Es besser machen – wie eine Therapiesuche aussehen könnte

Die Suche nach einem Psychotherapieplatz ist für Betroffene eine unglaubliche Belastung. Wie könnte man das besser regeln? Ein paar Gedanken dazu im zweiten Teil meiner Themenreihe Depression.

Eigentlich hatte ich für heute etwas anderes geplant, aber ich habe mich spontan umentschieden, denn ich erlebte eben doch tatsächlich ein kleines Wunder:

Ich habe endlich die letzte verbliebene Therapeutin auf meiner Liste erreicht!

Engelschöre! Fanfaren! Feuerwerk! Dabei hatte ich das eigentlich gar nicht vor. Ich wollte lediglich die Bandansage abhören und erfahren, zu welch wahllosen Zeitpunkt die gute Frau diese Woche gedenkt, Audienz zu halten – da hatte ich sie plötzlich leibhaftig am Ohr.

Zwei Minuten später konnte ich ein weiteres Häkchen setzen auf meiner Liste – neben „Absagen“. Damit steigt die Gesamtzahl auf sieben.

Es tat ihr zwar offensichtlich leid, aber sie hat leider auch ein paar dumme Sachen gesagt. So führt sie keine Warteliste, sondern vergibt einen freigewordenen Platz einfach an den ersten, der danach anruft. Nachdem ich so viele erfolglose Anrufe hinter mir habe, finde ich ein solches Verfahren, das auf purem Glück beruht, schlicht ekelhaft unfair. Als sie dann hörte, dass ich alle tiefenpsychologisch arbeitenden Therapeuten schon kontaktiert habe, empfahl sie mir doch tatsächlich, auch einfach mal die Verhaltenstherapeuten anzurufen. Viele von denen hätten ja Zusatzausbildungen, die eher ins Tiefenpsychologische gehen, und die sollte ich doch einfach mal erfragen.

Einfach – mal – erfragen. Klar. Als wäre es nicht genauso schwer, einen Verhaltenstherapeuten ans Telefon zu kriegen. Den soll ich ernsthaft auch noch danach löchern, was er denn sonst so kann – und das dann auch noch richtig einordnen können? Ich bin keine Psychologin. Woher soll ich wissen, was genau hinter diversen Zusatzausbildungen steckt?

Jedenfalls hat mich das erst zum Heulen gebracht… und dann dazu, mir ein paar Gedanken darüber zu machen, wie ich mir die Therapeutensuche idealerweise vorstelle. Darüber habe ich schon häufiger gegrübelt – also wird es Zeit, meine Überlegungen dazu aufzuschreiben. Anmerkungen, Ergänzungen und eigene Vorschläge ausdrücklich erwünscht.

Was ist an daran so schrecklich?

Die Suche nach einer Therapie ist aus zwei Gründen eine absolute Katastrophe für jeden, der sie auf sich nimmt:

1. lange Wartezeit
2. Aufwand

Die lange Wartezeit resultiert natürlich aus dem Mangel an Therapieplätzen. Hier wird sich erst was ändern, wenn die Krankenkassen diesen Mangel endlich beseitigen. Und was den Aufwand angeht… nun ja, wie der bei mir ausgesehen hat, wisst ihr ja jetzt.

Die Aussicht, locker sechs Monate auf einer Warteliste zu stehen, hat mich in der Vergangenheit immer sehr abgeschreckt und letztendlich jedes Mal dazu geführt, dass ich aufgab. Trotzdem halte ich den Aufwand für den wesentlich belastenderen Faktor, auch wenn mir da möglicherweise viele widersprechen werden.

Natürlich ist es in akuten Fällen wichtig, so schnell wie möglich Hilfe zu bekommen. Aber vielen – wenn nicht sogar den meisten – geht es doch eher so wie mir: Man hat Depressionen, aber die meiste Zeit schlängelt man sich irgendwie durch. Man lebt sein Leben auf Sparflamme, weil man selbst für die Dinge, die man mag, kaum Energie aufbringen kann, aber wenn es wirklich sein muss, funktioniert man halt doch, wenn vielleicht auch nur gerade so. Man fühlt sich zum Kotzen… aber irgendwie geht es eben trotzdem immer weiter.

Das ist zwar alles so richtig scheiße, aber nicht wirklich akut. Ich habe seit 13 Jahren Bedarf nach einem passenden Therapieplatz, doch hier sitze ich und lebe immer noch. Es ist kein schönes Leben und es wäre völlig anders verlaufen, wenn meine Depression viel früher behandelt worden wäre, aber wenigstens besitze ich noch einen Puls.

