Der Endgegner im Badezimmer 2: Fatshaming, Fatacceptance

Der Artikel sollte erst am Freitag erscheinen, aber ich habe den Plan geändert wegen aktuellen Stress auf Twitter, der über meinen ersten Artikel entbrannt ist. Ich hoffe, damit ist mein Standpunkt ausreichend geklärt und die Menschen, die das blöd finden, können mich von nun an meiden, denn ich werde ihn nicht ändern.

Ich mache es kurz und schmerzhaft: Ich verabscheue Fatshaming, aber ich lehne die Fataccaptance-Bewegung ab.

So, und wer jetzt noch nicht reflexartig weggeklickt hat, interessiert sich ja vielleicht für die Begründung. Hier ist sie:

Übergewicht ist nicht gesund. Übergewicht – ist – nicht – gesund. Natürlich heißt das noch lange nicht, dass jeder Übergewichtige an seinem Übergewicht sterben muss oder gar auch nur krank wird, aber das ändert nicht daran, dass Übergewicht nicht gesund ist.

Seltsamerweise wird das bei jedem anderen Thema eingesehen. Beispiel Helmut Schmidt. Der Mann ist hundertachtzig Jahre alt, aber trotzdem würde mir wohl jeder zustimmen, dass Rauchen ungesund ist, obwohl Helmut Schmidt keine Probleme damit hat.

Aber nein: Übergewicht ist hier die große Ausnahme gegen sämtliche Evidenz.

Ein bisschen kann ich den Grund dafür nachvollziehen. Ich war, wie im letzten Artikel deutlich wurde, schon als Kind Opfer von Fatshaming, auch wenn ich, wie man mir vorwarf, die meiste Zeit davon nicht mal Übergewicht hatte. Dennoch wurde mir jedes kleine Speckröllchen oder auch nur wenig figurbetonte Kleidung hämisch unter die Nase gerieben. Das war scheiße und hat mir verdammt weh getan. Und natürlich ist das ein gesamtgesellschaftliches Problem: Frauen und sogar schon kleine Mädchen müssen einem Schönheitsideal entsprechen, um respektiert zu werden und werden permanent nur auf ihr Äußeres reduziert.

Deshalb ist es mir scheißegal, wie andere aussehen. Wobei, ich glaube, so etwas gibt es gar nicht: dass man zu seinem Umfeld keine Meinung hat. Natürlich kann und darf man zur Optik seines Gegenübers eine negative Meinung haben, aber ohne guten Grund hat man einfach nicht das Recht, ihm das ins Gesicht zu sagen. Es geht einen nämlich absolut null an!

Deshalb äußere ich mich nicht zum Gewicht von Personen, die mir begegnen. Ich habe nicht die Absicht, andere Menschen wegen so etwas Unwichtigem wie dem Gewicht zu verletzen. Jeder kann so gesund oder ungesund leben, wie er möchte. Das ist mir ja so unheimlich scheißegal.

Aber nur, weil Fatshaming scheiße ist, ist das andere Extrem auch nicht besser. Seid oder werdet so fett, wie ihr wollt, das interessiert mich überhaupt nicht – aber verlangt doch nicht von jedem, dass er das schön und gesund finden soll, wenn es letzteres einfach nicht ist!

Vor einigen Wochen hat sich bei dieser Masernwelle das ganze Internet über Impfgegner lustig gemacht, die allen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum trotz tatsächlich glauben, Impfen würde zu Autismus führen, aber bei diesem Thema ist es plötzlich völlig egal, was Ärzte überall auf der Welt sagen? Bitch please!

Das geht ja sogar soweit, dass selbst die Existenz eines „Übergewichts“ schon angezweifelt wird. Sind das wirklich alles nur völlig willkürliche Kategorien, die sich Ärzte nur ausgedacht haben, um dicke Menschen zu nerven?

Als ich letztes Jahr auf dem Jakobsweg unterwegs war, entschied ich mich, am Ende angekommen, nochmal zurück zu fahren und wieder neu anzufangen, denn ich hatte noch Zeit über. Ich hatte in der Zwischenzeit jedoch einiges angesammelt, was das Gewicht meines Rucksacks erhöhte: Bücher, Muscheln, ein neues Strandtuch etc.pp. Insgesamt hatte ich ca. 3 Kilo mehr als am Anfang auf dem Rücken – und das merkte ich schon beim kurzen Gang zur Post, wo ich mein überflüssiges Zeug als Päckchen nach Deutschland aufgab. Es waren nur 3 Kilo, aber ich merkte dieses Mehrgewicht schon so stark auf den Füßen, dass mir völlig klar war, dass ich niemals eine ganze Etappe damit durchhalten würde, ohne mir am Schluss eine Sehnenentzündung eingefangen zu haben (schon wieder!).

Und das waren NUR die Füße. Zuviel Gewicht merkt aber der GANZE Körper. Auch ich merke das, obwohl mein Übergewicht im Vergleich zu anderen nicht sehr massiv ist.

Aber auch das ist mir egal. Jeder hat das Recht, so mit sich und seinem Körper umzugehen wie er Bock drauf hat (schrieb sie und zündete sich eine neue Kippe an…). Aber ich sehe es NICHT als meine feministische Pflicht an, an der Selbsttäuschung partizipieren, Gewicht hätte keine Auswirkungen auf die Gesundheit und allein dies in Frage zu stellen sei schon Fatshaming!

Ich habe seit über 20 Jahren Gewichtsprobleme. Ich verstehe vollkommen, wie schmerzhaft dieses Thema sein kann. Und dennoch kann ich die Fatacceptance-Bewegung nicht unterstützen – zumal es ja offensichtlich dort von einigen schon für Fatshaming gehalten wird, dass I-C-H mit M-E-I-N-E-M Gewicht unzufrieden bin, als wäre das nicht ganz allein meine Sache!!

Die heutigen Diskussionen (und Nonmentions, vergessen wir die bloß nicht!) haben mir zudem wieder mal klar vor Augen geführt, wie verbissen diese Bewegung und das Thema gesehen wird. Es gibt Strukturen in dieser Bewegung, die auf mich fast sektenartig wirken. Jegliche abweichende Meinung ist absolut inakzeptabel und wer am fettesten ist (ein Begriff übrigens, der mir extreme Bauchschmerzen bereitet, denn er trägt zu viele negative Erinnerungen mit sich, aber ob das für jemanden wie MICH in Ordnung ist, als fett oder auch nur dick bezeichnet zu werden, hat natürlich nie jemand gefragt), hat sämtliche Deutungsmacht.

Mir wurden schon lustige Tweets in die Timeline gespült von Menschen, die ich überhaupt nicht kenne, aber wenn ich diese Tweets dann retweeten wollte, stellte ich fest, dass ich das nicht konnte – weil die Person mich geblockt hat. Forsche ich dann nach, sehe ich sehr oft das Label „fat positive/fat acceptance“ aufblitzen – und dann ist mir alles klar. Ich habe nämlich schon EINMAL in der Vergangenheit etwas negatives über fatacceptance gesagt und das reicht offensichtlich schon, um geblockt zu werden, weil andere Meinungen ja so dermaßen unerträglich sind.

Und damit doch mal kurz zu Triggerwarnungen. Ja, natürlich kann ein Text wie der gestrige negative Gefühle auslösen – ABER MEHR AUCH NICHT. Er kann weder „traumatisieren“, noch sehe ich in einer Gesellschaft, in der in jeder Werbeunterbrechung mindestens drei Diät-Produkte angepriesen werden einen Sinn darin, ausgerechnet diesen einen Text mit einer Triggerwarnung zu versehen, zumal der Titel und das Thema doch schon mehr als genug Hinweise auf den Inhalt geben.
Ich muss es leider nochmal sagen: Ich habe einen Text über meinen Vater geschrieben und darüber, dass er mich nicht liebt, und dieser Text hat einige Leser zu Tränen gerührt. Er war mir wichtig, das Schreiben hat geschmerzt und mich aufgewühlt. DA könnte ich vollkommen verstehen, dass bei Lesern negative Gefühle hochkommen. Aber stattdessen wird nach einer Triggerwarnung verlangt für einen Text über meine Gewichtsprobleme. Holy Shit. Kann es sein, dass das Thema ein ganz kleines bisschen überdramatisiert wird?

Ich werde weder jetzt, noch in Zukunft einen Text von mir mit einer Triggerwarnung versehen. Dafür habe ich gute Gründe. Die müssen euch nicht passen, aber ich werde mit Sicherheit nicht einen Begriff, der eigentlich im Kontext von Posttraumatischen Belastungsstörungen verwendet werden sollte (ihr wisst schon, das kriegt man, wenn man im Krieg war oder entführt oder vergewaltigt wurde und so) dazu zweckentfremden und verwässern, um vor einem Diättext zu warnen. Damit werden Befindlichkeiten, die mit Sicherheit für die Betroffenen sehr scheiße sind, auf eine Stufe gestellt mit einer schwerwiegenden psychischen Erkrankung. Und DAS ist diskriminierend.

Macht mit euren Körpern, was ihr wollt. Es interessiert mich nicht. Aber verlangt nicht von mir und anderen, diese Bewegung total abzufeiern. Denn das werde ich nicht tun.

Edit, 21. Mai:

Ich habe das Bedürfnis, dazu noch etwas zu sagen, möchte das Thema aber eigentlich nicht mehr aufkochen. Ich habe keinen Bock, jetzt zur „Feministin, die was gegen Fat Acceptance gesagt hat“ zu werden, nachdem ich doch grade erst die „Tussi, die diesen Depressionsartikel geschrieben hat“ war (ist beides sehr ungeil).
Deshalb hier ein Nachtrag, der nochmal deutlich machen soll, was ich eigentlich meine, da das offensichtlich einige nicht verstehen wollen:

mädchenmannschaft fettlogik

Dies erschien bei der Mädchenmannschaft. Und zwar unter dem Titel: Dinge, die du nicht mehr sagen solltest, außer du hasst dicke Menschen.

Ich denke, nichts könnte mehr illustrieren, was ich sagen wollte. Ich weiß nicht, wie oft ich es noch betonen soll: Mir ist egal, was andere Menschen mit ihren Körpern machen. Aber dies ist eine völlig andere Stufe. Hier werden die Gesundheitsrisiken nicht nur kleingeredet, sondern VOLLKOMMEN NEGIERT (bei gleichzeitiger Erwähnung von „gesundheitlichen Risiken durch Abnehmen“ – oh my fucking god).
Polly’s Pocket nennt das „den Punkt der totalen Toleranz“. Gefällt mir, obwohl „totale Ignoranz“ vielleicht noch besser wäre.

Und da hört es bei mir auf. Ist das wirklich so bösartig von mir? Talking ‚bout „Bösartigkeit“… die MM redet ja selbst schon nicht mehr von Fatshaming, sondern von HASS. Ein Arzt, der eine 150kg schwere Frau darauf hinweist, dass sie auf eine Diabetes zusteuert, HASST diese Frau. Mir fehlen völlig die Worte.

Aber „Diabetes“ ist ein gutes Stichwort: Zum kürzlich stattfindenden Anti-Diät-Tag las ich mehrere Tweets von Aktivistinnen, die damit auch schon wieder nicht glücklich waren, denn es gäbe ja Menschen, die wegen einer Krankheit Diät halten müssen (zum Beispiel Diabetes!) und da ist es doch unfair, diese mit Leuten in einem Topf zu werfen, die Diät halten, weil… keine Ahnung. Weil sie dicke Menschen hassen?

Laut der Logik des MM-Artikels waren bereits diese überkorrekten Hinweise, die mal wieder äußerst pflichtschuldig geteilt worden sind, Fatshaming in Reinform. Weil nämlich ALLES Fatshaming ist.

Nein, schlimmer. Alles ist HASS.

Ich weiß nicht, wie oft ich noch sagen muss, dass es mir hier um mich geht. Ich hasse keine dicken Menschen und finde sie auch nicht per se unattraktiv. Im Gegenteil, ich finde viele dicke Menschen atemberaubend schön, aber das ändert für mich selbst überhaupt nichts.

Es macht mich traurig, dass man mir etwas so abgrundtief böses vorwirft: Hass gegen Menschen allein aufgrund ihrer äußeren Erscheinung. So war ich nie, so will ich auch nie sein.

Aber wenn ALLES Hass ist, dann ist das wohl unvermeidlich. Schöne neue Welt.


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