Von Dschingis Khan lernen heißt Streitkultur lernen

Die Mongolen nutzten bei ihren großflächigen Eroberungszügen die Taktik, ihre militärischen Gegner nie vollständig einzukesseln. Sie ließen immer eine Fluchtmöglichkeit, um zu verhindern, dass diese Menschen, dem sicheren Tod ins Auge blickend, ihre letzten Kräfte zusammen nahmen und mit dem Mut der Verzweiflung kämpften. Stattdessen konnten sie einfach wegrennen. So haben die Mongolen die halbe Welt erobert.

Als ich über diese Taktik las, machte mir das eindrücklich klar, warum „Diskussionen“ in meiner Familie immer völlig aus dem Ruder gelaufen sind. Denn meine Familie war sehr gut darin, den Kreis so eng um einen zu ziehen, bis man glaubte, ersticken zu müssen. Gerade als Teenager hat man so viele Kämpfe mit den Eltern auszutragen, die eigentlich größtenteils banal sind. Bei uns liefen sie aber immer besonders heftig und unbefriedigend ab.

So wurde zum Beispiel nie akzeptiert, wenn ich mich in mein Zimmer zurück zog. Wie oft kam mein Stiefvater direkt im Anschluss in mein Zimmer gerannt und fragte strunzdoof „Warum hast du die Tür geknallt?“
„Weil ich verdammt sauer bin, du Vollidiot!!!“ habe ich damals leider nicht gesagt. Stattdessen hilflose Verzweiflung. In solchen Situationen hat mich immer am meisten gestört, dass ich, als Teenager in der Pubertät, der verdammt noch mal jedes Recht hat, sich irrational verhalten zu dürfen, weil das in dieser Lebensphase einfach normal ist, gezwungen wurde, die Stimme der Vernunft zu sein. So waren meine Gedanken in dieser Zeit tatsächlich: „Warum lässt du mich nicht sauer sein? Warum akzeptierst du meinen Abgang nicht? Warum lässt du mich nicht emotional sein, wo doch meine Hormone pubertätsbedingt gerade Amok laufen? Und warum muss ICH dir das erklären, obwohl du das doch wissen solltest?“

Das hat wirklich keinen Spaß gemacht. An Logik und Vernunft zu appellieren, obwohl man sich doch einfach nur kreischend auf den Boden werfen und mit den Beinen strampeln will, weil man nicht zu dieser höllencoolen Party darf – das zwingt das Hirn in Bahnen, für die es eigentlich noch nicht gemacht ist. Und Respekt für seine Eltern lernt man auf diese Weise auch nicht – haben sie sich doch im Grunde kindischer benommen als man selbst zu einer Zeit, als kindisches Benehmen für sich selbst noch okay war, für sie allerdings nicht.

Aber das ist eigentlich ein anderes Thema. Es geht um die Möglichkeit des Rückzugs. Selbst in den besten Beziehungen gibt es mal Streit, das ist unvermeidlich. Aber hierbei handelt es sich nicht um politische Diskussionen, bei denen man den Gegner in die Ecke treibt und triezt, bis er entweder aufgibt oder sich so um Kopf und Kragen redet, dass allen Zeugen klar wird, jemand unwählbares vor sich zu haben. Das ist wichtig, denn es kann auf politischer Ebene nicht zielführend sein, jedem Gegner, der sich verrannt hat, den Kopf zu tätscheln und Kaffee trinken zu gehen.

Beziehungen dagegen bauen auf Liebe und Respekt. Hier gelten andere Regeln. Hier muss es möglich sein, dem Partner (oder der Tochter, der besten Freundin, der eigenen Mutter) einen taktischen Rückzug zu eröffnen. Die Alternative ist nämlich auch 700 Jahre nach dem Zerfall des Mongolischen Reichs nicht besonders angenehm: Als Teenager, eingekesselt von den eigenen Eltern, hat man geschrieen, getobt und um sich getreten. Als Erwachsenem dagegen rutschen „mit dem Mut der Verzweiflung“ vielleicht ein paar Dinge raus, die man eigentlich nicht sagen wollte.

Lilly und Marshall von „How I met your mother“ gelten bei vielen Fans als Vorzeigepaar und fahren die gleiche Taktik: Wird ein Streit zu heftig, drücken sie auf Pause. Sie reden dann einfach über was anderes. Zumindest für kurze Zeit – dann wird der Streit wieder aufgenommen.

Ich halte das für eine vorbildliche Politik. Das hat nichts mit „Totschweigen“ zu tun. Auch nicht mit Kapitulation oder „dem anderen Recht geben“. Die Mongolen haben ihre Gegner auch nur scheinbar entkommen lassen, um sie in oft tagelangen Hetzjagden einzeln zu verfolgen und bis auf den letzten Mann brutal abzumetzeln.

So weit sollte es natürlich in einer Beziehung nicht gehen. Aber eine Fluchtmöglichkeit, ein Pauseknopf, die schlichte Akzeptanz der Aussage „Können wir diese Diskussion BITTE auf morgen vertagen?“ zeugt nicht nur von einer guten Streitkultur, sondern auch von Liebe und Respekt.

Und vielleicht merkt man, nachdem man dieser Bitte entsprochen und eine Nacht darüber geschlafen hat, dass man sich selbst ein wenig verrannt hat. Dass man vielleicht ein bisschen verbohrt, Dinge nicht beachtet hat oder schlicht ein wenig zu betrunken war.

Spätestens dann wird es Zeit, sich nicht mehr wie ein barbarischer Mongole aufzuführen. Und den Friedensvertrag einfach mit einem Kuss zu besiegeln.

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