles andere ist es zu spät. Und das werde ich mir nie verzeihen.

17. Rise Against – Hero of War

We beat him with guns
and batons, not just once
but again and again

Ok… fast schon seicht und ausgelutscht. Ein Lied, das sogar meinem Stiefvater gefällt, der eine komplette Kuschelrock-Kollektion sein eigen nennt und meine gesamte Jugend lang sprichwörtlich nur mit Ohrschützern an meiner Zimmertür vorbei gerannt ist.
Und trotzdem – es ist Rise Against. Etwas sehr unsubtil auf die Tränendrüse gedrückt, aber wenn man sich versucht, im Gedächtnis zu halten, wie dieses Lied beim ersten Mal berühren konnte, geht’s eigentlich.

18. Soul Asylum – Runaway Train

Like the madman laughing at the rain
Little out of touch, little insane…

Definitiv der größte Evergreen in dieser Liste, ein echtes One-Hit-Wonder vor dem Herrn, aber die wenigsten dürften die Story dahinter kennen. Im dazu gehörigen Musikvideo wurden Vermisstenanzeigen von echten Vermissten geschaltet und gerüchteweise sollen nach dem Erfolg dieses Songs und des Videos tatsächlich einige davon wieder aufgetaucht sein.
Was mit dem Rest ist? Das wird man vielleicht nie herausfinden. Wollen wir hoffen, dass die wirklich alle nur weggelaufen sind. Aber ich gehe ehrlich gesagt nicht davon aus. Was unglaublich schrecklich ist, wenn man zu lange drüber nachdenkt.
Ja, es ist Pop, aber so deep, wie Pop nur sein kann.

19. Manic Street Preachers – If you tolerate this

Ne-he-he-he-hext
will be next…

Ehrlich gesagt verstehe ich nicht ganz, worum es in dem Lied geht. Hört man nur den Refrain, fällt einem alles mögliche dazu ein, aber der Rest ist irgendwie ziemlich undurchsichtig. Anhören tut es sich aber sehr, sehr traurig und mehr verlange ich in dieser Liste ja auch nicht.

20. Michael Andrews – Mad World

The dreams in which I’m dying
are the best I’ve ever had

Uuuund hier haben wir es. Das Finale. Der Depressive Overload!
Jedes Lied in dieser Liste, egal wie sehr es mich anfänglich runter gezogen hat, konnte ich mir mittlerweile irgendwie schönhören. Sprich, ich kann sie ertragen, ohne mich umbringen zu wollen. DAS hier dagegen nicht. Vielleicht werde ich das nie können. Vielleicht ist das auch gar nicht wichtig. Dieser Song ist ein rabenschwarzes Loch, das sämtliche guten Gefühle aufsaugt und nur Agonie hinterlässt. Das macht ihn zum ungekrönten König dieser Liste und zum einzigen Lied, das wirklich das Potential hat, meine Kundschaft zu vergraulen, wenn ich keinen Bock mehr auf sie habe.
Leider habe ich danach auch keinen Bock mehr auf irgendwas. Am allerwenigsten auf das Leben. Wenn ihr also wissen wollt, wie es sich anfühlt, in einer Depression zu stecken… dieses Lied gibt einen ziemlich guten Eindruck davon!


Damit bin ich buchstäblich am Ende! Für alle, die sich noch nicht voll Grauen abgewandt haben, hier nochmal alle Songs in einer Youtube-Playlist, die ihr euch nun in der richtigen Reihenfolge antun könnt, wenn ihr mögt:

Das ging nur, weil tatsächlich jedes Lied bei Youtube auffindbar war, ich kann also nicht versprechen, dass ich das jedes Mal liefern kann. Über Meldungen von Deadlinks wäre ich sehr dankbar!

Welche Songs würdet ihr auf einen Depressive Mix packen?

Weißt du, was richtig krass ist? Einer wildfremden Person im Internet eine Tasse Kaffee zu spendieren, nur weil dir ihr Beitrag gefallen hat. Das ist Rock’n‘Roll!

Brief an meinen Vater

Cause I’m fucked up
because you are
need attention
attention you couldn’t give

– Staind

Mein Vater,

ich schreibe dies in der Hoffnung, es dir irgendwann ins Gesicht sagen zu können.

Heute ist Vatertag und ich muss wie jedes Jahr an dich denken, obwohl du für mich nie ein Vater warst.

Wir hatten einen schweren Start, das bestreite ich nicht. Doch wie sah der genau aus? Ich habe über die Jahre hinweg so viele Versionen der ein und selben Geschichte gehört. Du und meine Mutter, ein Meer aus vagen Andeutungen, irreführenden Hinweisen und Schlägen in die Fresse.
War ich ein One Night Stand oder ein Kind der Liebe? Wolltest du wirklich, dass sie abtreibt? Hast du einfach Panik bekommen? Hat sie die Schwangerschaft forciert? Wenn ja, warum hast du dich dagegen nicht geschützt? Wart ihr nun ein Paar oder nicht? Hast du dich von Anfang an nicht für mich interessiert oder war der Druck meiner Familie zu groß, um eine Beziehung aufzubauen? Ich weiß es nicht. Zwanzig Jahre habe ich versucht, die Ereignisse zu rekonstruieren, aber es inzwischen aufgegeben. Ich kann euch nichts mehr glauben und ich habe es satt, zum x-ten Mal eine Geschichte zu hören, die wahr sein könnte, vielleicht aber auch nicht.

Tatsache ist, dass meine Mutter zu stolz war, um jemals einen Cent von dir anzunehmen. Offiziell kennt der deutsche Staat dich nicht. Sie hat mich damit nicht nur um meinen Unterhalt gebracht – MEIN Geld, nicht ihres – sondern auch um mein Erbe. Du dagegen warst auf diese Weise natürlich aus dem Schneider. Wie angenehm für dich.

Ich wusste immer, dass mit mir etwas nicht stimmte. Die Blicke, das Getuschel in meinem ekelhaft kleinen Dorf, es gibt sie sogar noch heute, 30 Jahre später. Ich wuchs auf in dem Wissen, dass jedes normale Kind einen Vater hat, nur ich nicht.
Meine Familie war blond und blauäugig, nur ich war dunkel. Ich stach raus, das merkte ich schon als Kind. „Die Sturheit hast du von deinem Vater,“ sagte meine Mutter manchmal und das erfüllte mich auf absurde Art mit Stolz.

Und doch musste ich zwölf Jahre alt werden, bis wir uns das erste Mal trafen. Ich sah dich an und sah mich, dieselben Haare, dieselben Augen. Dein Akzent überraschte mich, aber er war nur deutlichster Ausdruck einer Eigenschaft, die mich anzog und die ich unglaublich bewunderte: Du warst anders. Ein Freigeist, unabhängig, hast getan, was du wolltest, bist überall in der Welt herum gekommen.
Du bist aufgewachsen in einem Militärregime, hast dadurch einen kritischen Geist entwickelt, hast zu allem deine eigene Meinung und würdest dich niemals unterordnen. So sah ich dich damals. Und ich wollte auch so sein, denn schon mit zwölf engte mich mein Dorf, meine dämliche Familie und ihr beschränkter Horizont mehr ein, als ich ertragen konnte.

Ich wollte frei sein, ich sein. Ich wollte sein wie du.

Die Jahre vergingen. Mein Stiefvater kam gar nicht damit klar, dass ich dich traf, fühlte sich hintergangen. Aber ich war im Recht. Ich hatte ein Recht darauf, meinen Vater zu sehen. Ich mochte auch deine Familie: deine coole Frau, deine beiden Söhne. Meine Halbbrüder. Wie sehr habe ich mir immer Geschwister gewünscht.
Trotzdem habe ich damals genickt und gelächelt, als du und deine Frau mir erklärten, dass ihr ihnen nicht erzählen wollt, wer ich bin. Sie waren damals noch klein und voll in der „Mädchen sind doof!“-Phase. Ihnen da erzählen, dass sie noch eine Schwester haben? Hach, vielleicht später mal. Mal sehen.
Ich nickte und lächelte. Und ich dachte, wie dumm diese Begründung ist. Aber ich lächelte und war tief verletzt.

Später, als sie älter waren, reagierten sie auf mich sehr verhalten. Wir redeten nicht miteinander. Vielleicht waren sie beleidigt. Wenn sie auch nur ein bisschen sind wie ich, sind sie nicht doof. Ich sehe ihnen ähnlicher als ihre eigene Mutter. Jeder Vollidiot hätte erkannt, dass du, ich und die beiden verwandt sind. Aber das wurde nie thematisiert, jedenfalls nicht offen. Wenn sie nur ein bisschen so sind wie ich, hat sie das unglaublich ankotzt – dass ihre eigene Eltern sie offensichtlich für so blöd halten. Und mir gab es einen Stich, denn diese Art Totschweigen kannte ich von meiner Familie.

Ich dachte, du seist anders. Ich dachte, du seist besser.

Die Besuche wurden seltener, du warst öfter schlecht gelaunt. Das alles hinter der Fassade der Gradlinigkeit. So ein ehrlicher Mensch wie du, der versteckt doch nicht etwa, dass er mies drauf ist! Grummeligkeit als Statussymbol. Du konntest es dir ja leisten.
Und ich? Ich wollte dir einfach nur gefallen.

Aber es bröckelte. Das hätte ich schon damals sehen müssen. Und dass man sich nicht auf dich verlassen kann, wurde mir spätestens dann klar, als ich dir offenbarte, depressiv zu sein und ich dich bat – als neutrale, dritte Person – meinen Eltern klar zu machen, dass ich Hilfe brauche. Ich kam aus dem Kurzurlaub zurück, in den ich geflüchtet war, und was hattest du getan? Nichts. „Bin noch nicht dazu gekommen,“ war deine lapidare Antwort.

Das war das eine Mal, dass ich wirklich Hilfe von dir gebraucht hätte. Du hast kläglich versagt.

Rückblickend betrachtet hast du den Zerfall ganz alleine eingeleitet. Sommer 2006, ich weiß es noch genau. Das Jahr, in dem Deutschland Argentinien aus der WM gekickt hat. Das Spiel war spannend, dein Wohnzimmer voll, hast du doch überall Freunde und Bekannte, und DIE waren nun mal keine fünfjährigen Kinder und sahen sofort, was ich war und wer ich bin.
Freundlich waren sie alle, neugierig. Ob ich denn auch zur großen Feier deines 50. Geburtstages komme? Natürlich wollte ich das. Ein Fest mit Menschen aus aller Welt, dutzende, hunderte deiner alten Wegbegleiter, Reisende, Künstler, Lebemänner und Lebefrauen, ein Highlight war allein der Gedanke für mich.
Und natürlich war da meine Familie. DEINE Familie. Den Teil, den ich nicht kenne. Deinen Bruder, deine Schwester, ein halbes Dutzend Cousins und Cousinen, noch nie hatte ich einen davon gesehen. Vielleicht waren wir uns ähnlich und verstanden uns super. Ich freute mich.

Wenige Wochen später war ich zelten mit Freunden. Mein Handy klingelte, es lag in meinem Zelt. Meine Zeltnachbarin brachte es mir, DU warst dran. Noch bevor ich überhaupt Hallo sagen konnte, hast du losgebrüllt: Warum da eine fremde Person an mein Handy ginge?! Ich war völlig verwirrt wegen dieses Ausbruchs, für mich war das das Normalste der Welt?
Aber deswegen hattest du natürlich nicht angerufen. Ich höre deine Stimme heute noch – Worte, die du offensichtlich geübt hattest. Du sagtest mir, dass deine Mutter sich aus Südamerika zu deinem Geburtstag angekündigt hat. Ich hatte gerade genug Zeit, um mich zu freuen – ich würde zum ersten und vielleicht einzigen Mal meine Oma sehen! – als du meine Aufregung auch schon unterbrachst. Deine Mutter sei eine sehr alte und konservative Frau, wisse nichts von mir und daher möge ich deiner Geburtstagsfeier bitte fern bleiben.

Ich will nicht lügen: Das war ein Schlag. Ein harter. Und dennoch: Obwohl ich jedes Recht gehabt hätte, deswegen völlig auszurasten… verstand ich es. Ich verstand, warum eine Lüge manchmal nicht einfach so aufgedeckt werden kann. Ich wollte nicht dafür verantwortlich sein, dass eine alte Frau einen Herzinfarkt bekommt.

