Was Pseudotherapeuten auf Twitter anrichten können (Teil 3)

Der vierte Beitrag meiner Themenreihe Depression widme ich dem Twitter-Account @deinTherapeut, der sich als „Mental-Health-Aktivist“ profiliert. Im ersten Teil schrieb ich über seinen „Gruppentherapie“-Discord, im zweiten Teil allgemein über seine Performance als Experte und seinen „Aktivismus“. Hier soll es um seinen Umgang mit Kritik, seine Community, die Geschichte mit seinem Vater und die absolut distanzlose Darstellung in den Medien gehen.


Norman hat mich nun schon seit Monaten geblockt, womit meine Timeline endlich nicht mehr geflutet wird von seinen Kalendersprüchen, was in vieler Hinsicht viel angenehmer ist. Aber die Gründe für meine Kritik gehen davon leider nicht weg, auch wenn er sie selbst absolut nicht einsehen will – und seine Jünger ihn dabei kräftig unterstützen.

Kritik, Reflexionsfähigkeit und toxische Community

Es war weder das erste, noch das letzte Mal, dass Norman mehr oder weniger heftig kritisiert worden ist. Sei es wegen seines Namens, seines Discords, seiner völligen Ignoranz von Persönlichkeitsrechten, wenn es darum geht, Bilder der Kinder – darunter ein geistig behinderter Junge – zu teilen, die er als Au-pair betreut etc.pp. – seine Reaktion ist IMMER dieselbe.

Norman ist null – NULL – kritikfähig. Sofern die Kritik nicht von einem seiner Fans demütig in extrem vorsichtige Worte verpackt wird – natürlich nicht ohne zu versichern, dass sie seinen Account trotzdem ganz toll finden – blockt er den Kritiker sofort, nur um anschließend über all den „Hass“ zu lamentieren, der ihm angeblich entgegen schlägt. Dass die meiste dieser Kritik verdammt noch mal berechtigt ist und wesentlich freundlicher formuliert wäre, wenn er nicht immer und immer wieder beweisen würde, dass er die Reflexionsfähigkeit eines Kleinkindes in der Trotzphase besitzt, erwähnt er dabei natürlich nicht. Er weiß schließlich ganz genau, weshalb seine Kritiker ihn eigentlich hassen:

Wenn er sich doch mal einer Kritik stellt, redet er am Thema vorbei und wird am Ende weinerlich.

Und selbstverständlich sind seine Fans dann zur Stelle, um seine Kämpfe für ihn auszufechten.

Norman hat eine der toxischsten Communitys um sich geschart, die ich je gesehen habe. Seine Fans verehren und verteidigen ihn mit einer Inbrunst, die nicht nur mich an eine gehirngewaschene Sekte erinnert, mit seinem Discord als Zentrum.

Wann immer er sich nach einer kritischen Anmerkung via Twitter ausheult, suchen und finden seine Fans den Grund – d.h. den Kritiker – und stürzen sich auf ihn. Das geschieht entweder durch ermüdende Wiederholung bereits lange Bekanntem (ich kann schon nicht mehr zählen, wie oft ein Fan mehr oder weniger aggressiv von mir wissen wollte, was an seinem Namen denn bitte so problematisch sei) oder schlichten Beschimpfungen, was natürlich überhaupt nicht zu seiner üblichen Liebesbotschaft passt.

Viele andere User können davon ein Lied singen. Für mich war der Gipfel erreicht, als mir einer seiner Fans tatsächlich drohte, mich wegen Verleumdung zu verklagen, weil ich (wieder im Zusammenhang mit der Frage, ob er überhaupt Therapeut sei) darauf hinwies, dass die unrechtmäßige Führung des Titels „Psychotherapeut“ eine Straftat nach § 132a StGB darstellt. Ob er da Probleme bekommen könnte – er lässt das „Psycho“ ja weg – halte ich tatsächlich für unwahrscheinlich, aber die Aussicht einer Klage war dann doch ganz witzig. Norman gefällt das.

Diese… nennen wir es „Solidarität“ mit ihrem Helden scheint manche seiner Fans in regelrechte Gewissenskonflikte zu bringen.

Woher kommt mir so ein Verhalten nur bekannt vor? In dem Zusammenhang ist es vielleicht auch erwähnenswert (oder zumindest für einen Lacher gut), dass es in seinem Discord Emojis gibt, die aus seinem Gesicht bestehen. Wann wird der Normanismus als offizielle Kirche anerkannt?

Die Bereitschaft, ihren Messias bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen, zeigten seine Fans besonders bei der Affäre um seinen Vater.

Die Sache mit seinem Vater

Letztes Jahr zu Weihnachten startete Norman einen Aufruf, weil er seinen obdachlosen Vater suchte, nachdem dieser die Familie zehn Jahre zuvor verlassen hatte. Die Geschichte ging schnell unheimlich viral, zahllose Medien griffen sie auf und als es dann im Zuge seines Deutschlandsaufenthalts zur Verleihung des „Goldenen Bloggers“ zu einem Wiedersehen kam, blieb in ganz Deutschland kein Auge trocken. Eine ganz ähnliche Aktion startete er vor wenigen Wochen, weil er, inzwischen schon lange wieder zurück in den USA, erfahren hatte, dass sein Vater schon seit einiger Zeit nicht mehr an seinen üblichen Plätzen aufgetaucht ist. Das wurde ebenfalls begeistert geteilt – bis 1. heraus kam, dass die ganze rührselige Geschichte Norman einen Buchdeal eingebracht hat und sich 2. eine Person auf Twitter meldete, die laut Eigenaussage seinen Vater kennt und behauptete, dass der mit dieser ganzen Aktion, inklusive der Nutzung seiner Bilder, nicht einverstanden sei.

Das entflammte einen Shitstorm, im Zuge dessen auch sein Discord wieder in Kritik geriet. Norman wurde vorgeworfen, die zweite Suche nur forciert zu haben, um das Buch zu promoten, er sei nur mediengeil, interessiere sich eigentlich gar nicht für seinen Vater etc.

Ich habe mich bei DIESER Geschichte weitestgehend raus gehalten… hauptsächlich wegen des letzten Punkts. Auch ich habe meinen leiblichen Vater das letzte Mal vor zehn Jahren gesehen – aber obwohl Normans und meine Geschichte nicht vergleichbar sind, weiß ich, wie weh ein solche Zurückweisung tut und halte diesen Vorwurf daher wirklich für eine Frechheit. Er war fünfzehn Jahre alt, als sein Vater die Familie verließ. So etwas tut man nur, wenn man krank ist oder ein Arschloch oder beides. In jedem Fall liegt es NICHT in Normans Verantwortung, sich um diese Person zu kümmern. Es ist eine unglaubliche Anmaßung, von ihm zu verlangen, zehn Jahre später alles stehen und liegen zu lassen und nach Deutschland zu eilen, um seinen Vater aus der Gosse zu ziehen, der das vermutlich nicht einmal will.

Ich kann und möchte ihm nicht vorwerfen, dass er ihm nicht hilft. Mich stört lediglich, dass er es behauptet – und da wird die ganze Sache dann tatsächlich ziemlich schäbig.

Buchankündigung des Verlages

Die gesamte Buchvorstellung liest sich wie eine herzerwärmende Feelgood-Story mit Happy End. Dabei weiß jeder, der die Geschichte verfolgt hat, dass danach im Prinzip überhaupt nichts passiert ist. Tatsächlich gab es ja nur dieses eine Treffen und laut Norman noch ein paar Telefonate seitdem. Inwiefern hat das Normans Vater geholfen – ihm einen Neustart verschafft, der über einen unfreiwilligen Prominentenstatus hinaus geht?

Den Vorwurf, sein Vater würde gar nicht wollen, dass seine Bilder für dieses Projekt verwendet werden, kommentiert Norman so:

Das halte ich für eine hammerharte Aussage. Entweder hat sich sein Vater bewusst wieder umentschieden – dann muss Norman das akzeptieren. Oder sein Vater ist wirklich geistig so am Ende, wie er sagt – dann ist er vermutlich überhaupt nicht geschäftsfähig und könnte sein Einverständnis nicht mal geben, wenn er wollte. In jedem Fall frage ich mich: Warum wurde hier nichts vertraglich festgehalten? Das spricht alles nicht gerade für eine Kommunikation auf Augenhöhe. Aber wie bereits erwähnt… mit Persönlichkeitsrechten hat ers nicht so.

Mich hat diese ganze Story von Anfang an ziemlich angekotzt, weil ich sie rührselig, kitschig aufbereitet und viel zu tränendrüsig fand. Besonders das Wiedersehensfoto mit seinem Vater hat mich regelrecht abgestoßen. Es tut mir leid, dass ich aufgrund meiner eigenen Verletzung durch meinen Vater so zynisch bin, aber so ein fröhliches Wiedersehen nach so langer Zeit der Funkstille nehme ich einfach niemandem ab. Ich fand die Geschichte unehrlich und unauthentisch, viele andere hielten sie dagegen gleich ganz für Fake, wofür sie von seinen Fans wiederum hart attackiert worden sind. Das Problem ist: Es gab vor dem gemeinsamen Foto mit seinem Vater keinen einzigen Beweis.

An dieser Stelle ist es Zeit für ein bisschen Medienkritik.

Norman und die Medien

Norman hat sich kürzlich gegen den Vorwurf „Fake“ verteidigt – und zwar so:

Anscheinend hat er eine sehr großzügige Auslegung des Begriffs „Verifizierung“… denn Artikel, die vollständig auf SEINEN Aussagen beruhen, sagen natürlich NICHTS aus. Das gilt im Übrigen auch für den ersten Artikel in der WELT. Man beachte dazu den verwendeten Konjunktiv – und die Fehlinformation, dass Norman Psychologe sei.

Gleichzeitig wird jede Form des Zweifels in diesem Artikel als „Häme“ bezeichnet. Das ist etwas, was sich durch die gesamte Berichterstattung über @deinTherapeut zieht und was ich einfach nicht verstehe. Jeder einzelne Artikel über ihn ist von einer naiven Kritiklosigkeit geprägt, die fassungslos macht. Und sowas erscheint dann in der „Welt“! Man fragt sich, wie so etwas passieren kann? Hilft es möglicherweise, dass Norman Springer-Redakteure persönlich kennt?

Ohne Timo @Lokoschat zu nahe treten zu wollen, glaube ich trotzdem nicht, dass irgendjemand, der als leitender Redakteur bei der BILD arbeitet, ein guter Typ ist

Und nicht nur die Artikel: Auch die Moderation des „Goldenen Bloggers“ schickte bei der Verleihung eine böse Botschaft an all die „Hater“, die Norman seine „tolle Geschichte“ (sic) nicht glauben. Gleichzeitig grenzte sich die Veranstaltung deutlich gegen „Fake News“ ab. Wie passt das zusammen? Wie kann man einerseits erwarten, dass Leute mal selber nachdenken, wenn sie eine diffamierende Geschichte über Migranten oder HartzIV-Empfänger lesen, aber dann in diesem Zusammenhang Leute verunglimpfen, die nichts weiter verlangen als so etwas wie einen konkreten Beweis für diese gehypte Story?

Eben dieser Story widmete Spiegel Online vor knapp drei Wochen einen ausführlichen Artikel. Dort wird Normans Vater porträtiert und sein gescheitertes Leben in aller Genüsslichkeit breitgetreten – mitsamt Klarnamen, mitsamt Klickstrecke privater Bilder. Der Leser erfährt Details zum Verlust seines Arbeitsplatzes, seines Absturzes in die Alkoholsucht, seiner Obdachlosigkeit, seiner üblichen Aufenthaltsorte, seines strengen Körpergeruchs – und fragt sich unwillkürlich: Warum zur Hölle ist das ne Nachricht??? Wieso hält es eines der größten deutschen Onlinemedien für angebracht, diesen Mann und seine Lebensgeschichte zur traurigen Publicity zu verhelfen – offensichtlich ohne je mit ihm gesprochen zu haben! – obwohl das öffentliche Interesse an diesem Privatschicksal ja wohl kaum groß genug sein dürfte, um diesen unfassbaren Eingriff in seine Persönlichkeitsrechte zu rechtfertigen???

Oder anders gefragt: Was ist an Pseudotherapeut Norman so verdammt faszinierend, dass selbst gestandene Journalisten jegliche professionelle Distanz verlieren?

Nach dieser investigativen Glanzleistung ist es schon fast zu vernachlässigen, dass es auch die sommerliche Kritik an seinem Discord in die Medien geschafft hat und dort so zusammengefasst wurde:

Was? Ich meine… was???

Dieser SHZ-Artikel mit dem lächerlichen Titel „Wie Norman einen Gegenentwurf zu Cybermobbing schuf“ (gemeint ist sein Discord, dieser schöne Safe Space – als wäre nicht JEDES Forum mit einer Netiquette und halbwegs brauchbaren Mods viel eher ein solcher „Gegenentwurf“ als dieser fahrlässig geführte Schweinestall) ist leider hinter einer Bezahlschranke, aber er wurde mir via Twitter zur Verfügung gestellt und ist tatsächlich ein einziger Lobgesang auf Normans Projekt.

Ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass die Autorin keine fünf Minuten darauf verwendet hat, den Vorwürfen tatsächlich mal nachzugehen. Die Frage bleibt: Was ist nur mit den deutschen Journalisten los??? Sind die auch schon alle eingelullt von seinen Feelgood-Sprüchen oder hat Normans Instagram-Lächeln sie einfach vollständig hypnotisiert???

Ich finde, dass sich einige Verantwortliche ganz gewaltig schämen sollten – und zumindest der SPON-Artikel gelöscht gehört. Das ist fast schon menschenverachtend, was da abgelaufen ist.

Lies es halt nicht???

Der Satz haben seine Fans nun schon ein Dutzend Mal an mich gerichtet und auch Norman selber glaubt, damit wären alle Probleme gelöst. Aber ich kann nun mal sehr schwer etwas ignorieren, das ich für gefährlich halte. Wieso das so ist, wurde inzwischen hoffentlich deutlich.

Was bleibt sonst noch zu sagen?

Der überwältigende Eindruck beim Lesen von @deinTherapeut ist, dass mir hier etwas verkauft werden soll. Nur was? Er hätte mit dem Account schon viel früher Geld verdienen können – dazu war kein Buchdeal nötig. Tatsächlich glaube ich, dass Norman sich hier nur selbst verkauft. Er verkauft sich als Therapeut für alle Fälle, als warmherziger Twitter-Philosoph, als Lebensberater, als Wellness-Guru, als guter Mensch – dabei ist sein Account und das, was er über psychische Erkrankungen schreibt oberflächlich bis an die Grenze zur Fahrlässigkeit und teilweise darüber hinaus. Er schart unsichere, junge Menschen um sich, die ihm wie Lemminge folgen und anscheinend schon lange die Fähigkeit verloren haben, seine Aussagen zu hinterfragen. Eine Armee von Glückskekssüchtigen, für die es früher oder später ein böses Erwachen geben wird, wenn sich seine Heilsversprechen in Luft auflösen.

Ich unterstelle ihm nicht mal böse Absicht. Aber Norman fehlt definitiv die Reife, mit der Macht, die er sich ertwittert hat, umzugehen. In vieler Hinsicht wirkt er fast schon narzisstisch. Sei es nun, dass er in aller Ernsthaftigkeit glaubt, Diskussionen anstoßen zu können, die schon jeder führt bzw. die zumindest in Deutschland schon lange entschieden sind…

…oder in anmaßender Weise versucht, sich als Dreh- und Angelpunkt einer Hilfsbewegung zu installieren…

… oder hauptsächlich zu Zeiten twittert, in denen in Deutschland viele Leute online sind – obwohl er doch in Boston lebt, was sechs Stunden Zeitverschiebung bedeutet.

Viele von uns geben im Internet einiges von sich Preis. Ich gehöre ja auch dazu. Gefährlich wird’s, wenn die Präsentation zu einer einzigen Show verkommt – und diesen Eindruck habe ich bei Norman zu 100%. Was sein „Mental Health“-Aktivismus angeht, kann ich als depressive Frau dazu nur immer wieder betonen, dass dieser Mensch nicht für mich spricht.

Wenn man eine positive Sache über ihn sagen will, dann diese: Social Media kann er. Seine Mitmach-Tweets und seine Aufforderungen, jemanden wegen Grund X unter seinen Tweets zu verlinken, dienen als Multiplikatoren für mehr Reichweite, was offensichtlich funktioniert.

Nur hilfreich ist es eben nicht. Norman mag für manche ein super Wellness-Coach sein… aber ein Therapeut ist er nicht. Erst recht nicht meiner.


Thementage Depression:

Teil 1: Warum die Suche nach einem Therapieplatz für jeden Depressiven eine absolute Zumutung ist
#SuchDirHilfe – Aufruf und Appell

Teil 2: Es besser machen – wie eine Therapiesuche aussehen könnte

Teil 3: Hürde Mensch – über psychotherapeutische Erstgespräche


Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee.

Was Pseudotherapeuten auf Twitter anrichten können (Teil 2)

Der vierte Beitrag meiner Themenreihe Depression widme ich dem Twitter-Account @meinTherapeut, der sich als „Mental-Health-Aktivist“ profiliert. Im ersten Teil schrieb ich über seinen „Gruppentherapie“-Discord, in diesem hier soll es darum gehen, was er mit dem von ihm beabsichtigten Framing, das schon bei seinem Namen anfängt, eigentlich anrichtet.


Nach dem ersten Teil meines Beitrags über @deinTherapeut mag manch einer vielleicht argumentieren, dass Norman keine Schuld an den Zuständen in seinem Discord trägt. Er hat die Plattform zwar zur Verfügung gestellt und sie schon namentlich explizit mit seiner Person verbunden, aber naja… warum sollte ein Influencer mit fünfunddreißigtausend meist jungen Followern für seine Projekte so etwas wie Verantwortung übernehmen müssen? Das wäre ja regelrecht lästig.

Die Wahrheit ist, dass sein Discord nur die Spitze eines sehr unappetitlichen Eisbergs darstellt – und der ganze Account einfach ein riesiges Desaster ist.

Der Name, das Framing

Das Problem fängt schon beim Namen an. Darauf haben bereits sehr viele hingewiesen und selbstverständlich ist jegliche Kritik daran bisher abgeschmettert worden. Leute können sich auf Twitter problemlos „Prinzessin Utopia“, „Einhornfee“ oder „Doktor Awesome“ nennen – warum sollte es dann ein Problem darstellen, wenn Norman sich „Therapeut“ nennt?

Der Unterschied ist eigentlich klar: Jeder weiß, dass eine Twitter-Prinzessin nicht wirklich adelig ist, ein Doktor Awesome ziemlich sicher kein Medizinstudium abgeschlossen hat und Fabelwesen nicht existieren. Aber einen ganzen Account der „Mental Health“ zu widmen und sich dann auch noch Therapeut zu nennen… das ist ein bewusst gewähltes Framing, das ohne weiteres zu Missverständnissen führen kann.

Es ist nicht so, dass Norman es Neugierigen leicht macht, die, grob gesagt, Unwahrheit hinter diesem Twitterhandle zu erkennen. Er klärt es nicht in seiner Bio auf und schreibt sehr selten darüber. Wenn man ihm länger folgt merkt man es irgendwann und wenn er darauf angesprochen wird, gibt er natürlich (zwangsläufig) zu, kein Therapeut zu sein – aber wer da nicht direkt nachfragen will, hat schlechte Karten. Wegen meiner Antipathie und seiner Inhalte konnte ich mir von Anfang an nicht vorstellen, dass er wirklich ein Psychotherapeut ist, habe dann aber einige Zeit beim Durchstöbern seiner Tweets investieren müssen, um heraus zu finden, was dahinter steckt. Ich erfuhr, dass er zwar Psychologie studiert hat, es aber bisher lediglich zu einem Bachelor brachte. Die Älteren unter uns werden sich noch erinnern: Ein Bachelor ist ungefähr das, was man früher sehr passend Grundstudium nannte und einen damals offiziell zu überhaupt nichts befähigte.

„Niemand hält ihn aber wirklich für einen Therapeuten,“ höre ich jetzt schon wieder seine Fans jaulen. Nur stimmt das einfach nicht. Selbst viele seine Kritiker, die nun mal keinen Grund hätten, ihm wohlgesonnen zu sein, sind sich da unsicher. Wie oft habe ich Sätze gelesen wie „Boah dieser Typ! Also keine Ahnung, ob der wirklich Therapeut ist, aber…“ Und auch einige seiner Fans blicken da nicht durch oder unterstellen ihm wider besseren Wissens einen Expertenstatus, den er nicht hat.

Manche scheinen sogar zu glauben, er könne einen echten Psychologen zumindest zeitweise ersetzen…

… oder gleich wirklich einen ausgebildeten Therapeuten. Norman gefällt das.

Er selbst kokettiert auch gern mit dem Titel Psychologe.

Und ja, bevor jemand losheult: Natürlich weiß ich, dass er nur einen Witz gemacht hat. Aber nochmal: Es geht um das Framing. Ein solcher Account, mit solchen Inhalten, mit einem solchen Namen, der impliziert, Psychologe zu sein – natürlich glauben da manche, er sei wirklich einer. An der Stelle ist vielleicht der Hinweis nötig, dass dieser Titel in Deutschland nur von Menschen getragen werden darf, die einen Master-Abschluss in Psychologie haben. Für Norman bedeutet das:

Norman ist genauso wenig Psychologe, wie ich nach meinem Grundstudium Historikerin war – und manche würden vielleicht behaupten, ich sei immer noch keine, weil ich keinen Magisterabschluss, sondern nur ein 1. Staatsexamen habe.

Der Unterschied ist: Mein Twitter-Auftritt dreht sich nicht vollständig um mein Geschichtssstudium und selbst, wenn ich nicht dazu berechtigt wäre, mich als Historikerin zu bezeichnen, täusche ich damit verzweifelten und hilfesuchenden Menschen keine Expertise bezüglich ihrer psychischen Probleme vor, die ich nicht besitze. Mein Abschluss und derjenige, den Norman impliziert zu haben, sind im Bezug auf den Schaden, den man mit der Irreführung von Menschen anrichten kann, nicht im Geringsten vergleichbar.

Und so kommt es dann auch, dass ihn Menschen tatsächlich nach Tipps fragen, weil sie ihn für einen Experten halten.

Gerade dieser Tweet ist mir sehr aufgestoßen. Es ist nicht grundsätzlich falsch, was er sagt… aber ich denke bei einer „Notfallbox“ eher an konkrete Skills zur Vermeidung selbstverletzenden Verhaltens. Und dazu gehören nach meiner bescheidenen Ansicht als Betroffene eher sowas wie Tabasco, Zitronensaft, Gummibänder, ein Luffa-Handschuh, eine Kopfmassage-Spinne, ein roter Edding, mit dem man sich auf die Haut schreiben kann, statt sich zu schneiden usw. Mir hat sich der Eindruck aufgedrängt, dass er gar nicht wirklich wusste, um was es geht. Vielleicht täusche ich mich ja auch, aber ich hätte anders als er zumindest mal genauer nachgefragt.

Die wahnsinnig tollen Tipps, die er immer mal wieder auf Lager hat, sind leider auch nicht grundsätzlich so harmlos, wie es den Anschein hat.


