Stellt euch vor, es ist eine maskulistische Aktion und keiner erwähnt es.

Movember

Der Movember ist vorbei.

Wait, Movember? Kein Tippfehler, sondern eine ernsthafte, nichtsdestotrotz ganz witzige Aktion, die sich vor allem im englischsprachigen Raum immer größerer Beachtung erfreut.

Es geht vor allem um Krebs, das alte Arschloch. Genauer gesagt, um rein männliche Krankheitsbilder wie Prostata- und Hodenkrebs (nebst einigen anderen Baustellen medizinischer Art, die nichts mit dem großen K zu tun haben). Denn, während in feministischen Kreisen und auch in solchen, die sich mit Frauenheilkunde allgemein befassen, wenn auch nur am Rande und ohne auch nur im Ansatz feministisch zu sein (ich denke da an diverse Frauenzeitschriften), Aktionen zu Brustkrebs und/oder Gebärmutter(hals)krebs schon lange Standard sind, hinkt da das männliche Pendant immer noch hinterher.

Worum geht es eigentlich überhaupt? Das ist leicht zusammen gefasst. Ursprünglich eine australische Aktion, die aber, wie gesagt, in den letzten Jahren immer größer geworden ist, sind interessierte männliche Teilnehmer dazu aufgefordert, sich Anfang November glatt zu rasieren und sich infolgedessen den ganzen Monat gilettefrei einen schicken, topmodernen und hoffentlich beeindruckenden Schnurrbart wachsen zu lassen. Dieser Aktivismus soll nun vom belustigten Umfeld (egal ob männlich oder weiblich) wahrgenommen und auch honoriert werden: Für die Teilnehmer, die sich auf der Website registrieren, kann man an selber Stelle spenden, was eben vor allem der Krebsforschung zugute kommt. Beendet wird der Movember (eine Verschmelzung von November und moustache, also Schnurrbart) mit einem kollektiven Rasurevent, während dem man sich dem vielleicht peinlichen Oberlippenbärtchen entledigen kann.

Auf diese Weise sind durch diese wiederkehrende Aktion in den letzten Jahren schon viele Million australische Dollar für die Männergesundheit gesammelt worden.

Ich wurde darauf aufmerksam, als vor einem Monat der Freund von Kellnerkollegin Johanna, normalerweise ein stolzer 7-Tage-Bart-Träger, plötzlich als Inkarnation des jüngeren Bruders von Justin Bieber vor mir an der Theke stand. „Oh, äh… rasiert?“ fragte ich beherrscht. Der Junge sah aus wie ein zwölfjähriger Chorknabe, zum Leidwesen von Kollegin Johanna. Es fehlten wirklich nur noch die mit Wasser gekämmten Haare! Aber er erzählte mir begeistert vom Movember und schien diesem doch ziemlich ernsten Thema, wie von den Initiatoren wohl auch gewünscht, eine Menge Spaß abzugewinnen.

Fazit könnte also sein: Gelungene Aktion, die unverkrampft und finanziell erfolgreich auf ein männliches Anliegen aufmerksam macht und daher von Maskulisten all over the world doch zumindest mal wohlwollende Erwähnung finden könnte.

Warum packe ich also damit aus? Dies ist ja nicht my business. Und nicht nur das, ich finde es auch darüber hinaus auch nicht gerade megaspannend, jedenfalls nicht im Vergleich zu vielen anderen Sachen, mit denen ich mich lieber beschäftige.

Mich trieb eine für mich wesentlich interessantere Frage um. Als Kollegin Johannas Freund so babyglatt vor mir stand und mir vom Movember erzählte, konnte ich es gar nicht erwarten, die Schicht zu beenden und an meinen Laptop zu eilen. Ich fragte mich nämlich, warum ich, die ich mich doch durchaus mit Geschlechterthemen auseinander setze und oft genug mit Antifeministen, die sich für Männerrechtler halten, zusammen knalle, davon noch nie gehört hatte?

Die Antwort schien einfach: Wo soll ich davon was hören, wenn halt niemand drüber labert? Offensichtlich, weil niemand davon weiß? Dem musste doch Abhilfe geschaffen werden:

(Was es mit #DeinEx auf sich hatte, könnt ihr bei teariffic nachlesen. Darüber hinaus ist mir mein Tippfehler („man“ statt „mal“) schon längst selbst aufgefallen und wer über das „Arschloch“ in Tränen ausbrechen will, kann sich dazu vertrauensvoll an das Schmusekissen seiner Wahl wenden.)

Reaktionen auf diesen Tweet: einen Fav. Wow. Da erfindet eine Feministin einen harmlosen Hashtag und es dauerte, keine Ahnung, fünf Minuten? – bis dieser von antifeministischen Spacken getrollt wurde, aber wenn es um sinnvolle maskulistische Aktionen geht, herrscht plötzlich Schweigen im Twitterwald? Obwohl sonst bei allen möglichen uninteressanten Tweets wahllos Antifeministen bei mir anklopfen? Wenigstens eine Unterstellung, wie sehr ich angeblich Männer hasse, wäre doch wirklich drin gewesen!!

Dies war vor fast genau einem Monat. Gestern habe ich mich wieder daran erinnert – und dachte, dass ich meiner kleinen Vermutung doch mal auf die Spur gehen sollte. Wie sehr werden solche Aktionen für den guten Zweck durch angeblich maskulistische Blogs dem interessierten Leser nahe gebracht?

Ich mache es kurz: Ich habe bei über 20 deutschsprachigen Blogs eine Suche nach „Movember“ gestartet (es wären noch ein paar mehr gewesen, aber offensichtlich kriegen nicht alle Mitglieder des angeblich technisch wesentlich versierteren Geschlechts es hin, eine Suchfunktion in ihre Blogs einzubauen).

Gefunden habe ich DREI Einträge.

Auf Genderama widmete sich Arne Hoffmann vor drei Tagen der Aktion, allerdings nicht etwa, um dafür zu werben oder sie auch nur vorzustellen, sondern allein aus dem Grund, um ein paar verwirrte Trottel zu zitieren, für die diese Aktion angeblich irgendwas-istisch ist. Man-Tau verlinkte diesen Artikel, schenkte der dahinter stehenden Aktion allerdings nicht mal einen Halbsatz zur Erklärung. Nur bei MANNdat findet sich ein etwas ausführlicherer Artikel, ebenfalls vom 28. November, und hier gab es dann immerhin noch die subtile, ziemlich unterwältigte Aufforderung an den Leser, doch vielleicht mitzumachen. Schön, ne? Halt nur vier Wochen zu spät.

Der Artikel ist noch aus einem weiteren Grund interessant, wird hier immerhin doch auf das Ursprungsthema – Männergesundheit – eingegangen. