Willst du das Klima retten oder hasst du die Menschheit?

Wusstet ihr, dass nur 100 Unternehmen für satte 71% der weltweiten Treibhausgas-Emissionen verantwortlich sind?

Vermutlich schon. Auf diese Zahlen wird sich seit einiger Zeit immer wieder dann berufen, wenn man es wagt, beim Thema Klimaschutz an die Verantwortung des Einzelnen zu appellieren. Sie dienen als Begründung, wieso persönliche Energiesparmaßnahmen wie öfter Rad zu fahren, weniger Fleisch zu essen oder auf Flugreisen zu verzichten nichts bringen und ein solcher Appell daher nicht nur falsch, sondern auch anmaßend ist.

Schließlich ist das alles ein Fliegenschiss gegen die riesige Umweltverschmutzung durch Großkonzerne. Bevor wir etwas ändern, sollen erstmal die zur Verantwortung gezogen werden, denn schließlich können wir ja nichts für deren Fahrlässigkeit.

Leider liegt genau hier der große Denkfehler.

Wenn diese Zahlen genannt werden, klingt das immer, als seien diese Unternehmen haargenau wie die furchtbar plakativen Schurken aus der alten Captain-Planet-Fernsehserie, die Müll und Dreck tatsächlich nur deshalb verursachen, weil sie die Erde hassen und Umweltverschmutzung einfach geil finden.

Nur sind diese Unternehmen keine Captain-Planet-Antagonisten. Die bittere und ebenso simple Wahrheit ist:

Sie erzeugen Emissionen, weil sie etwas produzieren – und zwar für UNS.

Die Emissionen zu eliminieren hieße, diese Produktionsprozesse zu stoppen. So – denkt ihr wirklich, wir würden das als Konsumenten nicht merken?

Richtig ist, dass diese Unternehmen natürlich jahrzehntelang den billigsten Weg gegangen sind und viel zu lange überhaupt keine Veranlassung hatten, in klimafreundliche Technologie/Produktion zu investieren. Das ist etwas, was z.B. die CO2-Steuer ändern soll. Die macht genau dieses Umrüsten nämlich plötzlich wirtschaftlich rentabel, wenn die Alternative wäre, einfach weiter Treibhausgase in die Luft zu blasen und dafür einen riesigen Berg Steuern bezahlen zu müssen.

Aber egal, welcher Weg gegangen wird: Es bedeutet nun mal immer mehr Ausgaben für die Unternehmen und diese werden sie NATÜRLICH an die Endverbraucher weiter geben. Ein Szenario, dass diese Unternehmen für ihre Anteil an den weltweiten Emissionen bestraft, die Profiteure ihrer bisher so umweltschädlichen Methodik aber nicht, ist schlicht unmöglich.

Mit Profiteuren sind hier leider die Konsumenten gemeint. Es ist eben NICHT unfair, für ein umweltschädlich produziertes Gut mehr bezahlen zu müssen als bisher, weil der Umweltschaden ja eigentlich von einem KONZERN verursacht werde – denn das tut dieser ja nicht aus Bösartigkeit, sondern nur, um UNSEREN Konsum zu befriedigen.

Die Zurückweisung persönlicher Verantwortung mit Hinweis auf die desaströse Ökobilanz diverser Unternehmen macht daher einfach keinen Sinn. Ein Umstand, der mir auch erst vor Kurzem schmerzlich klar geworden ist. Bis dahin habe ich auch gern Graphiken geteilt, die zeigten, wie viel Emissionen die bösen Großkonzerne zu verantworten haben. Nur: dass diese Konzerne für MICH arbeiten… bis mir dieser Gedanke kam, hat es peinlicherweise etwas gedauert.


Damit zur sozialen Gerechtigkeit. Wenn Konsumgüter alle teurer werden, trifft das natürlich in erster Linie Arme, die sich jetzt schon kaum etwas leisten können. Ein Vorwurf, der immer als allererstes kommt, wenn ich über dieses Thema schreibe. Meistens klingen die Kommentare, als sei mir das alles scheißegal, obwohl es das selbstverständlich nicht ist. Im Gegenteil. Das sind Fragen, an denen ich gewaltig knabbere. Umso geiler ist es natürlich, auf Twitter massenhaft zu lesen, ich würde arme Menschen hassen – wegen dieses Tweets:

Ich glaube, das größte Problem dabei war das Wort „Belastung“. Wenn ich schreibe, dass eine solche Preiserhöhung keine BELASTUNG wäre, dann meine ich damit nicht, dass arme Menschen bzw. Menschen allgemein dadurch keine Mehrbelastung finanzieller Art erleiden würden (was übrigens verdammt noch mal offensichtlich ist – für wie blöd haltet ihr mich???) , sondern dass dies die falsche Begrifflichkeit ist, wenn damit eine Steigerung von Dumpingpreisen auf realistische Preise gemeint ist. „Belastung“ geht hier am Punkt vorbei – genauso, wie man bei einem Fernseher, der bislang 500 Euro kostete und den man Dank Rabatt für 400 Euro bekommt nicht sagen kann, man hätte durch seinen Kauf 100 Euro gespart.

Bisher sind unsere Preise nicht realistisch, weil der Faktor der Öko-Bilanz aktuell in dieser Kalkulation schlicht fehlt.

Wir können nur deshalb das gesamte Jahr über billiges Obst kaufen, weil die Transportkosten dafür nahezu nichtexistent sind. Sie sind so gering, dass es sich für Unternehmen sogar während der Erntezeit eher lohnt, Zwiebeln aus Südafrika nach Deutschland zu karren, als einem regionalen Bauern dafür einen Preis zu bezahlen, von dem er auch leben kann. Dass heimische Zwiebeln eine wesentlich bessere CO2-Bilanz haben, interessiert in dieser Rechnung nicht, genauso wie es keine Berücksichtigung findet, dass die Rodung eines Stücks Regenwaldes für Ackerflächen ebenfalls einen negativen Einfluss auf diese Bilanz hat und daher eine ökologische Katastrophe darstellt!

Und das macht diese Rechnung falsch. Sogar mehr als das: Es ist der gottverdammte Grund, weshalb wir überhaupt in dieser Situation gelandet sind. Wäre Kerosin nicht so spottbillig, weil darauf praktisch nirgendwo auf der Welt eine spürbare Abgabe fällig wird, gäbe es eine globale Steuer auf CO2 und würde der ökologische Schaden, der bei diversen Produktionsprozessen passiert, in die Preisgestaltung einfließen, käme kein Unternehmen dieser Welt auf die Idee, nur um Lohnkosten zu sparen Ostfriesland-Krabben zum Pulen nach Marokko zu schicken und von dort wieder zurück, weil man dafür dann – völlig zurecht!!! – Mondpreise verlangen müsste!

Aber bisher passiert nun mal genau das (und noch so viel mehr). Wir haben Billionen Tonnen Treibhausgase in die Atmosphäre geblasen und damit unser Klima zerstört, weil es uns verdammt noch mal bisher nichts gekostet hat – wodurch Konsumgüter, die tausende Kilometer Transportweg hinter sich haben, schon immer viel zu billig sind. Wenn wir die Treibhausgase reduzieren wollen, müssen wir das ändern.


Es gibt noch etwas anders, was mich an dem Vorwurf, die Armen würden durch solche Maßnahmen am meisten leiden, schon die ganze Zeit stört. Gestern ist mir endlich klar geworden, was das ist, und es ist überraschenderweise nicht der (ziemlich offensichtliche) Umstand, dass die Armen natürlich auch dann leiden würden, wenn wir die Klimakrise nicht bewältigen, oder die unironische Gleichsetzung von Obdachlosen mit Leuten, die sich doch bitte weiterhin einen Urlaub leisten können sollen auf Twitter.

Dazu folgendes Beispiel:

Es dürfte Konsens sein, dass Fairtrade-Kaffee oder fair produzierte Klamotten was Gutes sind. Unter Linken herrscht aber ein fast ebenso großer Konsens darüber, dass man Leute nicht beschämen soll, die sich sowas nicht leisten können. Dieser Meinung bin ich auch.

Jetzt stellt euch aber mal vor, es würden plötzlich wirksame Maßnahmen zum Schutz der Menschenrechte verabschiedet, die die Ausbeutung auf den Kaffeeplantagen oder der Textilproduktion in Bangladesch beenden.

Würdet ihr dann auch sagen: „Aber wie sollen sich arme Leute denn jetzt nur Kaffee und Klamotten leisten?“

Vor ein paar Tagen wurde publik, dass unser Wirtschaftsministerium aktiv Gesetze blockiert, die Unternehmen zwingen würden, auf die Einhaltung der Menschenrechte in den Produktionsländern zu achten. Das hat für große Empörung gesorgt. Aber, naja… ist euch nicht klar, dass genau durch solche Gesetze die Preise steigen würden?

Natürlich kann man Produkte immer besonders billig anbieten, wenn sie in Sklavenarbeit produziert werden! Solche Produkte finden sich überall in deutschen und europäischen Geschäften! Solche Produkte kaufen Leute, die sich finanziell nicht den Luxus leisten können, Fairtrade zu wählen!

Man kann ihnen nicht verübeln, dass sie das aktuell tun, weil diese billigen Sachen nun mal DA sind, aber was heißt das nun, wenn wir den Gedanken weiter spinnen? Bedeutet das, dass man zusammen mit dem Wirtschaftsministerium GEGEN Gesetze sein muss, die Menschenrechte in den Produktionsländern garantieren, weil die dadurch zwangsläufig entstehenden Preiserhöhungen arme Menschen belasten???

Diesen Standpunkt kann man natürlich haben… doch auf diese Weise Sklaverei und desaströse Produktionsbedingungen in anderen Ländern zu unterstützen bzw. gar zu FÖRDERN erscheint mir nicht sehr links!

Genau dieser Standpunkt scheint aber nun legitim zu sein, wenn es um Klimaschutz geht – vermutlich, weil darunter ja keine Menschen leiden, sondern nur die Umwelt.

Aber Newsflash: Menschen sind Teil dieser Umwelt!

Und wie auch beim Thema Sklavenarbeit etc. verursachen wir, d.h. die Menschen in der sogenannten Ersten Welt, durch unseren Lebensstandard Schäden, die andere ausbaden müssen. Wir können noch billig leben, wenn ganze Inselstaaten schon im Meer versunken sind oder halb Indien unbewohnbar ist.

Dazu kommt allerdings noch der feine Unterschied, dass wir von den Auswirkungen dieser Ausbeutung nicht ewig verschont bleiben werden. Schon jetzt verursacht der Klimawandel auch in Europa Schäden in Milliardenhöhe. Diese Kosten tragen wir alle! Und das ist nur der finanzielle Aspekt. Die Klimakatastrophe bedroht aber nicht nur unsere Geldbeutel, sondern gesamte Existenz. Versteht ihr das nicht? Wenn wir nicht bald was tun, werden wir alle sterben.

Deshalb verzeiht mir, wenn ich das Argument „Aber dann wird alles teurer und das belastet Arme“ einfach nicht mehr hören kann. Zumal damit ja offensichtlich nur die Armen in Deutschland gemeint sind. Es sterben jetzt schon arme Menschen in Drittweltländern, nur weil wir es nicht einsehen, für ein Steak, das um die halbe Welt geflogen ist, mehr als ein paar Cent zu bezahlen.


Jetzt können ihr nach dieser Wall of Text natürlich höhnisch applaudieren und sagen: „Herzlichen Glückwunsch, du hast das Problem am Kapitalismus erkannt“ – nur beantwortet mir dann bitte eine Frage:

Angenommen, wir ziehen das eiskalt durch mit dem Kommunismus und führen den schon morgen ein, wollen aber gleichzeitig das Klima retten: Würde es dann mit unseren momentan existierenden technischen Mitteln immer noch Billigflieger, Billigfleisch und Billigmangos geben, obwohl all das massive Treibhausgas-Emissionen verursacht? Wie sollen wir all diese Probleme lösen, OHNE die Preise auf ein realistisches Maß zu heben?

Wenn Konsum klimaschädlich ist, wie soll dann ein Klimaschutz funktionieren, der nicht irgendeine Art von Verzicht bedeutet?

Falls ihr darauf eine Antwort habt: Geil, her damit, und lasst mich euch bei der Gelegenheit gleich die Füße küssen!
Falls nicht: Wieso bin ich die Böse, nur weil ich das auch nicht kann?

Es geht hier nicht um die Preise. Selbst wenn wir alle Unternehmen enteignen und in Zukunft die Gewinne in Form von niedrigen Preisen an die Verbraucher weiter geben, löst das keine Klima-Probleme.

Ist das wirklich so schwer zu verstehen?


Die Frage, wie Klimaschutz gehen soll, ohne diejenigen zu ruinieren, die ohnehin schon zu wenig haben, wird bereits breit diskutiert, was an denen, die mich auf Twitter attackieren, offensichtlich komplett vorbei gegangen ist. Eine Umweltabgabe in Form einer CO2-Steuer wird deshalb nicht nur von rechten Bonzen, sondern auch armen Linken abgelehnt. Resultat einer ideologischen Diffamierungskampagne von CDU, FDP, AfD und leider auch linker Sammelbewegungen.

Vollkommen außer Acht gelassen wird dabei von allen die Klimaprämie, die integraler Bestandteil dieses Vorschlags ist und dafür gedacht ist, Arme zu entlasten. Sie sieht grob vor, die Einnahmen aus der CO2-Steuer in Form einer Pro-Kopf-Pauschale zurück an die Bürger zu geben, womit diejenigen mit einem unterdurchschnittlichen Verbrauch profitieren würden, größere Klimasünder aber nicht. Guess what? Das sind die Reichen. Es gibt in unserem jetzigen System kaum eine einfachere Methode, Geld von oben nach unten umzuverteilen als durch eine Emissionssteuer, weil arme Menschen davon im Schnitt nun mal sehr viel weniger verursachen, da sie insgesamt einfach weniger (und v.a. nicht so blind) konsumieren. Setzt man die Pro-Kopf-Pauschale dann auch noch ab einem gewissen Einkommen aus, was meine persönliche Idee dazu ist, bleibt für die Menschen darunter sogar noch mehr übrig.

Klimawandel arme reiche
Quelle

Es gibt noch andere Ideen. Es wurde auch angedacht, eine gewisse Anzahl an Flügen (es waren meine ich drei pro Jahr und Person) relativ preisgünstig zu halten, alles was darüber geht aber massiv zu besteuern, was v.a. Manager trifft, die dieses Kontingent bereits in einer Woche verbrauchen, weil sie alle zwei Tage von München nach Berlin fliegen, nur um mit einem ach so wichtigen Kunden Mittag zu essen und zu koksen. Ich persönlich wäre auch sehr für eine komplette Subventionierung individueller Maßnahmen zur Wärmedämmung, Energieversorgung (in Form von Solarpanels auf allen Dächern) oder E-Mobilität. Ich würde darüber hinaus gerne sofort den gesamten ÖPNV kostenlos machen, SUVs, Yachten, Privatflugzeuge und Kreuzfahrten auf der Stelle verbieten und RWE enteignen – man wird ja noch träumen dürfen.

Es gäbe bestimmt noch mehr gute Einfälle, wenn sich nicht alle so darauf versteifen würden, klimafreundliche Maßnahmen zu blockieren, nur weil sie GLAUBEN, es würde hauptsächlich arme Menschen treffen, da sie sich mit den Lösungsvorschlägen noch nie beschäftigt haben. Stattdessen wird verlangt, dass ich bereits alle parat habe, während von ihnen selbst keinerlei Ideen zu einem sozialverträglichen Klimaschutz geliefert werden. Eine reine Anti-Haltung, die ich im Hinblick auf die drohende Katastrophe echt nicht nachvollziehen kann.

Der Grund, weshalb ich hier nach staatlicher bzw. globaler Regulierung rufe (was, liebes Twitter, übrigens das Gegenteil eines neoliberalen freien Marktes wäre), ist folgender:

WEIL ES SONST NICHT FUNKTIONIERT!!! Natürlich nicht! Die Leute werden nicht von sich aus ihren Lebensstandard so weit senken, dass es einen Unterschied macht!

Und zu denen gehöre ICH übrigens auch! Ich fresse viel zu viel Fleisch, habe nur kein Auto, weil ich es mir nicht leisten kann und sollte ich mal die Gelegenheit bekommen, mit meinem Freund spottbillig Kuba zu besuchen, säße ich schneller im Flieger, als ihr „scheinheilig“ buchstabieren könnt!

Und wieso? Weil ich einem solchen Angebot nicht widerstehen könnte! Weil ich schwach bin und faul und es nicht einsehe, wieso ich mich einschränken soll, wenn das Flugzeug am Ende ja trotzdem voll wird! Mit anderen Worten: Weil ich ein normaler Mensch bin, der zwar eine Scheißangst vor dem Klimawandel hat, aber von sich aus trotzdem zu wenig tut! Genau dafür braucht es Gesetze und wenn ich danach meinen Traum aufgeben muss, in Kuba am Strand Rum zu trinken, ist das eben so!


Es gibt leider wirklich nur zwei Möglichkeiten:

Wir leben noch ein paar Jahre weiter wie bisher und nehmen damit hin, dass der Planet in absehbarer Zeit unbewohnbar wird – oder wir akzeptieren, dass die Menschheit nur überleben kann, wenn wir auf gewisse Dinge verzichten.

Wer bei dieser Frage lieber die erste Antwort wählt, hasst vermutlich einfach die Menschheit. Dann soll er mir aber bitte nicht mit den Armen kommen. Die gehören schließlich auch zur Menschheit.


Da ich leider anders als seit gestern von vielen behauptet eben nicht superprivilegiert und reich bin, sondern im Gegenteil auch ziemlich nah am Existenzminimum lebe, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee. Garantiert CO2-neutral, weil ich nämlich gar keinen Kaffee trinke.

12 Kommentare zu „Willst du das Klima retten oder hasst du die Menschheit?

  1. Danke für diese ausführliche Fassung des Twitterthreads – sehr profund, und absolut zutreffend.

  2. Um auf deine Eingansfrage zu antworten: Nein. Ich hasse die Menschen nicht. Sie sind mir in Mehrheit nur herzlich gleichgültig.

  3. Man könnte auch damit anfangen, tierische Produkte human, d.h. ohne leidende Tiere herzustellen, das ist echt Horror, was da abläuft. Dann gibt es halt nicht mehr jeden Tag Fleisch. So, bin ich jetzt auch ein Böser, der keine Rücksicht auf die unteren Schichten nimmt?

  4. Danke für den ausführlichen Artikel.
    Stimme Dir in vielen Punkten zu, möchte aber noch hinzufügen – viele Linke/Ökos sind, denken und handeln bei weitem nicht so links, wie sie es gerne hätten.
    Hier wird bei Produkten sehr viel ignoriert, wie sie produziert werden, unter welchen Bedingungen und wer den tatsächlichen Preis dafür zahlt.

    Produkte müssten zum einen wesentlich teurer werden, aber nur: Wenn bei den produzierenden auch ein fairer Anteil ankommt. Selbst bei als „Fairtrade“ ausgezeichneten Produkten kannst Du leider nicht sicher sein, dass niemand ausgebeutet wird und alle fair bezahlt werden. Gerade bei Discountern wird hier getrickst und das Label bezieht sich nur auf einen Anteil der Inhaltsstoffe, das gesamte Produkt ist selten wirklich fair.

    Das ganze kapitalistische, auf kolonialistischer Ausbeutung basierende System ist von grundauf ungerecht, eine reiche, übersatte, mächtige Elite profitiert davon und agiert zum Schaden der Gesamtheit. Es funktioniert so gut, weil wir damit aufwachsen, dass Konsum und Reichtum etwas Erstrebenswertes und Macht und Überfluss gleichbedeutend sind mit Glück, weil alle nur darauf schauen, wie sie selbst möglichst aufsteigen können und weil sie Angst davor haben, abzustürzen, von denen über ihnen Stehenden arm und ohnmächtig (gemacht) zu werden, entsolidarisieren sie sich mit denen, die sich nicht wehren können, die schon unten sind und täglich um ihr Überleben kämpfen müssen.
    Um kein bisschen eigene Bequemlichkeit oder Privilegien zu gefährden, schaut eine „Mitte“ dabei zu, wie alles kaputt geht.

    Leider gehöre ich mit prekärem Einkommen und als Alleinerziehende zu denen, unten, die täglich und unfreiwillig kämpfen müssen, es gibt viele, denen es wesentlich schlechter geht, dennoch bleibt mir zu wenig Energie übrig. Ich kann weniger tun, als ich gerne würde, um mich gegen Ungerechtigkeiten zu wehren. Und ich fürchte: Selbst, sobald, sofern es mir eines Tages besser gehen sollte, werde ich in Gefahr sein, zu bequem zu werden und die Ungerechtigkeiten nicht mehr sehen zu wollen. Jetzt, wo ich kein Geld übrig habe, fällt es mir natürlich leicht, zu verzichten: Weil ich mir keinen Luxus leisten kann. Ob es noch so sein würde, wenn sich das mal änderte?

    tl;dr; ich weiß auch nicht, wie die Verteilungsungerechtigkeit (friedlich und tatsächlich) beendet werden kann. Die Reichen und Mächtigen werden nichts abgeben wollen, was sie als ihnen zustehend betrachten, die mittendrin sind gefesselt von Abstiegsangst, die Unten sind ohnmächtig.

    1. Lieber Mondhase,

      ich beschäftige mich schon verdammt lange mit dem Thema sozialer Gerechtigkeit. Sie gibt es einfach nicht. Schon in der Schule sind Kinder aus wohlhabenen Familien bevorteiligt. Sie machen höhere Abschlüsse und haben ein längeres Leben. Die Eliten sind stets daran bedacht ihren Status zu behalten. Sie nutzen unser politisches System aus, welches vorgibt eine Demokratie zu sein. Sie können sich durch Großspenden Parteien kaufen. Gleichzeitig werden wir in links und rechts aufgespalten, sodass wir uns gegenseitig hassen anstatt die da oben. Man wird schnell als Verschwörungstheoretiker abgetan, was zusätzlich die eigene Kraft lähmt. Ich kann dir nur raten dir dein privates Glück zu suchen, so egoistisch das auch klingt. Ich bin süchtig nach Gerechtigkeit und ich gehe daran kaputt.
      https://haimart.wordpress.com/2019/07/21/das-gegengift-wirkt-gegen-dich

  5. Das war das, was mich an der Reaktion auf deine Tweets so erschrocken hat – dir wurde sofort unterstellt, dass du so reich und privilegiert bist, dass DU ja nicht von der Preiserhöhung betroffen wärst, die du für alle forderst.
    Ich folge dir schon länger und weiß sehr gut, dass dem nun wirklich nicht so wäre. Ansonsten: Sehr viele sehr kluge Gedanken, Robin. Die werde ich mir auf alle Fälle durch den Kopf gehen lassen.

  6. Ich stimme dir absolut zu. Man muss sicher erstmal anschauen, WAS diese Großkonzerne warum und für wen produzieren, bevor man mit dem Finger von sich auf andere zeigt. Sicher, dass es nicht das Auto ist, mit dem du selber rumfährst, das dort entsteht? Computerteile, Klamotten, Schnickschnack?

    Selbstverständlich erwarte ich trotzdem von Unternehmen, sinnvoll und umweltschonend zu produzieren. Unser Verbraucher-Kopf ist so voll… Warum müssen wir vor jedem Kauf erstmal recherchieren, ob das Produkt fair und ressourcenschonend hergestellt wurde? Ob die Tomaten aus der Region stammen? Ob das T-Shirt in Deutschland genäht wurde? Ich wünschte, ich könnte einfach mit Vertrauen kaufen, was angeboten wird. Mit zunehmendem Alter wird mir immer klarer: genau das, kann ich auf keinen Fall tun. Wir haben so viele Bestimmungen und Regelungen, und dennoch gibt das dem Verbraucher nur bedingt Sicherheit. Und: Auch wenn es alle kaufen, kann es schlecht sein.

  7. Genau den Konflikt zwischen Umweltschutz und dass es besonders hart die Ärmsten treffen sehe ich auch so. Mein Vorschlag wäre eine Arbeitszeitverkürzung. Dies würde die Nachfrage an Arbeitskräften erhöhen, wobei gleichzeitig womöglich wneiger produziert werden würde, sodass auch weniger CO2 entsteht. Einziger Harken bei der Sache, wenn es weniger Güter gibt, dann sollten sie auch teurer werden.

    https://haimart.wordpress.com/2019/07/02/sozialegerechtigkeit-hand-in-hand-mit-dem-umweltschutz/

  8. Danke für diesen guten Beitrag, er spricht mir aus dem Herzen!

    Ich würde gerne die These in den Raum stellen, dass es ähnliche Wechselwirkungen wie zwischen Konsumenten und Konzernen auch zwischen Wählern und Politikern gibt.

    Das war auch ein Punkt, der mir u.A. in der Debatte um das Rezo-Video gefehlt hat: Inhaltlich gehe ich mit dem Mann zu 90% d’accord und ich bin ihm sehr dankbar dafür, dass er das wichtige Thema Generationengerechtigkeit endlich aufs politische Tapet gebracht hat- aber kaum jemand sprach darüber, dass CDU und SPD ja nicht vom Himmel gefallen sind. Die haben (bei aller Kritik an der Ausführung) im Großen und Ganzen die gesetzlichen Rahmenbedingungen erschaffen, die sie versprochen haben und dafür wurden sie gewählt. Parteien, die die Rettung der Welt mit einer Limitierung der Flüge pro Person und Jahr oder ähnlich drastischen Maßnahmen fordern, gibt es genügend, die scheitern aber regelmäßig an der 5%-Hürde. Wir haben (im Großen und Ganzen) die Politiker bekommen, die wir gewählt haben. Jetzt auf diese zu zeigen und zu schreien „Ihr habt uns nicht davor bewahrt!“ finde ich zu kurz gedacht- denn wir haben sie nicht dazu beauftragt. Ich übrigens genau wie alle anderen auch.

    Grüße von einer prekär lebenden Jungakademikerin zur anderen!

  9. Servus Robin!

    Vielen Dank für diesen sehr ausführlichen und guten Artikel!

    Ich bin über Tommi vom Reisen-Fotografie Blog auf dich gestoßen, der mich mit seinem Artikel dazu animiert hat, auch einen entsprechenden Artikel zum Thema Nachhaltigkeit & Umwelt zu schreiben.

    Schön, dass ich so hierher gefunden habe 🙂 .

    Have fun
    Horst

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