Das war by the way auch mein allererster Gedanke bei diesem Tweet. Meine Energielosigkeit wird durch Entspannungsübungen bis ins Unendliche potenziert. Entspannungsübungen zerstören mich vollständig, auf Stunden, weshalb ich in der psychosomatischen Klinik sogar davon befreit wurde. Anscheinend geht es nicht nur mir so.

Aber auch bei den „Mitmachtweets“, die er mit jedes Mal „Und jetzt…“ einleitet, habe ich mich schon mehrmals gefragt, ob ihm klar ist, welches Fass er damit möglicherweise aufmacht, und ob ich die einzige bin, die dadurch ein schlechtes Gefühl bekommt.

Tja… in MEINER ersten Erinnerung bin ich ca. zwei Jahre alt, stehe in meinem Kinderbettchen und fühle mich traurig und allein, weil ich nach meiner Mutter rufe, aber keine Antwort bekomme, obwohl sie im Bett daneben schläft. Ich bin mir zu 99% sicher, dass diese Erinnerung nur eine Projektion meiner Angst ist, nicht gewollt zu sein… aber dennoch ist das keine schöne Erinnerung. Sehr viele Menschen mit psychischen Erkrankungen haben keine schönen ersten Erinnerungen. Was passiert, wenn sie unter diesen Tweets von Trauma, Missbrauch und Gewalt berichten? Ist Norman dann da, um sie aufzufangen und ihnen zu helfen? Scrollt man durch die Antworten, sieht man, dass es nicht so ist. Und selbst wenn er mal reagiert, ist seine Hilfe… naja…

Natürlich kann jeder mal einen Tweet schreiben, durch den sich andere unabsichtlich verletzt fühlen. Und trotzdem: Es ist und bleibt das Framing, das mir so viele Kopfschmerzen bereitet. Sehr viel von dem, was er sich sonst so leistet, wäre überhaupt nicht so wild, wenn dieses Framing, diese Präsentation, diese Performance nicht wäre. Behaltet das bitte im Hinterkopf.

Sein „Aktivismus“

Norman präsentiert sich selbst als „Mental Health“-Aktivist. „Aktivist“ ist natürlich kein geschützter Begriff. Eine Zeit lang schien es so, als würde sich jeder, der mal drei zusammenhängende Tweets zu einem bestimmtes Thema geschrieben hat, als „Aktivist“ bezeichnen. Dagegen kann und möchte ich nicht argumentieren.

Wohl kann ich aber kritisieren, dass seine Inhalte für das, was er behauptet zu sein, wesentlich zu seicht sind – und manches Mal auch schlicht falsch.

Norman scheint psychische Gesundheit mit Wellness zu verwechseln. Aber Kalendersprüche zu twittern, die geistloser sind als alles, was bereits meine Uroma in ihrem Poesiealbum geschrieben hat, hilft nicht gegen Depression. Und auch kleine Mutmach-Tweets sind nicht so wirklich etwas, was mich und viele andere Betroffene aufrichtet.

Plattitüden wie diese

oder diese

sind sogar eher ein sicheres Mittel, um mich so richtig aggressiv zu machen. Vielleicht spricht da mein zynisches Depressions-Ich, aber ich verstehe wirklich nicht, wie irgendjemandem solche Allgemeinplätze gefallen können.

Aber gut… wenn es mir schlecht geht, verhalte ich mich auch nicht sonderlich „intelligent“, sondern höre Disturbed, trinke Whisky oder sehe mir einen schlechten 90er-Jahre-Actionfilm mit Nicolas Cage oder Jeff Goldblum an. Andere richten sich eben durch solche Sprüche auf. Warum nicht. Jeder soll nach seiner Façon ein bisschen weniger depressiv werden.

Aber kann man das „Aktivismus“ nennen?

Das Problem ist das dadurch vermittelte Bild. Ich bin nicht die Einzige, die diese platten Tweets für hochgradig peinlich hält, aber sie finden nun mal sehr große Verbreitung. Und das ist dann der Moment, in dem es meiner Meinung nach gefährlich wird: Solche Tweets zu schreiben und sie als „Mental Health“ zu labeln, zeichnet ein so simplifizierendes Bild von psychischen Erkrankungen, dass ich absolut verstehen kann, warum jemand nach dem Lesen auf den Gedanken kommen könnte, Depressionen seien Kinkerlitzchen, die sich mit einem aufmunternden Spruch, einer lieben Umarmung und einer schönen, heißen Tasse Kakao heilen lassen.

Aber eine Depression ist kein Kinkerlitzchen. Sie ist eine potentiell tödliche Krankheit, die häufig mit Minderwertigkeitskomplexen einher geht. Das ist ein ernsthaftes Symptom, das nicht davon weggeht, indem ein Pseudotherapeut auf Twitter verkündet, dass jeder Mensch wertvoll sei. Solche Dinge nicht privat an Freunde, wo es tatsächlich eine Bedeutung hat, sondern als offizielles aktivistisches Statement an die Allgemeinheit zu schreiben, hilft nicht oder bekämpft Stigmata, sondern würdigt die Krankheit in meinen Augen herab. So nett das auch gemeint sein mag – dieses „Hühnersuppe für die Seele“-Niveau sorgt nun mal zwangsläufig dafür, dass die Krankheit selbst in der Wahrnehmung mancher plötzlich nicht ernster zu sein scheint als eine schlichte Erkältung.

Norman ist die Helene Fischer der „Mental Health“-Twitterer: simpel, oberflächlich, massenkompatibel, seicht – und leider sehr erfolgreich. Seine unterkomplexe Herangehensweise wird dem Thema nicht gerecht. Ich erwarte nicht, dass er 24/7 wohlformulierte, messerscharfe Analysen Betreff psychische Erkrankungen twittert, aber ein vollständiges Fehlen an Substanz ist für einen selbsternannten Twitter-Therapeuten in meinen Augen eben auch inakzeptabel. Auch hier ist es nun mal das beabsichtigte Framing, das die Sache so problematisch macht.

Dabei könnte er mit seiner Reichweite so viel mehr bewirken. Gerade weil seine Fanbase so jung ist könnte er wirklich dazu beitragen, über psychische Krankheiten aufzuklären, Stigmata abzubauen, Probleme unseres Gesundheitssystems anzusprechen, Diskussionen anzustoßen. Stattdessen findet man in seinen Tweets kaum je etwas wirklich informatives. So gut wie nie teilt er Erfahrungsberichte, Zeitungsartikel oder Fachtexte. Es drängt sich der Eindruck auf, dass ihn jede Analyse, die ein gewisses Schwierigkeitslevel überschreitet, schlicht nicht interessiert. Er ignoriert die Komplexität der Problematik, weil sich diese nicht für knallig-niedliche Tweets eignet. Aber mit Herzchen, Liebe und „Menschlichkeit“ ist es nun mal leider nicht getan.

Die Probleme unseres Gesundheitssystems, genauer der Therapienotstand, ist MEIN großes Thema, wie man inzwischen wohl gemerkt hat. Seit ich auf diesen Möchtegern-„Mental Health“-Account aufmerksam wurde, wartete ich darauf, dass er sich dazu mal äußert. Und schließlich tat er es auch – auf die schlimmstmögliche Art, die ich mir hätte vorstellen können.

Im Februar kotzten sich Pflegekräfte unter dem Hashtag #twitternwierueddel über ihre völlig beschissenen Arbeitsbedingungen aus, nachdem CDU-Politiker Erwin Rüddel ihnen ziemlich gönnerhaft empfohlen hat, doch mal positiver über ihren Beruf zu reden. Das gab einen schönen Shitstorm und dadurch erlebte das Problem und die Menschen, die darunter leiden, endlich mal die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Das hat mich sehr gefreut, weil ich einigen Pflegekräften auf Twitter seit Ewigkeiten folge und mitansehen musste, wie sie erfolglos versuchten, ihrem Anliegen Gehör zu verschaffen. Diese Leute haben JAHRE dafür gekämpft, das Thema endlich ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Aber Norman fiel dazu nur das ein:

An dieser Stelle… bin ich dann ein bisschen ausgerastet.

So sehr ich mich freue, wenn der Therapienotstand angesprochen wird, waren seine Tweets waren doch schlicht eins: beschissen unsolidarisch. Es gibt keinen Grund, dieses Thema antagonistisch gegen einen anderen Misstand in Stellung zu bringen und seine Community gegen Menschen in der Pflege aufzuhetzen. 1,5 Tausend Menschen haben diesen Müll gefavt. EINSKOMMAFÜNFTAUSEND.

Nicht WIR müssten „endlich mal über Psychotherapie sprechen“. WIR, das heißt ich und viele andere, tun das ständig. ER ist derjenige, der sich um dieses Thema nicht kümmert. Ich habe danach lange gesucht und genau einen anderen konkreten Tweet dazu gefunden:

Was hat dieser Tweet mit den vorherigen gemeinsam? Er ist FLACH. Er erfasst das Problem nicht IM ANSATZ. Es sind schnell heraus gehauene kleine Statements, die nichts erklären und nichts einordnen. Statt den x-ten eigentlich selbsterklärenden Thread darüber zu verfassen, welche Sprüche man sich über Depressive etc. sparen soll, hätte er das Problem erörtern können. Ich stelle z.B. ständig fest, dass die Leute immer noch glauben, es gäbe zu wenige Therapeuten, obwohl es allein an den fehlenden Kassensitzen liegt. So etwas würde er wissen, wenn er sich öfter darüber unterhalten würde. Aber ohnehin scheint ihn die Ausbildungssituation für angehende Therapeuten wesentlich mehr zu interessieren. Nicht nur nennt er bei seinem Anti-Pflegestreik-Tweets die Senkung der Ausbildungskosten noch vor der Erhöhung der Kassensitze, es ist auch so ziemlich die einzige Ergänzung, die ihm zu seinem Tweet von November 2017 einfällt:

Die Ausbildungsbedingungen für Therapeuten müssen definitiv verbessert werden. Aber beim Thema Therapienotstand ist das maximal ein Nebenkriegsschauplatz… und ehrlich gesagt habe ich es satt, mir von Psychologiestudenten anhören zu müssen, dass dies der Grund für die fehlenden Therapieplätze sei. Norman ist da leider nicht der einzige. Es stimmt nur trotzdem nicht – und gibt mir das Gefühl, als Betroffene instrumentalisiert zu werden. Seht euch nur die arme Depressive an, die keinen Therapieplatz findet, weil die Ausbildungskosten für Therapeuten so gemein hoch sind… äh, nein. Einfach nein.

Wenig überraschend hat Norman meine durchaus unfreundliche Kritik nicht dazu genutzt, das Thema auszuführen, obwohl ihn noch viel mehr Leute deswegen ansprachen. Stattdessen wurde ich kommentarlos geblockt. Natürlich.

Damit könnte die Sache ja erledigt sein, oder? Nee, leider nicht. Mein Kommentar über seine Kritikfähigkeit, seine toxische Community, die unappetitliche Geschichte mit seinem Vater und der vollkommen distanzlose Umgang der Medien mit @deinTherapaut findet ihr hier.


Thementage Depression:

Teil 1: Warum die Suche nach einem Therapieplatz für jeden Depressiven eine absolute Zumutung ist
#SuchDirHilfe – Aufruf und Appell

Teil 2: Es besser machen – wie eine Therapiesuche aussehen könnte

Teil 3: Hürde Mensch – über psychotherapeutische Erstgespräche


Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee.

Was Pseudotherapeuten auf Twitter anrichten können (Teil 1)

Dies ist der vierte Teil meiner Themenreihe Depression, in dem ich erklären will, was ich von Menschen und ihren „Aktivismus“ halte, die sich auf Twitter als Therapeuten aufspielen, obwohl sie keine sind, und warum das nicht nur ärgerlich, sondern höchst problematisch ist.


Diesen Beitrag möchte ich seit vielen Monaten schreiben. Inzwischen gibt es ja viele Twitteruser, die den Account @deinTherapeut für nervig, oberflächlich und mediengeil halten. Das ist zwar alles wahr – aber ich finde ihn außerdem gefährlich.

Heute möchte ich endlich erklären wieso.

Der Account

Diese Worte hat ein Mönch ernsthaft für eine Radioandacht geschrieben. EIN MÖNCH. FÜR EINE ANDACHT.

Mir fiel Norman erstmals letztes Jahr im Juli auf, als kurz nach Chester Benningtons Tod sein Tweet mit Notfallnummern wie dem Sorgentelefon viral ging. Ich hatte den Tweet bestimmt dutzende Male in meiner Timeline, war damals aber nicht in der Verfassung, so etwas zu feiern. Ich fand es zu dem Zeitpunkt sogar ausgesprochen ärgerlich (aus Gründen) und auch heute verstehe ich immer noch nicht, was daran so toll sein soll. Dass es so etwas wie das Sorgentelefon gibt, sollte eigentlich allen bekannt sein – würde ernsthaft jemand diesen Tweet speichern für den Fall, dass er die Nummer braucht, statt dann einfach danach zu googeln?

Dieser Tweet machte Norman groß. Ab da wurden mir ständig seine Tweets in meine Timeline gespült. Tweets, die man im besten Fall seicht nennen könnte, aber einen Anklang fanden, der mich einfach fassungslos machte. Normans Selbstperformance als „Mental-Health-Aktivist“ mit der glattgebügelten Instagram-Ästhetik eines Boygroup-Sternchens trug nicht dazu bei, ihn mir sympathischer zu machen.

Ich gebe zu: Am Anfang war ich auch schlicht neidisch. Ich schreibe seit Jahren über meine Depression, thematisiere immer wieder Probleme unseres Gesundheitssystems und werde dennoch die meiste Zeit ignoriert, wenn ich mich nicht gerade mit Trollen herum schlagen muss, die mich für verrückt erklären – und dann kommt so ein normschöner Bubi, knallt Telefonnummern und ein paar Kalendersprüche raus, kriegt dadurch innerhalb weniger Wochen tausende Follower und besitzt bei all dem auch noch die Frechheit, sich „Aktivist“ zu nennen? Für mEnTaL HeALth?

Im Folgenden wurde der Account immer größer. Norman suchte medienwirksam seinen obdachlosen Vater, bekam die Auszeichnung „Goldenen Blogger“ für den besten Twitter-Account, eröffnete einen Discord für sein Fans und suchte – knapp ein Jahr nach seiner ersten derartigen Aktion – schon wieder nach seinem Vater. In all dieser Zeit beobachtete ich ihn, obwohl ich bereits im Februar dieses Jahres von ihm geblockt wurde, und fand immer mehr Alarmierendes. Weil sein Discord bereits mehrmals in den letzten Monaten heftig kritisiert worden ist, will ich damit anfangen.

Der Discord „Gruppentherapie“

Ein Discord ist im Grunde eine Programm zum Chatten. Jeder kann einen Discord mit mehreren Channels unterschiedlicher Thematik einrichten und dort mit Gleichgesinnten schreiben. Normans Discord wurde von ihm „Gruppentherapie“ genannt und soll zur gegenseitigen Hilfe bei psychischen Problemen da sein (wodurch er seiner Performance als scheinbarer Experte für Psychologie eine weitere Facette hinzufügte). Der Discord hatte schnell tausende Mitglieder – viele davon, wenn nicht sogar die meisten, minderjährig.

Der Discord sorgte bereits im Juni für einen Shitstorm, weil manche der Meinung waren, dass die Mitglieder, die teils offen von ihren Selbstmordgedanken schrieben, nicht genügend aufgefangen wurden.

Schon damals schmetterte Norman jede Kritik ab…

… und verwies immer wieder auf die Discord-Regeln.

Durch diese Regeln war und ist er natürlich bequemerweise nach allen Seiten abgesichert.

Ich wollte mir das im Sommer persönlich ansehen und betrat den Discord. Ich hatte mit einer Registrierung gerechnet – stattdessen war ich sofort drin, nachdem ich einen Nick eingetippt hatte. Mir wurde mitgeteilt, dass dieser Nick möglicherweise verloren gehen würde, wenn ich ihn mir nicht durch eine Registrierung reservierte. Das war aber auch schon alles.

Jeden Deppen ohne Registrierung eine solche Seite betreten zu lassen – dafür gibt es Pro- und Contra-Argumente. In diesem Fall soll das Angebot dadurch wohl besonders „niedrigschwellig“ sein. Okay. Was mich aber vollkommen fassungslos machte – und ich brauchte eine Weile, bis ich auf die Idee kam, das auszutesten, weil ich das im Leben nicht erwartet hätte: Ich konnte auch ohne Registrierung schreiben. Das habe ich in meinen 15 Jahren in diesem Internet kaum je auf einer Plattform erlebt – und sicher NIEMALS auf einer Seite mit so einem sensiblen Inhalt.

Ich sah mich ein wenig um und merkte schnell, dass die meisten Mitglieder wirklich blutjung zu sein schienen.

Peer-to-peer, also die Methodik, Menschen mit gleichen Problemen/in der gleichen Lebenssituation sich gegenseitig helfen zu lassen, ist Normans Schlagwort, mit dem er sich immer wieder gegen jegliche Kritik bezüglich der Inhalte und des Konzepts des Discords zu immunisieren versucht. Er benutzt es wie einen Trumpf, als wäre damit alles geklärt, denn immerhin gibt es ja einen schicken psychologischen Fachbegriff dafür. Fünfzehnjährige mit psychischen Problemen, die anderen Fünfzehnjährigen mit psychischen Problemen helfen – what could possibly go wrong? Er selber hält sich vornehm heraus.

Bei einer einzigen Gelegenheit beteiligte ich mich im Discord tatsächlich an einem Gespräch. Eine Userin machte sich Sorgen, weil sie sich irgendwie den Gaumen aufgeschnitten hatte und die Wunde seit mehreren Minuten (!!!) blutete. Sie bekam viel Anteilnahme und sogar ein Gang in die Notaufnahme wurde diskutiert. An der Stelle konnte ich nicht mehr stumm zusehen und empfahl ihr, doch mal ein Glas eiskaltes Wasser zu trinken, da sich durch die Kälte die Blutgefäße zusammen ziehen. Ich seufzte innerlich beim Tippen, aber mir wurde für diesen Rat, der die lebensgefährliche Blutung tatsächlich stoppte, überschwänglich gedankt.

Das klingt vermutlich arrogant. Wir waren schließlich alle mal jung und ein bisschen doof. Aber es tut mir leid: So harmlos-dümmlich das auch war (wobei ich es eigentlich nicht harmlos finde, auch nur darüber nachzudenken, wegen so eines Wehwehchens in die Notaufnahme zu rennen – als wären unsere Krankenhäuser nicht eh unterbesetzt. Sorry, bei dem Thema bin ich ganz humorlose Erwachsene), so graut es mir doch bei dem Gedanken, diese Teenager dazu zu ermutigen, bei teils wirklich gravierenden psychischen Problemen mit Symptomen wie selbstverletzendem Verhalten und Selbstmordgedanken für sich gegenseitig den Therapeuten zu spielen. Ich bezweifle stark, dass die Anwendung dieses peer-to-peer-Konzepts auf so einen Fall wirklich im Sinne des Erfinders war. Vielleicht will sich ja mal ein Psychologe dazu äußern? Also… ein richtiger?

Es war nicht der einzige Chatverlauf, der mir ein wenig Bauchschmerzen bereitete.

Ohne überhaupt nachzufragen, worum es genau geht, ist natürlich klar, dass man mit den Eltern unmöglich reden kann, sie ganz sicher falsch liegen, uneinsichtig und SCHWACH sind. Wie könnte es auch anders sein.

Vermutlich hätte ich Dutzende Beispiele gefunden, wenn ich wirklich danach gesucht hätte. Klar – keine Macht dieser Welt kann verhindern, dass Jugendliche Müll labern, wenn sie zusammen sind. Darin war ich damals auch ziemlich gut und das ist auch überhaupt nicht schlimm. Aber wie frech und fahrlässig ist es bitte, das als tolles Hilfsangebot von Betroffenen für Betroffene darzustellen – ein Safe Space, in dem sie sich endlich mal öffnen können?

Aber wo wir gerade bei Safe Spaces sind: Reden wir doch mal über die gewaltverherrlichenden Pornos.

Es wurde seit diesem Sommer immer wieder thematisiert, dass es in diesem Discord einen NSFW-Raum gibt. Trotz fehlender Registrierung war es absolut unproblematisch, dort hinein zu kommen. Das war mit einem Klick erledigt.

Zu sehen bekam ich sowas.

Zensurbalken (rot) von mir. Bei dem Bild rechts handelte es sich um ein gif, das eine Würgeszene zeigt

Nennt mich meinetwegen prüde – aber was zur Hölle soll das? Warum gibt es in diesem Safe Space einen Raum, in dem die User munter Fetisch-Bilder tauschen?

Ich nenne diese speziellen Bilder bewusst nicht Pornos, da Pornographie gesetzlich streng definiert ist. Meines Wissens müssen für dieses Label deutlich Genitalien zu sehen sein (konkret: ein erigierter Penis bzw. die inneren Schamlippen. Zensiert habe ich das linke obere Bild trotzdem, weil ich mir da unsicher war). Für mich persönlich war da zwar trotzdem bereits eindeutig eine Grenze überschritten, aber eine Twitter-Bekannte berichtete mir außerdem folgendes:

Als ich im Channel geschaut habe, waren tatsächlich gifs gepostet, in denen penetrativer, brutaler (Anal)-Sex stattfand, außerdem gifs, in denen mit Gerten Frauen so geschlagen wurden, dass Striemen zu sehen waren und Würge-Szenen.
Ich bin keine BDSM-Anhängerin, verurteile und werte aber auch nicht. Aber das waren alles Szenen, bei denen mir schon so sehr unwohl war; weniger Consensual BDSM, mehr „Unterwirf die Schlampe“, falls du verstehst, was ich ausdrücken will. Es war beklemmend. Zeitgleich wurde nur einen Raum weiter darüber „diskutiert“, dass man Worte wie „Schneiden“, „Ritzen“ und noch eine ganze Menge mehr vermeiden müsse, weil es traumatisierte Menschen zwingend triggern würde. Dabei wurde permanent darauf herumgeritten, dass der ganze Discord ja ein Safe Space sein solle, wo sich bloß niemand angegriffen fühlen sollte – während jemand von mehreren Leuten scharf angegriffen und teilweise beschimpft wurde, weil er ein „verbotenes Wort“ benutzt hatte.
(…)
Also: ich finde eigentlich alles, was ich da so gesehen habe, extrem fragwürdig bis total verantwortungslos.

Nun ist sowas natürlich strenggenommen keine valide Quelle, auch wenn ich keinen Grund habe, ihr nicht zu glauben – aber tatsächlich wurde während der gesamten Diskussion, die u.a. wegen so einer Scheiße aufflammte, von Normans Fans nicht behauptet, dass in diesem NSFW-Channel KEINE Pornos herum gereicht werden. Nur fand das eben niemand von denen diskussionswürdig oder schlimm.

Da muss ich dann ernsthaft fragen: Habt ihr den Arsch offen? Ich las davon, diese Bildchen wären „normaler Tumblr-Porn“, und überhaupt werden Kinder heutzutage ja ständig im Netz mit sowas konfrontiert.

Das ist zwar leider nicht ganz falsch… aber warum muss es sowas unbedingt in DIESEM Discord geben??? Ich denke, niemand von denen, die sich darüber aufregten, möchte Erwachsenen ihre Pornos verbieten, genauso wenig wie BDSM zwischen verantwortungsvollen Erwachsenen, doch ich sehe keinen Grund, wieso so eine Scheiße unbedingt in einem angeblichen Safe Space mit vielen Minderjährigen gepostet werden muss? Man eröffnet schließlich auch kein Beate-Uhse-Shop neben einer Grundschule oder schaltet auf der KIKA-Website Werbung für Eis.de. Das ist keine Prüderie, sondern sinnvoller Jugendschutz! Das sollte erst Recht für einen Raum gelten, in dem sich vermutlich auch Jugendliche mit Missbrauchserfahrung aufhalten. Haben die kein Recht auf einen triggerfreien Safe Space, weil ein paar notgeile Typen unbedingt DORT ihre Pornogifsammlung präsentieren müssen – als gäbe es dafür nicht tausend andere Seiten im Netz???

„Aber jeder Discord ist mit einen NSFW-Raum angelegt“, bekam ich allen Ernstes zu hören, als würde das irgendwas rechtfertigen oder nicht trotzdem jeder Betreiber selbst entscheiden können, was da gezeigt werden darf und was nicht. Wie soll man sich das sonst vorstellen??? „Oje, jetzt haben wir diesen NSFW-Raum, den sind wir ja praktisch gezwungen, mit Hardcore-Pornos zu füllen“?

Einigen Leuten fiel zudem auf, dass sich ein User, der regelmäßig den NSFW-Raum mit Porno-Bildern flutet, den Nickname „Daddy“ gegeben hat. Der anschließende Mini-Shitstorm war das bisher verdrehteste, was ich im Norman’schen Dunstkreis bisher mitbekommen habe. Einige vermuteten hinter dieser Person einen Pädophilen – was natürlich mit einem dämlichen Nick als einzigen „Beweis“ ziemlicher Blödsinn ist. Die Gegner dieser Unterstellung schafften es dagegen, dieses Niveau noch deutlich zu unterbieten.

daddy mod neu

Er hat mit ihm geredet, also kann er ja kein Pädo sein. Wer kennt schließlich nicht diesen klassischen Witz: „Woran erkennt man einen Pädophilen? – Er wird dir davon erzählen. Ständig!“

Und Norman selbst hatte dazu folgendes zu sagen:

Äh, ja. Weil ein Sechszehnjähriger ja niemals pädophil sein kann.

Aber Moment… 16? Ähm… ein paar Fragen:
– Warum ist ein Sechszehnjähriger Mod?
– Warum ist ein Sechszehnjähriger „Helferlein“?
– Warum ist ein Sechszehnjähriger „Nachtwächter“?
– Warum gammelt ein Sechszehnjähriger in einem Chatroom herum, der laut Normans eigener Aussage ab 18 ist – und postet da auch noch einen Fetisch-Porno nach dem anderen???

Nochmal: Ihr könnt mich gerne prüde nennen. Aber ich finde die Vorstellung eines sechszehnjährigen Jungen, der, geduldet vom Betreiber, nichts besseres zu tun hat, als unter dem furchtbar peinlichen Namen „Daddy“ fast zwanghaft täglich dutzende, hunderte Pornobilder zu posten, die fast ausnahmslos Gewalt darstellen und auf denen Frauen (und zwar NUR Frauen – von wegen „ausgeglichenes Geschlechterverhältnis“. Wenn es um sexuelle Dominanz und Demütigung geht, sind die Rollen ganz klar verteilt) erniedrigt werden – und das in einem Discord, der angeblich ein Safe Space für Minderjährige und/oder psychisch Kranke sein soll!!! – äußerst verstörend. Zwar glaube ich nicht mal wirklich, dass „Cedric“ dahingehend ein ernsthaftes Problem hat – viele Jugendliche durchlaufen seltsame Phasen, aus denen sie von selbst wieder heraus wachsen – aber muss man das auch noch durch Ignoranz ermutigen und ihm Posten zuweisen, die ihn trotz offensichtlich fehlender Reife in eine Machtposition bringen? Wer schützt die anderen User? Und wer schützt „Cedric“ vor sich selbst? Der Junge ist verdammt noch mal erst 16 Jahre alt. Kann das gesund sein, sich in einem Alter, in dem viele noch nicht mal richtig gefummelt haben, mit so viel Hardcore-Müll das Gehirn zu grillen? Wer ordnet das für ihn ein? Wer sagt ihm, dass Pornos nicht die Realität abbilden? Wer redet mit ihm über Konsens und Respekt? Wo sind, verdammt noch mal, die Erwachsenen, die in diesem furchtbaren Schweinestall mal so etwas wie Verantwortung übernehmen?

Die traurige Nachricht ist: Die Erwachsenen sind da, es ist ihnen nur egal.

Ich weiß nicht, was ich schlimmer finden soll: Diese vollständige Gleichgültigkeit bei gleichzeitiger Realitätsverweigerung oder der davor angesprochene Fatalismus beim Thema Jugendschutz.

Davon ab muss ich an dieser Stelle eines klar stellen: Der Discord wird nicht „ziemlich gut“ moderiert. Er wird im Gegenteil eigentlich ÜBERHAUPT NICHT moderiert. Norman selbst schrieb immer wieder explizit, dass die teils minderjährigen Mods („Daddy“ ist nicht der einzige) nur für den technischen Aspekt zuständig sind. Die, äh… ich nenne es mal „seelsorgerische Arbeit“ wird stattdessen geleistet von sogenannten „Helferlein“, ein Titel, der anscheinend völlig wahllos vergeben wird.

Ich muss leider sagen, dass ich mich in diesem Discord fast nicht zurecht gefunden habe. Ja, ich bin alt, aber was soll ich machen. Ich finde es furchtbar unübersichtlich für etwas, was im Grunde auch nur die Funktion eines Forums erfüllt – mit dem Unterschied, dass ein Forum deutlich leichter überschaubar und zu moderieren ist, während die Chatverläufe anscheinend sogar automatisch gelöscht werden, sobald sie wenige Tage alt sind. Da den Überblick zu behalten, welcher User sich wiederholt daneben benimmt, um einschreiten zu können… ich halte das für unmöglich. Diese Plattform beherbergt eine viel zu große, wahnsinnig heterogene Community, die zudem von zu wenigen freiwilligen Mitarbeitern mehr schlecht als recht – beziehungsweise im Grunde gar nicht – gebändigt wird.

Zusammen mit der Fahrlässigkeit, Schreibrechte ohne Registrierung zu vergeben, ist diese für jeden offene Plattform ein unmoderierbares Monstrum. Jeder kann sich vorstellen, wie anziehend so ein Angebot auf Trolle wirkt – oder echte Triebtäter auf der Suche nach verletzlicher, leicht beeindruckbarer Beute. Hier von einem Safe Space zu reden, während gleichzeitig minderjährige Mods ganze Chatrooms mit ihren verstörend expliziten Wichsfantasien überschwemmen, ist eine unfassbare Lächerlichkeit. Das ist, als würde man während einer Zombie-Apokalypse eine Grundschulklasse stolz in seinen „sicheren“ Bunker einladen und danach die Tür sperrangelweit aufstehen lassen – und dabei auch noch bewusst die Werwölfe ignorieren, die es sich schon seit längerer Zeit im Besenschrank bequem gemacht haben.

Lieber Kinder, Hardcore-Gewaltpornos bitte nur im Bereich für Hardcore-Gewaltpornos posten. Ordnung muss sein. Wir sind hier schließlich ein Safe Space.

Die Vorwürfe, auf Selbstmordandrohungen würde nicht adäquat reagiert, kann ich persönlich nicht bestätigen. Dazu hätte ich mich viel länger in diesem Discord umsehen müssen. Aber wenn schon so absolute Basics wie ein Verbot pornographischen Materials nicht funktioniert, zweifle ich nicht im Geringsten daran, dass diese Vorwürfe zutreffen.

Die Pubertät ist eine beängstigende Zeit. Ein Raum, in dem Teenager sich offen über Fragen die Sexualität betreffend austauschen, ihre Ängste und Wünsche artikulieren können, wäre meiner Meinung nach eine super Sache, sofern sie richtig moderiert wird. Stattdessen akzeptiert Norman die kleine Schmuddelecke in seiner ach so herzerwärmenden Selbsthilfegruppe stillschweigend, öffnet damit der Gefahr des Missbrauchs Tür und Tor und nimmt bewusst in Kauf, junge Überlebende sexueller Gewalt zu retraumatisieren. Geäußert hat er sich lediglich zu dem Vorwurf, dort würden minderjährige User Nacktbilder von sich selbst posten, was aber maximal ein Nebenkriegsschauplatz ist. And the rest is silence.

Anders als viele andere bin ich nicht der Meinung, dass eine solche Plattform grundsätzlich von Experten geführt bzw. überwacht werden sollte. Mit dem Zwang zur Registrierung, einer ordentlichen Netiquette, vertrauenswürdigen Mods, die diese durchsetzen, und einer technisch geeigneten Plattform ist das alles machbar. Stattdessen gibt es in dieser „Gruppentherapie“ nichts davon, was dieses „niedrigschwellige Angebot“, das meiner Meinung nach einzig der Profilierung seines Betreibers dient, zu einer vollständigen Katastrophe macht. Da gab es schon vor fast 20 Jahren bessere Angebote im deutschen Raum für psychisch Kranke, aber ein normales Forum ist scheinbar heutzutage nicht mehr cool genug oder so.

Momentan ist der Discord geschlossen, aber Norman hat schon angekündigt, ihn bald wieder für den normalen Publikumsverkehr zu öffnen. Ob sich dann etwas geändert und der ein oder andere User mal ein paar ernste Worte zu hören bekommen hat, wage ich zu bezweifeln.

Was bleibt mir am Schluss noch zu sagen?

Nein. Einfach nein.

Eigentlich sollte der Discord nur ein Punkt von vielen sein, über den ich schreiben wollte, aber da der Beitrag jetzt schon so lang ist, muss ich ihn splitten. Im nächsten Teil geht es darum, warum schon sein Name eine Frechheit ist und was hinter seinem Aktivismus steckt: klick


Thementage Depression:

Teil 1: Warum die Suche nach einem Therapieplatz für jeden Depressiven eine absolute Zumutung ist
#SuchDirHilfe – Aufruf und Appell

Teil 2: Es besser machen – wie eine Therapiesuche aussehen könnte

Teil 3: Hürde Mensch – über psychotherapeutische Erstgespräche


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Hürde Mensch – über psychotherapeutische Erstgespräche

Jetzt habe ich so ausführlich darüber geschrieben, wie ätzend es ist, auch nur einen ersten Termin bei einem Therapeuten zu bekommen. Aber wenn man so weit gekommen ist, kann doch nichts mehr schiefgehen, oder?

Zeit, von dem schlimmsten Erstgespräch meines Lebens zu erzählen.

Jedenfalls dachte ich damals, es sei ein Erstgespräch. In Rückblick habe ich keine Ahnung, was das genau gewesen sein soll. Es müsste fünf bis sieben Jahre her sein, als ich es schon mal schaffte, ein paar Therapeuten anzurufen. Ich gab schnell auf, aber kam am Schluss trotzdem immerhin auf drei Termine. Einer davon führte mich in die Praxis eines Therapeuten, die mir direkt irgendwie falsch vorkam.

Die meisten Therapeuten führen ihre Praxen alleine. Sie empfangen die Patienten einzeln und brauchen daher oft weder eine Praxishilfe noch ein Wartezimmer. Dieser hatte beides. Ich meldete mich bei einer unfreundlichen Sprechstundenhilfe und wurde ins Wartezimmer geschickt, wo doch tatsächlich andere Menschen saßen. Das verwirrte mich. Therapiesitzungen – auch Erstgespräche – dauern meistens um die 50 Minuten. Wie konnten bei so langen Wartezeiten jetzt schon Leute da sein? Waren die alle noch vor mir dran? Musste ich jetzt wirklich ein paar Stunden warten, bis die fertig sind?

Ich musste dann auch tatsächlich ziemlich lange warten, aber nicht stundenlang. Die anderen Patienten gingen zu ihm rein und auch schnell wieder raus. Meine Verwirrung wuchs und wurde auch nicht kleiner, als ich mir die bereitliegenden Zeitschriften ansah. War da wirklich ein Wachturm? Hatte den ein anderer Patient hier gelassen? Was anderes konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Trotzdem bekam ich ein schlechtes Gefühl – sowas muss man doch sehen und aussortieren?

So richtig schlimm wurde es aber erst, als ich selbst zum Therapeuten vorgelassen wurde.

Bis heute fällt mir nur ein Vergleich zu dem Äußeren dieses Menschen ein: Staub. Er sah aus, als wäre er aus Staub. Seine Haare waren grau und glanzlos, seine Augen ebenfalls, seine Gesichtshaut hatte die Farbe von Hefeteig und wirkte auch genauso glatt und nachgiebig. Es war unmöglich, sein Alter zu schätzen. Seine gesamte Erscheinung machte einen irgendwie ungesunden, fast leblosen, eben staubigen Eindruck, wie eine vergessene Schaufensterpuppe auf einem alten Dachboden. Als er mir die Hand zur Begrüßung reichte, fühlte sie sich schwammig an. Der Händedruck war schlaff. Er lächelte dabei nicht.

Der Raum sah aus wie ein Arztzimmer – mit nicht viel mehr darin als einem großen Schreibtisch. Er bot mir davor Platz an und setzte sich dann selbst dahinter. „Was führt Sie zu mir?“

Ich begann zu erzählen, aber nur eine Kurzversion. Zwar ärgerte ich mich über mich selbst, dass ich ihn wegen seines Aussehens verurteilte, für das er schließlich nicht wirklich was konnte, aber das war ja nicht das einzige. Er strahlte kalte Distanz aus, fast schon Desinteresse. Er hätte genauso gut ein Roboter sein können.

Es war mir unmöglich, bei meinen Ausführungen ins Detail zu gehen, und ganz gegen meine Gewohnheit fing ich auch nicht an zu heulen. Ich erzählte ihm lediglich von meiner Depression, umriss knapp die Symptome und äußerte den Wunsch nach einer Therapie. Er sah mich dabei nicht an. Er hatte sein Bein angezogen, den Fuß auf die Sitzfläche seines Stuhls gestellt und band seinen Schuh. Alles daran machte mich fassungslos.

Als ich (ziemlich schnell) fertig war, sagte er nichts. Er wandte sich seinem Computer zu und tippte eine Weile auf der Tastatur rum. Immer noch hatte er mich seit unserer Begrüßung kein einziges Mal angesehen. Schließlich surrte der Drucker und er übergab mir den Ausdruck mit dem knappen Kommentar, es mal da zu versuchen.

Ich betrachtete das Blatt. Darauf waren die Namen anderer Therapeuten verzeichnet. Nur… wieso? Ich hatte bei meinem Anruf nach einem Therapieplatz gefragt. Ich dachte, das hier sei ein Erstgespräch. Stattdessen war es einfach nur strange.

Weil ich vollständig verunsichert war, fragte ich das erste, was mir beim Blick auf die Therapeutenliste auffiel: wieso er mir nur Frauen empfiehlt. Ich habe nämlich überhaupt nichts gegen männliche Therapeuten – und mag es nicht, wenn automatisch angenommen wird, dass ich unbedingt eine Therapeutin haben will, nur weil ich selber eine Frau bin.

Er antwortete, dass dies eine dumme Frage sei. Allerdings nicht so. Er sagte es in vielen Worten und drückte sich so unnötig kompliziert und unlogisch aus, dass ich es unmöglich wörtlich wiedergeben kann. Aber es ging ungefähr so: „Es wäre angeraten gewesen, sich zu erkundigen, ob ich diese Frage als sinnhaft erachte, bevor sie gestellt wurde, damit ich dies hätte verneinen können… aber naja, Sie haben leider nicht gefragt.“

Ich saß erstarrt da und fühlte mich wie in einem surrealen Film. Alles an seiner Antwort war komplett irre. Sinnhaft? dachte ich. Und: Ich hätte fragen sollen, ob ich diese Frage stellen darf, bevor ich sie tatsächlich stelle?

Oder, zusammengefasst in einem Wort: HÄ!?

Es war die verdrehteste Beleidigung, die ich je bekommen habe, und ich hätte ihn auf jeden Fall fragen sollen, was zur Hölle er sich einbildet, so mit mir zu reden – aber ich war auf Therapeutensuche, was bedeutete, dass ich niedergeschlagen, erschöpft und verletzlich war. Außerdem war ich verwirrt und viel jünger als heute. Kein Therapeut würde jetzt so noch mit mir reden, ohne eine passende Antwort zu bekommen. Aber damals war ich zu verunsichert dazu.

Es war absolut klar, dass dieser Mensch auf gar keinen Fall mein Therapeut werden würde, aber trotzdem ärgerte es mich, so abgeschmettert zu werden, wo ich doch nun mal dachte, ich käme für ein Erstgespräch. „Entschuldigung, ich habe den Termin eigentlich gemacht, weil ich dachte, ich könnte bei Ihnen eine Therapie anfangen,“ sagte ich daher.

„ABGELEHNT!“ schnarrte er. Übrigens seine einzige Äußerung während unseres gesamten Gesprächs, bei der sowas wie eine Emotion zu hören war.

Ich starrte ihn sprachlos an. Er sah immer noch in eine andere Richtung. Das schien ihn wirklich alles sehr wenig zu interessieren. ICH interessierte ihn nicht. Was aber verdammt noch mal kein Grund ist, so dermaßen unverschämt so sein. So unglaublich durchgeknallt.

Ich sprang auf, packte meine Tasche und stürzte zur Tür. Dabei stammelte ich vor mich hin, weil ich für zusammenhängende Sätze zu fassungslos war. Ich sagte so etwas wie „Unglaublich… in diesem Land…!“

Das letzte, was ich hörte, bevor ich die Tür hinter mir zufallen ließ, war ein gleichgültiges: „Dann wandern Sie doch aus.“

Auf dem Nachhauseweg hatte ich einen Heulkrampf und daheim angekommen verkroch ich mich ins Bett, um noch mehr zu heulen. Zu viel mehr war ich an diesem Tag nicht in der Lage. Bis heute verstehe ich nicht, was mit diesem Typen los gewesen ist. Ich schwöre, dass jedes Wort wahr ist.

In den letzten Tagen mag manch einer den Eindruck bekommen haben, ich wollte Therapeuten „bashen“. Das ist natürlich Unsinn. Ich bin sicher, dass die meisten Therapeuten nur deshalb diesen Beruf gewählt haben, weil sie sich ernsthaft für Menschen interessieren und ihnen helfen wollen, und unter der momentanen Situation ebenfalls leiden.

Aber es gibt nun mal auch Ausfälle, die für diesen Beruf absolut ungeeignet sind. Ein Problem, das durch die Ausbildungsverhältnisse verstärkt wird: Die Ausbildung zum Psychotherapeuten schließt sich an ein Psychologiestudium an und ist teuer, wodurch dieser Weg vielen bereits versperrt wird. Und wenn die Ausbildung beendet ist, müssen Therapeuten einen Kassensitz, falls überhaupt einer frei ist, von den Krankenkassen kaufen. Wir reden hier von mehreren zehntausend Euro. Es sollte absolut klar sein, dass dieses System nicht dazu führt, die Besten mit einem Kassensitz zu belohnen – sondern lediglich die, die es sich leisten können.

Das ist kein gutes Auswahlverfahren für einen Job, in dem die falsche Person so viel Schaden anrichten und damit alle anderen Therapeuten in Verruf bringen kann. Das nächste klingt vielleicht wie eine Übertreibung, aber ich meine es vollkommen Ernst: Dieser Mann hätte mich umbringen können. Wäre ich damals suizidal gewesen – und er konnte unmöglich wissen, dass ich es nicht war – hätte mir dieses Arschloch vielleicht den letzten Rest gegeben. Es gibt nichts, aber absolut nichts, was es rechtfertigen könnte, so mit einer Patientin zu reden. Dieser Mensch sollte nicht praktizieren dürfen. Stattdessen sollte er sich selbst einen Therapeuten suchen. Er hat eindeutig viel tiefgreifendere Probleme als ich.

Ich dachte sogar daran, mich über ihn zu beschweren und fragte auf einer anonymen Plattform nach dem richtigen Prozedere, weil ich nicht wusste, an welche Stelle man sich da wenden muss. Als eine der ersten Antworten las ich, dass ich als Mensch mit Depression gar nicht einschätzen könne, ob er sich unangebracht verhalten hat. Vielleicht sei das alles nur ein besonders intelligenter psychologischer Trick von ihm gewesen.

Therapeuten wüssten schließlich immer, was sie tun. Die seien besser als ich.

Denn ich sei ja psychisch krank.


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Es besser machen – wie eine Therapiesuche aussehen könnte

Die Suche nach einem Psychotherapieplatz ist für Betroffene eine unglaubliche Belastung. Wie könnte man das besser regeln? Ein paar Gedanken dazu im zweiten Teil meiner Themenreihe Depression.

Eigentlich hatte ich für heute etwas anderes geplant, aber ich habe mich spontan umentschieden, denn ich erlebte eben doch tatsächlich ein kleines Wunder:

Ich habe endlich die letzte verbliebene Therapeutin auf meiner Liste erreicht!

Engelschöre! Fanfaren! Feuerwerk! Dabei hatte ich das eigentlich gar nicht vor. Ich wollte lediglich die Bandansage abhören und erfahren, zu welch wahllosen Zeitpunkt die gute Frau diese Woche gedenkt, Audienz zu halten – da hatte ich sie plötzlich leibhaftig am Ohr.

Zwei Minuten später konnte ich ein weiteres Häkchen setzen auf meiner Liste – neben „Absagen“. Damit steigt die Gesamtzahl auf sieben.

Es tat ihr zwar offensichtlich leid, aber sie hat leider auch ein paar dumme Sachen gesagt. So führt sie keine Warteliste, sondern vergibt einen freigewordenen Platz einfach an den ersten, der danach anruft. Nachdem ich so viele erfolglose Anrufe hinter mir habe, finde ich ein solches Verfahren, das auf purem Glück beruht, schlicht ekelhaft unfair. Als sie dann hörte, dass ich alle tiefenpsychologisch arbeitenden Therapeuten schon kontaktiert habe, empfahl sie mir doch tatsächlich, auch einfach mal die Verhaltenstherapeuten anzurufen. Viele von denen hätten ja Zusatzausbildungen, die eher ins Tiefenpsychologische gehen, und die sollte ich doch einfach mal erfragen.

Einfach – mal – erfragen. Klar. Als wäre es nicht genauso schwer, einen Verhaltenstherapeuten ans Telefon zu kriegen. Den soll ich ernsthaft auch noch danach löchern, was er denn sonst so kann – und das dann auch noch richtig einordnen können? Ich bin keine Psychologin. Woher soll ich wissen, was genau hinter diversen Zusatzausbildungen steckt?

Jedenfalls hat mich das erst zum Heulen gebracht… und dann dazu, mir ein paar Gedanken darüber zu machen, wie ich mir die Therapeutensuche idealerweise vorstelle. Darüber habe ich schon häufiger gegrübelt – also wird es Zeit, meine Überlegungen dazu aufzuschreiben. Anmerkungen, Ergänzungen und eigene Vorschläge ausdrücklich erwünscht.

Was ist an daran so schrecklich?

Die Suche nach einer Therapie ist aus zwei Gründen eine absolute Katastrophe für jeden, der sie auf sich nimmt:

1. lange Wartezeit
2. Aufwand

Die lange Wartezeit resultiert natürlich aus dem Mangel an Therapieplätzen. Hier wird sich erst was ändern, wenn die Krankenkassen diesen Mangel endlich beseitigen. Und was den Aufwand angeht… nun ja, wie der bei mir ausgesehen hat, wisst ihr ja jetzt.

Die Aussicht, locker sechs Monate auf einer Warteliste zu stehen, hat mich in der Vergangenheit immer sehr abgeschreckt und letztendlich jedes Mal dazu geführt, dass ich aufgab. Trotzdem halte ich den Aufwand für den wesentlich belastenderen Faktor, auch wenn mir da möglicherweise viele widersprechen werden.

Natürlich ist es in akuten Fällen wichtig, so schnell wie möglich Hilfe zu bekommen. Aber vielen – wenn nicht sogar den meisten – geht es doch eher so wie mir: Man hat Depressionen, aber die meiste Zeit schlängelt man sich irgendwie durch. Man lebt sein Leben auf Sparflamme, weil man selbst für die Dinge, die man mag, kaum Energie aufbringen kann, aber wenn es wirklich sein muss, funktioniert man halt doch, wenn vielleicht auch nur gerade so. Man fühlt sich zum Kotzen… aber irgendwie geht es eben trotzdem immer weiter.

Das ist zwar alles so richtig scheiße, aber nicht wirklich akut. Ich habe seit 13 Jahren Bedarf nach einem passenden Therapieplatz, doch hier sitze ich und lebe immer noch. Es ist kein schönes Leben und es wäre völlig anders verlaufen, wenn meine Depression viel früher behandelt worden wäre, aber wenigstens besitze ich noch einen Puls.

Das Problem ist, dass man (oder zumindest ich) immer dann auf die Idee kommt, einen Therapeuten zu suchen, wenn gerade alles sehr schlimm ist. Das ist dann ein Moment, in dem man am liebsten sofort Hilfe haben will – was unweigerlich zur totalen Kapitulation führt, wenn man erfährt, dass man ein halbes Jahr warten muss.

Das habe ich mir bei jedem Versuch maximal zwei, vielleicht auch dreimal angehört, aber am Ende habe ich immer aufgegeben. Wenn ich so lange warten muss, kann ich’s ja eh lassen, dachte ich immer. Nur ist das eben ein grundlegender Denkfehler. Die Zeit vergeht so oder so, ob ich irgendwo auf einer Warteliste stehe oder nicht, und sehr oft habe ich sechs Monate später grübelnd im Bett gelegen und gedacht: Wärst du vor einem halben Jahr dran geblieben, hättest du jetzt einen Therapieplatz.

So lange warten zu müssen ist furchtbar und es sollte definitiv anders sein. Aber mir ist trotzdem klar geworden, dass der ausschlaggebende Faktor für mein ständiges Scheitern doch der unfassbare Aufwand war, der dahinter steckt. Die Warterei stört mich weniger als mich wochenlang jeden Tag ans Telefon hängen zu müssen, um einen Therapeuten zu erreichen, dabei achtzig verschiedene Sprechzeiten zu beachten, für die ich extra aufstehe oder meine Arbeitspause umlege, nur um am Ende dann zusätzlich zu hören, dass erst viele Monate später was frei wird.

Die Wartezeit kam mir nur deswegen immer so schlimm vor, weil sie das letzte Glied in einer langen Reihe enttäuschender, stressiger Bemühungen ist. Anders formuliert: Wäre der Aufwand geringer gewesen, hätte mir die Wartezeit nicht so den Boden unter den Füßen weggezogen.

Wie lässt sich der Aufwand minimieren?

Auch wenn die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung ein Witz ist und außerdem von den Krankenkassen gerne als Grund vorgeschoben wird, um eine Kostenerstattung abzulehnen – „Wieso sollen wir Ihnen einen Therapeuten ohne Kassensitz bezahlen, wenn die Terminservicestelle Sie doch jederzeit an irgendeine willkürlich ausgewählte Person, die Sie ohne Einwände akzeptieren müssen, vermitteln kann?“ – ist der Grundgedanke dahinter nicht falsch: Es gibt eine Stelle, bei der alle Fäden zusammen laufen und die Termine vergibt. Die bisherige Umsetzung dieses an sich ziemlich simplen Konzepts ist halt bisher auf besonders peinliche Art misslungen.

Trotzdem halte ich Zentralisierung für die einzige Möglichkeit, den Aufwand für den einzelnen Patienten zu minimieren. Würde die Vergabe von Therapieplätzen nicht über die verschiedenen Therapeuten direkt, sondern über eine zentrale Stelle laufen, hätte ich nicht 65 Mal telefonieren müssen, sondern nur ein einziges Mal.

Eine zentrale Vergabestelle sollte es in jeder Stadt oder Region geben. Das hat den Vorteil, dass die Menschen, die für die Verteilung zuständig sind, mit der Zeit die Therapeuten auch ein Stück weit kennen lernen, was bei einem bundesweiten Angebot niemals möglich wäre. Sie wäre acht Stunden täglich besetzt und nimmt alle Anrufe von Hilfesuchenden entgegen. Diese schildern dann ihre Situation nach einem Fragekatalog, der ins System eingespeist wird. Das ist nötig, um eine mögliche Vorauswahl zu treffen (nicht jeder Therapeut kennt sich mit allen Problemfeldern aus – manche spezialisieren sich auf Essstörungen, haben dafür aber nicht so viel Ahnung von Schizophrenie etc.). Die Anrufer haben zusätzlich die Möglichkeit, Präferenzen zu nennen, worunter auch der Ausschluss bestimmter Personen(gruppen) fällt. Menschen mit Telefonphobie oder anderen Einschränkungen könnten all das auch per Mail schicken. Nachdem das erledigt ist, kommt der Anrufer auf EINE Warteliste für ALLE Therapeuten, die für ihn in Frage kommen, und wird benachrichtigt, sobald einer der Therapeuten Zeit für ihn hat. Er bleibt so lange auf der Warteliste und erhält weitere Termine bei anderen Therapeuten, bis sicher feststeht, dass er den Richtigen gefunden hat und bei ihm eine Therapie anfängt. Die Therapeuten müssten derweil nichts weiter tun, als ihre freien Kapazitäten zu melden.

Und das war’s eigentlich auch schon. Eigentlich ist das gar nicht so schwer. Das Komplizierteste daran ist vermutlich das richtige Programm zur Verteilung, aber mir kann niemand erzählen, dass so etwas technisch unmöglich ist.

Mögliche Kritikpunkte

Als ich das heute Mittag bei Twitter kurz anriss, bekam ich direkt Gegenwind. Vieles davon basierte auf der Kritik am Gesetzesentwurf zum Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) bzw. konkret §92 Abs.6a SGB V. Der sieht demnächst für Psychotherapien eine „gestufte Versorgung“ vor, was nichts anderes heißt, als dass ausgewählte Ärzte oder Therapeuten im Rahmen einer Voruntersuchung erstmal feststellen sollen, ob therapiesuchende Menschen überhaupt therapiebedürftig sind und welche Art Therapie sie bekommen sollen. Die Petition gegen dieses Gesetz findet ihr hier. Dagegen habe ich auch was, aber meiner Meinung nach ist das etwas vollkommen anderes und deshalb trifft kein einziger Kritikpunkt auf meine Version zu.

Ey, was ist mit Datenschutz?
Ich verstehe diesen Punkt ehrlich gesagt nicht. Das hat mir bei einer anderen Gelegenheit, als ich diese Idee äußerte, mal jemand an den Kopf geknallt. Meine Krankenkasse sammelt lauter sensible Daten von mir und jeder Sachbearbeiter in ganz Deutschland kann sie einsehen – warum sollte ein adäquater Datenschutz nun ausgerechnet hier ein unlösbares Problem sein?

Betroffene sollen nicht gezwungen werden, sich jemand anderem als ihrem potentiellen Therapeuten zu öffnen!
Sie sollen sich nicht „öffnen“, sondern ein paar allgemeine Fragen zu ihrem Krankheitsverlauf beantworten. Ohne ein paar grundlegende Informationen geht es nun mal nicht. Außerdem… ich müsste jetzt zählen, aber ich schätze, bei knapp der Hälfte der Therapeuten von meiner Liste ging eine Sprechstundenhilfe ans Telefon. Ich sehe hier keinen qualitativen Unterschied zu einem Mitarbeiter einer Vergabestelle.

Das nimmt den Therapeuten die Wahlfreiheit!
Ganz ehrlich: Wer einen Kassensitz hat, leitet eine Einrichtung zur öffentlichen Gesundheitsversorgung. Da kann man nicht einfach so Leute ablehnen, weil deren Problem vielleicht ein bisschen schwieriger zu lösen ist als andere (so scheinen einige Therapeuten tatsächlich zu verfahren). In begründeten Fällen (ich könnte beispielsweise verstehen, wenn ein Therapeut keinen straffälligen Pädophilen behandeln will, obwohl diese Leute dringend Hilfe bräuchten, bevor sie straffällig werden) kann man da eine Ausnahme machen, aber das darf auf gar keinen Fall die Regel sein. Wer Wahlfreiheit will, soll eine Privatpraxis eröffnen. Sorry.

Und sonst fällt mir dagegen kein weiteres mögliches Contraargument ein. Außer die Kosten vielleicht, aber das lasse ich nicht gelten.

Warum machen wir das dann nicht so?

Weil es zu einfach wäre. Die Aussicht, die ganze furchtbare Therapeutensuche mit nur einem Telefonanruf erledigen zu können wird viel mehr Betroffene als bisher dazu bringen, sich überhaupt um eine Therapie zu kümmern. Viele versuchen das nämlich gar nicht erst, eben WEIL es bisher so zeit- und kraftraubend ist.

Diesen Leuten die Sache zu erleichtern und sie damit zu ermuntern, eine Therapie zu suchen, ist das absolut letzte, was die Krankenkassen wollen. Wenn alle Leute, die eigentlich eine Therapie bräuchten, sich bei einer solchen zentralen Vergabestelle melden, würde sich bei der aktuellen Versorgungslage die Wartezeit verfünffachen. Garantiert. Und dann müsste man daran ja dummerweise etwas ändern, weil das vielleicht endlich der Zeitpunkt wäre, an dem alle Leute aber so richtig auf die Barrikaden gehen. Man stelle es sich vor. Wie lästig.

Es wird Zeit, dass die Politik da reagiert – aber nicht in Form einer Pflicht zur vorgeschalteten Untersuchung durch fremde Ärzte, was ohnehin nur ein weiterer durchschaubarer Versuch der Kassen ist, die Patientenzahlen zu drücken und damit an ihrem Märchen festzuhalten, dass es genügend Kassensitze gibt. Denn sonst – und das kann ich nur immer und immer wieder sagensterben Menschen. Und das muss doch verdammt noch mal nicht sein, wenn das alles eigentlich so beschissen einfach ist.


Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee.

#SuchDirHilfe – werde laut.

Ihr habt vom letzten Beitrag hier her gefunden. Danke dafür. Ich versuche es auch kurz zu machen.


Ich kann mich wirklich nicht erinnern, wie oft ich so da saß wie vor drei Wochen, als ich mich wieder entschloss, einen Therapeuten zu suchen. Es war auf jeden Fall häufig, und ich bin jedes Mal gescheitert. Außer dieses Mal. Und das lag einzig und allein an einer Sache:

Ich hatte beschlossen, darüber zu twittern.

Damit setzte ich mich selbst unter Druck, aber auf eine gute Art. Plötzlich hatte ich Zuschauer, denen ich was bieten wollte. Sie konnten ruhig lesen, wie ich heulte, tobte, an diesem beschissenen System verzweifelte. Dagegen hatte ich überhaupt nichts. Aber sie sollten nicht sehen, wie ich scheitere. Das nicht. Nicht schon wieder.

Ohne Twitter hätte ich das nicht geschafft. Ich hätte nach spätestens drei Anrufen aufgegeben. Aber so viele andere schaffen es nicht. Oder mussten, wie ich, ihre gesamte Energie hinein stecken, obwohl es dafür keinen, aber auch überhaupt keinen Grund gibt… außer der, dass irgendjemand mal gemeint hat, die Versorgung, die wir jetzt haben, würde für alle psychisch Kranken reichen. Trotz Wartezeiten von einem Jahr, trotz all der Therapeuten, die gar keine Warteliste mehr führen und selbst verzweifeln, trotz all den Anrufen, die unbeantwortet bleiben, all der Absagen.

Dabei reicht es offensichtlich nicht. Und das ist verdammt noch mal nicht richtig.

Viele Leute haben meinen Thread verfolgt, obwohl er sich schnell zu einem gigantischen Monstrum aufblähte, weil ich mich einfach nicht kurz fassen kann. Die Nicht-Betroffenen, die *Gesunden*, die *Normalos*, waren schockiert. Die Betroffenen dagegen nicht. Die winkten ab. Sie kannten das. Alle kennen das.

Einige haben mir dann von ihren eigenen Erfahrungen geschrieben, irgendwo als Reply inmitten meines Threads – sprich dort, wo sie kein Mensch sieht. Da gehören sie verdammt noch mal nicht hin. Dort lese höchstens ich sie, aber ich bin dafür eigentlich die falsche Adresse. Ich bin eine Betroffene. Ich kenne das. Alle kennen das. Wichtig sind aber die, die es nicht kennen – die *Gesunden*, die *Normalos*, die Schockierten, die aber nicht schockiert sein sollten wegen etwas, was für so viele Menschen mit Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen normaler Alltag ist.

Das soll sich ändern.

Deshalb, wie angekündigt: Eine Bitte und ein Appell.


Die Bitte – an alle:

Teilt die Geschichte meiner Therapeutensuche. Ich kann mich nicht erinnern, schon mal um sowas gebeten zu haben, jedenfalls nicht so offensiv, aber jetzt bitte ich darum und es ist mir egal, ob das jemand frech oder peinlich findet. Weil die Geschichte wichtig ist. Nicht wegen mir, sondern weil sich so viele darin wieder gefunden haben, da sie exakt die gleichen Erfahrungen gemacht haben, als sie sich einfach nur Hilfe suchen wollten. Ich will, dass das endlich jeder weiß. Ich habe es satt, so etwas zu erzählen und dann all die schockierten Gesichter um mich herum zu sehen. Denn nichts davon hat mich schockiert, im Gegenteil. Ich habe all das verdammt noch mal genau so erwartet. Es ist mein Alltag, und es hat mich Jahre meines Lebens gekostet, in denen ich untherapiert und unglücklich geblieben bin.

Deswegen: Teilt es. Bitte.


Und nun der Appell – an alle Betroffenen:

Ich freue mich über jede Reply, aber bitte verschwendet eure Erfahrungen nicht an einen unübersichtlichen Thread, wo sie niemand sieht. Schreibt eure eigenen Tweets, nach denen man nicht erst wühlen muss, und schreibt viele davon. Schreibt über jedes Hindernis, jede bürokratische Hürde, jede Form der Ignoranz, die euch begegnet ist, als ihr versucht habt, den Ratschlag von Leuten zu befolgen, die nicht die geringste Ahnung haben, was sie da eigentlich von sich geben, wenn sie sagen: „Such dir Hilfe.“ Zeigt ihnen, was dieser dumme, aber ja doch so nett gemeinte Spruch in der Realität bedeutet, wenn man psychisch krank ist und einem Gesundheitssystem ausgeliefert, das Depressionen nicht ernst nimmt und Menschen tötet.

Und taggt all diese Erfahrungen mit #SuchDirHilfe, damit jeder sie sehen und nicht mehr ignorieren kann.

Vielleicht findet ihr das blöd. Vielleicht denkt ihr, dass sowas eh nichts bringt. Aber man kann es ja wenigstens mal versuchen. Ich jedenfalls will es testen und wenn beim nächsten Mal, wenn ich wieder von unfassbaren Wartezeiten erzähle, überforderten Therapeuten und Toten, die man hätte verhindern können, wenn man ihnen nur geholfen hätte, als sie es gebraucht hätten… wenn dann auch nur ein Mensch mehr weiß, wovon ich rede, hat es sich schon gelohnt. Denn irgendwann werden es alle wissen und spätestens dann muss irgendjemand reagieren.

Ich will, dass ihr dann alle noch da seid, um das mit mir zu feiern.

Wer keinen Twitter-Account hat, aber mitmachen will, oder gerne würde, sich aber nicht traut, dem biete ich an, die Geschichte seiner Suche nach Hilfe stellvertretend für ihn auf Twitter und vielleicht im Blog zu veröffentlichen. Schickt sie mir einfach als Mail an robin.urban.blog[ät]gmail.com unter dem Betreff #SuchDirHilfe. Ich verspreche euch, eure Daten vertraulich zu behandeln und jeden Bericht anonymisiert (!) zu teilen – es sei denn, ihr wollt es ausdrücklich anders. Vielleicht werde ich hier und da ein bisschen kürzen müssen und Tippfehler beseitigen, aber ansonsten werde ich nichts verändern.

Bedenkt aber bitte, dass ich selber keine Therapeutin bin (und es auch nicht behaupte). Ich werde ganz sicher nicht auf jeden und alles eingehen können, was ihr mir schreibt. Bitte habt dafür Verständnis und schickt mir eure Mail nur, wenn ihr damit klar kommt, dass ich lange für eine Antwort brauche und die dann vielleicht sehr knapp ausfällt.

Ich habe eiskalte Hände, Schweißausbrüche, einen Puls von 180 – aber ich schicke das hier jetzt trotzdem ab, auf die Gefahr hin, dass kein Mensch mitmacht.

Aber dann habe ich es wenigstens versucht.

Warum die Suche nach einem Therapieplatz für jeden Depressiven eine absolute Zumutung ist

Such dir Hilfe.

Drei kleine Worte, nett gemeint. Die meisten gesunden Menschen, die so etwas sagen, scheinen zu glauben, es sei allein die gesellschaftliche Stigmatisierung oder schlicht Angst, die Leute wie mich davon abhält, eine Therapie zu machen. Etwas anderes ist in unserem vorbildlichen Gesundheitssystem ja auch nicht möglich, oder? Immerhin handelt es sich, so aufgeklärt ist man ja, bei einer Depression um eine ernsthafte Krankheit. Einen Therapieplatz zu finden kann deshalb wohl kaum viel schwieriger sein als einen Termin beim Zahnarzt zu bekommen.

Stellt euch an dieser Stelle bitte ein hysterisches Lachen vor.

Der folgende Beitrag ist eine Dokumentation meiner aktuellen Therapeutensuche. Er ist… lang. Sehr. Aber wenn ihr bis zum Ende durchhaltet, werdet ihr vollkommen verstehen, wieso ich jedem, der mir sagt, ich solle mir Hilfe suchen, am liebsten ins Gesicht springen würde, obwohl das doch so nett gemeint ist.

Und ihr werdet hoffentlich wütend sein.


Für den Kontext:
Mit zwanzig wurde mir von einem Neurologen eine Depression diagnostiziert. Er empfahl mir damals ein Aufenthalt in einer psychosomatischen Klinik. Ich wartete einige Monate, bis ein Platz frei wurde und wurde nach acht Wochen mit einer zusätzlichen Diagnose (Anpassungsstörung) wieder entlassen. Um eine Nachsorge in Form einer ambulanten Therapie kümmerte sich keiner. Ich brauchte mehrere gescheiterte Anläufe und einige sehr unangenehme Erstgespräche, bis ich 2015 endlich einen Therapieplatz fand. Das war neun Jahre später. Diese Therapie musste ich nach einem Therapeutenwechsel mittendrin leider wieder abbrechen, weil sie von Anfang an nur einen Kompromiss dargestellt hat. Das war im Sommer 2016. Insgesamt sind dreizehn Jahre seit meiner Diagnose vergangen.

Dreizehn Jahre.


Mir geht es gerade nicht gut. Eigentlich geht es mir ja nie wirklich gut, aber momentan ist es wieder schlimm. Eigentlich ist es schon das ganze Jahr schlimm, aber im Sommer war es das ganz besonders. Meine neuen Medikamente, die ich seit ein paar Monaten nehme, vertreiben zwar die bleierne Müdigkeit, unter der ich immer besonders gelitten habe, aber sorgen leider trotzdem nicht dafür, dass ich mein Leben auf die Reihe kriege.

Darüber grüble ich viel: mein zielloses, planloses, vergeudetes Leben. Was ich versäumt habe. Was ich gerade verpasse. Was ich noch vorhabe, aber nicht schaffen werde. Nicht ohne Hilfe. Nicht ohne Therapie.

Das ist nun so eine Sache. Wie oft habe ich nun mit der Therapeutenliste vor mir da gesessen und versucht, genau diese Hilfe zu bekommen? Ich weiß es nicht mehr genau. Ich habe jedes Mal aufgegeben. Zu frustrierend waren die ständigen Absagen. Zu niederschmetternd die paar Gelegenheiten, in denen ich es bis zu einem echten Gespräch geschafft habe. Zu ernüchternd meine abgebrochene Therapie, die ich niemals hätte anfangen dürfen.

Aber ich brauche Hilfe. Ich muss mir Hilfe suchen.


Vor drei Wochen ging ich zu meinem Hausarzt. Ich hatte lange Zeit keine hohe Meinung von ihm, aber zumindest mit meiner Depression geht er super um. Er hat mir die Medikamente verschrieben, die mein Psychiater mir nicht geben wollte, und war nicht ein einziges Mal herablassend zu mir, obwohl er mich aus irgendeinem Grund immer duzt, wenn ich mit ihm darüber rede. Wenn ich wegen einer Grippe komme, tut er das nicht.

Ich setzte mich in seine Praxis und erzählte ihm, dass ich wieder versuchen will, einen Therapieplatz zu bekommen. Er hörte sich alles an und nickte. Er hielt das für eine gute Idee, weiß aber natürlich, dass eine Therapeutensuche schwierig ist. Deshalb schrieb er mir zusätzlich eine Überweisung. „Die bescheinigt dir eine besondere Dringlichkeit. Damit kannst du dich bei der Terminservicestelle der kassenärztlichen Vereinigung melden.“

Diese Terminservicestelle wurde vor ein paar Jahren eingerichtet und ist dafür da, Patienten zeitnah (heißt, in maximal vier Wochen) Termine zu vermitteln. Zunächst galt dieser Service nur für Fachärzte, aber inzwischen wurde er auch auf Psychotherapeuten ausgeweitet. Bei dem Thema bewegt sich alles viel zu langsam, aber das ist ja immerhin ein Fortschritt, dachte ich.

Ich wurde schnell wieder auf den Boden der Tatsachen geholt.