Das Problem ist, dass man (oder zumindest ich) immer dann auf die Idee kommt, einen Therapeuten zu suchen, wenn gerade alles sehr schlimm ist. Das ist dann ein Moment, in dem man am liebsten sofort Hilfe haben will – was unweigerlich zur totalen Kapitulation führt, wenn man erfährt, dass man ein halbes Jahr warten muss.

Das habe ich mir bei jedem Versuch maximal zwei, vielleicht auch dreimal angehört, aber am Ende habe ich immer aufgegeben. Wenn ich so lange warten muss, kann ich’s ja eh lassen, dachte ich immer. Nur ist das eben ein grundlegender Denkfehler. Die Zeit vergeht so oder so, ob ich irgendwo auf einer Warteliste stehe oder nicht, und sehr oft habe ich sechs Monate später grübelnd im Bett gelegen und gedacht: Wärst du vor einem halben Jahr dran geblieben, hättest du jetzt einen Therapieplatz.

So lange warten zu müssen ist furchtbar und es sollte definitiv anders sein. Aber mir ist trotzdem klar geworden, dass der ausschlaggebende Faktor für mein ständiges Scheitern doch der unfassbare Aufwand war, der dahinter steckt. Die Warterei stört mich weniger als mich wochenlang jeden Tag ans Telefon hängen zu müssen, um einen Therapeuten zu erreichen, dabei achtzig verschiedene Sprechzeiten zu beachten, für die ich extra aufstehe oder meine Arbeitspause umlege, nur um am Ende dann zusätzlich zu hören, dass erst viele Monate später was frei wird.

Die Wartezeit kam mir nur deswegen immer so schlimm vor, weil sie das letzte Glied in einer langen Reihe enttäuschender, stressiger Bemühungen ist. Anders formuliert: Wäre der Aufwand geringer gewesen, hätte mir die Wartezeit nicht so den Boden unter den Füßen weggezogen.

Wie lässt sich der Aufwand minimieren?

Auch wenn die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung ein Witz ist und außerdem von den Krankenkassen gerne als Grund vorgeschoben wird, um eine Kostenerstattung abzulehnen – „Wieso sollen wir Ihnen einen Therapeuten ohne Kassensitz bezahlen, wenn die Terminservicestelle Sie doch jederzeit an irgendeine willkürlich ausgewählte Person, die Sie ohne Einwände akzeptieren müssen, vermitteln kann?“ – ist der Grundgedanke dahinter nicht falsch: Es gibt eine Stelle, bei der alle Fäden zusammen laufen und die Termine vergibt. Die bisherige Umsetzung dieses an sich ziemlich simplen Konzepts ist halt bisher auf besonders peinliche Art misslungen.

Trotzdem halte ich Zentralisierung für die einzige Möglichkeit, den Aufwand für den einzelnen Patienten zu minimieren. Würde die Vergabe von Therapieplätzen nicht über die verschiedenen Therapeuten direkt, sondern über eine zentrale Stelle laufen, hätte ich nicht 65 Mal telefonieren müssen, sondern nur ein einziges Mal.

Eine zentrale Vergabestelle sollte es in jeder Stadt oder Region geben. Das hat den Vorteil, dass die Menschen, die für die Verteilung zuständig sind, mit der Zeit die Therapeuten auch ein Stück weit kennen lernen, was bei einem bundesweiten Angebot niemals möglich wäre. Sie wäre acht Stunden täglich besetzt und nimmt alle Anrufe von Hilfesuchenden entgegen. Diese schildern dann ihre Situation nach einem Fragekatalog, der ins System eingespeist wird. Das ist nötig, um eine mögliche Vorauswahl zu treffen (nicht jeder Therapeut kennt sich mit allen Problemfeldern aus – manche spezialisieren sich auf Essstörungen, haben dafür aber nicht so viel Ahnung von Schizophrenie etc.). Die Anrufer haben zusätzlich die Möglichkeit, Präferenzen zu nennen, worunter auch der Ausschluss bestimmter Personen(gruppen) fällt. Menschen mit Telefonphobie oder anderen Einschränkungen könnten all das auch per Mail schicken. Nachdem das erledigt ist, kommt der Anrufer auf EINE Warteliste für ALLE Therapeuten, die für ihn in Frage kommen, und wird benachrichtigt, sobald einer der Therapeuten Zeit für ihn hat. Er bleibt so lange auf der Warteliste und erhält weitere Termine bei anderen Therapeuten, bis sicher feststeht, dass er den Richtigen gefunden hat und bei ihm eine Therapie anfängt. Die Therapeuten müssten derweil nichts weiter tun, als ihre freien Kapazitäten zu melden.

Und das war’s eigentlich auch schon. Eigentlich ist das gar nicht so schwer. Das Komplizierteste daran ist vermutlich das richtige Programm zur Verteilung, aber mir kann niemand erzählen, dass so etwas technisch unmöglich ist.

