Endlich enthüllt: Warum Frauen einfach kein Abseits checken!

Ich behaupte, es existiert keine Frau auf dieser Welt, die DEN dummen Spruch nicht schon mal gehört hat: Frauen verstehen Abseits nicht.

Heute beginnt mit der Fußball-Weltmeisterschaft das größte Turnier des deutschen Sportfans – und weil Fußball immer noch als die letzte Bastion testosterongeschwängerter Männlichkeit in unseren modernen Zeiten gilt, dreht sich in solchen Zeiten nicht nur der Ball, sondern auch das Bullshit-O-Meter. Es reicht halt nicht, dass unsere nationalen Damen in den letzten Jahren ihren männlichen Konterparts gezeigt haben, wie man ein solches Turnier gewinnt (mehrfach) und gleichzeitig die Menge an weiblichen Fußballfans zugenommen hat (deutlich), um den werten Herren zu beweisen, dass Frauen das Spiel sowohl aktiv wie auch passiv beherrschen können.

Aber ein Abseits-Spruch, das geht natürlich immer. Ein Brüller! Frauen und Fußball passt halt nicht. Und diese Scheiße muss natürlich schon so früh wie möglich eingepflanzt werden.

So hat dann auch die Zeitschrift MÄDCHEN ihre letzte Ausgabe dem Thema Fußball gewidmet. Ach ja… die MÄDCHEN. Seit wann ist die Zeitschrift so weichgespült? Als ICH noch ein Mädchen war, gab es da explizite Berichte über diverse Sexpraktiken zu lesen. Kann man scheiße finden (mich hat es damals verstört und fasziniert), aber wenigstens hat es an der Vorstellung gerüttelt, Mädchen wollen ja eigentlich immer nur kuscheln. Inzwischen wirkt das Heft wie „Bild der Frau Light“.

Fußballrelevante Themen dieser Ausgabe: Wie man sich für’s Public Viewing schminkt (offensichtlich, indem man kopfüber in einen Eimer mit schwarz-rot-goldener Farbe springt). Ein Poster mit Spielplan und den „sechs heißesten Fußballern“ (Ronaldo – würg). Eine Foto-Love-Story über eine Fußballmannschaft (natürlich männlich!) und Tussis, die Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um an die Jungs ranzukommen. Titel: „11 Kicker für Sophie“ (hat das Internet mich ruiniert oder klingt das für euch auch wie ein billiger Porno?). „Die MÄDCHEN Traum-11“ besteht aus unbekannten 0815-Typen, deren Bilder man für’s Voting einschicken konnte und die neben ihrem kleinen Steckbrief (in dem man z.B. erfährt, dass Florian, 18, es für ein No-Go hält, wenn ein Mädchen die Rechnung im Restaurant übernimmt) verträumt in die Kamera starren und irgendwie hat das auch was mit Fußball zu tun.

Und mittendrin: eine offensichtlich brandneue Kolumne, die in dieser Ausgabe ihr Debüt feiert: „Was denken Jungs über…?“

„Unser neues Expertenteam! Hier stellen sich die vier Jungs vor, die dir ab sofort ehrliche Antworten auf aktuelle und intime Fragen geben, die du dich vielleicht nicht zu stellen traust.“ – denn Mädchen, so wissen wir, sind ja grundsätzlich kleine verschüchterte Hascherl.

In dieser Ausgabe wird nun nach „Fußballmädchen“ gefragt. Aaaaber damit sind natürlich keine Mädchen gemeint, die Fußball spielen! Neinneinnein! Es geht nur um Mädchen, welche die Dreistigkeit besitzen, mit ihren männlichen Freunden die WM-Spiele gucken zu wollen. Aber selbstverständlich muss man vorher unbedingt abklären: IST DAS FÜR JUNGS ÜBERHAUPT OKAY?

Louis (sic), Lenny (SIC) Norik (SIC!) und Yunus (SIC!!!) beantworten also diese Frage. Nur Yunus, 14, findet Mädchen als Zuschauer okay. Lenny, 15, guckt lieber ganz alleine. Louis, 13, guckt nur mit Kumpels, weil Fußball für Mädchen ja nur Party ist und nicht Fußball. Und Norik, mit seinen 18 Jahren praktisch die graue Eminenz des „Expertenteams“, findet: „Auf keinen Fall!“ – denn er hat keinen Bock, den dummen Mädchen zu erklären, was Abseits ist. (Darüber hinaus findet er Mädchen, die Fußball spielen, „irgendwie unsexy“. An sich selbst mag er übrigens seinen Charakter und dass er mit allen Leuten super auskommt. Aja.)

Und da wären wir wieder. Dieser saudumme Spruch. Das ultimative Geschlechterklischee. Frauen und Abseits. Gröh-hö-höl.

Meine Kindheit habe ich sonntags neben den Fußballplätzen diverser Amateur-Dorfmannschaften verbracht, denn mein Stiefvater hat Fußball gespielt, weshalb es für meine Mutter praktisch Pflicht war, sich das anzusehen und mich mitzuschleppen. Meine gesamte Familie ist total fußballgeil – also, die männliche Hälfte. Als ich dagegen mit zehn Jahren einmal zum Jugendtraining ging, zerrte mich mein Stiefvater regelrecht vom Platz und verbot mir, in den Verein einzutreten.

Man könnte also sagen: Ich und der Fußball, wir haben eine Vergangenheit. Und daher habe ich nach jahrelanger Observation und unzähligen Gesprächsanalysen die Lösung entdeckt. Der Grund, weshalb viele Frauen tatsächlich kein Abseits checken.

Es liegt schlicht und ergreifend an den Männern!

Habt ihr mal einen Kerl gefragt, ob er euch Abseits erklären kann? Mit großer Geste wird dann sinnierend gen Himmel gestarrt und ihr hört ein Gemurmel wie „Als Konrad Koch den Fußball in Deutschland etablierte… Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel… der Sammer damals… FC Bayern, Stern des Südens… Tante Käthe… schießenbolzenpassenabgebenstürmerverteidigertormannschiri…“

Oder, um das mal graphisch darzustellen:

AbseitsregelKompliziert

Das ist das ganze Geheimnis. Die Abseitsregel ist nicht kompliziert – sie wird nur völlig beschissen erklärt. Kein Wunder, dass die keiner checkt. Besser gesagt keinE. Denn es muss halt eher Frauen erklärt werden.

Das ist aber auch nur logisch, denn die meisten Typen haben Jahre Vorsprung. Sie saßen ihre halbe Kindheit lang als kleine Hosenscheißer auf dem Schoß ihres Papas und haben das Aktuelle Sportstudio verfolgt, ob sie wollten oder nicht. Möglicherweise führt dieser frühkindliche Overkill zu einer seltsamen Verknotung der Synapsen, die es unmöglich macht, einfachste Sachverhalte zu diesem Thema halbwegs verständlich zu erklären. Möglicherweise WOLLEN manche Abseits aber auch gar nicht simpel erklären, weil man sich auf die Weise ganz doll schlau vorkommen kann, wenn dem Gegenüber Fragezeichen über dem Kopf aufploppen. Vor allem, wenn’s ne Frau ist, aber Fußball doch halt so ein Männersport und überhaupt, können die Tussis nicht einfach ein paar Schnittchen machen und Bier bringen, statt daneben zu sitzen und mitzugröhlen?!

Frauen verstehen Abseits nicht – nichts weiter als ein taktischer Bluff zur Selbstaufwertung, um zu verschleiern, wer hier der wahre Schuldige ist, und um Mädchen ins Hirn zu prügeln, dass sie sowieso alle ein bisschen unterbelichtet sind. Dieses Ergebnis meiner jahrelangen Beobachtungen nenne ich die Abseits-Falle (ich weiß: tierisch clever).

Wenn euch also das nächste Mal ein Kerl darüber vollnölt, dass Frauen Abseits nicht kapieren, dann lächelt mitfühlend, schließt ihn warm in eure Arme und flüstert ihm sinnlich ins Ohr: „Etwas einfach erklären zu können kann man lernen. Ich glaube fest an dich!“

Alternativ: Bittet ihn, euch die Regel darzulegen, lehnt euch zurück und genießt es zu sehen, wie er sich abstrampelt und rumstottert. Besonders lustig ist es, wenn er noch ein paar Kumpels dabei hat, die ihm ständig ins Wort fallen, weil sie es halt noch besser wissen.

Das ist ein Spaß, besser als jedes Länderspiel.

PS: „Abseits“ liegt vor, wenn ein Spieler den Ball Richtung gegnerisches Tor zu seinem Mitspieler schießt und sich im Moment des Abspielens zwischen diesem Mitspieler und dem gegnerischen Tormann kein anderer Spieler der gegnerischen Mannschaft befindet.

Und weil man Sachen immer besser checkt, wenn man den Sinn dahinter versteht: Gäbe es diese Regel nicht, könnte ein Spieler das gesamte Spiel über praktisch genau vor der Nase des gegnerischen Tormanns stehen bleiben und auf einen guten Pass warten, den er reindonnern kann, was dann ja wohl ziemlich lame wäre.

Oder, um das mal graphisch darzustellen:

Abseitsregel

Ich behaupte, es existiert keine Frau auf der Welt, die DAS nicht checken kann, wenn sie will.

Und ja, ich weiß, dass es da noch ungefähr eine Million Sonderregeln gibt. Das ist mir aber scheißegal. Ist ja nicht so, als wäre ich Fußballfan.

PPS:
Ich: „Kannst du mir mal Abseits erklären?“
Mitbewohner David: „Oh Gott, wo soll ich da anfangen…!“

– überarbeitete Version –

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Ich trinke zwar keinen Kaffee, aber das muss ja niemand wissen.

Männer als Opfer, Frauen als Täter und warum das eigentlich gar nichts mit Game of Thrones zu tun hat

Obligatorische Spoilerwarnung für die 4. Staffel von Game of Thrones, allerdings beschränkt auf das Thema Cersei.

Hach ja. Eigentlich dachte ich, nach meinem letzten Beitrag, in dem ich meinen Standpunkt klar gemacht habe, auch wenn einige das nicht verstanden haben, könnte ich das Thema abhaken, aber die Vergewaltigung Cerseis in der 5. Folge der 4. Staffel erregt weiterhin die Gemüter. Am Montag hat Lukas Schoppe den (sarkastisch betitelten) Beitrag „Warum es sexuelle Gewalt gegen Männer nicht gibt (und sie außerdem auch halb so schlimm ist)“ nachgeliefert und sich leider entschlossen, ein Zitat von mir als Einstieg zu wählen, das da lautete „Theon wurde nicht vergewaltigt“. Dies, sowie die folgenden paar Absätze, erweckten auf mich den Eindruck, als würde hier meiner Person unterschwellig (allerdings, wie ich hoffe, unabsichtlich) unterstellt, sexuelle Gewalt gegen Männer zu leugnen, was mich aus naheliegenden Gründen mal wieder, tja… „maximal anpisst“.

Der Text ist jedoch davon abgesehen interessant, behandelt er doch teils ein Thema, das mir nach der Diskussion um Cerseis Vergewaltigung schon öfter vor die Füße gestolpert ist: Warum wird die dargestellte Gewalt in Game of Thrones gegen Männer, hier vor allem Theon Greyjoy, so gar nicht angeprangert, die gegen Cersei dagegen schon?

Eigentlich dachte ich, ich hätte mit meinem vorherigen Artikel schon die Lösung geliefert, aber offensichtlich bedarf es doch eines gesonderten Artikels, denn Schoppe macht meiner Meinung nach ein paar gewaltige Fehler. Der Text wird in vier Teile gegliedert sein:

Wird sexuelle Gewalt gegen Männer in unserer Gesellschaft verharmlost?
Was ist Vergewaltigung und warum ist Theon nicht davon betroffen?
Exkurs: Das antifeministische Märchen von der unmöglichen weiblichen Täterschaft
Was ist Verharmlosung?

 

Beginnen wir also am Anfang:

1. Wird sexuelle Gewalt gegen Männer in unserer Gesellschaft verharmlost?

Kurze Antwort: Ja. Sexuelle Gewalt allgemein wird ohnehin auch heute noch gerne verharmlost, aber bei betroffenen Männern hat das nochmal eine ganz andere Dimension. Penetriert werden gilt biologisch als weibliches „Ding“ (eine Vorstellung, die auch oft Grundlage für Homophobie gegen schwule Männer ist), während eine Vergewaltigung durch eine Frau an den Vorstellungen von Männlichkeit kratzt, dass
a) Männer in jedem Fall stärker sind als Frauen,
b) Männer ohnehin dauergeil sind und
c) wenn sie mal doch nicht geil sind, keine Erektion bekommen können, womit eine Vergewaltigung durch eine Frau physiologisch unmöglich ist.

Das alles habe ich bereits im antifeministischen Kontext gehört – von Männern. Es ist natürlich Schwachsinn. Der Punkt „Dauergeilheit“ muss ich hoffentlich nicht extra auseinander nehmen, weil er einfach zu blöd ist. Davon abgesehen gibt es genug Männer (und natürlich Jungs!), die körperlich schwächer sind als manche Frauen; außerdem könnten sie bei einem Übergriff in der Minderheit sein, durch Waffengewalt gezwungen werden, durch Substanzen gefügig gemacht, durch einen Trick gefesselt etc. pp. Mir fielen da tausend mögliche Szenarien ein, in denen sexuelle Gewalt von einer Frau an einem Mann ausgeübt werden kann und frage mich bei Leuten, die das (oft in abfälliger Weise) für absurd halten, wie es sein kann, dass ein Mensch ohne jegliche Phantasie überhaupt überleben kann. Und eine Erektion? Kann durch Drogen verursacht werden oder auch völlig ohne Spaß an der Sache passieren.

Was die Verharmlosung angeht, könnte man da vermutlich ganze Bücher mit füllen. Ich beschränke mich auf zwei Beispiele. Das erste betrifft Vergewaltigungen männlicher Personen durch andere Männer. 2012 wurde eine Studie durchgeführt, die enthüllte, dass in Jugendgefängnissen (die zu einem Großteil von Jungs belegt sind) die Gefahr, innerhalb eines Monats vergewaltigt zu werden, bei 7% liegt (siehe Bericht im Tagesspiegel und dem Kommentar des Lawblogs). Bernd Busemann erklärte daraufhin, er könne diese Zahlen „gut akzeptieren“, denn „ein Knast ist keine Mädchenpension“.

Nun ist dieses dumme Arschloch nicht irgendein Internettroll, sondern war zum damaligen Zeitpunkt Justizminister (!!!) von Niedersachsen und ist heute Präsident des niedersächischen Landtages. Diese menschenverachtenden, auf den Rechtsstaat scheißenden Äußerungen hätten meiner Ansicht nach dazu führen müssen, dass unser sauberer Herr CDU-Politiker mit Schimpf und Schande aus dem Amt gejagt wird – tatsächlich hatte es NULL Auswirkungen auf seine Karriere. Natürlich: Es geht ja nur um ein paar Kriminelle, wen interessiert das schon?
Wäre es hierbei rein um weibliche Gefangene gegangen, wäre der Widerstand gegen diesen Herren nicht nur unter Feministinnen gewaltig gewesen. Aber so sind es ja nur Kerle. Das wird „akzeptiert“. Selbst, wenn die zum Teil noch minderjährig sind. Das ist doch völlig ohne Worte.

Das zweite Beispiel stammt aus dem Bereich Film. In „40 Tage und 40 Nächte“ spielt Josh Hartnett einen Typen, der offensichtlich jedem Rock hinterher steigt und mit seinem Leben gerade nicht klar kommt. Das führt zu einer Wette: 40 Tage und 40 Nächte muss er sowohl auf Sex, als auch auf Masturbation zu verzichten. Es geht schnell um eine ganze Stange Geld, deshalb will er diese Wette unbedingt gewinnen. Jedenfalls kettet sein bester Freund ihn gegen Ende ans Bett, um den völlig Verzweifelten nach so vielen Wochen ohne Sex davon abzuhalten, zu onanieren.

In dieser wehrlosen Situation wird er nun von seiner Ex vergewaltigt.

Der Film kam 2002 ins Kino und schwamm auf der Welle der Teenager-Komödien mit, die zu dieser Zeit heiß im Trend waren. Eine KOMÖDIE. In der eine Frau gegen den Willen des Mannes diesen zum Sex zwingt. Er schläft zwar dabei die meiste Zeit – aber ein schlafender Mensch kann keine Zustimmung geben, zumal er ihr vorher deutlich gemacht hat, dass er nichts mehr mit ihr zu tun haben will. Hier könnte §179 StGB greifen – „Sexueller Missbrauch widerstandsunfähiger Personen“. Seine Fesselung erfüllt meiner Meinung nach laut §177 Abs. 1 Nr. 3 StGB das Kriterium der „schutzlosen Lage“.
Das ist nicht witzig. Das ist nicht „harmlos“. Im Gegenteil – es wird besonders unappetitlich, wenn er sich am Schluss dann auch noch bei seiner neuen Flamme ENTSCHULDIGT, weil die natürlich just danach ins Zimmer platzt und an verräterischen Flecken erkennen kann, dass er gerade Sex gehabt hatte. Also… „Sex gehabt“. Natürlich müsste hier „ist vergewaltigt worden“ stehen. Und dafür muss er sich entschuldigen? Bitch, please!!

Ich könnte gerade aus dem Bereich Popkultur noch viele weitere Beispiele bringen, aber ich denke, der Punkt ist klar: Was bei weiblichen Opfern (völlig zurecht) weder in der Realität, noch im fiktiven Kontext hingenommen würde, ist bei männlichen Opfern „akzeptiert“ oder gar „lustig“. Wenn das keine Verharmlosung ist, dann weiß ich auch nicht.

 

2. Was ist Vergewaltigung und warum ist Theon nicht davon betroffen?

Die Szene, an der Schoppe Anstoß nimmt, findet in der 3. Staffel statt. Während der gesamten Staffel wird Theon aufs Übelste gefoltert und weiß zu Anfang noch nicht mal von wem. Neben massiver körperlicher Misshandlung ist Ramsay Snow, sein Folterknecht, auch noch ein Meister der psychologischen Folter: So bringt er, ein angeblicher Retter geschickt von Theons Schwester, Theon dazu, ihm zu vertrauen und hilft ihm vermeintlich bei der Flucht. Als kompletter Psychopath (neben Joffrey und Gregor Clegane ist er der einzige wirklich von Grund auf böse Charakter der Reihe) schreckt er sogar nicht davor zurück, Männer zu töten, die Theon wohl auf seine Befehle hin verfolgt haben, um Theon vor ihnen zu „retten“ und so sein Vertrauen in ihn noch weiter zu zementieren. Kurz darauf muss Theon aber feststellen, dass sein Gönner ein sadistisches Spiel getrieben und ihn nicht zu seiner Schwester, sondern zurück in seine Folterkammer geführt hat, wo sich sein Martyrium nun fortsetzt. Ramsay benutzt dazu nun auch genüsslich schmerzvolle persönliche Informationen, die Theon ihm gegenüber im Glauben enthüllt hat, einen Freund vor sich zu haben, womit er nicht nur seinen Körper, sondern auch seine Seele massiv traktiert. Jap… der Kerl ist definitiv ein kranker Bastard im doppelten Wortsinn!

In der 7. Folge der 3. Staffel nun (betitelt „The Bear and the Maiden Fair“, ein beliebtes Lied in Westeros – in dem es übrigens kaum verhüllt um Vergewaltigung geht) findet nun die beanstandete Szene statt. Theon wird dabei von zwei jungen Frauen losgebunden, die ihm erst Wasser geben und sich um seine Wunden kümmern, bis sie anfangen, ihn unverhohlen anzumachen. Theon kapiert verständlicherweise überhaupt nicht, was abgeht, und reagiert auf einen Griff in seine Hose erst panisch, verstört und ablehnend, glaubt er doch, die Mädchen wären von Ramsay geschickt worden. Bald gibt er seinen Widerstand jedoch auf und verschlingt die nackten Damen mit Blicken, während sich eine rittlings auf ihn setzt und sich an ihn reibt. Es wird geknutscht und gestreichelt, bis Ramsay Snow die Vorstellung mit einem Trompetenstoß beendet, Theon verspottet und ihn als finalen Akt der ultimativen Folter schließlich kastriert.
Die ganze Szene wirkt nicht nur auf Theon, sondern auch auf den Zuschauer surreal. Von der bequemen Couch zuhause aus scheint es seltsam, dass Theon nicht versucht zu fliehen, wo er doch schon mal losgekettet worden ist, aber der ist nach all den Wochen der Folter und der Demütigung schwach, dehydriert und hochgradig verängstigt. Vielleicht glaubt er ja, zu halluzinieren. Aber egal. Die Frage war ja: Ist das eine Vergewaltigung?

Als ich Schoppe schrieb, dass Theon nicht vergewaltigt wird, habe ich mir dabei nicht viel gedacht. Ich glaubte, er hätte einfach was verwechselt, deshalb war der Satz „Theon wird nicht vergewaltigt“ aus meiner Sicht eine bloße Anmerkung, eine kleine Fehlerkorrektur. Seine Antwort darauf kam spät, deshalb habe ich sie auch erst vorgestern gesehen. Er schließt mit:

Ich verstehe eigentlich nicht, warum das keine Vergewaltigung sein sollte.

In seinem Artikel wirkt das wiederum etwas anders:

Ich verstehe, warum diese Szene nicht als Vergewaltigung wahrgenommen wird, schließlich schläft Violet nicht tatsächlich mit Theon, sondern simuliert einen Beischlaf. Angesichts dieser Szene ist gleichwohl schwer zu verstehen, wie die Vergewaltigung Cerseis durch Jaime ein so großer, bis in die größten amerikanischen Medien hinein beschriener Skandal werden, die Vergewaltigung Theons während seiner Folter aber völlig übersehen werden konnte.