Ein Blick auf die Website der kassenärztlichen Vereinigung ernüchterte mich nachhaltig. Da war unter anderem das zu lesen:
Darüber regte ich mich furchtbar auf. Damit habe ich praktisch KEIN Mitspracherecht. Ich darf weder Ansprüche an die Uhrzeit oder den Wochentag stellen (wie soll das bei berufstätigen Menschen funktionieren?), nicht den Standort bestimmen (was heißt zumutbare Entfernung? Ich ahnte Schlimmes), nicht mal die Therapieform fordern, die ich gerne hätte. Das ist ungefähr so, als bräuchte ich einen Herzspezialisten, aber weil ein Nierenfacharzt gerade Termine frei hat, werde ich zu dem geschickt – wird schon passen, die machen immerhin beide was mit inneren Organen. Ähä.

Und auch der Therapeut selbst ist anscheinend irrelevant. Dabei gibt es viele nachvollziehbare Gründe, gewisse Personengruppen von vorne herein auszuschließen. Viele Frauen mit Missbrauchserfahrung möchten keinen Mann als Therapeut. Ein Freund von mir, der schwul ist, wollte das ebenfalls nicht, weil er glaubt, dass ein Mann (sofern hetero) seine Sexualität nicht nachvollziehen kann oder akzeptieren würde. Das ist natürlich irgendwie unfair gegenüber den Therapeuten, die dadurch (wahrscheinlich grundlos) durchs Raster fallen… aber möchte ernsthaft jemand Missbrauchsopfern vorwerfen, nicht nett genug zu einem Unbekannten zu sein? Sicher nicht. In diese Entscheidung sollte niemand reinreden. In einer Psychotherapie muss man sich öffnen können – wie soll das gehen, wenn man seinem Gegenüber nicht vertraut?

Mir ist das Geschlecht des Therapeuten egal, aber das Verhältnis muss eben trotzdem passen. Es hat die letzten beiden Male nicht gepasst. Ich bin nicht mehr bereit, dahingehend Kompromisse zu machen.

An der Stelle begann ich zu ahnen, dass ich hier eine Odyssee vor mir hatte, neben der Frodos Reise zum Schicksalsberg wirken würde wie ein netter Wochenendausflug in den Schwarzwald.

Aber der Reihe nach.


Trotz meiner Bedenken rief ich bei der Terminservicestelle an. Nach einer Viertelstunde in der Warteschlange meldete sich eine enervierend geschäftsmäßig klingende Frau.

„Guten Tag. Ich rufe an, weil ich gerne einen Termin für eine Psychotherapie hätte.“
„Haben Sie eine Überweisung?“
„Ja.“
Was steht denn auf der Überweisung drauf unter Überweisung an?“
Ich war direkt irritiert. „Na… Überweisung an Psychotherapeut.“
„Ah, Psychotherapie also.“
???
„Ja, da können wir Ihnen gerne eine Liste mit Therapeuten in Ihrer Nähe schicken, die Sie mal anrufen können.“

Was.

Ich meine… WAS.

Diese Liste muss niemandem geschickt werden. Die bekommt man bei jedem HAUSARZT. Sie steht außerdem ONLINE. Wieso sollte ich mir die zuschicken lassen??? Und überhaupt… was heißt das? Doch nicht etwa PER POST???

Und die wichtigste Frage natürlich: Warum rufe ich dort überhaupt an, wenn die mir sowieso nur sagen, dass ich selber anrufen soll???

Das deckte sich nicht mit dem, was mein Hausarzt mir gesagt hat. Ich war verwirrt und sagte ihr das auch.
„Haben Sie schon selbst angerufen?“
„Ja, mehrmals, wenn auch nicht aktuell.“
„Nun, dann machen Sie das und wenn Sie dann nichts finden, helfen wir Ihnen. Wir suchen dann aber im Umkreis von 30km, deshalb versuchen Sie es lieber selbst.“
„Ich dachte, dafür wär dieser Service da – damit SIE das für mich tun?“
„Nein, wir vermitteln erst, wenn Sie keinen bekommen. Dann suchen wir für Sie einen Beratungstermin.“
„Entschuldigung, ich will keinen Beratungstermin, sondern suche einen Therapieplatz.“
„Nein, ZUERST gibt es einen Beratungstermin, DANN erst kommt es zur Therapie.“ – als würde ich das verdammt noch mal nicht wissen. Aber das ist trotzdem nicht das, was ich erwartet habe.
„Und ihr könnt mir dabei NICHT helfen?“
„Nein, erst müssen Sie selbst anrufen. Und das ist ohnehin besser, weil wir wie gesagt in 30km Umkreis suchen und Sie den Termin dann nehmen müssen.“

Ich saß da und dachte: Wofür ist dieser Service da. WOFÜR, zur Hölle.

Und der größte Witz an der Sache ist, dass das nicht einmal stimmt. Wenn ich alle Therapeuten auf meiner Liste anrufe und nur Absagen kassiere, kann ich gehen, zu wem ich will – selbst zu einem Therapeuten ohne Kassenzulassung. Den muss die Krankenkasse dann trotzdem bezahlen, da die Absagen der Beweis sind, dass der von ihnen ermittelte Bedarf an Kassensitzen offensichtlich nicht reicht.
Das nennt sich Kostenerstattungsverfahren und ist EIGENTLICH recht klar geregelt… aber in Wahrheit verschleppen die Kassen solche Verfahren gerne oder lehnen sie ab, obwohl alle Kriterien erfüllt sind. Trotzdem finde ich es wirklich bezeichnend, dass die Dame mir diese Möglichkeit einfach komplett vorenthalten hat.

Ich war… unzufrieden. Das sagte ich ihr auch. Aber auch, dass es nicht ihre Schuld ist. Nur ist dieser ganze Service, auf diese Art angeboten, trotzdem völlig überflüssig. Als würde ich bei einem Lieferdienst anrufen und der würde mir statt einer Pizza ein Rezept schicken, damit ich sie mir verdammt noch mal selber backen kann. Vielleicht bekäme ich auch einfach eine Wegbeschreibung zum nächsten Supermarkt, um mir die Tiefkühlversion zu kaufen. Macht ja alles so viel Sinn.

Ich beendete das Gespräch dann, allerdings leider ohne zu fragen, ob die Krankenkasse eine Fahrt zu einem Therapeuten in 30km Entfernung bezahlen würde. Auf die Dauer leisten könnte ich mir das nämlich nicht – und ich weiß Dank meines Jobs bei einem Taxiunternehmen zufällig, wie viele Patientenfahrten die Kassen tagtäglich übernehmen. Ist es da zuviel verlangt, mir sowas auch zu wünschen? Ich wäre ja sogar schon mit einem blöden Busticket zufrieden. Aber inzwischen weiß ich, dass die Kasse sowas in dem Fall nicht macht. Anscheinend geht das nur, wenn man richtig – sprich körperlich – krank ist.

Immerhin sind 30km viel näher, als ich befürchtet hatte. Aus irgendeinem Grund ging ich von 50 aus. Das ist aber auch das einzig Positive, das ich aus diesem Gespräch mitgenommen habe. Ansonsten weiß ich nun lediglich, dass die mir nichts, aber auch GAR NICHTS bieten können, was ich nicht selber leisten kann bzw. muss, obwohl es mir meine Krankheit fast unmöglich macht, mich darum zu kümmern. Ich dachte, um mir DAS abzunehmen… dafür sei dieser Service da. Tatsächlich konnte mir die Dame aber nicht mal sagen, bei welchen Therapeuten im Umkreis aktuell noch Kapazitäten frei sind. Es ist mir völlig schleierhaft, wie dieses System ohne Informationen wie solche funktioniert, selbst wenn ich ihrer Meinung nach Anspruch auf Hilfe gehabt hätte. Ich vermute: gar nicht. Vielleicht hat sie mich aber auch einfach angelogen.


Als hätte ich es geahnt, hatte ich am Tag davor schon die aktuelle Liste der Psychotherapeuten in meinem Umkreis ausgedruckt. Auf einer solchen Liste steht neben der Namen der Therapeuten auch die Adresse, die angebotene Therapieform (Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Psychoanalyse) und die Telefonnummer. Keine Sprechzeiten. Natürlich nicht.

Die musste ich selber zusammen suchen, nachdem ich mir alle Therapeuten markiert hatte, die meiner Meinung nach für mich in Frage kommen. Das war überraschend aufwendig und hat sehr wenig Spaß gemacht. Einige Telefonsprechzeiten waren besser versteckt als das Bernsteinzimmer. Und von vier Therapeuten fand ich überhaupt keine Zeiten online. Dort musste ich anrufen und die Zeiten von der Bandansage heraus schreiben.

Ich nahm die Liste in die Hand, nachdem ich bei der kassenärztlichen Vereinigung aufgelegt hatte. 22 Therapeuten, alle mit unterschiedlichen Sprechzeiten, einige so früh oder so blöd gelegt, dass sie mit meinen Arbeitzeiten kollidieren. Dabei arbeite ich nur Teilzeit. Es ist mir vollkommen schleierhaft, wie ein Mensch mit einer Vollzeitstelle so etwas schaffen soll.

Trotzdem. 22 Therapeuten, die ich alle nacheinander anrufen muss. Das war nun meine Aufgabe, für die ich vermutlich wochenlang brauchen würde.

Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass ich mal an einer Telefonphobie litt?


Alles begann direkt ganz vielversprechend mit THERAPEUTIN 1. Die sollte bis 18 Uhr Sprechzeit haben, meldete sich aber nicht. Ich versuchte es viermal. Nichts. Nicht mal eine Bandansage. Nichts.

Ich würde es in der darauffolgenden Woche nochmal probieren, nachdem ich viele weitere Therapeuten angerufen hatte – und es tatsächlich auf die Warteliste schaffen. Die Wartezeit beträgt ein Jahr. Ich notierte mir das. Dann heulte ich.


Bei THERAPEUTIN 2 wartete eine besonders unangenehme Überraschung auf mich. Aber erst einmal war die Nummer, die auf der Liste stand, nicht vergeben, also musste ich sie googeln. Ich wählte sie und nachdem ich es ewig klingeln gelassen hatte, ging eine Sprechstundenhilfe ran.

„Ich wollte nach einem Therapieplatz fragen.“
„Oh… das macht die Frau Doktor momentan nicht mehr.“
„Ähm… okay… ihr steht allerdings noch auf der Liste… Stand November 2018…“
„Jaaa… trotzdem.“
„Und das ändert sich auch nicht mehr?“
„Ähm. Nein, wahrscheinlich nicht.“
„Okay… könnt ihr mir das wenigstens schriftlich bescheinigen? Also dass ihr für mich keinen Therapieplatz habt? Für die Krankenkasse?“
„Ähm. Nein, das machen wir nicht.“

Das war das erste Mal überhaupt, dass ich nach so einer Bescheinigung fragte – weil es das erste Mal ist, dass ich diesen Weg bis zum bitteren Ende gehen will. Notfalls eben über ein Kostenerstattungsverfahren, obwohl ich weiß, dass so etwas praktisch Krieg mit meiner Krankenkasse bedeutet.

Damit war das Gespräch auch schon beendet und ich konnte den ersten Namen von meiner Liste streichen. Das ging schnell.


Der nächste Tag war ein Freitag. Da hatte ich eigentlich nicht geplant, überhaupt irgendwo anzurufen, weil ich arbeiten musste und auf gar keinen Fall aus meiner Pause heraus anrufen wollte. Das schlaucht nämlich. So richtig tiefgreifend. Das wollte ich mir nicht während der Arbeit antun.

Aber dann dachte ich, dass ich ja VOR meinem Arbeitsbeginn anrufen könnte. Anscheinend hatte ich das Bedürfnis, mir schon frühmorgens unbedingt die Laune zu verderben.


Eine Therapeutin ging nicht ran, weil die Sprechzeiten geändert worden sind. THERAPEUTIN 3 dagegen war da und sehr klar in ihrer Aussage: Sie ist voll mit Terminen, und zwar so sehr, dass sie auch keine Warteliste mehr führt.

Aber sie wollte mir eine Bescheinigung für die Kasse schreiben. Ich solle sie natürlich selbst abholen kommen. Ist das nicht schön.


Das Wochenende verbrachte ich in einem seltsamen Zustand zwischen Entmutigung und Motivation. Bisher war es genauso beschissen gelaufen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Gleichzeitig brannte ich darauf, die Liste weiter abzuarbeiten. Das war aber kein schönes Gefühl. Ich wollte lediglich wissen, wie viele Absagen es letztendlich werden – und damit auch, wie abgefuckt das System wirklich ist.

Ich war bereit für Montag und wollte mir extra den Wecker stellen, um die ganz frühen Sprechzeiten mitzunehmen. Nachdem ich aber um drei Uhr nachts immer noch nicht eingeschlafen war, verwarf ich diesen Plan. Ich habe montags 10-Stunden-Schicht und wollte auf der Arbeit nicht völlig übermüdet aufschlagen.


Letztendlich geschahen zwei Wunder:
1. wurde ich von selbst punktgenau um die Zeit wach, auf die ich mir den Wecker hatte stellen wollen. Das war fast magisch.
2. bekam ich von THERAPEUTIN 4 einen Termin.
Für den darauf folgenden MITTWOCH.
In ZWEI Tagen.

Ich war baff. Ich hätte so ziemlich mit allem gerechnet, nur nicht mit sowas.

Es gab nur ein Problem: Mir gefiel die Therapeutin nicht.

Natürlich ist es unfair, von der Stimme und einem kurzen Gespräch ein solches Urteil zu fällen. Aber ich kann nun mal nicht anders. Sie klang für mich sehr jung und unsicher… ich dagegen brauche einen Therapeuten, der erfahren und selbstbewusst ist. Das denke ich zumindest.

Ich schämte mich fast für den Gedanken. Ich stellte mir die Reaktion der Leute vor: „Orr, jetzt hat die Tussi schon Glück und schnell einen Termin bekommen und jammert trotzdem noch rum!“

Aber dann wurde ich wütend – denn hier wird mal wieder mit zweierlei Maß gemessen. Kaum ein Mensch würde zu einem Hausarzt gehen, der ihm unsympathisch ist, dabei dreht es sich dabei zu 90% nur um Erkältungen und vielleicht mal eine Impfung, die sowieso die Arzthelferin verabreicht. Eine Depression dagegen ist eine potentiell tödliche Krankheit. Tut mir leid, wenn das zickig klingt, aber da hätte ich schon gerne jemanden als behandelnden Therapeuten, bei dem ich nicht sofort ein schlechtes Gefühl habe.


Schöne Überleitung zu THERAPEUT 5, denn natürlich habe ich nicht aufgehört, nur weil ich EINEN Termin bekommen habe. Den Fehler habe ich oft genug gemacht, dieses Mal würde mir das aber nicht passieren.

Dieser Mensch hatte tägliche Sprechzeiten zwischen halb 9 und 9 – der Wahnsinn! – und war am Telefon schlicht unhöflich. Seine Reaktion auf meine Frage nach einem Therapieplatz bestand dann auch aus einem entnervten Seufzen. Anschließend sagte er mir, dass er gerade nicht in der Stadt ist und ich deshalb am nächsten Tag nochmal anrufen soll. Ich bejahte und legte auf im vollen Bewusstsein, das ich das nicht schaffen würde. Es war ja purer Zufall gewesen, dass ich an diesem Tag so früh wach gewesen bin. Ich habe jahrelang abends und nachts gearbeitet und auch wenn meine aktuellen Arbeitszeiten zu meinem Leidwesen früher beginnen habe ich erhebliche Probleme damit, abends ins Bett zu gehen und morgens wieder aufzustehen.

Damit bin ich nicht alleine. Schlafstörungen sind ein häufiges Depressionssymptom. Daran könnte man ja vielleicht mal denken, bevor man Sprechzeiten plant. Oder, noch besser: Man richtet eine Terminanfrage per Mail ein. Das würde dann auch den vielen Menschen mit Telefonphobie entgegen kommen. Aber so eine Möglichkeit hatte kein einziger der 22 Therapeuten auf den einschlägigen Seiten zur Verfügung gestellt.

Warum überrascht mich das bloß nicht.


Die Sprechstundenhilfe von THERAPEUTIN 6 war dagegen sehr nett. Helfen konnte sie mir trotzdem nicht. Ihre Chefin macht keine Erstgespräche mehr, sondern nur noch einmalige „Orientierungsgespräche“, weil die Wartezeit auf einen Therapieplatz bei ihr ein Jahr beträgt.

Ein Jahr.

Ich habe mich trotzdem mal dafür vormerken lassen. Es ist Ende Januar, also muss ich auch darauf fast drei Monate warten. Und ich muss ein paar Tage vorher nochmal anrufen, um den Termin zu bestätigen, da er sonst verfällt. Eine weitere kleine Hürde, an der nicht wenige scheitern.


Bei THERAPEUT 7 hörte ich das gleiche wie bei Nummer 2: Der Herr mache das momentan nicht mehr. Das geht im Übrigen nur, weil beide Therapeuten außerdem noch Internisten sind.

Ich weiß nicht, wieso man sich eine solche doppelte Ausbildung antut. Wer therapeutisch arbeiten, aber außerdem Mediziner sein will – vielleicht, um Medikamente verschreiben zu dürfen – würde doch logischerweise eher den Weg zum Psychiater einschlagen, oder?

Aber was auch immer die Gründe sind: Bei der momentanen Situation würde ich vermutlich auch lieber als Hausarzt arbeiten statt als Therapeut.


Es stellte sich im Laufe des Telefonats dann noch heraus, dass ich in einer Gemeinschaftspraxis gelandet war und die Kollegin noch Termine frei hatte. Allerdings stand die nicht auf meiner Liste, weil sie nur Verhaltenstherapie anbietet. Ein dritter Kollege, der auch zur Praxis gehörte, stand dagegen drauf, aber er – THERAPEUT 8 – hatte leider auch nichts mehr frei.

Das war ein Misserfolg auf ganzer Linie, aber wenigstens hatte ich mir auf die Weise einen Anruf gespart. Die Frage, ob ich eine Bescheinigung für die Krankenkasse bekomme, wurde dagegen wieder verneint. „Sowas machen wir nicht.“ Na dann.

Insgesamt war das ein sehr, sehr anstrengender, überaus erfolgloser Telefon-Tag. Ich bin dann danach noch zehn Stunden arbeiten gegangen. Ich versuche ja trotz allem, meinen Job zu erledigen, ne. Ich bin ja nicht der Gesundheitsminister.


Der Dienstag war schlimm. Ich wollte insgesamt vier Therapeuten anrufen. Einer hatte Sprechstunde, ging aber nicht an, und die anderen beiden hatten in der nur wenige Tage dauernden Zeitspanne zwischen der Suche nach ihren Sprechzeiten und meinen Anrufen die Sprechzeiten geändert. Sie haben sie nämlich reduziert, beide auf je 2×30 Minuten die Woche.

Und da drängte sich mir eine Frage auf.

Letztes Jahr wurde beschlossen, dass Psychotherapeuten mit Kassensitz insgesamt 200 Minuten die Woche für Telefonsprechstunden aufwenden müssen. Ich war kein Fan dieser Regelung. Diese Sprechstunde dürfen sie nämlich auch auf eine Praxishilfe abwälzen, die dann, obwohl sie dafür nicht qualifiziert ist, unter Umständen entscheiden muss, ob der Anrufer wirklich Hilfe braucht oder nicht. Darüber hinaus glaubte ich, dass auf diese Weise Zeit für echte Therapiesitzungen knapper werden würde.

Aber wenn ich sowas sehe, muss ich mich ernsthaft fragen, was ich mir bei diesem Standpunkt gedacht habe. Vielleicht hat mich die Zahl verwirrt: Zweihundert. Das klingt nach so viel. Tatsächlich sind das aber ja nicht mal dreieinhalb Stunden wöchentlich. Ist es wirklich zu viel verlangt, eine so kurze Zeit jede Woche für das Telefon zu reservieren, zumal es ja keine andere Möglichkeit gibt, die Therapeuten zu erreichen? Und das, obwohl ihnen sogar erlaubt ist, dafür eine Praxishilfe einzustellen? Wird da vielleicht versucht, Geld für so jemanden zu sparen, obwohl Therapeuten bei ihrer Arbeit jetzt wirklich nicht gerade arm werden? Ist der monatliche finanzielle Aufwand – 4×3,5 Stunden, sprich magere 14 Stunden für vermutlich nicht viel mehr als den Mindestlohn – für eine Aushilfe auf gar keinen Fall zu stemmen, obwohl das für den Therapeuten selber mehr Freizeit bzw. mehr Zeit für Patienten, also MEHR Geld, bedeuten würde?

Ich weiß es nicht. Ich halte es jedenfalls für eine Frechheit… und illegal ist es ja nun auch. Nur scheint das niemanden zu interessieren.

Genauso wenig wie die nun schon zweimal gehörte Auskunft, dass in der Praxis gerade gar keine Psychotherapie stattfindet. Was passiert in so einem Fall mit den ohnehin zu knapp bemessenen Kassensitzen? Blockieren diese Leute sie weiter, obwohl sie keine Patienten annehmen? Müssen sie die Sitze abgeben? Kontrolliert das überhaupt jemand? Irgendjemand? Und falls ja, warum werden die betreffenden Personen noch in der aktuellsten verfügbaren Therapeutenliste geführt?

Ich weiß, dass diese ganze Situation auch für viele Therapeuten schrecklich ist. Aber hier hört mein Verständnis auf. Es tut mir leid, aber ein bisschen Service muss sein. Und wer keine Therapien anbieten will, sollte keinen Kassensitz haben. Alles andere verschärft die ohnehin extrem angespannte Lage noch viel mehr.


Immerhin erreichte ich an diesem Tag noch THERAPEUTIN 9. Aber sie hat keinen Platz für mich, auch nicht auf der Warteliste. Das ist schade, weil sie sehr nett klang, aber sie meinte, dass die Leute, die JETZT bei ihr Therapie anfangen, im FEBRUAR ihr Erstgespräch gehabt hätten. Das wolle sie neuen Patienten nicht zumuten.

Sie wollte mir außerdem, ganz was neues, keine Bescheinigung geben. Laut ihrer Erfahrung ginge das auch so. Allerdings sei ein Kostenerstattungsverfahren momentan ohnehin „schwierig“ – weshalb sie mir alle Daumen drückt.

Diese nette Geste konnte leider nicht die Tatsache verhehlen, dass diese ganze Sache bis jetzt sehr, sehr anstrengend war. Dabei war ich noch nicht mal zur Hälfte mit meiner Liste durch.


Mittwoch. Die beiden ersten Therapeuten gingen trotz Sprechstunde nicht ran. Bei einem dauerte die sogar nur 20 Minuten. Wieso schafft man es nicht mal, ZWANZIG MINUTEN am Telefon zu sitzen?

Auf Twitter mutmaßte jemand, dass der Herr möglicherweise eine veraltete Telefonanlage hat, die kein Besetztzeichen sendet, wenn er gerade mit einem anderen Anrufer beschäftigt ist. Aber sorry… wir haben 2018? Welches Telefon besitzt diese Funktion nicht? Aber selbst, wenn es Dank irgendeiner Raum-Zeit-Anomalie wirklich so sein sollte, dass er mit einem Gerät telefoniert, das definitiv ins Mittelalter gehört… wieso kauft er dann nicht ein neues? Auch zu teuer? Obwohl vermutlich als verdammt noch mal notwendige Praxisausstattung von der Steuer absetzbar? Oder hängen einfach zu viele kostbare Erinnerungen dran?

Ich tat das hier jetzt bereits seit einer Woche. Es war anstrengend. Es war SO anstrengend.


THERAPEUTIN 10 hat auch keine Plätze mehr. Die Sprechstundenhilfe meinte, ich solle im Februar wieder anrufen, dann könne man mich VIELLEICHT auf die Warteliste setzen. Ihre Chefin ist nämlich eigentlich Gynäkologin und therapiert erst nach Feierabend.

Ist das nicht ein SCHÖNES Hobby? Nach Feierabend noch ein bisschen rumtherapieren! Und vermutlich trotzdem einen ganzen Kassensitz besetzen! Damit wäre sie die dritte Kandidatin auf meiner Liste, die das eigentlich nur nebenher oder gleich gar nicht macht!

Ich seufzte innerlich und fragte standardmäßig nach einer schriftlichen Absage. Standardantwort: „Sowas machen wir nicht.“ Zwischenzeitlich hatte mich allerdings jemand gefragt, wieso die das nicht machen, also gab ich diese Frage an die Sprechstundenhilfe weiter.

Die Antwort war köstlich.
„Also erstens, weil Sie ja keine Patientin bei uns sind.“ – was ja… ähm… logisch ist? Wäre das anders, bräuchte ich ja die beschissene Absage nicht?
„Und zweitens gibt es von der kassenärztlichen Vereinigung eine ewiglange Liste mit Therapeuten, die Sie vorher fragen können.“

Mit aller Freundlichkeit, die ich nach so viel geballter Blödheit noch aufbringen konnte, teilte ich der Dame mit, dass ihre Chefin bereits die zehnte Therapeutin ist, die ich anrufe, und ich die Bescheinigung gerne hätte für die Krankenkasse.
„Wieso?“
„Für eine mögliche Kostenerstattung.“
Das verstand sie nicht. Also erklärte ich es ihr. ICH, die Patientin – IHR, der fucking SPRECHSTUNDENHILFE.

Antwort: „Davon habe ich ja noch nie gehört.“
Ach.
„Das geht auch nicht – die Krankenkassen bezahlen nur Therapeuten mit Kassensitz.“ Das sagte sie mit deutlich scharfen Unterton. Es war offensichtlich, dass sie von mir genervt war.
Aber das war einfach mehr, als ich stumm hinnehmen konnte. „Nein, das stimmt nicht,“ sagte ich – und erklärte es ihr NOCHMAL.

Sie glaubte mir nicht. „Das kann ich mir wirklich nicht vorstellen. Aber Sie können ja auch nicht erwarten, jetzt sofort einen Termin zu bekommen.“
Wow.
„Ähm, das erwarte ich überhaupt nicht, aber ich habe bisher fast nur Absagen, also…“
Daraufhin erklärte sie mir überheblich, dass ich ja auch jederzeit für eine ambulante Therapie in eine Tagesklinik gehen könne.

Einen Moment lang war ich sprachlos. Ich fand es megafrech von ihr, mich einfach so an die Tagesklinik zu verweisen, als wäre das im Vergleich nicht ein gewaltiger Unterschied, der mein ganzes Leben auf den Kopf stellen würde. Aber irgendwas an ihrer Aussage verunsicherte mich – meinte sie etwa, es gäbe in der Tagesklinik auch ambulante Therapien im Sinne von einstündigen Sitzungen jede Woche? Ich fragte nach. Die Antwort war ein arrogantes „Ja“.

Damit hatte sie mich. Davon habe ICH nämlich noch nie gehört. Ich verabschiedete mich, aber weil ich mir das absolut nicht vorstellen konnte, rief ich sofort in der örtlichen Tagesklinik an, um mich danach zu erkundigen.

Um es kurz zu machen: Nein, so etwas machen die dort NICHT. Wusste ich’s doch!!!

Ich überlegte, die Tussi wieder anzurufen, um ihr zu sagen, dass sie Scheiße erzählt. Stattdessen habe ich dann lieber ein bisschen geheult.


Kurz darauf war es Zeit, THERAPEUTIN 11 anzurufen, die mich nachhaltig verstörte, weil sie exakt genauso klang wie meine tote Stiefoma. Aber wenigstens hatte ich sie am Telefon. Doch auch hier keine guten Neuigkeiten.

Positiv: Sie war die erste, die mich über meinen bisherigen Behandlungsverlauf ausfragte. Sie wollte wissen, wann ich meine Therapie abgebrochen hatte. „Das ist schon länger als zwei Jahre her,“ antwortete ich – weil man nach Ende einer Therapie, egal wie dieses aussah, mindestens zwei Jahre warten muss, bis die Kasse eine neue genehmigt.

Das ist zumindest die Geschichte, die von den Krankenkassen selbst erzählt wird. In Wahrheit ist es natürlich so, dass man selbstverständlich jederzeit Anspruch auf eine Therapie hat bei entsprechendem Gesundheitszustand. Wie soll man sich das denn auch sonst vorstellen? „Hm, Sie sind also akut selbstmordgefährdet, aber ich sehe, Sie haben Ihre letzte Therapie erst vor eineinhalb Jahren beendet, also müssen Sie wohl noch ein halbes Jahr durchhalten, sonst haben Sie leider Pech gehabt“?

Sie war ein bisschen beeindruckt davon, dass ich von dieser 2-Jahres-Sperre wusste, die mich ja nicht betrifft, aber dennoch tat sie so, als würde das alles furchtbar verkomplizieren. Sie ließ sich lang und breit darüber aus, wie schwierig das momentan alles sei, da ja so viele Leute Therapieplätze suchen, und machte direkt klar, dass eine Therapie mit 50 Stunden (so lange kann die Krankenkasse eine Therapie genehmigen) mit ihr auf gar keinen Fall drin ist. Sie könne mir sowieso momentan nur ein Kennenlerngespräch anbieten – das sei aber KEINE Zusage zu einer Therapie.

Ich war inzwischen von der Frau nicht mehr besonders angetan, wollte den Termin aber trotzdem mitnehmen. Vermutlich einfach nur deswegen, weil ich mal wieder etwas anderes als eine Absage haben wollte. Wir einigten uns auf ein Datum kurz vor Weihnachten. Sie wollte mir dann noch erklären, wo ich bei ihr am besten parke, woraufhin ich ihr sagte, dass ich gar kein Auto habe.

„Sie kommen mit dem BUS? Nee, dann lassen wir das besser mal.“

… Ähm. Was?

„Äh, Moment, ich gucke mal gerade nach Ihrer Straße…“ Sie wohnte etwas außerhalb und tatsächlich sagte mir Google Maps, dass ich zu ihr eine halbe Stunde mit dem Bus unterwegs sein würde, aber mein Gott, was soll ich denn sonst machen?

Ich hatte den Eindruck, dass sie nur nach einem Grund suchte, mich abzulehnen. Während sie ohne Punkt und Komma redete, wollte ich sie höflich unterbrechen und ihr sagen, dass eine halbstündige Busfahrt erträglich ist im Vergleich zu der 30km langen Reise, die ich wohlmöglich auf mich nehmen müsste, würde ich auf die kassenärztliche Vereinigung zurück greifen, aber sie ließ mich nicht zu Wort kommen. „Sie hören mir jetzt mal zu!“ schnarrte sie. Was zur Hölle?

Irgendwann kam ich doch zu Wort. Das Argument mit der kassenärztlichen Vereinigung sah sie ein. Aber zwischenzeitlich war mir beim Betrachten der Adresse der Gedanke gekommen, dass ich bei dieser Frau schon mal ein Gespräch HATTE – auch wenn es gut fünf bis sieben Jahre her ist.

Meine damalige erfolglose Suche nach einem Therapieplatz hatte mir immerhin drei Termine eingebracht. Eine Therapeutin davon war toll, hatte aber keinen Platz frei, der zweite Therapeut war vollständig übergeschnappt, beleidigte mich während unseres sehr kurzen Gesprächs mehrmals und hatte im Wartezimmer Sektenzeitschriften liegen.

Und die dritte Therapeutin… konnte sie das sein? Die mich in dem Moment als unorganisiert und chaotisch abgestempelt hatte, als klar war, dass ich leider meine Überweisung verloren hatte, nach zehn Minuten Gespräch glaubte, der Grund dafür läge darin, dass meine Mutter und mein Stiefvater trotz jahrzehntelanger Beziehung niemals geheiratet haben (denn „nicht verheiratet“ war für sie offensichtlich Synonym für „ungeordnete Verhältnisse“) und sich davon auch unmöglich wieder abbringen ließ und die mir außerdem verbot, ihre Taschentücher zu benutzen, weil sie die für ihre spätere Gruppentherapie aufheben wollte?

Wenn sie es war, wollte ich auf gar keinen Fall zu ihr gehen. Dabei war ich damals so verzweifelt gewesen, dass ich mit ihr tatsächlich noch einen Folgetermin vereinbarte, den sie schließlich absagte, indem sie einen Brief an meine Heimatadresse, sprich: MEINE MUTTER schrieb. Sie hatte nämlich meine Telefonnummer nicht richtig aufgeschrieben. Wer ist hier bitte unorganisiert und chaotisch?

Ich war mir nach dem Telefonat nicht hundertprozentig sicher, dass sie mit dieser Frau identisch war, und wollte den Termin nicht auf Verdacht absagen. Inzwischen hat sich dieser Verdacht jedoch erhärtet. Der Termin wird gestrichen.

Was für eine gigantische Zeitverschwendung. Ich war so unfassbar müde.


Als letztes war an diesem Tag THERAPEUTIN 12 dran. Es meldete sich allerdings nur ihr Mann, der mir dann doch tatsächlich ihre Mailadresse gab. Das hat mich dann ja schon überrascht.

Ich schrieb eine Mail, die ich wirklich hasste. Sie klang wie eine Bewerbung. Solche Mails sollten nicht wie Bewerbungen klingen. Und so etwas zu schreiben wie „Ich wäre sehr froh, wenn Sie mich wenigstens auf die Warteliste setzen könnten“ finde ich sehr bitter.

Sie antwortete innerhalb von zwei Tagen. Sie bedankte sich für die Mail und bat mich, dass ich sie in ihrer offiziellen Sprechstunde nochmal anrufe. Hach. Wäre ja zu einfach gewesen.


Donnerstags war ich wieder bei meinem Hausarzt, um mit ihm die Möglichkeit einer Kur zu besprechen (was hier gerade definitiv nicht hingehört, weil der Beitrag eh schon alle Grenzen sprengt). Als ich ihm erzählte, was ich mir von der kassenärztlichen Vereinigung hatte anhören müssen, fiel ihm alles aus dem Gesicht.

Er war sichtlich stinksauer. Kein Wunder, dass ich ihn inzwischen mag. Ausschweifend ließ er sich über die Gesamtsituation aus, unter der inzwischen sogar Hausärzte leiden. Er meinte, 10% seiner Arbeit besteht bereits darin, seinen Patienten Facharzttermine oder Klinikplätze zu vermitteln, weil sie selbst keine Chance haben.

Er beschwor mich außerdem, darüber zu reden. Ich solle um Gottes Willen öffentlich machen, wie sehr dieses ganze System an den Rande eines Kollaps hinsteuert. Das wäre sehr, sehr wichtig.

An der Stelle musste ich laut lachen. Das tat gut. Ich hatte das Gefühl, schon sehr lange nicht mehr gelacht zu haben.


Ansonsten habe ich an diesem Tag trotz offizieller Sprechzeiten erneut zwei Therapeuten, die ich jetzt schon öfters angerufen hatte, nicht erreicht. Dafür einen anderen – THERAPEUT 13. Nix frei bei dem. Er führt auch keine Warteliste mehr, denn die Entscheidung, ob ich würdig bin, bei ihm Therapie zu machen, fällt erst in einer einmaligen therapeutischen Sprechstunde.

Und dafür stehe ich nun auf der Warteliste. Strenggenommen ist das die Warteliste für die Warteliste. Da fällt einem doch nichts mehr zu ein.

Aber möglicherweise ist das gar nicht schlimm – das Gespräch verlief nämlich wirklich seltsam. Als ich ihm sagte, dass er schon die 13. Person ist, mit der ich telefoniere, ist er völlig unnötig bissig geworden. Die Leute würden sich ja keine Vorstellungen darüber machen, wie ein Therapeut eigentlich arbeitet. Das sei ja nicht so wie bei einem Hausarzt, der jeden Tag 100 verschiedene Patienten hat. Ein Therapeut dagegen sieht jede Woche die selben Patienten und das für 25 oder 50 Wochen, je nach Therapielänge. Als würde ich das nicht wissen. Das ist jetzt wirklich keine Raketenwissenschaft.

Anscheinend hatte ich da irgendeinen sehr empfindlichen Nerv getroffen. Ich kam mir ein bisschen runtergeputzt vor und spürte das Bedürfnis, mich zu rechtfertigen.
„Ich weiß das ja und das ist ja auch nicht Ihre Schuld. Das Problem ist, dass es zuwenig Kassensitze gibt.“
„Da stimme ich Ihnen zu, aber weder Sie, noch ich werden daran was ändern können.“

Hm. Das werden wir ja sehen, Herr Doktor. Das werden wir ja sehen.

Ich hasse solch fatalistischen Aussagen. Da gefällt mir die Haltung meines Hausarztes besser. Offensichtlich.

Als letztes fragte er, ob ich eher morgens oder mittags Zeit hätte. „Mittags,“ antwortete ich.
„Ach ja, das wollen ALLE!“ schnauzte er.
Hallo?


Bei THERAPEUT 14 sah es terminlich ganz ähnlich aus. Keine Warteliste, mit einem Termin könne ich erst in frühesten vier Monaten rechnen, aber nur, wenn ich zeitlich flexibel bin. Ich habe keine Ahnung, wie ich dann werde arbeiten müssen, aber ich bekomme meinen Dienstplan eh von Woche zu Woche, also was soll’s.

Er meinte, er meldet sich, aber wenn das in 8-10 Wochen nicht passiert ist, solle ich nochmal anrufen. Zu dem Zeitpunkt war ich einfach nur noch erschöpft. Ich hatte sogar aufgehört, nach Absagen zu fragen. Bringt ja eh nix.


THERAPEUTIN 15 hat auf mich einen besonders kompetenten Eindruck gemacht, als ich mir ihre Website wegen ihrer Sprechzeiten ansah. Sie scheint auch einen guten Ruf zu haben. Deshalb war ich null überrascht, als ihre Sprechstundenhilfe mir mitteilte, dass nichts frei ist und sie mich auch nicht auf die Warteliste setzen kann.

Der Art, wie diese Frau mit mir sprach, entnahm ich, dass sie das geübt hatte. Sie klang distanziert und kalt wie ein Roboter und ratterte eine Standardantwort runter. Vermutlich muss man sich selbst innerlich abtöten, wenn der Job einen zwingt, so viele verzweifelte Menschen abzuweisen.

Ich solle es im Januar wieder probieren… was auch etwas ist, was ich einfach nicht verstehe. Denken die, die Situation ändert sich in ein paar Monaten und plötzlich haben sie massig Plätze frei? Wollen die einfach nur sehen, ob ich verzweifelt genug bin? Ist man nur dann würdig oder therapiefähig? Genau das hat mich bei meinen bisherigen Versuchen immer so entmutigt. Es hat schon so viel Kraft gekostet, überhaupt anzurufen und dann kriege ich als Antwort nur, dass ich es nochmal probieren soll? Kein Wunder, dass ich das nie gemacht habe. Gar nicht konnte.

Ich glaube, eine klare Absage wäre mir da fast lieber. So eine Aussage ist doch nichts halbes und nichts ganzes. Und im Prinzip auch nichts anderes als eine Warteliste zu führen, nur mit dem Unterschied, dass die Arbeit auf diese Weise am Patienten hängen bleibt.


THERAPEUTIN 16 klang nett und wollte einiges über meine Krankengeschichte wissen. Sie hatte zwar keinen Therapieplatz, aber einen „Kennenlerntermin“ in zwei Wochen frei.

Das habe ich sehr gefeiert. Nicht gefallen hat mir allerdings, dass sie bereits bei diesem kurzen Gespräch versucht hat, mich zu Antidepressiva zu drängen. Das möchte ich aber nicht mehr. Ich bin zufrieden mit Elontril, das mir bei meinem Antrieb hilft.

Ich weiß allerdings nicht, wie Ernst ihr das ist. Ich habe gelesen, dass es Therapeuten geben soll, die sich ohne gleichzeitige medikamentöse Behandlung weigern, überhaupt was zu machen. Ich glaube aber nicht, dass ADs immer so sinnvoll sind, eher sogar im Gegenteil. Und die Rumprobiererei frisst auch scheißviel Energie und so wirklich gesund ist das auch nicht. Ich will das einfach nicht mehr.


Am Freitag erreiche ich niemanden.


Montag auch nicht.


Am Dienstag erreichte ich THERAPEUT 17 – einen Mann mit langen Sprechzeiten, der trotzdem nie da war und auch keine Bandansage hatte. Ich hatte insgesamt achtmal angerufen.

Für den verdammten Aufwand hat sich das Gespräch nicht wirklich gelohnt.

„Hallo. Ich wollte fragen, ob Sie noch Therapieplätze frei haben.“
„Nein, keine mehr,“ antwortete er ausdruckslos.
„Ah. Auch keine Warteliste?“
„Nein, auch nicht.“
„Oh. Okay. Naja. Dann Dankeschön.“
„Entschuldigung. Entschuldigung.“
„Ja. Danke. Ciao.“

Dann legte ich langsam auf. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Mir fehlte für beides die Energie.


THERAPEUTIN 18 war auch irgendwie komisch, aber auf eine ganz andere Weise.
„Worum geht es denn bei Ihnen?“
„Depression und Anpassungsstörung.“
„Was machen Sie beruflich?“
Nennt mich pingelig, aber ich finde die Frage jetzt nicht sooo wichtig, um sie als zweites zu stellen?
„Äh… ich habe einen Uniabschluss, aber momentan arbeite ich auf Teilzeit bei einem Taxidienst.“
„Hm. Momentan sieht es schwierig aus. Ende Januar vielleicht oder…“
Sie führte das noch weiter aus. Und fragte dann: „Was haben Sie denn studiert?“

Nochmal: Ist das in diesem Zusammenhang sooo wichtig? Ich weiß nicht, wieso mich das so störte, aber irgendwas daran fand ich richtig ärgerlich.

Das Gefühl erhärtete sich, als sie mich fragte, ob ich bereit wäre, Gruppentherapie zu machen. Das bin ich eindeutig nicht – davon hatte ich während meines Klinikaufenthalts genug. Das möchte ich nie wieder machen.
Das sagte ich ihr, und zwar genau so. Antwort: „Hm, können wir ja mal sehen.“

Nein. Nein, das können wir NICHT „mal sehen“. Wenn ich sage, dass ich das nicht möchte, dann ist das zu akzeptieren. Argh.

Ich bekam einen Termin für ein Kennenlerngespräch im Januar. Ich glaube nicht, dass das was wird.


THERAPEUTIN 19 fragte mich dann etwas, was mich kein einziger der anderen Therapeuten gefragt hat: Worum es denn bei meiner Anpassungsstörung ginge.

Ich hätte fast laut gelacht. „Das ist eine sehr gute Frage. Die Diagnose stand damals als ICD-10-Nummer im Arztbrief, den ich bei meiner Entlassung bekommen habe. Ich habe nicht die geringste Ahnung, worauf sich das beziehen soll. Darüber hat während meiner ganzen Zeit in der Klinik nie jemand mit mir geredet.“
„… oh.“
„Ja. Haha.“

Ich glaube, das fand sie tatsächlich auch ein wenig witzig. Wobei ich das natürlich eigentlich nicht witzig finde – höchstens auf so eine „Ich lache mal lieber darüber, weil ich ansonsten laut schreien muss“-Art. Das ist doch einfach alles Scheiße.

Ich soll mich Mitte Dezember wieder melden.


THERAPEUTIN 20 hatte schließlich tatsächlich auch ein Kennenlerngespräch im Januar für mich, nachdem sie zuerst versucht hat, mich an ihren Mann weiter zu reichen, der Verhaltenstherapie anbietet.


Und damit wären wir am Ende.

Wenn ihr aufgepasst habt, werdet ihr feststellen, dass noch zwei Therapeuten fehlen. Einen davon habe ich insgesamt vierzehn Mal angerufen – und kam immer nur bis zur Bandansage, die mir mitteilte, dass ich außerhalb seiner Sprechzeiten anrufe. Ich habe, bis auf das erste Mal, niemals außerhalb der Sprechzeiten angerufen. Trotzdem habe ich ihn nie erwischt. Ich glaube ehrlich gesagt inzwischen, dass dieser Mann ein Mythos ist und eigentlich gar nicht existiert.

Die andere Therapeutin habe ich immer verpasst, weil sie jede Woche ihre Sprechzeiten ändert. Das habe ich aber jedes Mal erst dann gemerkt, wenn die Sprechzeiten für die laufende Woche schon vorbei waren. Das ist besonders deswegen tragisch, weil mir das Konzept auf ihrer Website wirklich, wirklich gut gefallen hat. Wenn ich mir bei einer ein Erstgespräch hätte wünschen dürfen, wäre sie es geworden.

So, wie es ja auch eigentlich sein sollte: Man geht zu dem Therapeuten, der der am besten zu einem passt. Die Realität sieht allerdings so aus, dass man zu dem geht, der halt gerade was frei hat. Und man dann feststellt, dass es tatsächlich gar nicht passt… wer hat nach einer solchen Odyssee die Kraft und den Mut, einen Therapeuten abzulehnen? Wieder von vorne anzufangen?


Um das noch einmal kurz zusammen zu fassen.

Ich habe in den letzten drei Wochen rund 65 Mal zum Hörer gegriffen und versucht, jemanden zu erreichen. Ja, das habe ich gezählt.

Das hat 65 Mal Überwindung gekostet, aber bei nicht mal jedem dritten Anruf hob überhaupt jemand ab, obwohl ich mich an die Sprechzeiten gehalten habe.

Ich habe 20 Therapeuten gesprochen. Zwei blieben drei Wochen lang praktisch unerreichbar.


Endergebnis:

– 2 Plätze auf einer Warteliste.
– 6 Absagen.
– 5 Bitten um Rückruf – irgendwann zwischen demnächst und in vier Monaten.
– 1 „Ich melde mich nochmal“.
– 1 „einmaliges Orientierungsgespräch“.
– 4 Kennenlerntermine, von denen ich einen absagen werde.
– 1 Termin, aus dem was werden könnte.


Der eine Termin – der einzige, aus dem wirklich was werden könnte – ist schon vorbei. Er war bei Therapeutin 4, die innerhalb von zwei Tagen Zeit für mich hatte. Sie wirkt viel kompetenter, als ich sie mir vorgestellt habe. Auch irgendwie in sich ruhend… wie jemand, der mit sich selbst im Reinen ist. Und sie ist… nett. Es gibt viel zu viele Therapeuten, die nicht mal das sind. Ob was daraus wird? Ich weiß es nicht. Aber ich gebe der Sache eine Chance. Den nächsten Termin habe ich am Mittwoch.

Und doch weiß nicht, was ich dabei fühlen soll. Ich habe all dies aufgeschrieben, um zu demonstrieren, was schief läuft. Und dann hatte schon die vierte Therapeutin innerhalb von zwei Tagen Zeit für mich. Es wird Leute geben, die darin eine Bestätigung sehen werden: Anscheinend funktioniert das System ja doch.

Aber das tut es nicht. Die letzten drei Wochen waren wie ein Ausflug in den inneren Kreis der Hölle. Es gab Tage, an denen ich praktisch mit überhaupt nichts anderem beschäftigt war. Ich habe sehr viel geweint, mich aufgeregt und bin meinem Freund gewaltig auf den Sack gegangen, der mich immer trösten musste.

Der bräuchte übrigens auch eine Therapie. Ratet mal, warum er sich bisher nicht darum gekümmert hat.


Dieser Beitrag hat fast 7000 Wörter. Das ist vollkommen bekloppt. Ich habe keine Ahnung, ob es überhaupt jemand bis hierhin geschafft hat. Vielleicht schreibe ich die letzten Zeilen für niemanden. Aber trotzdem schreibe ich sie und hoffe, sie werden gelesen und verstanden:

Sagt mir nie, nie wieder, dass ich mir Hilfe suchen soll, als wäre das etwas, was man halt mal so machen kann im Vorbeigehen und das dabei überhaupt nicht weh tut.

Nie wieder.


An dieser Stelle sollte ich Schluss machen. Aber tatsächlich habe ich doch noch was zu sagen. Es handelt sich um eine Bitte… und einen Appell.

Wenn ihr noch könnt… bitte hier entlang >>>>> klick

Ein paar Hintergrundinfos zur Methodik der Krankenkassen hatte ich bereits hier verbloggt.


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Thementage Depression

Teil 1: Warum die Suche nach einem Therapieplatz für jeden Depressiven eine absolute Zumutung ist
#SuchDirHilfe – Aufruf und Appell

Teil 2: Es besser machen – wie eine Therapiesuche aussehen könnte

Teil 3: Hürde Mensch – über psychotherapeutische Erstgespräche

Teil 4: Was Pseudotherapeuten auf Twitter anrichten können (Teil 1)
Was Pseudotherapeuten auf Twitter anrichten können (Teil 2)
Was Pseudotherapeuten auf Twitter anrichten können (Teil 3)

„Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Hier finden Sie Hilfe.“

Dieser Artikel erschien erstmals am 1. August 2017 bei „Die Kolumnisten“

Diesen Satz habe ich die letzten Tage so oder ähnlich dutzende Male gelesen. Er findet sich zusammen mit den Nummern der Telefonseelsorge am Ende fast jeden Artikels zum Tode Chester Benningtons, der sich am 20. Juli das Leben genommen hat. Dieser kleine Zusatz ist die wohl sichtbarste Maßnahme, zu der sich viele Redaktionen seit Jahren selbstverpflichtet haben, um den Werther-Effekt zu vermeiden.

Der Werther-Effekt: Benannt nach Goethes tragischer Romanfigur beschreibt er die messbare Zunahme der Selbstmordrate in der Bevölkerung nach Suizidmeldungen. Aus diesem Grund empfiehlt der Deutsche Presserat, über Selbstmorde nur zu berichten, wenn sich das – wie bei einem Musiker mit Millionen Fans – nicht vermeiden lässt. Für solche Fälle gibt es wiederum einen von der Deutschen Depressionshilfe heraus gegebenen Katalog mit Richtlinien, welche die Gefahr der Nachahmung minimieren.

Nachahmungstaten sind tatsächlich deutlich zurückgegangen, seitdem sich zumindest die seriösen Medien daran halten. Der Grund ist offensichtlich. Wer will sich schon vorwerfen lassen, indirekt für den Tod von Menschen verantwortlich zu sein, noch dazu, wenn diese psychisch krank sind? Also werden Details zur Tat ausgespart, bei der Berichterstattung Distanz gewahrt, Hilfsangebote ergänzt. Und während der Richtlinienkatalog vorbildlich befolgt wird, erklärt man Kollegen und Lesern auch gleich wieso. Schreiben über den Werther-Effekt – sehr meta, aber auf diese Gefahr muss einfach hingewiesen werden.

„Hier finden Sie Hilfe.“ Leider kann ich nicht sagen, wie viele Selbstmorde durch dieses mustergültige Beispiel journalistischen Verantwortungsbewusstseins verhindert worden sind. Ich weiß nur, dass in den neun Tagen zwischen Benningtons Tod und dem Schreiben dieser Zeilen 246 Menschen in Deutschland Selbstmord begangen haben.

Mediale Belanglosigkeit

Zweihundertsechsundvierzig, im Schnitt natürlich. 27 jeden Tag, einer alle 53 Minuten. Insgesamt 10.000 jährlich. Die Zahl der versuchten Selbstmorde ist zehnmal so hoch, Dunkelziffer nicht mitgerechnet. Und 90% dieser Suizide betreffen Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Auch diese Zahlen liefert die Deutsche Depressionshilfe, sie stammen aus demselben Medienguide, in dem auch der Werther-Effekt beschrieben wird. Doch während die Infos dazu aufgeregt geteilt werden, ist diese unglaublich hohe Zahl an Selbstmorden keine große Meldung wert. Wieso auch, die Rate schwankt seit Jahren kaum und anders als die Tode durch den Werther-Effekts kann ein Journalist diese ja wohl nicht verhindern. Leute bringen sich eben auch um, ohne dass ein Star ihnen das vormacht. Leider.

Als depressiver Mensch, wie ich einer bin, leidet man ja zeitweise unter der fixen Idee, ein wertloser Schwächling zu sein. Bei all der Unwissenheit und Ignoranz, die sich nach Benningtons Tod wieder Bahn brach, ist das auch sehr leicht. Depression? Jeder ist doch mal traurig. Reiß dich halt zusammen!

Margarete Stokowski hat vor einigen Tagen gegen solche dämliche Ergüsse einen Artikel geschrieben. Mir hat er nicht besonders gefallen. Nicht nur beschreibt sie darin eigentlich Selbstverständlichkeiten (man staune – Depression ist tatsächlich eine ernste Krankheit! Ob diese schlichte Feststellung irgendeinen Internettroll nachhaltig überzeugt hat, wage ich zu bezweifeln) – sie liefert damit auch absolut nichts Neues. Solidarische Artikel dieser Art sind seit Jahren das einzige, was sämtliche Medien zu diesem Thema zustande bringen, gut gemeint, schlecht gemacht, immer neu aufgegossen, ohne Tiefgang. Fertig ist die neue „Depressionsdebatte“, als Sommerlochthema durchaus brauchbar.

„Die Betroffenen glauben, der Suizid sei ihr letzter Ausweg (…) ein krankheitsbedingter Irrtum: Es gibt Hilfe,“ schreibt Stokowski in diesem gefeierten Text. Für mich war der Satz ein Schlag in die Fresse. Hilfe? Ob sie damit wohl die Telefonseelsorge meint, die auch am Ende dieses Artikels wieder erwähnt wird? Die Telefonseelsorge, übrigens ein ehrenamtlicher Verein unter kirchlicher Trägerschaft, der kaum staatliche Mittel erhält und fast nur von Spenden lebt, rettet täglich Menschenleben, aber kein Telefongespräch kann eine psychische Krankheit heilen. Hilfe dieser Art können nur ausgebildete Psychologen bieten. Wenn man sie denn lässt!

Stokowski und all ihre Kollegen glauben offensichtlich, dass die Krankheit nur ihr Stigma verlieren muss und alle Probleme wären gelöst. Zumindest wäre dann ja der Weg frei zu einer Behandlung, vor der Betroffene dann nicht mehr aus Scham zurück schrecken würden.

Diese Scham existiert, ich kenne sie selber, aber der Rest ignoriert offensichtliche Missstände so gründlich, dass es mich jedes Mal erneut fassungslos macht.

Meine Depression wurde mit 20 diagnostiziert, vor 12 Jahren. Seitdem scheitere ich daran, eine adäquate Behandlung zu finden. Die Wurzel dieses Scheiterns liegt in der Krankheit selbst: völliger Antriebsmangel. Dieser lähmende Zustand, der gerne mit Faulheit verwechselt wird, ist für Nichtbetroffene schwer nachvollziehbar, aber dieser Text ist nicht dazu da, gesunden Menschen ein authentisches Gefühl von der Krankheit zu vermitteln. Es reicht, die Symptome zu kennen – und schon wird ersichtlich, wo die echten Probleme liegen.

Niemand kann einen Depressiven zwingen, sich Hilfe zu suchen, wenn dieser das nicht will. Doch ist dieser Entschluss gefasst, folgt eine Odyssee, die von jedem Betroffenen eigentlich haargenau das abverlangt, woran es ihm durch die Krankheit mangelt. Es ist, als ließe man einen Mann, der beide Beine verloren hat, erst das Matterhorn hoch kriechen, bevor auf dem Gipfel angekommen nagelneue Prothesen auf ihn warten.

Ein Sadismus, den Depressive aber über sich ergehen lassen müssen – und für den die Krankenkassen verantwortlich sind.

Der Sadismus der Krankenkassen

„Es gibt Hilfe.“ Selbstverständlich: Die Therapie einer potentiell tödlichen Krankheit wie Depression wird von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen. Soweit die Theorie. Bis es soweit ist, vergeht aber Zeit, und davon viel. Sofern man nicht schon am Telefon abgewimmelt wird, sind je nach Standort Wartezeiten bis zu 6 Monaten absolut üblich, in manchen Regionen dauert es sogar noch länger. Und das bezieht sich lediglich auf das Erstgespräch – in dem eigentlich nur festgestellt werden soll, ob Therapeut und Patient überhaupt miteinander klarkommen. Wie hoch allerdings die Hemmschwelle ist, einen unpassenden Therapeuten abzulehnen, auf den man so lange warten musste, ist leicht vorstellbar. Die Folge: fruchtlose Sitzungen, eine Therapie, die nicht hilft. Eben das erlebte ich, als ich gut 10 Jahre nach meiner Diagnose endlich eine ambulante Therapie beginnen konnte. Ich habe sie inzwischen abgebrochen.

Anders als häufig angenommen ist diese Situation kein Schicksal, dem man sich einfach fügen muss, weil nun mal in Deutschland nicht genügend Therapeuten existieren. Das Gegenteil ist richtig: Therapeuten gibt es reichlich – Kassensitze sind dagegen Mangelware. Die Anzahl dieser Sitze beruhen auf Bedarfsrechnungen der Krankenkassen, die nicht einfach nur veraltet sind, sondern auch schon zum Zeitpunkt ihrer Erhebung viel zu niedrig angesetzt waren.

Hinter solchen Rechnungen steckt ein kompliziertes System, aber man muss wirklich kein Experte sein, um zu erkennen, dass bei so langen Wartezeiten ganz offensichtlich mehr Kassensitze nötig sind. Genau diese Tatsache streiten die Kassen jedoch seit Jahren ab. Sie treten dabei auf wie Olaf Scholz, der in Anbetracht dutzender Zeugenvideos von prügelnden Polizisten weiterhin stur auf seinem Standpunkt beharrt, Polizeigewalt hätte es während G20 nicht gegeben. Die Kassen gehen allerdings noch einen gewaltigen Schritt weiter: Sie phantasieren eine Überversorgung herbei. So absurd, dass man darüber lachen müsste, wenn es hierbei nicht um kranke Menschen ginge, die während der langen Wartezeit nicht gesünder werden. Und anders als bei Olaf Scholz bleibt der kollektive Spott in den sozialen Medien aus.

Nun gibt es gesetzliche Vorgaben, um die Kassen für falsche Bedarfsrechnungen zu bestrafen: Wer unzumutbar lange auf einen Therapieplatz bei einem Kassentherapeuten warten müsste, kann sich eine Privatpraxis suchen und die Kosten (50-150 Euro pro Sitzung) dafür von der Krankenkasse zurück fordern. Aber auch das ist bloße Theorie.

Was bedeutet „unzumutbar“? Wie viele Absagen sind nötig, um sich für eine Kostenerstattung zu qualifizieren? Patientenvertreter finden: 3-5 Absagen sollten reichen. Halten müssen sich die Kassen an solche Empfehlungen allerdings nicht. Selbst wenn man alles richtig macht – heißt, den gesamten bisherigen Weg lückenlos dokumentiert, sich die Absagen der Kassentherapeuten schriftlich aushändigen lässt und bereits die Bestätigung eines Facharztes (auch hier gibt es allerdings exorbitante Wartezeiten) eingeholt hat, der die Dringlichkeit einer Therapie bescheinigt – werden 80% der Erstattungsanträge abgelehnt. Und das muss man schon fast Glück nennen: Wohl Dank des Internets, durch das sich Patienten leichter über ihre Rechte informieren können, hat sich die Zahl dieser Anträge seit Anfang des Jahrtausends zwar verfünffacht, aber sie werden bewusst verschleppt.

Achtzig Prozent. Das heißt nicht, dass ein zweiter (dritter, vierter, fünfter) Versuch nicht erfolgreich sein kann. Aber da hartnäckig zu bleiben, den Papierkram zu bewältigen – da würden auch viele gesunde Menschen kapitulieren. Als würde man dem Mann ohne Beine auf dem Gipfel des Matterhorns sagen: „Schön, dass du es geschafft hast, aber die Prothesen kriegst du erst, wenn du jetzt auch noch den Mount Everest besteigst. Und dieses Mal darfst du nur eine Hand benutzen.“ Ja, total zumutbar.

Im Januar 2016 wurden von den Krankenkassen Servicestellen eingerichtet zur zeitnahen Vermittlung von Facharztterminen. Innerhalb von vier Wochen sollen Patienten künftig Termine bekommen. Darüber wurde auch berichtet. Was vielen dabei allerdings nur eine Randnotiz wert war: Psychotherapeuten wurden aus dieser Regelung ausgenommen.
Nun weiß ich selbst, wie ätzend eine Facharztsuche ist. Aber als ich einmal einen Nuklearmediziner brauchte, bin ich dafür ins Krankenhaus gegangen. Ich musste zwar ein paar Stunden warten, aber dann wurde ich am selben Tag behandelt. Diese Möglichkeit haben Menschen mit körperlichen Erkrankungen oder Verletzungen jederzeit, wenn es dringend ist, aber für Depressive gibt es sowas nicht. Eine Psychiatrie ist da keine Alternative, dort finden keine Therapien statt. Man wird in einem sehr stressigen Umfeld verwahrt, stabilisiert und dann irgendwann wieder heim geschickt – ohne weitere Behandlung.

Erst am 1. April 2017 haben die Kassen diese neue Regelung ausgeweitet. Seitdem müssen die Therapeuten zwei Stunden die Woche für Sprechstunden freihalten, außerdem müssen sie 200 Minuten wöchentlich telefonisch erreichbar sein, wobei letzteres auch auf eine Praxishilfe abgewälzt werden darf. Unter Umständen soll also eine Sprechstundenhilfe, die im Regelfall keinerlei psychologische oder therapeutische Ausbildung hat, während eines Telefonats entscheiden, ob ein Patient wirklich krank ist oder nicht. Wow, ob das nicht schon fahrlässig ist?
Die Sprechstunde dagegen ist eine ganz hervorragende Idee. Dann kann man sich seine Absage in Zukunft persönlich abholen – an den Wartezeiten für die Behandlung selber hat sich nämlich nicht das Geringste geändert. Wie sollte es auch, wenn die Zahl der Kassensitze gleich geblieben sind – und jedem dieser Therapeuten jetzt auch noch zwei Stunden in der Woche fehlen?

Nutzt eure Macht. Wofür habt ihr sie sonst?

„Es gibt Hilfe.“ Nein, die gibt es nicht. Dafür fehlen die Kassensitze und die Alternativen werden nicht genehmigt. Therapeuten protestieren regelmäßig dagegen. Die Krankenkassen wissen das, auch wenn sie es leugnen. „Man kann von solchen Wartezeiten nicht auf eine Unterversorgung schließen.“ Ja, worauf denn dann? Nicht einmal wirtschaftlich macht das Sinn: Eine unbehandelte Depression verursacht in der Folge wesentlich höhere Kosten als eine Therapie – durch Arbeitsausfälle, Klinikaufenthalte, Selbstmorde. Für die Kassen, für die Allgemeinheit. Es ist furchtbar, den Wert eines Menschenlebens aufzurechnen, aber in diesem Fall wäre eine streng kapitalistische Denkweise, darauf ausgelegt, Menschen schnell gesund und damit arbeitsfähig zu machen, tatsächlich die barmherzigste.

All das ist bekannt. Über all das wurde auch schon berichtet. Aber setzt man diese Berichterstattung in Relation zu dem Getue um den Werther-Effekt oder der Menge an gefühlsduseligen Artikeln über das harte Schicksal Depressiver, frage ich mich ernsthaft, wie es aktuell um das Selbstverständnis von Journalisten bestellt ist. Dummen Internettrollen zu erklären, dass eine Depression ja schon schlimm ist – habt ihr wirklich davon geträumt, als ihr diesen Berufsweg eingeschlagen habt und Teil der vierten Gewalt des Staates wurdet? Oder wolltet ihr eure Macht nicht sinnvoll einsetzen, um gnadenlose Reportagen zu liefern, welche die da oben zum Zittern bringen, pointiert, investigativ, knallhart recherchiert?

Die Aufgabe von Journalisten besteht auch darin, Missstände anzuprangern. Nur handelt es sich bei der Unterversorgung psychisch Kranker durch die Krankenkassen um keinen Missstand. Wenn viele Menschen leiden und sogar sterben, weil sie keine Hilfe bekommen, spricht man von einer humanitären Katastrophe. Natürlich ist der Begriff eher bei Kriegen gebräuchlich, aber genau darum handelt es sich hier: Einen Krieg der Kassen gegen psychisch Kranke. Sie versorgen sie nicht, sie helfen ihnen nicht, sie lassen sie sterben. Und obwohl das alles offen liegt… fehlt dieser Aspekt in eurer Depressionsdebatte.

Wo bleibt da der Aufschrei? Die journalistische Verantwortung? „Es gibt Hilfe.“ Dieser kurze Satz ärgert mich mehr, als es ein ungebildeter Troll jemals könnte. Es gibt keine Hilfe. Und das ist kein „krankheitsbedingter Irrtum“, weil ich selber depressiv bin. Bei Chester Bennington mag das ja zutreffen, als reicher Rockstar konnte er sich ganz unbürokratisch die besten Therapeuten leisten. Aber andere, die dem deutschen Gesundheitssystem ausgeliefert sind, das im internationalen Vergleich vorbildlich ist, aber ausgerechnet bei diesem Thema so völlig versagt, haben diese Möglichkeit nicht. Offensichtlich kann eine Therapie nicht jeden retten, aber das entbindet die Krankenkassen nicht von ihrer Pflicht, es wenigstens zu versuchen – und die Medien nicht von ihrem journalistischen Auftrag, genau da einzuhaken und nachzubohren, immer und immer wieder. Bis die Kassen endlich einknicken oder die Politik sie dazu zwingt.

Bis dahin stirbt weiterhin alle 53 Minuten ein Mensch, dessen Tod man vielleicht hätte verhindern können. Trotz Telefonseelsorge, die ohnehin meist besetzt ist.

Hinweis: Ich habe diesen Artikel ursprünglich den „Kolumnisten“ angeboten, weil er mir extrem wichtig war und ich wollte, dass er oft gelesen wird. Da mich aber der Umgang der Verantwortlichen mit dem Thema sehr geärgert hat (es erschien ein absolut kenntnisfreier Folgeartikel, der mir widersprach und inhaltlich einfach fassungslos machte – dazu wollte ich eigentlich auch mal Stellung nehmen, aber haha, Depression und Antriebslosigkeit und so), habe ich mich jetzt entschieden, ihn nun auch hier zu veröffentlichen.

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee.

Ein feministisches Desaster: Wonder Woman

Seit Wonder Woman vor zwei Wochen in den amerikanischen Kinos angelaufen ist, bricht dieser Film Rekorde. Nicht nur das Einspielergebnis, sondern auch die Ratings auf imdb, Rotten Tomatoes etc.pp. beeindrucken.
Spätestens der inzwischen oft gelesene Spruch „Wonder Woman – der beste DC-Film seit langem!“ sollte allerdings stutzig machen, denn in Anbetracht von Verbrechen an die Filmkunst wie Man of Steel, Batman v Superman und Suicide Squad muss man sich fragen, ob das tatsächlich eine großartige Leistung darstellt.

DC hat mich in der Vergangenheit einfach zu oft enttäuscht, um den euphorischen Berichten glauben zu können. Deshalb habe ich etwas getan, was ich noch nie getan habe und bin am ersten Tag der deutschen Veröffentlichung ins Kino gegangen, um endlich mitreden zu können.

Leider wurde ich erneut enttäuscht, wenn auch ganz anders, als ich vermutet habe. Ich habe einen mittelmäßigen Actionfilm mit feministischen Anklängen erwartet – tatsächlich ist es mir aber nach dem Kinobesuch völlig unbegreiflich, was an diesem Film feministisch oder überhaupt in irgendeiner Weise herausragend sein soll.

Spoilerwarnung – Details zur Handlung, inklusive Plottwists

Wonder Womans erster Coverauftritt, 1942

Einige scheinen zu glauben, Wonder Woman müsse feministisch sein, weil es ein Film mit einem weiblichen Superhelden ist. Das ist aber falsch. Ein Wonder-Woman-Film muss feministisch sein, weil Wonder Woman feministisch ist. Ihr Schöpfer William Moulton Marston erfand sie, weil es ihn ärgerte, dass alle Superhelden männlich waren. Er war selber Feminist und hat mit Wonder Womans Background als Amazone den Inbegriff weiblicher Macht und Unabhängigkeit gewählt. Wonder Woman begleitet Steve Trevor in die Welt der Männer, um den Krieg zu beenden, aber auch, um für die Gleichberechtigung der Frau zu kämpfen (in der Neuinterpretation ihrer Figur Mitte der Achtziger war das sogar der Hauptgrund).

Und schon sind wir mittendrin in der feministischen Kritik. Das ist nämlich etwas, was im gesamten Film nicht mit einem Wort Erwähnung wird.

Dabei betritt Wonder Woman im Film eine Zeit, die inzwischen 100 Jahre in der Vergangenheit liegt. Doch nicht ein einziges Mal stutzt sie oder wird überhaupt wirklich konfrontiert mit dieser Welt, in der Frauen nicht wählen oder Kriegsdienst leisten dürfen oder überhaupt etwas zu sagen haben. Kein Stirnrunzeln, als die versammelten Generäle sich ereifern, weil sie, eine FRAU, es gewagt hat, in ihre Sitzung zu platzen. Nicht ein Wortwechsel zwischen Steve und seinen Compagnons, die ihn fragen, was um alles in der Welt er sich dabei gedacht hat, eine Frau auf ihre Mission mitzunehmen. Und damit auch keine Gelegenheit für Diana, sich gegen diese Behandlung zu wehren – und den Jungs demonstrativ zu beweisen, dass sie trotz ihres Geschlechts alles kann, was sie können, nur besser.

Eine Frau als Präsident? In 1000 Jahren vielleicht.

Es scheint inzwischen als feministisch zu gelten, eine Frau in eine klassische Männerrolle zu stecken und dann so zu tun, als würde das keinen Unterschied machen. Leider werden damit Tatsachen ignoriert, die aber nun mal existieren – heute und noch viel mehr vor 100 Jahren. Wonder Woman kommentiert den Sexismus dieser Welt nicht, sie registriert ihn ja nicht mal. Sie nimmt ihn vielmehr sogar an. Sie akzeptiert ohne Widerrede, dass sie sich nicht öffentlich in ihrer Uniform zeigen darf, auch wenn sie nicht weiß wieso, und lässt sich fügsam aus der Versammlung der Generälen führen, so, wie sie sich eigentlich den ganzen Film über von Steve Trevor führen lässt. Da bleiben auch die wenigen Male, als sie (endlich!) doch tut, was sie für richtig hält, nicht im Gedächtnis und ein Spruch wie „Ich lasse mir von dir nichts befehlen!“ wirkt eher hysterisch in seiner Hilflosigkeit. So typisch Weib eben.

Ich habe mir kein flammendes feministisches Plädoyer von einem Film gewünscht, im Gegenteil. Das wirkt schnell belehrend und nervt. Aber dieses völlige Ausblenden historischer Diskriminierungserfahrungen, sogar die bloße Nicht-Erwähnung des Umstands, dass Frauen im Jahr 1918 normalerweise nicht an die Front reisen und kämpfen – das ist geschichtsvergessen und schlicht ignorant.

Sexismus kennen übrigens auch die Amazonen – denn Männer, das sind für sie ausnahmslos Kriegstreiber, Gewalttäter, Tiere. Diana nun betritt in ihrer Achtziger-Version die Welt der Männer nicht nur als ihre Botschafterin mit dem Auftrag der Befreiung der Frau – sondern lernt, dass es auch gute Männer gibt. Steve ist einer davon, ihre späteren Kollegen Superman und Batman ebenfalls. Diese versöhnliche Botschaft geht über den vulgärfeministischen Ansatz eines William Moulton Marston, der von der Überlegenheit der Frau überzeugt war und sich ein Matriarchat herbei sehnte, weit hinaus und hätte Chancen geboten, die hier gnadenlos verspielt worden sind, weil das Geschlechterthema schlicht und ergreifend völlig eliminiert wurde.

Ein Superheldenfilm ohne Geschlechterthematik? Klar kann man das machen. Aber eben nicht bei Wonder Woman. Und wenn alle, die den Film bisher euphorisch gelobt haben, mal einen Schritt zurück treten würden, dann müssten sie erkennen, dass dieser Film nicht direkt ein feministisches Meisterwerk ist, nur weil im ersten Drittel ein paar durchaus coole Amazonen vorkommen.

Wonder Woman auf dem Cover des feministischen Ms.-Magazins

Allein dadurch wird Wonder Woman zu einem Film, der von dem Geschlecht der Superheldin abgesehen keine feministische Botschaft hat, sogar im Gegenteil unfeministischer ist als so ziemlich alles, was ich in letzter Zeit im Kino gesehen habe. Selbst Deadpool, der eine Frau abknallt, weil er es irgendwie sexistisch findet, wenn er während seiner Tötungsorgie nur bei Frauen eine Ausnahme machen würde, ist da emanzipatorischer. Ist es wirklich zu viel verlangt, sich nur eine einzige Szene zu wünschen, in der Wonder Woman einem Macho, der sie beleidigt, voll auf die Fresse haut?

Aber eine Frau hat Regie geführt! Kaum ein Artikel, der Patty Jenkins‘ Regiearbeit nicht besonders hervorhebt, als handle es sich hierbei um die Entdeckung des achten Weltwunders. Erwähnenswert dabei immer Monster, „Jenkins‘ Oscarfilm“ – tatsächlich hat einzig Charlize Theron, die die Hauptrolle spielte, für den Film einen Oscar erhalten, auch wenn die Formulierung etwas anderes nahelegt. Und da Jenkins seit Monster (von 2003!) keinen Kinofilm mehr gedreht hat, gibt es kaum eine Gelegenheit, ihre bisherige Arbeit zu bewerten und damit auch keine Möglichkeit, ihren persönlichen Stil zu erkennen. Vielmehr ist eine andere Handschrift unverkennbar – Zack Snyders, der bei Man of Steel und Batman v Superman Regie geführt hat und hier sowohl Produzent ist, als auch die Story beigesteuert hat. Slowmotion ist sein filmisches Markenzeichen. Die Zeitlupeneinstellungen während der Kämpfe, mit denen die ohnehin schon überrissene Akrobatik der Amazonen mehr als einmal haarscharf am Rande der Lächerlichkeit taumelt, nehmen den Kämpfen allerdings viel Dynamik und werden schlicht überstrapaziert. Das allerdings ist typisch für Snyder und Grund für so ziemlich allen Spott, den er für seine Arbeit erhält. Neben dem viel zu auffälligen CGI-Effekten natürlich. Diese, sowie sein Hang zu düsteren Farben, sind bei Wonder Woman und vor allem der Darstellung von Themyscira nicht ganz so ausgeprägt wie sonst, aber immer noch störend genug in ihrer Künstlichkeit. Bei Filmen wie 300 (Synders Durchbruch), den ich sehr mochte, war das ja noch neu und passend, aber ich kenne wirklich niemanden, der diesem Stil langfristig etwas abgewinnen kann. Umso unbegreiflicher, dass er immer noch solche Megadeals erhält!

Was allerdings wohl sicher auf Jenkins zurück zu führen ist – und das hat mich tatsächlich positiv überrascht, weil ich das in dieser Deutlichkeit noch nie bemerkt habe – ist das völlige Fehlen des „männlichen Blicks“. Aber selbst dieses wohltuend ungewohnte Stilmerkmal verkehrt sich ins Negative, wenn Steve Dianas zeitgemäße Verkleidung brüsk kommentiert: „Sie sollte doch WENIGER auffällig aussehen!“ – und die Kamera die ganze Zeit auf ihrem Gesicht bleibt. Die Aussage ist nicht nur lächerlich (das graue Kostüm kann man maximal adrett nennen), sondern auch unpassend umgesetzt, da ja aus seiner Sicht gefilmt wird, ohne einen Schwenk über ihren Körper aber der Eindruck entsteht, es sei wirklich nur ihr Gesicht und nicht etwa ihr knappes Superheldenoutfit, was ihn bisher gestört hat. Was hat er sich als Verkleidung vorgestellt, eine Burka?

Hätte ich einen Regisseur nennen müssen, der es versteht, Frauenrollen zu drehen, wäre mir auf Anhieb ein Name eingefallen: Joss Whedon. Das Mastermind hinter Buffy, der vielleicht besten Serie mit einer starken Frau in der Hauptrolle aller Zeiten, war auch verantwortlich für Avengers und hat dort mit Black Widow einen weiblichen Charakter interpretiert, der interessant, cool, stark und wahnsinnig tough ist. Eben das hätte ich mir für Wonder Woman gewünscht und sollte sie im kommenden Justice-League-Film so dargestellt werden, dann ist das ganz allein Whedons Verdienst, der kürzlich für den ausgefallenen Synder als Regisseur eingesprungen ist. Hätte ich gewusst, dass es tatsächlich möglich ist, gleichzeitig für Marvel und für DC zu arbeiten, wäre er als Regisseur für Wonder Woman meine allererste Wahl gewesen.

Tatsächlich war er vor Jahren schon mal im Gespräch gewesen als Regisseur, aber die Verhandlungen darüber scheiterten. So wurde es also Jenkins und wäre sie es nicht geworden, dann eine andere Frau, denn genau das war das alleinige Kriterium, nach dem Warner Bros. den Posten der Regie besetzte. Kompetenz egal, Hauptsache weiblich – das kann ich beim besten Willen nicht als Fortschritt ansehen, vor allem nicht eingedenk des vorliegenden Ergebnisses.

Nach eigener Aussage wollte Jenkins Wonder Woman schon seit Jahren drehen. Umso unverständlicher, warum dann ausgerechnet mit Wonder Womans Abstammung als Tochter des Zeus (der laut Mythologie die Menschen übrigens NICHT erschaffen hat, aber wen interessieren schon solche Details) ein Storyelement in den Film Einzug hielt, das in den Comics erst seit 2011 etabliert wurde. Davor war ihre Schöpfung aus geformten Lehm Kanon gewesen – SIEBZIG JAHRE LANG.
Änderungen wie diese passieren in Comics häufig und regelmäßig und so gut wie immer sind die alteingesessenen Fans damit unzufrieden. Aber obwohl mir schon oft Pingeligkeit vorgeworfen wurde bei meiner Kritik an Neuheiten oder nicht-werkgetreuen Adaptionen, weigere ich mich, das dieses Mal gelten zu lassen. Was DC damals angerichtet hat, geht weit über die üblichen Umgestaltungen hinaus und hat der Wonder Woman als Figur massiven Schaden zugefügt.

Und das wird nun auch auf die Leinwand getragen: Nicht Hippolyte, die als Herrscherin über ein ganzes Volk voll starker, wunderschöner Frauen glücklich sein müsste, es aber nicht ist, weil sie sich nichts mehr wünscht als ein Kind, erschafft Diana. Zeus ist es. Doch zeugt er kein Kind der Liebe (oder auch nur der Lust), sondern eine Waffe gegen seinen entfesselten Sohn. Diana ist damit Mittel zum Zweck, kein vaterloses Wunder aus Lehm, dem Aphrodite aus Gnade gegenüber der flehenden Hippolyte Leben einhaucht, einer Tochter, die sie schuf um ihrer selbst willen, von den Göttern des Olymps ausgestattet mit Kräften weit über das menschliche Maß hinaus. Nein, stattdessen ist sie lediglich ein weiblicher Halbgott, wie es sie zu Dutzenden gibt. Und so stellt sie sich dann auch ihrer Bestimmung, nicht weil sie getrieben ist von ihrem unbedingten Wunsch nach Frieden und Gerechtigkeit, sondern weil Zeus, ihr Vater, ein Mann, das eben so geplant hat.

Das ist mehr als nur ärgerlich. Es ist traurig. Und es macht die Figur schon auf der untersten konzeptionellen Ebene unfeministisch. Tatsächlich ist es so, als hätte man ihr damit die Seele ihres Schöpfers ausgetrieben. Der Film nun, der nicht verpflichtet gewesen wäre, dieser Neuinterpretation zu folgen, tut das nicht nur, sondern verhöhnt auch noch die ursprüngliche Idee. „Ach ja, du wurdest ja aus LEHM geformt,“ spottet Steve – und das ist zusätzlich auch noch unfassbar arrogant. Mit welchem Recht spuckt die Filmadaption auf eine Originstory, die im ersten Moment für Nicht-Comicleser vielleicht lächerlich klingt, sich aber wunderbar in das mythologische Setting einfügt, wesentlich origineller ist als die meisten anderen Superheldenentstehungsgeschichten und darüber hinaus noch die tiefgründige Bedeutungsebene der vaterlosen Geburt trägt?

Mein erster DC-Comic war Wonder Woman – und ich war als Kind absolut fasziniert von ihrer Geschichte, auch wenn ich diesen Subtext noch nicht verstand. Mein Fanherz blutete bei Steves Spott und mir ging das Messer im Sack auf. Ist es da ein Wunder, dass DC seit Jahren im Kino keinen Fuß auf den Boden bekommt, wenn sie so mit ihren Schöpfungen umgehen?

Abgesehen von dieser dezidiert feministischen Kritik möchte ich allgemein von der eigentlichen Handlung noch zwei weitere Dinge heraus stellen, die mir besonders negativ aufgefallen sind.

Zum einen wäre da die reichlich seltsame Entscheidung, das Setting von Wonder Woman, deren Historie über 75 Jahre eng mit dem 2. Weltkrieg verbunden war, in den 1. Weltkrieg zu verlagern. „Intelligent“, findet die FAZ, Nazis seien ja so ausgelutscht. Kann man so sehen, allerdings wusste selbst die grenzdebile Sarah-Palin-Doppelgängerin in Iron Sky, dass es keine besseren Schurken gibt als Nazis. Deshalb funktioniert die Änderung des Settings auch aus dem gleichen Grund nicht, aus dem Kriegscomics nach dem 2. Weltkrieg aus der Mode kamen, obwohl mit dem Koreakrieg der nächste große Konflikt gar nicht lange auf sich warten ließ: Das Feindbild ist einfach nicht besonders gut. Den 1. Weltkrieg allein Deutschland anzulasten, selbst wenn es unter dem Einfluss von Kriegsgott Ares stand, ist historisch bestenfalls fragwürdig und nötigt den Zuschauern einiges ab. Nazis dagegen, als alleinige Aggressoren, Hassprediger und Massenmörder schon schlimm genug, aber mit ihrem Mutterkult und einem Rollenbild, in dem die Frau nur als Gebärmaschine und gehorsame Dienerin ihres arischen Mannes Platz hat auch der Inbegriff eines Patriachats – das wäre was gewesen. Es ist nicht ausgelutscht, wenn es funktioniert.

Tatsächlich wollte DC wohl einfach keinen Superheldenfilm mit Nazis drehen, wenn Marvel das doch schon mit Captain America vorgemacht hat. Aber die haben halt trotzdem kein Patent auf Nazis, und wenn man schon solche Angst vor Plagiaten hat, sollte man nicht General Ludendorffs Chefchemikerin eine Substanz erfinden lassen, die frappierend an Captain Americas Superserum erinnert, darüber hinaus aber nahezu keine Storyrelevanz besitzt.

Gleichzeitig mit dem Settingwechsel wird damit auch jegliche Verbindung zu Amerika gekappt. Nun ist der Standort USA neben Feminismus und griechischer Mythologie aber ein integraler Bestandteil der Figur. Wonder Woman ist schlicht eine amerikanische Heldin, nicht gerade in dem Maße wie Captain America, aber nah genug dran. Vor einigen Tagen schien sich das ganze Internet darüber zu amüsieren, dass FOX den fehlenden Patriotismus der Figur bemängelte, aber leider hat diese Kritik, so lächerlich sie auch wirken mag (und so antisemitisch motiviert sie in Wahrheit möglicherweise ist), einen wahren Kern, wenn man bedenkt, dass tatsächlich nicht ein einziger Amerikaner – von einem amerikanischen Ureinwohner an der belgischen Front einmal abgesehen – in diesem Film vorkommt. Der Frage, warum Wonder Woman dann ein Star-Spangled-Banner als Kostüm trägt, wurde zwar aus dem Weg gegangen, indem man die Sterne einfach wegließ – die Assoziation bleibt aber, denn Wonder Woman ist nun mal eine Ikone der Popkultur, deren Darstellung auch der bisher desinteressierteste Kinobesucher irgendwann schon einmal irgendwo gesehen hat. Das lässt sich nicht einfach so wegwischen, selbst wenn es die Verantwortlichen wirklich versucht hätten, wovon man aber wiederum nichts merkt. Gleichzeitig beweisen Dianas im Laufe des Films zunehmend übermenschliche Fähigkeiten bzw. der Umstand, dass diese bis zur Enthüllung ihrer Herkunft nicht erklärt werden, dass beim Publikum minimales Wissen um die Figur vorausgesetzt wird, was damit ja auch wieder inkonsequent ist.

Der zweite Punkt betrifft die Weglassung des Contests. In bisher fast jeder Adaption musste Diana zuvor eine Reihe von Wettkämpfen bestreiten, bis feststand, dass sie die beste Kämpferin unter den Amazonen und damit würdig ist, den Titel „Wonder Woman“ (sowie das dazu gehörige Kostüm und das Lasso der Wahrheit) zu tragen. Im Film dagegen entschließt sie sich einfach, die Insel zu verlassen, und handelt damit gegen den erklärten Befehl ihrer Mutter und Königin (deren hervorstechendes Merkmal ist aber ohnehin, dass sie sich erst über missachtete Befehle ereifert und dann doch nachgibt, worüber ich mir jetzt jeglichen Kommentar spare).
Der Unterschied ist offensichtlich: In der Ursprungsversion hat sie sich die Ehre VERDIENT, während sie in der Filmversion durch die Untätigkeit der Amazonen regelrecht dazu getrieben wird. Die Betonung ihrer edlen Gesinnung geht also zu Lasten derer ihres Volkes, dem die Kriegsopfer in der Außenwelt damit anscheinend ziemlich egal sind.

Natürlich MUSS ein Film, der nun mal eine begrenzte Laufzeit hat, an manchen Stellen gekürzt werden. Aber der Contest ist meiner Meinung nach zu essentiell, um gestrichen zu werden – anders als der Kampf der Amazonen gegen die eindringenden Deutschen. Natürlich: Man wollte sie kämpfend, eben in Aktion zeigen – aber gerade das wäre doch auch beim Contest der Fall gewesen. Und damit wäre auch die peinliche Frage vermieden worden, wieso die mächtige magische Barriere um Themyscira offensichtlich von jeder kleinen Nussschale von einem Boot durchbrochen werden kann.

Antiope, Dianas Tante und Ausbilderin (die in den Comics übrigens schon seit Jahrzehnten von der schwarzen Amazone Philippus verkörpert wird, was die große Masse der radikalfeministischen Wonder-Woman-Neufans glücklicherweise nicht weiß und wir damit einer weiteren ermüdenden Whitewashing-Debatte entronnen sind), hätte außerdem nicht sterben müssen. Das inzwischen nur noch nervige und dämliche Klischee eines toten Familienmitglieds als Motivation des Helden, das in Barry Allens (The Flash) ermordeter Mutter einen traurigen Höhepunkt gefunden hat, wäre vermieden worden. Vielmehr hätte sich hier die Möglichkeit geboten, Diana WIRKLICH als würdigste Kandidatin zu zeigen – indem sie Antiope im Kampf Frau gegen Frau erstmals besiegt. Die Schülerin übertrifft die Meisterin, Antiope senkt respektvoll ihr Haupt – wie großartig wäre das bitte gewesen.

Ich glaube, das hätte man durchaus unterbringen können. Natürlich hätte man dann an anderer Stelle kürzen müssen, aber bedenkt man die pure Dämlichkeit des eigentlichen Plots, wäre hier weniger eine Kürzung denn eine komplett andere Story nötig gewesen. Bis hierhin war der Verriss größtenteils eine Kritik an der ADAPTION einer Figur, die ich bereits vorher kannte. Aber auch als normaler Superheldenfilm ist Wonder Woman EINFACH NICHT GUT. Ludendorffs Plan, das neu entwickelte Supersenfgas gegen die englische Zivilbevölkerung einzusetzen, ist am Ende ein Twist aus dem Nichts und als Storyelement so löchrig wie die Gasmasken nach einer Behandlung mit eben diesem. Denn für einen solchen Angriff wäre keine jahrelange Forschung nötig gewesen – oder trägt etwa jeder Londoner eine Gasmaske im Bett, die man erst aufwendig zersetzen muss, bevor das Gas seine tödliche Wirkung entfalten kann? Überhaupt, was macht London als Ziel attraktiver als Paris, Moskau, Washington? Der gesamte Plan wirkt wie eine Rachaktion, wenn man auch nicht weiß für was – einen kriegsstrategischen Sinn vermag ich dahinter jedenfalls nicht erkennen, sofern Ludendorff nicht vorhat, die gesamte Weltgemeinschaft noch mehr gegen Deutschland aufzubringen und den Krieg auf diese Weise zu beenden, weil ihm die schon laufenden Waffenstillstandsverhandlungen irgendwie zu konventionell sind. Mein Gott, ist das so blöd! Ähnlich schwammig und verwirrend wirkt dann auch Ares‘ Plan, den ich nicht mal wiedergeben könnte, weil er total an den Haaren herbei gezogen ist.

Und selbst wenn man über so etwas in einem Actionfilm, der nicht zwangsläufig intelligent oder auch nur schlüssig sein muss, hinweg sehen kann, hat der Film noch weitere Probleme. Die Spezialeffekte machen stellenweise einfach fassungslos. Schon in der Szene, in der Diana als Kind von der Klippe springt (warum auch immer), also gerade mal gut 5 Minuten im Film, sind die Hintergründe so grauenhaft schlecht animiert, dass ich im Kino wirklich die Hände über den Kopf zusammen schlug. Ein Film mit diesem Budget, und DAS kommt dabei heraus?! Es gibt Filme, die zwanzig Jahre und mehr auf dem Buckel haben und trotzdem bessere Effekte aufweisen können. Und die wurden noch mit Bluescreen gedreht! Leider kein einmaliger Ausrutscher, sondern fast in jeder Szene mit Special Effects, vor allem bei Wonder Womans Kampfszenen, zu bestaunen. Allein dafür könnte man schon fast sein Geld zurück verlangen. Das Studio weiß offensichtlich sowieso nichts damit anzufangen!

Und ja, ich weiß, dass das niemand hören will – aber Gal Gadot ist eine BESCHISSENE Schauspielerin. Schon bei ihrem ersten Auftritt zeugt ihr Gesichtsausdruck von ihrer Karriere als Model, denn der Blick ist alles, nur nicht natürlich. Sie ist wunderschön, klar, aber gibt es in Hollywood solche Frauen nicht zu Hunderten, die deutlich besser schauspielern können? Da sie zuvor praktisch unbekannt war, kann dieser Faktor da auch keine Rolle gespielt haben. Das ist in der Tat eine Besetzung, die ich absolut nicht nachvollziehen kann und versaut mir auch noch den Spaß an den Szenen, die nicht pointless, unfreiwillig komisch oder auf andere Weise schlecht sind!

Fazit: Trotz der ikonischen Hauptfigur und einer reichen Veröffentlichungshistorie, aus der man sich bei Story und Konzeption hätte bedienen können, wurden bei Wonder Woman eigentlich nur falsche Entscheidungen getroffen – personell, narrativ, dramaturgisch. Das Ergebnis ist dann vom feministischen Standpunkt aus ein absolutes Desaster und auch ansonsten einfach kein guter Film, weder für normale Kinogänger, als auch im noch größeren Maße für Fans. Hätte man dieselbe Mühe, die man anscheinend darauf verwendet hat, Wonder Woman alles Feministische auszutreiben, in die Entwicklung einer guten Story gesteckt, wäre der Film ein Meisterwerk geworden. So ist er nur ein schreckliches Vorzeichen auf das, was mit Justice League noch kommen mag. Aus den Lobeshymnen kann man indes nur schließen, dass die Latte für DC-Produktionen inzwischen wirklich gewaltig niedrig hängt – und eine Frau als Hauptperson, die nicht eindeutig sexistische Klischees bedient, offensichtlich schon reicht, um das Label „feministisch“ zu verdienen.

Damit ist nicht Wonder Woman der beste DC-Film seit Langem, sondern weiterhin The LEGO Batman Movie und mein Gott, wie traurig ist das bitte.

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