Ich war jung und brauchte das Geld! Teil 6: Bäckerei

Nachdem das mit der Kellnerei nicht geklappt hatte, ging ich weiter auf die Suche und landete schließlich in einem Job, den ich abgesehen von meiner aktuellen Stelle am längsten hatte, obwohl ich ihn von all meinen bezahlten Tätigkeiten mit am meisten hasste.

Bäckereien. Es klingt besinnlich und so gemütlich bodenständig, war aber die Hölle auf Erden.

Dies war der erste Job, bei dem ich tatsächlich ein Bewerbungsgespräch führen musste, während dem ich schon einen guten Einblick in das Betriebsklima erhaschte, das dort Usus war. Es war eine große Bäckereikette, weshalb alles komplett durchorganisiert und standardisiert war. Die Hierarchien waren klar, mein Status als kleine Aushilfe ebenfalls. Dies spürte ich deutlich während jeder Schicht. Meine festangestellten Kolleginnen waren allesamt Frauen mittleren Alters, die, so muss ich leider mutmaßen, es genossen, wenigstens in diesem Bereich ihres Lebens mal jemanden zu haben, den sie rumkommandieren konnten.
So wurde ich eine Zeit lang in einer Filiale eingesetzt, in der ein schreckliches Weib arbeitete, das ich nach kurzer Zeit für Satans Großmutter hielt. Während sie für jeden Kunden ein strahlendes Lächeln übrig hatte, konnte sie mir gegenüber innerhalb von Sekunden zum Racheengel mutieren – wegen absoluten Lappalien.
Einmal während der vorlesungsfreien Zeit, in der ich immer so oft wie möglich arbeitete, musste ich vier Tage hintereinander bei dieser Frau antanzen. Danach war ich ein absolutes Nervenbündel. Die hatte Ansprüche, dass es einem die Schuhe auszog. Nur ein winziger Fehler und das Inferno brach los. So kam ich an einem Tag zur Schicht und begrüßte sie, bekam aber keine Antwort. Kaum hatte ich mich umgezogen und mich verunsichert zu ihr geschlichen, brüllte sie mich an, was ich mir eigentlich einbilde – erwarte ich etwa, dass sie MEINE Arbeit macht?!
Stein des Anstoßes war der nicht ausgeleerte Papierkorb gewesen. Ich hatte es am Abend davor einfach vergessen. Meine Güte, ey. Aber so lief es IMMER.

In anderen Filialen war es kaum besser. Ich habe in dieser Zeit wirklich ganz ausgesprochen interessante Furien kennen gelernt, von der eine bescheuerter war als die andere. Weder davor, noch danach habe ich so etwas jemals erlebt, falls jetzt jemand mit dem Spruch „Höhö, na klar, typische weibliche Stutenbissigkeit…“ ankommen will. Warum das ausgerechnet in diesem Job so war, kann ich nur mutmaßen. Vielleicht war es dieses durchstandardisierte Klima des Erfolgszwangs. Wurde zu wenig verkauft, gab es direkt eine Analyse des Standorts, infolgedessen die Festangestellten immer zittern mussten, ob sie nicht wenige Tage später plötzlich in einer anderen Filiale landen würden, die teils sehr viel weiter weg lag und in der sie sich nicht auskannten. Es herrschte ständiger Druck. So viel zum Thema „bodenständiges Handwerk“.

Was mich schon in meiner ersten Schicht völlig schockierte – und das war etwas, an das ich mich nach fast zwei Jahren in diesem Job NIE gewöhnen konnte – war der abendliche Umgang mit den Backwaren. Denn was nicht verkauft wurde, kam in den Müll.
Als ich zum ersten Mal die großen Rückgabebehälter sah, die überquollen vor Brot, Brötchen, Kuchen und Teilchen, ist mir richtig übel geworden. Das war westliche Dekadenz in Reinform. Nichts davon war schlecht, es war halt nur nicht verkauft worden. Davon hätten sich in anderen Ländern ganze Familien eine Woche ernähren können.