Er sieht also, dass es keine Vergewaltigung ist, nennt es aber trotzdem Vergewaltigung. Well. *kopfkratz*

Eine Vergewaltigung ist nach §177, Absatz 2 StGB eine besonders schwere Form der sexuellen Nötigung, die vorliegt, wenn

1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen läßt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung)

Ich sehe das hier nicht gegeben, da nun mal kein „Beischlaf“ stattfindet, sondern Theon seinen Penis die ganze Zeit in der Hose behält. Ob es sexuelle Nötigung ist, ist eine andere Frage (dazu weiter unten), aber es ist keine Vergewaltigung. Bei all der Empörung, die Schoppe bei dieser Szene empfindet, habe ich dennoch nicht die geringste Ahnung, wem mit dieser Begriffsaufweichung gedient sein soll.

 

Exkurs: Das antifeministische Märchen von der unmöglichen weiblichen Täterschaft

Ich möchte die Gelegenheit nutzen, ein bisschen mit antifeministischer Propaganda aufzuräumen.
Mir wurde unter Schoppes Artikel noch an den Kopf geknallt, ein Mann könne rein juristisch gesehen von einer Frau sowieso nicht vergewaltigt werden, außer er wird penetriert. Das war jetzt auch nicht das erste Mal, dass mir das vorgeworfen wird (als könnte ICH da was für) und deswegen kotzt mich das tierisch an. Es ist nämlich schlicht Bullshit!

Allerdings hat diese Behauptung, nun… einen historischen Kern. Wenn von der Reform des §177 StGB geredet wird, dann ist meistens die Änderung im Jahr 1997 gemeint, mit der das Wort „außerehelich“ aus dem Paragraphen gestrichen worden ist und somit die Vergewaltigung in der Ehe nicht länger straffrei war.

In Wahrheit war die Reform viel tiefgreifender. Vom Jahre 1871 an, als das Reichsgesetzbuch in Kraft trat, bis 1997, also über 125 Jahre lang, war im §177 immer nur von Frauen als Opfer die Rede. Die letzte Fassung vor der Reform, die von 1973 an Gültigkeit hatte, lautete:

§ 177. Vergewaltigung. (1) Wer eine Frau mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben zum außerehelichen Beischlaf mit ihm oder einem Dritten nötigt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren bestraft.
(2) In minder schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren.
(3) Verursacht der Täter durch die Tat leichtfertig den Tod des Opfers, so ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren.

Quelle

Damit war es juristisch nicht nur nicht möglich, dass eine Frau einen Mann vergewaltigt, sondern Männer allgemein waren als Opfer komplett ausgeschlossen.

Mit der Reform 1997 nun ersetzte das geschlechtsneutrale „Person“ das vorherige „Frau“, wenn es um das Opfer ging, während im Rest des Gesetzestextes wie üblich das generische Maskulinum beibehalten wurde. Im Zuge der 6. Strafrechtsreform ein Jahr später wurde dann noch an den Formulierungen rumgefeilt und insbesondere folgende von mir hervorgehobene Passage ergänzt:

(2) [1] In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren.
[2] Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn
1. der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen läßt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind (Vergewaltigung)

„Beischlaf“ wird übrigens juristisch als „Penis in Scheide“ definiert, während „ähnliche Handlungen“ irgendeine Form der Penetration umfassen. Für mich ist die Formulierung damit klar, aber ich bin ja halt nur ein junges Mädchen und verstehe wenig von solchen Dingen nun mal keine Juristin.

Also kucken wir doch mal, was die Juristen dazu sagen:

Betreff Täter:

Täterschaft und Teilnahme. Für die Abgrenzung der Beteiligungsformen gelten die allgemeinen Regeln. Jeder kann Täter sein, auch eine Frau.

Betreff Opfer:

1. Der Grundtatbestand der sexuellen Nötigung (§177 Abs. 1). §177 Abs. 1 schützt Opfer egal welchen Geschlechts vor erzwungenen Sexualkontakten mit dem Täter oder mit Dritten.

Betreff Vergewaltigung eines Mannes durch eine Frau:

Als Vergewaltigung werden neben dem Beischlaf sexuelle Handlungen definiert, die das Opfer besonders erniedrigen, insbesondere wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind. Diese Handlungen müssen vom Täter am Opfer oder vom Opfer am Täter vorgenommen werden. Dabei ist grundsätzlich gleichgültig, ob das Eindringen in den Körper des Opfers oder des Täters erfolgt.

Quelle: Münchener Kommentar zum Strafgesetzbuch, Bd. 2,2. §§ 80 – 184f StGB, Beck 2005 (1. Auflage), Zitate S. 1152, 1171 u. 1165.
Geschrieben wurde der betreffende Artikel von >>>diesem Typen <<< hier.

"Da staunen Sie, was? Ich hab das nachgeschlagen.
– Lionel Hutz, The Simpsons

Voilá. Ich hoffe, die Quelle ist genehm *augenklimper*

Ich kann verstehen, wenn Männer sich gerade in Hinblick auf Sexualdelikte benachteiligt fühlen, eben WEIL es diese oben angesprochene Verharmlosung gibt, aber heute noch davon zu labern, dass Männer laut Definition nicht von einer Frau vergewaltigt werden können, ist ungefähr so sinnig wie die Behauptung, Vergewaltigung in der Ehe sei immer noch straffrei. Es ist seit über 15 Jahren anders, also wiederhole ich mein Kommentar zu diesem Bullshit: Kommt von eurem Trip runter. Extrem scheiße, dass es so lange gedauert hat, aber jetzt ist es Gott sei Dank vorbei, also hört auf, das Gegenteil zu behaupten und glaubt verdammt noch mal nicht jedes Horrormärchen über unseren ach so femifaschistischen Staat, das euch in den Kram passt.

Mit geschlechtergerechter Sprache im StGB wäre das übrigens vermutlich nicht passiert.

 

3. Was ist Verharmlosung?

Zurück zu Game of Thrones. Reden wir doch mal kurz über ein anderes Vergewaltigungsopfer: Daenerys.

In der Serie wird sie in der Nacht ihrer Hochzeit, bei der sie kein Mitspracherecht hatte, vergewaltigt. Dieser Missbrauch setzt sich fort, bis sie es schafft, ihren Ehemann/Vergewaltiger so zu umgarnen, dass er mehr in ihr sieht als sein Sexspielzeug und potentielle Gebärmaschine.

Auch in diesem Fall gab es schon Kritik. Kritisiert wurde jedoch nicht die Vergewaltigung an sich, sondern der Voyeurismus, der damit angeblich bedient wird. Ich sah das nie so. Vor allem die Szene ihrer Hochzeitsnacht fand ich ganz, ganz stark. Daenerys ist offensichtlich verängstigt, versucht aber, gefasst zu sein und mit Khal Drogo zu kommunizieren, der allerdings ihre Sprache nicht spricht. Schon bevor er ihr Oberteil abnimmt, bröckelt ihre Fassung dahin und sie beginnt zu weinen. Sie bedeckt ihre nackten Brüste, doch Khal Drogo packt ihre Handgelenke und zieht sie weg. Gerade das fand ich sehr eindrücklich: Sie wehrt sich, aber nur ganz kurz – in ihrem Gesicht und dieser Geste kann man lesen, dass sie weiß, dass sie sowieso keine Chance hat. Sie weiß, sie kann entweder kämpfen und wird, möglicherweise grün und blau geschlagen, am Ende trotzdem vergewaltigt, oder sie kann einfach still halten und es über sich ergehen lassen. Sie entscheidet sich für letzteres, womit die ganze Ausweglosigkeit ihrer Situation klar wird. Ihre gesamte Verzweiflung spiegelt sich in ihrem Gesicht und deshalb ist die Szene aus filmischer Sicht unglaublich gut.

Zu sehen hier ab ca. ab Minute 5:40

Ähnlich die zweite Szene zwischen ihr und Khal Drogo. Er vergeht sich an ihr, was ihr offensichtlich weh tut, und auch dabei ist nichts als Verzweiflung zu sehen. Berührend und ganz, ganz stark.

Der Vorwurf „Voyeurismus“ bezog sich wohl darauf, dass Daenerys in beiden Fällen oberkörperfrei war. Aber ist das schon Verharmlosung?

Eines Sonntags kroch ich nach einer höllischen Samstagabendschicht erst nach Mittag aus meinem Zimmer und fand im Wohnzimmer meinen Mitbewohner vor, der einen seiner Kumpels gerade mit Game of Thrones angefixt hatte. Sie hatten die Serie angefangen und legten gerade die 3. Folge ein, als ich reinkam.
Ich war kaum da und hatte sie begrüßt, als mein Mitbewohner meinte: „Der X hat ne Theorie zur Serie.“ Dabei sah er mich seltsam erwartungsvoll an. Ich war ob dieses Blickes verunsichert: Was kommt denn jetzt?
Ich fragte also X nach seiner Theorie. Dieser grinste breit und meinte ausgelassen: „Ich glaube, die Blonde da wird in jeder einzelnen Folge gefickt!“
Woraufhin ich ihm direkt in die Augen sah und ruhig meinte: „Findest du es witzig, dass sie vergewaltigt wird?“

Ich hätte kein besseres Resultat erzielen können, wenn ich ihm eine geknallt hätte. Meine gelassenen Worte trafen ihn voll in die Fresse, die ihm einfach wegflog. „Was?! Nein!! Ich meine, also… so meine ich das doch nicht!!“
Er stammelte noch ein bisschen mehr, aber ich winkte ab. Mein Werk war getan (ganz ohne auszurasten), mehr musste ich schon gar nicht mehr sagen. Aber er konnte gar nicht aufhören, mich anzustarren.
‚Findest du es witzig, dass sie vergewaltigt wird‘,“ wiederholte er noch einmal fassungslos.

Dieser Typ ist kein schlechter Mensch. Er denkt nur manchmal nicht nach, wie die meisten Menschen. Und klar, schöne Brüste – wer sieht die nicht gerne?
William Moulton Marston, der Schöpfer von Wonder Woman, sagte mal über sein Produkt, dass es unmöglich sei, eine weibliche Figur zu erschaffen, ohne bei irgendjemanden sexuelle Implikationen auszulösen. Ich denke, das stimmt. Daher glaube ich, dass eine Vergewaltigungsszene im filmischen Kontext nicht realisierbar ist, ohne dass sich irgendjemand davon angemacht fühlt, egal, wie sensibel, eindrücklich oder brachial man mit dem Thema umgeht. Das heißt nicht, dass solche Szenen nicht wirklich absichtlich oder unabsichtlich voyeuristisch sein können – nur sehe ich das bei Daenerys nicht gegeben. Nackte Brüste sind nichts, womit man Leute heutzutage noch schocken kann, zumal sie hier anders als die vielen anderen nackten Titten in der Serie ja auch noch Sinn machen. Deshalb sind ihre Szenen mit Khal Drogo weder voyeuristisch, noch verharmlosend.

Natürlich sind einige der Meinung, die Tatsache, dass sie im weiteren Verlauf ihren früheren Vergewaltiger zu lieben beginnt, wäre Verharmlosung. Ich nenne es lieber Stockholm-Syndrom.

Cerseis Vergewaltigung war nun eigentlich nicht im Geringsten explizit, man sieht kein einziges Fitzelchen Haut. Warum hat mich das also so aufgeregt, während ich Daenerys‘ Situation einfach so hingenommen habe?

Vielleicht lasse ich einfach ein paar Kommentare sprechen:

„Ich verstehe die Aufregung immer noch nicht. Jaime merkt das Cercei eine echt übles Miststück ist ( verlangt den Bruder zu töten ) und macht den Ragefuck ( Vergewaltigt sie ).“

„Eine Vergewaltigung aus Sicht der Beteiligten gäbe es aber allenfalls (wenn überhaupt, sie sind ja ein Liebespaar), wenn Cercei über den kompletten Akt hinweg unwillig gewesen wäre.“

„Da der komplette Akt, das unmittelbare Danach aber nicht gezeigt wurde, ist die beanspruchte Deutungshoheit “es war DEFINITIV eine Vergewaltigung!!1″ aber sowieso Mumpitz.“

Gerade die letzte Passage ist so unglaublich blöd. Ja, als Buchleser könnte man sich vielleicht vorstellen, dass es nach Abblende vielleicht noch einvernehmlich geworden ist, weil man weiß, dass es ja eigentlich einvernehmlich hätte sein sollen, aber was nützt das bitte den Zuschauern?!
Außerdem dringt er während der Szene und während sie unwillig ist in sie ein, womit der Tatbestand der Vergewaltigung erfüllt ist.

Besonders interessant finde ich die Vorstellung, jemand, der schon mal freiwillig mit jemanden geschlafen hätte, könnte ja von dieser Person nicht vergewaltigt werden. Dazu sage ich nein und der Gesetzgeber sagt auch nein und das ist gut so. Unglaublich, so etwas heute noch lesen zu müssen.

Cerseis Vergewaltigung verharmlost Vergewaltigung. Die Szene wird als einvernehmlich gelabelt, obwohl sie es nicht ist, sie zerstört einen Charakter, der sich inzwischen vom Schurken eher zum Helden entwickelt hat und sie offenbart leider die ganze Palette an saublöden Relativierungen, die mit Vergewaltigung einher gehen.

Nun kommt eine Relativierung von mir. Wir haben ja schon festgestellt, dass Theon nicht vergewaltigt wird, weil keine Penetration stattfindet. Aber für mich wäre es auch keine Vergewaltigung gewesen, hätte eine stattgefunden. Er gibt seinen Widerstand nämlich auf und macht mit. So ähnlich hätte ich mir die Szene zwischen Cersei und Jaime gewünscht. Hätte Cersei sich so verhalten wie Theon, wäre der Sex zwischen ihr und Jaime für mich keine Vergewaltigung gewesen.
Das kann man scheiße finden und mich für diese Einstellung verurteilen. Immerhin sind BEIDE am Anfang unwillig. Aber wie ich schon in dem anderen Artikel schrieb: Filmischer Kontext! Und auch juristisch wäre in beiden Fällen keine Vergewaltigung passiert. Das hat nichts damit zu tun, dass Theon ein Mann und die potentiellen Täterinnen Frauen sind. Und deshalb verharmlost die Szene sexuelle Gewalt gegen Männer nicht.

Aber natürlich gibt es noch jede Menge andere Gewalt gegen Männer, die nun, da Cerseis Vergewaltigung so in die Kritik geriet, auch kritisiert wird. Es kann ja nur so sein, dass die Sache mit Cersei schlimm ist, weil sie eine Frau ist, und die ganzen anderen Sachen nicht, weil sie Männern passieren.

Das ist falsch. Ich kritisierte nicht die Vergewaltigung per se. Ich kritisierte das gesamte Drumherum. Und weil das Drumherum bei anderen Gewalttaten „stimmt“, kritisiere ich sie nicht.

„Eine ganze Armee unfreiwillig kastrierter Sklaven, die mittels Folter zu Tötungsmaschinen gemacht werden – warum regt sich DARÜBER keiner auf?!“ – Weil es hier nichts zum Aufregen gibt! Die Art der Ausbildung, unter der die Unbefleckten zu leiden hatten, wird eindeutig als böse angesehen. Die Meister von Astapor SIND BÖSE. Und dafür werden sie bestraft. Astapors Meister werden abgeschlachtet und alle Sklaven frei gelassen. Dasselbe in Yunkai und Meereen. Sklaverei ist etwas schlechtes und das wird eindeutig kommuniziert. Was die Unbefleckten durchmachen mussten, dient dazu, die Schlechtigkeit der gesamten Gesellschaftsordnung der Städte der Sklavenbucht zu demonstrieren!

„Ein Junge wird verkrüppelt im Versuch, ihn zu ermorden und zwei andere verbrannt!“ – Ja! Und das ist schlecht! Es ist böse und es ist falsch! Es wird wohl keinen Zuschauer auf der ganzen Welt geben, der das anders sieht!

„Niemand kritisiert Theons Folter und dann wird er auch noch kastriert – das ist so grausam!“ – Ja! Weil es das sein soll! Die Gewalt dient einem Zweck! Was im Buch „off-screen“ passierte, war so innerhalb der Serie nicht zu realisieren – man kann nicht einfach einen Hauptdarsteller für eine ganze Staffel verschwinden und dann als völlig neuen, gebrochenen Menschen ein Jahr später wieder auftauchen lassen. Man muss es zeigen, sonst kapiert das doch niemand! Und es ist gut gemacht! Es ist grausam, weil es grausam sein soll! Aber das bedeutet doch nicht, dass es irgendjemand gut findet!
Theon hat Unschuldige getötet, auf die Menschen gespuckt, die ihm vertraut haben und ist Schuld daran, dass Winterfell zerstört worden ist. Aber deswegen hat er keine Folter verdient, keine Kastration, keine solche Demütigung! Diese Szenen werden nicht etwa genossen, weil er kein toller Typ ist, im Gegenteil, sie erzeugen Mitleid mit Theon und demonstrieren, was für ein komplett verrückter Irrer Ramsay Snow ist!

Natürlich kann man das trotzdem alles kritisieren. Im Zuge dieser Debatte habe ich jetzt schon häufiger von Männern gelesen, welche die dargestellte Gewalt ekelhaft finden und sie sich kaum ansehen können. Ich empfand das nicht so. Dafür könnt ihr mich gerne häuten, aber so ist es nun mal. Ich entstamme der Generation, die Resident Evil, Counterstrike und Postal 2 zockte, sich mit Saw und Hostel einen schönen Filmabend machte und die Pervertierung des HipHop und den Aufstieg des Nu Metal mitsamt seiner gewalttätigen Lyrics miterlebte. Wir sind die Generation, die laut Vorstellung erzkonservativer alter Säcke eigentlich komplett aus Amokläufern bestehen müsste und sind trotzdem zum überwiegenden Teil friedliche Menschen, die niemals irgendetwas von dem, was wir gesehen oder gehört haben, nachmachen könnten oder wollten.
Es gibt Gewaltdarstellungen, die ich ebenfalls ekelhaft finde und mir nicht ansehen kann. Und ja, einiges in Game of Thrones fand ich übertrieben. Aber nichts davon hat mich in irgendeiner Weise schockiert. Ich musste nie die Augen abwenden und meinen Appetit hat es mir auch nicht verdorben. Jetzt könnt ihr mir gerne Verrohrung, Degeneration oder sonstwas vorwerfen, aber dann vergesst bitte nicht die viele Millionen Fans, die außer mir auch keine Probleme damit haben.

Lieber Schoppe, was wir hier haben, ist eine Diskussion um Gewalt in den Medien, keine Geschlechterdiskussion. Damit habe ich mich im Zuge meiner Examensarbeit beschäftigt und kann daher sagen, dass der Vorwurf, Popkulturelle Medien seien gewalttätig oder sonstwie anrüchig, so alt ist wie die Popkultur selbst. Das ist kein Mann-Frau-Ding. Und eine Vergewaltigung, ob sie nun wirklich passiert oder nicht, ist nichts, was rein aufgrund ihrer Gewalttätigkeit kritisiert worden ist. Jedenfalls nicht von mir.

Deshalb lass mich das nächste Mal bitte aus dieser Diskussion raus, zumal du die ganzen Leute, welche die Vergewaltigung Cerseis relativierten, ja offensichtlich ignorierst, obwohl es unmöglich ist, dass dieselben Leute deiner Argumentation bezüglich der sexuellen Gewalt gegen Theon folgen. Ich habe ein gewaltiges Problem mit der Verharmlosung von Vergewaltigung, egal gegen wen sie geht, aber ich habe kein Problem mit Gewalt in den Medien und damit auch keines mit Vergewaltigung in den Medien, sofern beides in den richtigen Kontext gesetzt wird. Und das ist bei Theon, Bran, den Unbefleckten, Jaime, als er seine Hand verliert, und all den anderen, die innerhalb der Serie Opfer von Gewalttaten sind, in meinen Augen definitiv der Fall.

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Ich trinke zwar keinen Kaffee, aber das muss ja niemand wissen.

Beschneidungsgesetz, ein Jahr danach. Unendliche Diskussionen und mein Nachtrag.

Dieses Mal drei Tage zu spät. Shame on me.

„Die Beschneidungsdebatte ist im Prinzip einer der Hauptgründe, warum ich dieses Blog eröffnet habe“ lautete der erste Satz meines Artikels Beschneidungsdebatte, ein Jahr danach. Beschissene Argumente und meine Antworten, den ich im Mai diesen Jahres schrieb.

Vor diesem Hintergrund ist es vermutlich irgendwie schicksalsträchtig und/oder ironisch, dass er bis heute der mit Abstand meistgelesene Beitrag auf diesem meinem Blog ist.

Das ist aus meiner Sicht aus mehreren Gründen gerechtfertigt: Erstens habe ich an keinem anderen Artikel so lange gearbeitet (allein, die ganzen Bilder zusammen zu klauen!), zweitens ist mir in der Zeit zwischen dem Artikel und heute immer noch kein Thema unter gekommen, das mich mehr aufgeregt hat und drittens ist die gesamte „Debatte“ sowie ihr Ergebnis nun mal so ziemlich die dämlichste Unlogischkeit, die sich unser Staat geleistet hat, seit ich denken kann.
Warum das so ist, habe ich ja im betreffenden Artikel schon ausführlich dargelegt, aber damit war das Thema für mich noch nicht erledigt. Im Gegenteil. Zwar hat mir die schriftliche Reflexion über saudumme Argumente dabei geholfen, meine Gegenargumente in Diskussionen nicht mehr ständig neu formulieren zu müssen, sondern stand praktisch als geistige Kopie parat, wann immer ich in die Verlegenheit kam, aber auch darüber hinaus stolperte mir die Beschneidung immer wieder vor die Füße.

In den vergangenen Monaten habe ich noch mehr dazu gelesen, Diskussionen geführt und weiter nachgedacht. Dabei habe ich – und das ist immerhin ein positiver Punkt – kein dämliches Argument mehr gehört, das mir neu gewesen wäre (ich war also wenigstens einmal in meinem Leben gründlich!). Aber dennoch taten sich neue Problemfelder auf, die es wert sind, beackert zu werden.

