Beschneidungsgesetz, ein Jahr danach. Unendliche Diskussionen und mein Nachtrag.

Dieses Mal drei Tage zu spät. Shame on me.

„Die Beschneidungsdebatte ist im Prinzip einer der Hauptgründe, warum ich dieses Blog eröffnet habe“ lautete der erste Satz meines Artikels Beschneidungsdebatte, ein Jahr danach. Beschissene Argumente und meine Antworten, den ich im Mai diesen Jahres schrieb.

Vor diesem Hintergrund ist es vermutlich irgendwie schicksalsträchtig und/oder ironisch, dass er bis heute der mit Abstand meistgelesene Beitrag auf diesem meinem Blog ist.

Das ist aus meiner Sicht aus mehreren Gründen gerechtfertigt: Erstens habe ich an keinem anderen Artikel so lange gearbeitet (allein, die ganzen Bilder zusammen zu klauen!), zweitens ist mir in der Zeit zwischen dem Artikel und heute immer noch kein Thema unter gekommen, das mich mehr aufgeregt hat und drittens ist die gesamte „Debatte“ sowie ihr Ergebnis nun mal so ziemlich die dämlichste Unlogischkeit, die sich unser Staat geleistet hat, seit ich denken kann.
Warum das so ist, habe ich ja im betreffenden Artikel schon ausführlich dargelegt, aber damit war das Thema für mich noch nicht erledigt. Im Gegenteil. Zwar hat mir die schriftliche Reflexion über saudumme Argumente dabei geholfen, meine Gegenargumente in Diskussionen nicht mehr ständig neu formulieren zu müssen, sondern stand praktisch als geistige Kopie parat, wann immer ich in die Verlegenheit kam, aber auch darüber hinaus stolperte mir die Beschneidung immer wieder vor die Füße.

In den vergangenen Monaten habe ich noch mehr dazu gelesen, Diskussionen geführt und weiter nachgedacht. Dabei habe ich – und das ist immerhin ein positiver Punkt – kein dämliches Argument mehr gehört, das mir neu gewesen wäre (ich war also wenigstens einmal in meinem Leben gründlich!). Aber dennoch taten sich neue Problemfelder auf, die es wert sind, beackert zu werden.

Dieser Beitrag kann also als Ergänzung oder Fortsetzung zu meinem ersten Artikel verstanden werden. Teils führt er alte Überlegungen weiter, teils thematisiert er neue Blickwinkel, die sich mir eröffnet haben.

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Die juristische Beurteilung ist eigentlich eindeutig…!

Die gesamte Debatte und damit auch das daraus entstandene Gesetz lässt sich eigentlich auf eine einzige Fragestellung reduzieren: Was ist wichtiger – Religionsfreiheit oder das Recht auf körperliche Unversehrtheit?
Für frömmelnde religiöse Menschen war diese Frage ziemlich einfach zu beantworten. Womit mal wieder bewiesen wäre, dass Religionen ganz wunderbar vorm Denken bewahren.
Ja, genau diesen Punkt hatte ich eigentlich schon mal, aber inzwischen habe ich einen ganz ausgezeichneten Artikel zur juristischen Bewertung gelesen, den ich allerdings – natürlich! – nicht mehr finde. Der kippte auf die Argumentation pro körperliche Unversehrtheit noch mal eine Schippe drauf mit einigen juristischen und verfassungsrechtlichen Details, die mich ehrlich gesagt einfach nur baff machten. Deshalb versuche ich mal, die Punkte nachzuliefern, die mir am meisten im Gedächtnis geblieben sind.

Punkt 1: Religionsfreiheit ist ein individuelles Recht. Wesentlich ausschweifender habe ich das schon in meinen ersten Beitrag versucht zu sagen, aber all die vielen Worte, die ich verschwendet habe, lassen sich auf eines reduzieren: individuell.
Es ist meine eigene Entscheidung, mich unter Regeln und Vorschriften zu beugen, die meine Religion mir auferlegt, auch wenn diese Regeln platt gesagt nicht mit einigen sonstigen Menschenrechten übereinstimmen. Die sagen ja im Grunde nur, dass ich machen kann was ich will, solange ich niemanden dabei schade. Niemand kann mich also dazu zwingen, am Sonntag in die Kirche zu rennen, am Ramadan zu fasten oder am Sabbat zu ruhen. Das entscheide allein ICH. Wenn ich es will. Das ist MEINE Religionsfreiheit.

