Hürde Mensch – über psychotherapeutische Erstgespräche

Jetzt habe ich so ausführlich darüber geschrieben, wie ätzend es ist, auch nur einen ersten Termin bei einem Therapeuten zu bekommen. Aber wenn man so weit gekommen ist, kann doch nichts mehr schiefgehen, oder?

Zeit, von dem schlimmsten Erstgespräch meines Lebens zu erzählen.

Jedenfalls dachte ich damals, es sei ein Erstgespräch. In Rückblick habe ich keine Ahnung, was das genau gewesen sein soll. Es müsste fünf bis sieben Jahre her sein, als ich es schon mal schaffte, ein paar Therapeuten anzurufen. Ich gab schnell auf, aber kam am Schluss trotzdem immerhin auf drei Termine. Einer davon führte mich in die Praxis eines Therapeuten, die mir direkt irgendwie falsch vorkam.

Die meisten Therapeuten führen ihre Praxen alleine. Sie empfangen die Patienten einzeln und brauchen daher oft weder eine Praxishilfe noch ein Wartezimmer. Dieser hatte beides. Ich meldete mich bei einer unfreundlichen Sprechstundenhilfe und wurde ins Wartezimmer geschickt, wo doch tatsächlich andere Menschen saßen. Das verwirrte mich. Therapiesitzungen – auch Erstgespräche – dauern meistens um die 50 Minuten. Wie konnten bei so langen Wartezeiten jetzt schon Leute da sein? Waren die alle noch vor mir dran? Musste ich jetzt wirklich ein paar Stunden warten, bis die fertig sind?

Ich musste dann auch tatsächlich ziemlich lange warten, aber nicht stundenlang. Die anderen Patienten gingen zu ihm rein und auch schnell wieder raus. Meine Verwirrung wuchs und wurde auch nicht kleiner, als ich mir die bereitliegenden Zeitschriften ansah. War da wirklich ein Wachturm? Hatte den ein anderer Patient hier gelassen? Was anderes konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Trotzdem bekam ich ein schlechtes Gefühl – sowas muss man doch sehen und aussortieren?

So richtig schlimm wurde es aber erst, als ich selbst zum Therapeuten vorgelassen wurde.

Bis heute fällt mir nur ein Vergleich zu dem Äußeren dieses Menschen ein: Staub. Er sah aus, als wäre er aus Staub. Seine Haare waren grau und glanzlos, seine Augen ebenfalls, seine Gesichtshaut hatte die Farbe von Hefeteig und wirkte auch genauso glatt und nachgiebig. Es war unmöglich, sein Alter zu schätzen. Seine gesamte Erscheinung machte einen irgendwie ungesunden, fast leblosen, eben staubigen Eindruck, wie eine vergessene Schaufensterpuppe auf einem alten Dachboden. Als er mir die Hand zur Begrüßung reichte, fühlte sie sich schwammig an. Der Händedruck war schlaff. Er lächelte dabei nicht.

Der Raum sah aus wie ein Arztzimmer – mit nicht viel mehr darin als einem großen Schreibtisch. Er bot mir davor Platz an und setzte sich dann selbst dahinter. „Was führt Sie zu mir?“

Ich begann zu erzählen, aber nur eine Kurzversion. Zwar ärgerte ich mich über mich selbst, dass ich ihn wegen seines Aussehens verurteilte, für das er schließlich nicht wirklich was konnte, aber das war ja nicht das einzige. Er strahlte kalte Distanz aus, fast schon Desinteresse. Er hätte genauso gut ein Roboter sein können.

Es war mir unmöglich, bei meinen Ausführungen ins Detail zu gehen, und ganz gegen meine Gewohnheit fing ich auch nicht an zu heulen. Ich erzählte ihm lediglich von meiner Depression, umriss knapp die Symptome und äußerte den Wunsch nach einer Therapie. Er sah mich dabei nicht an. Er hatte sein Bein angezogen, den Fuß auf die Sitzfläche seines Stuhls gestellt und band seinen Schuh. Alles daran machte mich fassungslos.

Als ich (ziemlich schnell) fertig war, sagte er nichts. Er wandte sich seinem Computer zu und tippte eine Weile auf der Tastatur rum. Immer noch hatte er mich seit unserer Begrüßung kein einziges Mal angesehen. Schließlich surrte der Drucker und er übergab mir den Ausdruck mit dem knappen Kommentar, es mal da zu versuchen.

Ich betrachtete das Blatt. Darauf waren die Namen anderer Therapeuten verzeichnet. Nur… wieso? Ich hatte bei meinem Anruf nach einem Therapieplatz gefragt. Ich dachte, das hier sei ein Erstgespräch. Stattdessen war es einfach nur strange.

Weil ich vollständig verunsichert war, fragte ich das erste, was mir beim Blick auf die Therapeutenliste auffiel: wieso er mir nur Frauen empfiehlt. Ich habe nämlich überhaupt nichts gegen männliche Therapeuten – und mag es nicht, wenn automatisch angenommen wird, dass ich unbedingt eine Therapeutin haben will, nur weil ich selber eine Frau bin.

Er antwortete, dass dies eine dumme Frage sei. Allerdings nicht so. Er sagte es in vielen Worten und drückte sich so unnötig kompliziert und unlogisch aus, dass ich es unmöglich wörtlich wiedergeben kann. Aber es ging ungefähr so: „Es wäre angeraten gewesen, sich zu erkundigen, ob ich diese Frage als sinnhaft erachte, bevor sie gestellt wurde, damit ich dies hätte verneinen können… aber naja, Sie haben leider nicht gefragt.“

Ich saß erstarrt da und fühlte mich wie in einem surrealen Film. Alles an seiner Antwort war komplett irre. Sinnhaft? dachte ich. Und: Ich hätte fragen sollen, ob ich diese Frage stellen darf, bevor ich sie tatsächlich stelle?

Oder, zusammengefasst in einem Wort: HÄ!?

Es war die verdrehteste Beleidigung, die ich je bekommen habe, und ich hätte ihn auf jeden Fall fragen sollen, was zur Hölle er sich einbildet, so mit mir zu reden – aber ich war auf Therapeutensuche, was bedeutete, dass ich niedergeschlagen, erschöpft und verletzlich war. Außerdem war ich verwirrt und viel jünger als heute. Kein Therapeut würde jetzt so noch mit mir reden, ohne eine passende Antwort zu bekommen. Aber damals war ich zu verunsichert dazu.

Es war absolut klar, dass dieser Mensch auf gar keinen Fall mein Therapeut werden würde, aber trotzdem ärgerte es mich, so abgeschmettert zu werden, wo ich doch nun mal dachte, ich käme für ein Erstgespräch. „Entschuldigung, ich habe den Termin eigentlich gemacht, weil ich dachte, ich könnte bei Ihnen eine Therapie anfangen,“ sagte ich daher.

„ABGELEHNT!“ schnarrte er. Übrigens seine einzige Äußerung während unseres gesamten Gesprächs, bei der sowas wie eine Emotion zu hören war.

Ich starrte ihn sprachlos an. Er sah immer noch in eine andere Richtung. Das schien ihn wirklich alles sehr wenig zu interessieren. ICH interessierte ihn nicht. Was aber verdammt noch mal kein Grund ist, so dermaßen unverschämt so sein. So unglaublich durchgeknallt.

Ich sprang auf, packte meine Tasche und stürzte zur Tür. Dabei stammelte ich vor mich hin, weil ich für zusammenhängende Sätze zu fassungslos war. Ich sagte so etwas wie „Unglaublich… in diesem Land…!“

Das letzte, was ich hörte, bevor ich die Tür hinter mir zufallen ließ, war ein gleichgültiges: „Dann wandern Sie doch aus.“

Auf dem Nachhauseweg hatte ich einen Heulkrampf und daheim angekommen verkroch ich mich ins Bett, um noch mehr zu heulen. Zu viel mehr war ich an diesem Tag nicht in der Lage. Bis heute verstehe ich nicht, was mit diesem Typen los gewesen ist. Ich schwöre, dass jedes Wort wahr ist.

In den letzten Tagen mag manch einer den Eindruck bekommen haben, ich wollte Therapeuten „bashen“. Das ist natürlich Unsinn. Ich bin sicher, dass die meisten Therapeuten nur deshalb diesen Beruf gewählt haben, weil sie sich ernsthaft für Menschen interessieren und ihnen helfen wollen, und unter der momentanen Situation ebenfalls leiden.

Aber es gibt nun mal auch Ausfälle, die für diesen Beruf absolut ungeeignet sind. Ein Problem, das durch die Ausbildungsverhältnisse verstärkt wird: Die Ausbildung zum Psychotherapeuten schließt sich an ein Psychologiestudium an und ist teuer, wodurch dieser Weg vielen bereits versperrt wird. Und wenn die Ausbildung beendet ist, müssen Therapeuten einen Kassensitz, falls überhaupt einer frei ist, von den Krankenkassen kaufen. Wir reden hier von mehreren zehntausend Euro. Es sollte absolut klar sein, dass dieses System nicht dazu führt, die Besten mit einem Kassensitz zu belohnen – sondern lediglich die, die es sich leisten können.

Das ist kein gutes Auswahlverfahren für einen Job, in dem die falsche Person so viel Schaden anrichten und damit alle anderen Therapeuten in Verruf bringen kann. Das nächste klingt vielleicht wie eine Übertreibung, aber ich meine es vollkommen Ernst: Dieser Mann hätte mich umbringen können. Wäre ich damals suizidal gewesen – und er konnte unmöglich wissen, dass ich es nicht war – hätte mir dieses Arschloch vielleicht den letzten Rest gegeben. Es gibt nichts, aber absolut nichts, was es rechtfertigen könnte, so mit einer Patientin zu reden. Dieser Mensch sollte nicht praktizieren dürfen. Stattdessen sollte er sich selbst einen Therapeuten suchen. Er hat eindeutig viel tiefgreifendere Probleme als ich.

Ich dachte sogar daran, mich über ihn zu beschweren und fragte auf einer anonymen Plattform nach dem richtigen Prozedere, weil ich nicht wusste, an welche Stelle man sich da wenden muss. Als eine der ersten Antworten las ich, dass ich als Mensch mit Depression gar nicht einschätzen könne, ob er sich unangebracht verhalten hat. Vielleicht sei das alles nur ein besonders intelligenter psychologischer Trick von ihm gewesen.

Therapeuten wüssten schließlich immer, was sie tun. Die seien besser als ich.

Denn ich sei ja psychisch krank.


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