#SuchDirHilfe – werde laut.

Ihr habt vom letzten Beitrag hier her gefunden. Danke dafür. Ich versuche es auch kurz zu machen.


Ich kann mich wirklich nicht erinnern, wie oft ich so da saß wie vor drei Wochen, als ich mich wieder entschloss, einen Therapeuten zu suchen. Es war auf jeden Fall häufig, und ich bin jedes Mal gescheitert. Außer dieses Mal. Und das lag einzig und allein an einer Sache:

Ich hatte beschlossen, darüber zu twittern.

Damit setzte ich mich selbst unter Druck, aber auf eine gute Art. Plötzlich hatte ich Zuschauer, denen ich was bieten wollte. Sie konnten ruhig lesen, wie ich heulte, tobte, an diesem beschissenen System verzweifelte. Dagegen hatte ich überhaupt nichts. Aber sie sollten nicht sehen, wie ich scheitere. Das nicht. Nicht schon wieder.

Ohne Twitter hätte ich das nicht geschafft. Ich hätte nach spätestens drei Anrufen aufgegeben. Aber so viele andere schaffen es nicht. Oder mussten, wie ich, ihre gesamte Energie hinein stecken, obwohl es dafür keinen, aber auch überhaupt keinen Grund gibt… außer der, dass irgendjemand mal gemeint hat, die Versorgung, die wir jetzt haben, würde für alle psychisch Kranken reichen. Trotz Wartezeiten von einem Jahr, trotz all der Therapeuten, die gar keine Warteliste mehr führen und selbst verzweifeln, trotz all den Anrufen, die unbeantwortet bleiben, all der Absagen.

Dabei reicht es offensichtlich nicht. Und das ist verdammt noch mal nicht richtig.

Viele Leute haben meinen Thread verfolgt, obwohl er sich schnell zu einem gigantischen Monstrum aufblähte, weil ich mich einfach nicht kurz fassen kann. Die Nicht-Betroffenen, die *Gesunden*, die *Normalos*, waren schockiert. Die Betroffenen dagegen nicht. Die winkten ab. Sie kannten das. Alle kennen das.

Einige haben mir dann von ihren eigenen Erfahrungen geschrieben, irgendwo als Reply inmitten meines Threads – sprich dort, wo sie kein Mensch sieht. Da gehören sie verdammt noch mal nicht hin. Dort lese höchstens ich sie, aber ich bin dafür eigentlich die falsche Adresse. Ich bin eine Betroffene. Ich kenne das. Alle kennen das. Wichtig sind aber die, die es nicht kennen – die *Gesunden*, die *Normalos*, die Schockierten, die aber nicht schockiert sein sollten wegen etwas, was für so viele Menschen mit Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen normaler Alltag ist.

Das soll sich ändern.

Deshalb, wie angekündigt: Eine Bitte und ein Appell.


Die Bitte – an alle:

Teilt die Geschichte meiner Therapeutensuche. Ich kann mich nicht erinnern, schon mal um sowas gebeten zu haben, jedenfalls nicht so offensiv, aber jetzt bitte ich darum und es ist mir egal, ob das jemand frech oder peinlich findet. Weil die Geschichte wichtig ist. Nicht wegen mir, sondern weil sich so viele darin wieder gefunden haben, da sie exakt die gleichen Erfahrungen gemacht haben, als sie sich einfach nur Hilfe suchen wollten. Ich will, dass das endlich jeder weiß. Ich habe es satt, so etwas zu erzählen und dann all die schockierten Gesichter um mich herum zu sehen. Denn nichts davon hat mich schockiert, im Gegenteil. Ich habe all das verdammt noch mal genau so erwartet. Es ist mein Alltag, und es hat mich Jahre meines Lebens gekostet, in denen ich untherapiert und unglücklich geblieben bin.

Deswegen: Teilt es. Bitte.


Und nun der Appell – an alle Betroffenen:

Ich freue mich über jede Reply, aber bitte verschwendet eure Erfahrungen nicht an einen unübersichtlichen Thread, wo sie niemand sieht. Schreibt eure eigenen Tweets, nach denen man nicht erst wühlen muss, und schreibt viele davon. Schreibt über jedes Hindernis, jede bürokratische Hürde, jede Form der Ignoranz, die euch begegnet ist, als ihr versucht habt, den Ratschlag von Leuten zu befolgen, die nicht die geringste Ahnung haben, was sie da eigentlich von sich geben, wenn sie sagen: „Such dir Hilfe.“ Zeigt ihnen, was dieser dumme, aber ja doch so nett gemeinte Spruch in der Realität bedeutet, wenn man psychisch krank ist und einem Gesundheitssystem ausgeliefert, das Depressionen nicht ernst nimmt und Menschen tötet.

Und taggt all diese Erfahrungen mit #SuchDirHilfe, damit jeder sie sehen und nicht mehr ignorieren kann.

Vielleicht findet ihr das blöd. Vielleicht denkt ihr, dass sowas eh nichts bringt. Aber man kann es ja wenigstens mal versuchen. Ich jedenfalls will es testen und wenn beim nächsten Mal, wenn ich wieder von unfassbaren Wartezeiten erzähle, überforderten Therapeuten und Toten, die man hätte verhindern können, wenn man ihnen nur geholfen hätte, als sie es gebraucht hätten… wenn dann auch nur ein Mensch mehr weiß, wovon ich rede, hat es sich schon gelohnt. Denn irgendwann werden es alle wissen und spätestens dann muss irgendjemand reagieren.

Ich will, dass ihr dann alle noch da seid, um das mit mir zu feiern.

Wer keinen Twitter-Account hat, aber mitmachen will, oder gerne würde, sich aber nicht traut, dem biete ich an, die Geschichte seiner Suche nach Hilfe stellvertretend für ihn auf Twitter und vielleicht im Blog zu veröffentlichen. Schickt sie mir einfach als Mail an robin.urban.blog[ät]gmail.com unter dem Betreff #SuchDirHilfe. Ich verspreche euch, eure Daten vertraulich zu behandeln und jeden Bericht anonymisiert (!) zu teilen – es sei denn, ihr wollt es ausdrücklich anders. Vielleicht werde ich hier und da ein bisschen kürzen müssen und Tippfehler beseitigen, aber ansonsten werde ich nichts verändern.

Bedenkt aber bitte, dass ich selber keine Therapeutin bin (und es auch nicht behaupte). Ich werde ganz sicher nicht auf jeden und alles eingehen können, was ihr mir schreibt. Bitte habt dafür Verständnis und schickt mir eure Mail nur, wenn ihr damit klar kommt, dass ich lange für eine Antwort brauche und die dann vielleicht sehr knapp ausfällt.

Ich habe eiskalte Hände, Schweißausbrüche, einen Puls von 180 – aber ich schicke das hier jetzt trotzdem ab, auf die Gefahr hin, dass kein Mensch mitmacht.

Aber dann habe ich es wenigstens versucht.

9 Kommentare zu „#SuchDirHilfe – werde laut.

  1. Hallo Robin, ich habe Ihren Bericht der Therapeutensuche als Aha und Ja-so-ist-es gelesen. Ehe ich 2011 meine Traumatherapie aufnahm, hatte ich drei Gespräche und davon bei zwei Therapeutinnen je 5 probatorische Stunden. Dann hatte ich 90 Stunden Therapie bei einer der beiden. Danach hatte ich 100 Stunden dank des Fonds sexueller Missbrauch bei einer kassenfreien Therapeutin. Ich begann bei ihr die Therapie sofort nach dem Erstgespräch.

    In der Meinung, das sei das Normale, wurde ich zu Beginn der dritten Therapiephase auf den Boden der Wirklichkeit geholt. Neben der Telefonodyssee mit über 30 Telefongesprächen und Empfehlungen der Krankenkasse zu total durchgeknallten Therapeuten, bei denen allein der Anruf beinahe eine Reviktimisierung auslöste, hatte ich bei 10 Therapeuten probatorische Stunden.

    Es waren zermürbende eineinhalb Jahre, die ich suchte. Meine Aversion beim Anrufen wurde derart krass, es lag zwischen Würgereiz und Selbstmord, dass ich dabei war, aufzugeben, mich einzuschließen und nie wieder einen Schritt vors Haus zu setzen oder jemals noch ein Telefongespräch zu führen.