Wenn es jetzt um andere Personen geht, greift Punkt 2, und der ist besonders interessant.
Wenn es zu diesen Diskussionen kam, wurde immer Art. 4 des Grundgesetzes zitiert:

(1) Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich.
(2) Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet.

Für Leute, die nicht kapiert haben, dass dieses Recht individuell ist, war die Sache damit klar. Aber, Freunde und Nachbarn, das ist nicht alles, was unser Grundgesetz dazu zu sagen hat! Und darauf musste zumindest ich auch erst gestoßen werden.
Es ist ein sehr altes Gesetz, eines, das schon 1919 in der Weimarer Verfassung stand, aber wohl als sinnvoll genug erachtet wurde, um auch ins Grundgesetz Eingang zu finden. Es findet sich ganz unschuldig ziemlich am Schluss im Art. 140 und lautet:

(1) Die bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten werden durch die Ausübung der Religionsfreiheit weder bedingt noch beschränkt.

Nun bin ich keine Juristin. Aber das ist für mich nicht anders interpretierbar als so: „Mach mit deiner Religion was du willst, solange es sich in Einklang mit den deutschen Gesetzen bewegt.“

Und das fand ich hammerhart. In diesen ganzen dummen Diskussionen verfielen die Verteidiger der religiösen Beschneidung immer in regelrechte Schwärmerei, wenn es um die Religionsfreiheit ging. Ganze Epen wurden darüber gedichtet, was für eine hochmoderne Errungenschaft es sei, ungestört seine Religion ausüben zu dürfen. Sie haben ja recht! Aber leider wurde damit häufig der Einwand, dass damit kein anderes Recht eingeschränkt werden dürfe, vom Tisch gewischt. Religionsfreiheit steht im Grundgesetz, Punkt aus!
Jetzt kann ich dazu sagen: Stimmt! Aber nicht ohne Einschränkungen! Und das macht mich sehr, sehr glücklich!
Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass es noch eine Ausnahme von der Ausnahme gibt, und die steht in Art. 4 als dritter Absatz:

(3) Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.

Das ist natürlich mit dem Aussetzen der Wehrpflicht nicht mehr wichtig. Aber es zeigt, dass sich die Religionsfreiheit schon seit dem Bestehen des Grundgesetzes unter dieses zu beugen hatte, sofern es keine expliziten Ausnahmen gab.

Gottes Grausamkeit kennt Grenzen

Bleiben wir bei Gesetzen.
Ich hatte erschöpfend dargelegt, dass für wahrlich gläubige Juden alle Argumente contra Beschneidung obsolet sind, wenn es darum geht, den Bund mit Gott zu schließen. Auch hatte ich über „diesen einen jüdischen Typen“ erzählt, der sich nicht vorstellen konnte, dass man gegen Beschneidung sein kann, ohne antisemitisch zu sein.

Der gleiche Kerl meinte auch, dass noch niiiie ein Jude in der Geschichte des Judentums ein Problem mit der Beschneidung gehabt hätte. Leider ist das nachweislich falsch, genau wie die Vorstellung, dass nur eine Beschneidung den echten Juden ausmacht. Vielfach wurde eine Ausnahme zitiert, laut der eine Familie ihre Sohn nicht beschneiden lassen muss, wenn dieser bereits zwei ältere Brüder durch diese Prozedur verloren hat.

Leider konnte ich nirgendwo den Originaltext in einer Sprache finden, die ich auch verstehen kann (und, um Lisa Simpson zu zitieren: Ich werde jetzt bestimmt nicht auch noch Hebräisch lernen!), weshalb ich mit dieser Info sehr vorsichtig umgehen will. Fakt scheint dennoch zu sein, dass der Talmud diese Sonderregel kennt und das betreffende Kind von der Beschneidung freistellt – allerdings nur, wenn eine Bluterkrankheit vorliegt.

Diese Regelung, die bei mir Assoziationen mit der Sole Survivor Policy bei den amerikanischen Streitkräften sowie deren deutsches Äquivalent in Bezug auf Befreiung der Wehrpflicht weckt, zeigt nun eindeutig, dass eine Beschneidung nicht den Juden macht. Nein, dazu reicht es nun mal völlig, eine jüdische Mutter zu haben. Knifflig wird es erst, wenn man konvertieren will. Dazu fand ich folgendes schöne Zitat eines Rabbis:

P.S. Needless to say, the above only applies to a non-Jew who wishes to convert. However, a Jewish child who cannot be circumcised due to medical reasons does not lose his Jewish status or identity.

Quelle

Zwar ist das nun keine offizielle Stellungnahme des jüdischen Oberhaupts (so etwas gibt’s ja auch nicht), aber wenn es etwas gibt, in dem das Judentum dem Christentum schon immer eindeutig überlegen war, dann ist es die Diskursbereitschaft. Während (nicht nur) im Mittelalter die Kirche eine „Glaub halt daran und halt die Schnauze“-Politik bei ihren Gläubigen fuhr, galt eine breite theologische Ausbildung bei gläubigen Juden als allerhöchstes Gut. Allein deswegen war die Alphabetisierungsrate unter Juden stets sehr hoch, denn zur Feier ihrer Bar Mitzwa mussten die jüdischen Jungs aus der Tora lesen. Aber auch darüber hinaus genoss ein Jude (zumindest ein männlicher) allerhöchsten Respekt unabhängig von seiner Herkunft, wenn er dazu in der Lage war, scharfsinnige und rhetorisch ausgefeilte Bemerkungen zu theologischen Diskussionen beizutragen.  Begabte Kinder wurden dahingehend ermuntert und aktiv gefördert.

Man könnte also sagen, dass dem Judentum als Religion eine beispiellose Reflexionsbereitschaft inhärent ist. Warum also nicht bei diesem Thema? Warum nicht die „medizinischen Gründe“ auch auf Nicht-Bluter ausweiten? Wenn ein Jude ein Jude ist, auch wenn er nicht beschnitten ist, was gibt es dann noch für Argumente für aufgeklärte, gebildete Juden, daran unbedingt festhalten zu müssen? Zeigt die Sonderregel nicht, dass Gott gütig ist und niemanden abweist, der im Geiste beschnitten ist (wie es Jesus ein berühmter Jude mal ausdrückte), auch wenn sein Körper aus jüdischer Sicht unvollkommen ist?
Ist es nicht an der Zeit, sich dem durch die Geschichte ziehenden, großartigen jüdischen Hang zur Bildung zuzuwenden, der so viele hervorragende jüdische Wissenschaftler hervorgebracht hat, und einfach mit Blick auf die vielen medizinischen Fakten anzuerkennen, dass die Beschneidung abgeschafft gehört?

Das Problem mit der HIV-Prävention

Nun ist das Beharren auf der medizinischen Nutzlosigkeit der Beschneidung (sofern keine medizinische Indikation vorliegt) sehr schwer, wenn selbst Organisationen wie die WHO weiter fleißig daran arbeiten, den Mythos „Beschneidung als HIV-Prävention“ unters Volk zu bringen.
Interessant ist dabei, welches Volk sie damit beglücken.
Tante Jay, der Beschneidung auch ein Herzensthema ist (und die, nebenbei bemerkt, vermutlich mehr Original-Artikel zur Beschneidung geschrieben hat als alle deutschen Männerrechtler zusammen), engagiert sich sehr gegen diesen Mythos und hat hier (ausnahmsweise englisch) ein wichtiges Argument geliefert – vielleicht das wichtigste überhaupt.

Dieses lautet: JA, wenn man kein Kondom benutzt, wird das Risiko, sich mit HIV anzustecken, durch eine Beschneidung um 60% gesenkt – allerdings pro Verkehr.
Das ist ein wunderschönes Beispiel dafür, wie selbst eine harte Wissenschaft wie Mathematik falsch interpretiert werden kann, wenn man diese blöden Statistiken einfach nicht richtig liest. Wenn jemand eh kein Kondom verwendet (aus welchem Grund auch immer), dann ist ein 60%iger Schutz vor HIV schon eine beeindruckende Zahl, die aber völlig in die Bedeutungslosigkeit abrutscht, wenn man sie mit jedem einzigen Mal Sex in Verbindung bringt. Leider denken daran wohl die Wenigsten, wenn sie solche Zahlen lesen!

Das muss die WHO auch wissen (wenn es schon Bill Gates nicht weiß). Damit stellt sich die Frage, warum auf Grundlage solcher Zahlen dennoch weiterhin die Beschneidung in besonderen HIV-Risikogebieten, sprich, vor allen afrikanischen Staaten, so hartnäckig voran getrieben wird.

Ich neige eigentlich nicht sehr zu Verschwörungstheorien, aber mir fällt dazu keine einzige Erklärung ein, die nicht eindeutig rassistisch motiviert wäre. Fungieren hier Menschen, die bewusst dumm gehalten werden und die sich nicht so ohne Weiteres Gegenpositionen zu dieser Praxis beschaffen können, als Versuchskaninchen? Oder ist das gar ein bewusster Versuch, einfach mal auf diese Weise etwas gegen die Überbevölkerung zu tun?

Ich wiederhole es nochmal: Das einzige, was gegen eine HIV-Ansteckung hilft, ist ein Kondom. Und da die Sensibilität der Eichel durch eine Beschneidung herab gesetzt wird, führt dies zu einem erhöhten Risiko einer Verbreitung des HI-Virus, denn beschnittene Männer können oder wollen teilweise keine Kondome mehr benutzen.

Wie oft denn eigentlich noch?!

Das Problem mit dem Gebärmutterhalskrebs

Ursprünglich hatte ich diesen Punkt gar nicht in meinem ersten Artikel drin, weil er mir so absurd erschien, ihn dann aber ergänzt, als immer mehr Kommentare dazu geschrieben wurden. Ich hatte mich aber dabei auf ein reine ethische Argumentation gestützt, weil ich dachte, das reicht.

Es reicht offensichtlich nicht.

Vor kurzem erreichte mich eine Email, in der ich zu einer Stellungnahme zu „Beschneidung als Mittel gegen HPV-Infektion“ gebeten wurde. HPV sind die Erreger, die u.a. Gebärmutterhalskrebs auslösen können. Und ehrlich gesagt hat mich der Inhalt der Mail so sprachlos gemacht, dass ich nach längerem Nachdenken fast geneigt war zu glauben, hier wolle mich jemand testen, der mir mein feministisches Engagement gegen Beschneidung nicht abnimmt.

Inzwischen denke ich das nicht mehr. Aber der Vorschlag, es mir auf mein feministisches Banner zu schreiben, Beschneidungen flächendeckend bei allen Jungs schon im Babyalter zu begrüßen, weil damit Frauen vor Gebärmutterhalskrebs geschützt werden, wird dadurch leider nicht besser.

Wie gesagt: Die ethische Argumentation hat nichts gebracht. Also wollte ich das dieses Mal rein rational und mittels harter Wissenschaft angehen. Mathematisch, wirtschaftlich. Ich fand folgende Zahlen:

– jährlich erkranken in Deutschland ca. 4700 Frauen an Gebärmutterhalskrebs, ca. 1500-1600 sterben daran
– im Jahr 2011 wurden ca. 660.000 Kinder in Deutschland geboren – natürlich ist davon ca. die Hälfte (330.000) männlich
– eine Beschneidung kostet zwischen 200 und 700 Euro

Auf Grundlage dieser Zahlen startete ich ein kleines Gedankenexperiment. Nehmen wir mal an, der Plan einer flächendeckenden Beschneidung würde in die Tat umgesetzt und die Beschneidung würde tatsächlich nur 200 Euro kosten. Damit ergäbe sich für ein Jahr folgende Rechnung:
330.000 * 200 = 66.000.000
Die Beschneidung eines einzigen Jahrgangs nützt natürlich überhaupt nichts, deshalb muss man das weiter führen. Ein Effekt dürfte erst dann spürbar sein, wenn die ersten Jungs sexuell aktiv werden. Sagen wir, mit 15 Jahren. Nehmen wir der Einfachheit halber mal an, die Geburten würden bis dahin stabil bleiben. Das ergibt dann folgendes:
66.000.000 * 15 = 990.000.000

Es würde also FAST EINE MILLARDE EURO kosten, über 15 Jahre hinweg flächendeckend alle deutschen Jungs beschneiden zu lassen! Und da stellt sich mir die Frage: Ist so eine riesige Menge Geld nicht vielleicht besser in der Krebsforschung aufgehoben? Ich bin keine Ärztin, aber damit lässt sich doch sicher was mit anfangen, oder?!
Wobei da ja noch einiges fehlt. Nicht mit eingerechnet sind die Kosten für die dafür nötige Bürokratie und für etwatige Strafverfahren, denn meine Fresse, wäre so ein Gesetz wirklich in Deutschland möglich, dann könnt ihr aber Gift drauf nehmen, dass ich am Tage der Geburt meines Sohnes vom Wochenbett springen und ins nächste Gericht rennen würde, denn MEINEN Sohn wird ohne Grund NIEMAND beschneiden!! Damit bin ich sicher nicht die Einzige. Ach ja, und die Kosten für eventuelle Nachbehandlungen bei Komplikationen sind sicher auch ein gewaltiger Faktor. Ein einziger Tag im Krankenhaus kostet ja auch schon über 100 Euro! Ich könnte mir vorstellen, dass diese Posten zusammen genommen die Kosten für eine flächendeckende Beschneidung über die nächsten 15 Jahre leicht verdoppeln könnten!
(Der Vollständigkeit halber muss gesagt werden, dass Jungs, die tatsächlich unter einer Phimose leiden, hier heraus gerechnet werden müssten, aber ich halte die Zahl derer, die eine Beschneidung wirklich brauchen, inzwischen für verschwindend gering.)

Nun sollten solche wirtschaftlichen Überlegungen natürlich hinten an stehen, wenn es darum geht, Menschenleben zu retten – das gebietet die Ethik. Nur ist eine Beschneidung nun mal keine Maßnahme, die keinerlei negativen Konsequenzen nach sich zieht, außer, dass sie viel kostet. Das sah auch meine Mailpartnerin ein und schrieb, dass ja „maximal“ 5-15% aller Jungen nach einer Beschneidung unter Komplikationen leiden würden.

Nehmen wir das mal als Grundlage (obwohl ich die Zahlen anzweifle!), dann ergibt sich ausgehend von der oben genannten Geburtenzahl über 15 Jahre, dass demnach 247.000 bis 742.500 Jungs von Komplikationen betroffen wären. Dieser gewaltigen Menge stehen in diesem Zeitraum 70.500 gebärmutterhalskrebserkrankte Frauen gegenüber bzw. ca. 23.250 Frauen, die daran sterben.

Und da muss man sich doch fragen: So tragisch eine Krebserkrankung ist – rechtfertigt eine solche Präventivmaßnahme die Verletzung einer Menschengruppe, die bis zu zehnmal so groß ist (wenn man wirklich nur die beschnittenen Männer mit Komplikationen rechnet)?

Und auch diese Zahl ist ja nur eine unzulässige Annäherung. In den letzten 30 Jahren hat sich beispielsweise die Zahl derer, die an Gebärmutterhalskrebs sterben, mehr als halbiert. Es ist wohl nicht allzu verwegen zu vermuten, dass dieser Trend erfreulicherweise weiter gehen wird. Darüber hinaus wird die Gebärmutterhalskrebsimpfung erst seit 2007 in Deutschland für Mädchen zwischen 12 und 17 Jahren empfohlen. Da Gebärmutterhalskrebs oft erst Jahrzehnte nach einer HPV-Infektion auftritt, ist auch bei den Erkrankungen in Zukunft mit einem dramatischen Rückgang zu rechnen.

Hieran sieht man, dass eine solche Maßnahme gegen jede Verhältnismäßigkeit gehen würde – vor allem, wenn man bedenkt, dass überhaupt nicht gesichert ist, ob eine Beschneidung tatsächlich eine Ansteckung mit HPV unwahrscheinlicher macht.

Ehrlich gesagt bin ich zu faul, mich dahingehend auch noch durch das halbe Internet zu wühlen, weil es mir wirklich zu blöd ist, aber ich lehne mich wohl nicht zu weit aus dem Fenster, wenn ich sage, dass die Behauptung einer 100%igen Sicherheit absoluter Bullshit ist. Die Mädchen der Jahrgänge, die nun männlicherseits flächendeckend beschnitten würden, können sich immer noch bei älteren Männern (oder Frauen) anstecken, das gleiche gilt für die Jungs, ob nun beschnitten oder nicht. Dazu kommen eventuelle Ansteckungen im Ausland oder durch Ausländer!