Dieser Beitrag kann also als Ergänzung oder Fortsetzung zu meinem ersten Artikel verstanden werden. Teils führt er alte Überlegungen weiter, teils thematisiert er neue Blickwinkel, die sich mir eröffnet haben.

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Die juristische Beurteilung ist eigentlich eindeutig…!

Die gesamte Debatte und damit auch das daraus entstandene Gesetz lässt sich eigentlich auf eine einzige Fragestellung reduzieren: Was ist wichtiger – Religionsfreiheit oder das Recht auf körperliche Unversehrtheit?
Für frömmelnde religiöse Menschen war diese Frage ziemlich einfach zu beantworten. Womit mal wieder bewiesen wäre, dass Religionen ganz wunderbar vorm Denken bewahren.
Ja, genau diesen Punkt hatte ich eigentlich schon mal, aber inzwischen habe ich einen ganz ausgezeichneten Artikel zur juristischen Bewertung gelesen, den ich allerdings – natürlich! – nicht mehr finde. Der kippte auf die Argumentation pro körperliche Unversehrtheit noch mal eine Schippe drauf mit einigen juristischen und verfassungsrechtlichen Details, die mich ehrlich gesagt einfach nur baff machten. Deshalb versuche ich mal, die Punkte nachzuliefern, die mir am meisten im Gedächtnis geblieben sind.

Punkt 1: Religionsfreiheit ist ein individuelles Recht. Wesentlich ausschweifender habe ich das schon in meinen ersten Beitrag versucht zu sagen, aber all die vielen Worte, die ich verschwendet habe, lassen sich auf eines reduzieren: individuell.
Es ist meine eigene Entscheidung, mich unter Regeln und Vorschriften zu beugen, die meine Religion mir auferlegt, auch wenn diese Regeln platt gesagt nicht mit einigen sonstigen Menschenrechten übereinstimmen. Die sagen ja im Grunde nur, dass ich machen kann was ich will, solange ich niemanden dabei schade. Niemand kann mich also dazu zwingen, am Sonntag in die Kirche zu rennen, am Ramadan zu fasten oder am Sabbat zu ruhen. Das entscheide allein ICH. Wenn ich es will. Das ist MEINE Religionsfreiheit.

Wenn es jetzt um andere Personen geht, greift Punkt 2, und der ist besonders interessant.
Wenn es zu diesen Diskussionen kam, wurde immer Art. 4 des Grundgesetzes zitiert:

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Für Leute, die nicht kapiert haben, dass dieses Recht individuell ist, war die Sache damit klar. Aber, Freunde und Nachbarn, das ist nicht alles, was unser Grundgesetz dazu zu sagen hat! Und darauf musste zumindest ich auch erst gestoßen werden.
Es ist ein sehr altes Gesetz, eines, das schon 1919 in der Weimarer Verfassung stand, aber wohl als sinnvoll genug erachtet wurde, um auch ins Grundgesetz Eingang zu finden. Es findet sich ganz unschuldig ziemlich am Schluss im Art. 140 und lautet:

(1) Die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten werden durch die Ausübung der Religionsfreiheit weder bedingt noch beschränkt.

Nun bin ich keine Juristin. Aber das ist für mich nicht anders interpretierbar als so: „Mach mit deiner Religion was du willst, solange es sich in Einklang mit den deutschen Gesetzen bewegt.“

Und das fand ich hammerhart. In diesen ganzen dummen Diskussionen verfielen die Verteidiger der religiösen Beschneidung immer in regelrechte Schwärmerei, wenn es um die Religionsfreiheit ging. Ganze Epen wurden darüber gedichtet, was für eine hochmoderne Errungenschaft es sei, ungestört seine Religion ausüben zu dürfen. Sie haben ja recht! Aber leider wurde damit häufig der Einwand, dass damit kein anderes Recht eingeschränkt werden dürfe, vom Tisch gewischt. Religionsfreiheit steht im Grundgesetz, Punkt aus!
Jetzt kann ich dazu sagen: Stimmt! Aber nicht ohne Einschränkungen! Und das macht mich sehr, sehr glücklich!
Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass es noch eine Ausnahme von der Ausnahme gibt, und die steht in Art. 4 als dritter Absatz:

(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Das ist natürlich mit dem Aussetzen der Wehrpflicht nicht mehr wichtig. Aber es zeigt, dass sich die Religionsfreiheit schon seit dem Bestehen des Grundgesetzes unter dieses zu beugen hatte, sofern es keine expliziten Ausnahmen gab.

Gottes Grausamkeit kennt Grenzen

Bleiben wir bei Gesetzen.
Ich hatte erschöpfend dargelegt, dass für wahrlich gläubige Juden alle Argumente contra Beschneidung obsolet sind, wenn es darum geht, den Bund mit Gott zu schließen. Auch hatte ich über „diesen einen jüdischen Typen“ erzählt, der sich nicht vorstellen konnte, dass man gegen Beschneidung sein kann, ohne antisemitisch zu sein.

Der gleiche Kerl meinte auch, dass noch niiiie ein Jude in der Geschichte des Judentums ein Problem mit der Beschneidung gehabt hätte. Leider ist das nachweislich falsch, genau wie die Vorstellung, dass nur eine Beschneidung den echten Juden ausmacht. Vielfach wurde eine Ausnahme zitiert, laut der eine Familie ihre Sohn nicht beschneiden lassen muss, wenn dieser bereits zwei ältere Brüder durch diese Prozedur verloren hat.

Leider konnte ich nirgendwo den Originaltext in einer Sprache finden, die ich auch verstehen kann (und, um Lisa Simpson zu zitieren: Ich werde jetzt bestimmt nicht auch noch Hebräisch lernen!), weshalb ich mit dieser Info sehr vorsichtig umgehen will. Fakt scheint dennoch zu sein, dass der Talmud diese Sonderregel kennt und das betreffende Kind von der Beschneidung freistellt – allerdings nur, wenn eine Bluterkrankheit vorliegt.

Diese Regelung, die bei mir Assoziationen mit der Sole Survivor Policy bei den amerikanischen Streitkräften sowie deren deutsches Äquivalent in Bezug auf Befreiung der Wehrpflicht weckt, zeigt nun eindeutig, dass eine Beschneidung nicht den Juden macht. Nein, dazu reicht es nun mal völlig, eine jüdische Mutter zu haben. Knifflig wird es erst, wenn man konvertieren will. Dazu fand ich folgendes schöne Zitat eines Rabbis:

P.S. Needless to say, the above only applies to a non-Jew who wishes to convert. However, a Jewish child who cannot be circumcised due to medical reasons does not lose his Jewish status or identity.

Quelle

Zwar ist das nun keine offizielle Stellungnahme des jüdischen Oberhaupts (so etwas gibt’s ja auch nicht), aber wenn es etwas gibt, in dem das Judentum dem Christentum schon immer eindeutig überlegen war, dann ist es die Diskursbereitschaft. Während (nicht nur) im Mittelalter die Kirche eine „Glaub halt daran und halt die Schnauze“-Politik bei ihren Gläubigen fuhr, galt eine breite theologische Ausbildung bei gläubigen Juden als allerhöchstes Gut. Allein deswegen war die Alphabetisierungsrate unter Juden stets sehr hoch, denn zur Feier ihrer Bar Mitzwa mussten die jüdischen Jungs aus der Tora lesen. Aber auch darüber hinaus genoss ein Jude (zumindest ein männlicher) allerhöchsten Respekt unabhängig von seiner Herkunft, wenn er dazu in der Lage war, scharfsinnige und rhetorisch ausgefeilte Bemerkungen zu theologischen Diskussionen beizutragen.  Begabte Kinder wurden dahingehend ermuntert und aktiv gefördert.

Man könnte also sagen, dass dem Judentum als Religion eine beispiellose Reflexionsbereitschaft inhärent ist. Warum also nicht bei diesem Thema? Warum nicht die „medizinischen Gründe“ auch auf Nicht-Bluter ausweiten? Wenn ein Jude ein Jude ist, auch wenn er nicht beschnitten ist, was gibt es dann noch für Argumente für aufgeklärte, gebildete Juden, daran unbedingt festhalten zu müssen? Zeigt die Sonderregel nicht, dass Gott gütig ist und niemanden abweist, der im Geiste beschnitten ist (wie es Jesus ein berühmter Jude mal ausdrückte), auch wenn sein Körper aus jüdischer Sicht unvollkommen ist?
Ist es nicht an der Zeit, sich dem durch die Geschichte ziehenden, großartigen jüdischen Hang zur Bildung zuzuwenden, der so viele hervorragende jüdische Wissenschaftler hervorgebracht hat, und einfach mit Blick auf die vielen medizinischen Fakten anzuerkennen, dass die Beschneidung abgeschafft gehört?

Das Problem mit der HIV-Prävention

Nun ist das Beharren auf der medizinischen Nutzlosigkeit der Beschneidung (sofern keine medizinische Indikation vorliegt) sehr schwer, wenn selbst Organisationen wie die WHO weiter fleißig daran arbeiten, den Mythos „Beschneidung als HIV-Prävention“ unters Volk zu bringen.
Interessant ist dabei, welches Volk sie damit beglücken.
Tante Jay, der Beschneidung auch ein Herzensthema ist (und die, nebenbei bemerkt, vermutlich mehr Original-Artikel zur Beschneidung geschrieben hat als alle deutschen Männerrechtler zusammen), engagiert sich sehr gegen diesen Mythos und hat hier (ausnahmsweise englisch) ein wichtiges Argument geliefert – vielleicht das wichtigste überhaupt.

Dieses lautet: JA, wenn man kein Kondom benutzt, wird das Risiko, sich mit HIV anzustecken, durch eine Beschneidung um 60% gesenkt – allerdings pro Verkehr.
Das ist ein wunderschönes Beispiel dafür, wie selbst eine harte Wissenschaft wie Mathematik falsch interpretiert werden kann, wenn man diese blöden Statistiken einfach nicht richtig liest. Wenn jemand eh kein Kondom verwendet (aus welchem Grund auch immer), dann ist ein 60%iger Schutz vor HIV schon eine beeindruckende Zahl, die aber völlig in die Bedeutungslosigkeit abrutscht, wenn man sie mit jedem einzigen Mal Sex in Verbindung bringt. Leider denken daran wohl die Wenigsten, wenn sie solche Zahlen lesen!

Das muss die WHO auch wissen (wenn es schon Bill Gates nicht weiß). Damit stellt sich die Frage, warum auf Grundlage solcher Zahlen dennoch weiterhin die Beschneidung in besonderen HIV-Risikogebieten, sprich, vor allen afrikanischen Staaten, so hartnäckig voran getrieben wird.

Ich neige eigentlich nicht sehr zu Verschwörungstheorien, aber mir fällt dazu keine einzige Erklärung ein, die nicht eindeutig rassistisch motiviert wäre. Fungieren hier Menschen, die bewusst dumm gehalten werden und die sich nicht so ohne Weiteres Gegenpositionen zu dieser Praxis beschaffen können, als Versuchskaninchen? Oder ist das gar ein bewusster Versuch, einfach mal auf diese Weise etwas gegen die Überbevölkerung zu tun?

Ich wiederhole es nochmal: Das einzige, was gegen eine HIV-Ansteckung hilft, ist ein Kondom. Und da die Sensibilität der Eichel durch eine Beschneidung herab gesetzt wird, führt dies zu einem erhöhten Risiko einer Verbreitung des HI-Virus, denn beschnittene Männer können oder wollen teilweise keine Kondome mehr benutzen.

Wie oft denn eigentlich noch?!

Das Problem mit dem Gebärmutterhalskrebs

Ursprünglich hatte ich diesen Punkt gar nicht in meinem ersten Artikel drin, weil er mir so absurd erschien, ihn dann aber ergänzt, als immer mehr Kommentare dazu geschrieben wurden. Ich hatte mich aber dabei auf ein reine ethische Argumentation gestützt, weil ich dachte, das reicht.

Es reicht offensichtlich nicht.

Vor kurzem erreichte mich eine Email, in der ich zu einer Stellungnahme zu „Beschneidung als Mittel gegen HPV-Infektion“ gebeten wurde. HPV sind die Erreger, die u.a. Gebärmutterhalskrebs auslösen können. Und ehrlich gesagt hat mich der Inhalt der Mail so sprachlos gemacht, dass ich nach längerem Nachdenken fast geneigt war zu glauben, hier wolle mich jemand testen, der mir mein feministisches Engagement gegen Beschneidung nicht abnimmt.

Inzwischen denke ich das nicht mehr. Aber der Vorschlag, es mir auf mein feministisches Banner zu schreiben, Beschneidungen flächendeckend bei allen Jungs schon im Babyalter zu begrüßen, weil damit Frauen vor Gebärmutterhalskrebs geschützt werden, wird dadurch leider nicht besser.

Wie gesagt: Die ethische Argumentation hat nichts gebracht. Also wollte ich das dieses Mal rein rational und mittels harter Wissenschaft angehen. Mathematisch, wirtschaftlich. Ich fand folgende Zahlen:

– jährlich erkranken in Deutschland ca. 4700 Frauen an Gebärmutterhalskrebs, ca. 1500-1600 sterben daran
– im Jahr 2011 wurden ca. 660.000 Kinder in Deutschland geboren – natürlich ist davon ca. die Hälfte (330.000) männlich
– eine Beschneidung kostet zwischen 200 und 700 Euro

Auf Grundlage dieser Zahlen startete ich ein kleines Gedankenexperiment. Nehmen wir mal an, der Plan einer flächendeckenden Beschneidung würde in die Tat umgesetzt und die Beschneidung würde tatsächlich nur 200 Euro kosten. Damit ergäbe sich für ein Jahr folgende Rechnung:
330.000 * 200 = 66.000.000
Die Beschneidung eines einzigen Jahrgangs nützt natürlich überhaupt nichts, deshalb muss man das weiter führen. Ein Effekt dürfte erst dann spürbar sein, wenn die ersten Jungs sexuell aktiv werden. Sagen wir, mit 15 Jahren. Nehmen wir der Einfachheit halber mal an, die Geburten würden bis dahin stabil bleiben. Das ergibt dann folgendes:
66.000.000 * 15 = 990.000.000

Es würde also FAST EINE MILLARDE EURO kosten, über 15 Jahre hinweg flächendeckend alle deutschen Jungs beschneiden zu lassen! Und da stellt sich mir die Frage: Ist so eine riesige Menge Geld nicht vielleicht besser in der Krebsforschung aufgehoben? Ich bin keine Ärztin, aber damit lässt sich doch sicher was mit anfangen, oder?!
Wobei da ja noch einiges fehlt. Nicht mit eingerechnet sind die Kosten für die dafür nötige Bürokratie und für etwatige Strafverfahren, denn meine Fresse, wäre so ein Gesetz wirklich in Deutschland möglich, dann könnt ihr aber Gift drauf nehmen, dass ich am Tage der Geburt meines Sohnes vom Wochenbett springen und ins nächste Gericht rennen würde, denn MEINEN Sohn wird ohne Grund NIEMAND beschneiden!! Damit bin ich sicher nicht die Einzige. Ach ja, und die Kosten für eventuelle Nachbehandlungen bei Komplikationen sind sicher auch ein gewaltiger Faktor. Ein einziger Tag im Krankenhaus kostet ja auch schon über 100 Euro! Ich könnte mir vorstellen, dass diese Posten zusammen genommen die Kosten für eine flächendeckende Beschneidung über die nächsten 15 Jahre leicht verdoppeln könnten!
(Der Vollständigkeit halber muss gesagt werden, dass Jungs, die tatsächlich unter einer Phimose leiden, hier heraus gerechnet werden müssten, aber ich halte die Zahl derer, die eine Beschneidung wirklich brauchen, inzwischen für verschwindend gering.)

Nun sollten solche wirtschaftlichen Überlegungen natürlich hinten an stehen, wenn es darum geht, Menschenleben zu retten – das gebietet die Ethik. Nur ist eine Beschneidung nun mal keine Maßnahme, die keinerlei negativen Konsequenzen nach sich zieht, außer, dass sie viel kostet. Das sah auch meine Mailpartnerin ein und schrieb, dass ja „maximal“ 5-15% aller Jungen nach einer Beschneidung unter Komplikationen leiden würden.

Nehmen wir das mal als Grundlage (obwohl ich die Zahlen anzweifle!), dann ergibt sich ausgehend von der oben genannten Geburtenzahl über 15 Jahre, dass demnach 247.000 bis 742.500 Jungs von Komplikationen betroffen wären. Dieser gewaltigen Menge stehen in diesem Zeitraum 70.500 gebärmutterhalskrebserkrankte Frauen gegenüber bzw. ca. 23.250 Frauen, die daran sterben.

Und da muss man sich doch fragen: So tragisch eine Krebserkrankung ist – rechtfertigt eine solche Präventivmaßnahme die Verletzung einer Menschengruppe, die bis zu zehnmal so groß ist (wenn man wirklich nur die beschnittenen Männer mit Komplikationen rechnet)?

Und auch diese Zahl ist ja nur eine unzulässige Annäherung. In den letzten 30 Jahren hat sich beispielsweise die Zahl derer, die an Gebärmutterhalskrebs sterben, mehr als halbiert. Es ist wohl nicht allzu verwegen zu vermuten, dass dieser Trend erfreulicherweise weiter gehen wird. Darüber hinaus wird die Gebärmutterhalskrebsimpfung erst seit 2007 in Deutschland für Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren empfohlen. Da Gebärmutterhalskrebs oft erst Jahrzehnte nach einer HPV-Infektion auftritt, ist auch bei den Erkrankungen in Zukunft mit einem dramatischen Rückgang zu rechnen.

Hieran sieht man, dass eine solche Maßnahme gegen jede Verhältnismäßigkeit gehen würde – vor allem, wenn man bedenkt, dass überhaupt nicht gesichert ist, ob eine Beschneidung tatsächlich eine Ansteckung mit HPV unwahrscheinlicher macht.

Ehrlich gesagt bin ich zu faul, mich dahingehend auch noch durch das halbe Internet zu wühlen, weil es mir wirklich zu blöd ist, aber ich lehne mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass die Behauptung einer 100%igen Sicherheit absoluter Bullshit ist. Die Mädchen der Jahrgänge, die nun männlicherseits flächendeckend beschnitten würden, können sich immer noch bei älteren Männern (oder Frauen) anstecken, das gleiche gilt für die Jungs, ob nun beschnitten oder nicht. Dazu kommen eventuelle Ansteckungen im Ausland oder durch Ausländer!

Ich bin, wie gesagt, keine Ärztin. Aber wenn mein beschränktes medizinisches Wissen mich nicht trügt, kann man Viren nur durch eine Art ausrotten. Man kann dutzende Verhaltensmaßnahmen für die unterschiedlichsten Viren propagieren, um eine Ansteckung unwahrscheinlicher zu machen, aber gänzlich aus einer Population verschwindet ein Virus nur durch eine wirksame Impfung.
Eben eine solche gibt es bereits für Gebärmutterhalskrebs, wobei diese weder fehlerlos, noch gänzlich ohne Kritiker ist. Aber das ist zumindest mal ein Ansatz, der eine wirkliche Lösung greifbar macht – nicht die Beschneidung!!

Daher: Nein, ich werde mir dieses dumme, unethische Projekt sicher nicht auf mein feministisches Banner schreiben – und hoffe ganz stark, dass eine solche Idee niemals im Feminismus trendet. Es ist schlimm genug, wenn Alice Schwarzer sich zu solchem Schwachsinn hinreißen lässt, aber da bisher von ihr keine wirkliche Forderung dahingehend kam, nehme ich an, dass sie wohl selber weiß, wie dämlich das ist.

Feminismus und Beschneidung

Und damit leite ich über zu einem Thema, das mich persönlich betrifft und ganz besonders aufregt.
Ich schrieb ja bereits, dass mich der Feminismus bei diesem Thema krass enttäuscht hat. Leider habe ich seitdem kaum etwas gelesen, was mein Eindruck dahingehend hätte ändern können.
Es ist eine Sache, sich nicht für ein bestimmtes Thema zu interessieren, aber eine völlig andere, dieses aktiv zu torpedieren. Auch wenn ich nicht verstehe, warum viele Feministinnen nicht sehen, dass ein Engagement gegen männliche Beschneidung dennoch ein feministisches Anliegen sein kann, könnte ich bei solchen Fällen wahrhaft kotzen.

So schrieb Antje Schrupp einen scheinheiligen Tweet, in dem sie süffisant fragte, ob sich die selben, die sich gegen männliche Beschneidung positionieren, ebenfalls so engagiert gegen geschlechtsangleichende Operationen bei intersexuellen Kindern argumentieren würden. In diesem kurzen Tweet war so viel falsch, dass ich meinen Kopf am liebsten mit Volldampf gegen die nächste Wand gerammt hätte. Meine extrem naheliegende Gegenfrage, warum sich denn die Leute, die sich gegen geschlechtsangleichende Operationen bei intersexuellen Kindern engagieren, nicht ebenso gegen männliche Beschneidung positionieren, wurde nonchalant ignoriert (führte aber zu einer weiteren fruchtlosen Diskussion mit einem beschnittenen Mann – dazu weiter unten).
Noch schlimmer als Frau Schrupps logische Glanzleistung traf mich ein gedankenlos eingestreuter Nebensatz auf einem feministischen Blog, der implizierte, dass man es bei einem Engagement gegen Beschneidung mit male tears zu tun hätte. Die kurz darauf stattfindende Diskussion, die entbrannte, weil ich das so einfach nicht stehen lassen konnte, zeigte mir, dass die Autorin nicht die geringste Ahnung von dem Thema hat.

Gleichzeitig muss ich mir immer wieder ein Ohr darüber volljaulen lassen, dass es keine Diskriminierung von Männern gibt, weil Diskriminierung sei ja strukturell bla – bla – BLA. Ja, keine Ahnung, vielleicht ist ein verfassungswidriges Gesetz, das sich nur gegen Jungs richtet, wirklich keine Diskriminierung, keine Ahnung wie man das laut Duden definiert, aber dieses Gesetz zu verteidigen oder sich drüber lustig zu machen, ist halt trotzdem ein unglaubliches Arschlochverhalten, nech?

Und da kommt mir etwas in den Sinn, was ich oft in Bezug auf die Abtreibungsdebatten denke, aber auch hier passt: „Wenn du nicht dazu beitragen willst, das für dich ach so irrelevante Problem zu lösen, dann halt einfach die Fresse.“

Das einzig positive, was ich zur feministischen Beteiligung (oder Nicht-Beteiligung) zur Beschneidungsdebatte bieten kann, ist dieser Text:
Warum Knabenbeschneidung gerade Feministinnen etwas angeht
Darüber hinaus ist mir nichts dezidiert feministisches dazu bekannt, was ich nicht selbst geschrieben habe. Und das finde ich immer noch sehr, sehr scheiße.

Männliche Diskussionsunwilligkeit

Nach dieser angebrachten Feminismuskritik ist aber dennoch eine Erfahrung, die ich in den letzten Monaten machen musste, wesentlich schwerwiegender. Es gibt nämlich genau eine Gruppe, mit der man aus meiner Sicht am schlechtesten über dieses Thema diskutieren kann.

Beschnittene Männer.

Natürlich gibt es Foren, in denen Betroffene ihre Erfahrungen austauschen und sich stark gegen dieses Gesetz engagieren, aber die Mehrheit aller Männer, sie sich mir als beschnitten offenbarten, kann für dieses Thema absolut keine Energie aufbringen. Interessanterweise sogar in mindestens einen Fall, in dem mein Gegenüber unter gewaltigen sexuellen Einbußen aufgrund seiner Beschneidung zu leiden hatte. Warum das Beschneidungsgesetz ein Problem ist, sah er trotzdem nicht.

Eine spezielle Diskussion ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Sie fand offline statt, in meinen eigenen vier Wänden. Drei Männer, die ich alle mag, mit denen ich eng verbunden bin, die alle beschnitten sind, und die eine Scheiße von sich gaben, dass es mir die Schuhe auszog.

So lachten sie schon, als ich das Thema auch nur auspackte. Was für ein Mimimi, dachten sie. SIE haben ja immerhin überhaupt keine Probleme, also GIBT es keine Probleme. Eine besondere Perle:
Ich: „Man schnippelt nicht an Genitalien rum. Das tut man doch nicht!“
Typ: „Das sind keine Genitalien.“
Ich: „Ähm, doch?“
Typ: „Nein!“
Ich: „Es ist der PENIS. Was ist daran für dich denn kein Genital?!“
Typ: „Es ist nicht der Penis, es ist HAUT!“

(Hatte ich eben nicht behauptet, ich hätte nun alle dummen Argumente schon mal gehört? Wie ihr seht, war das gelogen…)

Diese Diskussion ging stundenlang und war leider sehr heftig. Besonders von meiner Seite, denn 1. habe ich es wirklich satt, die ewig gleichen Argumente ständig erneut zu wiederlegen und bin deshalb inzwischen etwas empfindlich und 2. konnte ich einfach echt nicht fassen, wie drei so intelligente Männer so idiotisch und unlogisch diskutieren können.
Der größte Kritikpunkt von ihrer Seite aus war die ganze Zeit über, dass ich ja was gegen medizinische indizierte Beschneidung hätte. Es half überhaupt nichts, dass ich diese Fälle mehrmals explizit ausklammerte (wobei ich immer noch der Meinung bin, dass dies selbstverständlich ist!). Immer wieder kamen sie darauf zurück – vermutlich, weil bei allen dreien diese medizinischen Gründe vorgeschoben worden gegeben waren.

Und letztendlich kam nach langer, langer Diskussion ein sehr entlarvender Satz – ein Satz von einem Menschen, den ich noch nie wütend gesehen habe. Aber hier kochte er regelrecht. Der Satz lautete: „Was du machst, ist im Grunde MICH abwerten, indem du sowas sagst!!“

Ich denke, da liegt der entscheidende Punkt – und das ist auch der Grund, weshalb ich wieder davon abgekommen bin, männliche Beschneidung als „Genitalverstümmelung“ zu bezeichnen. Dieser Begriff ist so maximal negativ besetzt (völlig zurecht), dass spontane Ablehnungshaltungen einfach nur vorprogrammiert sind. Wer möchte schon hören, dass er verstümmelt wurde, obwohl er sich völlig okay fühlt? Das ist definitiv ein Angriff auf den Selbstwert, der mit geradezu manischer Überkompensation gekontert wird.

Was man dagegen tun könnte… da bin ich ehrlich gesagt ratlos. Es dürfte feststehen, dass dieses Gesetz nicht ohne die Unterstützung von beschnittenen Männern gekippt werden kann. Damit bin ich dann leider raus, denn ich bin weder Mann, noch beschnitten. Möglicherweise ist das ja auch ein Problem: Möchten beschnittene Männer von einer Frau hören, dass man sie vielleicht völlig ohne Grund in Gefahr und um die Möglichkeit gebracht hat, Sex mit allen intakten Nervenzellen zu genießen?

Hier muss von männlicher Seite weiterhin wesentlich mehr Aufklärung betrieben werden.

Aber das ist etwas, was ich nach all meinen langen Diskussionen zumindest im Real Life immer noch nicht sehe.

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Von linken Händen und sadistischer Rechtsmacherei

Hände2a

Eine Studie unter amerikanischen Collegestudenten hat mal ergeben, dass die Hälfte der rechtshändigen Probanden keine Ahnung hat, welche Händigkeit ihre Eltern haben, während die Linkshänder fast alle darüber Bescheid wussten.

Ausgehend von diesem Phänomen ist es ziemlich schwer, zu diesem Thema etwas zu schreiben, weil fast 90% der Leute sich einen Scheißdreck dafür interessiert.

Aber, liebe Rechtshänder: Habe ich trotzdem kurz eure Aufmerksamkeit? Wo ich doch auch ein Bild gebastelt hab und alles?
Ja? Cool. Dann schnell weiter, bevor ihr euch langweilt!

„Nimm doch mal das gute Händchen!“

Ich bin Linkshänderin. Überraschung. Das führte bereits sehr früh zu Problemen – ich bin nämlich in meiner gesamten Familie die einzige.

Deswegen konnte mir niemand Schuhbinden beibringen. Meine Familie war nicht in der Lage, die unendliche Mühe auf sich zu nehmen, einfach mal die andere Hand zu benutzen und „umzudenken“. Da ich, wie jeder Linkshänder, mein gesamtes Leben genau dazu gezwungen bin, muss ich da leider eine gewisse Faulheit und Unfähigkeit konstatieren.
Aber ich war natürlich schon eine Zumutung, wie ich da saß und mit links malte, statt mein gutes Händchen zu benutzen. Sprüche darüber durfte ich mir meine halbe Kindheit anhören – aber schlimm wurde es erst, als ich in die Schule kam.

Mein Grundschullehrer war von der alten Garde und eigentlich super, aber bei diesem Thema hatte er einen kleinen Spleen. Ich hatte mich total auf die Schule gefreut, aber schon nach einer Woche war ich mit meinen Nerven völlig am Ende. Grund: Er zwang mich, alle meine Hausaufgaben doppelt zu erledigen – einmal mit links und einmal mit rechts. Das klingt vielleicht harmlos, aber für ein sechsjähriges Kind ist so eine Doppelbelastung nicht gerade easy. Und nachdem sie sehen musste, wie fertig ich war, stiefelte meine Mutter in die Schule, um ein Machtwort zu sprechen.
Mein Lehrer beugte sich ihrem Willen, aber verstanden hat er es wohl nie. Mit den doppelten Hausaufgaben war es dann vorbei, aber auch danach forderte er mich immer mal wieder auf, doch einfach mal die andere Hand zu benutzen.
Ich war sechs Jahre alt, aber ich habe ihn einfach völlig ignoriert. Ein anderes Mädchen in meiner Klasse hat er auf diese Weise jedoch umerzogen.

Und das im Jahr 1991.

Auf der weiterführenden Schule ging das Elend weiter. Wir hatten in der fünften Klasse Handarbeit, was ich wirklich gerne lernen wollte. Aber meine Lehrerin schmiss ziemlich schnell die Häkelnadeln hin und erklärte, dass sie mir mit LINKS nichts beibringen könne. Wie ich nach diesem Statement ihren Unterricht bestehen sollte, interessierte sie nicht.
Erneut gab es Tränen zuhause und meine Oma verwünschte wieder einmal meine Entartung, aber letztendlich brachte sie mich zu einer Freundin aus dem Kirchenchor, die zwar auch keine Linkshänderin war, dafür aber eine Handarbeitskönigin, und diese schaffte es schließlich mit viel Geduld, mir Häkeln mit der “falschen” Hand beizubringen. Es zeigte sich sogar, dass ich besonders begabt war und letztendlich konnte ich daher das verlangte Werkstück stolz und auf sorgfältigste Weise ausgeführt pünktlich abgeben.

Die Freude währte aber nur kurz: Meine Lehrerin warf einen Blick auf den vorbildlich gehäkelten Topflappen und erklärte, dass ich den unmöglich selbst gehäkelt haben konnte. Dabei sieht man beim Häkeln an den Maschen ganz deutlich, ob sie von einen Rechtshänder oder von einem Linkshänder gehäkelt worden sind!
Ich wieder am Heulen, wieder musste meine Mutter einschreiten und schrieb der Lehrerin einen Brief, in dem sie beteuerte, dass der beschissene Topflappen von mir selbst gemacht worden ist, was die blöde Kuh dann zähneknirschend akzeptieren musste.

„Ne Linkshändlerin?! Also, du schreibst mit links?!“

Weitere Zusammenstöße mit Spitzenpädagogen dieser Art blieben mir persönlich glücklicherweise erspart. Von anderen Linkshändern habe ich schon wesentlich schlimmeres gehört. Ich wurde nie geschlagen, weil ich mit links schrieb, auch wurde mir nicht eine Hand auf den Rücken gebunden, und ernsthaft angefeindet von irgendwelchen Idioten, die das 21. Jahrhundert verpasst haben, wurde ich auch nie, weil ich die „Teufelshand“ benutze. Diese Denke gab und gibt es ja tatsächlich. Nicht umsonst leitet sich der Begriff „sinister“ (böse, heimtückisch, schlecht) vom lateinischen Wort für „links“ ab.

Aber wenn man es nicht anders kennt, gewöhnt man sich ja an vieles. Nach all den Jahren nerven die immer gleichen saublöden Sprüche (“benutz die richtige Hand!” – “Oh, ne Linkstratsche!” – begleitet von debilen Gelächter) zwar schon, aber es ist auszuhalten, auch wenn viele Leute wirklich eine bemerkenswert unbedarfte Doofheit an den Tag legen.
„Oh, du bist Linkshändlerin? Woah… das könnte ich ja nicht!“ Was soll ich denn darauf bitteschön antworten, Captain Obvious? Stell dir vor – ich kann dafür nichts mit rechts, wie man an dem Gekrakel oben sehen kann! Und warum ist meine Händigkeit so unglaublich? Es gibt noch so viele Dinge, die ich auch nicht könnte: Mit einer Frau schlafen, weil ich hetero bin, ohne Leiter ne Wand streichen, weil ich klein bin, Isländisch lernen, weil das keiner kann etc.pp. Warum höre ich so was dümmliches aber immer nur in Bezug auf meine dominante Hand?

Was gibt’s noch?

„Ich schaffe das mit links“ oder „Der hat zwei linke Hände“ – zwei Phrasen, die ich nie benutze (würde ja auch keinen Sinn machen, ne). Über sowas kann ich nur müde lächeln. Und die Tatsache, dass sämtliche Utensilien für Linkshänder teurer sind, lässt sich wohl auch nicht ändern.

Aber das ist alles nicht wichtig, eigentlich. Als diese Minderheit, die immer eine solche bleiben wird, lebt es sich ja nicht zwangsläufig schlecht. Das hier soll kein Forderung einer, kA… „Critical Rightness“ sein oder so eine Scheiße, auch wenn ich mir beispielsweise wirklich gewünscht hätte, dass die Leute, die mir nicht die Hand gaben, als ich letztes Jahr rechts einen Verband hatte, einfach mal auf die bahnbrechende Idee gekommen wären, mir stattdessen die linke Hand zu reichen.

Nee, das ist alles völlig okay, ab und zu ein bisschen ärgerlich, aber okay, wir kommen mit sowas klar, wir Lefties, wir sind es gewöhnt, und außerdem sind Kurt Cobain und Stephen King auch Linkshänder und das ist ultracool. Wir sind eben etwas besonderes!

„Linkshändigkeit ist ein Merkmal der Degeneration.“

Aber ich sage euch, was ganz und gar NICHT okay ist: Kindesmisshandlung.
Huch, krasser Themenwechsel? Nein, überhaupt nicht. Denn es wird verdammt noch mal Zeit, diese sadistische Unsitte der Umschulung als genau das zu benennen, was es ist.

Jahrelang dachte ich, ich wäre eine der Letzten gewesen, bei der man eine Umschulung versucht hatte. Immerhin ist das ja auch schon über 20 Jahre her und wie gesagt war mein Grundschullehrer sehr alt. Ich hielt das für ein Einzelfall, aber inzwischen weiß ich, dass bei zwei Freunden von mir, die einige Jahre jünger sind, diese Umschulung tatsächlich durchgezogen worden ist. Mir wird echt schlecht, wenn ich daran denke, dass der eine in der Metallverarbeitung arbeitet, täglich mit gefährlichen Maschinen hantiert und dabei die Hand benutzt, die bei ihm natürlicherweise nicht für Feinarbeiten ausgelegt ist. Und der andere ist mein Kumpel Tim, der Typ, bei dem ich früher immer gewaschen habe, ein Designstudent – nicht auszudenken, wie viel besser er wäre, wenn er mit der richtigen Hand zeichnen würde, die bei ihm nun mal die linke wäre.

Okay, die paar Jahre – aber HEUTE macht man das nicht mehr, ne? Falsch! Eine Bekannte erzählte mir von ihrem Sohn, den sie gerade im Kindergarten angemeldet hat. Sie teilte den Erzieherinnen mit, dass er Linkshänder ist. Was war deren Kommentar, nachdem sie den Jungen ein paar Minuten gesehen hatten? “Nö, der ist kein Linkshänder!”
Tja, nun hat sie den Buben aber testen lassen und er IST Linkshänder. Den Erzieherinnen war es einfach nur zu stressig, sich auf sowas Abnormes einzustellen und hätten ihn umerzogen, wenn man sie gelassen hätte!

Nun klingt „Umschulung“ oder „Umerziehung“ so lasch, deshalb könnte man sich ja, selbst wenn sowas noch Usus ist, einfach abregen, denn es geht ja nur um’s Schreiben und überhaupt, so schlimm kann das ja nicht sein, wenn umerzogene Linkshänder trotzdem Handwerker werden oder Design studieren können. Dafür macht es ihnen das Leben ja auch leichter, weil sämtliche Werkzeuge, Schreibgeräte etc. für Rechtshänder ausgelegt sind, man spart also sogar noch Geld!

FALSCH. Eine Umschulung ist schlicht und ergreifend das Schlimmste, was man dem menschlichen Gehirn antun kann, ohne daran rumzuschnippeln. Man zwingt es etwas zu tun, wofür es verdammt noch mal nicht ausgelegt ist. Das hat Auswirkungen, die man sich als stinknormaler Rechtshänder nicht mal vorstellen kann!

Zieht euch das mal rein: Die SELBSTMORDRATE ist unter umgeschulten Linkshändern höher als bei der Normalbevölkerung! Immer noch harmlos?! Auch psychische Probleme treten gehäuft auf, wobei da natürlich kaum jemand auf die Idee kommt, dass dies etwas mit der Händigkeit zu tun haben könnte, denn die Betroffenen wissen ja selbst oft nicht mehr, dass sie mal Linkshänder waren!

Bevor jemand auf die blöde Idee kommt:
Nein, umerzogene Linkshänder ≠ psychisch krank. Bei vielen äußert sich das lediglich in einer als charmant angesehenen Links-Rechts-Schwäche, bei anderen scheinbar gar nicht. Aber es gibt halt auch so Leute wie mein Kumpel Tim, der niemals den Führerschein machen und Auto fahren darf, weil er Epileptiker ist, eine Krankheit, die mutmaßlich nicht ganz weg wäre, aber viel schwächer ausgeprägt, wenn man ihn nicht umerzogen hätte. Das hat ihm sein Neurologe zweifelsfrei bestätigt.

Weitere mögliche Auswirkungen einer Umschulung: Konzentrationsschwäche, Gedächtnisschwäche, verminderte Leistungsfähigkeit, Legasthenie, Sprachstörungen, gestörte Reaktionsfähigkeit, Probleme mit der Feinmotorik und der räumlichen Orientierung – und dies nur primär. Was für Selbstwertprobleme und Folgeerkrankungen (dazu zähle ich auch Unfälle im handwerklichen Bereich, die mit der in Wahrheit dominanten Hand nicht passiert wären) sich daraus ergeben, kann sich jeder ja selbst vorstellen!

Nun ist das glücklicherweise kein Schicksal ohne Rückfahrkarte. Es gibt inzwischen viele Anlaufstellen, die eine sogenannte Rückschulung anbieten. Was man nun von umgeschulten Linkshändern liest, die sich zu einer Rückschulung entschlossen haben, ist wirklich unglaublich grauenhaft. Viele berichten davon, sich zum ersten Mal in ihrem Leben ganz und richtig zu fühlen, dementsprechend beschissen und zerrissen fühlten sie sich vorher. Wie, das klingt irgendwie so theatralisch und mimimi? Tja, so ist es aber nun mal. Eine Umschulung, egal ob mit oder ohne Gewalt, hat auf das Gehirn Auswirkungen, die man durchaus mit einem Trauma vergleichen kann – und es ist zum Kotzen, dass das keine Sau weiß!

Deshalb entscheiden sich viele auch gegen eine Rückschulung. 1. fehlt ihnen das Wissen darum, wie massiv dieser Eingriff für sie war, 2. kennen sie es ja nicht anders und 3. scheuen viele auch aus ganz pragmatischen Gründen davor zurück, denn eine Rückschulung ist zeitintensiv, anstrengend und stressig. Man muss ja wieder ganz neu Schreiben lernen!

Leider hält mein Kumpel Tim der letzte Punkt von diesem Schritt ab. Er müsste wohl ein Krankheitssemester einlegen, da er ja kreativ tätig ist und die Erstverschlimmerung bei einer Rückschulung auch nicht vernachlässigt werden darf (gerade auch bei seiner Krankheit). Wer gibt ihm diese Zeit zurück, wie soll er das bezahlen?

Zumindest darauf habe ich beim Überlegen über diesen Artikel eine Antwort gefunden, die vermutlich vielen total radikal vorkommt: der Staat. Ja, wirklich. Wer in einer Schule umerzogen worden ist (und, wie ich bereits darlegte, war dieses Phänomen nicht generell mit dem Siebzigern verschwunden, wie vielerorts behauptet wird), sollte eine Entschädigung und Hilfestellung bei der Rückschulung bekommen, denn Schulen sind staatliche Einrichtungen. Es ist eine Sache, wenn ein unbedarfter Privatmensch keine Ahnung von den negativen Folgen einer Rückschulung hat, aber wenn sowas nicht mal in der Ausbildung von Grundschullehrern enthalten ist, liegt der Fehler ganz eindeutig dort.

Wobei sich die Frage stellt: WIRD so etwas tatsächlich mal erwähnt? In meinem Studium der Erziehungswissenschaften jedenfalls nicht. Nun studiere ich aber ja auf Gymnasium, werde also Kinder unterrichten, bei denen der Prozess der Festlegung auf eine Händigkeit bereits abgeschlossen ist, aber andererseits musste ich mir auch sowas wie lerntheoretische Entwicklungsphasen von Babys anhören und dennoch war die Händigkeit NIE ein Thema. Ob das bei Grundschullehramt anders ist, kann ich nur spekulieren. Ich befürchte nein.
Man muss wohl kein ganzes Seminar über dieses Thema halten, das sich ja auch gut in drei Worten zusammenfassen lässt, nämlich „Umschulung? HELL NO.“ Aber naja, wenigstens EINE Sitzung sollte doch bitte Pflicht sein! Und wenn es nur darum geht, bescheuerte Eltern von so etwas abzuhalten!

Schattendasein als Spiegelbild

Das schockierende Phänomen „Linkshändigkeit“ ist zwar etwas, von dem jeder schon mal gehört hat, wird aber von vielen Rechtshändern, die es gewohnt sind, in einer rechtsdominanten Welt zu leben, unter „Irrelevanz“ abgelegt. Leider auch von vielen Eltern, die es oft nicht mal schaffen, ihren linkshändigen Kindern die einfachsten Hilfsmittel an die Hand zu geben!

Während meines Praktikums in einer Grundschule musste ich mal sehen, wie sich der einzige Linkshänder der Klasse mit einer Schere abmühte. Linkshänder können mit Rechtshänderscheren nur gut schneiden, wenn sie wirklich höllenscharf sind, weitaus schärfer als eine Schere, die Kinder diesen Alters in die Hände bekommen sollten.

Ich ging also zu dem Kleinen hin. “Hast du ne Linkshänderschere?”
“Nee,” antwortete der Bub piepsig.

Aaah, zum Kotzen! Dies ist sogar aus mehr als dem offensichtlichen Grund geradezu perfide: Die Fähigkeit, etwas schön ausschneiden zu können, wird nämlich bei Grundschülern und Kindergartenkindern gerne als Test für den Reifegrad herangezogen. Dann ist es doch einfach scheiße, wenn die kleinen Linkshänder mit falschen Scheren schneiden müssen!

Ich latschte zu seiner Lehrerin und sagte ihr, dass sie den Eltern sobald wie möglich klar machen sollte, dass der Junge eine ordentliche Ausrüstung für Linkshänder braucht. Nur hatte ich nicht den Eindruck, dass die Lehrerin kapierte, wie wichtig das ist!

Also bin ich selbst wieder zu dem Bub hingegangen und habe ihm gesagt, er möge seinen Eltern von der Praktikantin ausrichten, sie sollen ihm gefälligst eine richtige Schere kaufen. Viel lieber hätte ich ihm einen Zettel für seine blöden Eltern mitgegeben, aber ich hatte meine Kompetenzen ohnehin schon mehr als überschritten. Heute würde ich es trotzdem tun!

Was bezwecke ich eigentlich hiermit? Die üblichen Verdächtigen werden wohl behaupten, ich wäre halt mal wieder so eine Tussi, die nur jammern will. Aber dazu habe ich ja keinen Grund, denn mit MIR ist ja alles in Ordnung. Ich wurde nicht umgeschult und kann heute mit ein bisschen irrationalen Stolz auf meine Linke hinunter blicken und denken: „Yeah, you are special.“
Aber andere hatten dieses Glück nun mal nicht – und das muss viel stärker thematisiert werden.

Ich nannte eine Umschulung „sadistisch“, dabei verlangt Sadismus wohl Absicht, weshalb das eigentlich nicht zutreffend ist. Aber auch Ignoranz kann höllenartige Auswirkungen haben. Gegen diese schreibe ich an, denn selbst viele Linkshänder haben keine Ahnung davon. Wenn das dann gleichzeitig dazu führt, auch nicht-umgeschulten Linkshändern das Leben ein bisschen zu erleichtern, sei es nun mit der Bereitstellung „linker“ Materialien durch Erziehungsberechtigte oder einfach nur durch das Verkneifen eines doofen, schon tausendmal gehörten Spruchs – damit wäre ich auch sehr zufrieden!

Eigentlich wollte dieser Beitrag schon seit Ewigkeiten geschrieben werden, aber ich glaubte, dafür einen Aufhänger zu brauchen. Nun war ich am 13. August, dem internationalen Linkshändertag, leider nicht da. Doch eine kleine Unterhaltung auf Twitter gestern hat den Stein schließlich ins Rollen gebracht… und mir ist mal wieder klar geworden (auch durch die Beobachtung meiner Reaktion beim Schreiben – unglaublich, wie ich mich reinsteigern und sauer werden kann!), dass dieses Thema viel öfter auf den Tisch gehört, bis auch die letzten Rechtshänder checken, dass sie verdammt noch mal nicht allein auf der Welt sind.

Als letztes eine Empfehlung für solche, die mehr darüber erfahren wollen und vielleicht sogar jetzt überlegen, sich wieder zurückschulen zu lassen: Das Linkshänderforum mit vielen Erfahrungsberichten, Tipps und Links zum Thema!
leftpower

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#nudelnmitketchup – über dieses Hashtag (und über mich)

Erst muss ich mal ein Geständnis machen. Aufgepasst. Wird hart. Fertig? Also los:

Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie Nudeln mit Ketchup gegessen.

Also, Nudeln mit Ei und Ketchup, okay, öfter. Oder Nudeln mit zu wenig Käsesoße, aufgepeppt mit Ketchup. Aber einfach nur Nudeln mit NUR Ketchup, daran kann ich mich nicht erinnern.

Trotzdem steht dieses Gericht auch bei mir metaphorisch für Elend, Armut, am-Existenzminimum-herum-krebsen. Deshalb habe ich diesen Hashtag vorgeschlagen.

Aber warum eigentlich? Mal ein bisschen Chronologie:

Gestern also dieser doofe Spiegelartikel, dessen Titel ich schon Stunden vorher gelesen hatte, ohne ihn anzuklicken, weil ich mir schon dachte, dass sich da nichts grandioses hinter versteckt, den ich dann aber doch lesen musste, nachdem sich einige Leute in meiner Timeline über ihn aufregten.
Tatsächlich fand ich ihn relativ harmlos. Das Schlimmste daran war eigentlich, dass er einfach nicht sonderlich witzig ist (um eine Bloggerkollegin zu zitieren: „Das ist doch nicht lustig :/“). Aber manchmal verursachen auch Nichtigkeiten eine Lawine, wenn sie den richtigen Nerv treffen.

Aber ich greife vor. Jedenfalls hat mich diese locker-elitäre Scheißegalhaltung des Autors ein bisschen genervt. Zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht mehr. Das ist einfach eine Art Klassismus, die einem viel zu oft begegnet, als dass es mich noch groß stören könnte, und eigentlich kann er persönlich ja auch nichts dafür, aus einer Akademikerfamilie zu stammen (falls es denn stimmt) und gar nicht zu wissen, was für ein Scheißglück er hatte, gleich dreimal studieren zu können.

Aber ja, es nervt halt. Also gab ich ein Statement ab, das noch gar nicht so sehr gegen irgendjemand im Speziellen ging:

Damit hätte es eigentlich schon erledigt sein können (abgesehen von meiner leichten Verwunderung, dafür für meine Verhältnisse so viele Retweets zu kassieren – ich bin normalerweise schon wegen einem überglücklich). Aber dann fing @harryliebs an, ein paar Erlebnisse zu twittern, z.B. das hier:

Und da wurde mir klar: Das braucht doch nen Hashtag!

Zusammen mit @harryliebs und @Marenleinchen66 gab es dann ein bisschen Brainstorming, bis der Hashtag das Licht der Welt erblickte. Ich posaunte es raus, schrieb ein paar Tweets und ging schlafen.

Und jetzt? Dieser gottverdammte Hashtag ist momentan Platz 1 in den Trends und ich hab plötzlich 50 Follower mehr (wenn man bedenkt, dass ich vorher nur 83 hatte…!).

Das muss man sich mal reinziehen!!! Vorgestern, als sich ein neuer Follower zu mir verirrte, dachte ich noch: „Yay, wenn es so weiter geht, bin ich in ein paar Monaten dreistellig! Meinen 100. Follower begrüße ich dann aber persönlich!“ – Und jetzt ging das über Nacht so schnell, dass ich gar nicht sehen konnte, wer jetzt Nummer 100 gewesen war.

Das macht mich ein bisschen stolz (irrationalerweise – ich hab ja eigentlich nix gemacht). Aber während ich wirklich versuche, alle #nudelnmitketchup-Tweets zu lesen, gibt es natürlich darunter (neben dem üblichen Getrolle) auch reflexartig Kritik. Zumindest einen Kritikpunkt – nämlich, dass es uncool ist, nur über Klassismus im Unialltag zu twittern – kann ich sogar nachvollziehen.

Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass ich eh nicht glaubte, irgendjemand außer zwei oder drei der Follower, mit denen ich mich öfter unterhalte, würde den Hashtag benutzen. Ich bin gleichzeitig aber heilfroh, dass ein anderer Vorschlag (#art26, nach Artikel 26, dem „Recht auf Bildung“ in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte) verworfen worden ist, denn DER wäre dann wirklich nur auf Schul- und Unialltag beschränkt gewesen. #nudelnmitketchup hingegen darf gerne für alle Klassismuserfahrungen benutzt werden, die es so gibt – es würde mich sogar freuen.

Dennoch nervt es mich extrem, wenn einige, die sich quasi berufsmäßig mit Privilegien welcher Art auch immer beschäftigen, direkt eine solche Aktion kritisieren, weil es Leute „ausschließt“ oder „unsichtbar macht“, und anregen, doch direkt mal eine Diskussion über die Strukturen und Mehrfachdiskriminierungen etc. anzufangen.

Sorry, aber das ist mir zu akademisch und in meinen Augen auch Klassismus. Und genau daran krankte auch diese sogenannte „Klassismus-Debatte“ (die in meinen Augen keine war – zwei oder drei saudumme „Beschwert euch nicht!“-Artikel neben vielen, vielen krassen Erfahrungsberichten von Betroffenen machen noch keine Debatte!), von der im März die Rede war und von der ICH beispielsweise an prominenter Stelle ausgeschlossen wurde, weil ich mit der Meinung mancher Leute nicht konform gehe, was ich einfach nur unglaublich verletzend fand (mich allerdings nicht sonderlich überraschte).

Ich finde es okay, erst einmal Erfahrungsberichte zu sammeln, ein Bewusstsein zu schaffen. Muss man das innerhalb kürzester Zeit akademisieren?

Sollte das Hashtag noch ein paar Stunden überleben, wird sich diese Frage leider nur allzu schnell beantworten -.-

Für mich persönlich stellt sich jetzt allerdings ein anderes Problem, wenn ich die ganzen Tweets lese. Ich fange an, mich schlecht zu fühlen, wenn ich von Leuten lese, die tatsächlich oft nichts anderes zu essen hatten. Das ist einfach nur so megascheiße und tut mir unheimlich leid.

Ich wäre wahrscheinlich öfter auch nicht drumrum gekommen, wenn ich nicht vom Land käme und wir nach der Maxime leben würden: Hauptsache Essen auf dem Tisch, der Rest ist Luxus. Zwar esse ich auch heute noch meistens nur Nudeln, aber wenigstens habe ich eine ordentliche Soße dazu (= passierte Tomaten mit Gewürz und vielleicht Käse und so). Denn auch in der Zeit, als es mir finanziell am schlechtesten ging und ich nach Abzug aller Fixkosten noch 200 Euro zum Leben hatte, habe ich davon erst Essen gekauft und wenn dann nichts mehr übrig war, musste ich halt kucken, wie ich mich den Rest des Monats selbst unterhalte (zum Beispiel, indem ich mich hinsetzte, um meine einzige Jeans zu flicken).

Inzwischen geht es mir etwas besser. Ich befinde mich momentan in einer seltsamen Grauzone. Ich habe tatsächlich 30.000 Euro Schulden wegen meines Studienkredits – aber ich habe auch 3000 Euro auf meinem Girokonto. (Richtigerweise müsste ich also von 27.000 Euro Schulden reden. Man möge mir es verzeihen.)
Das Geld habe ich in den letzten zwei Jahren gespart, als ich endlich einen Job fand. Der Lohn besserte meinen monatlichen Studienkredit in einer Weise auf, die mir endlich ein wenig Luft verschaffte. Heute kann ich sagen, dass ich mich nicht mehr in einer Kneipe an einem Cola festhalten muss, weil es für mehr nicht reicht, sondern auch mal auf den Putz hauen kann, wenn ich will.

Aber oft genug, wenn ich gerade irgendwo stehe und was sehe, was ich haben will und ich einfach glücklich bin, weil ich es mir LEISTEN KANN – oft genug fallen dann urplötzlich meine Schulden auf mich herab wie das Beil einer Guillotine. Und das war’s dann mit der Freude.

Ich denke, ich bin weit davon entfernt, wirklich arm zu sein. Das ist mir klar, das habe ich auch schon in meinem ersten Beitrag über Klassismus heraus gestellt, hoffe ich. Dennoch habe ich einige unschöne Dinge erlebt, bin genervt von Kommilitonen, die einfach nicht checken, dass nicht jeder so viel Geld hat wie sie, kenne das Gefühl, wenn plötzlich 5 Euro fehlen und man nicht weiß, wen man anpumpen soll, weil man sich so schämt.

Natürlich sind das alles irgendwie first world problems. Ich hätte ja auch einfach eine Lehre machen können, wie mir meine Oma nicht müde wird vorzuhalten. Auch will ich auf gar keinen Fall den Eindruck erwecken, alle meine Probleme resultierten aus klassistischen Benachteiligungen. Da spielt noch sehr viel mehr mit rein, unter anderem ein paar persönliche Befindlichkeiten und dann auch noch schlicht die Tatsache, dass ich ebenfalls ein Uni-Loser bin. Ich hätte schon vor Jahren fertig sein können – dass ich es nicht bin, daran hat z.B. der aus finanziellen Gründen nicht zu vermeidende Umstand, oft bis spät nachts oder früh morgens arbeiten zu müssen und dann am nächsten Tag einfach zu kaputt zu sein, um ein Unibuch in die Hand zu nehmen, nur marginal Anteil.

An vielen, vielen Dingen bin ich selbst Schuld. An anderen aber halt auch nicht. Und das ist scheiße – unabhängig davon, dass ich die größte Scheißzeit hinter mir habe und endlich Hochdeutsch kann und der ganze andere Schrott.

Gleichzeitig heißt das jedoch nicht, dass ich andere nicht sehe, denen es viel dreckiger geht, ob sie jetzt studieren oder nicht. Ich hoffe einfach sehr (gegen besseres Wissen…), dass diese unbedarfte Aktion, die plötzlich zu einer Lawine wurde, die für mich viel zu groß ist (was aber doch auch nur deutlich zeigt, wie unzufrieden viele mit dem bestehenden System sind), weiter geht, ohne dass es plötzlich in einer Schlägerei nach allen Seiten ausartet und jeder dem anderen die Butter auf der Stulle nicht gönnt. Man kann sich über bestehende Ungerechtigkeiten beschweren, ohne die Leute zu vergessen, denen es noch viel schlechter geht.
Ich frage mich immer, ob Leute, die so etwas anprangern, null multitaskingfähig sind, denn ich kann in der Tat an beides gleichzeitig denken (und noch einiges mehr).

Vergessen wir doch bitte nicht die wahren Feinde. Nämlich die Bonzen da oben :mrgreen:

Einer davon schreibt jetzt also für Spiegel Online. Wie gesagt – ich gönne es Leuten wie ihm ja, nicht bedürftig zu sein. Wenn ich studierte Eltern hätte und die Möglichkeit, gleich dreimal ein Studium anzufangen, hätte ich es vielleicht auch gemacht. Nur ist das eben halt auch keine Leistung. Das scheinen er und die anderen Wohlstandsbubis leider oft zu vergessen, wenn ich mir jetzt ansehe, wie er sich über #nudelnmitketchup lustig macht. Dabei fing er gerade an, mir Leid zu tun, weil ich nicht davon ausgegangen bin, dass er den jammerigen sexistischen Unterton und den subtilen klassistischen Hauch, der sich durch seinen Text zieht, wirklich bewusst beabsichtigt hat, und er dieses ganze Gebashe vielleicht nicht verdient hat.

Aber naja, das war halt einmal -.-

Er wird jetzt also bald „Literarisches Schreiben“ studieren. DAS wäre ja was. Ein absoluter Traum für mich. Stattdessen studiere ich Lehramt, also was langweilig-bodenständiges, weil ich mir allein den Gedanken, später vielleicht aufgrund eines unnützen Abschlusses, der auf einem reinen Interessenstudium basiert, keinen Job zu haben, nicht leisten kann (ich werde trotzdem mit aller Kraft versuchen, eine gute Lehrerin zu sein, wenn es mal soweit ist – aber mein Lebenstraum ist es halt nicht gerade).

Ich würde mir wünschen, dass er und alle anderen, die sich jetzt so smart darüber lustig machen, vielleicht irgendwann verstehen, wie es ist, nicht alle Möglichkeiten offen stehen zu haben.

Aber auch das ist wohl nur so ein blödsinniger Traum.

Gibt es eine bessere Gelegenheit, um Geld zu betteln? Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Ich trinke zwar keinen Kaffee, aber das muss ja niemand wissen.

Ich habe jahrelang die Falschen gewählt!

Ich hatte gerade ein regelrecht verstörendes Gespräch über die Wahl. Wisst ihr, bisher war ich immer der Meinung, man solle das wählen, was man gut und richtig und gerecht findet. Alles andere fand ich egoistisch, weil, ich bin ja nicht allein auf der Welt, ne?
Aber mein Gesprächspartner hat mir die Augen geöffnet: Zu wählen, was einzig und allein für MICH gut ist, ist nicht egoistisch, sondern pragmatisch.

Und das hat mein Leben total verändert. Mir ist klar geworden, dass meine Einstellung all die Jahre über unvernünftig gewesen war. Das muss man sich mal vorstellen! Ich darf seit 10 Jahren wählen und hab mir all die Jahre über tatsächlich über andere Menschen Gedanken gemacht, die nicht das geringste mit mir zu tun haben! Wie viel Zeit ich damit verschwendet habe! Wie viel Geld ich dadurch verschwendet habe!

Wenn jeder an sich selbst denkt, ist doch an jeden gedacht, ne? Also muss ich meine Wahlentscheidungen völlig neu überdenken. Glücklicherweise gibt es aber ja den Wahl-O-Mat, der mir bei der Entscheidungsfindung helfen kann!

Ich habe die Antworten einfach mal transparent gemacht, damit ihr vielleicht auch von dieser aufregend neuen Wertvorstellung profitieren könnt (also, nicht, dass es mich interessiert, ob ich irgendjemanden mit einem meiner Artikel helfe oder auch nur ein wenig Zerstreuung liefere. Das wäre ja unpragmatisch, geradezu verrückt!).

1. Es soll ein gesetzlicher flächendeckender Mindestlohn eingeführt werden.
Hach, gleich sowas. Es ist schwieriger als man denkt, einfach nur pragmatisch zu sein!
Momentan würde mir das als Kellnerin noch was nutzen. Aber wenn ich JETZT eine Partei wähle, die für den Mindestlohn ist und das wirklich durchsetzt, wann wird der wohl kommen? Wohl frühestens in ein, zwei Jahren. Bis dahin bin ich schon im Referendariat. Und als Lehrerin bin ich auf Mindestlohn nicht angewiesen, ne? Also fort mit dem Scheiß!

2. Eltern, deren Kinder nicht in die Kita gehen, sollen ein Betreuungsgeld erhalten.
Hm, tricky. Ob Kita oder Betreuungsgeld, für diese Blagen muss doch sowieso ich bezahlen, die aufrechte Steuerzahlerin. Andererseits, wenn die Leute ihre Kinder zuhause halten, kriegen MEINE Kinder später vielleicht eher nen Kitaplatz. Und wenn die Eltern dafür zuhause bleiben, kriege ich vielleicht eher nen Job. Also definitiv ja!

3. Generelles Tempolimit auf Autobahnen!
Um Gottes Willen, nein. Ich fahre gerne schnell. Mir doch egal, wenn andere Leute dafür zu blöd sind und Unfälle bauen. Das ist gut für den Genpool.

4. Deutschland soll den Euro als Währung behalten.
Es wird wohl verdammt teuer werden, die Mark wieder einzuführen, aber wenigstens wären wir dann diese ganzen Loserstaaten los, für die aufrechte Steuerzahler wie ich immer blechen müssen.

5. Der Strompreis soll vom Staat stärker reguliert werden.
Was interessiert mich das? Ich habe einen Gasherd und steh auf Kerzen.

6. Die Videoüberwachung im öffentlichen Raum soll ausgebaut werden.
Dann kann ich diesen ganzen Assis, die glauben, ich würde mir meine #aufschrei-Geschichten nur ausdenken, endlich das Gegenteil beweisen. Fettes ja!

7. In Deutschland soll ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt werden.
Wäre ja nett, einfach so Geld für nix zu bekommen. Aber da ich ja trotzdem arbeiten gehe, müssen aufrechte Steuerzahler wie ich den anderen Schlendrianen diesen Luxus bezahlen. Ich glaub, es hackt!

8. Nur ökologische Landwirtschaft soll finanzielle Förderung erhalten.
Ökozeug ist mir zu teuer. Warum sollte ich denen Geld in den Rachen schmeißen?

9. Alle Kinder sollen ungeachtet ihres kulturellen Hintergrundes gemeinsam unterrichtet werden.
Ich habe wirklich keine Lust, mich später mit Schülern rumschlagen zu müssen, die nicht mal wissen, warum Pfingsten frei ist!

10. Der Spitzensteuersatz soll erhöht werden.
Klingt auf den ersten Blick verlockend. Andererseits verlassen diese Leistungsträger dann Deutschland, nehmen ihre Firmen mit, entlassen alle Arbeiter und für diese Arbeitslosen muss dann ICH aufkommen. No way!

11. Deutschland soll aus der NATO austreten.
Ja. Hat die NATO jemals was für mich gemacht?

12. Kein Neubau von Kohlekraftwerken!
Was interessiert mich das? Auf dem Land haben wir sowieso frische Luft.

13. Die „Pille danach“ soll rezeptpflichtig bleiben.
Einerseits wäre das ja ganz nützlich, falls ich die mal brauche. Andererseits hab ich mir grade eine Packung auf Vorrat aus Spanien mitgebracht. Also bin ich aus dem Schneider! Pech für den Rest.

14. Alle Banken in Deutschland sollen verstaatlicht werden.
Und am Ende muss ich dafür auch noch zahlen, oder was? NIEMALS!

15. Deutschland soll mehr Flüchtlinge aufnehmen.
Nein. Ich bin ja kein Flüchtling.

16. Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollen für die Zeit, in der sie Angehörige pflegen, staatliche Lohnersatzleistungen erhalten.
Nein. Ich pflege ja keine Angehörigen.

17. Verfassungswidrige Parteien sollen weiterhin verboten werden dürfen.
Ach… die tun doch auch nur, was das Beste für sie ist. Eigentlich könnten die mir egal sein, aber ich bin ja gerade erst dabei, vernünftig zu werden. Die kriegen einen Sympathiepunkt, aber psst.

18. BAföG soll unabhängig vom Einkommen der Eltern gezahlt werden.
Zu spät für mich. Nö.

19. An allen deutschen Grenzen sollen wieder Einreisekontrollen durchgeführt werden.
Die Kontrolle würde mich zwar nerven, aber wenigstens kommen dann weniger Schmarotzer in unser Land!

20. In Aufsichtsräten und Vorständen von Unternehmen soll eine gesetzliche Frauenquote gelten.
Nein. Ich bin zwar eine Frau, aber Aufsichtsräte und Vorstände tangieren mich ja nicht.

21. Finanzstarke Bundesländer sollen schwache Bundesländer weniger unterstützen müssen.
Oh, da muss ich ja mal eben googeln.
Aha! Ich wohne in einem Geberland! Na dann ist die Antwort ja klar.

22. Das gesetzliche Renteneintrittsalter soll wieder gesenkt werden.
Nö. Ich gehe ja später nicht in Rente, sondern werde pensioniert.

23. Der Staat soll im öffentlichen Dienst verstärkt Menschen mit Migrationshintergrund einstellen.
Nein. Ich bin ja kein Migrant.

24. Rüstungsexporte sollen verboten werden.
Aber die bringen Deutschland doch so viel Geld! Alberner Vorschlag!

25. Das Ehegattensplitting soll beibehalten werden.
Neutral. Das kommt ja ganz darauf an, was mein Mann später verdient.

26. Deutschland soll sich für einen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union einsetzen.
Ja. Dann brauche ich keinen Reisepass, wenn ich dort Urlaub machen will.

27. Abgeordnete des Bundestags sollen ihre Nebeneinkünfte auf den Euro genau offenlegen müssen.
Na, schwierig. Einerseits könnte man denen ja das Gehalt kürzen, wenn sie zu viel nebenbei dazu verdienen (heißt: weniger Steuern für uns aufrechte Steuerzahler!). Andererseits will ich das ehrlich gesagt gar nicht wissen – das macht die Entscheidungsfindung ja NOCH schwieriger!

28. Energieintensive Industrien sollen sich stärker als bisher an der Finanzierung der Energiewende beteiligen müssen.
Ich finde ja, die Energiewende sollte überhaupt gestoppt werden. Viel zu teuer! Daher kann ich diese Frage nicht eindeutig beantworten. Sie ist völlig falsch gestellt!

29. Hartz-IV-Empfängern und -Empfängerinnen sollen weiterhin Leistungen gekürzt werden, wenn sie Jobangebote ablehnen.
Ja. Ich bin ja keine Hartz-IV-Empfängerin.

30. Der Staat soll weiterhin für Religionsgemeinschaften Kirchensteuer einziehen.
Ja. Ich bezahle eh keine Kirchensteuer.

31. Alle Bürgerinnen und Bürger sollen in gesetzlichen Krankenkassen versichert sein müssen.
Hm. Wenn sie es nicht mehr müssen, werden es wohl viele auch nicht tun. Heißt: Es wird billiger für mich. Find ich gut!

32. In der Euro-Zone soll jeder Staat alleine für seine Schulden haften.
Das ist ja wohl keine Frage. Was habe ich mit den Schulden anderer Leute zu schaffen?

33. Auch gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften sollen ein gemeinsames Adoptionsrecht erhalten.
Nein. Ich bin ja keine gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft.

34. Keine Speicherung von Kommunikationsdaten (z.B. Telefon, Internet) ohne konkreten Anlass!
Warum denn nicht? Mein Gewissen ist rein!

35. Bei Neuvermietungen soll der Mietpreis nur begrenzt angehoben werden dürfen.
Ich werde mal ein Haus erben, in dem ich nicht wohnen will. Wenn ich den Mietpreis nicht so hoch setzen kann wie ich will wär das echt scheiße!

36. Volljährige deutsche Staatsangehörige sollen keine weitere Staatsangehörigkeit besitzen dürfen.
Ja. Ich habe ja keine zweite Staatsangehörigkeit.

37. Die Nutzung von Autobahnen soll kostenpflichtig sein.
Wäre schon ätzend, wenn ich sowas bezahlen müsste. Allerdings fahre ich ja kaum Autobahn. Längerfristig spare ich damit wohl mehr Geld als ich verliere!

38. Einführung von Volksentscheiden auf Bundesebene!
Niemals. Dafür sind die Menschen viel zu blöd.

Auswertung
Ich war sehr aufgeregt, als das Ergebnis näher rückte. Ob es sich wohl geändert hatte? Noch letztes Wochenende habe ich den Wahl-O-Mat nach diesen unwichtigen, selbstlosen Kriterien ausgefüllt, von denen ich jetzt weiß, dass sie falsch waren. Also muss wohl sicherlich ein anderes Ergebnis heraus gekommen sein.
Aber zunächst musste ich noch meine Schwerpunkte markieren, die mir besonders wichtig sind, denn diese werden doppelt gezählt. Das ist durchaus schwierig: Viele Thesen haben ja schon Vor- und Nachteile und bei einigen habe ich lange nachdenken müssen, denn es ist vielleicht jetzt noch gar nicht abzusehen, welche Entscheidung für mich wohl billiger kommt. Deshalb legte ich meine Schwerpunkte auf die Antworten, die ich aus vollem Herzen unterstützen kann. Da ich weder Flüchtling, noch bafögberechtigt, noch Migrantin, noch Hartz-IV-Empfängerin und auch nicht lesbisch bin und ebenfalls weder Angehörigen pflege, noch eine doppelte Staatsbürgerschaft anstrebe, war das ganz leicht!

Das Ergebnis!!
Ihr könnt euch meinen Ärger gar nicht vorstellen, als ich endlich die Zahlen schwarz auf weiß vor mir sah und sich meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten – eine Partei, die ich in meiner arglosen Dummheit noch NIE gewählt habe, ungeschlagen mit 73,3% auf dem ersten Platz!
Ich brach über meiner Tastatur zusammen. Diese Verschwendung! Bundestagswahlen, Landtagswahlen, Europawahlen, keine Ahnung wie viele insgesamt, aber jedes Mal: Mist gewählt! Ich dachte, ich hätte vielleicht wenigstens EINMAL intuitiv die richtige Entscheidung getroffen, aber nein! 10 Jahre Wahlberechtigung, 10 verlorene Jahre!

Aber was soll man machen? Die Zeit lässt sich nicht zurück drehen. Wenigstens weiß ich jetzt, was ich tun muss und dieses Wissen wird mir niemand mehr nehmen. Ich verspreche euch, unlogische Schwachheiten wie Gerechtigkeitssinn, Mitleid oder der Glaube an unsere Verfassung werden ich mir jetzt sicher nicht mehr erlauben!

Fortan werde ich mich von tiefschwarzen Pragmatismus leiten lassen und darf der CDU zu einer neuen Stammwählerin gratulieren! Herzlichen Glückwunsch, CDU! Du willst nur das BESTE für mich!

Wobei du als pragmatischste Partei sicher Verständnis dafür hast, wenn ich in Zukunft meine Entscheidung meinen veränderten Lebensbedingungen anpassen werde. Sollte ich also mal arbeitslos werden, Kinder kriegen, die studieren wollen, einen Mann heiraten, der kein Deutscher ist, meine Eltern krank werden oder mein Sohn schwul, dann wird mir der Wahl-O-Mat sicher auch bei dieser Entscheidung helfen. Ein Glück!

Wenn dir dieser Beitrag gezeigt hat, dass gnadenloser Egoismus einfach super ist, darfst du mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Nachdem ich dir so viel Geld in Zukunft gespart habe, weil du danach nie wieder für irgendetwas spenden wirst, habe ich das verdient!

Beschneidungsdebatte, ein Jahr danach. Beschissene Argumente und meine Antworten.

Die Beschneidungsdebatte ist im Prinzip einer der Hauptgründe, warum ich dieses Blog eröffnet habe.

Die Diskussion um die Beschneidung nicht-entscheidungsfähiger Jungs aus anderen Gründen als aus medizinischen war für mich DAS Thema 2012 – und selten hat mich etwas so wütend gemacht. Gleichzeitig war ich auch kaum jemals so sicher, Recht zu haben, obwohl die meisten Medien tatkräftig und gegen die Mehrheitsmeinung der Bevölkerung die Beschneidungsbefürworter unterstützt haben.

Es juckte mir damals so sehr in den Fingern, meine Meinung dazu zu schreiben, aber ganz ehrlich: In einem Blog, in dem es hauptsächlich um Kneipe, Kellnern und Saufen geht, passt sowas halt einfach absolut nicht. Während die Debatte also auf Hochtouren lief, redete ich mit vielen Leuten darüber, kommentierte, wo ich kommentieren konnte, redete mir den Mund fusselig – aber auf meinem Erstblog findet man dazu nichts.
Dann war ich einige Wochen im Ausland, wo ich weitere Gespräche führte und sich mein Entschluss festigte, ein zweites Blog zu eröffnen, in dem auch solche Themen Platz haben könnten. Zurück in Deutschland dauerte es dann aber nochmal einige Monate, bis ich das in die Tat umsetzte. Und da war die Debatte leider zu einem vorläufigen Ende (markiert durch ein eilig durchgepeitschtes, beschissenes Gesetz) gekommen. Zu diesem Zeitpunkt einen Artikel dieses Inhaltes zu veröffentlichen… naja.

Heute ist der Jahrestag der Entscheidung des Kölner Landgerichts, das in der männlichen Beschneidung eine Körperverletzung sah, die Entscheidung, die diese Debatte anstieß. Heute kann ich endlich auch was dazu schreiben, ohne mir blöd vorzukommen!

Die zahlreichen Diskussionen, die ich über dieses Thema führte (offline und online), haben immer wieder die selben saublöden Argumente hervor gebracht. Diese, sowie meine Antworten, möchte ich hier leidlich geordnet sammeln. Das kann eine längere Angelegenheit werden, aber ich bin froh, endlich mal alles schwarz auf weiß vor mir zu haben. Wenn ihr findet, dass ich ein dummes Argument pro Beschneidung vergessen habe, ergänzt es bitte in den Kommentaren. Und wer denkt: „Meine Güte, das hab ich doch schon da, da und da gelesen!“ – über Links freue ich mich auch.

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Beschneidung: Warum eigentlich?

„Beschnitten ist’s einfach hygienischer!“
Ja… wenn man sich nicht wäscht!
Ich kann mir vorstellen, dass es in einer Wüstenregion, in der das bisschen Wasser, das man hat, getrunken wird, tatsächlich irgendwie hygienischer ist, beschnitten zu sein, aber mein Gott, wir sind hier in Deutschland und haben Duschen! Es sollte wohl möglich sein (und wird wohl von den meisten auch so praktiziert), sich einmal täglich drunter zu stellen. Dabei sollte die Intimzone natürlich nicht ausgespart werden! Es gehört zu den Aufgaben der Eltern, ihren Kindern Hygiene bei zu bringen.

 

„Geschlechtskrankheiten können nicht so leicht verbreitet werden und das Infektionsrisiko sinkt!“
Das ist leider eine Ansicht, die sogar von der WHO verbreitet wird und in ihrer Logik ungefähr genauso sinnig ist wie vorbeugende Blinddarm-OPs für alle.
Tatsache ist: Die Gefahr, sich mit HIV und anderen Geschlechtskrankheiten anzustecken bzw. sie zu übertragen, scheint bei beschnittenen Männern wirklich marginal geringer zu sein als bei unbeschnittenen. Doch das einzige, was bis heute zuverlässig gegen Geschlechtskrankheiten schützt, ist ein Kondom. Alles andere ist Rumschwurbelei und eine Verlagerung auf Nebenkriegsschauplätze!

Dazu kommt… aber dies vielleicht im nächsten Punkt:
„Beschnittene Männer können länger!“
Unglaublicherweise ein Argument, das ich mit am häufigsten gehört habe… auch von Betroffenen!
Ich kenne jemanden, der mit 17 beschnitten wurde, er weiß also, wie es vorher „mit“ war, genauso wie jetzt ohne. Als wir uns bei einem Bier darüber unterhielten, konnte der meine Aufregung über dieses Thema überhaupt nicht verstehen.
„Ich muss sagen… das stimmt schon, das mit dem „Länger können“!“ meinte er und grinste vielsagend.
Ich nippte an meinem Bier. „Kannst du länger oder musst du länger?“
Er wiegelte ab. Nein, es ginge ums KÖNNEN, er wäre ja selbst davon durchaus angetan und seine Freundin sei auch dankbar, zwinkerzwinker.
Es dauerte ziemlich lange, bis ich folgendes aus ihm heraus bekam: Er braucht nun grundsätzlich länger, um zum Ende zu kommen… aber mit Kondom geht es gar nicht mehr.
„Ja… wenn wir dann mal mit Kondom und sie… also, dann denke ich schon oft: ‚War’s das jetzt, kann ich aufhören?’…“ Als er das sagte, schien er zum ersten Mal zu realisieren, was zur Hölle das eigentlich bedeutet!

Ja, nach einer Beschneidung können Männer länger, und das ist so, weil die Eichel, der empfindlichste Teil des Penis, freigelegt und damit desensibilisiert wird. Dazu kommen die zahlreichen Nervenenden, die in der Vorhaut zu finden sind und einfach auf ewig zerstört werden. Aber Leute, das ist nichts Gutes! Und um hier noch mal die Brücke zum vorherigen Punkt zu schlagen: So etwas verhindert nicht diebeschneidung Verbreitung von Geschlechtskrankheiten, sondern begünstigt sie! Wer mit Kondom nicht mehr zum Orgasmus kommt (das sind sicher nicht alle, aber nun mal einige!), wird darauf verzichten! Und damit ist der einzige wirkliche Schutz vor Geschlechtskrankheiten, den unsere überragende menschliche Kultur bisher hervorgebracht hat, einfach weg! Nochmal, für alle zum Mitschreiben: Die Beschneidung fördert die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten!

Davon abgesehen ist das Argument auch ohne diese Tatsache leider ziemlich beschissen. Als würde die Länge des Koitus über seine Qualität entscheiden! Natürlich gibt es schon einige Männer, vor allem in jungen Jahren, die einfach ein bisschen zu aufgeregt sind, um den Sex wirklich genießen zu können, weil es so schnell vorbei ist. Das ist dann durchaus auch für die Partnerin nicht so cool. Aber, meine Damen und Herren: Das kann man trainieren! Und das ist kein Geheimwissen, sondern etwas, was ich in so ziemlich jeder BRAVO, die ich seit meinem 12. Lebensjahr gekauft habe, mindestens einmal lesen durfte! Warum zur Hölle liest das niemand?

Ganz grob zusammen gefasst: Onanieren, bis man fast so weit ist, aufhören, warten, das Ganze noch mal und noch mal. Ist sicher auch besonders nett als Paaraktivität, wenn man offen über dieses Problem redet. Hilfsmittelchen wie Penisringe, die Druck auf die Peniswurzel ausüben, können die Angelegenheit auch beseitigen. Man sieht, es gibt einige Möglichkeiten! Das mag für Betroffene ein wenig peinlich sein, aber ist immer noch wesentlich besser als ein irreversibler Eingriff!

Leider geht dieses Argument oft einher mit folgendem:
„Beschnitten sieht einfach besser aus! Frauen finden beschnittene Penisse einfach schöner!“
Ganz ehrlich: Mutter Natur hatte wohl Migräne, als sie unsere Geschlechtsorgane modelliert hat. Ich kenne keine Frau, die jemals in meiner Anwesenheit sowas gesagt hat wie: „Es war so schön gestern! Der Sex war großartig! Und der Klaus hat voll den Sixpack und einen so hübschen Schwanz!“

Schwänze sind nichts hübsches. Vaginas übrigens auch nicht. Finde ich zumindest. Nicht, dass ich von den Schwänzen meiner bisherigen Sexualpartner nicht durchaus begeistert gewesen wäre, aber ganz objektiv ist es doch ziemlich schwer, so etwas wie Ästhetik darin zu entdecken. Daran ändert auch eine Beschneidung nichts!
Dabei gibt es Frauen, vor allem in den USA, wo der Großteil der Männer beschnitten ist (allerdings geht die Zahl der neuen Beschneidungen von Jahr zu Jahr zurück), die tatsächlich vor einem unbeschnittenen Penis zurück schrecken. Ich erinnere mich an einen entsprechenden Satz in Lauren Weisbergers „Ein Ring von Tiffany“ (grauenhaftes Buch übrigens, „Der Teufel trägt Prada“ war tausendmal besser). Daraus kann man aber keine allgemeingültige Regel ableiten, sondern das ist einfach eine Sache der Gewöhnung. Hierzulande muss sich doch jeder Mann ernsthaft fragen: Was soll ich mit einer Frau, die mich nur will, wenn mir ein Stück meines Körpers fehlt?

Und darauf gibt es eine einfache Antwort: Weg damit, auf zur Nächsten.
Wenn Körpermodifikationen bei Frauen als Muss angesehen werden, ist das Geschrei groß. Zurecht. Nur, warum bei Männern nicht genauso?

„Eine Beschneidung bei Männern senkt das Gebärmutterhalsrisiko bei Frauen!“
Was absurd erscheint (ich wusste bis vor wenigen Jahren auch nicht, dass eine bestimmte Art von Krebs durch eine Infektion entstehen kann), ist augenscheinlich zutreffend. Sogar Alice Schwarzer verteidigt daher die Beschneidung bei Männern und hat damit mal wieder etliche Sympathiepunkte bei mir eingebüßt.

Keine Ahnung, warum das so schwer zu verstehen ist, aber kein Geschlecht darf zugunsten des anderen Geschlechts in Sippenhaft genommen werden! Und eine solche Sippenhaft stellt die Beschneidung dar. Nur aus der hypothetischen Überlegung heraus, dass ein Mann Gebärmutterhalskrebserreger übertragen könnte, darf man nicht für die flächendeckende Beschneidungen von Kleinkindern eintreten!
Mal angenommen, man lässt seinen Sohn beschneiden und dann stellt sich in der Pubertät heraus, dass er schwul oder asexuell ist. Er wird also niemals freiwillig Sex mit einer Frau haben. Haha… ups. Mag mancher ironisch finden, aber mir jagt die Vorstellung, meinen (hypothetischen) Sohn für nichts und wieder nichts in Gefahr gebracht zu haben, kalte Schauer über den Rücken. Zumal ich ihm auch, wenn er hetero wird, einfach beibringen kann, ein verdammtes Kondom zu benutzen. Das ist sowieso effektiver, denn diese bösen Gebärmutterhalskrebserreger lauern ja nicht nur auf oder unter der Vorhaut!

Die Beschneidung im Kleinkindalter macht aber direkt doppelt keinen Sinn: Kleinkinder haben keinen Sex! Selbst wenn dieses Risiko so hoch wäre, spricht wirklich nicht das Geringste dagegen, mit der Beschneidung zu warten, bis der Junge ca. 14 Jahre alt ist. Früher sind die wenigsten sexuell aktiv. Aber warum wird nicht mal dieser Kompromiss eingegangen?

Ganz einfach: Sexismus. Gegen Männer. Die Vorstellung, dass der weibliche Körper irgendwie schützenswerter ist als der männliche. Und DAS kann ja wohl nicht sein! GERADE als Feministin finde ich so eine Einstellung einfach zum Kotzen!

 

„Beschneidung verhindert die schädliche Onanie!“
So, und hier wären wir dann beim pathologischen Sadismus angekommen!
Eigentlich wollte ich dieses Argument überhaupt nicht mit rein nehmen, aber nachdem es jetzt doch mehrfach erwähnt worden ist, sollte ich mich doch dazu äußern.

Manchen mag das unglaublich erscheinen, aber eben dieser Grund ist rein historisch gesehen neben religiösen Gründen der häufigste Anstoß gewesen, seine Söhne beschneiden zu lassen!
Vor allem im ausgehenden 19. Jahrhundert und noch ein paar Jahrzehnte danach gab es zahlreiche Vertreter dieser Ansicht. John Harvey Kellogg, ja, DER Mr. Kellogg, der für die Cornflakes verantwortlich ist, war ein prominenter Verfechter dieser „Weisheit“!

Und in einem haben sie schon Recht: Beschnitten wichst (huch!) es sich schwerer. Die Vorhaut, die man(n) zum Onanieren vor und zurück schieben kann, fehlt halt einfach, daher ist ein wie auch immer geartetes Gleitmittel (Spucke, Wasser, Öl oder halt tatsächlich Gleitgel) vonnöten, um sich selbst zu befriedigen.

So. Muss ich erwähnen, was für ein hirnerweichender, sexualfeindlicher und schlichtweg sadistischer Grund das ist, seinen Sohn beschneiden zu lassen?! Und ja – das wird auch heute noch getan! Wahrscheinlich weniger in Deutschland als in den USA, aber auch schon EIN Junge, der auf diese Weise missbraucht wird, ist schlimm genug!

Es sollte doch mittlerweile bekannt sein, dass Masturbation eine gesunde, sehr natürliche Art ist, sich selbst ein bisschen Freude zu bereiten. Man lernt seinen Körper kennen, erforscht seine erogenen Zonen, merkt, was einem gefällt und was nicht und bereitet somit den Nährboden für ein erfülltes Sexualleben auch zu zweit. Ein Orgasmus ist gut für das Herz-Kreislauf-System, fördert die Durchblutung und kann gegen Schmerzen helfen (Menstruationsbeschwerden ade – stimmt wirklich, das habe ich verifiziert!).
Man wird davon weder blind, noch wachsen einem Haare auf den Händen! Das einzige alte Klischee, das wohl tatsächlich stimmt: Sex oder Masturbation vor einem wichtigen Match ist nicht so gut, weil man danach so tiefenentspannt ist (das gilt allerdings nur für Männer, bei Frauen werden andere Stoffe ausgeschüttet, die die Leistungsfähigkeit sogar erhöhen können – habe ich zumindest mal gelesen). Aber meine Güte. Dann lässt man es halt einfach mal – oder lügt den Coach halt an!

Nein, eigentlich ist das kein Platz für lahme Witze. Denn ganz im Ernst: Wer eine Beschneidung tatsächlich als Mittel zur Sexualerziehung missbraucht (und leider schließt das aktuelle Gesetz solche Beweggründe nicht aus), dem sollte meiner Meinung nach das Sorgerecht entzogen werden. Denn solche Menschen sind nicht in der Lage, ein glückliches Kind großzuziehen, das mit sich und seiner Sexualität im Reinen ist.