    Also ließ ich mich auf die Liste der örtlichen Universitäts Traumaambulanz setzen. Dort harrte ich knapp ein Jahr, während ich per Grundversorgung bei einer Therapeutin parkte. Schließlich trat ein, was ich nicht mehr zu hoffen wagte: erste probatorische Stunde und ich wusste, das ist sie. Sie ist mir nicht unsympathisch, sie lässt sich von mir nicht manipulieren und sie ist straight professionell. Und jetzt fürchte ich mich schon, dass die Therapie bei ihr in 30 Stunden ausläuft, und ich dann wieder 2 Jahre warten muss, bis es weitergeht.

    Ja, es ist ein absolutes Elend, was mit ambulanten Therapien läuft. Man muss nicht nur die Stecknadel im Heuhaufen finden, sondern auch noch die, die einem fürs Seelenkleid passt.

    Ich habe über fünf meiner probatorischen Stunden gebloggt: https://lotoskraft.wordpress.com/?s=probatorische

    LG Lotosritter

    1. Das klingt so furchtbar 😦 Gerade bei sexuellen Missbrauch kann es doch nicht sein, dass man jahrelang suchen muss und sogar Kinder nicht richtig behandelt werden. Oder als Kinder richtig behandelt werden, dann aber plötzlich vollkommen auf sich selbst gestellt sind, sobald sie volljährig werden.

      Ich habe deine zwei ersten Berichte gelesen und morgen sind die anderen dran. Ich finde, sie demonstrieren sehr gut, wie wichtig ein passender Therapeut ist und die Möglichkeit, sich jederzeit zurück zu ziehen, wenn man sich unwohl fühlt. Aber genau das gibt es halt nicht, wenn die Hürde, einen anderen zu finden, so groß ist.

      Darf ich deine Beiträge auf Twitter teilen? Normalerweise würde ich gar nicht fragen, weil sie auf einem öffentlichen Blog stehen, aber weil sie doch sehr persönliche Dinge enthalten frage ich lieber doch.

  2. Gerne darfst Du meine Beiträge teilen.

    In einem Fall brach ich die begonnene Therapie ab, weil die Therapeutin übergriffig wurde. Dazu bloggte ich hier:
    https://lotoskraft.wordpress.com/2017/01/25/therapie-als-krampf-und-kampf/

    Eine andere probatorische Stunde brach die von mir konsultierte Therapeutin ab, weil sie meinen jüngeren Freund, mit gleicher Symptomatik bereits behandelte und ich für ihn die Rolle des großen Bruders erfüllte. Ich fand das sehr professionell und schützend für uns beide.

    Schlimm für mich war, in 10 probatorischen Stunden meine Geschichte immer erneut auszubreiten, und sie am Telefon immer wieder zu skizzieren. Es hatte etwas von seelischer Folter an sich. Meine schriftliche Fassung lasen die meisten Therapeutinnen nicht. Unter denen die persönlich konsultierte waren nur 2 Männer.

  3. Meine Therapeutensuche gestaltete sich auch als ein ziemlich langwieriger Prozess, an den ich mich selbst nicht so gerne erinnere. Ich bin jedenfalls froh, dass ich nun schon länger einen habe, mit dem ich sehr langsam – manchmal auch frustrierend langsam -, aber sicher meine Fortschritte mache. Ich habe jetzt noch nicht alle deine Beiträge gelesen, doch ich hoffe, du konntest etwas seit der Veröffentlichung des Beitrags erreichen.

    In diesem System kann aber nicht nur die Suche nach Therapeuten die Hölle sein, sondern eben auch Besuche beim Facharzt, der wegen der veralteten Bedarfszahlen von psychischen Erkrankungen hoffnungslos überfüllt ist. Zugegebenermaßen war das in meinem Fall früher, also vor zwei Jahren, noch schlimmer und die Patienten standen teilweise schon um halb sieben, zwei Stunden vor Öffnungszeiten, von der Praxis im vierten Stock im Treppenhaus nach draußen, sodass ich nach einigen schwierigen ersten Besuchen mitten in der Nacht aufgestanden bin, um überhaupt ein Termin zu bekommen; aber selbst mit der verringerten Anzahl an Menschen (durch kürzere Sprechzeiten und bessere Organisation) muss ich immer noch Stunden warten und ich hasse jeden einzelnen Besuch, weil dieser mich jedes Mal nervlich verdammt fertig macht. Das alles nur wegen Medikamenten, die ich bei meinem regulären Hausarzt nicht verschrieben bekomme.

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