Meta-Nazi

Langsam könnte man echt neidisch werden! Die Relevanz der guten Erzählmirnix ist inzwischen unbestreitbar, denn wieder hat sie es geschafft, sich ins Zentrum der Twitter-Aufmerksamkeit zu rücken.

Dieses Mal fanden wohl einige Feministinnen ihr Comic zu einen angedachten Schutzgesetz für Prostituierte ganz toll, während andere das zwar AUCH toll fanden, aber halt nicht, wenn es von dieser untollen Person kommt. Ergo: Egal wie toll man etwas findet, von generell untollen Personen teilt man keine Comics.

Soweit, so alltäglich. Leider. Nun scheinen dieses Mal aber viele nicht eingesehen zu haben, warum Erzählmirnix untoll sein soll, weshalb einige von denen, die das schon immer gewusst haben wollen, sich hinsetzten und eine Liste all ihrer Schrecklichkeiten auf Pastebin (was auch immer das ist) zusammentrugen. Diese wurde dann willfährig auf Twitter verbreitet, um Erzählmirnix‘ Followern und allen, die es wagen, ihre Comics zu teilen, zu zeigen, wie gar furchtbar sie doch ist (leider (chrchr) mit dem gegenteiligen Effekt, der ja auch üüüüberhaupt nicht voraus zu ahnen war). Sie selbst hat diese Liste mit dem wohlklingenden Namen „Diskriminierende Scheisze bei Erzählmirnix“, die manch Nichteingeweihter unbedarft für ein Best-of halten könnte, auch natürlich fix verbloggt und kommentiert.

Man muss diese Leistung, die hinter dieser Liste steckt, fast bewundern, denn Erzählmirnix kategorisiert ihre Comics selbst leider überhaupt nicht. Man stelle sich also eine oder mehrere Personen vor, die in geduldigster Kleinarbeit ihren gesamten Blog runterscrollen und hunderte ihrer Comics nach „diskriminierender Scheisze“ durchforsten.
Dass dabei doch nur so wenig gefunden wurde, spricht dabei jetzt nicht wirklich für die Ausgangsthese. Und betrachtet man die beanstandeten Werke, kommen erst Recht Zweifel am gesamten Projekt. So wird es wohl beispielsweise vermutlich auf ewig das Geheimnis der Erstellerinnen dieser Liste bleiben, was am antirassistischen Comic „Weil dieser Satz immer scheiße endet“ so besonders rassistisch sein soll.

Während also Twitter tobte, fiel mir eine Person in meiner Timeline auf, die zunächst einen unangebrachten Vergleich zwischen Erzählmirnix und Fefe in Zweifel zog, dann aber bei Ansicht der Liste sofort seine Konsequenzen zog: „Erzählmirnix entfolgt und geblockt“.
Es entspann sich eine kurze Diskussion mit einem anderen User, während dieser dann die erste Person als Erklärung einen Comic postete, der in der Liste unter „Rassismus und Bagatellisierung rechter Ideologie“ zu finden war.

Dies möchte ich nun zum Anlass nehmen, um ein wenig Interpretation zu betreiben, des Deutschlehrers täglich Brot. Der ein oder andere mag jetzt genervt aufstöhnen, aber wenn ihr bis zum Ende durchhaltet, werdet ihr mir vielleicht zustimmen, dass dies einer der wenigen Fälle sein dürfte, in denen ein Witz tatsächlich witziger wird, wenn man ihn erklärt!

Also sehen wir uns das beanstandete Werk doch mal an (mit freundlicher Genehmigung von Erzählmirnix):

erzählmirnix

Die Person hatte seine Interpretation schnell gefunden:

https://twitter.com/Walsonde/status/648823320763342848

Tja… „oder so“, ne.

Es mag wenig überraschen, dass ich dieser Deutung in keinster Weise folge, weil sie unstimmig und unsinnig ist.

Wieso? Dazu sollte man sich die Frage stellen: Wie interpretiert man richtig?

Betrachtet den Comic. Schüler würde man jetzt langwierig beschreiben lassen, WAS hier zu sehen ist, aber da das nicht sonderlich schwer ist, verzichte ich darauf jetzt mal. Von dieser reinen Ist-Beschreibung, die noch keinerlei Deutung enthalten sollte, springen wir also direkt weiter zur eigentlichen Interpretation.

Bei einer solchen – und es ist egal, ob es sich dabei um einen Prosatext, ein Gedicht oder wie in diesem Fall ein Comic handelt – ist es unerlässlich, sich den Sender, in diesem Fall die Autorin, anzusehen. Dazu ist der Kontext wichtig. Das trifft auf die Bewertung jedes möglichen heiklen Sachverhalts zu (und das Thema Nationalsozialismus ist IMMER heikel). So macht es selbstverständlich einen Unterschied, ob ich als Historikerin das N-Wort in einer Zitation in einem geschichtswissenschaftlichen Text verwende oder ob es unreflektiert in einem Kinderbuch auftaucht. Auch ist es was anderes, ob ein CDU-Politiker es während eines peinlichen Interviews von sich gibt oder ein schwarzer Rapper in einem Song über Rassismus.

Der Kontext ist hier schwierig, weil keiner mitgeliefert wird und der Comic dreieinhalb Jahre alt ist (das muss man sich mal reinziehen!!). Man muss sich also am Sender abarbeiten, denn natürlich würde es eine Rolle spielen, ob sowas von einem NPD-Vorsitzenden gezeichnet wird oder halt von einer Erzählmirnix.
Was wissen wir über sie? Oft kontrovers, vertritt sie doch beim Thema Nationalsozialismus und Rassismus eine ganz klare Linie, wovon nicht zuletzt das Comic zeugt, dass sie als Startcomic zu ihrem Blog gewählt hat. Da ich sie als Bloggerin seit Jahren verfolge, komme ich zu einer komplett anderen Deutung, die nicht mit ihrer Intention übereinstimmen MUSS, die aber WESENTLICH sinniger ist.

Ach, machen wir’s doch kleinschrittig: Was sehen wir hier?
Panel 1: Person A mag eine Blume.
Panel 2: Person B teilt ihr mit, diese sei von einem Nazi gepflanzt.
Panel 3: Person B wird verbal aggressiv, Person A kann nur stammeln.
Panel 4: Beide verschwinden, die Blume wurde offensichtlich zertrampelt.

Ließe man den Sender außer acht, würde ich @Walsonde für seine Interpretation tatsächlich noch eine 3 geben („oder so“). Aber auch ohne Sender macht er hier einen eklatanten Fehler: Er hält die Aussage von Person B für wahr. Zusammen mit der dargestellten Aggression und den harten Vorwürfen gegenüber Person A, für die „Diese Blume ist eine Naziblume“ offensichtlich eine neue Information ist, darf dieser Wahrheitsgehalt jedoch durchaus angezweifelt werden. Und nimmt man nun DOCH den Sender hinzu und bedenkt Erzählmirnix‘ Einstellung zu Nationalismus und allgemein, drängt sich mir folgende Interpretation auf:

Hier wird einerseits die Aggressivität kritisiert, mit der Menschen begegnet wird, denen wichtige Informationen fehlen und die daher diese Aggressivität bzw. den unterstellten Verwurf der „Mittäterschaft“ nicht verdient haben. Und andererseits – der für mich wesentlich wichtigere Punkt – die Haltung, das Label „Nazi“ nicht in Zweifel zu ziehen, obwohl es dafür keinerlei Beweise gibt.

Dieses Comic karikiert demnach die in einigen linken Kreisen kursierende reflexhafte Abwehrhaltung gegenüber dem Nationalsozialismus, die dahingehend übertrieben ist, dass selbst der pure Vorwurf des Nationalsozialismus so große Panik verursacht, dass es schon als Affront und irgendwie rechts gilt, Beweise für diesen Vorwurf zu verlangen.

Dieser Comic nun wird als Beleg für Erzählmirnix‘ Schlechtigkeit herangezogen, denn die betreffende Person liest darin eine Relativierung nationalsozialistischer Verbrechen, denn „es war ja nicht alles schlecht bei Nazis“ („oder so“). Eine unstimmige und unsinnige Interpretation, die er nur tätigt, weil er den Sender außer Acht lässt und der linken Panik erliegt, alles, was VIELLEICHT „Nazi“ sein könnte, von dem man sich nicht sofort und aufs Heftigste distanziert, könne irgendwie auf magische Weise abfärben.

Ein Comic, das er so negativ und falsch las, weil es in einer Liste auftauchte, die es unreflektiert als „Nazi“ labelte.

Ein Comic, das genau diese Labelung und die hysterischen Reaktionen darauf zum Thema hat.

Moment.

Ähm…

Jaaaa…

Kapiert?

Das ist so meta – und UNFASSBAR WITZIG.

Und als finale Pointe:

erzählmirnix2

Tja..!

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