Ich verstand es. Aber es machte mich trotzdem traurig.

Ich versuchte, leise zu weinen, aber du hast mein Schniefen trotzdem durch das Telefon gehört. Und da ging es los. Was ich mir einbilde? Wie ich es wagen könne, nun zu heulen? Was ich mir dabei denke? Das sei so typisch für mich, immer seien alle anderen Schuld, während ich flenne, ich solle doch endlich Verantwortung übernehmen, peinlich wäre das, diese Hilflosigkeit, peinlich überhaupt alles an mir…

Ich hörte deine Worte und es war wie ein Dolch mitten ins Herz. Es waren nicht nur die Worte. Es war ihre Zusammenhangslosigkeit. Diese Ungerechtigkeit. Darf ich etwa NICHT traurig sein, weil du mich verleugnest? Darf ich etwa nicht traurig sein darüber, keinen Vater zu haben wie die normalen Kinder?

Dies war der Anfang vom Ende. Wir redeten ab da kaum noch miteinander. Drei Jahre später rief ich dich zum letzten Mal an an dem Tag, an dem sich meine Eltern trennten, wieder mal so eine Gelegenheit, an der ich vielleicht ein wenig Zuspruch gebraucht hätte, aber du warst desinteressiert und hast das Gespräch abgewürgt mit dem Versprechen, dich bald zu melden.

Seitdem Funkstille. Seit sechs Jahren.

Ich hatte seitdem viel Zeit zum Nachdenken. Und wenn ich den Bruch wirklich datieren müsste, käme ich auf den Tag dieses ersten grässlichen Telefonats. Denn damals hast du selbst das Bild, das ich von dir hatte, in tausend Scherben zerschmettert, auch wenn das mir damals noch nicht bewusst war.

Seit diesem Tag trug ich das Wissen um deine Erbärmlichkeit.

Natürlich machte ich mir zunächst sehr viele Vorwürfe. Zerfleischt habe ich mich. Hattest du mit deinen harten Worten Recht? War ich so schwach, wie du mich dargestellt hast?

Ich wollte doch stark sein. Ich wollte wie du sein. Aber nach langem Nachdenken, vielen Selbstzweifeln und auch Hass gegen mich selbst erkannte ich, dass du an diesem Tag dich selbst angebrüllt hast. Es ist kein Verbrechen, traurig zu sein, weil man behandelt wird wie ein unangenehmes Geheimnis, für das sich jeder schämt. Wohl ist es aber ein absolutes Armutszeugnis, genau diesen Eindruck in seinem Kind zu erwecken, nur weil man über zwanzig Jahre lang zu feige ist, seiner eigenen Mutter etwas zu beichten.

Nicht ich war schwach. Du warst es. Immer gewesen. Und das beste, was man über dich sagen kann ist wohl, dass du dich dafür wenigstens genug geschämt hast, um zu versuchen, deine Schuld auf mich abzuwälzen.

Was ich an dir liebte, war reine Illusion. Du ach so starker Mensch warst niemals stark genug, um für mich da zu sein. Du verschwandest endgültig, als es mit mir zu schwierig wurde. Ich, dein schmutziges kleines Geheimnis, das wohl einfach zu anstrengend ist.

Und so muss ich leben und und zurecht kommen mit dem Wissen, dass ich einer von zwei Personen auf diesem Planeten, die mich immer lieben sollten, egal was ich für eine Scheiße baue und wie tief ich auch sinke – dass ich einer dieser beiden Personen völlig egal bin.

Wenn ich heute zum Telefon greife, rufe ich nicht dich an, sondern meinen Stiefvater. Er war mit meiner Mutter zusammen, seitdem ich zwei Jahre alt bin. Er war gerade zwanzig Jahre alt und hat dennoch die Verantwortung für ein Kind übernommen, das nicht mal sein eigenes war. Und er ist auch heute noch für mich da, obwohl sie inzwischen getrennt sind.

Natürlich hatten wir unsere Probleme. Wir sind zwei völlig verschiedene Charaktere. Wir haben gestritten, gebrüllt und uns eisig angeschwiegen. Er hat tausend Fehler gemacht und mich auf vielerlei Art verletzt, wie du es nie getan hast – aber das ist ja auch nicht schwer, wenn man nicht da ist.

Du hast mir mal gesagt, wie tief beeindruckt du von mir schon bei unserem ersten Treffen warst, noch bevor ich überhaupt den Mund aufgemacht habe. Ich hatte den Stuhl neben dir genommen und ihn ein Stück von dir weggerückt, bevor ich mich setzte. Ich habe das nicht mit Absicht gemacht, möglicherweise war es also eine unbewusste Geste, vielleicht auch nur Zufall – aber du meintest, dir hätten zum ersten Mal in deinem Leben die Worte gefehlt.

Und hier sind wir nun und dieses Mal ist es sehr bewusst: Ich rücke von dir ab. Ich rücke von dir ab, final und endgültig. Ich löse mich von dem Gedanken, dir jemals etwas zu bedeuten, egal was ich in meinem Leben noch erreichen werde. Denn du warst nicht da für mich. Du hast dir einen Stuhl genommen und dich mit dem Rücken zu mir ans andere Ende des Raumes gesetzt, noch bevor ich überhaupt geboren war.

Und das werfe ich dir nicht einmal vor. Was ich dir vorwerfe sind deine Lügen. Dein Aufplustern. Die Täuschung, es sei anders und ich könnte einen Platz in deinem Leben haben. Und vor allem werfe ich dir vor, mir den Eindruck vermittelt zu haben, dies alles sei MEINE Schuld, nur weil du dich nicht deiner Verantwortung stellen konntest.

Weil du ein Kind bist. Ein weitgereistes Kind, das viel gesehen und erlebt hat, aber nichtsdestotrotz ein Kind, das sich seinen eigenen Fehlern nicht stellt, sondern vor ihnen wegläuft. Ein selbstbezogenes, verwöhntes Kind, das seine einzige Tochter mit Füßen trat, als sie eigentlich eine helfende, liebende Hand gebraucht hätte.

Und wozu? Um dein Selbstbild eines unabhängigen, furchtlosen und immer ehrlichen Mannes aufrecht zu erhalten, obwohl du ein unreifes, feiges und lügnerisches Arschloch bist.

Vater, ich brauche dich nicht. Denn, oh mein Gott, ich bin ja so viel besser als du.

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee.

Awareness: Ein Nachtrag an meine Leser

Noch ein Nachtrag zu meinem Artikel Eure Awareness kotzt mich an! und zum Nachfolgeartikel Awareness – und jetzt? Dieser richtet sich an die vielen Leser, die dadurch – oft erstmalig – zu meinem Blog gefunden haben.

Lange habe ich mich nicht geäußert, auch wenn mich immer noch fast täglich Kommentare zu den Artikeln erreichen – ob nun hier im Blog, auf Twitter oder persönlich per Mail. Die Resonanz auf meine Artikel hat mich absolut überwältigt und ich habe mich über jeden gefreut, der sich dafür bedankt hat oder wichtige Anmerkungen hinterlassen hat.

Leider habe ich es nicht geschafft, auf alle Kommentare zu antworten (sogar auf die meisten nicht). Einerseits, weil mich die pure Masse erschlagen hat, andererseits aber auch, weil ich im echten Leben grade sehr viel Stress habe und damit einfach keine Zeit. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle ein fettes DANKE! hinterlassen an alle, die sich die Zeit genommen haben, sich damit auseinander zu setzen. Ihr seid toll!

Einige Kommentare enthielten auch Fragen, auf die ich im Folgenden kurz eingehen will. Vor allem aber möchte ich einiges ergänzen und erzählen, wie es mir momentan geht.

Zuerst mal ein bisschen mehr zu meinem Werdegang. Mein erster Artikel enthielt ein gewaltiges Plothole, von dem ich sicher war, dass es mir zur Last gelegt werden wird. Tatsächlich ist es aber nur einen Kommentatorin aufgefallen und die kam auch noch ziemlich spät. Leute, ihr müsst mehr aufpassen! ^^
Das Plothole äußert sich in folgender Frage: „Woher weißt du eigentlich, dass du depressiv bist?“ – denn ohne Facharzt keine Diagnose. Das ist eine gute Frage, auf die ich näher eingehen will.

Als ich mich an die Konzeption des Artikels machte, war der Teil, der sich mit meinem persönlichen Werdegang beschäftigt, viel länger. Aus Gründen der Lesbarkeit habe ich einiges davon rausgeschmissen, um den ohnehin schon viel zu langen Artikel zu straffen. Ich entschied mich für die Phase der letzten paar Jahre, die mir wegen dem erfolglosen Kampf für einen Therapieplatz besonders enttäuschend im Gedächtnis geblieben ist.

Tatsächlich war ich aber einer ambulanten Therapie bereits einmal sehr nahe. Dem voraus ging eine ziemlich beschissene Jugend, während der sich meine Depression manifestierte. Ich schätze heute, dass ich wirklich ernsthaft depressiv bin seit meinem 13. oder 14. Lebensjahr. Damit einher ging Soziale Phobie, SVV (selbstverletzendes Verhalten) und spätestens nach dem Abitur auch eine dicke Adoleszentenkrise. In dieser Phase wurde von mir erwartet, einen Berufsweg einzuschlagen, obwohl es mir damals aufgrund der Depression unmöglich war, sinnvolle Entscheidungen dahingehend zu treffen oder mich darum zu kümmern. Dies führte zu (weiteren) gewaltigen Stress mit meiner Familie.

Mit 20, immer noch ohne Studienplatz oder Lehrstelle, offenbarte ich schließlich nach langem Ringen meinen Eltern meine Vermutung, depressiv zu sein. Wenn ich dadurch Hilfe erwartet habe, dann wurde diese Hoffnung enttäuscht – meine Eltern taten gar nichts. Aber da das böse D-Wort nun endlich ausgesprochen war, versuchte ich, mich um einen Therapeuten zu kümmern, von denen es auf dem Land leider noch weniger gibt als in der Stadt.
Der erste Therapeut entpuppte sich als Neurologe, der mir Fluoxetin verschrieb, das ich wegen gewaltiger Nebenwirkungen jedoch schnell wieder absetzte. Ansonsten konnte er, da ohne Therapeutenausbildung, nicht viel für mich tun, aber er regte für mich an, in eine Psychosomatische Klinik zu gehen, um die Zeit zu überbrücken, bis ich einen ambulanten Therapeutenplatz bekomme.

Um dort aufgenommen zu werden, sollte ich in der Klinik ein Gespräch mit dem Oberarzt führen – das meine Mutter eine Woche vorher ohne meine Zustimmung absagte. Das hätte sie selbstverständlich, da ich volljährig war, nicht gedurft, aber offensichtlich kann sie sehr überzeugend sein.
Der Grund ist wohl in ihrer absoluten Panik zu suchen, ich könnte irgendwie „nicht normal“ sein. Das passte nicht in ihr Konzept und ihre Familienplanung, also schleppte sie mich stattdessen zu Heilpraktikern und schickte mich zu einer ambulanten Gruppentherapie in ein Krankenhaus, das so weit weg lag, dass ich fast eine Stunde Auto fahren musste – und das im tiefsten Winter, obwohl sie mich sonst nie fahren ließ, wenn das Thermometer den Nullpunkt auch nur kratzte. Außerdem war es IHR Auto, das ich dafür nutzen musste, obwohl das bedeutet hätte, dass sie einmal in der Woche mit dem Bus zur Arbeit hätte fahren müssen. (Die Gruppentherapie entpuppte sich aber bereits beim Anmeldegespräch als absoluter Fail und die Therapeutin war selbst der Ansicht, dass ein stationärer Aufenthalt besser für mich wäre, also blieb es bei diesem einzigen Besuch.)

Mit all dem wollte meine Mutter mich über ihr absolut übergriffiges Verhalten hinweg trösten, aber ich ließ das nicht mit mir machen und vereinbarte einen neuen Termin in der Klinik, was sich aber Dank Feiertagen, Jahreswechsel etc. weiter nach hinten schob.

Dennoch konnte ich wenige Monate später in die Psychosomatische Klinik gehen, wo die Diagnose „Depression“, die mein Neurologe gestellt hatte, nochmal bestätigt wurde.

Ich sollte sechs Wochen dort bleiben, was später auf acht Wochen verlängert wurde. Leider kann ich nicht sagen, dass mir irgendetwas davon geholfen hätte. Ich war dort für Wochen die einzige Depressive und zudem die mit Abstand Jüngste. Ich saß dort mit Menschen mit Panikattacken, Leuten, die um Angehörige trauerten und nicht zuletzt einigen Patienten, die an Schmerzen litten, für die keine körperlichen Ursachen ermittelt werden konnten (Psychosomatik eben), aber überhaupt nicht verstanden, weshalb sie deshalb über GEFÜHLE REDEN sollten. Mit anderen Worten: Ich habe mich sehr, sehr unwohl gefühlt. Erst Recht, da alle um mich herum sehr schnell gesund zu werden schienen, aber anscheinend niemand meine Erkrankung nachvollziehen konnte. Ich wurde von Pflegern dafür kritisiert, dass ich soviel schlief und nicht aufstand, wenn plötzlich zehn Leute bei der morgendlichen Visite vor mir standen und wissen wollten, wie es mir geht. Bei der Gruppentherapie heulte ich meist durchgängig die ganze Sitzung lang, aber da die Therapeutin der Meinung war, dass ich mich schon selber melden müsse, wenn ich über was reden wollte, blieb es meistens dabei, also heulte ich, während ich zum 20. Mal die traurige Geschichte einer viel zu früh verstorbenen Ehefrau hören musste oder die verständnislosen Fragen einer Frau, die offensichtlich nicht kapiert hatte, warum man sie wegen ominöser Ohrenschmerzen in die „Klapse“ schickt.
Die Therapeutin dagegen, die meine Einzelsitzungen leitete, schien hingegen schlichtweg überfordert. Ihr offensichtlich rein verhaltenstherapeutischer Ansatz erschöpfte sich in Phrasen wie „Und wenn Sie versuchen, das nicht so anzugehen, sondern so oder so?“, mit denen ich damals einfach nichts anfangen konnte. Alternativen hatte sie aber nicht, also gab sie mir am Ende die resignierte Bemerkung mit auf den Weg, gegen diesen „Berg aus Traurigkeit“ einfach nicht anzukommen.

Ich verließ die Klinik also mit dem erhebenden Gefühl, ein hoffnungsloser Fall zu sein, und der traurigen Gewissheit, dass die Entscheidung, in eine Klinik zu gehen, zum endgültigen Bruch mit meiner Familie geführt hatte. Seitdem habe ich außerdem eine bereits geschilderte Abneigung gegen Gruppentherapien, an der sich bis heute nichts geändert hat.

Diese Klinik war für mich nicht der richtige Ort gewesen – aber am meisten verbittert mich, dass man sich dort nicht für mich um eine ordentliche Nachsorge gekümmert hat. Diese Leute hatten die Zeit, die Ressourcen und die Expertise, mir an meinem Studienort (denn direkt an den Klinikaufenthalt schloss sich endlich mein erstes Semester an, das ich aber vollständig an mir vorbei gehen ließ) oder auch Zuhause einen ambulanten Therapieplatz zu besorgen, aber dahingehend ist NICHTS passiert. Ich wurde nach dem Maximum der möglichen Zeit ungeheilt praktisch auf die Straße geworfen und bin seitdem ohne Behandlung. Die Suche danach habe ich ja schon erschöpfend geschildert.

Es ist schwer zu sagen, ob es mir heute besser oder schlechter geht als damals. Einerseits hat sich vieles bei mir verbessert. Meine Soziale Phobie, damals ganz massiv, habe ich selbstständig und unter großen Anstrengungen alleine in den Griff gekriegt. Das habe ich geschafft, indem ich mich bewusst immer wieder in für mich unangenehme Situationen gebracht habe, bis sie nicht mehr unangenehm waren – klassische Desensibilisierung. Übrig geblieben ist eine gewisse Social Akwardness, die aber vielleicht auch einfach Teil meines Charakters ist und mit der ich leben kann. Auch hat mir meine Arbeit als Kellnerin, der ich seit vier Jahren nachgehe, was vor neun Jahren völlig unmöglich gewesen wäre, mehr Selbstbewusstsein verschafft.
Dennoch sind die schwarzen Phasen, so scheint es mir zumindest, heutzutage wesentlich schwärzer als damals. Sie suchen mich allerdings auch nicht mehr so häufig heim – wenn aber doch, dann voll in die Fresse. Eine solche Phase hatte ich diesen Winter, was ich als die schlimmste Zeit meines Lebens in Erinnerung habe.

Momentan sieht es also so aus, dass es mir besser geht, ich aber dennoch weiterhin eine Therapie suche. Dank des vielen positiven Feedbacks sehe ich das allerdings nicht mehr so pessimistisch wie noch vor kurzem.
So sollte ich erwähnen, dass die Passagen, die sich mit der Therapeutensuche beschäftigten, alle im Präsens geschrieben waren, aber der letzte Teil davon – der, in dem ich diesen blöden Anamnesebogen vor mir habe – bereits drei Monate zurück liegt. Ich habe das dämliche Teil nicht nur ausgefüllt (mit ein bisschen Hilfe meiner Mitbewohner), sondern sogar geschafft, es zur Post zu bringen. Ich habe also schon die Hälfte der sechsmonatigen Wartezeit rum und vielleicht ergibt sich da ja was.
Andere Vorschläge wie Tagesklinik oder die Empfehlung, es doch mal in der Psychiatrie zu versuchen, sind leider mit meinem Leben momentan nicht vereinbar. Ich erhalte zum gegenwärtigen Zeitpunkt keinerlei finanzielle Unterstützung von irgendjemanden oder irgendeinem Amt, weshalb ich arbeiten gehen MUSS, allein um meine Wohnung und mein Essen zu bezahlen. Auch halte ich eine Psychiatrie (und eine Tagesklinik ist meist einer Psychiatrie angeschlossen) immer noch für den für mich letzten Ausweg, der für mich nur im absoluten Notfall in Frage kommt.

Was sich jedoch geändert hat: Die vielen Tipps bezüglich sozialpsychatrischem Dienst, der einem bei der Therapeutensuche helfen kann, möchte ich definitiv in Anspruch nehmen, sobald mein aktueller Real-Life-Stress etwas nachgelassen hat. Das soll mein zweites Standbein sein, falls es mit der oben angesprochenen Therapie nicht klappt. Und außerdem hat sich eine sehr nette Expertin bei mir per Twitter-DM gemeldet und es geschafft, mir meine absolute Abneigung gegen Psychopharmaka zu nehmen. Möglicherweise kann sich dadurch ja auch einiges verbessern. Zumindest ist es nach 10 Jahren ein neuer Versuch wert.

Ihr seht, so krass am Boden bin ich momentan nicht, auch weil sich unlängst einige positive Entwicklungen im Real Life ergeben haben, die mich sehr aufgebaut haben. Dennoch fühle ich mich seit meinen Artikel etwas unsicher gerade im Hinblick auf diesen Blog. Ich habe seitdem einige Twitter-Follower dazu gewonnen, aber allein die Followerzahlen meines Blogs gingen danach von ca. 160 hoch auf über 210!! Verglichen mit manch anderen Bloggern mag das nicht viel sein, aber es ist immerhin eine Erhöhung um ein fettes Drittel. Gleichzeitig zeigen mir meine Statistiken, dass unmöglich alle diese neuen Abonnenten in meinem Blog quergelesen haben können, um zu sehen, was ich eigentlich sonst so von mir gebe.

Ich befürchte, die könnten am Ende alle enttäuscht sein, wenn ich plötzlich wieder zu meinen normalen Themen zurück kehre und höchstens einmal im Monat etwas schreibe, was über einen kurzen Lacher oder einen Rant über einen doofen Film hinaus geht. Und Depressionen waren hier bisher sehr selten Thema, was eigentlich auch so bleiben soll, da ich vermutlich schon viel zu viel erzählt habe und das Gefühl nicht mag, nur noch darüber definiert zu werden. Ich möchte wirklich nicht von Leuten, die mit mir vorher ganz ungezwungen Quatsch gemacht haben, plötzlich wie ein rohes Ei behandelt werden.

Deshalb sitze ich jetzt hier und grüble über Blogideen. So fehlt ja immer noch mein Reisebericht aus den USA, den ich unbedingt schreiben wollte. Außerdem hatte ich eigentlich vorgehabt, zur Feier meines jüngsten Nebenbroterwerbs (DJ!) ein paar Mixtapes zu veröffentlichen, wobei ich als erstes einen von mir so betitelten „Depressive“-Mix vorgesehen hatte, aber nach diesen letzten Wochen habe ich keine Ahnung, wie sowas wohl ankommen würde. Ohnehin neige ich dazu, über meine Depression Witze zu reißen, was bestimmt auch einige sehr seltsam finden.

Andererseits kann ich sowieso nicht aus meiner Haut, also werden sich meine Themen wohl nicht wirklich ändern. Mehr kann ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt dazu aber leider nicht sagen, außer, dass ich hoffe, euch nicht allzu sehr zu enttäuschen ^^

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee.

Awareness: Ein Nachtrag an meine Kritiker

Dies ist ein weiterer Nachtrag zu meinem Artikel Eure Awareness kotzt mich an! und richtet sich an diejenigen, die ihn kritisiert haben. Alle anderen bitte hier entlang.

Liebe Leser, liebe Kritiker: Ich habe einen Fehler gemacht.

Aber bevor ihr euch jetzt freut: Nein, dies wird keine Entschuldigung für meinen Artikel. Er war mir sehr wichtig und ich stehe hinter jedem Wort. Dennoch habe ich einen Fehler gemacht. Und auch, wenn ihr so tierisch gut darin seid, über Nonmentions zu hetzen und mir Dinge zu unterstellen ohne den geringsten Willen, vielleicht mal nachzufragen, ob die leise Möglichkeit besteht, dass ihr vielleicht etwas falsch verstanden habt, damit ich mich erklären kann, sei mir auf meinem eigenen Blog eine Klarstellung gestattet. Diese geht so:

Dies ist mein Blog. Die Artikel, die ich hier schreibe, ordne ich in Geiste in zwei Kategorien. Die erste Kategorie nenne ich „banal“ – es geht um Dinge (meist Filme, Musik, lustiger Alltag) die mich interessieren, die aber, so ehrlich muss man sein, nicht gerade weltbewegend sind, auch wenn es mir Spaß macht, Beiträge darüber zu schreiben und es hoffentlich ein paar Leuten Spaß macht, sie zu lesen.
Die zweite Kategorie nenne ich „Debattenbeitrag“ – und hier ordne ich Artikel ein, die ich in irgendeiner Weise für relevant halte, so beschränkt das auch manchmal sein mag.

Es befinden sich Artikel in dieser Kategorie, die ich selber nicht besonders gelungen finde. Andere dagegen schon. Mein „Awareness“-Artikel gehört zu letzteren.

Nun kann ich nach ein paar Jahren bloggen ungefähr abschätzen, wie gut ein Artikel ankommt oder auch nicht. An normalen Tagen, an dem ich gar keinen Artikel veröffentliche, bekomme ich etwa 200-300 Klicks, an Tagen mit Artikel bis zu doppelt so viel. Mein bisher bester Artikel erreichte, wenn ich mich recht erinnere, knapp tausend Klicks am Tag seiner Veröffentlichung. Das mag für diverse etablierte Blogger ein Fliegenschiss sein, aber für meine Verhältnisse war das sehr viel.

Was ich damit sagen will: Ich war und bin stolz auf meinen Artikel und ich wusste auch, dass er gut ist, aber nichts, was ich bisher blogtechnisch veranstaltet habe, hätte mich darauf vorbereiten können, wie sehr dieser Artikel einschlägt. Oder um das zu illustrieren:

Blogstatistik

Normalerweise gehe ich davon aus, dass meine Artikel von Bloggerfreunden und einigen Followern auf Twitter geklickt und gelesen werden. Mit anderen Worten: Leuten, die mich ein bisschen kennen. Und hier lag mein Fehler. Ich habe schlicht unterschätzt, wie relevant der Artikel tatsächlich war (und es ist mir scheißegal, ob das jetzt arrogant klingt). Ich konnte nicht damit rechnen, dass er so oft geteilt wird und ein Stefan Niggemeier ihn auf Facebook verlinkt und dass er deshalb hauptsächlich Leser erreicht, die mich NICHT kennen und deshalb einige davon gewisse Inhalte falsch einordnen (wollen).

Ich stelle darum hiermit klar:

Ich habe weder etwas gegen den Hashtag #notjustsad, noch sollte der Artikel ein Angriff gegen seine Initiatorinnen sein, da ich diesen im Gegenteil für den Hashtag sehr dankbar war, und erst Recht nicht wollte ich damit Menschen verhöhnen, die unter diesem Hashtag von ihren Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen berichtet haben.

Tja, aber das glaubt ihr mir jetzt nicht, stimmt’s? Das Label „Feind“ passt ja auch so gut. Aber wenn ihr mich und meine Onlineaktivitäten schon nicht kennt, dann wäre ein bisschen Recherche ja vielleicht ganz hilfreich gewesen. Dabei wäre man beispielsweise auf diesen Tweet gestoßen:

Oder den hier:

Oder den:

See? Ich habe VON ANFANG AN unter diesen Hashtag getwittert. Die (vollständige?) Liste findet man ganz einfach bei Twitter, wenn man sich denn die Mühe macht, danach zu suchen. Meine vielen Retweets sind da leider nicht enthalten, ich weiß nicht, wie man die ermitteln kann. Warum um alles in der Welt sollte ich jetzt Leute dumm anmachen, die den Hashtag benutzen? Ich habe ihn doch selber benutzt!! Das gilt im Übrigen auch für den vergleichbaren, aber zu meinem Thema an sich viel passenderen Hashtag #isjairre, der leider nicht so viel Würdigung erfahren hat.

Falls das immer noch nicht reicht: Ich habe mich auch regelmäßig an ähnlichen Hashtags beteiligt. #Aufschrei war sogar der Grund, weshalb ich mich überhaupt bei Twitter angemeldet habe!!! Zudem habe ich ihn, wenn nötig, immer verteidigt (nachzulesen beispielsweise hier, hier und hier).

Und um dem Ganzen noch ein Krönchen aufzusetzen, habe ich SOGAR SELBST mal einen aktivistischen Hashtag erfunden, der wenigstens kurze Zeit munter benutzt worden ist.

So. Sehe ich mit diesem Hintergrund für euch wie eine Person aus, die Leute blöd von der Seite ankackt, weil sie Hashtags erfinden oder sich gar nur des schröcklichen Verbrechens schuldig machen, darunter zu twittern?!

Hätte ich gewusst, dass der Artikel so populär wird, hätte ich ihn anders geschrieben. Nicht, weil ich nicht hinter der harten Kritik stehe, die ich darin äußere, sondern weil ich nicht davon ausgehe, dass diese ganzen mir unbekannten Leser auf Twitter aktiv sind und den Hashtag #notjustsad kennen. Twitter ist und bleibt in Deutschland ein Minderheitenmedium. Ich hätte die ein oder andere Erklärung mit eingeschoben, aber an meiner Kritik hätte sich nichts geändert, auch wenn mir die zahlreichen Kommentare egal ob auf meinem Blog, auf Twitter oder persönlich per Mail von Betroffenen, die sich bei mir bedankt haben, deutlich zeigten, dass die meisten sich nur von dem Teil „persönlicher Erfahrungsbericht“ angesprochen gefühlt haben. Das ist für mich völlig ok, beweist mir aber auch, dass die Kritik, ich hätte ALLE Betroffene damit beleidigt, absolut substanzlos ist!

Meine einzige Sorge bei dem Artikel war, dass sich Leute angesprochen fühlen könnten, die mir in den letzten schlimmen Monaten durch liebe Worte, virtuelle Hugs oder besorgte Nachrichten beigestanden haben. Das hat mir sehr gut getan, auch wenn ich oft nicht darauf reagieren konnte, und ich fürchtete sehr, dass sich von DIESEN Leuten jemand attackiert fühlen könnte. Deshalb habe ich den Disclaimer gesetzt:

Ich bin Robin, ich leide an Depressionen und möchte mich bei jedem bedanken, der mir in den vergangenen schlimmen Wochen und Monaten seine ehrliche Anteilnahme schenkte, mir wirklich helfen wollte und besorgt war.
Ihr seid lieb. Aber: Es werden keine Lieder mehr für Helden geschrieben. Darum fühlt euch nicht angesprochen von dem, was folgt. Es ist nicht für euch.

 

Und that’s it. Im Leben nicht wäre ich auf die Idee gekommen, man könnte dahinter einen Angriff gegen #notjustsad und seine Nutzer vermuten.

Jetzt könnte ich hier einen Cut machen und es mir am Arsch vorbei gehen lassen, dass manche den Artikel falsch verstanden haben. Aber einiges, was ich an Kritik dazu gelesen habe (und ich habe bewusst nicht viel dazu gelesen – wenn man schon zu feige ist, mich persönlich anzusprechen), ist so himmelschreiend blöd, dass ich ein paar Perlen herauspicken will.

Damit also nochmal zu dem Vorwurf, ich hätte ALLE Betroffenen beleidigen wollen, die den Hashtag benutzt oder Tweets, die darunter geschrieben wurden, retweetet haben. Das ist Schwachsinn. An wen ich adressiere, wird bereits in einem der ersten Absätze klar, wenn man denn willig ist zu verstehen:

Schlimm, hm? Plastisch. #Notjustsad, indeed. Diese armen Depressiven, unterstützen muss man die. Das fave ich doch mal, und noch einen Retweet als Kirsche oben drauf. Ah, jetzt geht’s mir besser. Ich bin ein guter Mensch. Ich bin aware.

Diese Sätze stammen von mir, sind aber ganz klar NICHT aus der Sicht einer Betroffenen geschrieben und jeder, der das nicht erkennt, sollte vielleicht die 7. Klasse Deutsch wiederholen. Glaubt ihr ernsthaft, irgendein Betroffener würde von „diesen armen Depressiven“ reden? Oder sich gar GUT fühlen, wenn er einen solchen Tweet teilt?
Ich sage euch, wie ICH mich bei jedem Retweet gefühlt habe: absolut beschissen. Weil die Tweets Dinge ansprachen, die ich kenne und unter denen ich leide. Das zu retweeten hat KEINEN Spaß gemacht und hat mir auch keine moralische Erleichterung verschafft!

Stattdessen habe ich damit Menschen ansprechen wollen, die glauben, sie hätten durch ein oder zwei Retweets ihre gute Tat des Tages vollbracht und sich ganz arg cool dabei fühlen, Dinge zu wissen (sprich, aware zu sein), die eigentlich jedes Schulkind wissen sollte. Euch ist bewusst, dass eine Depression NICHT NUR TRAURIGKEIT bedeutet? Herzlichen Glückwunsch: DAS IST KEINE LEISTUNG!!!
Es können hier gar keine Betroffenen gemeint sein, denn diese sind sich logischerweise ihrer Probleme aware, ob sie wollen oder nicht!

Die Awareness dieser Menschen – und erzählt mir BITTE nicht, dass es solche Leute nicht gibt!! – ist nichts dolles, sondern Scheiße! Selbstzentrierte „Ach was bin ich doch so ein guter Mensch“-Scheiße! Ein reines Kreisen um sich selbst, pure Selbstbeweihräucherung, die, wenn überhaupt, Betroffenen nur aus Versehen tatsächlich nutzt – und darum ist es eine völlig falsche Art Awareness, die ich weder akzeptieren, noch abfeiern muss!

Es wurde mir darüber hinaus zur Last gelegt, ich sei mit einem bestimmten Artikel dazu nicht einverstanden gewesen. Das ist ebenfalls Bullshit. Ich war mit fast KEINEM Überblicksartikel dazu so richtig einverstanden, egal ob in Blogs oder, für mich wesentlich massiver, in Onlinemedien! Diese waren, ich schrieb es bereits, „beiläufig, oberflächlich und an den tatsächlichen Problemen vorbei“.

Ich könnte hier jeden beliebigen Artikel dazu rauspicken, egal ob Spiegel, Focus, FAZ etc. pp.. Am besten haben mir ja die gefallen, die ganz „kompakt“ in einem Satz aufgezählt haben, was für Symptome mit Depressionen einher gehen. Darunter natürlich die Evergreens: „Schlaflosigkeit“ (tja, ich habe genau das Gegenteil!), „Antrieblosigkeit“ (mein großes Hauptthema, das in dieser Kürze aber nur zu der dämlichen Frage führt, warum ich es dann schaffe, einen so langen Text darüber zu schreiben) oder „verminderter Appetit“ (mein Liebling, da völlig unzutreffend. Ich höre sie schon ungläubig stammeln: „Wenn du depressiv bist, warum bist du dann so fett?“).
Viele dieser Symptome treffen nur auf einen Teil der Betroffenen zu und viele Symptome äußern sich bei einen Teil in umgekehrter Weise. Es ist genau diese Art Halbwissen, das für mich keine Awareness darstellt, sondern das Gegenteil! Und wenn das Ganze, wie bei fast jedem Artikel dazu, dann noch von einem semiinformierten Autor, der gerade Geld dafür bekommen hat, seinen Lesern einen Wikipedia-Besuch zu ersparen, mit einem lieblos hingeklatschten Link zum Sorgentelefon (das übrigens zu meiner Zeit immer besetzt war) garniert wird, fühle ich mich als Betroffene nicht nur nicht wirklich repräsentiert, sondern offen beleidigt!

Dann haben sich einige offensichtlich an dieser Passage gestoßen:

Keine Chance, unter sechs Monaten Wartezeit irgendwo unter zu kommen – außer Psychiatrie, die MÜSSEN einen ja nehmen, aber für Menschen mit Depressionen ist das nichts anderes als eine Verwahranstalt. Aggressive Leute, Schizophrene mit Wahnvorstellungen, drogeninduziere Psychosen vor allem.

Ich las, ich würde damit einerseits allgemein Leute beleidigen, die sich in Psychiatrien einweisen lassen, und Menschen mit Schizophrenie und Psychosen im Besonderen. Ähähä – nein.

Kurze Anekdote: Ich war mal in einer Drogenrehaklinik. Nicht als Klientin, sondern als Praktikantin. Dort traf ich ein Mädchen, das die 9-monatige Reha nach drei Tagen abbrach und deshalb von den Therapeuten total gehatet wurde.
Dabei war das Mädchen dort einfach nur falsch. Sie hatte mit Sicherheit psychische Probleme und brauchte Hilfe, aber in dieser Klinik war sie eine Kifferin unter Junkies. Männern, die sich mit Beschaffungskriminalität strafbar gemacht haben, Frauen, die sich (teilweise von frühster Jugend an) prostituieren mussten, um ihre Sucht zu finanzieren. Ein Teil bestand aus verurteilten Gewaltverbrechern, deren Gefängnisstrafe vom Gericht mit der Auflage zur Bewährung ausgesetzt worden war, eine Drogentherapie zu machen, ein Teil hatte ansteckende Krankheiten wie HIV oder Hepatitis C, jeder einzelne entstammte einer völlig anderen Lebenswelt.
Versteht mich nicht falsch: Alle Klienten hatte eine schwere Vergangenheit hinter sich und die meisten waren furchtbar liebe Menschen, die einfach nie eine Chance im Leben hatten. Aber das Mädchen passte da nicht rein. Sie hat, Herrgott nochmal, nur gekifft. Vermutlich ist sie von ihren Eltern dorthin verfrachtet worden, die nicht sehen wollten, dass ihr Substanzmissbrauch lediglich ein Symptom für eine andere psychische Erkrankung war. Sie steckte da mit Hardcore-Drogensüchtigen mit Lebensgeschichten wie aus einem Thriller, die noch dazu auf sie herab blickten, und fühlte sich so unwohl, dass sie es nicht mal eine Woche ausgehalten hat.

Versteht ihr, was ich damit sagen will? Sowohl das Mädchen als auch die anderen Klienten brauchten Hilfe, VERDIENTEN Hilfe, aber das heißt noch lange nicht, dass man sie ZUSAMMEN behandeln sollte und kann!!

Man legt eine Frau, die gerade ihr Baby verloren hat, im Krankenhaus nicht mit einer frischgebackenen Mutter auf ein Zimmer, man steckt 60jährige Alkoholiker nicht in eine Klinik für Magersüchtige, man behandelt traumatisierte Missbrauchsopfer nicht zusammen mit Pädophilen. Komischerweise leuchtet DAS jedem ein. Warum darf also ICH nicht für MICH bestimmen, was ich ertragen kann und was nicht?

Hier äußert sich eine weitere abartige Scheinheiligkeit dieser sogenannten Awareness, die einerseits weit über’s Ziel hinaus schießt, als auch völlig an der Sache vorbei geht: der diskriminierte Mensch als ewig unschuldiges Opfer. Und das ist wiederum diskriminierender (wenn ihr es so wollt „ableistischer“) als viele andere Diskriminierungserfahrungen.

Ich bin kein besserer Mensch, weil ich Depressionen habe. Im Gegenteil. Ich weiß, dass ich dadurch schwieriger werde, meinem Umfeld einiges abverlange. Als ich vor einigen Monaten so richtig am Boden war und mein Mitbewohner mich hilflos trösten wollte, antworte ich auf die Frage, woran ich gerade denke: „Wem ich mein ganzes Zeug vermache.“
Klar ist es scheiße, dass ich armes krankes Ding in diesem Moment an Selbstmord dachte – aber es war auch scheiße, ihn mit einem solchen Spruch zu belasten. Nun ist es von meiner Seite aus absoluter Standard, auch in den schlimmsten Momenten seinen Freunden beizustehen, aber dennoch kann man sich deswegen nicht alles erlauben! Genau das scheinen jedoch einige für uns Betroffene in Anspruch zu nehmen – dass wir in Watte gepackt und jedes noch so belastende Verhalten unsererseits nicht hingenommen werden kann, sondern hingenommen werden muss.

Und DAS ist diskriminierend. Ich leide NUR an Depressionen. Mein Verstand funktioniert hervorragend. Ich WEISS, wenn ich mit einem solchen Verhalten zuweit gehe und möchte KEINE Sonderrechte auf Kosten der Gesundheit anderer. Das bedeutet für mich nur, dass ich nicht für voll genommen werde. Und DAS ist beleidigend!

Aber genau diese Haltung macht mich nun offensichtlich nicht mehr zum unschuldigen Opfer, sondern zur verachtenswerten Täterin, die es doch tatsächlich wagt zu sagen, dass psychisch Kranke anstrengend sein können.

Aber eine Psychiatrie ist kein Mädchenpensionat. Ich habe mehrere als Besucherin von innen gesehen und von noch mehr ist mir berichtet worden. Natürlich ist eine Psychiatrie für viele die letzte Rettung und daher absolut notwendig und jedem, der sich einweisen lassen will, gebe ich meine besten Wünsche auf den Weg. Aber ich fühle mich dort nicht wohl. ICH fühle MICH dort nicht wohl. Und ja, das liegt auch an Menschen mit anderen psychischen Erkrankungen, die ich weder komplett erfassen, noch in Situationen, in denen es mir so richtig dreckig geht, ertragen kann. Schizophrenie ist eine oft (nicht immer) schwere Krankheit mit Wahrnehmungsstörungen, mit der ich selbst in meiner besten Verfassung nicht umgehen kann. Und eine Psychose, ob drogeninduziert oder nicht, ist einfach ein krasser Ausnahmezustand für alle Beteiligten, womit ich ebenfalls nicht klar komme. Von gesunden Menschen, die einfach nur zu viel gesoffen haben, aber deswegen die halbe Nacht randalieren oder kotzen, gar nicht erst zu reden. In einem solchen Umfeld kann ich mich nicht meiner eigenen Genesung widmen, in einem solchen Umfeld stünde ich permanent unter Stress, den man sonst nur professionell ausgebildetem Personal zumutet.

Ich weiß nicht, wie oft schon rumgejault wurde, weil Veranstaltung X oder Barcamp Y keine „Safe Spaces“ bietet, und das längst nicht nur von Personen mit Beeinträchtigungen, sondern körperlich und geistig völlig gesunden Menschen, die trotzdem aus welchem Grund auch immer keine Lust hatten, mit bestimmten Personengruppen einen Raum zu teilen. Wer seid IHR, MIR als einer Betroffenen einer psychischen Erkrankung dieses Recht in einem Raum, der auf Heilung ausgelegt ist, abzusprechen!? Wer seid IHR, dass ihr MICH dazu zwingen wollt, mich in meinen schlimmsten Momenten mit schwerwiegenden Störungen auseinander setzen zu müssen, mit denen ihr als Nichtbetroffene niemals in Berührung kommen werdet?! Und wer seid IHR, MIR wegen dieses realistischen Blicks auf diese Störungen, gegen den ihr die Augen verschließt und das Awareness nennt, und meiner eigenen Einschätzung meiner Fähigkeit, damit umzugehen, DISKRIMINIERUNG vorzuwerfen?!

Was, zur Hölle, erlaubt ihr euch?! Um es mal in eurem Jargon zu sagen: CHECKT MAL EURE VERDAMMTEN PRIVILEGIEN!!!

Und damit wären wir bei den größten Heuchlern von allen angekommen. Die, die ich ganz besonders ansprechen wollte. Die, die an andere moralische Maßstäbe anlegen, die bis zum Mond reichen, aber selber so unreflektiert und anmaßend sind wie Scheiße.

Das größte Problem nämlich, das einige mit meinem Artikel zu haben schienen, war dieses: Ich bin ich. Ich habe eine Meinung. Diese Meinung deckt sich nicht mit ihrer Meinung. Und darum bin ich The Ultimate Evil, schlimmer als Hitler und die AfD zusammen.

Warum sonst, liebe Leute, spielt es auch nur die geringste Rolle, dass ich feministische Positionen vertrete, die andere nicht teilen? Was um alles in der Welt hat das damit zu tun, dass ich als Depressive nicht die Hilfe bekomme, die ich brauche? Was steckt dahinter, wenn nicht purer Hass gegen alles, was nicht mit diesen Leuten auf einer Linie ist?

Es ist das und GENAU DAS, was ich schon in meinem Artikel schrieb: „Definitionsmacht? Nur, wenn es ins politische Programm passt.“

Und das ist die pure Heuchelei. ICH halte „Definitionsmacht“ und „Privilegientheorie“ für unzureichende Konzepte – aber IHR nicht. IHR müsst euch an euren eigenen moralische Ansprüchen messen – und versagt dabei kläglich. Eine Betroffene, die von Diskriminierungserfahrungen berichtet, jede Kompetenz abzusprechen, weil sie bei einem anderen Thema anderer Meinung ist, ist reine Bösartigkeit und genau die Art beschissene Awareness, die einzig dem Selbstzweck dient, sich toll und gut zu fühlen. Aber ihr seid nichts davon. Ihr seid keine guten Menschen. Euch sind andere Leute E-G-A-L. Und wenn es jemanden wie mich braucht, das auszusprechen und dafür die Twitterprügel zu kassieren, dann ist das eben so. Es ist nur der eindrückliche Beweis für eure Scheinheiligkeit, wenn ihr euch jede Debatte unter den Nagel reißt, sobald ein Thema aufkommt, und sie mit eurer Scheißmeinung füllt, bis jeder, der das nicht schluckt, der Feind ist und mit allen Mitteln bekämpft gehört.

Ein großes Thema dieser Meinungsführerinnen ist stets die „Intersektionalität“. Intersektionalität am Arsch. Es reicht ja nicht, depressiv zu sein, nein, man muss depressiv sein UND euren Feminismus teilen, sonst hat man von euch GAR NICHTS zu erwarten. Das ist kein Aktivismus, das ist Faschismus in Reinform!!

Das halte ich im Übrigen auch für den Grund, warum die Klassismusdebatte in Deutschland nie so wirklich in Gang gekommen ist. Von Klassismus betroffene Menschen sind nämlich nicht so fancy gebildet wie ihr, wählen in der Regel keine Studiengänge, bei denen man nicht sicher sein kann, danach einen Job zu bekommen und verstehen die ganzen Pseudoprobleme nicht, die ihr aus eurer Literatur ableitet, weil sie sie nicht gelesen und wichtigere Probleme haben oder, Gott bewahre, sie HABEN sie gelesen und kommen zu einem anderen Urteil als ihr. Dabei ist Klassismus Bildungskiller Nummer Eins in Deutschland. Nicht das Geschlecht, nicht die Herkunft, nicht die Hautfarbe – nein, es ist Klassismus. Aber die Betroffenen machen sich halt nicht so gut, die geben gar Widerworte, das sind keine guten Opfer, die man vorführen kann, also weg mit ihnen, auf zum nächsten Thema, die sind eh scheiße, ne?!

Es wurde über mich gehetzt, Anschuldigungen erhoben und mir auf eine Art und Weise die Möglichkeit geraubt, mich zu erklären, die mich sprachlos machen würde, wenn ich das jetzt nicht schon so oft beobachtet hätte. Keine Sau hat es interessiert, wie es MIR dabei geht. Glücklicherweise bin ich auf dem Loch wieder rausgekrochen, in dem ich den halben Winter lang saß, aber das ist nicht EUER Verdienst, wie überhaupt gar nichts, was Betroffenen hilft, euer Verdienst ist, weil ihr euch nur um euch selbst und die Bestätigung eurer Filterbubble dreht. Ich kann nur heilfroh sein, dass mich diese Scheiße nicht in einer schlimmen Phase erwischt hat. Nicht, dass das EUCH interessieren würde.

Und das war der letzte Tropfen in diesem Fass, das bereits randvoll war mit radikalfeministischer Scheiße der selbsternannten Twitterelite, die Menschen, sobald sie auch nur ein Jota von ihrer Meinung abweichen, mit Hohn und Hass überziehen und sich dafür von ihren Lemmingen feiern lassen.

Aber ich mache da nicht mit. Kapiert einfach, dass ich mich nicht an euren moralischen Maßstäben messen lasse, weil ich nämlich andere habe. Ich habe mich eurer Maßstäbe teilweise in meinem Artikel bedient, um zu demonstrieren, was ihr damit anrichtet, und dafür hattet ihr nichts als Verleumdung und Hass übrig, ohne die geringste Reflexion darüber, dass ihr euch damit gerade selbst fickt. Deshalb seid ihr nichts als Heuchler. Umso mehr, wenn ihr die Unzulänglichkeiten des Gesundheitssektors, die ich mit dem Artikel thematisiert habe, jetzt totschweigt, nur weil der aktuelle Anstoß dazu von MIR kam.

Und jetzt lasst meinetwegen den Mob los, twittert, wütetet und empört euch. Es interessiert mich nicht. Ich habe die nächsten Tage im Real Life zu viel zu tun, um mich mit eurer Scheiße zu befassen. Tobt euch aus auf Kosten einer psychisch Kranken und teilt morgen einen traurigen Tweet, wenn ihr euch dann besser fühlt. Aber erwartet dafür von MIR keinen Respekt, ihr ach so awaren scheinheiligen Pseudos, denn ihr kotzt mich immer noch an!

Fickt euch und Tschüss!

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee.

Awareness. Und jetzt?

Dies ist ein Nachtrag zu Eure Awareness kotzt mich an! Als solcher ist er aber eigentlich viel, viel wichtiger als der Ursprungsartikel. Ich freue mich über Feedback.

Leute: WOW. Noch nie ist ein Artikel von mir in nur zwei Tagen so oft geteilt und damit auch (hoffentlich, trotz der Länge) so oft gelesen worden wie „Eure Awareness kotzt mich an!“ Und noch nie habe ich so viel ausschließlich positives Feedback bekommen (auch, weil die, an die er gerichtet war, ihn beharrlich ignorieren – aber das ist ne andere Geschichte).

Ich freue mich total über das Interesse. Es zeigt mir aber auch, dass ich einen Nerv getroffen habe. Ich frage mich, wie viele von uns es da draußen gibt, die von blinden Aktivismus genervt sind und sich nicht vertreten fühlen. Die viel wichtigere Probleme haben – wie dieses, trotz fehlender Hilfe von Seiten unseres Gesundheitssystems einfach den nächsten Tag zu überleben.

Es hat gut getan, mich auszukotzen, aber das reicht mir nicht. Was wirklich nötig ist, fernab von Awareness, die nicht über ein banales #notjustsad hinaus geht, wäre eine wirkliche Diskussion: darüber, wie man es ändern kann. Und dann auch tatsächlich einen Weg einzuschlagen, DER es ändert. Das habe ich bisher leider nicht wahrgenommen, aber DAS lässt sich ja ebenfalls ändern.

Mir ist es völlig egal, ob eine solche Diskussion über mich oder meinen Blog geschieht, solange sie nur bitte, bitte geschieht. Ich fasse im folgenden trotzdem meine spärlichen Ideen zusammen. Und dann hoffe ich, dass sich ein paar Leute darüber Gedanken machen, die klüger sind als ich – damit sich was bewegt.


Fehlende Kassensitze

Jemand meinte gestern auf Twitter als Kommentar zu meinem Artikel, dass Therapeuten fehlen. Das stimmt so allerdings nicht (und habe ich auch nicht behauptet). Was fehlt, sind Therapeuten, die einen Kassensitz haben und ihre Behandlung daher über die Krankenkassen abrechnen. Diese Kassensitze sind nun aber, wie erschöpfend dargelegt, viel zu knapp bemessen – UND DAS WISSEN DIE KRANKENKASSEN. Sonst würden die ja nicht an ihre Therapeuten appellieren, keine Bescheinigungen auszustellen, die genau das bestätigen. Sie wissen es und sie tun NICHTS. DAS ist der eigentliche Skandal, DAS ist eines Shitstorms gewaltigen Ausmaßes würdig, DAS gehört auf eine politische Agenda!

Wo sind also die Politiker, die sich dafür einsetzen, die wirklich Druck machen können? Jeder Mensch in Deutschland ist gesetzlich gezwungen, krankenversichert zu sein – aber dann sollte man die Kassen auch zwingen, Leistungen in dem Maße zu erbringen, wie sie nachgefragt werden!

Natürlich gibt es auch noch die privaten Therapeuten, die ohne Kassensitz praktizieren, aber selbst solche, die bereit sind, für weniger Begütete günstiger zu arbeiten, verlangen Minimum 50 Euro pro Sitzung, was demnach bei einer Therapie, die idealerweise einmal die Woche stattfindet, schon mal locker 200 Euro im Monat ausmacht. Kein Mensch in der Ausbildung kann das bezahlen, kein Student, kein Arbeiter mit Familie. 200 Euro sind verdammt viel Geld. So ausgelutscht es ist: Gesundheit sollte keine Frage des Geldbeutels sein.

Wirtschaftlichkeit

Ich hasse es, bei einem solchen Thema utilitaristisch zu argumentieren. Aber natürlich ist unser Gesundheitssystem trotz aller Menschenfreundlichkeit wirtschaftlichen Überlegungen unterworfen. Doch das ist kein Argument GEGEN mehr Kassensitze. Es ist eines DAFÜR.

Ein depressiver Mensch, der keine Therapie beginnt, kostet natürlich kurzfristig erstmal gar nix, aber langfristig ist jede unbehandelte psychische Erkrankung eine erhebliche Belastung für das Gesundheitssystem und den Staat an sich. Irgendwann häufen sich unweigerlich die Krankentage. Notfallhilfe, die gar nicht nötig gewesen wäre, hätte man sofort interveniert, ist auch nicht billig. Ein einziger Tag in einem Krankenhaus oder einer Psychiatrie, der vielleicht wegen eines Unfalls durch SVV (Selbstverletzendes Verhalten) oder gar eines Selbstmordversuchs nötig ist, ist so teuer, dass man davon locker mehrere Sitzungen bei einem Therapeuten bezahlen kann.

Ach ja – Selbstmord? Todesursache Nummer Eins bei jungen Menschen, die den Staat bis dahin Kindergeld, Geld für Kindergarten, Grundschule, weiterführende Schule, vielleicht sogar Studium und Ausbildung gekostet haben, ohne dass sie davon mittels ihrer Arbeitskraft auch nur einen Cent zurück geben können – weil sie nämlich TOT SIND.
Ja, das klingt ekelhaft, wenn man es so sagt, aber es muss gesagt werden, um diesen idiotischen Tunnelblick sogenannter „wirtschaftlicher Überlegungen“ als das zu demaskieren, was er ist: Bullshit, den selbst ein Kleinkind durchschauen könnte.

Und dann ist da ja noch diese kleine Sicherheitsfrage. Ja, ich rede hier von Andreas Lubitz, der fast 150 Menschen mit in den Tod riss. Auch wenn ich stark bezweifle, dass der NUR an Depressionen gelitten hat – Depressive wollen sich in der Regel, wenn überhaupt, nur selbst schaden – sind wir uns doch hoffentlich alle eilig, dass dieser Mensch psychische Probleme hatte, die mit der richtigen Behandlung vielleicht hätten geheilt werden können, bevor es zu dieser Katastrophe kommen konnte. Natürlich haben wir hier ein Extrembeispiel, aber ich will nicht wissen, wie viele Menschen (vor allem Kinder) indirekt unter unbehandelten Erkrankungen Dritter leiden, ebenfalls krank werden, wieder Geld kosten. Psychische Erkrankungen sollten KEIN Stigma sein – aber das heißt noch lange nicht, dass wir alle harmlose Engelchen sind, die niemanden absichtlich oder unabsichtlich verletzen können. Das schreibe ich als Kind einer Mutter, die ebenfalls depressiv ist.

Betroffenen zeitnah Therapien zur Verfügung zu stellen ist demnach billiger, als es nicht zu tun – auch DAS wissen die Krankenkassen. Und auch hier tun sie NICHTS. Vielleicht stecken dahinter ja irgendwelche Schreibtischtäter, die nur bis zur nächsten Quartalsabrechnung denken. Vielleicht ist es auch einfach bequemer, ein beschissenes System beizubehalten als die Mühe auf sich zu nehmen und ein besseres zu entwerfen. Ich weiß es nicht. Aber ändern muss es sich.

Mangelnde Qualität

Der Punkt ist vielleicht ein bisschen gemein. Ich glaube nämlich, dass die meisten Therapeuten diesen Weg (der bedeutet, nach einem abgeschlossenen Studium noch eine zeit- und kostenintensive Ausbildung zu absolvieren) gewählt haben, weil sie wirklich den Drang haben, Menschen zu helfen. Trotzdem haben die zwei Totalausfälle, von denen ich berichtet habe, mich mehr zurück geworfen als alles andere (über Therapeut Nr. 2 hätte ich mich sogar gerne beschwert… wenn ich denn gewusst hätte wo).
Eine liebe Bloggerkollegin, selbst Therapeutin, schilderte vor kurzem treffend, dass die Qualität der Behandelnden und damit auch die Behandlung an sich steigen müsste, wäre sie den Gesetzen des freien Marktes unterworfen. Momentan scheinen sich dagegen einige Therapeuten auf ihrem Kassensitz auszuruhen, der ihnen Dank der schon angesprochenen Unterversorgung fortwährend und ohne die geringste Mühe Nachschub an neuen Patienten verschafft.
Wie wäre es, wenn Therapeuten wirklich um Patienten kämpfen müssten, Erfolge vorweisen müssten? Das findet momentan schlicht nicht statt. Dazu diese unsägliche Praxis, Kassensitze zu VERKAUFEN – womit ein solcher nicht von Qualität, sondern nur von einem dicken Geldbeutel zeugt.
So wirklich habe ich auch keine Ahnung, wie man es besser machen könnte. Kassensitze nur für die Therapeuten mit Spitzenabschlussnoten? Ein zusätzlicher Test? Kassensitze zeitlich begrenzt auf Probe mit anschließender Evaluation? Ich weiß nicht, was hier die beste Methode wäre, um die wirklich fachlich und menschlich besten Kandidaten auszuwählen. Ich weiß nur: Geld ist es mit Sicherheit nicht.

Betreuung

Das ist ein für mich schwieriger Punkt. Es ist mir peinlich, mir selbst und anderen eingestehen zu müssen, dass ich nicht mal in der Lage bin, ein paar Telefonate zu führen. Und doch ist das der Punkt, der nicht nur bei mir am meisten hakt.

Viele waren sehr schockiert über diese Zahl: neun Jahre. Neun gottverdammte Jahre, fast mein gesamtes Erwachsenenleben. So lange suche ich schon nach einem ambulanten Therapieplatz. Aber selbst mit unserem trägen Gesundheitssystem ohne genügend Kassensitze könnte ich schon längst austherapiert sein – wäre ich am Anfang nur am Ball geblieben.

Es ist nicht nur die Antriebslosigkeit, die mich hier hindert. Es ist schlicht und ergreifend die psychische Belastung, die mit dieser Suche einher geht. Vielleicht habt ihr ja schon mal wegen einer Grippe bei eurem Arzt angerufen und euch während genau diesen zwei Minuten Gespräch mit der Sprechstundenhilfe elender gefühlt als sonst im gesamten Krankheitsverlauf. Tja, so geht es mir auch. Vergessen wir die leichte (fast überwundene) Soziale Phobie, die ich ebenfalls mein Eigen nennen darf und die Telefonate allgemein recht unangenehm macht, vergessen wir auch den Stress und die Übermüdung, die mit dem Jonglieren Dutzender verschiedener Sprechzeiten einher geht: Muss ich bei einem Therapeuten anrufen, ist der Tag gelaufen. Oft kamen mir schon die Tränen, bevor überhaupt jemand abhob, und wenn man mich dann auch noch aufforderte, „kurz zu erzählen“, was mein verdammtes Problem ist, ging die Sirene erst richtig los.

Es schlaucht. Es triggert. Es macht mich fertig. Und für was? Wie man sieht: für nichts.

Damit stehe ich nun wirklich nicht alleine. Ja, es ist peinlich, sich eingestehen zu müssen, dass man in diesem einen speziellen Fall tatsächlich jemanden braucht, der einen ans Händchen nimmt, weil man sonst immer wieder aufgibt. Aber genau so jemanden sollte es geben. Was mir vorschwebt, ist eine Art Betreuer, der vielleicht sogar selbst Therapeut sein könnte, aber ein Sacharbeiter (mit entsprechender Fortbildung) würde ja auch schon reichen. Dieser Person schildert man im persönlichen Gespräch EINMAL seine Situation, statt sie zehnmal wiederholen zu müssen und SIE erledigt dann die Therapeutensuche. Ist genügend Vorwissen vorhanden, kann dabei ja auch schon mal eine kleine Vorauswahl getroffen werden (es bringt wohl wenig, einen fünfzigjährigen Alkoholiker zu einem Therapeuten zu schicken, der sonst vor allem Essstörungen bei Jugendlichen behandelt. Aber woher soll man sowas als Betroffener wissen? Die wenigsten Therapeuten haben Internetauftritte.). Auch eine vorläufige Diagnose wäre hierbei schon möglich, wenn auch nur im sehr, sehr beschränkten Rahmen.
(Auch wäre ein System denkbar, das ähnlich wie die Programme funktioniert, die an Unis zur Anmeldung für Veranstaltungen verwendet werden. Damit wäre für den verantwortlichen Betreuer beispielsweise ersichtlich, welcher Therapeut noch freie Kapazitäten hat, am besten zum Profil des Patienten passt o.ä. Hier würde sich allerdings die Frage nach einem adäquaten Datenschutz stellen.)

Wie schwer kann es sein, solche Betreuer zur Verfügung zu stellen? Und falls es sowas schon gibt: Warum weiß ich nichts davon?

Veränderung – aber wie?

Hier kommen wir zum Hauptpunkt und hier bin ich leider ratlos. Ich besitze keinen Einfluss, habe kein politisches Amt und kenne keinen Weg, irgendetwas zum Besseren zu wenden außer, mich fortwährend lautstark zu beschweren.

Genau das scheint allerdings bei dieser Thematik momentan ein riesiges Problem zu sein. Die so hochgejubelte Awareness, die ich kritisiert habe, ist beiläufig, oberflächlich und geht an den wirklichen Problemen vorbei. Sie fokussiert sich einzig auf den Abbau der Stigmatisierung psychischer Erkrankungen mit dem ach so hehren Ziel, die dann irgendwann gesellschaftlich völlig akzeptierten, nun viel selbstbewussteren Betroffenen auf diese Weise zu motivieren, sich Hilfe zu suchen – und übersieht dabei völlig, dass es keine Hilfe gibt. Das ist entweder, wie schon gesagt, einfach nur heuchlerische Selbstprofilierung – oder pure Unwissenheit.

Gegen Heuchelei kann man als Außenstehender nun leider nicht viel tun. Gegen Unwissenheit aber schon. Ja, nennt mich bekloppt, aber ich plädiere hiermit für Awareness! Keine Awareness hinsichtlich der traurigen Tatsache, dass selbst im 21. Jahrhundert viele erwachsene, gebildete Menschen „psychisch krank“ immer noch mit „unzurechnungsfähig“ gleichsetzen oder glauben, Depressive wären einfach nur weinerliche Jammerlappen. Klar tut das weh. Trotzdem: Vergesst diese Idioten. Ich rede von Awareness dahingehend, wie schwer es uns selbst völlig ohne Stigmatisierung gemacht wird, gesund zu werden. Darüber wurde noch viel zu wenig geredet, darüber ist viel zu wenig bekannt. Aber genau das muss sich ändern.

Ich kenne keinen Weg, etwas zu ändern, außer mich zu beschweren. Das habe ich hiermit getan. Aber wir Betroffenen sind viel zu leise… weil wir alle krank sind. Weil wir häufig schon froh sind, morgens aus dem Bett zu kommen. Deshalb müssen sich viel, viel mehr Leute beschweren und nach gangbaren Lösungen suchen – Leute mit Energie, Grips und Macht.

Gründe dafür habe ich nun wirklich genug genannt. Konkrete Hindernisse, die es aus dem Weg zu räumen gilt, auch wenn ich nicht so richtig weiß, wie das gehen soll. Aber ich hoffe auf eine echte Debatte über das Thema „Versorgung psychisch Kranker“ – hinausgehend über die mitleidige Feststellung, was wir doch alles für arme, kleine Hascherl sind.

Es ist ein unmenschliches, ineffektives und darüber hinaus auch noch wahnwitzig kostenintensives System, das eine grundlegende Reform benötigt. Wenn das geschafft ist, kommt das Ende des Stigmas übrigens ganz allein. Nichts würde mich glücklicher machen, als in zehn Jahren auf irgendeinen saublöden Spruch über Depressionen zu antworten: „Weißt du was? Ich war auch mal depressiv und kuck, wie gut es mir heute Dank der richtigen Therapie geht!“

Bis dahin gibt es noch zu viel zu tun, um uns an Kleinigkeiten aufzuhängen. Ich hoffe, ihr seid dabei.

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee.

Eure Awareness kotzt mich an!

Ich bin Robin, ich leide an Depressionen und möchte mich bei jedem bedanken, der mir in den vergangenen schlimmen Wochen und Monaten seine ehrliche Anteilnahme schenkte, mir wirklich helfen wollte und besorgt war.
Ihr seid lieb. Aber: Es werden keine Lieder mehr für Helden geschrieben. Darum fühlt euch nicht angesprochen von dem, was folgt. Es ist nicht für euch.

Dieser Tag beginnt, wie der letzte endete: mit Tränen.

Viel weinen oder gar nicht, viel fressen oder wenig, viel schlafen oder sich rumwälzen.

Manchmal schlafe ich 10 Stunden am Tag. Eine kleine Flucht, die mir bleibt. Ich träume meist intensiv, oft totalen Schwachsinn, aber wenigstens ist es nicht langweilig. Ich schlafe so viel, dass mir der Rücken weh tut. Oft lege ich mich ins Bett, weil ich nicht mehr sitzen kann. Und stehe ich morgens, das heißt mittags, aus dem Bett auf, geht’s nach einem Abstecher ins Bad erst mal auf die Couch – zum Ausruhen. Ausruhen vom Aufstehen. Das ist kein Witz.

Schlimm, hm? Plastisch. #Notjustsad, indeed. Diese armen Depressiven, unterstützen muss man die. Das fave ich doch mal, und noch einen Retweet als Kirsche oben drauf. Ah, jetzt geht’s mir besser. Ich bin ein guter Mensch. Ich bin aware.

Und jetzt?

Sagt mir nicht “Bitte such dir Hilfe!” Es gibt keine Hilfe. Ich möchte, dass ihr das kapiert: Es gibt keine Hilfe. Eine Depression ist nicht wie ein fauler Zahn, der einem sofort einen Notfalltermin beim Zahnarzt verschafft. Nee, hier fault nur die Seele, das ist was anderes.

Anrufen, Therapeutentermine vereinbaren. Irgendwo kommt ein Stückchen Elan her und ich greife zum Hörer. Die Therapeuten habe ich mir vorher aus einer Liste ausgesucht.
Dabei die Frage: Kann ich da überhaupt Ansprüche stellen? Wenn man so lange warten muss, nimmt man dann nicht das, was man kriegen kann? Auch wenn man persönlich von einem rein psychoanalytischen Ansatz überhaupt nicht überzeugt ist? Brauche ich einen abgehobenen Freudianer, der mir erzählt, dass all meine Probleme im Endeffekt darauf zurück zu führen sind, dass meine Mutter mich nicht stillen konnte? Ach ja, und irgendwas mit Penis?

Es gibt Therapieplätze und davon viel zu wenige. Wenn ich morgen irgendwo da anrufe, habe ich mit Glück einen Termin in einem halben Jahr.
Nicht, dass ich morgen einfach irgendwo anrufen könnte. “Einfach irgendwo anrufen” ist nämlich nicht. Depressionen gehen mit Antriebsschwäche einher. Das Internet sagt dazu “Prokrastinieren”. Dieses Scheiß-Internet. Antriebsschwäche fühlt sich eher so an wie in einem Eisblock eingeschlossen zu sein. Ein Eisblock auf meiner Couch, den starren Blick auf einen Stapel Dreckwäsche gerichtet, die dringend gewaschen werden muss, weil ich nichts mehr zum Anziehen habe und es anfängt zu müffeln und mit jedem Tag wächst der Berg trotzdem weiter, aber ich sitze einfach nur da und starre. Manchmal werde ich nachts wach, denke an überfällige Bücher oder was auch immer gerade ansteht und bekomme Herzrasen. DANN könnte ich es sofort machen, aber dann ist ja Nacht, da ist die Bibliothek zu. Und am nächsten Morgen hat sich das Eis wieder um mich geschlossen.

Ich habe die Liste vor mir, die mir mein Hausarzt gab mit den besten Wünschen. Ich habe die Therapeuten markiert, die meine favorisierte Methode anbieten. Zehn Therapeuten. Zwölf verschiedene Sprechstundenzeiten.
Mir laufen wieder die Tränen. Ich lausche den Ansagen vom Band, notiere mir die Sprechstundenzeiten, darunter so Perlen wie “Montags zwischen viertel vor 9 und 9″. Ich habe einen Schritt gemacht und er war umsonst ohne den nächsten.
Der nächste Schritt. Der nächste Schritt. Zwei bis achtzig Wochen später, Montagmorgen. So lange habe ich gebraucht, bis ich rechtzeitig aufstehen konnte. 8 Uhr fünfundvierzig. Es klingelt. Niemand geht ran. Ich probiere es noch drei Mal. Nichts.

Keine Chance, unter sechs Monaten Wartezeit irgendwo unter zu kommen – außer Psychiatrie, die MÜSSEN einen ja nehmen, aber für Menschen mit Depressionen ist das nichts anderes als eine Verwahranstalt. Aggressive Leute, Schizophrene mit Wahnvorstellungen, drogeninduziere Psychosen vor allem. Krankenhäuser, die Psychiatrien angeschlossen haben, schicken dort am Wochenende gerne Komasäufer hin. Die sind nämlich laut und kotzen, das nervt, also raus aus dem Krankenbett, ab zu den Psychos, und diese zwar zu hart feiernden, aber ansonsten völlig gesunden Menschen müssen am nächsten Tag Fragen zu ihrer nicht vorhandenen Suchtproblematik beantworten, weil die in der Ambulanz behauptet haben, die hätten eine Suchtproblematik, weil sie die ja sonst nicht in die Psychiatrie hätten abschieben können.

Nein, da will ich nicht hin.

Ich komme durch, bekomme einen Termin. Endlich. Therapeutin: Ein Megafail. Ich soll erzählen, also erzähle ich und mittendrin unterbricht sie mich und verbietet mir, weitere Taschentücher zu nehmen, weil sie später noch Gruppentherapie hat und das ihre letzte Packung Kleenex ist. Wir verabreden einen zweiten Termin. Sie sagt ihn ab, indem sie einen Brief an meine Heimatadresse schreibt, den meine Mutter erreicht.

#NotJustSad. Depressive sind nicht einfach nur traurig. Wow. Haltet die Druckerpressen an, wir haben hier die banalste Schlagzeile der Welt.
Ihr habt studiert? Könnt Wikipedia bedienen? Warum wisst ihr das dann nicht? Und der Rest, die ganzen Arschlöcher, die einen für unzurechnungsfähig erklären oder für kleine Mimosen… denkt ihr, die lassen sich von einem Hashtag beeindrucken oder ein paar Artikeln?
Aber man liest es ja doch und fühlt sich voll aware, haut ein paar Internetadressen raus (“Hilfsangebote”) und weiter zum nächsten Skandälchen. Vielleicht hat ja jemand offizielles irgendwo “Schwule” gesagt und “Homosexuelle” gemeint, sowas geht doch nicht, Shitstorm on.

Zweiter Therapeut. Schlaffer Händedruck, ausdrucksloses Gesicht. Er sieht mich während der gesamten Sitzung nicht an und gibt mir am Ende eine Liste mit Therapeuten. Ich frage, warum er mir nur Frauen empfiehlt, mir ist das egal, ich habe keine Missbrauchserfahrung oder sonstiges, was es mir unmöglich macht, zu einem männlichen Therapeeuten zu gehen. Er nennt die Frage sinnlos. Ich deute an, dass ich aufgetaucht bin, weil ich ja bei IHM Therapie machen wollte. Er schnarrt: “Abgelehnt!” Ich bin fassungslos, springe auf, stammle irgendwas. “Unglaublich… in diesem Land…!”
Ich bin schon an der Tür. Er antwortet stoisch: “Dann wandern Sie doch aus.”

Ich weine auf dem Weg nach Hause, denke, dass diese Ignoranz mich hätte umbringen können, wäre ich gerade suizidal. Ein Teil von mir wünscht, ich wäre es.

Nur sehr wenige Behandlungsmethoden werden von der Krankenkasse anerkannt und übernommen. Eine neue Behandlungsmethode zur kassenärztlichen Legitimation zu verhelfen – ein jahrelanger Prozess, selbst wenn der Erfolg nicht wegzudiskutieren ist. Als würde man jemanden mit Schmerzen Aspirin verabreichen, weil irgendwie noch nicht abschließend geklärt ist, ob dieses ominöse Morphium auch tatsächlich wirkt.
Die Lösung besteht darin, sich einen Therapeut zu suchen, der beides kann: Die Behandlung, die von der Kasse bezahlt wird und die Behandlung, die tatsächlich am besten für einen ist. Der Therapeut therapiert dann nach der einen Methode, schreibt aber für die Kasse die andere auf die Abrechnung. So fickt man das System. Das System wollte es doch so.

Termin 3. Therapeutin, sympathisch, perfekt. Leider für mich nix frei. Aber sie empfiehlt mir Therapeuten und streicht sie für mich an.
Anruf. “Wir KÖNNEN Sie auf die Warteliste setzen, aber das dauert ein halbes Jahr!”
“Ist okay. Bitte setzen Sie mich drauf.”
“Wir haben SEHR viele Anfragen und viele kriegen zwischenzeitlich anderswo einen Therapieplatz, ohne sich bei uns abzumelden. Das ist sehr aufwendig und ärgerlich für uns. Bitte rufen Sie deshalb in drei Monaten wieder an, um zu bestätigen, dass Sie immer noch warten.”