Mögliche Kritikpunkte

Als ich das heute Mittag bei Twitter kurz anriss, bekam ich direkt Gegenwind. Vieles davon basierte auf der Kritik am Gesetzesentwurf zum Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) bzw. konkret §92 Abs.6a SGB V. Der sieht demnächst für Psychotherapien eine „gestufte Versorgung“ vor, was nichts anderes heißt, als dass ausgewählte Ärzte oder Therapeuten im Rahmen einer Voruntersuchung erstmal feststellen sollen, ob therapiesuchende Menschen überhaupt therapiebedürftig sind und welche Art Therapie sie bekommen sollen. Die Petition gegen dieses Gesetz findet ihr hier. Dagegen habe ich auch was, aber meiner Meinung nach ist das etwas vollkommen anderes und deshalb trifft kein einziger Kritikpunkt auf meine Version zu.

Ey, was ist mit Datenschutz?
Ich verstehe diesen Punkt ehrlich gesagt nicht. Das hat mir bei einer anderen Gelegenheit, als ich diese Idee äußerte, mal jemand an den Kopf geknallt. Meine Krankenkasse sammelt lauter sensible Daten von mir und jeder Sachbearbeiter in ganz Deutschland kann sie einsehen – warum sollte ein adäquater Datenschutz nun ausgerechnet hier ein unlösbares Problem sein?

Betroffene sollen nicht gezwungen werden, sich jemand anderem als ihrem potentiellen Therapeuten zu öffnen!
Sie sollen sich nicht „öffnen“, sondern ein paar allgemeine Fragen zu ihrem Krankheitsverlauf beantworten. Ohne ein paar grundlegende Informationen geht es nun mal nicht. Außerdem… ich müsste jetzt zählen, aber ich schätze, bei knapp der Hälfte der Therapeuten von meiner Liste ging eine Sprechstundenhilfe ans Telefon. Ich sehe hier keinen qualitativen Unterschied zu einem Mitarbeiter einer Vergabestelle.

Das nimmt den Therapeuten die Wahlfreiheit!
Ganz ehrlich: Wer einen Kassensitz hat, leitet eine Einrichtung zur öffentlichen Gesundheitsversorgung. Da kann man nicht einfach so Leute ablehnen, weil deren Problem vielleicht ein bisschen schwieriger zu lösen ist als andere (so scheinen einige Therapeuten tatsächlich zu verfahren). In begründeten Fällen (ich könnte beispielsweise verstehen, wenn ein Therapeut keinen straffälligen Pädophilen behandeln will, obwohl diese Leute dringend Hilfe bräuchten, bevor sie straffällig werden) kann man da eine Ausnahme machen, aber das darf auf gar keinen Fall die Regel sein. Wer Wahlfreiheit will, soll eine Privatpraxis eröffnen. Sorry.

Und sonst fällt mir dagegen kein weiteres mögliches Contraargument ein. Außer die Kosten vielleicht, aber das lasse ich nicht gelten.

Warum machen wir das dann nicht so?

Weil es zu einfach wäre. Die Aussicht, die ganze furchtbare Therapeutensuche mit nur einem Telefonanruf erledigen zu können wird viel mehr Betroffene als bisher dazu bringen, sich überhaupt um eine Therapie zu kümmern. Viele versuchen das nämlich gar nicht erst, eben WEIL es bisher so zeit- und kraftraubend ist.

Diesen Leuten die Sache zu erleichtern und sie damit zu ermuntern, eine Therapie zu suchen, ist das absolut letzte, was die Krankenkassen wollen. Wenn alle Leute, die eigentlich eine Therapie bräuchten, sich bei einer solchen zentralen Vergabestelle melden, würde sich bei der aktuellen Versorgungslage die Wartezeit verfünffachen. Garantiert. Und dann müsste man daran ja dummerweise etwas ändern, weil das vielleicht endlich der Zeitpunkt wäre, an dem alle Leute aber so richtig auf die Barrikaden gehen. Man stelle es sich vor. Wie lästig.

Es wird Zeit, dass die Politik da reagiert – aber nicht in Form einer Pflicht zur vorgeschalteten Untersuchung durch fremde Ärzte, was ohnehin nur ein weiterer durchschaubarer Versuch der Kassen ist, die Patientenzahlen zu drücken und damit an ihrem Märchen festzuhalten, dass es genügend Kassensitze gibt. Denn sonst – und das kann ich nur immer und immer wieder sagensterben Menschen. Und das muss doch verdammt noch mal nicht sein, wenn das alles eigentlich so beschissen einfach ist.


Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee.