Eine beschissene Weihnachtsgeschichte

Wenn man feststellt, dass die größte Tradition, derer man im eigenen Blog frönt, ein jährlicher angepisster Beitrag zu und über Weihnachten ist. Enjoy!

Weihnachten bei Familie Urban
2013. Auch im Hause Urban gibt es Traditionen. Nach einem einmaligen, unglaublich grauenhaften Ausflug in Würstchen-mit-Kartoffelsalat-Gefilde gibt es dieses Jahr wieder das volle Festtagsprogramm: Reh, Klöße, Rotkohl. Das Reh bekommt mein Onkel von einem befreundeten Jäger und legt es schon Tage vorher ein. Es ist so zart, wie das Fleisch von langsam ausgebluteten Engeln sein muss.

Ich hasse den Ausdruck „gefräßiges Schweigen“, aber der passt auf meine Familie sowieso nicht. Irgendjemand hat immer gerade lange genug gekaut, um nach der Soße zu brüllen, mehr Wein zu fordern oder meiner Oma zu sagen, dass sie sich endlich hinsetzen soll, weil die keine fünf Minuten aushält, ohne etwas zu putzen. Und nachdem die Frauen den Tisch abgeräumt haben (-.-), hat auch der letzte den Mund endlich frei.

Leider.

Denn als wir da gerade so sitzen, alle vollgefressen wie die Schweine im Glanze des künstlichen Weihnachtsbaumes, den meine Oma sich vor Jahren gegen den Protest der gesamten Familie zugelegt hat, fängt mein Onkel aus heiterem Himmel an, über Asylanten zu reden.

Ich seufze innerlich. Damals war grade Lampedusa. 10 Wochen nach dem Unglück war der Unfall immer noch in allen Medien.

Onkel: „Ja, ne, is klar, hier her kommen und dann Sozialhilfe kriegen.“
Anderer Onkel: „Genau.“
Onkel: „Unsereins reißt sich den Arsch auf.“

Missbilligendes Schnalzen meiner Oma wegen „Arsch“. Ich starre in mein Weinglas. Halt einfach die Fresse, Robin, denke ich.

Onkel: „Was die alles kriegen! Zum Beispiel *random Geschichte die wahr sein könnte oder aber auch nicht über einen Immigrant, der angeblich ungerechtfertigterweise zu viel Hartz IV oder sonstwas bekommen hat*“

Fresse, Robin, denke ich.

Onkel: „Sollen die doch daheim bleiben, diese Molukken, diese…“
Tante: „Ach, Frank…“
Onkel: „Molukken, immer nur die Hand aufhalten…“

Ach, scheiß drauf, denke ich resigniert.

„Weißte, die kommen nicht hier her, weil sie Sozialhilfe wollen, sondern weil sie Angst um ihr Leben haben,“ sage ich. Ungläubiges Gelächter von den billigen Rängen. „Oh klar, klar!“ zischt es zynisch.

„Ja, voll klar. Meinst du, die gehen gerne von zuhause weg?“
„Ja sicher, nix leisten und…“
„Hallooo, das sind FLÜCHTLINGE!“
„Dann sollen se halt woanders hin! Immer müssen wir alles bezahlen! Sollen se halt kucken, wo se bleiben!“
„Deutschland ist eines der reichsten Länder der Welt. Wir haben mehr als genug Geld, um ein paar Asylanten aufzunehmen!“

An dieser Stelle läuft mein anderer Onkel knallrot an. „Ja – das ist aber Geld, das von UNS Arbeitern kommt und nicht von SCHMAROTZERN!!“

Man sieht regelrecht den Geifer spritzen. Und dabei fällt sein hasserfüllter Blick auf MICH.

Ich hebe die Augenbrauen. Dieser Seitenhieb ist ja fast schon zu billig, dabei auch ohne Substanz. Zugegeben, ich bin Langzeitstudentin – aber ich habe noch nie in meinem Leben Befög bezogen, Wohngeld bekommen oder sonst in irgendeiner Weise staatliche Unterstützung. Nein, ich habe einen Kredit, den ich irgendwann ganz alleine zurück zahlen darf und gehe arbeiten. Ich Schmarotzer, ich. Während dieser empörte Arbeiterstolz meinem Onkel, der sich alle drei Jahre einen neuen BMW kauft, nicht so wirklich gut zu Gesicht steht. Aber wer möchte da schon den ersten Stein werfen…

Jedenfalls beschließe ich, auf diese gezielte Provokation nicht einzugehen, denn mein Onkel pöbelt schon wieder. Er muss so viel schuften, die tun gar nichts, Sozialschmarotzer, Assis, Kanaken, Molukken, bla-bla-BLA.

Und an der Stelle gesellt sich dann heiliger Zorn zu meinem ohnehin nicht sonderlich friedvollen Gemüt. Waren es doch immerhin genau DIESE Menschen, die mich unbedingt katholisch erziehen mussten.

„Leute, geht’s noch?! Es geht hier um Menschen, die aus dem Krieg flüchten und die man STERBEN LÄSST, statt ihnen zu helfen! Und ihr hetzt auch noch über die! Ihr solltet euch was schämen! Mein Gott, ey, und das an Weihnachten!!“

Ja, Weihnachten, dieses Fest, an dem alle in der Messe ganz arg nasse Augen kriegen, wenn es darum geht, dass unser Erlöser doch tatsächlich in einem elendigen Stall zur Welt kommen musste (tatsächlich war’s eine Höhle) und das auch noch im Winter (eigentlich war’s Sommer), dieses arme Bübele!

Drei ganze Sekunden lang herrscht absolute, verblüffte Stille. Wenn auch meine gesamte Familie keinen sachlichen Argumenten zugänglich ist – von der einzigen Nicht-Christin am Tisch so zurecht gewiesen zu werden, macht alle sprachlos. Dann schnaubt mein Onkel sarkastisch, verzichtet jedoch auf weitere Diskussionen. Das Gespräch wendet sich anderen Themen zu.

Aber, wisst ihr… das Essen war gut…

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Jedenfalls: Dies ist neben der Versicherung meiner Oma bei unserer letzten Begegnung, ich sei für alle eine einzige Enttäuschung, mit ein Grund, weshalb ich mich dieses Jahr entschlossen habe, nicht heim zu fahren, sondern allein in meiner WG zu bleiben und mich vollzufressen. Ich werde mich also demnächst in die Küche begeben und kochen. Es gibt:

– Champignoncremesuppe
– Rouladen, Klöße und Rotkraut
– Häagen-Daz-Eis, Geschmacksrichtung Karamell-Brownie

Und für später dann noch Backcamembert und Datteln in Speckmantel – nur um sicher zu gehen, dass ich nicht vom Fleisch falle. (Das Ganze garniert mit einer Feiertagsportion schlechten Gewissens, weil ich wenigstens den Anstand habe, mich in Angesicht eines voll gedeckten Tisches beim Gedanken an all den Hunger in der Welt ein bisschen zu schämen statt über die zu hetzen, die sowieso nichts haben. Essen tu ich’s aber natürlich trotzdem :/ )

Dazu allerlei festtagstauglicher Medienkonsum, auf den ich mich noch einigen muss. Ich liebäugle ein bisschen mit einem „Herr der Ringe“-Marathon, aber irgendwie hätte ich auch mal wieder Bock auf „Matrix“.
Oder lieber doch weihnachtlich mit „Stirb langsam“ oder „Gremlins“? Hach, diese Entscheidungen!

Jedenfalls steht auch ne Flasche Jack Daniel’s im Kühlschrank. Ihr wisst schon – aus Gründen.

All meinen Lesern frohe Weihnachten und was geiles zu essen, behaltet eure geistige Gesundheit und lasst euch beschenken! ICH jedenfalls hab ja schon eine Batman-Tasse bekommen! Tja – da kuckt ihr!!

Zum Schluss ein bisschen Besinnlichkeit:

Darüber habe ich ohne Scheiß wirklich tagelang gelacht.

Das Elend der vergangenen Weihnacht:
Weihnachten ist scheiße
„Trotzdem frohe Weihnachten…“
Alle Jahre wieder: Fröhliche Scheiß-Weihnacht!

Wenn du den Schmerz ein wenig lindern willst, freue ich mich über eine kleine Spende via Paypal in Form einer Tasse Kaffee. Nur brauche ich in diesem Fall Schnaps, aber das ist hoffentlich auch ok.