Wie ich jemanden von seinem Ausländerhass heilte und mich dabei sehr, sehr wenig anstrengen musste

Unweit der Kneipe, in der ich Bier schubse, befindet sich ein ziemlich geiler Dönerladen mit ziemlich netter Belegschaft. Und so kam es, dass diese türkischen Herren mich und meine Kollegin eines frühen Morgens mitsamt dem spärlichen Rest aus der Kneipe in ihr (bereits geschlossenes) Etablissement luden.

Es wurde Alkohol und Essen kredenzt und alle hatten viel Spaß, als plötzlich ein bisschen Bullshit an mein Ohr drang.

„Türken sind total nett,“ hörte ich, „aber Russen! Wäh, ich hasse Russen!!“

Huch, dachte ich, und spitzte die Ohren. Tatsächlich entpuppte sich einer der Menschen, die freundlicherweise mit eingeladen worden waren, gerade als ziemliches Arschloch. Während ich mich mit dem Besitzer des Dönerladens unterhielt, verfolgte ich gleichzeitig die Diskussion, das sich auf sein dämliches Bekenntnis hin entsponnen hatte. Ein Mädel versuchte ihn standhaft, von der Idiotie seiner Äußerungen zu überzeugen. Aber der Kerl blieb hart!
„Ich hab mal ne Weile gesessen und, ganz ohne Scheiß, diese blöden Russen waren im Knast einfach die Schlimmsten! Ich will mit diesem Pack nichts mehr zu tun haben!“

Ich drehte mich um und fixierte sein biergeschwängertes Gesicht. „Hallo? Nur weil du ein paar schlechte Erfahrungen gemacht hast, rechtfertigt das doch wohl nicht so eine beschissene Aussage!“

„Du verstehst das nicht! Ich habe einige kennen gelernt und glaub mir, diese Scheiß-Russen sind die Asozialsten überhaupt!“

„Ja, okay, ich glaub dir ja, dass die, die du getroffen hast, scheiße waren, aber warum schließt du davon direkt auf ALLE Russen?!“

„Weil das so ist!!! Bah, die sind der totale Abschaum, alle zusammen, geh mir weg mit Russen!“

„Aber nur, weil ein PAAR Russen sich blöd verhalten, kannst du doch nicht die ganzen anderen mit verurteilen, die hier auch nur ganz normal und unbehelligt leben wollen und völlig in Ordnung sind! Das ist doch total unfair und intolerant! Die können doch nichts für Kriminelle, die zufällig auch russisch sind! “

„Das ist mir scheißegal! Die sind alle – ALLE – scheiße! Ich will mit denen nicht reden, ich will mit denen nix zu tun haben, am besten gehen die alle zusammen zurück in ihr Scheißland!!!“

Ich facepalmte kurz innerlich, fragte mich müßig, warum ich mir im angetrunkenen Zustand eine solche idiotische Diskussion gebe und sah ihn schließlich seufzend an. „Du hast grade gesagt, dass du mal im Knast warst! Weißt du, mit der gleichen Logik könnte ich auch sagen, dass ich mit Leuten wie DIR nichts zu tun haben will, weil du mal kriminell geworden bist und ihr blöden Verbrecher ja alle gleich seid und euch NIE ändert!“

An dieser Stelle geschah etwas, mit dem ich im Leben nicht gerechnet hätte. Die Gesichtszüge des Typen entgleisten auf meine Worte hin. Und plötzlich stand er vor mir, mit gesenkten Kopf und tieftraurigen Augen, und wirkte wie eingeschrumpelt. „Ja… ja, du hast ja Recht,“ flüsterte er deprimiert.

Äh.

Hab ich?

Ich stand da und war sprachlos. Absolut, absolut sprachlos. Ich meine, bin ich der erste Mensch auf der Welt, der ihm diese Parallele aufgezeigt hat, obwohl sie offensichtlicher nicht sein könnte? Ist er das erste Mal überhaupt mit so etwas wie Logik in Berührung gekommen?!

Wie er da so stand wie ein begossener Pudel, sah es fast so aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. Ich dagegen war in sowas wie eine Schockstarre gefallen.

So fühlt es sich also an, wenn jemand ein Argument annimmt? Mir Recht gibt? So fühlt es sich also an, zu… gewinnen?

„Der kann sich da heute sowieso nicht mehr dran erinnern,“ meinte Mitbewohner Dave tags darauf schulterzuckend, als ich diese Geschichte aufgeregt erzählte. Ich glaube leider, das stimmt. Aber nehmen wir einfach mal an, es wäre nicht so. Dass dieser Mensch sich tatsächlich seinen Vorurteilen bewusst geworden ist und von nun an toleranter durchs Leben stiefelt. Und das nur wegen eines nicht besonders leidenschaftlich vorgetragenen Arguments von mir, von dem ich nie geglaubt hätte, dass es ankommt, fruchtet. Weil ich eigentlich nur diskutiert habe um des Diskutierens Willen. Weil ich so eine Scheiße nicht in der Nähe von mir ertragen kann, ohne sie zumindest zu kommentieren. Weil ich meine große Fresse nie halten kann.

Und offensichtlich ist das gut. Dieses eine Mal war es gut. Wenn auch nur ganz vielleicht. Aber immerhin. Halleluja.

Vielleicht besteht doch noch Hoffnung für die Menschheit.

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Ein Jahr danach: #Aufschrei, Nachhallen

Stellt euch vor, ihr latscht in eine Musikschule rein und bucht Stunden bei Herman Li. Ihr würdet ihn angucken und fragen: „Was kann Gitarre denn so?“ Und Herman Li würde grinsen und euch ein zwölfminütiges Solo an den Kopf knallen.

So ähnlich fühlte ich mich bei #aufschrei.

Im Dezember 2012 startete ich diesen Blog und kündigte auch gleich an, im Netzfeminismus mitmischen zu wollen. Einen Monat später kam der #aufschrei. Es war tatsächlich so gewesen, als hätte ich arglos lächelnd die Arme ausgebreitet und gerufen: „Na, was ist? Komm doch her und zeig mir, was du kannst!“ Und die lakonische Antwort aus den Tiefen des Internets war: „Das, Robin. Das.“

In den Tagen, in denen #aufschrei am wirkungsmächtigsten war und im Sekundentakt Tweets abgesendet wurden, machte ich ein richtiges Wechselbad der Gefühle durch. Was aber überwog: pure Euphorie. Ja, das mag bescheuert klingen, wenn wir uns das Thema zurück ins Gedächtnis rufen, aber die reine Wahrheit. Natürlich, während ich Beiträge wie diesen hier schrieb und meine Erinnerungen nach sexistischen Erlebnissen durchforstete, die ich twittern konnte, war ich selbstverständlich in anderer Stimmung. Scham über alte Verletzungen, Wut über saublöde Sprüche, kopfschüttelndes Entsetzen über Dinge, die einfach nicht richtig sind und die ich trotzdem hinnehmen musste, weil ich zu jung oder zu ängstlich war, um mich zu wehren.
Doch danach – Befreiung. Das gute Gefühl, Teil eines Kollektivs zu sein, das endlich die Schnauze voll hat und es jedem ins Gesicht brüllt, der immer noch der Meinung ist, das sei doch alles nicht schlimm.

Jahrelang waren meine Erfahrungen immer nur abgewertet worden. „Reg dich nicht so auf“ „Boah, du hast echt keinen Humor“ „Naja, ist ja nichts schlimmes passiert“ – nur einige der Sprüche, die ich mir anhören musste. Einmal löste ich mit meiner Erzählung über diese saublöde Gynäkologin, die es nicht geschafft hatte, mir als Kind auch nur die rudimentärste Intimsphäre zuzugestehen, einen krassen Streit aus, in dem ich mir von einer Freundin maschinengewehrartig immer wieder anhören musste, was für eine hysterische Kuh ich sei, die ich fortan der Meinung gewesen bin, diese Frau sei eine schlechte Ärztin. Ob guter oder schlechter Doktor, das hinge ja nicht vom Einfühlungsvermögen ab (ähä. Doch. Auch.).

Und plötzlich war alles anders. Ich merkte, ich bin nicht allein, nie gewesen. Viele hatten ähnliches erlebt, viele favorisierten meine Erlebnisse, weil sie fanden, dass sie relevant waren. Es war wie eine nachträgliche Legitimation für die ganzen Scheißgefühle, ausgelöst durch Scheißerlebnisse, die in mir gebrodelt hatten und die ich nur sehr selten rausgelassen hatte, weil ich ja doch nicht auf Verständnis hoffen konnte.

#aufschrei war für mich die reinste Kartharsis.

Und DANN kamen die Hater und Trolle.

Ein Jahr nach #aufschrei hat es sich in gewissen Kreisen etabliert, von „#Aufschreihälsen“ etc. zu reden und dafür johlenden Beifall zu kassieren. Denn #aufschrei, wisst ihr, war männerfeindlich, und alles, was unter diesem Hashtag getwittert worden ist, war die pure Jammerei. Natürlich. Wisster Bescheid.

Für einige scheint es wirklich zu reichen, beim #aufschrei mitgemacht zu haben, um als „radikalfeministisch“ eingestuft zu werden. Was haben diese Leute bitte für eine Definition von radikal? Warum darf ich nicht erzählen, was mir passiert ist, warum muss ich die Täter schützen?

Natürlich deswegen: Weil es um Männer geht. Und weil ich von EIN PAAR Männern berichte, die im Laufe meines Lebens meine Grenzen überschritten haben, MUSS das ja heißen, dass ich allgemein Männer hasse. Selbst wenn einige Täter Frauen gewesen waren. Was dann wohl heißt, dass ich komplett alles und jeden hasse, oder so.

Mich ärgert diese Einschätzung so dermaßen – nicht nur, weil ich selbst betroffen bin. Es ist einfach nur krass selektiv und undifferenziert, denn diese Art Hater machen mehrere schwerwiegende Fehler:

1. Sehen sie den Ursprung nicht. Dieser war NICHT „Sammeln wir jetzt mal böse Storys über die bösen Männer“, sondern „Sammeln wir mal unschöne, sexistische Erlebnisse“. Wer sind die, die uns das verbieten wollen? Was haben die, die sich von „Typ X hat mich in der Straßenbahn angegrabscht“ angesprochen und beleidigt fühlen, für ein Scheißproblem? Und warum ist das MEIN Problem?

2. Darauf aufbauend: Sie sehen nur, was sie sehen wollen. Ja, dann hat halt irgendeine Tussi tatsächlich in einem Tweet Männer kollektiv unter Generalverdacht gestellt oder wirklich mal was peinlich-überempfindliches getwittert, was man auch unter den wohlwollendsten Umständen nicht als irgendeine Form des Sexismus einordnen kann. Das ist kein Beweis für die inhärente Männerfeindlichkeit oder Irrelevanz des #aufschreis, sondern Resultat unserer demokratischen Gesellschaft. Ich vergleiche das gerne mit Sozialleistungen: Diese sind, wie mir wohl jeder zustimmen wird, für Menschen, die sie brauchen, die unverschuldet in Not geraten sind, gut und richtig. Nun würde aber vermutlich nicht mal der am weitesten linke Politiker bestreiten, dass damit auch Schindluder getrieben wird, dass das Phänomen „Sozialschmarotzer“ (so sehr ich das Wort auch hasse) tatsächlich existiert, wenn auch sehr, sehr viel weniger verbreitet als vom rechten Rand gerne angenommen. Aber das finde ich okay. Anders geht es nämlich nicht. Erfinde irgendwas tolles und irgendjemand wird es missbrauchen. So war es, so ist es und so wird es auch immer sein, solange wir nicht auf Totalüberwachung umstellen. Aber so wie eine ungenannte Zahl Sozialschmarotzer nicht Sozialleistungen per se in etwas böses verwandeln, so wurde durch ein paar blöde Tweets auch nicht direkt der gesamte #aufschrei zerstört. Die Intention war nämlich eine andere.

Wer sind die, die alle Teilnehmerinnen des #aufschreis pauschal abwerten müssen, sich dann aber nicht erblöden, immer wieder individuelle Ausnahmen zu machen, statt die Sache einfach umgekehrt anzugehen, so wie es sein sollte? Was erwarten solche Leute von mir für die gönnerhafte Feststellung, MEIN Erlebnis X wäre ja tatsächlich uncool gewesen? Ne Parade oder was? Brauche ich eine solche Legitimation etwa – und dann auch noch von Typen und Tussis, die mit der gleichen lässigen Nonchalance alle anderen „Aufschreihälse“ beleidigen?
Es scheint ein großes Opfer zu sein, in Einzelfällen eingestehen zu müssen, dass Sexismus und sexualisierte Gewalt tatsächlich existiert. Und sobald dieses Opfer erbracht wurde, wird erwartet, dass man sich total lieb und sachlich mit diesen opferbereiten Personen und all ihren wunderbaren Theorien auseinander setzt. Diese Leute, die Hashtags wie #aufschrei, #schauhin, #isjairre und #nudelnmitketchup missbrauchen und das megamäßig lustig finden. Tja – nee. Dazu fällt mir eigentlich nur eines ein:

you suck

Sogar von feministischen Verschwörungen ist teils die Rede, denn diese Hashtagerfindung kann ja kein Zufall gewesen sein und überhaupt wurden die vielen zehntausend Tweets ja nur von ungefähr sieben Radikalfemis produziert und bla. Manche gehen von einer „realen“ Zahl von „echten“ Tweets aus, die mich immer wieder zum Kichern bringt, denn das hieße, ich hätte mit meinen Tweets je nach Interpretation 10-100% des #aufschreis allein abgedeckt. Hihihi und so – aber nö.

Was bleibt ein Jahr nach #aufschrei? Uns wurde ein Label gegeben, dass ich sehr gerne benutze, wenn mir mal wieder was blödes passiert. Wenn ich über so etwas schreibe, tagge ich es mit dem Hashtag, benutze ihn weiterhin bei Twitter, egal wie viele Trolle darunter bereits twittern etc.pp. Ich weiß, ich werde damit eher gefunden, ich weiß, ich werde so besser gehört. Und das gefällt mir. Denn laut sein ist gut. Auch ohne Gitarre.

Am Schluss noch ein paar Links von vor einem Jahr:
Mein Aufschrei (dort am Ende auch eine umfangreiche, aber mit Sicherheit unvollständige Liste mit weiteren #Aufschrei-Beiträgen von anderen Bloggerinnen)
Meine Antwort an Meike Lobo und ihren Anti-Aufschrei-Artikel
Der Aufschrei im Generationenkonflikt – ein Gespräch mit meiner Mutter

Und auf Kleinerdrei findet sich ein schöner „Ein Jahr danach“-Artikel, der weitere Links zu diesem Thema sammelt!

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