Scheinargumente

„Die Beschneidung ist ein risikofreier Eingriff.“
Nein, ist sie nicht. Es ist eine Operation und KEINE OP ist risikofrei!
Zahlen zu langfristigen Folgen oder gar Todesfällen sind jedoch sehr schwer zu bekommen und schwanken teilweise stark (zwischen 0,06 und 55 Prozent!!). Und krasse Fälle, die es bis in die Öffentlichkeit schaffen, wie der Fall David Reimer, sind selten. Allerdings bestreiten auch nur die dümmsten Idioten, dass es Komplikationen überhaupt gibt.

Leider hält das auch viele andere nicht davon ab, auf die Tatsache, dass es Komplikationen bis hin zum Tod (!) geben kann, folgendes zu antworten:
„Ja, aber das passiert ja nicht bei allen.“
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! So was debiles!! Tatsächlich aber: Das meistgehörte Argument!!!
Der Unterschied zwischen einer Beschneidung und, sagen wir, einer Blinddarm-OP ist, dass die Blinddarm-OP in jedem Fall nötig ist. DA kann man sich zur Beruhigung sagen: Komplikationen während der OP, das passiert ja nicht bei allen. Ja, nicht mal bei den meisten! Dennoch ist es wahnsinnig tragisch, wenn einer während einer Blinddarm-OP stirbt, aber das sind Dinge, die man irgendwie verarbeiten muss, weil er ohne die OP ja auch gestorben wäre.

Das trifft auf die Beschneidung NICHT zu! Von den wenigen Fällen abgesehen, in der eine Phimose vorliegt, die nicht konservativ behandelt werden kann, ist eine Beschneidung UNNÖTIG! Und selbst, wenn nur ein Prozent aller Jungs, die beschnitten werden, später an Komplikationen leiden, ist das genau ein Prozent, das vermeidbar gewesen wäre. Vor allem, wenn man bedenkt, dass nach Schätzungen etwa ein Drittel aller Männer beschnitten sind! Da kann man sich ja ausrechnen, wie viele mit Komplikationen zu kämpfen haben!

Ich kenne einen Typen, dessen Eichel so desensibilisiert ist, dass er während seines gesamten Sexuallebens nur ein paar Mal einen Orgasmus hatte, wenn er mit einer Frau zusammen war. Wahnsinnig schöne Vorstellung, oder?! Aber wen interessierts? Das ist ja nicht bei ALLEN so!

 

„Ich wurde auch als Kind beschnitten und habe überhaupt keine Probleme damit!“beschneidung5
Herzlichen Glückwunsch! Aber es geht nicht um Sie, mein Herr! Und woher wollen Sie wissen, dass Ihr Sexleben mit einer Vorhaut nicht noch besser wäre? Vergleichsmöglichkeiten haben Sie ja leider nicht!

Ernsthaft: Ich habe wirklich unheimlich viele Männer, die selbst beschnitten sind, gehört und gelesen, und bei vielen war die Empörung über dieser Debatte groß. Das ist eigentlich verständlich: Es ist nicht sonderlich gut für den Selbstwert, wenn man erkennt, dass einem etwas möglicherweise wichtiges genommen worden ist, was man nie wieder zurück bekommen kann. Selbst wenn man im Hier und Jetzt keine Probleme hat, so hatte man doch keine Wahlmöglichkeit als Kind. Dies zuzugeben bedeutet, seine eigene Machtlosigkeit eingestehen zu müssen. Und das ist scheiße und erschütternd.

Dennoch: Verstehen kann ich eine solche Reaktion, akzeptieren aber nicht. Denn man legitimiert seine eigene Verletzung nicht dadurch, dass man sie bei anderen relativiert.

 

Aus der Reihe „saudämliche Vergleiche“:

„Wer die Beschneidung verbieten will, muss auch Ohrstecker bei kleinen Mädchen verbieten!“
Ich bekam meine ersten Ohrlöcher, als ich vier Jahre alt war. Tatsächlich ist dieses Ereignis eines meiner frühesten Erinnerungen. Ich weiß noch, wie wir den Juwelier betraten, und dann erinnere ich mich einfach nur an einen grauenhaften Schmerz. Ich weinte, und meine Mutter zeigte mir eine Kuckkucksuhr in der Ecke, um mich abzulenken.

Dass es wirklich saumäßig wehtut, wenn man Ohrlöcher geschossen bekommt (Piercen war damals noch nicht so), konnte ich 12 Jahre später verifizieren, als ich mir ein zweites Paar Ohrlöcher machen ließ. Lustigerweise tat die Juwelierin das nur widerwillig und nur unter Vorlage meines Ausweises. Ja, offensichtlich ist es okay, schon als Kleinkind von seinen Eltern für ein paar süße Marienkäferohrringe malträtiert zu werden, aber wenn man sich als Sechszehnjährige selbst seinen Körperschmuck aussuchen will, ist das plötzlich bäh!

Ich hasse dieses Argument. Es ist ja wohl ein erheblicher qualitativer Unterschied, ob man nun ein paar eigentlich nutzlose Hautlappen durchbohren lässt (wobei, mein leiblicher Vater wurde nicht müde zu betonen, dass dadurch Akupunkturpunkte zerstört werden…!) oder ein Stück Haut voller wichtiger Nervenenden am Geschlechtsorgan.
Ist das zu schwer zu differenzieren? Naja, egal. Tun wir es doch einfach. Also, Ohrlöcher für Kleinkinder verbieten, weil es weh tut und unnötig ist. Sagen wir, bis Vierzehn oder Sechszehn. Hab ich kein Problem damit!

 

„Wer ein jüdisches Initiationsritual verbieten will, muss auch die christliche Taufe verbieten!“
Auch hier: Wie dämlich kann man sein?
Es geht nicht drum, Eltern zu verbieten, ihre Kinder in ihre religiöse Gemeinschaft einzuführen und entsprechend zu erziehen. Das halte ich auch für relativ unmöglich. Es geht nur drum, Kindern ein irreversibles, schmerzhaftes und potentiell gefährliches Ritual zu ersparen. Ein solches ist die Taufe nicht. Man wäscht Babys ja auch, also ist ein bisschen Weihwasser auf der Stirn nichts, was einen großen emotionalen Schaden anrichtet.

Und sollte sich das Kind später entscheiden, nicht mehr gläubig sein zu wollen, dann ist dieses Weihwasser im Rückblick auch nur Wasser. Der religiöse Aspekt dieser magischen Flüssigkeit verpufft, wenn man nicht daran glaubt.
Aber eine Vorhaut kann nicht wieder angenäht werden.

 

„Wer die Beschneidung verbieten will, weil ihm das Kindeswohl am Herzen liegt, muss auch gegen Abtreibung sein!“
Äh-hä… nein.
Auch hier ist der Unterschied zwischen beiden Maßnahmen eigentlich ganz klar: Bei einer Schwangerschaft sind nun mal zwei Personen involviert, die Mutter und das ungeborene Kind. Es ist unmöglich, diese beiden Menschen in diesem Prozess voneinander zu trennen. Wenn es gut läuft, ist Kindeswohl = Mutterwohl und umgekehrt.

Aber oft läuft es eben nicht gut. Die werdende Mutter will das Kind nicht, oder, besonders tragisch, will es schon, geht aber erhebliche persönliche, sprich medizinische Risiken ein, wenn sie die Schwangerschaft weiter führt. Gründe für ersteres gibt es viele, die sind aber nicht das Thema.
Was ich damit sagen möchte: Die Mutter muss sich teils erheblich einschränken, damit das Kind in ihr leben und wachsen kann. Bis wir wie auf dem Planeten Krypton eine künstliche Geburtsmatrix erfinden, wird das auch so bleiben. Im Regelfall nimmt die Mutter diese Einschränkungen gerne in Kauf. Wenn sie das Kind aber nicht will, eben nicht. Hier kollidieren also die Bedürfnisse zweier Personen miteinander und, so unschön das ist: Das Recht des erwachsenen, alleine lebensfähigen Menschen geht in diesem Fall vor.

Der Unterschied zur Beschneidung ist klar: Hier geht es um einen einzelnen Menschen, dessen Recht auf körperliche Unversehrtheit mit Füßen getreten wird, wenn er ohne seine Zustimmung beschnitten wird. Es existiert keine andere Person, die in unerträglicher Weise darunter leidet, wenn diese Beschneidung nicht passiert. Es gibt schlicht und ergreifend keinen Verlierer, wenn die Beschneidung ausgesetzt wird.
Und darum ist das Abtreibungsargument einfach nur zynisch und beschissen.

 

„Wer die Beschneidung verbieten will, hat den Blick für RICHTIGE Missstände verloren: die weibliche Genitalverstümmelung!“
Ach, Mann.
Ich muss sagen, dass mich der Feminismus bei diesem Thema extrem enttäuscht hat. Nicht nur, dass dieses Thema von den meisten überhaupt nicht aufgegriffen wurde (bei der Mädchenmannschaft beispielsweise findet man bei der Suche nach „Beschneidung“ keinen einzigen Beitrag nach dem 7. Mai 2012), darüber hinaus haben manche wie z.B. Antje Schrupp die Beschneidung gar verteidigt. Und dann gab es wieder andere, die aus irgendeinem Grund die Beschäftigung mit den Nachteilen der männlichen Beschneidung als unvereinbar mit der generellen Ablehnung der weiblichen Genitalverstümmelung sehen.

Muss ich ausführen, warum das Bullshit ist?

Das Bild von der weiblichen Genitalverstümmelung ist folgendes: Da wird einem kleinen Mädchen mit einer Rasierklinge oder einer Glasscherbe Schamlippen und Klitoris abgeschnitten, besser gesagt: weggekratzt und das zerfleischte Ergebnis dann zusammen genäht. Ich finde keine Worte für diese Barbarei. Davon aber abgesehen gibt es auch harmlosere Methoden der weiblichen Genitalverstümmelung. Wohlgemerkt: „Harmloser“, aber auch gar keinen Fall harmlos oder in irgendeiner Weise gerechtfertigt!!!

Einige Formen sind mit der männlichen Beschneidung, was die Effekte betrifft, durchaus vergleichbar. Dennoch bleibt die weibliche Genitalverstümmelung ein ekelhaftes Verbrechen. Mit welchen berechtigten Grund lässt sich nun aber selbst die am wenigsten destruktive Form der weiblichen Genitalverstümmelung ablehnen, die männliche Beschneidung aber nicht? Die Religion etwa? Zieht wohl nicht, das zeugt nur von einem gewissen Eurozentrismus, Kulturrassismus und einer Überhöhung der abrahamitischen Religionen gegenüber Naturreligionen, die sowas praktizieren (jedoch wird es auch in manchen islamischen Gebieten durchgeführt, obwohl es nicht im Koran steht – die männliche Beschneidung allerdings auch nicht).

Ich gebe zu, dass ich rein gefühlsmäßig die weibliche Genitalverstümmelung wesentlich schlimmer finde als die männliche Beschneidung, was wohl daran liegt, dass ich es mir vorstellen kann, wie jemand meine Klitoris wegkratzt, aber nicht, wie es sich anfühlt, seine Vorhaut zu verlieren, weil ich nämlich keine habe. Und trotzdem gibt es für eine Feministin in meinen Augen absolut keine Möglichkeit, gegen weibliche Genitalverstümmelung zu sein, aber nicht gegen männliche Beschneidung. Die Modifikation von kindlichen Sexualorganen ist vom Standpunkt MEINES Feminismus in jedem Fall abzulehnen, ob es sich nun um ein Mädchen oder einen Jungen handelt. Punkt! Und nur, weil ich eine bestimmte Praktik schrecklich finde und das anprangere, wird eine andere Praktik nicht weniger schrecklich dadurch.

Und wem das nicht reicht, der sollte sich mal wirklich gut überlegen, ob er sich bei seiner Zustimmung der männlichen Beschneidung nicht auf gefährliches Glatteis begibt, was die Akzeptanz der weiblichen Genitalverstümmelung angeht.

 

Beschneidung und Religion

„Die Beschneidung gibt es schon seit Tausenden von Jahren und PLÖTZLICH soll das ein Problem sein?!“

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Grabrelief, Zeichnung. Ägypten, 2300 v. Chr.
Quelle: Wikipedia

Es gibt was, das nennt sich Fortschritt.
Zu unklar? Dann ersetzen wir die Beschneidung in dem Satz doch einfach mal:

„Die Todesstrafe gibt es schon seit Tausenden von Jahren und PLÖTZLICH soll das ein Problem sein?!“
„Die Sklaverei gibt es schon seit Tausenden von Jahren und PLÖTZLICH soll das ein Problem sein?!“
„Die Zwangsheirat von minderjährigen Mädchen gibt es schon seit Tausenden von Jahren und PLÖTZLICH soll das ein Problem sein?!“

…kann beliebig fortgesetzt werden. Wer so einen Satz tatsächlich für ein sinniges Argument hält, sollte direkt mal die Finger von der Tastatur nehmen. Einfach mal die Fresse zu halten, wenn man keine Ahnung hat, ist nämlich auch ein seit Tausenden von Jahren erprobtes Mittel, um die eigene Blödheit weniger offensichtlich erscheinen zu lassen.

 

„Eltern haben die Erziehungsgewalt, daher ist das Verbot der Beschneidung ein unzulässiger Eingriff in die Rechte der Eltern!“
Es wird mir ewig ein Rätsel bleiben, wie man bei diesem Thema ernsthaft mit dem Recht der Eltern, ihre Kinder so zu verkorksen, wie sie Bock drauf haben, argumentieren kann. Inwiefern ist eine Beschneidung eine erzieherische Maßnahme? Ist damit wirklich nur der religiöse Aspekt gemeint? Oder geht es allen Ernstes um Sexualerziehung, der in meinen Augen schlimmstmögliche Grund, eine Beschneidung durchzuführen, ein Grund, der so unterirdisch ist, dass ich ihn nicht mal als gesondertes Argument aufführen werde?

Zur Info, falls es jemand noch nicht mitgekriegt hat: Man darf Kinder in Deutschland nicht mal schlagen. Warum sollte man sie dann verstümmeln dürfen? Wie kann das eine ein Eingriff in die Erziehungsgewalt sein, das andere jedoch nicht?

 

„Die Beschneidung tut dem Säugling nicht weh!“
oft einhergehend mit
„Der Säugling kann sich eh an nichts erinnern!“
Ich werde nie verstehen, wie man diese beiden Argumente gleichzeitig vertreten kann. Warum wäre es denn wichtig, dass er sich an nichts erinnert, wenn es ihm doch sowieso nicht weh tut?

Aber betrachten wir die Sache mal getrennt. Dass eine Beschneidung bei einem Baby nicht weh tut, ist schlicht und ergreifend eine Lüge. Das muss ich, glaube ich, nicht weiter ausführen! Wer das nicht glaubt, kann ja mal sein achttägiges Kind kneifen und kucken, wie begeistert es davon ist!

Zum „Erinnerungs-Argument“: Ja, Babys in diesem Alter und auch noch ne Weile später können sich tatsächlich an eine solche Prozedur nicht erinnern. Nur, macht es das besser? In dem Moment, wo es passiert, hat das Kind nun mal Schmerzen!

Dazu direkt auch folgendes Argument:
„Besser beschneidet man die Jungs so früh wie möglich, weil es später mehr weh tut!“
Das ist schon mal logischer Bullshit. Wir haben doch gerade erfahren, dass sich ein so kleines Kind an nichts erinnern kann. Woher will also irgendjemand wissen, dass es einem Baby weniger weh tut als einem Erwachsenen? Wenn man eine physiologische Besonderheit von kleinen Jungs beachtet, macht das noch weniger Sinn: Bei 96 % aller neugeborenen Jungs ist die Vorhaut mit der Eichel verklebt (was eine normale Schutzfunktion ist und sich bei den meisten von allein im Laufe der Jahre löst), sie muss also von der Eichel abgerissen werden.

Inwiefern soll DAS weniger weh tun als bei einem Jugendlichen oder Erwachsenen, bei dem dieser Ablösungsprozess schon beendet ist?

Einer der wenigen Artikel, die sich während der Debatte vermeintlich kritisch mit der Beschneidung auseinander setzte, war dieser im Spiegel. Da beschreibt ein Journalist mit türkischen Eltern, denen die Beschneidung nicht so wichtig war, wie er mit acht Jahren beschnitten wurde, nur weil seine Eltern einer sehr traditionellen Verwandten, die zu Besuch war, einen Gefallen tun wollten. Er führt aus, wie schrecklich und schmerzhaft das für ihn war.
Der Artikel fängt höchst vielversprechend an, macht dann aber am Ende einen Twist, bei dem ich meinen Kopf mit Volldampf gegen die nächste Wand donnern möchte. Er kommt nämlich zum Schluss, dass Beschneidung okay ist, „aber bitte nur bei Säuglingen. Nicht bei Achtjährigen.“

So etwas verdrehtes habe ich selten gelesen. Erinnert mich an den Richter, der das „zu harte“ Urteil gegen einen Mann, der ein wenige Wochen altes Baby (!) missbraucht hat, wieder aufhob, weil: Das Kind kann sich ja eh nicht dran erinnern.
Und hier noch mal: Macht es das besser? Kann man mit einem Baby umgehen, wie man will, weil es sich eh an nichts erinnert? Existiert so etwas wie ein Unterbewusstsein nicht?

Ja, ein Kind hat keine Erinnerung an seine ersten Lebensjahre. Überhaupt versteht es sehr wenig von dem, was um es herum passiert.
Und aus diesem Grund ist die Beschneidung im Säuglingsalter nicht besser, sondern sogar schlimmer. Ein älteres Kind oder gar ein Erwachsener versteht, was mit ihm passiert, weiß in den meisten Fällen sogar, warum dieser Schmerz jetzt ertragen werden muss (bezogen auf wirklich nötige Schmerzen – das Entfernen eines Splitters, eine Impfung oder auch eine größere OP beispielsweise.). Ein Baby versteht es nicht.

Und das ist einfach nur grausam. Selbst wenn der erwachsene Mann sich nicht daran erinnern kann.

 

„Wenn man das hier in Deutschland verbietet, gehen sie halt woanders hin, wo dann die medizinische Versorgung nicht so gut ist!“ 
Jaja, das Hinterhofargument!

Nicht nur ist dieses Argument irgendwie, naja, rassistisch, weil es impliziert, dass es nur in Deutschland fähige Ärzte gibt, es ist auch einfach sinnlos, wenn man auch nur eine Sekunde darüber nachdenkt. Es gibt viele Sachen, die in Deutschland verboten sind, in anderen Ländern jedoch nicht. Sollen wir einfach alles erlauben, weil: Dann gehen sie halt woanders hin? Das kann ja wohl kaum Ernst gemeint sein!
Mord ist auch verboten, trotzdem begehen jedes Jahr viele Deutsche einen Mord. Sollen wir auch das erlauben, weil sich die Mörder offensichtlich von einem Verbot nicht abhalten lassen?

 

„Die Jungs freuen sich darauf, also…!“
Waris Dirie hat sich auch auf ihre Beschneidung gefreut, also…!
Hammerhartes Argument, las ich von einer Muslima. Bei Moslems wird die Beschneidung nämlich üblicherweise später durchgeführt als im Judentum, so mit vier oder fünf Jahren, was von einer riesigen Feier begleitet wird. Klar, dass sich die Kinder darauf freuen. Als könnte man nicht Kindern alles einreden, wenn man es nur anständig rüber bringt. „Tut nicht weh? Alle kommen um mich zu feiern? Und GESCHENKE!? Yaaaay!!“

 

„Die Beschneidung zu verbieten ist ein unzulässiger Eingriff in die verfassungsmäßig geschützte Religionsfreiheit! Das Recht auf körperliche Unversehrtheit hat da hinten an zu stehen!“
Religionsfreiheit und das Recht auf körperliche Unversehrtheit – zwei Grundrechte, die absolute Priorität haben. Ein Problem tritt erst auf, wenn sie kollidieren, was hier augenscheinlich der Fall ist.

Nur stimmt das nicht. Religionsfreiheit heißt, dass ICH die Religion wählen kann, die ICH will, und dass mich niemand daran hindern darf. Sie bedeutet NICHT, dass ich anderen Menschen unter meiner Fittiche, sprich, meinen potentiellen Kindern, eine Religion aufzwingen darf! Dies wird, zugegebenermaßen, ständig getan, aber, wie schon erwähnt, lässt sich das wohl auch unmöglich vermeiden. Auch ist der Besuch eines Gottesdienstes, sei er nun in einer Kirche, Synagoge oder Moschee, kein Kindesmissbrauch. Gilt natürlich in noch höheren Maße für religiöse Feste, die Kindern wohl meistens Spaß machen.
Dies ist so lange erlaubt, wie kein anderes deutsches Recht verletzt wird. Wer seine Kinder z.B. aus religiösen Gründen zuhause unterrichten will, verstößt gegen die Schulpflicht. Und da muss man sich fragen: Ist das Recht auf körperliche Unversehrtheit nicht irgendwie ein bisschen wichtiger als die Einhaltung der Schulpflicht?

 

„Gegen Beschneidung zu sein ist antisemitisch!“
So, damit wären wir bei den Juden angekommen.
Vorbelastet sind wir da natürlich alle, deshalb war eine Debatte in dieser Heftigkeit wohl wirklich nur in Deutschland möglich. Und sie hat wohl nicht eben dazu beigetragen, die Fronten zu erweichen.
Ich habe während der Debatte auch mit einigen Juden diskutiert und wurde meistens augenblicklich in die Nazi-Schublade gesteckt. Und das mir, die ich seit 13 Jahren mit einem durchgestrichenen Hakenkreuz auf meinem Bundeswehrjacket rumrenne.
Unnötig zu erwähnen, dass mich das ein wenig angepisst hat. Es ist ja nicht so, als könnte ich die Motivation gläubiger Juden nicht verstehen. Die Beschneidung ist ein Symbol für den Bund mit Gott. Ohne Beschneidung ist ein Junge kein Jude, so die gängige Meinung. Und wer nun mal wirklich, wirklich gläubig ist, für den sind alle bisher genannten Gegenargumente obsolet. Selbst die Tatsache, dass schon oft genug Jungen an der Beschneidung gestorben sind. Was ist schon der Tod des irdischen Körpers gegen den Bund mit Gott?
Ich bin in einer katholischen Familie groß geworden. Ich verstehe religiöse Denkweisen. Nur muss ich sie weder gut finden, noch unterstützen… auch nicht, wenn es um das Judentum geht.

Das Gegenteil von Antisemitismus ist nicht, JEDE Äußerung von JEDEN Juden super zu finden. Und er äußert sich auch nicht darin, aus guten Gründen ein veraltetes, gefährliches Ritual abzulehnen, selbst wenn dieses Ritual im Judentum üblich ist.

Doch sorry, aber solange Personen wie dieser eine jüdische Typ, mit dem ich über das Thema stritt bis aufs Blut, nicht mal in Erwägung zu ziehen bereit ist, dass es noch andere Gründe gegen Beschneidung geben kann als Judenhass, muss mich der Vorwurf „Antisemitismus“ nicht tangieren. „Auch lesbische schwarze Behinderte können scheiße sein“, sangen die Toten Hosen mal. Ich möchte ergänzen: Und ein Jude auch.

Wenn es Antisemitismus ist, bei Juden die gleichen Kriterien anzulegen wie bei allen anderen Menschen… tja, dann bin ich wohl antisemitisch. Der gleiche Typ leugnete ja sogar, dass jemals ein Jude in der Geschichte der Menschheit ein Problem mit Beschneidung gehabt haben könnte. Das ist einfach falsch, auch innerhalb des Judentums wächst der Widerstand gegen die Beschneidung. Sind diese Juden auch Antisemiten? Oder einfach nur das Äquivalent zu modernen Christen, die sich beispielsweise dafür einsetzen, das Homosexualität von der Kirche nicht mehr pathologisiert wird?

beschneidung6Religiösen Fanatismus lehne ich in jeder Religion ab. Und fanatisch wird es in meinen Augen, wenn die Menschenrechte nicht gewahrt werden. „Weil Gott es so will“ ist für einen Gläubigen ein Argument, für mich allerdings nicht, da ich mich frage, wie durch ein Gott sein muss, der so etwas verlangt. Und trotz Religionsfreiheit, trotz aller Toleranz: Für den deutschen Staat sollte es auch kein Argument sein.

Das ist kein Antisemitismus, sondern Humanismus.

 

Last, but not least mein absolutes Lieblingsargument:

„Also ohne  Scheiß, ich finde das Thema voll unwichtig.“
Vielen Dank für dein Statement. Und jetzt leg dich wieder hin, bevor du dir weh tust, und halt die Fresse!

 

Mit diesem monströs langen Artikel verabschiede ich mich und mache eine kleine Blogpause, weil ich für eine Prüfung lernen muss. Übernächstes Wochenende bin ich wieder am Start. Bis dahin freue ich mich trotzdem über jeden Kommentar!

Edit: Ich habe die Punkte „Gebärmutterhalskrebs“ und „Onanie“ nachträglich ergänzt.

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Heroes and Bastards

Ich glaube, wenn es eines gibt, was sich wie ein roter Faden durch mein ganzes Leben zieht, dann ist es meine völlige Faszination für Helden. Mein nerdiges Superhelden-Fantum ist da ja nur die Spitze des Eisberges. Seit jeher bewundere ich Menschen, die für andere ihr Leben riskiert haben, für eine gute Sache einstanden, selbst gegen den Strom, oder ganz einfach für Gerechtigkeit kämpfen.

Aus diesem Grund wäre ich wahnsinnig gern Polizistin geworden. Also so richtig Mordkommission oder ähnliches, jedenfalls nicht Streife. Ich glaube, das hätte ich gut gekonnt. Ich habe reichlich Phantasie, ein super Gedächtnis und kann logisch genug denken, um auch noch den abwegigsten Tathergang rekonstruieren zu können.

Drei Dinge haben mich davon abgehalten:

– meine Depression (obwohl ich das sogar eher positiv auslegen würde… ich weiß, wann ich die Reißleine ziehen muss, daher kann mir eines der größten Probleme von Polizisten – Burnout – nicht passieren. Viele andere Leute, die noch nie psychische Probleme hatten, wissen das nicht.)
– meine Heimatverbundenheit (in meinen Dorf ist in 30 Jahren EIN Mord passiert… und im Umland sieht es ähnlich aus. Wenn ich was „interessantes“ hätte machen wollen, wäre ein Umzug unumgänglich gewesen – in eine furchtbare, riesige Großstadt. Kann ich nicht, will ich nicht.)
– meine Unsportlichkeit (ich hätte im Leben nicht die Sportprüfung bestanden. Tja.)

Und jetzt ist es zu spät, ich bin zu alt. Das ist schade. Ich war immer der Meinung, Polizist wird man aus Überzeugung, um zu dienen und zu schützen. Das ist ein amerikanisches Motto, aber ich glaubte, im Prinzip würde das auf alle Polizisten zutreffen. Und genau deshalb könnte ich einfach nur aufplatzen, wenn ich eine Story wie diese lese.

Da wird eine Frau auf übelste Weise von kranken Perversen bedroht und beleidigt und tut genau das, was man in diesem Fall tun sollte, was sich aber nur wenige trauen: Anzeige erstatten.
An zuständiger Stelle wird sie erstmal mit geballter Inkompetenz belästigt. Ich meine, ich bin längst nicht so internetaffin, wie ich es gerne wäre und halte es für keine Schande, nicht zu wissen, was ein Blog oder Twitter ist… ABER DOCH NICHT ALS FACHFRAU. Wie kann so jemand in der Abteilung „Internetkriminalität“ sitzen?!
So weit, so unbefriedigend, aber noch im Rahmen. Gestern nun wird die selbe Frau unter Vorspiegelung falscher Tatsachen ins Präsidium geladen, was sie freut, denn sie glaubt, es gäbe was neues wegen ihrer Anzeige. Stattdessen wird sie dort damit konfrontiert, dass SIE jetzt diejenige ist, gegen die ermittelt wird, wegen „Verbreitung von Pornographie“. Wohlgemerkt, das ist ein Straftatbestand, der, sofern er durch ein Gericht bestätigt wird, das weitere Leben in empfindlicher Weise versauen kann! Und das wegen EINES Bildes, auf dem ganz verschwommen Fellatio zu sehen war.
Der Rest ist einfach nur unfassbar. Ohne Belehrung ihrer Rechte, ohne Anwalt muss Aurelie Fingerabdrücke abgeben, wird fast noch zu einer DNA-Probe verdonnert und schlicht und ergreifend behandelt wie eine Schwerverbrecherin.

Nun bin ich ja leider keine Polizistin geworden, aber wenn sich der Sachverhalt so abgespielt hat, wie sie das schildert, klingen bei mir alle Alarmglocken. Das kann SO auf gar keinen Fall richtig und RECHT sein! Ich bin kein großer Fan von Pornographie, vor allem nicht in Reichweite von Minderjährigen, aber es ist doch absolut lächerlich, gegen eine harmlose Blogbetreiberin wegen EINESversch wommenen Fotos auf diese Weise vorzugehen, während man gleichzeitig auf diversen Seiten wie youporn etc. völlig freien Zugriff auf die allerexplizitesten, abartigsten Sexpraktiken in Videoform hat – Dinge, die selbst mich als Erwachsene verstören!! Und ein Irrer, der ihr Bilder von verstümmelten FRAUENLEICHEN schickt, ist angeblich nicht ermittelbar! Sorry, aber WAS ist wohl gefährlicher für die Allgemeinheit!?

Die ganze Story könnt ihr in Aurelies Blog lesen und sofern ihr es nicht schon getan habt, teilt ihren Beitrag auf Twitter oder Facebook oder macht sonst, was in eurer Macht steht, um diese Absurdität weiter publik zu machen.

Ich bin im Allgemeinen etwas vorsichtig mit sowas. Ich kenne Aurelie nicht persönlich (bisschen gestritten haben wir aber schon ^^), wie wohl die wenigsten. Sie könnte im Grunde sonstwas erzählen, überprüfen können wir das nicht. Aber WENN das stimmt, bin ich einfach nur so richtig, richtig angepisst und stinksauer!
Polizisten sind meine Helden. acab2Vielleicht nur ganz kleine, aber jedenfalls solche,
die den Schutz von Schwachen und Rechtlosen zu ihrem Lebensunterhalt gemacht haben. Genau deshalb enttäuscht mich sowas einfach unglaublich. Ich hatte eine ziemliche Punkphase als Teenager, aber, so wenig das auch passen mag, vor der Polizei hatte ich immer Respekt. All Cops Are Bastards? Nee, der Meinung war ich nie.

Aber sowas erschüttert meinen Glauben an die Gerechtigkeit gewaltig. Und wenn ich sowas lese, erinnere ich mich plötzlich wieder an diesen einen Typen, den ich während eines Praktikums kennen gelernt habe, den einzigen Menschen, dem ich je begegnet bin, den ich für einen waschechten Soziopathen halte. Und dieser Typ wollte – Polizist werden.
Ich weiß nicht, was er heute macht, aber unserem Land zuliebe hoffe ich, dass er seinen Berufswunsch niemals in die Tat umgesetzt hat. Und der Menschheit zuliebe hoffe ich, dass er einen schlimmen Unfall hatte. Denn er war böse. Die Welt ist besser ohne ihn dran.

Ich hoffe weiter, dass die meisten Leute, die Uniform tragen, gute, anständige Menschen sind, die mit einem zufriedenen Gefühl ins Bett gehen, wenn sie jemanden geholfen haben, und die nicht schlafen können, wenn es eine Ungerechtigkeit gab, gegen die sie machtlos waren.

Für den Rest sind wir da. Das Volk, die vierte Gewalt im Staat. Also teilt Aurelies Geschichte, aber teilt sie nicht nur, weil die Reaktion völlig überzogen und in Anbetracht der vorherigen Vorkommnisse absolut unfair war, sondern teilt sie, um bürokratiehörigen Schreibtischtätern mit Allmachtsphantasien mal so richtig auf den Tisch zu kacken und ihnen zu zeigen: So nicht!!

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Für mehr Katholizismus in den Weltreligionen!

TSCHÜSS!!!
TSCHÜSS!!!

Tja, da haben sie sich wieder mal in ihrer Kirche verrammelt und die ganze Welt starrt auf einen blöden Schornstein.

Nicht nur in Tagen wie diesen ist es irgendwie nicht leicht, die katholische Kirche zu mögen, zumal sie einem ja leider genügend Gründe zum Meckern liefert. Von allen Seiten prasselt Kritik auf sie ein (u.a. auch von mir).

Überraschenderweise ärgert mich das ein bisschen. Ich entstamme einer katholischen Familie und bin mit dem ganzen Scheiß aufgewachsen. Bevor ich in den Kindergarten ging, musste ich erst zu Mutter Maria beten und als ich in die Grundschule kam, natürlich ebenso. Das nervte mich ganz besonders, weil wir, in der Schule angekommen, dann gleich nochmal beten mussten (mir ist natürlich erst Jahre später bewusst geworden, dass sowas in einer staatlichen Schule vermutlich überhaupt nicht erlaubt ist). Dasselbe, bevor es wieder Richtung nach Hause ging. Und, logischerweise: Vorm Schlafengehen war auch nochmal beten angesagt. Dazu: Jede Woche Kirche, bis ich 12 war.

Trotz dieser Folter ärgern mich viele Vorwürfe, die gegen die Kirche erhoben werden. Gerade von Protestantenseite (da, wo ich herkomme, nur abfällig „die Evangelischen“ genannt). Es scheint manchmal so, als hätte noch nie ein Mann ein Kind ungebührlich berührt, der nicht gleichzeitig geweihter katholischer Priester war – was nun mal leider, leider Schwachsinn ist. Auch waren die krassesten Fanatiker, die ich – sporadisch – in den letzten Jahren kennen gelernt habe, NIE katholisch… ich denke da vor allem an meine Spanischnachhilfelehrerin, die einer Freikirche angehörte und glaubte, die Bibel wäre ein Tatsachenbericht…!

Auch wenn ich außer auf dem Papier nicht mehr katholisch bin, ist es dennoch mehr als nervig, ständig von allen Seiten Dinge zu hören, die den Eindruck erwecken, mein in die Wiege gelegter Glaube wäre der Antichrist persönlich, während alle protestantischen Strömungen wie reinweiße brave Lämmchen daher kommen und sich furchtbar viel auf ihren antisemitischen Frauenhasser einbilden, dem sie ihr Dasein verdanken. Und ja, damit meine ich Mr. Luther.

Dabei gibt es etwas, was den Katholizismus von anderen christlichen Strömungen grundsätzlich unterscheidet, ja, sogar von den anderen abrahamitischen Religionen, etwas, was im Katholzismus einfach eindeutig besser ist als im Protestantismus, im Judentum und im Islam.
Was, sowas gibt’s nicht? Oh doch!

Weil wir eine so überaus politisch interessierte WG sind (und niemand aufstehen wollte, um die Fernbedienung zu holen), sahen wir uns vor vielen, vielen Wochen die ziemlich verkorkste Islamismus-Debatte bei Sandra Maischberger an.

Effektvoll drapiert auf dem Couchtischchen (bei Maischberger, nicht bei uns) folgendes Spiegelcover:
spiegel-gott
„So – ein – Scheiß,“ spottete ich, als ich das Cover entdeckte. „‚Der stärkere Gott‘? Wir haben doch alle denselben.“
Mein konfessionsloser Hipster-Mitbewohner Hä-te laut, also erklärte ich ihm, dass Gott, Jahwe und Allah im Prinzip alles nur Namen für den selben Obergott darstellen, da ja alle drei Weltreligionen auf Abraham als Stammvater zurück gehen.
Mein konfessionsloser Hipster-Mitbewohner glaubte mir nicht. Überraschung. Also musste ich mal wieder voll investigativ tätig werden, sprich, Wikipedia anschmeißen!

Und dort erfuhr ich unglaubliches. Ich hatte sowohl Recht als auch Unrecht: Gott, Jahwe, Allah – all das IST derselbe Gott.

Aber NUR für Katholiken.

Ich war völlig von den Socken, wie verständig mir mein verhasster disturbedKindheitsglaube plötzlich erschien. Mit sowas kann man ja auch aus dieser Ecke wirklich nicht rechnen!
Ich meine, der Vorteil einer solchen Regelung liegt ja auf der Hand: Wenn alle Anhänger der abrahamitischen Religionen der Meinung wären, dass alle anderen Gläubigen ja auch die einzig wahre Omnipotenz anbeten, man sich aber nur in Detailfragen uneins ist, dann hasst es sich gleich viel schlechter, ne? Ich meine, der Name, die Propheten, der Messias… wen kann das schon groß stören, solange der Obermotz derselbe ist?

Ich meine, MIR könnte das ja egal sein. Ich bin ja Neuheidin. Aber trotzdem, irgendwie erfüllt es mich mit einer Art grimmigen Befriedigung, dass es wenigstens eine Sache gibt, welche die katholische Kirche, die Kirche meiner Kindheit, nicht versaut hat.

Sondern alle anderen.

Jetzt müssten das nur noch die Katholiken wissen. Meine Oma, zum Beispiel, die weiß es nicht.

Statt dein sauer verdientes Geld nächsten Sonntag in den Klingelbeutel zu werfen, spendiere mir doch lieber via Paypal eine Tasse Kaffee!. Meine Absolution ist dir gewiss!

Und wenn es Gott wirklich gibt, hört er gar nicht mehr auf zu kotzen…

„Lasset die Kinder zu mir kommen.“
– ein palästinensischer Zimmermann


Am Montag strahlte das ZDF „Und alle haben geschwiegen“ aus, einen Film, basierend auf den realen Erlebnissen von Kindern und Jugendlichen, die in den Sechzigern und Siebzigern in katholischen und evangelischen Heimen untergebracht inhaftiert waren (Tante Jay und Schwabenkrawall berichteten).

Ich habe mir den Film angesehen… und auch wenn er einige eindeutige filmische Schwächen hat, war er doch ziemlich erschütternd, selbst wenn man von unserer lieben Mutter Kirche schon einiges gewohnt ist.
Mich hat der Film umso mehr interessiert, weil meine Mutter selbst mal unter der Fuchtel von Nonnen stand (sie nennt sie nur noch „diese Pinguine“…). Sie war zwar nie im Heim, besuchte aber mit 12, 13 ein Jahr lang ein Internat, eine reine katholische Mädchenschule, die eben von Nonnen geführt worden ist.

Dem Geist des Filmes entsprechend dachte ich, ein kleines „Interview“ mit meiner Mutter wäre ganz erhellend, obwohl ich schon ein paar Details aus dieser Zeit kannte.

Ich muss spoilern: Viel herausgekommen ist leider nicht. Aber trotzdem…

Früh heute morgen holte sie mich ab, wir fuhren nämlich in eine Therme (mein Geburtstagsgeschenk, yay). Während der Fahrt erwähnte ich den Film (den sie nicht gesehen hatte) und fragte sie, wie es im Internat gewesen sei.
Sie antwortete: „Schrecklich.“

Viel mehr wollte sie eigentlich gar nicht sagen, also begann ich ihr, von dem Film zu erzählen. Als ich erzählte, dass die weibliche Hauptperson ihre gesamte Kleidung abgeben musste und daraufhin eine einheitliche Heimkluft mit Nummer bekam, mit der sie dann auch immer angesprochen worden ist, verzog sie die Lippen zu einem bitteren Lächeln. „Ich war KD 21… 21? Ja, 21-76.“
Ich staunte. „KD? Kind?“
„Nein, Kandidat…“

Und ab da wurde sie etwas gesprächiger. Im Gegensatz zum Heim gab es keine Schuluniform, aber Hosen waren nicht erlaubt, obwohl es in dem alten Kloster bitterkalt war. Stattdessen durften die Mädchen nur Röcke anziehen, die bis über die Knie gingen.

Der Tagesablauf war immer gleich: Morgens aufstehen, vors Bett knien, beten. Und dann, noch vor dem Frühstück, eine Stunde in die Messe – jeden Tag. „Da bin ich mit meinen Kreislaufproblemen regelmäßig umgekippt…“

Weiter: „In der Zelle…“
„Zelle?“
„Ähm, die Zimmer. Also unsere Zimmer, die hießen Zellen.“
„Musstest du auch mit 20 Mädchen in einem Zimmer schlafen?“
„Hm-hm, jede hatte eine Zelle für sich allein. Also… das war ursprünglich ein großer Raum, der war aber abgetrennt mit solchen, hm…“
„Rigipsplatten?“
„Ja. Da drin stand nur das schmale Bett, ein Stuhl und ein kleiner Nachttisch, sonst nichts.“
„Hm… ich weiß nicht, was schlimmer ist… sich mit 20 Mädchen ein Zimmer teilen zu müssen oder ganz allein in so einem Kabuff.“
Meine Mutter lacht leise. „Ja, ich weiß auch nicht, was schlimmer ist…“

Sie schwieg wieder, also erzählte ich weiter vom Film. Als ich zu der Stelle kam, an der die männliche Hauptperson jedes Mal einen Schlag auf die Finger kriegt, wenn er stottert, zuckte sie zusammen.
„Ja, das war normal. Man wurde für alles bestraft.“
„Für was, zum Beispiel?“
„Na… ich hatte so wahnsinniges Heimweh, aber ich durfte ja nicht weinen! Immer wenn ich geweint habe, wurde ich bestraft. Oder es hieß ‚Ab in die Zelle‘.“
„Und konntest du da weinen?“
„Heimlich,“ antwortete sie leise.

Das muss man sich vorstellen: Ein ganzes Jahr an einem Ort, an dem man nicht weinen darf…

Die Kinder im Film hatten immer die Tage gezählt, bis sie volljährig waren („ja stimmt, damals noch mit 21…“) und raus durften.
„Ich hab auch die Tage gezählt…“
„Warum bist du überhaupt das volle Jahr geblieben?“
„Na, ursprünglich sollte ich ja acht Jahre bleiben bis zum Abitur!“
„Aber trotzdem, das ganze Jahr?“
„Na, ich konnte ja nicht früher. Ich meine…“ Sie machte eine unbestimmte Geste mit der Hand.
Ich riet ins Blaue hinein und riet richtig. „Wegen dem Schulgeld?“
„Ja, dein Opa hatte ja für das ganze Jahr bezahlt. Und als deine Oma und dein Opa dann zum Elternsprechtag kamen, hab ich gebettelt, dass ich wieder heim darf. Deiner Oma war das ja egal, die sagte nur ‚Du wolltest hier hin, jetzt bleibst du auch hier‘. Aber dein Opa meinte, ich solle dann halt meine Sachen packen und mitkommen.“

Hach, mein Opa… schrecklich in seinem Zorn, aber innerlich doch butterweich…

Eigentlich wollte ich noch viel mehr fragen… ich hätte gerne gewusst, wie genau die Bestrafungen aussahen, mehr über den Tagesablauf, über einzelne Personen, die ihr besonders im Gedächtnis geblieben sind… aber an dieser Stelle schluckte meine Mutter und sagte: „Ich erinnere mich wirklich nicht gerne an diese Zeit zurück“ – und ihr stiegen Tränen in die Augen.

Ich hab das dann gelassen. Ich finde, Tränen in den Augen einer über Fünfzigjährigen, die sich an Ereignisse zurück erinnert, die über vierzig Jahre her sind, sagen mehr als tausend Worte.

Übrigens endet der Film mit dem Hinweis, dass kürzlich ein Hilfsfond mit 150 Millionen Euro eingerichtet worden ist, um die ca. 800.000 betroffenen Kinder und Jugendliche, die in dieser Zeit in christlichen Heimen eingepfercht waren und seelisch und körperlich misshandelt wurden, zu entschädigen.

Das entspricht nicht mal 200 Euro pro Opfer.