Ich bin, wie gesagt, keine Ärztin. Aber wenn mein beschränktes medizinisches Wissen mich nicht trügt, kann man Viren nur durch eine Art ausrotten. Man kann dutzende Verhaltensmaßnahmen für die unterschiedlichsten Viren propagieren, um eine Ansteckung unwahrscheinlicher zu machen, aber gänzlich aus einer Population verschwindet ein Virus nur durch eine wirksame Impfung.
Eben eine solche gibt es bereits für Gebärmutterhalskrebs, wobei diese weder fehlerlos, noch gänzlich ohne Kritiker ist. Aber das ist zumindest mal ein Ansatz, der eine wirkliche Lösung greifbar macht – nicht die Beschneidung!!

Daher: Nein, ich werde mir dieses dumme, unethische Projekt sicher nicht auf mein feministisches Banner schreiben – und hoffe ganz stark, dass eine solche Idee niemals im Feminismus trendet. Es ist schlimm genug, wenn Alice Schwarzer sich zu solchem Schwachsinn hinreißen lässt, aber da bisher von ihr keine wirkliche Forderung dahingehend kam, nehme ich an, dass sie wohl selber weiß, wie dämlich das ist.

Feminismus und Beschneidung

Und damit leite ich über zu einem Thema, das mich persönlich betrifft und ganz besonders aufregt.
Ich schrieb ja bereits, dass mich der Feminismus bei diesem Thema krass enttäuscht hat. Leider habe ich seitdem kaum etwas gelesen, was mein Eindruck dahingehend hätte ändern können.
Es ist eine Sache, sich nicht für ein bestimmtes Thema zu interessieren, aber eine völlig andere, dieses aktiv zu torpedieren. Auch wenn ich nicht verstehe, warum viele Feministinnen nicht sehen, dass ein Engagement gegen männliche Beschneidung dennoch ein feministisches Anliegen sein kann, könnte ich bei solchen Fällen wahrhaft kotzen.

So schrieb Antje Schrupp einen scheinheiligen Tweet, in dem sie süffisant fragte, ob sich die selben, die sich gegen männliche Beschneidung positionieren, ebenfalls so engagiert gegen geschlechtsangleichende Operationen bei intersexuellen Kindern argumentieren würden. In diesem kurzen Tweet war so viel falsch, dass ich meinen Kopf am liebsten mit Volldampf gegen die nächste Wand gerammt hätte. Meine extrem naheliegende Gegenfrage, warum sich denn die Leute, die sich gegen geschlechtsangleichende Operationen bei intersexuellen Kindern engagieren, nicht ebenso gegen männliche Beschneidung positionieren, wurde nonchalant ignoriert (führte aber zu einer weiteren fruchtlosen Diskussion mit einem beschnittenen Mann – dazu weiter unten).
Noch schlimmer als Frau Schrupps logische Glanzleistung traf mich ein gedankenlos eingestreuter Nebensatz auf einem feministischen Blog, der implizierte, dass man es bei einem Engagement gegen Beschneidung mit male tears zu tun hätte. Die kurz darauf stattfindende Diskussion, die entbrannte, weil ich das so einfach nicht stehen lassen konnte, zeigte mir, dass die Autorin nicht die geringste Ahnung von dem Thema hat.

Gleichzeitig muss ich mir immer wieder ein Ohr darüber volljaulen lassen, dass es keine Diskriminierung von Männern gibt, weil Diskriminierung sei ja strukturell bla – bla – BLA. Ja, keine Ahnung, vielleicht ist ein verfassungswidriges Gesetz, das sich nur gegen Jungs richtet, wirklich keine Diskriminierung, keine Ahnung wie man das laut Duden definiert, aber dieses Gesetz zu verteidigen oder sich drüber lustig zu machen, ist halt trotzdem ein unglaubliches Arschlochverhalten, nech?

Und da kommt mir etwas in den Sinn, was ich oft in Bezug auf die Abtreibungsdebatten denke, aber auch hier passt: „Wenn du nicht dazu beitragen willst, das für dich ach so irrelevante Problem zu lösen, dann halt einfach die Fresse.“

Das einzig positive, was ich zur feministischen Beteiligung (oder Nicht-Beteiligung) zur Beschneidungsdebatte bieten kann, ist dieser Text:
Warum Knabenbeschneidung gerade Feministinnen etwas angeht
Darüber hinaus ist mir nichts dezidiert feministisches dazu bekannt, was ich nicht selbst geschrieben habe. Und das finde ich immer noch sehr, sehr scheiße.

Männliche Diskussionsunwilligkeit

Nach dieser angebrachten Feminismuskritik ist aber dennoch eine Erfahrung, die ich in den letzten Monaten machen musste, wesentlich schwerwiegender. Es gibt nämlich genau eine Gruppe, mit der man aus meiner Sicht am schlechtesten über dieses Thema diskutieren kann.

Beschnittene Männer.

Natürlich gibt es Foren, in denen Betroffene ihre Erfahrungen austauschen und sich stark gegen dieses Gesetz engagieren, aber die Mehrheit aller Männer, sie sich mir als beschnitten offenbarten, kann für dieses Thema absolut keine Energie aufbringen. Interessanterweise sogar in mindestens einen Fall, in dem mein Gegenüber unter gewaltigen sexuellen Einbußen aufgrund seiner Beschneidung zu leiden hatte. Warum das Beschneidungsgesetz ein Problem ist, sah er trotzdem nicht.

Eine spezielle Diskussion ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Sie fand offline statt, in meinen eigenen vier Wänden. Drei Männer, die ich alle mag, mit denen ich eng verbunden bin, die alle beschnitten sind, und die eine Scheiße von sich gaben, dass es mir die Schuhe auszog.

So lachten sie schon, als ich das Thema auch nur auspackte. Was für ein Mimimi, dachten sie. SIE haben ja immerhin überhaupt keine Probleme, also GIBT es keine Probleme. Eine besondere Perle:
Ich: „Man schnippelt nicht an Genitalien rum. Das tut man doch nicht!“
Typ: „Das sind keine Genitalien.“
Ich: „Ähm, doch?“
Typ: „Nein!“
Ich: „Es ist der PENIS. Was ist daran für dich denn kein Genital?!“
Typ: „Es ist nicht der Penis, es ist HAUT!“

(Hatte ich eben nicht behauptet, ich hätte nun alle dummen Argumente schon mal gehört? Wie ihr seht, war das gelogen…)

Diese Diskussion ging stundenlang und war leider sehr heftig. Besonders von meiner Seite, denn 1. habe ich es wirklich satt, die ewig gleichen Argumente ständig erneut zu wiederlegen und bin deshalb inzwischen etwas empfindlich und 2. konnte ich einfach echt nicht fassen, wie drei so intelligente Männer so idiotisch und unlogisch diskutieren können.
Der größte Kritikpunkt von ihrer Seite aus war die ganze Zeit über, dass ich ja was gegen medizinische indizierte Beschneidung hätte. Es half überhaupt nichts, dass ich diese Fälle mehrmals explizit ausklammerte (wobei ich immer noch der Meinung bin, dass dies selbstverständlich ist!). Immer wieder kamen sie darauf zurück – vermutlich, weil bei allen dreien diese medizinischen Gründe vorgeschoben worden gegeben waren.

Und letztendlich kam nach langer, langer Diskussion ein sehr entlarvender Satz – ein Satz von einem Menschen, den ich noch nie wütend gesehen habe. Aber hier kochte er regelrecht. Der Satz lautete: „Was du machst, ist im Grunde MICH abwerten, indem du sowas sagst!!“

Ich denke, da liegt der entscheidende Punkt – und das ist auch der Grund, weshalb ich wieder davon abgekommen bin, männliche Beschneidung als „Genitalverstümmelung“ zu bezeichnen. Dieser Begriff ist so maximal negativ besetzt (völlig zurecht), dass spontane Ablehnungshaltungen einfach nur vorprogrammiert sind. Wer möchte schon hören, dass er verstümmelt wurde, obwohl er sich völlig okay fühlt? Das ist definitiv ein Angriff auf den Selbstwert, der mit geradezu manischer Überkompensation gekontert wird.

Was man dagegen tun könnte… da bin ich ehrlich gesagt ratlos. Es dürfte feststehen, dass dieses Gesetz nicht ohne die Unterstützung von beschnittenen Männern gekippt werden kann. Damit bin ich dann leider raus, denn ich bin weder Mann, noch beschnitten. Möglicherweise ist das ja auch ein Problem: Möchten beschnittene Männer von einer Frau hören, dass man sie vielleicht völlig ohne Grund in Gefahr und um die Möglichkeit gebracht hat, Sex mit allen intakten Nervenzellen zu genießen?

Hier muss von männlicher Seite weiterhin wesentlich mehr Aufklärung betrieben werden.

Aber das ist etwas, was ich nach all meinen langen Diskussionen zumindest im Real Life immer noch nicht sehe.

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