Was Pseudotherapeuten auf Twitter anrichten können (Teil 3)

Der vierte Beitrag meiner Themenreihe Depression widme ich dem Twitter-Account @deinTherapeut, der sich als „Mental-Health-Aktivist“ profiliert. Im ersten Teil schrieb ich über seinen „Gruppentherapie“-Discord, im zweiten Teil allgemein über seine Performance als Experte und seinen „Aktivismus“. Hier soll es um seinen Umgang mit Kritik, seine Community, die Geschichte mit seinem Vater und die absolut distanzlose Darstellung in den Medien gehen.


Norman hat mich nun schon seit Monaten geblockt, womit meine Timeline endlich nicht mehr geflutet wird von seinen Kalendersprüchen, was in vieler Hinsicht viel angenehmer ist. Aber die Gründe für meine Kritik gehen davon leider nicht weg, auch wenn er sie selbst absolut nicht einsehen will – und seine Jünger ihn dabei kräftig unterstützen.

Kritik, Reflexionsfähigkeit und toxische Community

Es war weder das erste, noch das letzte Mal, dass Norman mehr oder weniger heftig kritisiert worden ist. Sei es wegen seines Namens, seines Discords, seiner völligen Ignoranz von Persönlichkeitsrechten, wenn es darum geht, Bilder der Kinder – darunter ein geistig behinderter Junge – zu teilen, die er als Au-pair betreut etc.pp. – seine Reaktion ist IMMER dieselbe.

Norman ist null – NULL – kritikfähig. Sofern die Kritik nicht von einem seiner Fans demütig in extrem vorsichtige Worte verpackt wird – natürlich nicht ohne zu versichern, dass sie seinen Account trotzdem ganz toll finden – blockt er den Kritiker sofort, nur um anschließend über all den „Hass“ zu lamentieren, der ihm angeblich entgegen schlägt. Dass die meiste dieser Kritik verdammt noch mal berechtigt ist und wesentlich freundlicher formuliert wäre, wenn er nicht immer und immer wieder beweisen würde, dass er die Reflexionsfähigkeit eines Kleinkindes in der Trotzphase besitzt, erwähnt er dabei natürlich nicht. Er weiß schließlich ganz genau, weshalb seine Kritiker ihn eigentlich hassen:

Wenn er sich doch mal einer Kritik stellt, redet er am Thema vorbei und wird am Ende weinerlich.

Und selbstverständlich sind seine Fans dann zur Stelle, um seine Kämpfe für ihn auszufechten.

Norman hat eine der toxischsten Communitys um sich geschart, die ich je gesehen habe. Seine Fans verehren und verteidigen ihn mit einer Inbrunst, die nicht nur mich an eine gehirngewaschene Sekte erinnert, mit seinem Discord als Zentrum.

Wann immer er sich nach einer kritischen Anmerkung via Twitter ausheult, suchen und finden seine Fans den Grund – d.h. den Kritiker – und stürzen sich auf ihn. Das geschieht entweder durch ermüdende Wiederholung bereits lange Bekanntem (ich kann schon nicht mehr zählen, wie oft ein Fan mehr oder weniger aggressiv von mir wissen wollte, was an seinem Namen denn bitte so problematisch sei) oder schlichten Beschimpfungen, was natürlich überhaupt nicht zu seiner üblichen Liebesbotschaft passt.

Viele andere User können davon ein Lied singen. Für mich war der Gipfel erreicht, als mir einer seiner Fans tatsächlich drohte, mich wegen Verleumdung zu verklagen, weil ich (wieder im Zusammenhang mit der Frage, ob er überhaupt Therapeut sei) darauf hinwies, dass die unrechtmäßige Führung des Titels „Psychotherapeut“ eine Straftat nach § 132a StGB darstellt. Ob er da Probleme bekommen könnte – er lässt das „Psycho“ ja weg – halte ich tatsächlich für unwahrscheinlich, aber die Aussicht einer Klage war dann doch ganz witzig. Norman gefällt das.

Diese… nennen wir es „Solidarität“ mit ihrem Helden scheint manche seiner Fans in regelrechte Gewissenskonflikte zu bringen.

Woher kommt mir so ein Verhalten nur bekannt vor? In dem Zusammenhang ist es vielleicht auch erwähnenswert (oder zumindest für einen Lacher gut), dass es in seinem Discord Emojis gibt, die aus seinem Gesicht bestehen. Wann wird der Normanismus als offizielle Kirche anerkannt?

Die Bereitschaft, ihren Messias bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen, zeigten seine Fans besonders bei der Affäre um seinen Vater.

Die Sache mit seinem Vater

Letztes Jahr zu Weihnachten startete Norman einen Aufruf, weil er seinen obdachlosen Vater suchte, nachdem dieser die Familie zehn Jahre zuvor verlassen hatte. Die Geschichte ging schnell unheimlich viral, zahllose Medien griffen sie auf und als es dann im Zuge seines Deutschlandsaufenthalts zur Verleihung des „Goldenen Bloggers“ zu einem Wiedersehen kam, blieb in ganz Deutschland kein Auge trocken. Eine ganz ähnliche Aktion startete er vor wenigen Wochen, weil er, inzwischen schon lange wieder zurück in den USA, erfahren hatte, dass sein Vater schon seit einiger Zeit nicht mehr an seinen üblichen Plätzen aufgetaucht ist. Das wurde ebenfalls begeistert geteilt – bis 1. heraus kam, dass die ganze rührselige Geschichte Norman einen Buchdeal eingebracht hat und sich 2. eine Person auf Twitter meldete, die laut Eigenaussage seinen Vater kennt und behauptete, dass der mit dieser ganzen Aktion, inklusive der Nutzung seiner Bilder, nicht einverstanden sei.

Das entflammte einen Shitstorm, im Zuge dessen auch sein Discord wieder in Kritik geriet. Norman wurde vorgeworfen, die zweite Suche nur forciert zu haben, um das Buch zu promoten, er sei nur mediengeil, interessiere sich eigentlich gar nicht für seinen Vater etc.

Ich habe mich bei DIESER Geschichte weitestgehend raus gehalten… hauptsächlich wegen des letzten Punkts. Auch ich habe meinen leiblichen Vater das letzte Mal vor zehn Jahren gesehen – aber obwohl Normans und meine Geschichte nicht vergleichbar sind, weiß ich, wie weh ein solche Zurückweisung tut und halte diesen Vorwurf daher wirklich für eine Frechheit. Er war fünfzehn Jahre alt, als sein Vater die Familie verließ. So etwas tut man nur, wenn man krank ist oder ein Arschloch oder beides. In jedem Fall liegt es NICHT in Normans Verantwortung, sich um diese Person zu kümmern. Es ist eine unglaubliche Anmaßung, von ihm zu verlangen, zehn Jahre später alles stehen und liegen zu lassen und nach Deutschland zu eilen, um seinen Vater aus der Gosse zu ziehen, der das vermutlich nicht einmal will.

Ich kann und möchte ihm nicht vorwerfen, dass er ihm nicht hilft. Mich stört lediglich, dass er es behauptet – und da wird die ganze Sache dann tatsächlich ziemlich schäbig.

Buchankündigung des Verlages

Die gesamte Buchvorstellung liest sich wie eine herzerwärmende Feelgood-Story mit Happy End. Dabei weiß jeder, der die Geschichte verfolgt hat, dass danach im Prinzip überhaupt nichts passiert ist. Tatsächlich gab es ja nur dieses eine Treffen und laut Norman noch ein paar Telefonate seitdem. Inwiefern hat das Normans Vater geholfen – ihm einen Neustart verschafft, der über einen unfreiwilligen Prominentenstatus hinaus geht?

Den Vorwurf, sein Vater würde gar nicht wollen, dass seine Bilder für dieses Projekt verwendet werden, kommentiert Norman so:

Das halte ich für eine hammerharte Aussage. Entweder hat sich sein Vater bewusst wieder umentschieden – dann muss Norman das akzeptieren. Oder sein Vater ist wirklich geistig so am Ende, wie er sagt – dann ist er vermutlich überhaupt nicht geschäftsfähig und könnte sein Einverständnis nicht mal geben, wenn er wollte. In jedem Fall frage ich mich: Warum wurde hier nichts vertraglich festgehalten? Das spricht alles nicht gerade für eine Kommunikation auf Augenhöhe. Aber wie bereits erwähnt… mit Persönlichkeitsrechten hat ers nicht so.

Mich hat diese ganze Story von Anfang an ziemlich angekotzt, weil ich sie rührselig, kitschig aufbereitet und viel zu tränendrüsig fand. Besonders das Wiedersehensfoto mit seinem Vater hat mich regelrecht abgestoßen. Es tut mir leid, dass ich aufgrund meiner eigenen Verletzung durch meinen Vater so zynisch bin, aber so ein fröhliches Wiedersehen nach so langer Zeit der Funkstille nehme ich einfach niemandem ab. Ich fand die Geschichte unehrlich und unauthentisch, viele andere hielten sie dagegen gleich ganz für Fake, wofür sie von seinen Fans wiederum hart attackiert worden sind. Das Problem ist: Es gab vor dem gemeinsamen Foto mit seinem Vater keinen einzigen Beweis.

An dieser Stelle ist es Zeit für ein bisschen Medienkritik.

Norman und die Medien

Norman hat sich kürzlich gegen den Vorwurf „Fake“ verteidigt – und zwar so:

Anscheinend hat er eine sehr großzügige Auslegung des Begriffs „Verifizierung“… denn Artikel, die vollständig auf SEINEN Aussagen beruhen, sagen natürlich NICHTS aus. Das gilt im Übrigen auch für den ersten Artikel in der WELT. Man beachte dazu den verwendeten Konjunktiv – und die Fehlinformation, dass Norman Psychologe sei.

Gleichzeitig wird jede Form des Zweifels in diesem Artikel als „Häme“ bezeichnet. Das ist etwas, was sich durch die gesamte Berichterstattung über @deinTherapeut zieht und was ich einfach nicht verstehe. Jeder einzelne Artikel über ihn ist von einer naiven Kritiklosigkeit geprägt, die fassungslos macht. Und sowas erscheint dann in der „Welt“! Man fragt sich, wie so etwas passieren kann? Hilft es möglicherweise, dass Norman Springer-Redakteure persönlich kennt?

Ohne Timo @Lokoschat zu nahe treten zu wollen, glaube ich trotzdem nicht, dass irgendjemand, der als leitender Redakteur bei der BILD arbeitet, ein guter Typ ist

Und nicht nur die Artikel: Auch die Moderation des „Goldenen Bloggers“ schickte bei der Verleihung eine böse Botschaft an all die „Hater“, die Norman seine „tolle Geschichte“ (sic) nicht glauben. Gleichzeitig grenzte sich die Veranstaltung deutlich gegen „Fake News“ ab. Wie passt das zusammen? Wie kann man einerseits erwarten, dass Leute mal selber nachdenken, wenn sie eine diffamierende Geschichte über Migranten oder HartzIV-Empfänger lesen, aber dann in diesem Zusammenhang Leute verunglimpfen, die nichts weiter verlangen als so etwas wie einen konkreten Beweis für diese gehypte Story?

Eben dieser Story widmete Spiegel Online vor knapp drei Wochen einen ausführlichen Artikel. Dort wird Normans Vater porträtiert und sein gescheitertes Leben in aller Genüsslichkeit breitgetreten – mitsamt Klarnamen, mitsamt Klickstrecke privater Bilder. Der Leser erfährt Details zum Verlust seines Arbeitsplatzes, seines Absturzes in die Alkoholsucht, seiner Obdachlosigkeit, seiner üblichen Aufenthaltsorte, seines strengen Körpergeruchs – und fragt sich unwillkürlich: Warum zur Hölle ist das ne Nachricht??? Wieso hält es eines der größten deutschen Onlinemedien für angebracht, diesen Mann und seine Lebensgeschichte zur traurigen Publicity zu verhelfen – offensichtlich ohne je mit ihm gesprochen zu haben! – obwohl das öffentliche Interesse an diesem Privatschicksal ja wohl kaum groß genug sein dürfte, um diesen unfassbaren Eingriff in seine Persönlichkeitsrechte zu rechtfertigen???

Oder anders gefragt: Was ist an Pseudotherapeut Norman so verdammt faszinierend, dass selbst gestandene Journalisten jegliche professionelle Distanz verlieren?

Nach dieser investigativen Glanzleistung ist es schon fast zu vernachlässigen, dass es auch die sommerliche Kritik an seinem Discord in die Medien geschafft hat und dort so zusammengefasst wurde:

Was? Ich meine… was???

Dieser SHZ-Artikel mit dem lächerlichen Titel „Wie Norman einen Gegenentwurf zu Cybermobbing schuf“ (gemeint ist sein Discord, dieser schöne Safe Space – als wäre nicht JEDES Forum mit einer Netiquette und halbwegs brauchbaren Mods viel eher ein solcher „Gegenentwurf“ als dieser fahrlässig geführte Schweinestall) ist leider hinter einer Bezahlschranke, aber er wurde mir via Twitter zur Verfügung gestellt und ist tatsächlich ein einziger Lobgesang auf Normans Projekt.

Ich lehne mich mal aus dem Fenster und behaupte, dass die Autorin keine fünf Minuten darauf verwendet hat, den Vorwürfen tatsächlich mal nachzugehen. Die Frage bleibt: Was ist nur mit den deutschen Journalisten los??? Sind die auch schon alle eingelullt von seinen Feelgood-Sprüchen oder hat Normans Instagram-Lächeln sie einfach vollständig hypnotisiert???

Ich finde, dass sich einige Verantwortliche ganz gewaltig schämen sollten – und zumindest der SPON-Artikel gelöscht gehört. Das ist fast schon menschenverachtend, was da abgelaufen ist.

Lies es halt nicht???

Der Satz haben seine Fans nun schon ein Dutzend Mal an mich gerichtet und auch Norman selber glaubt, damit wären alle Probleme gelöst. Aber ich kann nun mal sehr schwer etwas ignorieren, das ich für gefährlich halte. Wieso das so ist, wurde inzwischen hoffentlich deutlich.

Was bleibt sonst noch zu sagen?

Der überwältigende Eindruck beim Lesen von @deinTherapeut ist, dass mir hier etwas verkauft werden soll. Nur was? Er hätte mit dem Account schon viel früher Geld verdienen können – dazu war kein Buchdeal nötig. Tatsächlich glaube ich, dass Norman sich hier nur selbst verkauft. Er verkauft sich als Therapeut für alle Fälle, als warmherziger Twitter-Philosoph, als Lebensberater, als Wellness-Guru, als guter Mensch – dabei ist sein Account und das, was er über psychische Erkrankungen schreibt oberflächlich bis an die Grenze zur Fahrlässigkeit und teilweise darüber hinaus. Er schart unsichere, junge Menschen um sich, die ihm wie Lemminge folgen und anscheinend schon lange die Fähigkeit verloren haben, seine Aussagen zu hinterfragen. Eine Armee von Glückskekssüchtigen, für die es früher oder später ein böses Erwachen geben wird, wenn sich seine Heilsversprechen in Luft auflösen.

Ich unterstelle ihm nicht mal böse Absicht. Aber Norman fehlt definitiv die Reife, mit der Macht, die er sich ertwittert hat, umzugehen. In vieler Hinsicht wirkt er fast schon narzisstisch. Sei es nun, dass er in aller Ernsthaftigkeit glaubt, Diskussionen anstoßen zu können, die schon jeder führt bzw. die zumindest in Deutschland schon lange entschieden sind…

…oder in anmaßender Weise versucht, sich als Dreh- und Angelpunkt einer Hilfsbewegung zu installieren…

… oder hauptsächlich zu Zeiten twittert, in denen in Deutschland viele Leute online sind – obwohl er doch in Boston lebt, was sechs Stunden Zeitverschiebung bedeutet.

Viele von uns geben im Internet einiges von sich Preis. Ich gehöre ja auch dazu. Gefährlich wird’s, wenn die Präsentation zu einer einzigen Show verkommt – und diesen Eindruck habe ich bei Norman zu 100%. Was sein „Mental Health“-Aktivismus angeht, kann ich als depressive Frau dazu nur immer wieder betonen, dass dieser Mensch nicht für mich spricht.

Wenn man eine positive Sache über ihn sagen will, dann diese: Social Media kann er. Seine Mitmach-Tweets und seine Aufforderungen, jemanden wegen Grund X unter seinen Tweets zu verlinken, dienen als Multiplikatoren für mehr Reichweite, was offensichtlich funktioniert.

Nur hilfreich ist es eben nicht. Norman mag für manche ein super Wellness-Coach sein… aber ein Therapeut ist er nicht. Erst recht nicht meiner.


Thementage Depression:

Teil 1: Warum die Suche nach einem Therapieplatz für jeden Depressiven eine absolute Zumutung ist
#SuchDirHilfe – Aufruf und Appell

Teil 2: Es besser machen – wie eine Therapiesuche aussehen könnte

Teil 3: Hürde Mensch – über psychotherapeutische Erstgespräche


Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee.

Was Pseudotherapeuten auf Twitter anrichten können (Teil 2)

Der vierte Beitrag meiner Themenreihe Depression widme ich dem Twitter-Account @meinTherapeut, der sich als „Mental-Health-Aktivist“ profiliert. Im ersten Teil schrieb ich über seinen „Gruppentherapie“-Discord, in diesem hier soll es darum gehen, was er mit dem von ihm beabsichtigten Framing, das schon bei seinem Namen anfängt, eigentlich anrichtet.


Nach dem ersten Teil meines Beitrags über @deinTherapeut mag manch einer vielleicht argumentieren, dass Norman keine Schuld an den Zuständen in seinem Discord trägt. Er hat die Plattform zwar zur Verfügung gestellt und sie schon namentlich explizit mit seiner Person verbunden, aber naja… warum sollte ein Influencer mit fünfunddreißigtausend meist jungen Followern für seine Projekte so etwas wie Verantwortung übernehmen müssen? Das wäre ja regelrecht lästig.

Die Wahrheit ist, dass sein Discord nur die Spitze eines sehr unappetitlichen Eisbergs darstellt – und der ganze Account einfach ein riesiges Desaster ist.

Der Name, das Framing

Das Problem fängt schon beim Namen an. Darauf haben bereits sehr viele hingewiesen und selbstverständlich ist jegliche Kritik daran bisher abgeschmettert worden. Leute können sich auf Twitter problemlos „Prinzessin Utopia“, „Einhornfee“ oder „Doktor Awesome“ nennen – warum sollte es dann ein Problem darstellen, wenn Norman sich „Therapeut“ nennt?

Der Unterschied ist eigentlich klar: Jeder weiß, dass eine Twitter-Prinzessin nicht wirklich adelig ist, ein Doktor Awesome ziemlich sicher kein Medizinstudium abgeschlossen hat und Fabelwesen nicht existieren. Aber einen ganzen Account der „Mental Health“ zu widmen und sich dann auch noch Therapeut zu nennen… das ist ein bewusst gewähltes Framing, das ohne weiteres zu Missverständnissen führen kann.

Es ist nicht so, dass Norman es Neugierigen leicht macht, die, grob gesagt, Unwahrheit hinter diesem Twitterhandle zu erkennen. Er klärt es nicht in seiner Bio auf und schreibt sehr selten darüber. Wenn man ihm länger folgt merkt man es irgendwann und wenn er darauf angesprochen wird, gibt er natürlich (zwangsläufig) zu, kein Therapeut zu sein – aber wer da nicht direkt nachfragen will, hat schlechte Karten. Wegen meiner Antipathie und seiner Inhalte konnte ich mir von Anfang an nicht vorstellen, dass er wirklich ein Psychotherapeut ist, habe dann aber einige Zeit beim Durchstöbern seiner Tweets investieren müssen, um heraus zu finden, was dahinter steckt. Ich erfuhr, dass er zwar Psychologie studiert hat, es aber bisher lediglich zu einem Bachelor brachte. Die Älteren unter uns werden sich noch erinnern: Ein Bachelor ist ungefähr das, was man früher sehr passend Grundstudium nannte und einen damals offiziell zu überhaupt nichts befähigte.

„Niemand hält ihn aber wirklich für einen Therapeuten,“ höre ich jetzt schon wieder seine Fans jaulen. Nur stimmt das einfach nicht. Selbst viele seine Kritiker, die nun mal keinen Grund hätten, ihm wohlgesonnen zu sein, sind sich da unsicher. Wie oft habe ich Sätze gelesen wie „Boah dieser Typ! Also keine Ahnung, ob der wirklich Therapeut ist, aber…“ Und auch einige seiner Fans blicken da nicht durch oder unterstellen ihm wider besseren Wissens einen Expertenstatus, den er nicht hat.

Manche scheinen sogar zu glauben, er könne einen echten Psychologen zumindest zeitweise ersetzen…

… oder gleich wirklich einen ausgebildeten Therapeuten. Norman gefällt das.

Er selbst kokettiert auch gern mit dem Titel Psychologe.

Und ja, bevor jemand losheult: Natürlich weiß ich, dass er nur einen Witz gemacht hat. Aber nochmal: Es geht um das Framing. Ein solcher Account, mit solchen Inhalten, mit einem solchen Namen, der impliziert, Psychologe zu sein – natürlich glauben da manche, er sei wirklich einer. An der Stelle ist vielleicht der Hinweis nötig, dass dieser Titel in Deutschland nur von Menschen getragen werden darf, die einen Master-Abschluss in Psychologie haben. Für Norman bedeutet das:

Norman ist genauso wenig Psychologe, wie ich nach meinem Grundstudium Historikerin war – und manche würden vielleicht behaupten, ich sei immer noch keine, weil ich keinen Magisterabschluss, sondern nur ein 1. Staatsexamen habe.

Der Unterschied ist: Mein Twitter-Auftritt dreht sich nicht vollständig um mein Geschichtssstudium und selbst, wenn ich nicht dazu berechtigt wäre, mich als Historikerin zu bezeichnen, täusche ich damit verzweifelten und hilfesuchenden Menschen keine Expertise bezüglich ihrer psychischen Probleme vor, die ich nicht besitze. Mein Abschluss und derjenige, den Norman impliziert zu haben, sind im Bezug auf den Schaden, den man mit der Irreführung von Menschen anrichten kann, nicht im Geringsten vergleichbar.

Und so kommt es dann auch, dass ihn Menschen tatsächlich nach Tipps fragen, weil sie ihn für einen Experten halten.

Gerade dieser Tweet ist mir sehr aufgestoßen. Es ist nicht grundsätzlich falsch, was er sagt… aber ich denke bei einer „Notfallbox“ eher an konkrete Skills zur Vermeidung selbstverletzenden Verhaltens. Und dazu gehören nach meiner bescheidenen Ansicht als Betroffene eher sowas wie Tabasco, Zitronensaft, Gummibänder, ein Luffa-Handschuh, eine Kopfmassage-Spinne, ein roter Edding, mit dem man sich auf die Haut schreiben kann, statt sich zu schneiden usw. Mir hat sich der Eindruck aufgedrängt, dass er gar nicht wirklich wusste, um was es geht. Vielleicht täusche ich mich ja auch, aber ich hätte anders als er zumindest mal genauer nachgefragt.

Die wahnsinnig tollen Tipps, die er immer mal wieder auf Lager hat, sind leider auch nicht grundsätzlich so harmlos, wie es den Anschein hat.


Das war by the way auch mein allererster Gedanke bei diesem Tweet. Meine Energielosigkeit wird durch Entspannungsübungen bis ins Unendliche potenziert. Entspannungsübungen zerstören mich vollständig, auf Stunden, weshalb ich in der psychosomatischen Klinik sogar davon befreit wurde. Anscheinend geht es nicht nur mir so.

Aber auch bei den „Mitmachtweets“, die er mit jedes Mal „Und jetzt…“ einleitet, habe ich mich schon mehrmals gefragt, ob ihm klar ist, welches Fass er damit möglicherweise aufmacht, und ob ich die einzige bin, die dadurch ein schlechtes Gefühl bekommt.

Tja… in MEINER ersten Erinnerung bin ich ca. zwei Jahre alt, stehe in meinem Kinderbettchen und fühle mich traurig und allein, weil ich nach meiner Mutter rufe, aber keine Antwort bekomme, obwohl sie im Bett daneben schläft. Ich bin mir zu 99% sicher, dass diese Erinnerung nur eine Projektion meiner Angst ist, nicht gewollt zu sein… aber dennoch ist das keine schöne Erinnerung. Sehr viele Menschen mit psychischen Erkrankungen haben keine schönen ersten Erinnerungen. Was passiert, wenn sie unter diesen Tweets von Trauma, Missbrauch und Gewalt berichten? Ist Norman dann da, um sie aufzufangen und ihnen zu helfen? Scrollt man durch die Antworten, sieht man, dass es nicht so ist. Und selbst wenn er mal reagiert, ist seine Hilfe… naja…

Natürlich kann jeder mal einen Tweet schreiben, durch den sich andere unabsichtlich verletzt fühlen. Und trotzdem: Es ist und bleibt das Framing, das mir so viele Kopfschmerzen bereitet. Sehr viel von dem, was er sich sonst so leistet, wäre überhaupt nicht so wild, wenn dieses Framing, diese Präsentation, diese Performance nicht wäre. Behaltet das bitte im Hinterkopf.

Sein „Aktivismus“

Norman präsentiert sich selbst als „Mental Health“-Aktivist. „Aktivist“ ist natürlich kein geschützter Begriff. Eine Zeit lang schien es so, als würde sich jeder, der mal drei zusammenhängende Tweets zu einem bestimmtes Thema geschrieben hat, als „Aktivist“ bezeichnen. Dagegen kann und möchte ich nicht argumentieren.

Wohl kann ich aber kritisieren, dass seine Inhalte für das, was er behauptet zu sein, wesentlich zu seicht sind – und manches Mal auch schlicht falsch.

Norman scheint psychische Gesundheit mit Wellness zu verwechseln. Aber Kalendersprüche zu twittern, die geistloser sind als alles, was bereits meine Uroma in ihrem Poesiealbum geschrieben hat, hilft nicht gegen Depression. Und auch kleine Mutmach-Tweets sind nicht so wirklich etwas, was mich und viele andere Betroffene aufrichtet.

Plattitüden wie diese

oder diese

sind sogar eher ein sicheres Mittel, um mich so richtig aggressiv zu machen. Vielleicht spricht da mein zynisches Depressions-Ich, aber ich verstehe wirklich nicht, wie irgendjemandem solche Allgemeinplätze gefallen können.

Aber gut… wenn es mir schlecht geht, verhalte ich mich auch nicht sonderlich „intelligent“, sondern höre Disturbed, trinke Whisky oder sehe mir einen schlechten 90er-Jahre-Actionfilm mit Nicolas Cage oder Jeff Goldblum an. Andere richten sich eben durch solche Sprüche auf. Warum nicht. Jeder soll nach seiner Façon ein bisschen weniger depressiv werden.

Aber kann man das „Aktivismus“ nennen?

Das Problem ist das dadurch vermittelte Bild. Ich bin nicht die Einzige, die diese platten Tweets für hochgradig peinlich hält, aber sie finden nun mal sehr große Verbreitung. Und das ist dann der Moment, in dem es meiner Meinung nach gefährlich wird: Solche Tweets zu schreiben und sie als „Mental Health“ zu labeln, zeichnet ein so simplifizierendes Bild von psychischen Erkrankungen, dass ich absolut verstehen kann, warum jemand nach dem Lesen auf den Gedanken kommen könnte, Depressionen seien Kinkerlitzchen, die sich mit einem aufmunternden Spruch, einer lieben Umarmung und einer schönen, heißen Tasse Kakao heilen lassen.

Aber eine Depression ist kein Kinkerlitzchen. Sie ist eine potentiell tödliche Krankheit, die häufig mit Minderwertigkeitskomplexen einher geht. Das ist ein ernsthaftes Symptom, das nicht davon weggeht, indem ein Pseudotherapeut auf Twitter verkündet, dass jeder Mensch wertvoll sei. Solche Dinge nicht privat an Freunde, wo es tatsächlich eine Bedeutung hat, sondern als offizielles aktivistisches Statement an die Allgemeinheit zu schreiben, hilft nicht oder bekämpft Stigmata, sondern würdigt die Krankheit in meinen Augen herab. So nett das auch gemeint sein mag – dieses „Hühnersuppe für die Seele“-Niveau sorgt nun mal zwangsläufig dafür, dass die Krankheit selbst in der Wahrnehmung mancher plötzlich nicht ernster zu sein scheint als eine schlichte Erkältung.

Norman ist die Helene Fischer der „Mental Health“-Twitterer: simpel, oberflächlich, massenkompatibel, seicht – und leider sehr erfolgreich. Seine unterkomplexe Herangehensweise wird dem Thema nicht gerecht. Ich erwarte nicht, dass er 24/7 wohlformulierte, messerscharfe Analysen Betreff psychische Erkrankungen twittert, aber ein vollständiges Fehlen an Substanz ist für einen selbsternannten Twitter-Therapeuten in meinen Augen eben auch inakzeptabel. Auch hier ist es nun mal das beabsichtigte Framing, das die Sache so problematisch macht.

Dabei könnte er mit seiner Reichweite so viel mehr bewirken. Gerade weil seine Fanbase so jung ist könnte er wirklich dazu beitragen, über psychische Krankheiten aufzuklären, Stigmata abzubauen, Probleme unseres Gesundheitssystems anzusprechen, Diskussionen anzustoßen. Stattdessen findet man in seinen Tweets kaum je etwas wirklich informatives. So gut wie nie teilt er Erfahrungsberichte, Zeitungsartikel oder Fachtexte. Es drängt sich der Eindruck auf, dass ihn jede Analyse, die ein gewisses Schwierigkeitslevel überschreitet, schlicht nicht interessiert. Er ignoriert die Komplexität der Problematik, weil sich diese nicht für knallig-niedliche Tweets eignet. Aber mit Herzchen, Liebe und „Menschlichkeit“ ist es nun mal leider nicht getan.

Die Probleme unseres Gesundheitssystems, genauer der Therapienotstand, ist MEIN großes Thema, wie man inzwischen wohl gemerkt hat. Seit ich auf diesen Möchtegern-„Mental Health“-Account aufmerksam wurde, wartete ich darauf, dass er sich dazu mal äußert. Und schließlich tat er es auch – auf die schlimmstmögliche Art, die ich mir hätte vorstellen können.

Im Februar kotzten sich Pflegekräfte unter dem Hashtag #twitternwierueddel über ihre völlig beschissenen Arbeitsbedingungen aus, nachdem CDU-Politiker Erwin Rüddel ihnen ziemlich gönnerhaft empfohlen hat, doch mal positiver über ihren Beruf zu reden. Das gab einen schönen Shitstorm und dadurch erlebte das Problem und die Menschen, die darunter leiden, endlich mal die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Das hat mich sehr gefreut, weil ich einigen Pflegekräften auf Twitter seit Ewigkeiten folge und mitansehen musste, wie sie erfolglos versuchten, ihrem Anliegen Gehör zu verschaffen. Diese Leute haben JAHRE dafür gekämpft, das Thema endlich ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Aber Norman fiel dazu nur das ein:

An dieser Stelle… bin ich dann ein bisschen ausgerastet.

So sehr ich mich freue, wenn der Therapienotstand angesprochen wird, waren seine Tweets waren doch schlicht eins: beschissen unsolidarisch. Es gibt keinen Grund, dieses Thema antagonistisch gegen einen anderen Misstand in Stellung zu bringen und seine Community gegen Menschen in der Pflege aufzuhetzen. 1,5 Tausend Menschen haben diesen Müll gefavt. EINSKOMMAFÜNFTAUSEND.

Nicht WIR müssten „endlich mal über Psychotherapie sprechen“. WIR, das heißt ich und viele andere, tun das ständig. ER ist derjenige, der sich um dieses Thema nicht kümmert. Ich habe danach lange gesucht und genau einen anderen konkreten Tweet dazu gefunden:

Was hat dieser Tweet mit den vorherigen gemeinsam? Er ist FLACH. Er erfasst das Problem nicht IM ANSATZ. Es sind schnell heraus gehauene kleine Statements, die nichts erklären und nichts einordnen. Statt den x-ten eigentlich selbsterklärenden Thread darüber zu verfassen, welche Sprüche man sich über Depressive etc. sparen soll, hätte er das Problem erörtern können. Ich stelle z.B. ständig fest, dass die Leute immer noch glauben, es gäbe zu wenige Therapeuten, obwohl es allein an den fehlenden Kassensitzen liegt. So etwas würde er wissen, wenn er sich öfter darüber unterhalten würde. Aber ohnehin scheint ihn die Ausbildungssituation für angehende Therapeuten wesentlich mehr zu interessieren. Nicht nur nennt er bei seinem Anti-Pflegestreik-Tweets die Senkung der Ausbildungskosten noch vor der Erhöhung der Kassensitze, es ist auch so ziemlich die einzige Ergänzung, die ihm zu seinem Tweet von November 2017 einfällt:

Die Ausbildungsbedingungen für Therapeuten müssen definitiv verbessert werden. Aber beim Thema Therapienotstand ist das maximal ein Nebenkriegsschauplatz… und ehrlich gesagt habe ich es satt, mir von Psychologiestudenten anhören zu müssen, dass dies der Grund für die fehlenden Therapieplätze sei. Norman ist da leider nicht der einzige. Es stimmt nur trotzdem nicht – und gibt mir das Gefühl, als Betroffene instrumentalisiert zu werden. Seht euch nur die arme Depressive an, die keinen Therapieplatz findet, weil die Ausbildungskosten für Therapeuten so gemein hoch sind… äh, nein. Einfach nein.

Wenig überraschend hat Norman meine durchaus unfreundliche Kritik nicht dazu genutzt, das Thema auszuführen, obwohl ihn noch viel mehr Leute deswegen ansprachen. Stattdessen wurde ich kommentarlos geblockt. Natürlich.

Damit könnte die Sache ja erledigt sein, oder? Nee, leider nicht. Mein Kommentar über seine Kritikfähigkeit, seine toxische Community, die unappetitliche Geschichte mit seinem Vater und der vollkommen distanzlose Umgang der Medien mit @deinTherapaut findet ihr hier.


Thementage Depression:

Teil 1: Warum die Suche nach einem Therapieplatz für jeden Depressiven eine absolute Zumutung ist
#SuchDirHilfe – Aufruf und Appell

Teil 2: Es besser machen – wie eine Therapiesuche aussehen könnte

Teil 3: Hürde Mensch – über psychotherapeutische Erstgespräche


Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee.

Was Pseudotherapeuten auf Twitter anrichten können (Teil 1)

Dies ist der vierte Teil meiner Themenreihe Depression, in dem ich erklären will, was ich von Menschen und ihren „Aktivismus“ halte, die sich auf Twitter als Therapeuten aufspielen, obwohl sie keine sind, und warum das nicht nur ärgerlich, sondern höchst problematisch ist.


Diesen Beitrag möchte ich seit vielen Monaten schreiben. Inzwischen gibt es ja viele Twitteruser, die den Account @deinTherapeut für nervig, oberflächlich und mediengeil halten. Das ist zwar alles wahr – aber ich finde ihn außerdem gefährlich.

Heute möchte ich endlich erklären wieso.

Der Account

Diese Worte hat ein Mönch ernsthaft für eine Radioandacht geschrieben. EIN MÖNCH. FÜR EINE ANDACHT.

Mir fiel Norman erstmals letztes Jahr im Juli auf, als kurz nach Chester Benningtons Tod sein Tweet mit Notfallnummern wie dem Sorgentelefon viral ging. Ich hatte den Tweet bestimmt dutzende Male in meiner Timeline, war damals aber nicht in der Verfassung, so etwas zu feiern. Ich fand es zu dem Zeitpunkt sogar ausgesprochen ärgerlich (aus Gründen) und auch heute verstehe ich immer noch nicht, was daran so toll sein soll. Dass es so etwas wie das Sorgentelefon gibt, sollte eigentlich allen bekannt sein – würde ernsthaft jemand diesen Tweet speichern für den Fall, dass er die Nummer braucht, statt dann einfach danach zu googeln?

Dieser Tweet machte Norman groß. Ab da wurden mir ständig seine Tweets in meine Timeline gespült. Tweets, die man im besten Fall seicht nennen könnte, aber einen Anklang fanden, der mich einfach fassungslos machte. Normans Selbstperformance als „Mental-Health-Aktivist“ mit der glattgebügelten Instagram-Ästhetik eines Boygroup-Sternchens trug nicht dazu bei, ihn mir sympathischer zu machen.

Ich gebe zu: Am Anfang war ich auch schlicht neidisch. Ich schreibe seit Jahren über meine Depression, thematisiere immer wieder Probleme unseres Gesundheitssystems und werde dennoch die meiste Zeit ignoriert, wenn ich mich nicht gerade mit Trollen herum schlagen muss, die mich für verrückt erklären – und dann kommt so ein normschöner Bubi, knallt Telefonnummern und ein paar Kalendersprüche raus, kriegt dadurch innerhalb weniger Wochen tausende Follower und besitzt bei all dem auch noch die Frechheit, sich „Aktivist“ zu nennen? Für mEnTaL HeALth?

Im Folgenden wurde der Account immer größer. Norman suchte medienwirksam seinen obdachlosen Vater, bekam die Auszeichnung „Goldenen Blogger“ für den besten Twitter-Account, eröffnete einen Discord für sein Fans und suchte – knapp ein Jahr nach seiner ersten derartigen Aktion – schon wieder nach seinem Vater. In all dieser Zeit beobachtete ich ihn, obwohl ich bereits im Februar dieses Jahres von ihm geblockt wurde, und fand immer mehr Alarmierendes. Weil sein Discord bereits mehrmals in den letzten Monaten heftig kritisiert worden ist, will ich damit anfangen.

Der Discord „Gruppentherapie“

Ein Discord ist im Grunde eine Programm zum Chatten. Jeder kann einen Discord mit mehreren Channels unterschiedlicher Thematik einrichten und dort mit Gleichgesinnten schreiben. Normans Discord wurde von ihm „Gruppentherapie“ genannt und soll zur gegenseitigen Hilfe bei psychischen Problemen da sein (wodurch er seiner Performance als scheinbarer Experte für Psychologie eine weitere Facette hinzufügte). Der Discord hatte schnell tausende Mitglieder – viele davon, wenn nicht sogar die meisten, minderjährig.

Der Discord sorgte bereits im Juni für einen Shitstorm, weil manche der Meinung waren, dass die Mitglieder, die teils offen von ihren Selbstmordgedanken schrieben, nicht genügend aufgefangen wurden.

Schon damals schmetterte Norman jede Kritik ab…

… und verwies immer wieder auf die Discord-Regeln.

Durch diese Regeln war und ist er natürlich bequemerweise nach allen Seiten abgesichert.

Ich wollte mir das im Sommer persönlich ansehen und betrat den Discord. Ich hatte mit einer Registrierung gerechnet – stattdessen war ich sofort drin, nachdem ich einen Nick eingetippt hatte. Mir wurde mitgeteilt, dass dieser Nick möglicherweise verloren gehen würde, wenn ich ihn mir nicht durch eine Registrierung reservierte. Das war aber auch schon alles.

Jeden Deppen ohne Registrierung eine solche Seite betreten zu lassen – dafür gibt es Pro- und Contra-Argumente. In diesem Fall soll das Angebot dadurch wohl besonders „niedrigschwellig“ sein. Okay. Was mich aber vollkommen fassungslos machte – und ich brauchte eine Weile, bis ich auf die Idee kam, das auszutesten, weil ich das im Leben nicht erwartet hätte: Ich konnte auch ohne Registrierung schreiben. Das habe ich in meinen 15 Jahren in diesem Internet kaum je auf einer Plattform erlebt – und sicher NIEMALS auf einer Seite mit so einem sensiblen Inhalt.

Ich sah mich ein wenig um und merkte schnell, dass die meisten Mitglieder wirklich blutjung zu sein schienen.

Peer-to-peer, also die Methodik, Menschen mit gleichen Problemen/in der gleichen Lebenssituation sich gegenseitig helfen zu lassen, ist Normans Schlagwort, mit dem er sich immer wieder gegen jegliche Kritik bezüglich der Inhalte und des Konzepts des Discords zu immunisieren versucht. Er benutzt es wie einen Trumpf, als wäre damit alles geklärt, denn immerhin gibt es ja einen schicken psychologischen Fachbegriff dafür. Fünfzehnjährige mit psychischen Problemen, die anderen Fünfzehnjährigen mit psychischen Problemen helfen – what could possibly go wrong? Er selber hält sich vornehm heraus.

Bei einer einzigen Gelegenheit beteiligte ich mich im Discord tatsächlich an einem Gespräch. Eine Userin machte sich Sorgen, weil sie sich irgendwie den Gaumen aufgeschnitten hatte und die Wunde seit mehreren Minuten (!!!) blutete. Sie bekam viel Anteilnahme und sogar ein Gang in die Notaufnahme wurde diskutiert. An der Stelle konnte ich nicht mehr stumm zusehen und empfahl ihr, doch mal ein Glas eiskaltes Wasser zu trinken, da sich durch die Kälte die Blutgefäße zusammen ziehen. Ich seufzte innerlich beim Tippen, aber mir wurde für diesen Rat, der die lebensgefährliche Blutung tatsächlich stoppte, überschwänglich gedankt.

Das klingt vermutlich arrogant. Wir waren schließlich alle mal jung und ein bisschen doof. Aber es tut mir leid: So harmlos-dümmlich das auch war (wobei ich es eigentlich nicht harmlos finde, auch nur darüber nachzudenken, wegen so eines Wehwehchens in die Notaufnahme zu rennen – als wären unsere Krankenhäuser nicht eh unterbesetzt. Sorry, bei dem Thema bin ich ganz humorlose Erwachsene), so graut es mir doch bei dem Gedanken, diese Teenager dazu zu ermutigen, bei teils wirklich gravierenden psychischen Problemen mit Symptomen wie selbstverletzendem Verhalten und Selbstmordgedanken für sich gegenseitig den Therapeuten zu spielen. Ich bezweifle stark, dass die Anwendung dieses peer-to-peer-Konzepts auf so einen Fall wirklich im Sinne des Erfinders war. Vielleicht will sich ja mal ein Psychologe dazu äußern? Also… ein richtiger?

Es war nicht der einzige Chatverlauf, der mir ein wenig Bauchschmerzen bereitete.

Ohne überhaupt nachzufragen, worum es genau geht, ist natürlich klar, dass man mit den Eltern unmöglich reden kann, sie ganz sicher falsch liegen, uneinsichtig und SCHWACH sind. Wie könnte es auch anders sein.

Vermutlich hätte ich Dutzende Beispiele gefunden, wenn ich wirklich danach gesucht hätte. Klar – keine Macht dieser Welt kann verhindern, dass Jugendliche Müll labern, wenn sie zusammen sind. Darin war ich damals auch ziemlich gut und das ist auch überhaupt nicht schlimm. Aber wie frech und fahrlässig ist es bitte, das als tolles Hilfsangebot von Betroffenen für Betroffene darzustellen – ein Safe Space, in dem sie sich endlich mal öffnen können?

Aber wo wir gerade bei Safe Spaces sind: Reden wir doch mal über die gewaltverherrlichenden Pornos.

Es wurde seit diesem Sommer immer wieder thematisiert, dass es in diesem Discord einen NSFW-Raum gibt. Trotz fehlender Registrierung war es absolut unproblematisch, dort hinein zu kommen. Das war mit einem Klick erledigt.

Zu sehen bekam ich sowas.

Zensurbalken (rot) von mir. Bei dem Bild rechts handelte es sich um ein gif, das eine Würgeszene zeigt

Nennt mich meinetwegen prüde – aber was zur Hölle soll das? Warum gibt es in diesem Safe Space einen Raum, in dem die User munter Fetisch-Bilder tauschen?

Ich nenne diese speziellen Bilder bewusst nicht Pornos, da Pornographie gesetzlich streng definiert ist. Meines Wissens müssen für dieses Label deutlich Genitalien zu sehen sein (konkret: ein erigierter Penis bzw. die inneren Schamlippen. Zensiert habe ich das linke obere Bild trotzdem, weil ich mir da unsicher war). Für mich persönlich war da zwar trotzdem bereits eindeutig eine Grenze überschritten, aber eine Twitter-Bekannte berichtete mir außerdem folgendes:

Als ich im Channel geschaut habe, waren tatsächlich gifs gepostet, in denen penetrativer, brutaler (Anal)-Sex stattfand, außerdem gifs, in denen mit Gerten Frauen so geschlagen wurden, dass Striemen zu sehen waren und Würge-Szenen.
Ich bin keine BDSM-Anhängerin, verurteile und werte aber auch nicht. Aber das waren alles Szenen, bei denen mir schon so sehr unwohl war; weniger Consensual BDSM, mehr „Unterwirf die Schlampe“, falls du verstehst, was ich ausdrücken will. Es war beklemmend. Zeitgleich wurde nur einen Raum weiter darüber „diskutiert“, dass man Worte wie „Schneiden“, „Ritzen“ und noch eine ganze Menge mehr vermeiden müsse, weil es traumatisierte Menschen zwingend triggern würde. Dabei wurde permanent darauf herumgeritten, dass der ganze Discord ja ein Safe Space sein solle, wo sich bloß niemand angegriffen fühlen sollte – während jemand von mehreren Leuten scharf angegriffen und teilweise beschimpft wurde, weil er ein „verbotenes Wort“ benutzt hatte.
(…)
Also: ich finde eigentlich alles, was ich da so gesehen habe, extrem fragwürdig bis total verantwortungslos.

Nun ist sowas natürlich strenggenommen keine valide Quelle, auch wenn ich keinen Grund habe, ihr nicht zu glauben – aber tatsächlich wurde während der gesamten Diskussion, die u.a. wegen so einer Scheiße aufflammte, von Normans Fans nicht behauptet, dass in diesem NSFW-Channel KEINE Pornos herum gereicht werden. Nur fand das eben niemand von denen diskussionswürdig oder schlimm.

Da muss ich dann ernsthaft fragen: Habt ihr den Arsch offen? Ich las davon, diese Bildchen wären „normaler Tumblr-Porn“, und überhaupt werden Kinder heutzutage ja ständig im Netz mit sowas konfrontiert.

Das ist zwar leider nicht ganz falsch… aber warum muss es sowas unbedingt in DIESEM Discord geben??? Ich denke, niemand von denen, die sich darüber aufregten, möchte Erwachsenen ihre Pornos verbieten, genauso wenig wie BDSM zwischen verantwortungsvollen Erwachsenen, doch ich sehe keinen Grund, wieso so eine Scheiße unbedingt in einem angeblichen Safe Space mit vielen Minderjährigen gepostet werden muss? Man eröffnet schließlich auch kein Beate-Uhse-Shop neben einer Grundschule oder schaltet auf der KIKA-Website Werbung für Eis.de. Das ist keine Prüderie, sondern sinnvoller Jugendschutz! Das sollte erst Recht für einen Raum gelten, in dem sich vermutlich auch Jugendliche mit Missbrauchserfahrung aufhalten. Haben die kein Recht auf einen triggerfreien Safe Space, weil ein paar notgeile Typen unbedingt DORT ihre Pornogifsammlung präsentieren müssen – als gäbe es dafür nicht tausend andere Seiten im Netz???

„Aber jeder Discord ist mit einen NSFW-Raum angelegt“, bekam ich allen Ernstes zu hören, als würde das irgendwas rechtfertigen oder nicht trotzdem jeder Betreiber selbst entscheiden können, was da gezeigt werden darf und was nicht. Wie soll man sich das sonst vorstellen??? „Oje, jetzt haben wir diesen NSFW-Raum, den sind wir ja praktisch gezwungen, mit Hardcore-Pornos zu füllen“?

Einigen Leuten fiel zudem auf, dass sich ein User, der regelmäßig den NSFW-Raum mit Porno-Bildern flutet, den Nickname „Daddy“ gegeben hat. Der anschließende Mini-Shitstorm war das bisher verdrehteste, was ich im Norman’schen Dunstkreis bisher mitbekommen habe. Einige vermuteten hinter dieser Person einen Pädophilen – was natürlich mit einem dämlichen Nick als einzigen „Beweis“ ziemlicher Blödsinn ist. Die Gegner dieser Unterstellung schafften es dagegen, dieses Niveau noch deutlich zu unterbieten.

daddy mod neu

Er hat mit ihm geredet, also kann er ja kein Pädo sein. Wer kennt schließlich nicht diesen klassischen Witz: „Woran erkennt man einen Pädophilen? – Er wird dir davon erzählen. Ständig!“

Und Norman selbst hatte dazu folgendes zu sagen:

Äh, ja. Weil ein Sechszehnjähriger ja niemals pädophil sein kann.

Aber Moment… 16? Ähm… ein paar Fragen:
– Warum ist ein Sechszehnjähriger Mod?
– Warum ist ein Sechszehnjähriger „Helferlein“?
– Warum ist ein Sechszehnjähriger „Nachtwächter“?
– Warum gammelt ein Sechszehnjähriger in einem Chatroom herum, der laut Normans eigener Aussage ab 18 ist – und postet da auch noch einen Fetisch-Porno nach dem anderen???

Nochmal: Ihr könnt mich gerne prüde nennen. Aber ich finde die Vorstellung eines sechszehnjährigen Jungen, der, geduldet vom Betreiber, nichts besseres zu tun hat, als unter dem furchtbar peinlichen Namen „Daddy“ fast zwanghaft täglich dutzende, hunderte Pornobilder zu posten, die fast ausnahmslos Gewalt darstellen und auf denen Frauen (und zwar NUR Frauen – von wegen „ausgeglichenes Geschlechterverhältnis“. Wenn es um sexuelle Dominanz und Demütigung geht, sind die Rollen ganz klar verteilt) erniedrigt werden – und das in einem Discord, der angeblich ein Safe Space für Minderjährige und/oder psychisch Kranke sein soll!!! – äußerst verstörend. Zwar glaube ich nicht mal wirklich, dass „Cedric“ dahingehend ein ernsthaftes Problem hat – viele Jugendliche durchlaufen seltsame Phasen, aus denen sie von selbst wieder heraus wachsen – aber muss man das auch noch durch Ignoranz ermutigen und ihm Posten zuweisen, die ihn trotz offensichtlich fehlender Reife in eine Machtposition bringen? Wer schützt die anderen User? Und wer schützt „Cedric“ vor sich selbst? Der Junge ist verdammt noch mal erst 16 Jahre alt. Kann das gesund sein, sich in einem Alter, in dem viele noch nicht mal richtig gefummelt haben, mit so viel Hardcore-Müll das Gehirn zu grillen? Wer ordnet das für ihn ein? Wer sagt ihm, dass Pornos nicht die Realität abbilden? Wer redet mit ihm über Konsens und Respekt? Wo sind, verdammt noch mal, die Erwachsenen, die in diesem furchtbaren Schweinestall mal so etwas wie Verantwortung übernehmen?

Die traurige Nachricht ist: Die Erwachsenen sind da, es ist ihnen nur egal.

Ich weiß nicht, was ich schlimmer finden soll: Diese vollständige Gleichgültigkeit bei gleichzeitiger Realitätsverweigerung oder der davor angesprochene Fatalismus beim Thema Jugendschutz.

Davon ab muss ich an dieser Stelle eines klar stellen: Der Discord wird nicht „ziemlich gut“ moderiert. Er wird im Gegenteil eigentlich ÜBERHAUPT NICHT moderiert. Norman selbst schrieb immer wieder explizit, dass die teils minderjährigen Mods („Daddy“ ist nicht der einzige) nur für den technischen Aspekt zuständig sind. Die, äh… ich nenne es mal „seelsorgerische Arbeit“ wird stattdessen geleistet von sogenannten „Helferlein“, ein Titel, der anscheinend völlig wahllos vergeben wird.

Ich muss leider sagen, dass ich mich in diesem Discord fast nicht zurecht gefunden habe. Ja, ich bin alt, aber was soll ich machen. Ich finde es furchtbar unübersichtlich für etwas, was im Grunde auch nur die Funktion eines Forums erfüllt – mit dem Unterschied, dass ein Forum deutlich leichter überschaubar und zu moderieren ist, während die Chatverläufe anscheinend sogar automatisch gelöscht werden, sobald sie wenige Tage alt sind. Da den Überblick zu behalten, welcher User sich wiederholt daneben benimmt, um einschreiten zu können… ich halte das für unmöglich. Diese Plattform beherbergt eine viel zu große, wahnsinnig heterogene Community, die zudem von zu wenigen freiwilligen Mitarbeitern mehr schlecht als recht – beziehungsweise im Grunde gar nicht – gebändigt wird.

Zusammen mit der Fahrlässigkeit, Schreibrechte ohne Registrierung zu vergeben, ist diese für jeden offene Plattform ein unmoderierbares Monstrum. Jeder kann sich vorstellen, wie anziehend so ein Angebot auf Trolle wirkt – oder echte Triebtäter auf der Suche nach verletzlicher, leicht beeindruckbarer Beute. Hier von einem Safe Space zu reden, während gleichzeitig minderjährige Mods ganze Chatrooms mit ihren verstörend expliziten Wichsfantasien überschwemmen, ist eine unfassbare Lächerlichkeit. Das ist, als würde man während einer Zombie-Apokalypse eine Grundschulklasse stolz in seinen „sicheren“ Bunker einladen und danach die Tür sperrangelweit aufstehen lassen – und dabei auch noch bewusst die Werwölfe ignorieren, die es sich schon seit längerer Zeit im Besenschrank bequem gemacht haben.

Lieber Kinder, Hardcore-Gewaltpornos bitte nur im Bereich für Hardcore-Gewaltpornos posten. Ordnung muss sein. Wir sind hier schließlich ein Safe Space.

Die Vorwürfe, auf Selbstmordandrohungen würde nicht adäquat reagiert, kann ich persönlich nicht bestätigen. Dazu hätte ich mich viel länger in diesem Discord umsehen müssen. Aber wenn schon so absolute Basics wie ein Verbot pornographischen Materials nicht funktioniert, zweifle ich nicht im Geringsten daran, dass diese Vorwürfe zutreffen.

Die Pubertät ist eine beängstigende Zeit. Ein Raum, in dem Teenager sich offen über Fragen die Sexualität betreffend austauschen, ihre Ängste und Wünsche artikulieren können, wäre meiner Meinung nach eine super Sache, sofern sie richtig moderiert wird. Stattdessen akzeptiert Norman die kleine Schmuddelecke in seiner ach so herzerwärmenden Selbsthilfegruppe stillschweigend, öffnet damit der Gefahr des Missbrauchs Tür und Tor und nimmt bewusst in Kauf, junge Überlebende sexueller Gewalt zu retraumatisieren. Geäußert hat er sich lediglich zu dem Vorwurf, dort würden minderjährige User Nacktbilder von sich selbst posten, was aber maximal ein Nebenkriegsschauplatz ist. And the rest is silence.

Anders als viele andere bin ich nicht der Meinung, dass eine solche Plattform grundsätzlich von Experten geführt bzw. überwacht werden sollte. Mit dem Zwang zur Registrierung, einer ordentlichen Netiquette, vertrauenswürdigen Mods, die diese durchsetzen, und einer technisch geeigneten Plattform ist das alles machbar. Stattdessen gibt es in dieser „Gruppentherapie“ nichts davon, was dieses „niedrigschwellige Angebot“, das meiner Meinung nach einzig der Profilierung seines Betreibers dient, zu einer vollständigen Katastrophe macht. Da gab es schon vor fast 20 Jahren bessere Angebote im deutschen Raum für psychisch Kranke, aber ein normales Forum ist scheinbar heutzutage nicht mehr cool genug oder so.

Momentan ist der Discord geschlossen, aber Norman hat schon angekündigt, ihn bald wieder für den normalen Publikumsverkehr zu öffnen. Ob sich dann etwas geändert und der ein oder andere User mal ein paar ernste Worte zu hören bekommen hat, wage ich zu bezweifeln.

Was bleibt mir am Schluss noch zu sagen?

Nein. Einfach nein.

Eigentlich sollte der Discord nur ein Punkt von vielen sein, über den ich schreiben wollte, aber da der Beitrag jetzt schon so lang ist, muss ich ihn splitten. Im nächsten Teil geht es darum, warum schon sein Name eine Frechheit ist und was hinter seinem Aktivismus steckt: klick


Thementage Depression:

Teil 1: Warum die Suche nach einem Therapieplatz für jeden Depressiven eine absolute Zumutung ist
#SuchDirHilfe – Aufruf und Appell

Teil 2: Es besser machen – wie eine Therapiesuche aussehen könnte

Teil 3: Hürde Mensch – über psychotherapeutische Erstgespräche


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„Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Hier finden Sie Hilfe.“

Dieser Artikel erschien erstmals am 1. August 2017 bei „Die Kolumnisten“

Diesen Satz habe ich die letzten Tage so oder ähnlich dutzende Male gelesen. Er findet sich zusammen mit den Nummern der Telefonseelsorge am Ende fast jeden Artikels zum Tode Chester Benningtons, der sich am 20. Juli das Leben genommen hat. Dieser kleine Zusatz ist die wohl sichtbarste Maßnahme, zu der sich viele Redaktionen seit Jahren selbstverpflichtet haben, um den Werther-Effekt zu vermeiden.

Der Werther-Effekt: Benannt nach Goethes tragischer Romanfigur beschreibt er die messbare Zunahme der Selbstmordrate in der Bevölkerung nach Suizidmeldungen. Aus diesem Grund empfiehlt der Deutsche Presserat, über Selbstmorde nur zu berichten, wenn sich das – wie bei einem Musiker mit Millionen Fans – nicht vermeiden lässt. Für solche Fälle gibt es wiederum einen von der Deutschen Depressionshilfe heraus gegebenen Katalog mit Richtlinien, welche die Gefahr der Nachahmung minimieren.

Nachahmungstaten sind tatsächlich deutlich zurückgegangen, seitdem sich zumindest die seriösen Medien daran halten. Der Grund ist offensichtlich. Wer will sich schon vorwerfen lassen, indirekt für den Tod von Menschen verantwortlich zu sein, noch dazu, wenn diese psychisch krank sind? Also werden Details zur Tat ausgespart, bei der Berichterstattung Distanz gewahrt, Hilfsangebote ergänzt. Und während der Richtlinienkatalog vorbildlich befolgt wird, erklärt man Kollegen und Lesern auch gleich wieso. Schreiben über den Werther-Effekt – sehr meta, aber auf diese Gefahr muss einfach hingewiesen werden.

„Hier finden Sie Hilfe.“ Leider kann ich nicht sagen, wie viele Selbstmorde durch dieses mustergültige Beispiel journalistischen Verantwortungsbewusstseins verhindert worden sind. Ich weiß nur, dass in den neun Tagen zwischen Benningtons Tod und dem Schreiben dieser Zeilen 246 Menschen in Deutschland Selbstmord begangen haben.

Mediale Belanglosigkeit

Zweihundertsechsundvierzig, im Schnitt natürlich. 27 jeden Tag, einer alle 53 Minuten. Insgesamt 10.000 jährlich. Die Zahl der versuchten Selbstmorde ist zehnmal so hoch, Dunkelziffer nicht mitgerechnet. Und 90% dieser Suizide betreffen Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Auch diese Zahlen liefert die Deutsche Depressionshilfe, sie stammen aus demselben Medienguide, in dem auch der Werther-Effekt beschrieben wird. Doch während die Infos dazu aufgeregt geteilt werden, ist diese unglaublich hohe Zahl an Selbstmorden keine große Meldung wert. Wieso auch, die Rate schwankt seit Jahren kaum und anders als die Tode durch den Werther-Effekts kann ein Journalist diese ja wohl nicht verhindern. Leute bringen sich eben auch um, ohne dass ein Star ihnen das vormacht. Leider.

Als depressiver Mensch, wie ich einer bin, leidet man ja zeitweise unter der fixen Idee, ein wertloser Schwächling zu sein. Bei all der Unwissenheit und Ignoranz, die sich nach Benningtons Tod wieder Bahn brach, ist das auch sehr leicht. Depression? Jeder ist doch mal traurig. Reiß dich halt zusammen!

Margarete Stokowski hat vor einigen Tagen gegen solche dämliche Ergüsse einen Artikel geschrieben. Mir hat er nicht besonders gefallen. Nicht nur beschreibt sie darin eigentlich Selbstverständlichkeiten (man staune – Depression ist tatsächlich eine ernste Krankheit! Ob diese schlichte Feststellung irgendeinen Internettroll nachhaltig überzeugt hat, wage ich zu bezweifeln) – sie liefert damit auch absolut nichts Neues. Solidarische Artikel dieser Art sind seit Jahren das einzige, was sämtliche Medien zu diesem Thema zustande bringen, gut gemeint, schlecht gemacht, immer neu aufgegossen, ohne Tiefgang. Fertig ist die neue „Depressionsdebatte“, als Sommerlochthema durchaus brauchbar.

„Die Betroffenen glauben, der Suizid sei ihr letzter Ausweg (…) ein krankheitsbedingter Irrtum: Es gibt Hilfe,“ schreibt Stokowski in diesem gefeierten Text. Für mich war der Satz ein Schlag in die Fresse. Hilfe? Ob sie damit wohl die Telefonseelsorge meint, die auch am Ende dieses Artikels wieder erwähnt wird? Die Telefonseelsorge, übrigens ein ehrenamtlicher Verein unter kirchlicher Trägerschaft, der kaum staatliche Mittel erhält und fast nur von Spenden lebt, rettet täglich Menschenleben, aber kein Telefongespräch kann eine psychische Krankheit heilen. Hilfe dieser Art können nur ausgebildete Psychologen bieten. Wenn man sie denn lässt!

Stokowski und all ihre Kollegen glauben offensichtlich, dass die Krankheit nur ihr Stigma verlieren muss und alle Probleme wären gelöst. Zumindest wäre dann ja der Weg frei zu einer Behandlung, vor der Betroffene dann nicht mehr aus Scham zurück schrecken würden.

Diese Scham existiert, ich kenne sie selber, aber der Rest ignoriert offensichtliche Missstände so gründlich, dass es mich jedes Mal erneut fassungslos macht.

Meine Depression wurde mit 20 diagnostiziert, vor 12 Jahren. Seitdem scheitere ich daran, eine adäquate Behandlung zu finden. Die Wurzel dieses Scheiterns liegt in der Krankheit selbst: völliger Antriebsmangel. Dieser lähmende Zustand, der gerne mit Faulheit verwechselt wird, ist für Nichtbetroffene schwer nachvollziehbar, aber dieser Text ist nicht dazu da, gesunden Menschen ein authentisches Gefühl von der Krankheit zu vermitteln. Es reicht, die Symptome zu kennen – und schon wird ersichtlich, wo die echten Probleme liegen.

Niemand kann einen Depressiven zwingen, sich Hilfe zu suchen, wenn dieser das nicht will. Doch ist dieser Entschluss gefasst, folgt eine Odyssee, die von jedem Betroffenen eigentlich haargenau das abverlangt, woran es ihm durch die Krankheit mangelt. Es ist, als ließe man einen Mann, der beide Beine verloren hat, erst das Matterhorn hoch kriechen, bevor auf dem Gipfel angekommen nagelneue Prothesen auf ihn warten.

Ein Sadismus, den Depressive aber über sich ergehen lassen müssen – und für den die Krankenkassen verantwortlich sind.

Der Sadismus der Krankenkassen

„Es gibt Hilfe.“ Selbstverständlich: Die Therapie einer potentiell tödlichen Krankheit wie Depression wird von der gesetzlichen Krankenkasse übernommen. Soweit die Theorie. Bis es soweit ist, vergeht aber Zeit, und davon viel. Sofern man nicht schon am Telefon abgewimmelt wird, sind je nach Standort Wartezeiten bis zu 6 Monaten absolut üblich, in manchen Regionen dauert es sogar noch länger. Und das bezieht sich lediglich auf das Erstgespräch – in dem eigentlich nur festgestellt werden soll, ob Therapeut und Patient überhaupt miteinander klarkommen. Wie hoch allerdings die Hemmschwelle ist, einen unpassenden Therapeuten abzulehnen, auf den man so lange warten musste, ist leicht vorstellbar. Die Folge: fruchtlose Sitzungen, eine Therapie, die nicht hilft. Eben das erlebte ich, als ich gut 10 Jahre nach meiner Diagnose endlich eine ambulante Therapie beginnen konnte. Ich habe sie inzwischen abgebrochen.

Anders als häufig angenommen ist diese Situation kein Schicksal, dem man sich einfach fügen muss, weil nun mal in Deutschland nicht genügend Therapeuten existieren. Das Gegenteil ist richtig: Therapeuten gibt es reichlich – Kassensitze sind dagegen Mangelware. Die Anzahl dieser Sitze beruhen auf Bedarfsrechnungen der Krankenkassen, die nicht einfach nur veraltet sind, sondern auch schon zum Zeitpunkt ihrer Erhebung viel zu niedrig angesetzt waren.

Hinter solchen Rechnungen steckt ein kompliziertes System, aber man muss wirklich kein Experte sein, um zu erkennen, dass bei so langen Wartezeiten ganz offensichtlich mehr Kassensitze nötig sind. Genau diese Tatsache streiten die Kassen jedoch seit Jahren ab. Sie treten dabei auf wie Olaf Scholz, der in Anbetracht dutzender Zeugenvideos von prügelnden Polizisten weiterhin stur auf seinem Standpunkt beharrt, Polizeigewalt hätte es während G20 nicht gegeben. Die Kassen gehen allerdings noch einen gewaltigen Schritt weiter: Sie phantasieren eine Überversorgung herbei. So absurd, dass man darüber lachen müsste, wenn es hierbei nicht um kranke Menschen ginge, die während der langen Wartezeit nicht gesünder werden. Und anders als bei Olaf Scholz bleibt der kollektive Spott in den sozialen Medien aus.

Nun gibt es gesetzliche Vorgaben, um die Kassen für falsche Bedarfsrechnungen zu bestrafen: Wer unzumutbar lange auf einen Therapieplatz bei einem Kassentherapeuten warten müsste, kann sich eine Privatpraxis suchen und die Kosten (50-150 Euro pro Sitzung) dafür von der Krankenkasse zurück fordern. Aber auch das ist bloße Theorie.

Was bedeutet „unzumutbar“? Wie viele Absagen sind nötig, um sich für eine Kostenerstattung zu qualifizieren? Patientenvertreter finden: 3-5 Absagen sollten reichen. Halten müssen sich die Kassen an solche Empfehlungen allerdings nicht. Selbst wenn man alles richtig macht – heißt, den gesamten bisherigen Weg lückenlos dokumentiert, sich die Absagen der Kassentherapeuten schriftlich aushändigen lässt und bereits die Bestätigung eines Facharztes (auch hier gibt es allerdings exorbitante Wartezeiten) eingeholt hat, der die Dringlichkeit einer Therapie bescheinigt – werden 80% der Erstattungsanträge abgelehnt. Und das muss man schon fast Glück nennen: Wohl Dank des Internets, durch das sich Patienten leichter über ihre Rechte informieren können, hat sich die Zahl dieser Anträge seit Anfang des Jahrtausends zwar verfünffacht, aber sie werden bewusst verschleppt.

Achtzig Prozent. Das heißt nicht, dass ein zweiter (dritter, vierter, fünfter) Versuch nicht erfolgreich sein kann. Aber da hartnäckig zu bleiben, den Papierkram zu bewältigen – da würden auch viele gesunde Menschen kapitulieren. Als würde man dem Mann ohne Beine auf dem Gipfel des Matterhorns sagen: „Schön, dass du es geschafft hast, aber die Prothesen kriegst du erst, wenn du jetzt auch noch den Mount Everest besteigst. Und dieses Mal darfst du nur eine Hand benutzen.“ Ja, total zumutbar.

Im Januar 2016 wurden von den Krankenkassen Servicestellen eingerichtet zur zeitnahen Vermittlung von Facharztterminen. Innerhalb von vier Wochen sollen Patienten künftig Termine bekommen. Darüber wurde auch berichtet. Was vielen dabei allerdings nur eine Randnotiz wert war: Psychotherapeuten wurden aus dieser Regelung ausgenommen.
Nun weiß ich selbst, wie ätzend eine Facharztsuche ist. Aber als ich einmal einen Nuklearmediziner brauchte, bin ich dafür ins Krankenhaus gegangen. Ich musste zwar ein paar Stunden warten, aber dann wurde ich am selben Tag behandelt. Diese Möglichkeit haben Menschen mit körperlichen Erkrankungen oder Verletzungen jederzeit, wenn es dringend ist, aber für Depressive gibt es sowas nicht. Eine Psychiatrie ist da keine Alternative, dort finden keine Therapien statt. Man wird in einem sehr stressigen Umfeld verwahrt, stabilisiert und dann irgendwann wieder heim geschickt – ohne weitere Behandlung.

Erst am 1. April 2017 haben die Kassen diese neue Regelung ausgeweitet. Seitdem müssen die Therapeuten zwei Stunden die Woche für Sprechstunden freihalten, außerdem müssen sie 200 Minuten wöchentlich telefonisch erreichbar sein, wobei letzteres auch auf eine Praxishilfe abgewälzt werden darf. Unter Umständen soll also eine Sprechstundenhilfe, die im Regelfall keinerlei psychologische oder therapeutische Ausbildung hat, während eines Telefonats entscheiden, ob ein Patient wirklich krank ist oder nicht. Wow, ob das nicht schon fahrlässig ist?
Die Sprechstunde dagegen ist eine ganz hervorragende Idee. Dann kann man sich seine Absage in Zukunft persönlich abholen – an den Wartezeiten für die Behandlung selber hat sich nämlich nicht das Geringste geändert. Wie sollte es auch, wenn die Zahl der Kassensitze gleich geblieben sind – und jedem dieser Therapeuten jetzt auch noch zwei Stunden in der Woche fehlen?

Nutzt eure Macht. Wofür habt ihr sie sonst?

„Es gibt Hilfe.“ Nein, die gibt es nicht. Dafür fehlen die Kassensitze und die Alternativen werden nicht genehmigt. Therapeuten protestieren regelmäßig dagegen. Die Krankenkassen wissen das, auch wenn sie es leugnen. „Man kann von solchen Wartezeiten nicht auf eine Unterversorgung schließen.“ Ja, worauf denn dann? Nicht einmal wirtschaftlich macht das Sinn: Eine unbehandelte Depression verursacht in der Folge wesentlich höhere Kosten als eine Therapie – durch Arbeitsausfälle, Klinikaufenthalte, Selbstmorde. Für die Kassen, für die Allgemeinheit. Es ist furchtbar, den Wert eines Menschenlebens aufzurechnen, aber in diesem Fall wäre eine streng kapitalistische Denkweise, darauf ausgelegt, Menschen schnell gesund und damit arbeitsfähig zu machen, tatsächlich die barmherzigste.

All das ist bekannt. Über all das wurde auch schon berichtet. Aber setzt man diese Berichterstattung in Relation zu dem Getue um den Werther-Effekt oder der Menge an gefühlsduseligen Artikeln über das harte Schicksal Depressiver, frage ich mich ernsthaft, wie es aktuell um das Selbstverständnis von Journalisten bestellt ist. Dummen Internettrollen zu erklären, dass eine Depression ja schon schlimm ist – habt ihr wirklich davon geträumt, als ihr diesen Berufsweg eingeschlagen habt und Teil der vierten Gewalt des Staates wurdet? Oder wolltet ihr eure Macht nicht sinnvoll einsetzen, um gnadenlose Reportagen zu liefern, welche die da oben zum Zittern bringen, pointiert, investigativ, knallhart recherchiert?

Die Aufgabe von Journalisten besteht auch darin, Missstände anzuprangern. Nur handelt es sich bei der Unterversorgung psychisch Kranker durch die Krankenkassen um keinen Missstand. Wenn viele Menschen leiden und sogar sterben, weil sie keine Hilfe bekommen, spricht man von einer humanitären Katastrophe. Natürlich ist der Begriff eher bei Kriegen gebräuchlich, aber genau darum handelt es sich hier: Einen Krieg der Kassen gegen psychisch Kranke. Sie versorgen sie nicht, sie helfen ihnen nicht, sie lassen sie sterben. Und obwohl das alles offen liegt… fehlt dieser Aspekt in eurer Depressionsdebatte.

Wo bleibt da der Aufschrei? Die journalistische Verantwortung? „Es gibt Hilfe.“ Dieser kurze Satz ärgert mich mehr, als es ein ungebildeter Troll jemals könnte. Es gibt keine Hilfe. Und das ist kein „krankheitsbedingter Irrtum“, weil ich selber depressiv bin. Bei Chester Bennington mag das ja zutreffen, als reicher Rockstar konnte er sich ganz unbürokratisch die besten Therapeuten leisten. Aber andere, die dem deutschen Gesundheitssystem ausgeliefert sind, das im internationalen Vergleich vorbildlich ist, aber ausgerechnet bei diesem Thema so völlig versagt, haben diese Möglichkeit nicht. Offensichtlich kann eine Therapie nicht jeden retten, aber das entbindet die Krankenkassen nicht von ihrer Pflicht, es wenigstens zu versuchen – und die Medien nicht von ihrem journalistischen Auftrag, genau da einzuhaken und nachzubohren, immer und immer wieder. Bis die Kassen endlich einknicken oder die Politik sie dazu zwingt.

Bis dahin stirbt weiterhin alle 53 Minuten ein Mensch, dessen Tod man vielleicht hätte verhindern können. Trotz Telefonseelsorge, die ohnehin meist besetzt ist.

Hinweis: Ich habe diesen Artikel ursprünglich den „Kolumnisten“ angeboten, weil er mir extrem wichtig war und ich wollte, dass er oft gelesen wird. Da mich aber der Umgang der Verantwortlichen mit dem Thema sehr geärgert hat (es erschien ein absolut kenntnisfreier Folgeartikel, der mir widersprach und inhaltlich einfach fassungslos machte – dazu wollte ich eigentlich auch mal Stellung nehmen, aber haha, Depression und Antriebslosigkeit und so), habe ich mich jetzt entschieden, ihn nun auch hier zu veröffentlichen.

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Pommes für Julius Caesar

Zu jedem Lehramtsstudium gehören neben einem ganzen Haufen nutzloser Erziehungswissenschaftsseminare auch mehrere Schulpraktika. Nachdem ich mein erstes Praktikum in einer Grundschule abgeleistet hatte, führte mich mein zweites in eine Gesamtschule in der Provinz. Gemäß meinen Fächern interessierte ich mich dabei vor allen für den Deutsch- und Geschichtsunterricht.

In einer Klasse war ich besonders häufig, weshalb ich sie im Stillen bald nur noch „meine Sechser“ nannte. In den Wochen meines Praktikums saß ich bei den meisten Geschichtsstunden in der Klasse und hielt auch meinen erste eigene Unterrichtsstunde. Das Römische Reich kam gerade dran – ich durfte mit einem Abriss über den Gründungsmythos und die römische Götterwelt einsteigen.

Es ging nicht ganz so spannend weiter. In der Woche darauf sollten sich die Kinder selbstständig mit Arbeitsblättern beschäftigen rund um das Thema „Legionäre“. Eines der Blätter enthielt einen Text über den Alltag eines Legionärs. Darin wurde auch erwähnt, dass sich die Legionäre auf ihren Heereszügen weitgehend selbst versorgt haben.

Während ich gerade gegen meinen Tisch gelehnt dastand und die Arbeitsblätter überflog, schoss schräg vor mir eine Hand hoch. „Frau Schmi-hitt, womit haben die sich denn selbst versorgt? Was haben die denn gegessen?“

Sinnvolle Frage, fand ich. Aber Geschichtslehrerin Schmitt, eine schon etwas ältere Dame, schien ungehalten. Den Gesichtsausdruck kannte ich bereits zur Genüge, obwohl ich erst wenige Tage da war. „Was werden die schon gegessen haben?“ schnauzte sie. „Gemüse, Getreide, Kartoffeln…“

Der Schüler, der die Frage gestellt hatte, nickte und beugte sich wieder über sein Blatt.

Ich dagegen musste wild an mich halten, um nicht laut aufkreischend die Hände über den Kopf zusammen zu schlagen.

Mit knirschenden Zähnen stand ich da und sah mich plötzlich in einer Zwickmühle. Ich war ja nur die dumme Praktikantin, eigentlich grade gut genug, um durch die Klasse zu schlendern und zu kontrollieren, ob die Kinder auch wirklich arbeiteten, statt Galgenmännchen zu spielen. Nicht wirklich in der Position, die Lehrerin zu korrigieren – ihre Autorität zu untergraben.

Ich betrachtete den Hinterkopf des Schülers. Er war mir davor schon mehrmals aufgefallen. In der 6. Klasse, sprich, bevor die Pubertät voll einschlägt, sind die Kinder noch wahnsinnig wissbegierig, sie fragen nach, machen sich Gedanken, teilen laut ihre Überlegungen mit, sie wollen wirklich lernen. Bei diesem Bub war das ganz besonders der Fall. Er beteiligte sich immer rege am Unterricht bis zu einem Punkt, an dem es manchmal fast ein bisschen nervig wurde, so eifrig, dass er zwischen seinen Mitschülern deutlich hervor stach. Ich war mir sicher, dass er sich die Worte der Lehrerin ganz genau einprägen würde. Das gab schließlich den Ausschlag.

„Ääähm, Kartoffeln ja wohl eher nicht, ne?“ sagte ich zu Frau Schmitt – so respektvoll wie möglich, in einem leutseligen „Ach, das kann ja jedem mal passieren“-Tonfall, obwohl ich eigentlich entschieden anderer Meinung war: Ich fand es hochgradig peinlich.

Der Schüler blickte interessiert auf, während Frau Schmidt mich verständnislos anstarrte. „Hä, wieso?“
„Najaaa… es gab ja keine Kartoffeln im alten Rom. Die kamen doch erst mit der Entdeckung Amerikas nach Europa. Also, äh, über fünfzehnhundert Jahre später.“

Diese Erklärung muss eine Erinnerung beim Schüler getriggert haben, denn bevor Frau Schmitt irgendwas sagen konnte, platze es aus ihm heraus: Davon hatte er schon mal gehört! Da gab es doch mal einen „alten König“, der die Kartoffel in Deutschland eingeführt hatte. Aufgeregt erzählte er die Geschichte nach, er hatte sie wohl – wie ich – in der Grundschule gelernt. Bis auf den Namen des Königs (Friedrich II.) wusste er noch alles darüber.

Noch während er redete, breitete sich ein Grinsen auf meinem Gesicht aus. Ich freute mich über seinen Enthusiasmus und natürlich auch darüber, dass er sich diese Anekdote gemerkt hatte. Als er endete, blickte ich zu Frau Schmitt, die inzwischen neben mir und dem Jungen stand. Was ich erwartete, war ein Lob von höchster Stelle an den Schüler.

Stattdessen ignorierte Frau Schmitt ihn vollkommen und sah mich an. „Jetzt mal ohne Spaß,“ sagte sie, und aus jedem Wort triefte Verachtung, „das ist doch SO unwichtig!“

Dekadent? Nicht mal Pommes hatten die Armen! (Und Ketchup auch nicht)

Der Satz traf mich wie ein Vorschlaghammer. Es wäre eine Sache gewesen, mir das später unter zwei Augen zu sagen. Aber vor dem Schüler, der gerade sein Wissen demonstriert hatte? Kann man Kindern und ihren Lernerfolgen NOCH abschätziger begegnen?

Wenn es um meine Praktikumerfahrungen geht, ist das immer die erste Geschichte, die mir einfällt. Wie ich ausgerechnet jetzt darauf komme? Nun, gestern wurde ein Artikel auf Twitter herum gereicht, aus dem hervor geht, dass über 40 Prozent aller Schüler zwischen 14 und 17 Jahren nicht wissen, was „Auschwitz“ ist.

Was hat aber diese verheerende Zustand mit einem eigentlich doch verzeihlichen kleinen Anachronismus zu tun? Es ist die Aussage des Leiters der Stiftung, welche die Umfrage in Auftrag gab – und die ich für den Kernsatz halte: „Mit Sorge beobachten wir, dass es in der Mittelstufe in immer weniger Bundesländern Geschichte als eigenständiges Schulfach gibt.“

Denn es war kein Geschichtsunterricht, den ich besuchen durfte. Frau Schmitt hat auch nicht Geschichte, sondern Erdkunde studiert. Diese beiden Fächer werden in vielen Gesamtschulen in der Mittelstufe zum Fach „Gesellschaftswissenschaften“ zusammen gefasst – und in diesem Fall von einer Frau unterrichtet, die, wie sie mir bereits am ersten Tag anvertraute, von Geschichte leidenschaftlich gelangweilt war.

Dementsprechend war dann auch ihre Laune in jeder einzelnen Stunde. Sie ist allerdings kein Einzelfall. Mir ginge es umgekehrt nämlich ganz genauso. Ich würde zwar niemals einen so hirnlosen Spruch vor einem Schüler ablassen, aber allein der Gedanke, irgendwann vielleicht einmal Erdkunde unterrichten zu müssen, hat mich in regelrechte Panik versetzt. Wenn es ein Wissensgebiet gibt, von dem ich keine Ahnung habe, dann ist es definitiv Erdkunde. Ich kann kaum die deutschen Bundesländer richtig geographisch verorten. Die 16 Hauptstädte? Vergesst es. Ich kann mir sowas nicht merken, es interessiert mich auch überhaupt nicht. Erdkunde ist mein Kryptonit.

Und so jemand wie ich soll Kindern Erdkunde beibringen? Mir ist klar, dass zum Fach „Erdkunde“ sehr viel mehr gehört, als nur Orte auf einer Landkarte zu finden – aber das macht es ja nur noch schlimmer. Selbst mit einem durchquälten Geographie-Studium könnte ich nie den Vorsprung an Wissen aufholen, die eine Person mir voraus hat, die sich schon ihr ganzes Leben lang aufrichtig für das Fachgebiet interessiert.

Dazu gehören nun mal auch Funfacts und Anekdoten wie die vermutlich legendarische Geschichte vom Alten Fritz, der mit einer List die dummen Bauern dazu brachte, endlich Kartoffeln anzubauen. Mein Geschichtslehrer aus der sechsten Klasse, an den ich in letzter Zeit viel denken musste, weil er leider kürzlich gestorben ist, hatte so etwas tonnenweise auf Lager.

Er war nicht sonderlich beliebt, da sehr streng, aber im wahrsten Sinne des Wortes ein Geschichtenerzähler. Bei ihm hätte es nie dröge Arbeitsblätter gegeben – er hätte vom Leben der römischen Legionäre erzählt, als wäre er selber mit ihnen nach Gallien marschiert. Natürlich ist so ein Frontalunterricht heute gnadenlos verpönt, aber wenn er loslegte, hing ich an seinen Lippen.

Das war nicht sein einziger „Fehler“. Bei jeder einzelnen mündlichen Abfrage, zu der im Laufe des Schuljahres jeder Schüler mal verdonnert wurde, stellte er die Fangfrage, ob die Olympischen Spiele in der Antike auf oder am Fuße des Berges Olymp stattgefunden haben. Jeder meiner Erziehungswissenschaftsdozenten wäre entsetzt gewesen – solche hinterhältigen Fragen darf man vor allem so jungen Kindern nicht stellen. Und trotzdem war er einer der besten Lehrer, die ich jemals hatte. Ein Mann, der für sein Fach brannte, der mir zeigte, wie unfassbar spannend Geschichte sein kann. Ein Mann auch, der offen zugab, wenn er etwas nicht wusste, aber sich niemals zu der Aussage versteigen würde, dass es zu wissen unwichtig sei.

Eine Bildungspolitik, die offensichtlich glaubt, dass es im Prinzip egal ist, wen man vor eine Klasse stellt, um Fach X zu unterrichten, ist eine Katastrophe. Eine solche Politik zeugt nicht nur von einer abschätzigen Haltung den eigenen Uni-Absolventen gegenüber, sondern verkennt auch die Faktoren „Leidenschaft“ und „ehrliches Interesse“, die für Lehrer so viel wichtiger sind als die Methodenlehre, die uns im Studium eingeprügelt wird, obwohl diese ganzen übertrieben komplizierten Methoden niemand, auch die Schüler nicht, wirklich mag. Die schönste Methodik nützt nichts, wenn der Lehrer von dem Stoff, den er dadurch vermitteln will, keine Ahnung hat.

Eine solche Bildungspolitik ist dann auch mitverantwortlich dafür, dass eine rechtsradikale Partei in den Bundestag einziehen kann. Denn aus Schülern, die nicht mal wissen, was „Auschwitz“ ist, können keine reflektierten Wähler werden.

Damit schafft sich eine solche Bildungspolitik langfristig selbst ab – aber ich bezweifle, dass sie dann durch etwas besseres ersetzt wird. Selbst wenn ein Bernd Höcke im Gegensatz zu vielen anderen Politikern selber Lehrer ist.

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20 Jahre §177-Reform – Die halbe Geschichte eines Meilensteins

Vorgestern feierte meine Timeline das Jubiläum eines Meilensteins: Nach jahrelangem Ringen wurde am 15. Mai 1997 eine Reform des Paragraphen 177 (heute „sexueller Übergriff, sexuelle Nötigung, Vergewaltigung“) beschlossen. Gegen den Widerstand weiter Teile der CDU wurde damals der Begriff „außerehelich“ aus dem Gesetzestext gestrichen, womit Vergewaltigung in der Ehe nun endlich auch als solche justiziabel war. Dem voraus gingen endlose Debatten, die heute größtenteils schockierend und absurd anmuten und sich deshalb perfekt zu Demonstrationszwecken eignen – zeigt dies doch, wie hart einst für Rechte gekämpft werden musste, die uns heute selbstverständlich erscheinen, obwohl sie auf dem Papier noch gar nicht so lange existieren.

Ich war 12, als die Reform auf den Weg gebracht worden ist. Ich wusste damals nicht, dass Ehepartner bis dato vom Straftatbestand „Vergewaltigung“ nicht erfasst worden sind und war darüber schockiert. Umso wichtiger finde ich eine Erinnerungskultur in Form einer Berichterstattung 20 Jahre nach der Reform.

Und trotzdem stößt mir gerade diese Berichterstattung sauer auf. Es wird nämlich nur die halbe Geschichte erzählt.

Sehen wir uns dazu den §177 mal an, der bis zur Reform nur den Tatbestand „Vergewaltigung“ umfasste:

§ 177. Vergewaltigung.

(1) Wer eine Frau mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben zum außerehelichen Beischlaf mit ihm oder einem Dritten nötigt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren bestraft.
(2) In minder schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren.
(3) Verursacht der Täter durch die Tat leichtfertig den Tod des Opfers, so ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren.

Mit der Reform wurden die Straftatbestände „Sexuelle Nötigung“ und „Vergewaltigung“ zusammen gefasst, eine Vergewaltigung somit also zu einer besonders schweren Form der sexuellen Nötigung. Das neue Gesetz las sich dann nach einigen kleineren Korrekturen von 1998 bis 2016 (in gekürzter Form) so:

§ 177. Sexuelle Nötigung; Vergewaltigung.

(1) Wer eine andere Person

  • 1. mit Gewalt,
  • 2. durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder
  • 3. unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist,

nötigt, sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich zu dulden oder an dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft.

(2) [1] In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren. [2] Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn

  • 1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen läßt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung)

Wie bereits erwähnt wurde hier „außerehelich“ gestrichen. Gleichzeitig, und das fällt vielleicht nicht so deutlich ins Auge, wenn der Text mit den sexistischen Vorzeichen gelesen wird, die wir alle mehr oder weniger verinnerlicht haben, wird jedoch auch aus der „Frau“ in der älteren Version das geschlechtsneutrale „Person“. Und das, liebe Berichterstatter, bedeutet nichts anderes als das: Vor der §177-Reform konnten Männer laut deutschen Gesetz nicht vergewaltigt werden.

Ich möchte nun sicher nicht darüber streiten, welche Änderung bahnbrechender war. So argumentierte ein Kumpel gestern, ein betroffener Mann hätte zwar keine Vergewaltigung, wohl aber die schon vor 1997 geschlechtsneutral formulierte „Sexuelle Nötigung“ (damals §178) zur Anzeige bringen können. Allerdings gilt für Vergewaltigung in der Ehe ähnliches: Diese konnte auch schon vor der Reform als einfache Nötigung (§240) oder Körperverletzung verurteilt werden (weshalb die Behauptung, sie wäre vor 1997 „straffrei“ gewesen, strenggenommen falsch ist).
Aber das sind Feinheiten. Richtig ist ganz simpel: Bis 1997 konnte vor dem Gesetz eine Frau nicht von ihrem Ehemann und Männer im Allgemeinen von niemanden vergewaltigt werden.

Soweit die Fakten. Fragen bleibt dennoch:

Warum wird die Änderung Männer betreffend an keiner Stelle miterwähnt? Warum fällt die gegenüber der Vergewaltigung in der Ehe völlig unter den Tisch? Gibt es darüber nicht ähnlich zeithistorisch interessante Bundestagsdebattenschnipsel, welche den schweren Weg bis dahin nachzeichnen? Wie wurde DIESER Antrag aufgenommen, wer hat ihn zur Diskussion gestellt, wie lauteten die Gegenargumente? Und so weiter.

Jetzt könnte man aus antifeministischer Sicht argumentieren, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen nun mal als wichtigeres Problem wahrgenommen wird als gegen Männer. Aber selbst wenn man dieser Argumentation folgt, erklärt das in keinster Weise, warum auch aus Männerrechtler-Kreisen keine einzige Anmerkung zu dieser Reform gekommen ist. Stattdessen bin ich auf der Suche nach einer solchen einzig auf einen Eintrag zum §177 in der antifeministischen und sexistischen Datenbank WikiMANNia gestoßen, der allerdings die Reform weniger feiert als sie in verschwörungstheoretischer Manier negiert. Eine Sichtweise übrigens, mit der ich mich auch schon auseinander setzen musste:

Während ich mich also durchaus darüber ärgere, dass nur die halbe Wahrheit zu dieser dringend nötigen Reform den Weg in die Medien findet, besteht die Erinnerungskultur und damit Lobbyarbeit deutscher Männerrechtler mal wieder aus – genau – nichts.

Aber das ist ja nun auch nichts neues.

Quellen zur Straftatsbestandsgeschichte: lexetius.com

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Zur Wahl von Donald Trump – eine Analyse

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Inspiriert hiervon. Danke, Warren Ellis.

Wenn du den Schmerz ein wenig lindern willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee. Nur brauche ich in diesem Fall Schnaps, aber das ist hoffentlich auch ok.

Meta-Nazi

Langsam könnte man echt neidisch werden! Die Relevanz der guten Erzählmirnix ist inzwischen unbestreitbar, denn wieder hat sie es geschafft, sich ins Zentrum der Twitter-Aufmerksamkeit zu rücken.

Dieses Mal fanden wohl einige Feministinnen ihr Comic zu einen angedachten Schutzgesetz für Prostituierte ganz toll, während andere das zwar AUCH toll fanden, aber halt nicht, wenn es von dieser untollen Person kommt. Ergo: Egal wie toll man etwas findet, von generell untollen Personen teilt man keine Comics.

Soweit, so alltäglich. Leider. Nun scheinen dieses Mal aber viele nicht eingesehen zu haben, warum Erzählmirnix untoll sein soll, weshalb einige von denen, die das schon immer gewusst haben wollen, sich hinsetzten und eine Liste all ihrer Schrecklichkeiten auf Pastebin (was auch immer das ist) zusammentrugen. Diese wurde dann willfährig auf Twitter verbreitet, um Erzählmirnix‘ Followern und allen, die es wagen, ihre Comics zu teilen, zu zeigen, wie gar furchtbar sie doch ist (leider (chrchr) mit dem gegenteiligen Effekt, der ja auch üüüüberhaupt nicht voraus zu ahnen war). Sie selbst hat diese Liste mit dem wohlklingenden Namen „Diskriminierende Scheisze bei Erzählmirnix“, die manch Nichteingeweihter unbedarft für ein Best-of halten könnte, auch natürlich fix verbloggt und kommentiert.

Man muss diese Leistung, die hinter dieser Liste steckt, fast bewundern, denn Erzählmirnix kategorisiert ihre Comics selbst leider überhaupt nicht. Man stelle sich also eine oder mehrere Personen vor, die in geduldigster Kleinarbeit ihren gesamten Blog runterscrollen und hunderte ihrer Comics nach „diskriminierender Scheisze“ durchforsten.
Dass dabei doch nur so wenig gefunden wurde, spricht dabei jetzt nicht wirklich für die Ausgangsthese. Und betrachtet man die beanstandeten Werke, kommen erst Recht Zweifel am gesamten Projekt. So wird es wohl beispielsweise vermutlich auf ewig das Geheimnis der Erstellerinnen dieser Liste bleiben, was am antirassistischen Comic „Weil dieser Satz immer scheiße endet“ so besonders rassistisch sein soll.

Während also Twitter tobte, fiel mir eine Person in meiner Timeline auf, die zunächst einen unangebrachten Vergleich zwischen Erzählmirnix und Fefe in Zweifel zog, dann aber bei Ansicht der Liste sofort seine Konsequenzen zog: „Erzählmirnix entfolgt und geblockt“.
Es entspann sich eine kurze Diskussion mit einem anderen User, während dieser dann die erste Person als Erklärung einen Comic postete, der in der Liste unter „Rassismus und Bagatellisierung rechter Ideologie“ zu finden war.

Dies möchte ich nun zum Anlass nehmen, um ein wenig Interpretation zu betreiben, des Deutschlehrers täglich Brot. Der ein oder andere mag jetzt genervt aufstöhnen, aber wenn ihr bis zum Ende durchhaltet, werdet ihr mir vielleicht zustimmen, dass dies einer der wenigen Fälle sein dürfte, in denen ein Witz tatsächlich witziger wird, wenn man ihn erklärt!

Also sehen wir uns das beanstandete Werk doch mal an (mit freundlicher Genehmigung von Erzählmirnix):

erzählmirnix

Die Person hatte seine Interpretation schnell gefunden:

https://twitter.com/Walsonde/status/648823320763342848

Tja… „oder so“, ne.

Es mag wenig überraschen, dass ich dieser Deutung in keinster Weise folge, weil sie unstimmig und unsinnig ist.

Wieso? Dazu sollte man sich die Frage stellen: Wie interpretiert man richtig?

Betrachtet den Comic. Schüler würde man jetzt langwierig beschreiben lassen, WAS hier zu sehen ist, aber da das nicht sonderlich schwer ist, verzichte ich darauf jetzt mal. Von dieser reinen Ist-Beschreibung, die noch keinerlei Deutung enthalten sollte, springen wir also direkt weiter zur eigentlichen Interpretation.

Bei einer solchen – und es ist egal, ob es sich dabei um einen Prosatext, ein Gedicht oder wie in diesem Fall ein Comic handelt – ist es unerlässlich, sich den Sender, in diesem Fall die Autorin, anzusehen. Dazu ist der Kontext wichtig. Das trifft auf die Bewertung jedes möglichen heiklen Sachverhalts zu (und das Thema Nationalsozialismus ist IMMER heikel). So macht es selbstverständlich einen Unterschied, ob ich als Historikerin das N-Wort in einer Zitation in einem geschichtswissenschaftlichen Text verwende oder ob es unreflektiert in einem Kinderbuch auftaucht. Auch ist es was anderes, ob ein CDU-Politiker es während eines peinlichen Interviews von sich gibt oder ein schwarzer Rapper in einem Song über Rassismus.

Der Kontext ist hier schwierig, weil keiner mitgeliefert wird und der Comic dreieinhalb Jahre alt ist (das muss man sich mal reinziehen!!). Man muss sich also am Sender abarbeiten, denn natürlich würde es eine Rolle spielen, ob sowas von einem NPD-Vorsitzenden gezeichnet wird oder halt von einer Erzählmirnix.
Was wissen wir über sie? Oft kontrovers, vertritt sie doch beim Thema Nationalsozialismus und Rassismus eine ganz klare Linie, wovon nicht zuletzt das Comic zeugt, dass sie als Startcomic zu ihrem Blog gewählt hat. Da ich sie als Bloggerin seit Jahren verfolge, komme ich zu einer komplett anderen Deutung, die nicht mit ihrer Intention übereinstimmen MUSS, die aber WESENTLICH sinniger ist.

Ach, machen wir’s doch kleinschrittig: Was sehen wir hier?
Panel 1: Person A mag eine Blume.
Panel 2: Person B teilt ihr mit, diese sei von einem Nazi gepflanzt.
Panel 3: Person B wird verbal aggressiv, Person A kann nur stammeln.
Panel 4: Beide verschwinden, die Blume wurde offensichtlich zertrampelt.

Ließe man den Sender außer acht, würde ich @Walsonde für seine Interpretation tatsächlich noch eine 3 geben („oder so“). Aber auch ohne Sender macht er hier einen eklatanten Fehler: Er hält die Aussage von Person B für wahr. Zusammen mit der dargestellten Aggression und den harten Vorwürfen gegenüber Person A, für die „Diese Blume ist eine Naziblume“ offensichtlich eine neue Information ist, darf dieser Wahrheitsgehalt jedoch durchaus angezweifelt werden. Und nimmt man nun DOCH den Sender hinzu und bedenkt Erzählmirnix‘ Einstellung zu Nationalismus und allgemein, drängt sich mir folgende Interpretation auf:

Hier wird einerseits die Aggressivität kritisiert, mit der Menschen begegnet wird, denen wichtige Informationen fehlen und die daher diese Aggressivität bzw. den unterstellten Verwurf der „Mittäterschaft“ nicht verdient haben. Und andererseits – der für mich wesentlich wichtigere Punkt – die Haltung, das Label „Nazi“ nicht in Zweifel zu ziehen, obwohl es dafür keinerlei Beweise gibt.

Dieses Comic karikiert demnach die in einigen linken Kreisen kursierende reflexhafte Abwehrhaltung gegenüber dem Nationalsozialismus, die dahingehend übertrieben ist, dass selbst der pure Vorwurf des Nationalsozialismus so große Panik verursacht, dass es schon als Affront und irgendwie rechts gilt, Beweise für diesen Vorwurf zu verlangen.

Dieser Comic nun wird als Beleg für Erzählmirnix‘ Schlechtigkeit herangezogen, denn die betreffende Person liest darin eine Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen, denn „es war ja nicht alles schlecht bei Nazis“ („oder so“). Eine unstimmige und unsinnige Interpretation, die er nur tätigt, weil er den Sender außer Acht lässt und der linken Panik erliegt, alles, was VIELLEICHT „Nazi“ sein könnte, von dem man sich nicht sofort und aufs Heftigste distanziert, könne irgendwie auf magische Weise abfärben.

Ein Comic, das er so negativ und falsch las, weil es in einer Liste auftauchte, die es unreflektiert als „Nazi“ labelte.

Ein Comic, das genau diese Labelung und die hysterischen Reaktionen darauf zum Thema hat.

Moment.

Ähm…

Jaaaa…

Kapiert?

Das ist so meta – und UNFASSBAR WITZIG.

Und als finale Pointe:

erzählmirnix2

Tja..!

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Schulsport – ein Hurra auf ein unbeliebtes Fach

Guten Morgen, Robin! Da hab ich doch glatt eine Diskussion auf Twitter verpasst, welche die Gemüter hochkochen lässt, denn zu etwas, was jeder schon mal erlebt hat (bzw. erleben musste), hat natürlich auch jeder eine Meinung. Das Thema sind die Bundesjugendspiele! Ausgelöst wurde das durch folgenden Tweet:

Inzwischen ist die betreffende Petition tatsächlich ins Leben gerufen worden, aber das hat der Diskussion natürlich keinen Abbruch getan. Mittlerweile scheint sich das Thema teils auf Sport in der Schule allgemein ausgeweitet zu haben.

Ich finde es hochinteressant, in welch schöner Regelmäßigkeit dieses Thema hochkocht. Die perfekte Gelegenheit, endlich auch meine Meinung dazu in die Welt zu posaunen!

Ich werde mich hierbei aber hauptsächlich auf den Schulsport an sich konzentrieren, weil ich darüber schon seit längerer Zeit intensiv nachgedacht habe. Meine Meinung zu der Petition kommt am Schluss!

Warum überhaupt Schulsport?

Bei diesem Thema taucht über kurz oder lang immer die Frage auf, was Sport in der Schule überhaupt zu suchen hat, denn immerhin ist das nichts, was einem in irgendeiner Form im späteren Berufsleben nützlich ist.

Abgesehen davon, dass dieses Argument auf so ziemlich alle Fächer zutreffen kann, je nach dem, welchen Berufsweg man einschlägt, sehe ich den Sinn der Schule nicht in einer rein utilitaristischen Ausrichtung, nur dazu da, die Schüler als Humankapital für den Arbeitsmarkt vorzubereiten. In meinen Augen sollte die Schule breitgefächertes Wissen vermitteln, mit dem man im Alltag bestehen kann (mit der Option, manche Teilgebiete vertieft zu behandeln) und den Schülern gleichzeitig die Möglichkeit geben, ihre individuellen Talente zu erkennen.

Darüber hinaus muss das Schulfach Sport gerade in den letzten Jahren immer mehr Auswüchse eindämmen, die in unserer bewegungsarmen Gesellschaft leider auf dem Vormarsch sind. Die Kleinkinder von heute schneiden im Bereich Koordinationsvermögen deutlich schlechter ab als die Eltern- und Großelterngeneration im selben Alter. Gründe hierfür sind beispielsweise die fortschreitende Technisierung (die schon für die Kleinsten viele Alternativen zum „Draußen spielen“ bietet), der Leistungsdruck (der von den Eltern auf ihre Kinder projiziert wird – wenn der Wonneproppen später auf dem harten Arbeitsmarkt bestehen will, muss er schon frühstmöglich mit allen denkbaren Kursen gefördert werden, was dann leider zu Lasten der freien Spielzeit geht) und eine überbehütete Erziehung (durch genau die Eltern, die in ihrer eigenen Kindheit noch ganz andere Erfahrungen machen durften).

Das führt dann leider dazu, dass Kinder heute nicht mehr auf Baumstämmen balancieren können, keinen Purzelbaum mehr hinkriegen und es nicht schaffen, ein paar Meter Rückwärts zu laufen.
Naja… gibt schlimmeres, ne? Dafür haben sie immerhin auch weniger blaue Flecken oder gar Knochenbrüche, die man sich zwangsläufig zuziehen kann, wenn man draußen rumrennt, statt daheim in alle Ruhe PC zu zocken oder Geige zu üben.
Leider hat diese Art der Überprotektion eine ganze Reihe massiv negativer Nachteile, die den meisten Eltern überhaupt nicht bewusst sind. Dazu habe ich vor einiger Zeit einen wirklich ausgezeichneten SPON-Artikel gelesen. Auszug:

Statt nach der Schule dann ein, zwei Stunden im Freien zu toben, wie es Kinder und Jugendliche bräuchten, ziehen sie sich lieber zurück, vor Fernseher, Computer, Spielkonsole. Der daraus resultierende Bewegungsmangel ist Risikofaktor für praktisch alles: Soziale Interaktion mit anderen Kindern und Lernvermögen leiden. Zu wenig Bewegung lässt das Selbstvertrauen sinken, psychische Probleme nehmen zu. „Unsportliche Jugendliche erkranken fünfmal öfter anDepressionen als sportlich aktive“, berichtet der Grazer Kinder- und Jugendmediziner Peter Schober, „und ihr Suchtrisiko ist höher.“ Sogar ein Zusammenhang mit ADHS ist wahrscheinlich. So verbesserte sich der Zustand von aufmerksamkeitsgestörten Kindern, die der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther mit viel Bewegung und Herausforderung therapiert hatte, auch ohne Tabletten dramatisch – zwei Monate mit viel Arbeit auf einer Almhütte und käsen lernen hatten gereicht.

Unter dem Natur- und Bewegungsdefizit leidet die Gesundheit unserer Jugend. Kopf- und Rückenschmerzen, Haltungsschäden, Übergewicht und Essstörungen sind auf dem Vormarsch. Und Bewegungsmangel schafft Bewegungsprobleme: „Bei drei von vier verunfallten Kindern spielen motorische Defizite eine Rolle“, fasst Schober die Studienlage zusammen. Die Angst vor Beulen und die ständige Sorge um das Kindeswohl erschaffen letztlich also erst, was sie verhindern wollten: mehr Verletzungen, mehr seelisches Leid, mehr körperliche Probleme.

Link zum Artikel (Das Zitat befindet sich auf Seite 3, der Artikel ist aber in Gänze lesenswert!)

Schulsport ist für viele Kinder, kleine wie große, heutzutage oft die einzige Bewegung, die abgesehen von kleineren Fußstrecken oder (natürlich elterlich überwachten) Besuchen auf dem Spielplatz von ihnen gefordert wird. Wie so oft muss hier die Schule also einspringen, um Möglichkeiten zu bieten und Fertigkeiten zu vermitteln, welche die Kinder eigentlich ganz nebenbei im normalen Alltag lernen sollten.

Darum ist das Fach Sport nicht nur nicht unwichtig, sondern im Gegenteil sogar dringend nötig. Was uns dann aber zur nächsten Frage führt.

Warum kein Schulsport ohne Benotung?

Sehr viele sind der Ansicht, dass Sport durchaus weiterhin Schulfach bleiben sollte, aber die Benotung komplett abgeschafft gehört. Immerhin haben nicht alle Schüler das gleiche Talent für Sport. Schwache Schüler sollten also vor der negativen Erfahrung bewahrt werden, eine schlechte Note zu kassieren, selbst wenn sie sich sehr anstrengen! Wenn also eine Bewertung, dann höchstens die Mühe betreffend, die Schüler sich geben, unabhängig vom Endergebnis. Aber am besten doch gar keine Noten!

Soll das so sein? Dazu muss ich ein bisschen ausholen:

Ich studiere ja auf Lehramt, was bedeutet, dass ich neben meinen beiden Hauptfächern noch als drittes Fach Erziehungswissenschaften belegen musste, das ich bereits abgeschlossen habe. Überraschenderweise habe ich mich nicht nicht durch meine Seminare geschlafen, ohne das ein oder andere zu lernen.

Einer der wenigen Inhalte, die ich nicht für komplett nutzlos für die Lehrerausbildung erachte, war die sogenannte „Theorie der multiplen Intelligenzen“, die von dem Erziehungswissenschaftler und Psychologen Howard Gardner formuliert worden ist. Er geht davon aus, dass jeder Mensch nicht eine, sondern neun Intelligenzen in verschieden großer Ausprägung besitzt. Diese sind:

– Sprachlich-linguistische Intelligenz
– Logisch-mathematische Intelligenz
– Musikalisch-rhythmische Intelligenz
– Bildlich-räumliche Intelligenz
– Körperlich-kinästhetische Intelligenz
– Naturalistische Intelligenz
– Interpersonale Intelligenz
– Intrapersonelle Intelligenz
– existentielle-spirituelle Intelligenz

Wir kennen das ja aus Rollenspielen, egal ob Pen&Paper oder Computerspiel: Erstellt man am Anfang seinen Charakter, kriegt man eine Palette an Fähigkeiten, die für das Spiel notwendig sind, und eine gewisse Anzahl Punkte, die man auf diese Fähigkeiten verteilen kann. Die Punkte sind so bemessen, dass es unmöglich ist, einen perfekten Charakter zu erstellen, der in jeder einzelnen Disziplin brilliert. Man muss sich also entscheiden: Wenn der Charakter beispielsweise ein Meister der Magie sein soll, kann er nicht gleichzeitig ein herausragender Krieger sein. Ein Ass im Schwertkampf kann nicht außerdem den Bogen perfekt beherrschen. Und so weiter! (Natürlich kann die Punkte auch gleichmäßig auf alle Fähigkeiten verteilen, aber dann hat man halt einen profillosen, langweiligen Charakter. Also… für’s Spiel.)

Natürlich hat Gardners Theorie auch ihre Kritiker. Ich selbst bin sehr unglücklich über die Bezeichnung „Intelligenzen“, da ich Intelligenz unabhängig von individuellen Fähigkeiten für einen übergeordneten Wert halte und im vorliegenden Fall lieber von „Begabungen“ spreche. Aber ob man seiner Einteilung nun folgt oder nicht, gibt diese Theorie dennoch nicht nur Impulse bei der Entwicklung von Lehr-Lern-Einheiten (vulgo „Unterrichtsstunden“ 😀 ), sondern hat auch meinen Blick für die spezifischen Probleme jedes einzelnen Schülers geschärft.

Jahrelang war ich der gleichen Ansicht, die ich am Anfang dieses Punktes zusammen gefasst habe. Gerade in der Grundschule habe ich in Bezug auf den Sportunterricht nicht eine einzige positive Erinnerung. Ich war langsam und ein bisschen moppelig, traute mich nicht, ein Rad zu schlagen, was während einer denkwürdigen Schulstunde in einem Heulkrampf meinerseits endete, weil mich alle anderen deswegen auslachten, und war überhaupt sehr schlecht im Turnen.
Das änderte sich erst allmählich, bis ich mit der Zeit plötzlich sogar eine der Besten im Sport war. Die Inhalte waren anders (Mannschafts- oder Ballsportarten statt Leichtathletik und dieses dämliche Turnen) und in der Oberstufe durften wir sogar Sportarten auswählen, die zwei Jahre lang im Kurssystem unterrichtet wurden. Auch da war ich ganz vorne dabei und lieferte Glanznoten ab.

Dennoch: Die frühen Erfahrungen saßen tief. Wie ungerecht, dachte ich noch Jahre nach meinem Abschluss, dass hier Schüler schlecht bewertet werden, obwohl sie nichts dafür können, sportlich unbegabt zu sein.

Es dauerte viel zu lange, bis mir klar wurde, dass dies in jedem Fach der Fall ist.

Während ich in Sport versagte, war ich in der Grundschule die Beste in Mathe. Sowieso lerne ich viel leichter als andere. Ich erinnere mich an den Geschichtsunterricht in der 6. Klasse, in denen der Lehrer einen Schüler pro Stunde mündlich prüfte und ich völlig fassungslos zusah, wie einer nach dem anderen immer wieder in die selbe von ihm gestellte Falle tappte („Fanden die Olympischen Spiele in der Antike AUF dem Olymp oder AM FUSS des Olymps statt?“ – „Äh… auf dem Olymp?“ *headdesk*).
Mir war das unverständlich, ebenso wie ich nicht nachvollziehen kann, wie manche Leute einfache Texte lesen können, ohne zu kapieren, worum es dabei geht. Dafür bin ich eine absolute Niete in technischen Fragen. Ich habe in meiner Unikarriere bestimmt an die 20 Hausarbeiten geschrieben, aber ich muss jedes Mal neu googeln, wie man die Breite der Seitenränder ändert. Ich bin für sowas einfach unbegabt und darüber hinaus interessiert es mich auch einfach nicht. Ich weiß, dass man kucken soll, wo die Strombuchse ist, bevor man einen Nagel in die Wand schlägt, weil von dort aus die Leitungen zu den Steckdosen laufen, und viel mehr wird im normalen Leben Gott sei Dank auch nicht von mir verlangt. Solange ich nicht zu technikdoof bin, meine Playstation zu bedienen, bin ich glücklich!

Ein Schüler mit sportlich-kinästhetischer Begabung verdient genauso seine Erfolgserlebnisse wie ein Schüler, der gut in Deutsch ist oder dem in Mathe alles zufliegt. Sport ist das einzige Fach, dass Schüler mit einem solchen Begabungsschwerpunkt fördert. In jedem anderen Fach reicht es auch nicht aus, sich einfach nur besonders anzustrengen – dafür kriegt man keine gute Note, wenn die Hälfte der Antworten falsch ist. Maximal kann sich das positiv in der Mitarbeitsnote niederschlagen, aber dadurch wird aus einer 5 halt trotzdem keine 2. Und da JEDES Fach im Grunde ein Wettbewerb ist (Notenspiegel!), ist es schlicht nicht einzusehen, warum Sport hier die große Ausnahme sein soll.

Warum ist Schulsport so ein Drama?

Dies ist weder die erste Debatte, die ich zu diesem Thema mitkriege, noch wird es die letzte sein. Mein Eindruck ist, dass hier viele alte Verletzungen zutage treten, denn der Schulsport gehört für einige zu den schlimmsten Erfahrungen der Schulzeit.

Nun scheinen solche Debatten hauptsächlich in Akademikerkreisen stattzufinden – und da drängt sich mir dann ein Klischee auf, das möglicherweise einen wahren Kern hat: die Einteilung von Schülern in genau zwei Gruppen, nämlich Streber und Sportler, wie man sie so oft in amerikanischen Highschool-Filmen beobachten kann.

Nun ist das Leben kein Rollenspiel, das jedem Menschen am Tag der Geburt Fähigkeitspunkte zuteilt. Ich will damit selbstverständlich nicht sagen, dass jeder eine Niete in Sport ist, der einen Uniabschluss erreicht hat. Noch ist jeder Sportler in jedem anderen Bereich ein tumber Depp. Und natürlich gibt es auch genug Leute, die in beiden Bereichen gut sind (oder in beiden Bereichen schlecht). Aber zumindest eine Tendenz scheint sich mir hier abzuzeichnen – vielleicht auch aus Gründen der Erziehung oder Sozialisation, denn im deutschen Bildungssystem spielt Klassismus immer noch in eklatanter Weise eine Rolle.

Das macht die alten Verletzungen natürlich nicht besser. Trotzdem: Nur die wenigsten Menschen sind in allem gut. Jeder hat zumindest ein Gebiet, bei dem er völlig versagt. Aber wenn wir alle Fächer in der Schule streichen, die für einige Schüler aufgrund mangelnder Begabung einfach nur frustrierend sind und keinen Mehrwert bieten, können wir das System „Schule“ gleich ganz abschaffen.

Warum der Schulsport trotzdem eine Reform braucht

Eigentlich braucht ja unser ganzes dämliches Bildungssystem eine Reform, aber beschränken wir uns mal wirklich nur auf den Sport. Hier gibt durchaus es einige Baustellen, denn ich kritisiere nicht den Sportunterricht an sich, wohl aber die dabei verwendeten Methoden.

Möglicherweise werde ich hier von meiner eigenen Abneigung gelenkt, aber mir ist beispielsweise total schleierhaft, wofür Turnen gut sein soll. Natürlich, nur indem man die Kinder turnen lässt, findet man die zukünftigen Olympiastars dieser Disziplinen, aber, äh… sonst?
Diese Form der „Leibesertüchtigung“ geht auf die Kaiserzeit zurück, die sich doch nun wirklich niemand zurück wünscht. Und tragischerweise werden vor allem die Kleinsten mit diesem überhaupt nicht lustigen Müll traktiert. Wir jedenfalls haben in der Grundschule neben ein bisschen Leichtathletik NUR geturnt.
Warum nicht lieber etwas, das Spaß macht? Koordinationsvermögen lernt man genauso gut (oder eher sogar noch besser) beim Kicken, Gummitwist oder anderen Spielen. Bewegungslust im Sinne der Erlebnispädagogik sollte zumindest in der Grundschule überwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, spielerisch vermittelt werden und sich nicht an starren Regeln aus grauer Vorzeit orientieren. Noten kann man trotzdem vergeben.
Und dazu doch mal direkt ein Filmtipp!

Historisch ist das nicht wirklich korrekt und besonders tiefsinnig auch nicht, aber trotzdem ist das ein ganz unterhaltsamer Film (komfortablerweise komplett bei Youtube zu finden!) 🙂

Desweiteren ist absolut nicht einzusehen, warum man die Schüler selbst ihre Mannschaften wählen lässt. Dies ist IMMER ein reiner Beliebtheitswettbewerb und gehört für viele zu den demütigendsten Erinnerungen ihrer Schullaufbahn. Dabei macht dieses System schlicht keinen Sinn. Der einzige, der in der Lage ist, gut durchmischte, leistungsähnliche Mannschaften zu bilden, ist der anwesende Sportlehrer. Also sollte der auch verdammt noch mal seinen Job machen und die Mannschaften selbst zusammen stellen, allem Gemurre zum Trotz.

Auch scheint mir das alltägliche Mobbing im Sportunterricht unterdurchschnittlich oft sanktioniert zu werden. Als ich kein Rad schlagen konnte und deswegen gehänselt wurde, griff der Lehrer erst ein, als ich anfing zu heulen, aber die ganzen dummen Sprüche und das Gelächter meiner Mitschüler hat er stumm hingenommen.
Das ist absolut inakzeptabel. Jeder Schüler, der einen anderen auslacht, weil er beim Vorlesen herumstottert, wird im Deutschunterricht von der diensthabenden Lehrperson mit allergrößter Wahrscheinlichkeit zurecht gewiesen. Warum nicht dasselbe im Sport? Gerade der Mannschaftssport bietet viele Ansatzpunkte zur Vermittlung sozialer Kompetenzen. Diese Chance sollte genutzt und der Solidaritätsgedanke sowie die Stärkung des Gemeinschaftsgefühls in den Vordergrund gestellt werden.

Und letztendlich – um nochmal den Bogen zum Aufhänger zu schlagen – ist Sport als Wettbewerb an Schulen und auch schulübergreifend bei Großereignissen wie den Bundesjugendspielen zu überrepräsentiert. Warum gibt es Schulsportfeste, aber keine Schreibwettbewerbe? Warum Fußballturniere zwischen Parallelklassen, aber kein Naturwissenschaftsquiz? Das erzeugt den Eindruck, dass sportliche Begabung wesentlich wichtiger sei als alles andere – was nun mal bei all den Chancen, die der Sportunterricht bietet, auch nicht stimmt.

Misserfolg und (De)Motivation

Schulsport muss beibehalten werden, Schulsport gehört benotet wie jedes andere Fach auch – aber was nun, wenn ein todunglückliches Kind von den Bundesjugendspielen heimschleicht, eine Teilnehmerurkunde in der Hand?

„Multiple Intelligenzen“ hin oder her: Es kann kaum das Ziel sein, dieses Kind damit zu trösten, dass es halt einfach nicht gut im Sport ist, dafür aber andere Sachen ganz toll kann. Wie man an mir sehen kann, stimmt das einfach nicht – ICH hatte auch immer nur Teilnehmerurkunden und war später trotzdem ein Ass im Sportunterricht.

Hier muss man das richtige Maß finden zwischen Trost und Ermunterung. Denn die (Fehl)Vorstellung des Kindes, sowieso nie gute Leistungen erbringen zu können, wird mit hundertprozentiger Sicherheit dazu führen, es gar nicht mehr zu versuchen. Mit einer Selbsterfüllenden Prophezeiung dieser Art fördert man das Kind nicht etwa, indem man es dazu bringt, sich auf seine schon sichtbaren Talente zu konzentrieren, sondern nimmt ihm die Chance, sich zu entwickeln und zu verbessern. Andererseits ist es natürlich genauso belastend für das Kind, wenn es seinen Misserfolg allein auf persönliches Versagen zurück führt statt auf (zu diesem Zeitpunkt noch) fehlendes Talent.

Das ist ein Problem, das allerdings in der Kindererziehung bei jedem erdenklichen Misserfolg des Kindes immer wieder auftritt. Um diesen Balanceakt zu meistern kann man wohl keine konkreten Handlungsanweisungen geben, da jedes Kind anders ist. Sicher ist nur, dass noch mehr Demütigung keinen motiviert und man ein Kind gar nicht oft genug in den Arm nehmen kann. Dann sieht auch eine Teilnehmerurkunde nicht mehr ganz so schlimm aus 🙂

Ein kleiner Disclaimer zum Schluss, damit nicht (schon wieder) unbeabsichtigt der Eindruck entsteht, ich wolle hiermit jemanden angreifen: Die Idee zu diesem Beitrag trug ich schon lange mit mir herum, aber auch, wenn ich dem Großteil der Argumentation von „Mama arbeitet“ in ihrer Petition nicht folge, finde ich es trotzdem zum Kotzen, dass sie für ihren Standpunkt offensichtlich teils massiv attackiert wird.
Ich meine, Hallo!?!? Wir haben hier eine Mutter, der das Herz blutet, weil ihr Sohn traurig ist, und die sich Gedanken um eine Lösung macht – wie völlig durch muss man sein, um darauf mit Beleidigungen zu reagieren?!
Mein Beitrag, vor allem aber der erste Punkt, der sich mit schädlichen Erziehungsfehlern befasst, ist allgemein gehalten. In keinster Weise ist dies als Angriff an sie gedacht, denn auch wenn sie auf mich wie eine liebende, besorgte Mutter wirkt, weiß ich trotzdem nicht, wie sie erzieht und daher maße ich mir da auch kein Urteil an.
Und auch wenn ich nicht ihrer Meinung bin hoffe ich natürlich trotzdem, dass ihr Kleiner die Enttäuschung gut wegsteckt 🙂

Edit: Schoppe, immerhin schon ganz richtiger Lehrer, hat den Artikel in seinem Blog kommentiert: Wozu braucht man in der Schule eigentlich einen Körper?

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Abtreibung und Beratung. Teil 2: Ein Zwang, der eigentlich nur eine Pflicht ist und manchmal eine Chance sein kann

Teil 1

Die Beratungspflicht vor einer Abtreibung in Deutschland ist von feministischer Seite eigentlich kaum eine Diskussion wert, weil sich hier mal zur Abwechslung alle einig sind: Es handelt sich um eine bevormundende, sexistische Prozedur, eine reine Schikane gegen Frauen, die im besten Fall als Slutshaminng zu bewerten ist, im schlechtesten Fall aber beweist, dass wir offensichtlich immer noch für zu dumm und unselbstständig gehalten werden, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen.

Völlig ausgeblendet werden dabei jedoch Situationen, in denen ein solches Beratungsgespräch für Frauen praktisch lebensrettend sein kann – und die gar nicht zustande kämen, gäbe es keinen „Zwang“ dazu!

Die Frau Rat aus Teil 1 gibt’s eigentlich gar nicht. Ich habe sie erfunden. Genau wie diese Gesprächsprotokolle. Aber es wird wohl hoffentlich niemand abstreiten, dass es da draußen viele MüllerMaierSchmidts gibt, die in ähnlichen Situationen stecken!

Selbstverständlich ist der Beratungspflicht erstmal ein Eingriff in die Persönlichkeitsrechte der Frau. Allerdings gibt es unzählige Beispiele in unserem Staat, die seltsamerweise trotzdem nicht als „Zwang“ dämonisiert werden. Schulzwang? Gurtzwang? Klingt albern, ne – weil jedem klar ist, dass diese „Zwänge“ als freiheitliche Eingriffe dennoch einen größeren Nutzen als Schaden haben und außerdem die Erfahrung gezeigt hat, dass man hier nicht grundsätzlich auf Freiwilligkeit bauen kann. Das ist demnach absolut nichts ungewöhnliches.

Pflicht gegen den Zwang

Was allerdings zur Frage führt, ob hier überhaupt ein Schaden entsteht? Vor allem der Schwarzer-Feminismus, der noch aktiv gegen ein real existierendes Abtreibungsverbot kämpfen musste, stellte eine Abtreibung als medizinisch zu vernachlässigenden Eingriff dar (gefährlich nur, wenn er von „Engelmacherinnen“ durchgeführt wird). Verschiedene Gruppierungen vor allem aus dem fundamentalistisch-religiösen Bereich dagegen sprechen hier gerne von unsäglichen Traumata, die der Frau bei einer Abtreibung in jedem Fall entstehen. Die Wahrheit liegt wie so oft in der Mitte. Eine Abtreibung muss keine große Belastung darstellen, kann aber durchaus aufgrund gesellschaftlicher Umstände psychische Probleme verursachen. Zwangsabtreibungen haben da allerdings nochmal ein ganz anderes Niveau – und genau als solche bewerte ich Abbrüche aufgrund Drucks von außen.

Ein Beratungsgespräch als Pflichtveranstaltung bietet keine Sicherheit, aber wenigstens die Chance, solchen Frauen Hilfe zukommen zu lassen. Hilfe, die Betroffene nicht bekämen, gäbe es keinen Zwang – denn wer eine Frau oder ein Mädchen zu einer Abtreibung zwingt, hat sicher auch keine Skrupel, sie von einem freiwilligen Beratungstermin abzuhalten.

Erfordert es wirklich SO viel Phantasie, sich die drei obigen Szenarios vorzustellen? Ich hätte mir auch ein Dutzend ausdenken können. Man kann nicht einerseits immer behaupten, Frauen seien in unserer Gesellschaft vielfachen Sexismen ausgesetzt, dann aber andererseits felsenfest der Meinung sein, negative Einflüsse von Außen wären ausgerechnet nur bei diesem EINEN Thema nicht existent!

Antiklassistische Solidarität

Unwissenheit über finanzielle Ansprüche (wie in Fall 1) oder andere Vorgänge die Schwangerschaft betreffend (Fall 2) halte ich für einen weiteren Faktor, der in einem Beratungsgespräch eliminiert werden kann. Aber als ich mal zu diesem Thema was bei der Mädchenmannschaft postete, wurde mein Kommentar tatsächlich mit der Triggerwarnung „Klassismus“ versehen und weitere Kommentare nicht mehr freigeschaltet.

Das muss man sich mal reinziehen! Und das mir, die ich selbst von Klassismus betroffen bin!

Im Gegenteil ist es absolut klassistisch anzunehmen, alle Frauen hätten die gleichen Informations- und Handlungsmöglichkeiten und wären in keinem Fall Repressionen ausgesetzt, egal wie jung, ungebildet oder verunsichert sie sind. Die gleichgeschaltete MM-Rhetorik unterscheidet sich dahingehend nicht im Geringsten von der Argumentationslinie der Apologeten unseres sozial undurchlässigen Bildungssystems – nur gehen DIE davon aus, dass persönliches Versagen Aufstiege verhindert („hat sich halt nicht genug angestrengt“), während hier einfach unterstellt wird, jede Entscheidung für oder gegen eine Abtreibung sei total informiert und ohne Repressionen geschehen. Tja, vor dem Hintergrund haben Frauen, die nach diesem erzwungenen Eingriff leiden, halt einfach die Arschkarte gezogen, weil sie ja angeblich gar nicht existieren. Das ist nicht nur klassistisch, sondern diskriminiert auch noch psychische Erkrankungen!

Ein weiterer schöner Vergleich drängt sich mir da in Bezug auf die Diskussionen um das US-Gesundheitsreform auf. „Warum soll ICH gezwungen werden, Geld in eine staatliche Krankenkasse einzuzahlen? ICH mache das ja sowieso schon privat. Etwa nur um den Pöbel zu unterstützen, der zu dumm ist, sich selbst um seine Vorsorge zu kümmern? Vielleicht haben es solche Leute ja VERDIENT, an Krankheiten zu verrecken, deren Behandlung sie nicht bezahlen können?”
Ja, und vielleicht SOLLEN Frauen, die nicht den Bildungsstand haben, sich selbst durch den bürokratischen Dschungel zu wühlen, ja gar keine Kinder in die Welt setzen? Antiklassismus, Mädchenmannschaftsstyle?

Klar nervt das, zu so einem Gespräch gehen zu müssen, obwohl man selbst den totalen Durchblick über sämtliche Eventualitäten hat. Aber kann man dieses Opfer nicht mal aus Solidarität auf sich nehmen?

Eine Abtreibung ist kein Kindergeburtstag

Ich bin für das Recht auf Abtreibung, das es in Deutschland immer noch nicht gibt. Aber Abtreibungen sind dennoch nichts schönes. Ein solches Statement mag vor fünfzig Jahren von einer Feministin unmöglich gewesen sein, aber heute sind wir doch ein bisschen weiter und sollten auch Dinge ansprechen dürfen, die nicht zur politischen Agenda der 60er Jahre gepasst haben.

Unabhängig von der psychischen Verfassung der Frau wird hier nun mal potentielles Leben zerstört. Das ist schlimm, aber anders als Pro-Life-Spinner werte ich die Persönlichkeitsrechte eines erwachsenen Menschen (der Schwangeren) höher als die eines Zellhaufens, der sich erst zum Mensch entwickelt.
Dass er dies allerdings ziemlich sicher tun wird, wenn man ihn in Ruhe lässt, ist halt auch ein Fakt – und ich der Meinung, dass es keine unzumutbare Last ist, etwa eine halbe Stunde Zeit zu opfern, um die Entscheidung zur Abtreibung in einem Beratungsgespräch zu bestätigen, wenn damit mögliches Leben gerettet werden kann. Zumindest DAS hat der Fötus meiner Meinung nach verdient, egal, was später daraus wird.

Man kann nicht immer nur Rechte fordern, aber jedwede Pflicht, die sich daraus möglicherweise ergibt, konsequent ablehnen. Dazu zähle ich auch den Umstand, Abtreibungen nur bis zu einem bestimmten Zeitpunkt durchführen lassen zu dürfen und danach mit der Entscheidung leben zu müssen. Anders erhält man nämlich am Schluss keine emanzipierten Frauen, sondern verwöhnte Kackbratzen, die darauf insistieren, ihre gesunden Babys bis kurz vor der Geburt umbringen zu dürfen, weil den wankelmütigen Madames vielleicht halt mal ein halbes Jahr zu spät einfallen könnte, dass ein Kind ja jetzt irgendwie doch nicht so gut passt. Ist DAS etwa Eigenverantwortung und Selbstständigkeit?

Dass letztendlich eine Beratungspflicht nur Frauen trifft und sie deshalb sexistisch ist, kann dagegen halt auch kein starkes Gegenargument sein, wenn nun mal nur Frauen schwanger werden können.

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