Ich sah es ja immer als besonderen Erfolg an, wenn ich abends wenig Retouren hatte – aber das wurde mir schnell ausgetrieben. Denn das musste ja heißen, dass ich nicht genug nachgebacken hatte. Ein Teil der Ware wurde nämlich geliefert, während der andere Teil frisch in der Filiale gebacken wurde. Das waren vor allem Teilchen und Brezeln, aber auch bestimmte Sorten Brötchen. Nun lag es, wenn ich wie meistens allein war, eigentlich im Laufe der Schicht in meinem Ermessen, die Menge zu schätzen, die ich noch brauchen werde, und nach dieser Schätzung zu backen. Ich lernte schnell, in welchen Filialen und an welchen Tagen ich noch damit rechnen konnte, dass kurz vor Schluss noch einiges über die Theke gehen würde, und wo und wann einfach nicht. Mein Fazit: Dann backe ich halt nach einer bestimmten Uhrzeit nicht mehr.
Aber das war falsch. Die Theke musste bis zum Schluss voll sein. Weil es schöner aussieht. Weil man ja vielleicht noch was verkaufen könnte. Und wenn dann das meiste weggeschmissen werden muss… hach Gott, sind ja halt nur Lebensmittel, ne?

Wie gesagt, alles davon war noch völlig okay und wäre es auch am nächsten Tag noch gewesen. Ich meine, jeder isst lieber frische Brötchen als welche, die schon einen Tag alt sind, aber was ist mit denen, die so gar nichts haben und froh drum wären?
Aber meine vorsichtige Frage, warum das Zeug nicht der nächsten Tafel überlassen wird, wurde abgewatscht. Lebensmittel, die nicht eingeschweißt oder sonstwas sind, dürfen nämlich nicht zur Tafel gebracht werden. Ich nehme an, das stimmt tatsächlich, aber das kam der Firma wohl auch sehr gelegen. Zudem ist es ein wunderbares Beispiel für ein wirklich beschissenes, lebensfremdes Gesetz.

Und nicht mal die Angestellten durften davon was nehmen. Mir war es erlaubt, ein bis zwei Teile auf der Arbeit zu essen, was ich minutiös in einem extra dafür vorgesehenen Formular festhalten musste, aber noch ein Brot mitnehmen, das eh auf dem Müll landen wird, ging nicht. Das hätten wir dann bezahlen müssen. Ein paar Mal hab ich es trotzdem gemacht und einfach darauf vertraut, dass die Retourscheine (noch eines der vielen, vielen Formulare) eh nicht so genau unter die Lupe genommen werden. Wer wühlt sich schon durch einen Berg Backwaren um zu kucken, ob das, was ich eingetragen habe, auch tatsächlich mit der retournierten Ware übereinstimmt?

Das war besonders ärgerlich, weil ich darüber hinaus auch noch richtig beschissen bezahlt worden bin. Der normale Stundenlohn betrug irgendwas zwischen 6 und 6,50 Euro, genau weiß ich es nicht mehr. Sonntags oder an Feiertagen bekam ich 7,20. Yay.
Das wäre noch irgendwie in Ordnung gewesen, wenn ich nicht JEDEN – VERDAMMTEN – TAG noch unbezahlt gearbeitet hätte. Es war Pflicht, eine Viertelstunde vor Schichtantritt zu kommen, damit die Frühschicht eine ordentliche Übergabe machen konnte. Das wurde NICHT bezahlt. Das Ende der Schicht war erreicht, sobald die Filiale geschlossen wurde, doch alles, was danach kam – Aufräumen, Formulare schreiben, Kasse machen – wurde ebenfalls nicht bezahlt. „Dann fängt man damit halt ne halbe Stunde früher an und ist Punkt 18 Uhr aus dem Laden raus, ne?“ könnte man jetzt denken. Aber nee, das durfte ich nicht. Die Theke musste bis Ladenschluss voll sein.
Egal, wie sehr ich mich beeilte und wie viel ich schon vorher vorbereitete, ich brauchte IMMER mindestens eine Viertelstunde für den ganzen Scheiß. Damit kam ich mindestens auf eine halbe Stunde pro Arbeitstag, die mir einfach nicht bezahlt worden ist. Wenn man jetzt noch die kurzen Schichten bedenkt – wochentags fünf bis sechs Stunden, sonn- und feiertags nur dreieinhalb – war das einfach nur zum Kotzen. Sonntags arbeitete ich also 12,5% der Zeit umsonst. Das darf doch einfach nicht sein!!

Aber das Schlimmste an diesem Job waren – tada! – die Kunden.

Ich hatte gedacht, nach McDonald’s könnte es nicht schlimmer werden. Wenn ich mir heute so ansehe, mit welchen Gestalten ich mich während meiner Kellnerei rumschlagen muss weiß ich, dass der Gedanke naiv war. Aber die Bäckereikunden waren tatsächlich NOCH schlimmer – wenn auch auf eine andere Art.

Nach einigen Monaten in diesem Job hatte ich mal wutschnaubend eine kleine Liste der doofsten Kundentypen in meinem Tagebuch zusammen gestellt, deshalb kann ich euch das heute präsentieren. Viel Spaß:

1. Die Unhöflichen
Diese Kunden haben mir das Gefühl gegeben, ein beschissener Verkaufsautomat zu sein. Kein Hallo, kein Danke, kein Tschüss. KEIN EINZIGES WORT. Nicht mal eine Bestellung. Man kann ja auch mit dem Finger drauf zeigen. So was abweisendes ist doch einfach unmöglich!

2. Die Verschwörungstheoretiker
Ähnlich wie bei McDonald’s war ich dazu angehalten, Leute auf Angebote etc. hinzuweisen, nur hat das in diesem Fall wirklich Sinn gemacht. 1. hatte ich die Ware anders als im McD’s ja schon vor mir und ich war froh, wenn ich alles verkaufte und 2. waren die Angebote tatsächlich ziemlich gut. Wenn also drei Teilchen im Angebot waren, jemand aber nur zwei bestellte, dann wies ich ihn auf das Angebot hin, weil ein drittes Teilchen wirklich nur 10-20 Cent mehr gekostet hätte.
Aber wird es einem gedankt? Natürlich nicht! Stattdessen wurde mir wütend unterstellt, ich wolle dem Kunden was „andrehen“. Weil ich ja Teil der internationalen Bäckereiverschwörung bin!
Manche machte das offensichtlich so wütend, dass sie daraufhin in stures Schweigen verfielen. Was blöd war, denn dann stand ich da abwartend mit der Tüte und wusste nicht, ob sie nun noch ein Teilchen mehr wollten oder nicht.

3. Die anderen Verschwörungstheoretiker
Diese wurden dagegen sauer, wenn ich mal VERGASS, auf ein Angebot hinzuweisen und sie es dann trotzdem noch selbst entdeckten. Das konnte ja nur bedeuten, dass ich aus irgendeiner perfiden Motivation heraus gar nicht WILL, dass sie von diesem supergeilen Angebot profitieren. Logisch, ne?!

4. Die Salzphobiker
Leute, die Brezeln bestellten, aber das Salz darauf nicht wollten. Okay, versteh ich. Aber warum zur Hölle muss ICH das machen?!
Tatsächlich gab es außergewöhnlich viele Kunden, die von mir verlangten, dass ICH das Salz abknibbeln sollte. Macht das mal, wenn ihr das Teil nur mit einer Zange anfassen dürft, was natürlich für jeden deutlich sichtbar war. Wo ist das verdammte Problem dabei, es einfach selbst zu machen?!

5. Die Kleinkinder
Keine echten Kleinkinder, sondern erwachsene Leute, die sich so benahmen. In den meisten Filialen gab es auch die Möglichkeit, sich hinzusetzen und Kaffee zu trinken. Die Kleinkinder nun haben dann regelmäßig eine Schweinerei verursacht, die ich eher im Kindergarten erwartet hätte. Und wer durfte das am Schluss dann wieder aufräumen? Ganz genau!

6. Die Schnäppchenjäger
Natürlich wollten diese Leute was kaufen, aber warum den vollen Preis bezahlen, wenn man auch ganz frech einen Nachlass verlangen konnte?

7. Die Hektiker
Die Hektiker hatten Zeit. Viel Zeit. Hauptsächlich zum Kaffee trinken. Stundenlang. Außer, wenn plötzlich fünf neue Kunden an der Theke standen. DANN mussten sie natürlich augenblicklich bezahlen. Und weil sie ja schon vorher da gewesen waren, wollten sie logischerweise zuerst abkassiert werden. Was die anderen Kunden wütend machte. Aber wenn ich sie NICHT vorließ, waren es natürlich die Hektiker, die wütend waren. Opfer war immer die Verkäuferin.

8. Die geizigen Legastheniker
Wenn die Legastheniker mit ihrem Einkauf fertig waren, waren sie ganz arg überrascht, wenn sie den Preis hörten, weil der Preis ja natürlich niemals nicht an der Ware dransteht und sie auch nicht auf die Idee kamen, mich einfach danach zu fragen. Stattdessen wurde sich dann wutschnaubend verpisst, während ich mit der bereits eingepackten Ware da stand und mir was einfallen lassen musste, um das Kassenminus wieder auszugleichen.

9. Die Beleidigten
Nachdem man nun schon so viele Jahre Kunde war, ist es natürlich ganz schröcklich beleidigend, dass man IHR Produkt, das sie IMMER kaufen, nicht mehr vorrätig hatte. Das musste schließlich immer da sein. Selbst, wenn sie erst fünf Minuten vor Schluss aufkreuzten. Selbst, wenn sie wussten, dass man auch Vorbestellungen machen kann. Ist ja logisch, ne.

10. Der Bescheißer
Das war eigentlich nur ein einziger Kunde. Der hatte behauptet, ich hätte ihm gesagt, dass sein Einkauf im Angebot sei. Was eine Lüge war. Aber natürlich bekam er seinen Scheiß trotzdem billiger und ICH einen Anschiss von meiner Kollegin, der sich gewaschen hatte.

11. Die Nuschler
Die Nuschler bekamen das Maul nicht auf beim Sprechen. Was okay ist. Nicht okay ist es, auszurasten, wenn ich nachfragte, was sie da gerade bestellt haben. Ich kann nämlich nicht Gedanken lesen.

12. Die Individualisten
Ein Berg Brötchen. Ein Fingerzeig: „Das da, bitte!“ Und das heißt: Dieses und kein anderes. Wehe, ich NÄHERTE mich auch nur einem anderen. Dann ist Pole offen.

13. Die „Was wäre wenn“s
Diese Kunden kamen genau wie die Beleidigten ganz am Schluss noch in den Laden gestürmt und regten sich ganz furchtbar darüber auf, dass die Auswahl nicht mehr so riesig war wie zu Schichtbeginn, kauften dann aber genau EIN Brötchen. Die Motivation dahinter ist sonnenklar: JETZT wollten sie ja eigentlich gar nichts, aber was wäre, wenn sie tatsächlich mal noch eine größere Menge kurz vor Feierabend bräuchten!? Also lieber schon mal vorsorglich beschweren, damit diese Katastrophe niemals eintreten möge!

14. Die beschissenen Eltern
Leute, die mild lächelnd zusahen, wie ihre kleinen Kinder, die natürlich nichts dafür können, den Laden in ein Schlachtfeld verwandelten, während die süßen Kleinen vermutlich für eine ähnliche Verhaltensweise zuhause eine gescheuert bekämen. Aber wen interessiert schon eine komplett vollgeschmierte Theke. Die dumme Verkäuferin kann es ja sauber machen.

5. Die „Schmeckt das?“
Tja, Leute. Was soll ich als Verkäuferin auf eine solche Frage antworten? Etwa „Nein“?

Ich hielt den Job wie gesagt knapp zwei Jahre aus, dann konnte ich einfach nicht mehr. Auch das ist eine Erfahrung, die ich nie wieder wiederholen will.

Weiterlesen:
Teil 1: Prospekte austragen
Teil 2: McDonald’s
Teil 3: Fotolabor
Teil 4: Fabrik
Teil 5: Kellnern
Teil 7: Prospekte – schon wieder

Wenn es darum ging, Geld zu verdienen, gab es in meinem Leben wirklich wenig, für das ich mir zu schade war. Deshalb habe ich auch kein Problem damit, meine Leser um eine kleine Spende in Form einer Tasse Kaffee zu bitten (via Paypal). Über ein wenig Unterstützung freue ich mich immer!