Es besser machen – wie eine Therapiesuche aussehen könnte

Die Suche nach einem Psychotherapieplatz ist für Betroffene eine unglaubliche Belastung. Wie könnte man das besser regeln? Ein paar Gedanken dazu im zweiten Teil meiner Themenreihe Depression.

Eigentlich hatte ich für heute etwas anderes geplant, aber ich habe mich spontan umentschieden, denn ich erlebte eben doch tatsächlich ein kleines Wunder:

Ich habe endlich die letzte verbliebene Therapeutin auf meiner Liste erreicht!

Engelschöre! Fanfaren! Feuerwerk! Dabei hatte ich das eigentlich gar nicht vor. Ich wollte lediglich die Bandansage abhören und erfahren, zu welch wahllosen Zeitpunkt die gute Frau diese Woche gedenkt, Audienz zu halten – da hatte ich sie plötzlich leibhaftig am Ohr.

Zwei Minuten später konnte ich ein weiteres Häkchen setzen auf meiner Liste – neben „Absagen“. Damit steigt die Gesamtzahl auf sieben.

Es tat ihr zwar offensichtlich leid, aber sie hat leider auch ein paar dumme Sachen gesagt. So führt sie keine Warteliste, sondern vergibt einen freigewordenen Platz einfach an den ersten, der danach anruft. Nachdem ich so viele erfolglose Anrufe hinter mir habe, finde ich ein solches Verfahren, das auf purem Glück beruht, schlicht ekelhaft unfair. Als sie dann hörte, dass ich alle tiefenpsychologisch arbeitenden Therapeuten schon kontaktiert habe, empfahl sie mir doch tatsächlich, auch einfach mal die Verhaltenstherapeuten anzurufen. Viele von denen hätten ja Zusatzausbildungen, die eher ins Tiefenpsychologische gehen, und die sollte ich doch einfach mal erfragen.

Einfach – mal – erfragen. Klar. Als wäre es nicht genauso schwer, einen Verhaltenstherapeuten ans Telefon zu kriegen. Den soll ich ernsthaft auch noch danach löchern, was er denn sonst so kann – und das dann auch noch richtig einordnen können? Ich bin keine Psychologin. Woher soll ich wissen, was genau hinter diversen Zusatzausbildungen steckt?

Jedenfalls hat mich das erst zum Heulen gebracht… und dann dazu, mir ein paar Gedanken darüber zu machen, wie ich mir die Therapeutensuche idealerweise vorstelle. Darüber habe ich schon häufiger gegrübelt – also wird es Zeit, meine Überlegungen dazu aufzuschreiben. Anmerkungen, Ergänzungen und eigene Vorschläge ausdrücklich erwünscht.

Was ist an daran so schrecklich?

Die Suche nach einer Therapie ist aus zwei Gründen eine absolute Katastrophe für jeden, der sie auf sich nimmt:

1. lange Wartezeit
2. Aufwand

Die lange Wartezeit resultiert natürlich aus dem Mangel an Therapieplätzen. Hier wird sich erst was ändern, wenn die Krankenkassen diesen Mangel endlich beseitigen. Und was den Aufwand angeht… nun ja, wie der bei mir ausgesehen hat, wisst ihr ja jetzt.

Die Aussicht, locker sechs Monate auf einer Warteliste zu stehen, hat mich in der Vergangenheit immer sehr abgeschreckt und letztendlich jedes Mal dazu geführt, dass ich aufgab. Trotzdem halte ich den Aufwand für den wesentlich belastenderen Faktor, auch wenn mir da möglicherweise viele widersprechen werden.

Natürlich ist es in akuten Fällen wichtig, so schnell wie möglich Hilfe zu bekommen. Aber vielen – wenn nicht sogar den meisten – geht es doch eher so wie mir: Man hat Depressionen, aber die meiste Zeit schlängelt man sich irgendwie durch. Man lebt sein Leben auf Sparflamme, weil man selbst für die Dinge, die man mag, kaum Energie aufbringen kann, aber wenn es wirklich sein muss, funktioniert man halt doch, wenn vielleicht auch nur gerade so. Man fühlt sich zum Kotzen… aber irgendwie geht es eben trotzdem immer weiter.

Das ist zwar alles so richtig scheiße, aber nicht wirklich akut. Ich habe seit 13 Jahren Bedarf nach einem passenden Therapieplatz, doch hier sitze ich und lebe immer noch. Es ist kein schönes Leben und es wäre völlig anders verlaufen, wenn meine Depression viel früher behandelt worden wäre, aber wenigstens besitze ich noch einen Puls.

Das Problem ist, dass man (oder zumindest ich) immer dann auf die Idee kommt, einen Therapeuten zu suchen, wenn gerade alles sehr schlimm ist. Das ist dann ein Moment, in dem man am liebsten sofort Hilfe haben will – was unweigerlich zur totalen Kapitulation führt, wenn man erfährt, dass man ein halbes Jahr warten muss.

Das habe ich mir bei jedem Versuch maximal zwei, vielleicht auch dreimal angehört, aber am Ende habe ich immer aufgegeben. Wenn ich so lange warten muss, kann ich’s ja eh lassen, dachte ich immer. Nur ist das eben ein grundlegender Denkfehler. Die Zeit vergeht so oder so, ob ich irgendwo auf einer Warteliste stehe oder nicht, und sehr oft habe ich sechs Monate später grübelnd im Bett gelegen und gedacht: Wärst du vor einem halben Jahr dran geblieben, hättest du jetzt einen Therapieplatz.

So lange warten zu müssen ist furchtbar und es sollte definitiv anders sein. Aber mir ist trotzdem klar geworden, dass der ausschlaggebende Faktor für mein ständiges Scheitern doch der unfassbare Aufwand war, der dahinter steckt. Die Warterei stört mich weniger als mich wochenlang jeden Tag ans Telefon hängen zu müssen, um einen Therapeuten zu erreichen, dabei achtzig verschiedene Sprechzeiten zu beachten, für die ich extra aufstehe oder meine Arbeitspause umlege, nur um am Ende dann zusätzlich zu hören, dass erst viele Monate später was frei wird.

Die Wartezeit kam mir nur deswegen immer so schlimm vor, weil sie das letzte Glied in einer langen Reihe enttäuschender, stressiger Bemühungen ist. Anders formuliert: Wäre der Aufwand geringer gewesen, hätte mir die Wartezeit nicht so den Boden unter den Füßen weggezogen.

Wie lässt sich der Aufwand minimieren?

Auch wenn die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung ein Witz ist und außerdem von den Krankenkassen gerne als Grund vorgeschoben wird, um eine Kostenerstattung abzulehnen – „Wieso sollen wir Ihnen einen Therapeuten ohne Kassensitz bezahlen, wenn die Terminservicestelle Sie doch jederzeit an irgendeine willkürlich ausgewählte Person, die Sie ohne Einwände akzeptieren müssen, vermitteln kann?“ – ist der Grundgedanke dahinter nicht falsch: Es gibt eine Stelle, bei der alle Fäden zusammen laufen und die Termine vergibt. Die bisherige Umsetzung dieses an sich ziemlich simplen Konzepts ist halt bisher auf besonders peinliche Art misslungen.

Trotzdem halte ich Zentralisierung für die einzige Möglichkeit, den Aufwand für den einzelnen Patienten zu minimieren. Würde die Vergabe von Therapieplätzen nicht über die verschiedenen Therapeuten direkt, sondern über eine zentrale Stelle laufen, hätte ich nicht 65 Mal telefonieren müssen, sondern nur ein einziges Mal.

Eine zentrale Vergabestelle sollte es in jeder Stadt oder Region geben. Das hat den Vorteil, dass die Menschen, die für die Verteilung zuständig sind, mit der Zeit die Therapeuten auch ein Stück weit kennen lernen, was bei einem bundesweiten Angebot niemals möglich wäre. Sie wäre acht Stunden täglich besetzt und nimmt alle Anrufe von Hilfesuchenden entgegen. Diese schildern dann ihre Situation nach einem Fragekatalog, der ins System eingespeist wird. Das ist nötig, um eine mögliche Vorauswahl zu treffen (nicht jeder Therapeut kennt sich mit allen Problemfeldern aus – manche spezialisieren sich auf Essstörungen, haben dafür aber nicht so viel Ahnung von Schizophrenie etc.). Die Anrufer haben zusätzlich die Möglichkeit, Präferenzen zu nennen, worunter auch der Ausschluss bestimmter Personen(gruppen) fällt. Menschen mit Telefonphobie oder anderen Einschränkungen könnten all das auch per Mail schicken. Nachdem das erledigt ist, kommt der Anrufer auf EINE Warteliste für ALLE Therapeuten, die für ihn in Frage kommen, und wird benachrichtigt, sobald einer der Therapeuten Zeit für ihn hat. Er bleibt so lange auf der Warteliste und erhält weitere Termine bei anderen Therapeuten, bis sicher feststeht, dass er den Richtigen gefunden hat und bei ihm eine Therapie anfängt. Die Therapeuten müssten derweil nichts weiter tun, als ihre freien Kapazitäten zu melden.

Und das war’s eigentlich auch schon. Eigentlich ist das gar nicht so schwer. Das Komplizierteste daran ist vermutlich das richtige Programm zur Verteilung, aber mir kann niemand erzählen, dass so etwas technisch unmöglich ist.

Mögliche Kritikpunkte

Als ich das heute Mittag bei Twitter kurz anriss, bekam ich direkt Gegenwind. Vieles davon basierte auf der Kritik am Gesetzesentwurf zum Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) bzw. konkret §92 Abs.6a SGB V. Der sieht demnächst für Psychotherapien eine „gestufte Versorgung“ vor, was nichts anderes heißt, als dass ausgewählte Ärzte oder Therapeuten im Rahmen einer Voruntersuchung erstmal feststellen sollen, ob therapiesuchende Menschen überhaupt therapiebedürftig sind und welche Art Therapie sie bekommen sollen. Die Petition gegen dieses Gesetz findet ihr hier. Dagegen habe ich auch was, aber meiner Meinung nach ist das etwas vollkommen anderes und deshalb trifft kein einziger Kritikpunkt auf meine Version zu.

Ey, was ist mit Datenschutz?
Ich verstehe diesen Punkt ehrlich gesagt nicht. Das hat mir bei einer anderen Gelegenheit, als ich diese Idee äußerte, mal jemand an den Kopf geknallt. Meine Krankenkasse sammelt lauter sensible Daten von mir und jeder Sachbearbeiter in ganz Deutschland kann sie einsehen – warum sollte ein adäquater Datenschutz nun ausgerechnet hier ein unlösbares Problem sein?

Betroffene sollen nicht gezwungen werden, sich jemand anderem als ihrem potentiellen Therapeuten zu öffnen!
Sie sollen sich nicht „öffnen“, sondern ein paar allgemeine Fragen zu ihrem Krankheitsverlauf beantworten. Ohne ein paar grundlegende Informationen geht es nun mal nicht. Außerdem… ich müsste jetzt zählen, aber ich schätze, bei knapp der Hälfte der Therapeuten von meiner Liste ging eine Sprechstundenhilfe ans Telefon. Ich sehe hier keinen qualitativen Unterschied zu einem Mitarbeiter einer Vergabestelle.

Das nimmt den Therapeuten die Wahlfreiheit!
Ganz ehrlich: Wer einen Kassensitz hat, leitet eine Einrichtung zur öffentlichen Gesundheitsversorgung. Da kann man nicht einfach so Leute ablehnen, weil deren Problem vielleicht ein bisschen schwieriger zu lösen ist als andere (so scheinen einige Therapeuten tatsächlich zu verfahren). In begründeten Fällen (ich könnte beispielsweise verstehen, wenn ein Therapeut keinen straffälligen Pädophilen behandeln will, obwohl diese Leute dringend Hilfe bräuchten, bevor sie straffällig werden) kann man da eine Ausnahme machen, aber das darf auf gar keinen Fall die Regel sein. Wer Wahlfreiheit will, soll eine Privatpraxis eröffnen. Sorry.

Und sonst fällt mir dagegen kein weiteres mögliches Contraargument ein. Außer die Kosten vielleicht, aber das lasse ich nicht gelten.

Warum machen wir das dann nicht so?

Weil es zu einfach wäre. Die Aussicht, die ganze furchtbare Therapeutensuche mit nur einem Telefonanruf erledigen zu können wird viel mehr Betroffene als bisher dazu bringen, sich überhaupt um eine Therapie zu kümmern. Viele versuchen das nämlich gar nicht erst, eben WEIL es bisher so zeit- und kraftraubend ist.

Diesen Leuten die Sache zu erleichtern und sie damit zu ermuntern, eine Therapie zu suchen, ist das absolut letzte, was die Krankenkassen wollen. Wenn alle Leute, die eigentlich eine Therapie bräuchten, sich bei einer solchen zentralen Vergabestelle melden, würde sich bei der aktuellen Versorgungslage die Wartezeit verfünffachen. Garantiert. Und dann müsste man daran ja dummerweise etwas ändern, weil das vielleicht endlich der Zeitpunkt wäre, an dem alle Leute aber so richtig auf die Barrikaden gehen. Man stelle es sich vor. Wie lästig.

Es wird Zeit, dass die Politik da reagiert – aber nicht in Form einer Pflicht zur vorgeschalteten Untersuchung durch fremde Ärzte, was ohnehin nur ein weiterer durchschaubarer Versuch der Kassen ist, die Patientenzahlen zu drücken und damit an ihrem Märchen festzuhalten, dass es genügend Kassensitze gibt. Denn sonst – und das kann ich nur immer und immer wieder sagensterben Menschen. Und das muss doch verdammt noch mal nicht sein, wenn das alles eigentlich so beschissen einfach ist.


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#SuchDirHilfe – werde laut.

Ihr habt vom letzten Beitrag hier her gefunden. Danke dafür. Ich versuche es auch kurz zu machen.


Ich kann mich wirklich nicht erinnern, wie oft ich so da saß wie vor drei Wochen, als ich mich wieder entschloss, einen Therapeuten zu suchen. Es war auf jeden Fall häufig, und ich bin jedes Mal gescheitert. Außer dieses Mal. Und das lag einzig und allein an einer Sache:

Ich hatte beschlossen, darüber zu twittern.

Damit setzte ich mich selbst unter Druck, aber auf eine gute Art. Plötzlich hatte ich Zuschauer, denen ich was bieten wollte. Sie konnten ruhig lesen, wie ich heulte, tobte, an diesem beschissenen System verzweifelte. Dagegen hatte ich überhaupt nichts. Aber sie sollten nicht sehen, wie ich scheitere. Das nicht. Nicht schon wieder.

Ohne Twitter hätte ich das nicht geschafft. Ich hätte nach spätestens drei Anrufen aufgegeben. Aber so viele andere schaffen es nicht. Oder mussten, wie ich, ihre gesamte Energie hinein stecken, obwohl es dafür keinen, aber auch überhaupt keinen Grund gibt… außer der, dass irgendjemand mal gemeint hat, die Versorgung, die wir jetzt haben, würde für alle psychisch Kranken reichen. Trotz Wartezeiten von einem Jahr, trotz all der Therapeuten, die gar keine Warteliste mehr führen und selbst verzweifeln, trotz all den Anrufen, die unbeantwortet bleiben, all der Absagen.

Dabei reicht es offensichtlich nicht. Und das ist verdammt noch mal nicht richtig.

Viele Leute haben meinen Thread verfolgt, obwohl er sich schnell zu einem gigantischen Monstrum aufblähte, weil ich mich einfach nicht kurz fassen kann. Die Nicht-Betroffenen, die *Gesunden*, die *Normalos*, waren schockiert. Die Betroffenen dagegen nicht. Die winkten ab. Sie kannten das. Alle kennen das.

Einige haben mir dann von ihren eigenen Erfahrungen geschrieben, irgendwo als Reply inmitten meines Threads – sprich dort, wo sie kein Mensch sieht. Da gehören sie verdammt noch mal nicht hin. Dort lese höchstens ich sie, aber ich bin dafür eigentlich die falsche Adresse. Ich bin eine Betroffene. Ich kenne das. Alle kennen das. Wichtig sind aber die, die es nicht kennen – die *Gesunden*, die *Normalos*, die Schockierten, die aber nicht schockiert sein sollten wegen etwas, was für so viele Menschen mit Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen normaler Alltag ist.

Das soll sich ändern.

Deshalb, wie angekündigt: Eine Bitte und ein Appell.


Die Bitte – an alle:

Teilt die Geschichte meiner Therapeutensuche. Ich kann mich nicht erinnern, schon mal um sowas gebeten zu haben, jedenfalls nicht so offensiv, aber jetzt bitte ich darum und es ist mir egal, ob das jemand frech oder peinlich findet. Weil die Geschichte wichtig ist. Nicht wegen mir, sondern weil sich so viele darin wieder gefunden haben, da sie exakt die gleichen Erfahrungen gemacht haben, als sie sich einfach nur Hilfe suchen wollten. Ich will, dass das endlich jeder weiß. Ich habe es satt, so etwas zu erzählen und dann all die schockierten Gesichter um mich herum zu sehen. Denn nichts davon hat mich schockiert, im Gegenteil. Ich habe all das verdammt noch mal genau so erwartet. Es ist mein Alltag, und es hat mich Jahre meines Lebens gekostet, in denen ich untherapiert und unglücklich geblieben bin.

Deswegen: Teilt es. Bitte.


Und nun der Appell – an alle Betroffenen:

Ich freue mich über jede Reply, aber bitte verschwendet eure Erfahrungen nicht an einen unübersichtlichen Thread, wo sie niemand sieht. Schreibt eure eigenen Tweets, nach denen man nicht erst wühlen muss, und schreibt viele davon. Schreibt über jedes Hindernis, jede bürokratische Hürde, jede Form der Ignoranz, die euch begegnet ist, als ihr versucht habt, den Ratschlag von Leuten zu befolgen, die nicht die geringste Ahnung haben, was sie da eigentlich von sich geben, wenn sie sagen: „Such dir Hilfe.“ Zeigt ihnen, was dieser dumme, aber ja doch so nett gemeinte Spruch in der Realität bedeutet, wenn man psychisch krank ist und einem Gesundheitssystem ausgeliefert, das Depressionen nicht ernst nimmt und Menschen tötet.

Und taggt all diese Erfahrungen mit #SuchDirHilfe, damit jeder sie sehen und nicht mehr ignorieren kann.

Vielleicht findet ihr das blöd. Vielleicht denkt ihr, dass sowas eh nichts bringt. Aber man kann es ja wenigstens mal versuchen. Ich jedenfalls will es testen und wenn beim nächsten Mal, wenn ich wieder von unfassbaren Wartezeiten erzähle, überforderten Therapeuten und Toten, die man hätte verhindern können, wenn man ihnen nur geholfen hätte, als sie es gebraucht hätten… wenn dann auch nur ein Mensch mehr weiß, wovon ich rede, hat es sich schon gelohnt. Denn irgendwann werden es alle wissen und spätestens dann muss irgendjemand reagieren.

Ich will, dass ihr dann alle noch da seid, um das mit mir zu feiern.

Wer keinen Twitter-Account hat, aber mitmachen will, oder gerne würde, sich aber nicht traut, dem biete ich an, die Geschichte seiner Suche nach Hilfe stellvertretend für ihn auf Twitter und vielleicht im Blog zu veröffentlichen. Schickt sie mir einfach als Mail an robin.urban.blog[ät]gmail.com unter dem Betreff #SuchDirHilfe. Ich verspreche euch, eure Daten vertraulich zu behandeln und jeden Bericht anonymisiert (!) zu teilen – es sei denn, ihr wollt es ausdrücklich anders. Vielleicht werde ich hier und da ein bisschen kürzen müssen und Tippfehler beseitigen, aber ansonsten werde ich nichts verändern.

Bedenkt aber bitte, dass ich selber keine Therapeutin bin (und es auch nicht behaupte). Ich werde ganz sicher nicht auf jeden und alles eingehen können, was ihr mir schreibt. Bitte habt dafür Verständnis und schickt mir eure Mail nur, wenn ihr damit klar kommt, dass ich lange für eine Antwort brauche und die dann vielleicht sehr knapp ausfällt.

Ich habe eiskalte Hände, Schweißausbrüche, einen Puls von 180 – aber ich schicke das hier jetzt trotzdem ab, auf die Gefahr hin, dass kein Mensch mitmacht.

Aber dann habe ich es wenigstens versucht.

Pommes für Julius Caesar

Zu jedem Lehramtsstudium gehören neben einem ganzen Haufen nutzloser Erziehungswissenschaftsseminare auch mehrere Schulpraktika. Nachdem ich mein erstes Praktikum in einer Grundschule abgeleistet hatte, führte mich mein zweites in eine Gesamtschule in der Provinz. Gemäß meinen Fächern interessierte ich mich dabei vor allen für den Deutsch- und Geschichtsunterricht.

In einer Klasse war ich besonders häufig, weshalb ich sie im Stillen bald nur noch „meine Sechser“ nannte. In den Wochen meines Praktikums saß ich bei den meisten Geschichtsstunden in der Klasse und hielt auch meinen erste eigene Unterrichtsstunde. Das Römische Reich kam gerade dran – ich durfte mit einem Abriss über den Gründungsmythos und die römische Götterwelt einsteigen.

Es ging nicht ganz so spannend weiter. In der Woche darauf sollten sich die Kinder selbstständig mit Arbeitsblättern beschäftigen rund um das Thema „Legionäre“. Eines der Blätter enthielt einen Text über den Alltag eines Legionärs. Darin wurde auch erwähnt, dass sich die Legionäre auf ihren Heereszügen weitgehend selbst versorgt haben.

Während ich gerade gegen meinen Tisch gelehnt dastand und die Arbeitsblätter überflog, schoss schräg vor mir eine Hand hoch. „Frau Schmi-hitt, womit haben die sich denn selbst versorgt? Was haben die denn gegessen?“

Sinnvolle Frage, fand ich. Aber Geschichtslehrerin Schmitt, eine schon etwas ältere Dame, schien ungehalten. Den Gesichtsausdruck kannte ich bereits zur Genüge, obwohl ich erst wenige Tage da war. „Was werden die schon gegessen haben?“ schnauzte sie. „Gemüse, Getreide, Kartoffeln…“

Der Schüler, der die Frage gestellt hatte, nickte und beugte sich wieder über sein Blatt.

Ich dagegen musste wild an mich halten, um nicht laut aufkreischend die Hände über den Kopf zusammen zu schlagen.

Mit knirschenden Zähnen stand ich da und sah mich plötzlich in einer Zwickmühle. Ich war ja nur die dumme Praktikantin, eigentlich grade gut genug, um durch die Klasse zu schlendern und zu kontrollieren, ob die Kinder auch wirklich arbeiteten, statt Galgenmännchen zu spielen. Nicht wirklich in der Position, die Lehrerin zu korrigieren – ihre Autorität zu untergraben.

Ich betrachtete den Hinterkopf des Schülers. Er war mir davor schon mehrmals aufgefallen. In der 6. Klasse, sprich, bevor die Pubertät voll einschlägt, sind die Kinder noch wahnsinnig wissbegierig, sie fragen nach, machen sich Gedanken, teilen laut ihre Überlegungen mit, sie wollen wirklich lernen. Bei diesem Bub war das ganz besonders der Fall. Er beteiligte sich immer rege am Unterricht bis zu einem Punkt, an dem es manchmal fast ein bisschen nervig wurde, so eifrig, dass er zwischen seinen Mitschülern deutlich hervor stach. Ich war mir sicher, dass er sich die Worte der Lehrerin ganz genau einprägen würde. Das gab schließlich den Ausschlag.

„Ääähm, Kartoffeln ja wohl eher nicht, ne?“ sagte ich zu Frau Schmitt – so respektvoll wie möglich, in einem leutseligen „Ach, das kann ja jedem mal passieren“-Tonfall, obwohl ich eigentlich entschieden anderer Meinung war: Ich fand es hochgradig peinlich.

Der Schüler blickte interessiert auf, während Frau Schmidt mich verständnislos anstarrte. „Hä, wieso?“
„Najaaa… es gab ja keine Kartoffeln im alten Rom. Die kamen doch erst mit der Entdeckung Amerikas nach Europa. Also, äh, über fünfzehnhundert Jahre später.“

Diese Erklärung muss eine Erinnerung beim Schüler getriggert haben, denn bevor Frau Schmitt irgendwas sagen konnte, platze es aus ihm heraus: Davon hatte er schon mal gehört! Da gab es doch mal einen „alten König“, der die Kartoffel in Deutschland eingeführt hatte. Aufgeregt erzählte er die Geschichte nach, er hatte sie wohl – wie ich – in der Grundschule gelernt. Bis auf den Namen des Königs (Friedrich II.) wusste er noch alles darüber.

Noch während er redete, breitete sich ein Grinsen auf meinem Gesicht aus. Ich freute mich über seinen Enthusiasmus und natürlich auch darüber, dass er sich diese Anekdote gemerkt hatte. Als er endete, blickte ich zu Frau Schmitt, die inzwischen neben mir und dem Jungen stand. Was ich erwartete, war ein Lob von höchster Stelle an den Schüler.

Stattdessen ignorierte Frau Schmitt ihn vollkommen und sah mich an. „Jetzt mal ohne Spaß,“ sagte sie, und aus jedem Wort triefte Verachtung, „das ist doch SO unwichtig!“

Dekadent? Nicht mal Pommes hatten die Armen! (Und Ketchup auch nicht)

Der Satz traf mich wie ein Vorschlaghammer. Es wäre eine Sache gewesen, mir das später unter zwei Augen zu sagen. Aber vor dem Schüler, der gerade sein Wissen demonstriert hatte? Kann man Kindern und ihren Lernerfolgen NOCH abschätziger begegnen?

Wenn es um meine Praktikumerfahrungen geht, ist das immer die erste Geschichte, die mir einfällt. Wie ich ausgerechnet jetzt darauf komme? Nun, gestern wurde ein Artikel auf Twitter herum gereicht, aus dem hervor geht, dass über 40 Prozent aller Schüler zwischen 14 und 17 Jahren nicht wissen, was „Auschwitz“ ist.

Was hat aber diese verheerende Zustand mit einem eigentlich doch verzeihlichen kleinen Anachronismus zu tun? Es ist die Aussage des Leiters der Stiftung, welche die Umfrage in Auftrag gab – und die ich für den Kernsatz halte: „Mit Sorge beobachten wir, dass es in der Mittelstufe in immer weniger Bundesländern Geschichte als eigenständiges Schulfach gibt.“

Denn es war kein Geschichtsunterricht, den ich besuchen durfte. Frau Schmitt hat auch nicht Geschichte, sondern Erdkunde studiert. Diese beiden Fächer werden in vielen Gesamtschulen in der Mittelstufe zum Fach „Gesellschaftswissenschaften“ zusammen gefasst – und in diesem Fall von einer Frau unterrichtet, die, wie sie mir bereits am ersten Tag anvertraute, von Geschichte leidenschaftlich gelangweilt war.

Dementsprechend war dann auch ihre Laune in jeder einzelnen Stunde. Sie ist allerdings kein Einzelfall. Mir ginge es umgekehrt nämlich ganz genauso. Ich würde zwar niemals einen so hirnlosen Spruch vor einem Schüler ablassen, aber allein der Gedanke, irgendwann vielleicht einmal Erdkunde unterrichten zu müssen, hat mich in regelrechte Panik versetzt. Wenn es ein Wissensgebiet gibt, von dem ich keine Ahnung habe, dann ist es definitiv Erdkunde. Ich kann kaum die deutschen Bundesländer richtig geographisch verorten. Die 16 Hauptstädte? Vergesst es. Ich kann mir sowas nicht merken, es interessiert mich auch überhaupt nicht. Erdkunde ist mein Kryptonit.

Und so jemand wie ich soll Kindern Erdkunde beibringen? Mir ist klar, dass zum Fach „Erdkunde“ sehr viel mehr gehört, als nur Orte auf einer Landkarte zu finden – aber das macht es ja nur noch schlimmer. Selbst mit einem durchquälten Geographie-Studium könnte ich nie den Vorsprung an Wissen aufholen, die eine Person mir voraus hat, die sich schon ihr ganzes Leben lang aufrichtig für das Fachgebiet interessiert.

Dazu gehören nun mal auch Funfacts und Anekdoten wie die vermutlich legendarische Geschichte vom Alten Fritz, der mit einer List die dummen Bauern dazu brachte, endlich Kartoffeln anzubauen. Mein Geschichtslehrer aus der sechsten Klasse, an den ich in letzter Zeit viel denken musste, weil er leider kürzlich gestorben ist, hatte so etwas tonnenweise auf Lager.

Er war nicht sonderlich beliebt, da sehr streng, aber im wahrsten Sinne des Wortes ein Geschichtenerzähler. Bei ihm hätte es nie dröge Arbeitsblätter gegeben – er hätte vom Leben der römischen Legionäre erzählt, als wäre er selber mit ihnen nach Gallien marschiert. Natürlich ist so ein Frontalunterricht heute gnadenlos verpönt, aber wenn er loslegte, hing ich an seinen Lippen.

Das war nicht sein einziger „Fehler“. Bei jeder einzelnen mündlichen Abfrage, zu der im Laufe des Schuljahres jeder Schüler mal verdonnert wurde, stellte er die Fangfrage, ob die Olympischen Spiele in der Antike auf oder am Fuße des Berges Olymp stattgefunden haben. Jeder meiner Erziehungswissenschaftsdozenten wäre entsetzt gewesen – solche hinterhältigen Fragen darf man vor allem so jungen Kindern nicht stellen. Und trotzdem war er einer der besten Lehrer, die ich jemals hatte. Ein Mann, der für sein Fach brannte, der mir zeigte, wie unfassbar spannend Geschichte sein kann. Ein Mann auch, der offen zugab, wenn er etwas nicht wusste, aber sich niemals zu der Aussage versteigen würde, dass es zu wissen unwichtig sei.

Eine Bildungspolitik, die offensichtlich glaubt, dass es im Prinzip egal ist, wen man vor eine Klasse stellt, um Fach X zu unterrichten, ist eine Katastrophe. Eine solche Politik zeugt nicht nur von einer abschätzigen Haltung den eigenen Uni-Absolventen gegenüber, sondern verkennt auch die Faktoren „Leidenschaft“ und „ehrliches Interesse“, die für Lehrer so viel wichtiger sind als die Methodenlehre, die uns im Studium eingeprügelt wird, obwohl diese ganzen übertrieben komplizierten Methoden niemand, auch die Schüler nicht, wirklich mag. Die schönste Methodik nützt nichts, wenn der Lehrer von dem Stoff, den er dadurch vermitteln will, keine Ahnung hat.

Eine solche Bildungspolitik ist dann auch mitverantwortlich dafür, dass eine rechtsradikale Partei in den Bundestag einziehen kann. Denn aus Schülern, die nicht mal wissen, was „Auschwitz“ ist, können keine reflektierten Wähler werden.

Damit schafft sich eine solche Bildungspolitik langfristig selbst ab – aber ich bezweifle, dass sie dann durch etwas besseres ersetzt wird. Selbst wenn ein Bernd Höcke im Gegensatz zu vielen anderen Politikern selber Lehrer ist.

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Lyrik

Vor fünf Jahren schrieb ich dieses Akrostichon. Ich weiß, es ist krass pathetisch, aber es gefällt mir trotzdem.

 

Siechend geht die Welt zugrunde
Unwahrheit der Großen Wort
Plötzlich ganz so schlägt die Stunde
Einsam leer ein jeder Ort
Reißt alles mit sich fort.
Grausam klingt die schlimme Kunde
Allumfassend diese Wunde
Und die Welt stöhnt „Mord“.

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Von Dschingis Khan lernen heißt Streitkultur lernen

Die Mongolen nutzten bei ihren großflächigen Eroberungszügen die Taktik, ihre militärischen Gegner nie vollständig einzukesseln. Sie ließen immer eine Fluchtmöglichkeit, um zu verhindern, dass diese Menschen, dem sicheren Tod ins Auge blickend, ihre letzten Kräfte zusammen nahmen und mit dem Mut der Verzweiflung kämpften. Stattdessen konnten sie einfach wegrennen. So haben die Mongolen die halbe Welt erobert.

Als ich über diese Taktik las, machte mir das eindrücklich klar, warum „Diskussionen“ in meiner Familie immer völlig aus dem Ruder gelaufen sind. Denn meine Familie war sehr gut darin, den Kreis so eng um einen zu ziehen, bis man glaubte, ersticken zu müssen. Gerade als Teenager hat man so viele Kämpfe mit den Eltern auszutragen, die eigentlich größtenteils banal sind. Bei uns liefen sie aber immer besonders heftig und unbefriedigend ab.

So wurde zum Beispiel nie akzeptiert, wenn ich mich in mein Zimmer zurück zog. Wie oft kam mein Stiefvater direkt im Anschluss in mein Zimmer gerannt und fragte strunzdoof „Warum hast du die Tür geknallt?“
„Weil ich verdammt sauer bin, du Vollidiot!!!“ habe ich damals leider nicht gesagt. Stattdessen hilflose Verzweiflung. In solchen Situationen hat mich immer am meisten gestört, dass ich, als Teenager in der Pubertät, der verdammt noch mal jedes Recht hat, sich irrational verhalten zu dürfen, weil das in dieser Lebensphase einfach normal ist, gezwungen wurde, die Stimme der Vernunft zu sein. So waren meine Gedanken in dieser Zeit tatsächlich: „Warum lässt du mich nicht sauer sein? Warum akzeptierst du meinen Abgang nicht? Warum lässt du mich nicht emotional sein, wo doch meine Hormone pubertätsbedingt gerade Amok laufen? Und warum muss ICH dir das erklären, obwohl du das doch wissen solltest?“

Das hat wirklich keinen Spaß gemacht. An Logik und Vernunft zu appellieren, obwohl man sich doch einfach nur kreischend auf den Boden werfen und mit den Beinen strampeln will, weil man nicht zu dieser höllencoolen Party darf – das zwingt das Hirn in Bahnen, für die es eigentlich noch nicht gemacht ist. Und Respekt für seine Eltern lernt man auf diese Weise auch nicht – haben sie sich doch im Grunde kindischer benommen als man selbst zu einer Zeit, als kindisches Benehmen für sich selbst noch okay war, für sie allerdings nicht.

Aber das ist eigentlich ein anderes Thema. Es geht um die Möglichkeit des Rückzugs. Selbst in den besten Beziehungen gibt es mal Streit, das ist unvermeidlich. Aber hierbei handelt es sich nicht um politische Diskussionen, bei denen man den Gegner in die Ecke treibt und triezt, bis er entweder aufgibt oder sich so um Kopf und Kragen redet, dass allen Zeugen klar wird, jemand unwählbares vor sich zu haben. Das ist wichtig, denn es kann auf politischer Ebene nicht zielführend sein, jedem Gegner, der sich verrannt hat, den Kopf zu tätscheln und Kaffee trinken zu gehen.

Beziehungen dagegen bauen auf Liebe und Respekt. Hier gelten andere Regeln. Hier muss es möglich sein, dem Partner (oder der Tochter, der besten Freundin, der eigenen Mutter) einen taktischen Rückzug zu eröffnen. Die Alternative ist nämlich auch 700 Jahre nach dem Zerfall des Mongolischen Reichs nicht besonders angenehm: Als Teenager, eingekesselt von den eigenen Eltern, hat man geschrieen, getobt und um sich getreten. Als Erwachsenem dagegen rutschen „mit dem Mut der Verzweiflung“ vielleicht ein paar Dinge raus, die man eigentlich nicht sagen wollte.

Lilly und Marshall von „How I met your mother“ gelten bei vielen Fans als Vorzeigepaar und fahren die gleiche Taktik: Wird ein Streit zu heftig, drücken sie auf Pause. Sie reden dann einfach über was anderes. Zumindest für kurze Zeit – dann wird der Streit wieder aufgenommen.

Ich halte das für eine vorbildliche Politik. Das hat nichts mit „Totschweigen“ zu tun. Auch nicht mit Kapitulation oder „dem anderen Recht geben“. Die Mongolen haben ihre Gegner auch nur scheinbar entkommen lassen, um sie in oft tagelangen Hetzjagden einzeln zu verfolgen und bis auf den letzten Mann brutal abzumetzeln.

So weit sollte es natürlich in einer Beziehung nicht gehen. Aber eine Fluchtmöglichkeit, ein Pauseknopf, die schlichte Akzeptanz der Aussage „Können wir diese Diskussion BITTE auf morgen vertagen?“ zeugt nicht nur von einer guten Streitkultur, sondern auch von Liebe und Respekt.

Und vielleicht merkt man, nachdem man dieser Bitte entsprochen und eine Nacht darüber geschlafen hat, dass man sich selbst ein wenig verrannt hat. Dass man vielleicht ein bisschen verbohrt, Dinge nicht beachtet hat oder schlicht ein wenig zu betrunken war.

Spätestens dann wird es Zeit, sich nicht mehr wie ein barbarischer Mongole aufzuführen. Und den Friedensvertrag einfach mit einem Kuss zu besiegeln.

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Ungerechtigkeit muss weh tun. Allen.

Eine kleine Geschichte:

Ich lebe in einer WG mit zwei weiteren Studenten, David und Dave. Die Wohnung ist ein echter Glücksgriff: Jeder von uns hat ein ausreichend großes Zimmer, dazu gibt’s ein ebenso geräumiges Wohnzimmer, ein riesiges Bad mit Badewanne (!!! Traum!), sogar ein kleiner Garten. Altbau. Bis auf den Lärmpegel (sie liegt direkt an einer gut befahrenen Straße, aber daran habe ich mich sogar schon gewöhnt) und die Kälte im Winter kann man sich echt nicht beschweren – vor allem nicht für den Preis. Billigste Wohnung, in der ich je lebte. Da hatten wir Megaglück.

Zu Altbauwohnungen gehört meist auch eine große (Wohn)Küche. Eine solche haben und nutzen wir. „Viel Platz“ bedeutet in solchen Wohnsituationen aber leider auch meist „Viel Chaos“. Ernsthaft, manchmal wäre ich froh, sie wäre kleiner, denn solange immer noch ein dreckiger Teller irgendwo abgelegt werden kann, scheint der Druck bei uns allen, einfach mal zu spülen, ziemlich gering zu sein.

Das ist ein Problem, denn gemütlich ist ja anders, ne? Aber wir sind halt Studenten und kriegen das irgendwie nicht so ideal hin. Wenn es jedoch den Rahmen des Unerträglichen sprengt, müssen Gespräche her. Eben ein solches führte ich mit Mitbewohner Dave, als die Küche mal wieder aussah wie ein Ausblick in eine postapokalyptische Zukunft.

„Wenn es nicht anders geht, müssen wir einfach einen Putzplan machen,“ meinte Mitbewohner Dave schicksalsergeben. Mitbewohner David war gerade nicht da. „Dann ist halt jeder eine Woche für die Küche verantwortlich und spült alles und so.“
Ich ließ meinen Blick über die fünfzehn Teller, achtzehn Tassen, elf Gläser, siebenundzwanzig Bierflaschen und neun Töpfe und Pfannen schweifen, die darauf warteten, abgewaschen und/oder weggeräumt zu werden, und seufzte einmal laut. „Putzplan ist okay. Aber jeder eine Woche lang… das ist ungerecht. Ich meine, ich koche fast jeden Tag, aber David ja fast nie, und wenn, ist es dann meist eine Pizza…“

Dave starrte mich völlig perplex an. „Ja, aber… du kochst doch mehr und… also, ungerecht… äh…?“
„Ja, das meine ich ja. Es ist ungerecht, wenn David genauso viel aufräumen soll wie ich.“
Dave brauchte tatsächlich eine Weile, bis das bei ihm angekommen war. Seine Verwirrung war so groß, dass er zuerst geglaubt hatte, ich hätte genau das Gegenteil gesagt.

Und warum ist das so? Weil es leider extrem ungewöhnlich ist, zurück zu treten und einen Vorteil aufzugeben, wenn man ihn schon so gut wie in der Tasche hat. Ich hätte auch einfach nicken und lächeln und mich freuen können, in Zukunft weniger Arbeit zu haben, obwohl ich einen großen Teil dieser Arbeit verursache. Aber das konnte ich nicht. Wie schaffen es Leute, wissentlich Ungerechtigkeit in Kauf zu nehmen, ohne unter erheblichen Schmerzen zu leiden?

Das führt mich wieder zurück zu einer anderen Geschichte, die ich an anderer Stelle erzählt habe – die Geschichte eines Kumpels, der in seiner Wahlentscheidung einzig und allein auf sein eigenes Wohl späht. „Also, momentan als Student müssen wir ja SPD wählen, weil sonst gibt’s Studiengebühren,“ führte er aus. (Das ist schon ein bisschen her. Studiengebühren sind inzwischen ja so gut wie Geschichte.) „Aber wenn wir dann später Lehrer sind, dann ist es ja am besten, CDU zu wählen.“
Ich, sowie die anderen beiden Studentinnen am Tisch, waren von so viel argloser Ignoranz einfach nur komplett schockiert, doch als ich diese Geschichte unlängst erzählte, wurde das Verhalten meines Kumpels als „Pragmatismus“ bezeichnet. Ich neige ja immer noch dazu, es eher Egoismus zu nennen, und meinen Kumpel ein Arschloch (allerdings, wie gesagt: ein argloses Arschloch!).

Wie kann so jemand einen solchen Müll von sich geben, ohne sich selbst zu hassen?

Es gibt einige Dinge, die sind einfach universell. „Gerechtigkeit“ ist eines davon. Und deshalb sollte es einfach jedem wehtun, Ungerechtigkeit zu sehen, egal ob man davon betroffen ist oder nicht, egal ob man von dieser Ungerechtigkeit unmittelbar profitiert oder nicht.

Und nein, das hat nichts mit Schuldgefühlen oder Scham zu tun (wobei letzteres definitiv angebracht ist, wenn man Ungerechtigkeit willentlich und bewusst zulässt, nur damit man selbst keine Spülhände kriegt). Ich nenne es Verantwortung.

Wir haben übrigens immer noch keinen Putzplan.

Dieser Artikel kann als Nachtrag zu diesem verstanden werden.

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