Haha. In drei Monaten nochmal anrufen. Klar. Easy. Was spricht dagegen. “Einfach so”.

Ich bedanke mich, lege auf und notiere diese Frist in dem Wissen, dass ich sie niemals einhalten werde.

Nein, eigentlich will das System nur eines: mich tot sehen. Mich und andere wie mich. Wir kosten zuviel. Natürlich koste ich momentan überhaupt nichts, so ohne Therapieplatz, und so soll das auch bleiben. Die Nachfrage bestimmt das Angebot – nicht bei unseren Krankenkassen. Künstliche Verknappung.
Wer als Therapeut Patienten auf Rechnung der Krankenkassen behandeln will, braucht einen Kassensitz. Ein Kassensitz muss er sich aber erst kaufen gegen viele, viele tausend Euro. Und selbst wenn er so viel Geld mal einfach so aus dem Ärmel schütteln kann, kriegt er wahrscheinlich keinen, weil es ja nicht zu viele Therapeuten mit Kassensitz geben soll, denn so viel Bedarf besteht ja nicht. Also wird die Anzahl der Kassensitze klein gehalten, obwohl ein Bedarf nach Therapeuten mit Kassensitz eindeutig da ist. Angebot und Nachfrage – sonst gäbe es ja keine Wartezeiten von einem halben Jahr. Es sei denn, man ist reich und bezahlt die Behandlung selber.

Wusstet ihr nicht, ne?

Anderer Therapeut. “Die Wartezeiten für Einzeltherapie sind gerade sehr lang. In der Gruppentherapie sind aber noch Plätze frei!”
Ich mag keine Gruppentherapie. Ich hasse es, vor Fremden zu weinen. Und es interessiert mich nicht, ob Peter seit dem Tod seiner Frau keinen Sinn mehr in seinem Leben sieht oder Paula in der Schule immer gemobbt worden ist. Ich fühle mich herzlos, wenn ich das denke, aber es ist so. Ich habe keine Kraft für andere. Ich habe keine Kraft für eine kaputte Gruppe.

Ich komme auf die Warteliste. Ich soll das in einem halben Jahr nochmal bestätigen. Haha.

Wenn ein Therapeut mit Kassensitz nichts mehr frei hat, kann der einen genau das bescheinigen. Sammelt man genug dieser Absagen, kann man damit zur Krankenkasse gehen. Dort knallt man denen das als Beweis auf den Tisch, dass sie mit der Berechnung des Bedarfs an Kassensitzen Scheiße gebaut haben. Die Krankenkasse bezahlt dem Patienten dann einen Therapeuten ohne Kassensitz. So bluten sie dann doch für ihre selbst erzeugte Knappheit.

Vor ein paar Jahren ging von den Krankenkassen eine Anweisung an ihre Therapeuten, solche Bescheinigungen nicht mehr auszustellen. Man wollte den Leuten keinen Therapeuten ohne Kassensitz bezahlen, auch wenn alle anderen Therapeuten schon ausgelastet waren. Dagegen haben sich die Therapeuten dann aber gewehrt. Unethisch sei das. Recht hatten sie.

Wusstet ihr nicht, ne?

Therapieambulanz. Wurde mir bereits ein Dutzend mal empfohlen. Geht schneller, ist für harte Fälle besser. Ich bin skeptisch: eine Ambulanz? Was für Ansätze verfolgen die? Können die überhaupt was?
Jahre später. Therapieambulanz, jetzt endlich. Tägliche Sprechstundenzeiten. Keiner geht ran. Aber wenigstens gibt es eine Emailadresse. Protokoll, Ausschnitt:
“Wir senden Ihnen die Unterlagen zu. Die Wartezeit beträgt sechs Monate.”
“Mir wurde gesagt, bei euch geht es schneller. War das eine Fehlinformation?”
“Ja, das war leider eine Fehlinformation.”

#NotJustSad, ja, lest das und denkt, wie schlimm das doch alles ist. “Du bist ein toller Mensch! Such dir bitte Hilfe!”
Alles klar, Leute. Wie wär’s mit einem Hashtag #NotSoEasy. Not so easy at all.

Und jetzt stellt euch vor, man würde einem Querschnittsgelähmten die Reha verweigern und was für ein Skandal das wäre. Aber ihr sagt, das wäre dasselbe. „Ableismus“. Von „to be able“ – „fähig sein“. Die Diskriminierung von behinderten Menschen, die gewisse Dinge nicht so können wie gesunde Menschen. So wie ein blinder Mensch nicht sehen kann. So wie ein gelähmter Mensch nicht gehen kann.

So wie ein depressiver Mensch nicht… was? Was, zur Hölle?

Es war selbstverständlich absolut ableistisch von mir, als selbst Betroffene anzumerken, dass ich mich gegen diesen Begriff verwehre. Nicht als behindert gelten zu wollen kann ja nur bedeuten, dass ich was gegen Behinderte habe, ableistisch bin – unaware. Definitionsmacht? Nur, wenn es ins politsche Programm passt.

Ich habe selbstverständlich absolut nichts gegen Behinderte. Die meisten Behinderten möchten ihre Behinderung nicht als tatsächlichen Makel verstehen. Recht haben sie. Und jede offene, freie Gesellschaft MUSS in der Lage sein, Behinderten und ihren Besonderheiten einen Platz bereit zu halten, eine Möglichkeit, ein zufriedenes Leben zu führen, auch ohne Sehvermögen oder funktionierenden Beinen.

Dagegen meine Depression. Oh, dafür sollte man dich nicht verurteilen und dieser Typ in diesem Flugzeug, also, dass die einfach behaupten, der sei depressiv gewesen, das KANN ja gar nicht sein! Shitstorm! Sieh nur, ich akzeptiere deine Besonderheit! Ich bin aware!

Oh mein Gott, ihr Arschlöcher, hier für euch eine Durchsage: Ich hasse meine Depression. Ich hasse sie, weil sie mein Leben zerstört, mein Leben bedroht und das letzte was ich will ist, dass ihr sie „akzeptiert“. Ich will, dass ihr sie genauso hasst wie ich und wie hoffentlich kein Behinderter seine Behinderung hasst!!!

„Aber nein, das verstehst du falsch. Ableismus, okay, damit wird meist auf Behinderungen rekurriert, aber, naja, „able“ heißt „fähig“ und umfasst alles, was damit irgendwie zu tun hat.“

Okay, ich bin also nicht fähig, morgens auf dem Bett aufzustehen, mich an Dingen zu erfreuen, glücklich zu sein. Ich bin außerdem nicht fähig, japanisch zu sprechen oder mit Computern umzugehen und einmal habe ich in einem Anfall selbstzerstörerischer Leichtsinnigkeit eine Glasscheibe eingeschlagen, musste ein paar Tage einen Verband tragen und war nicht fähig, meine Hand zu benutzen. Ableismus, Diskriminierung aufgrund fehlender Befähigung? Meine Güte, Wikipedia hat angerufen: Sie hätten gerne eine Definition, die nicht auf alles passt.

Einmal hat mir jemand, sicher in bester Absicht, mitfühlend geschrieben, wie schwer das sicher alles ist, so als Depressive. Allein, wie man auf der Arbeit diskriminiert wird. Und ich musste stumm kichern. Depression, das ist keine Behinderung, denn Depressionen kann man verstecken, jedenfalls bis es zu spät ist. Und kein depressiver Mensch geht damit in seinem echten Leben bei fremden Menschen hausieren.

Millionen Menschen leiden an Depressionen, hundert- und tausendmal mehr Betroffene als bei anderen „Besonderheiten“, für die ihr schicke neue Namen für Diskriminierungsformen erfindet, aber psychische Erkrankungen sortiert ihr bei Ableismus unter „ferner liefen“. Danke für diese Bestätigung meiner heimlichen Überzeugung, unwert zu sein. Danke für nichts.

Mich über Unwichtigkeiten ereifern, jetzt tue ich es schon selber. Nennt das, was man uns antut, halt „Ableismus“, ignoriert Stimmen von Betroffenen.
Natürlich ist es DAS, was mich eigentlich stört – nicht ein dämliches Wort. Betroffene werden nur gehört, wenn das, was sie zu sagen haben, zur Agenda passt. Und die Agenda heißt: Shitstorm. Moralische Empörung. Political correctness.

„Hab den Mathetest verhauen. Bin voll depri.“ Oh, das hat die Tussi jetzt NICHT gesagt, so ne Ignoranz, einfach medizinische Fachbegriffe zweckentfremden, wissen die Leute denn nicht, wie sich Betroffene bei sowas fühlen, Shitstorm, auf sie! Wir sind AWARE!!!

Ich lese „depri“ und fühle nichts. Weil es so unbedeutend ist. Umgangssprache. „ABER WORTE SCHAFFEN REALITÄT UND SPRACHE KANN BELIEBIG GEWANDELT WERDEN!“ – Ja, und deswegen heißt „depri“ hier „down“ und „Ich leide an Depressionen“ heißt „Ich leide an Depressionen“. So wie „Wenn ihr wirklich helfen wolltet, hättet ihr besseres zu tun als euch über so eine unwichtige Scheiße aufzuregen, ihr Idioten!!“ meint… nun, genau das. (Nur darf man „Idiot“ ja auch nicht mehr sagen. Das beleidigt Idioten. Aber möglicherweise ist es ja doch beleidigender, bei „Idiotie“ an geistige Behinderungen zu denken statt an Idioten.)

Währenddessen setzt irgendeine von euch eine Triggerwarnung über eine sexistische Werbung oder nennt eine prekäre Lebensituation „traumatisch“ und nein, das deckt sich ja so überhaupt nicht mit der medizinisch-psychiatrischen Definition, aber keine Sau interessiert’s, wer genug Fans hat, hat die Definitionsmacht, Scheiß auf Betroffene, außer die trinken mit dir einen Club Mate nach der Vorlesung und teilen deine Artikel auf Twitter. Nein, ich kritisiere keine Begrifflichkeiten, ich kritisiere diese unerträgliche Bigotterie und öde Irrelevanz eurer Awareness in Angesicht einer Krankheit, die unbehandelt zum Tod führt.

Man hat mir einen Anamnesebogen geschickt. Ich habe ihn vor mir, sechzig Seiten mit vielen intimen, distanzlosen, triggernden, ja wirklich triggernden Fragen und ich heule wieder. Fragen, steril formuliert, schwarze Tinte auf weißem Papier, ohne persönlichen Kontakt, niemand, der meine unmittelbare Reaktion sieht und mich auffangen könnte. Ich bin überfordert, denn ich weiß nicht, wie der Scheiß genau ausgewertet wird. Wenn meine Verfassung aber zu schlecht scheint, nehmen sie mich nicht. Gehen Sie in die Psychiatrie, da haben die all die tollen Drogen und ein schönes Zimmer, das Sie mit einem Komasäufer teilen können, der die ganze Nacht kotzt und sich einscheißt und morgen wieder weg ist.

Und wenn Sie nicht gehen und auch den Fragebogen nicht zurück schicken können, weil das schon wieder ein zu großer Schritt ist, weil wir Ihnen nicht helfen, weil Ihnen in diesem großen reichen Land niemand hilft, am allerwenigsten die, die es am lautesten behaupten, denn diese hysterischen Heuchler ohne auch nur das geringste Verständnis dafür, was es heißt, wirklich NICHT NUR TRAURIG und damit ALLEIN GELASSEN zu sein kreisen nur um sich selbst in ihrer billigen Imitation eines Menschen, dem andere nicht scheißegal sind – wenn Sie also letztendlich zusammenbrechen, dann tun Sie uns wenigstens den Gefallen und sterben leise.

Ich bin Robin, ich suche seit neun Jahren einen Therapieplatz und eure selbstgefällige Awareness kotzt mich so dermaßen an.


Wegen der großen Resonanz habe ich noch einige Ergänzungen nieder geschrieben. Darüber, was falsch ist, darüber, was sich ändern muss. Eure Ideen? Bitte lest hier: Awareness. Und jetzt?

Edit: Und noch zwei Nachträge:
1. Für die, die den Artikel mochten
2. Für die, die sich darüber aufregen

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee.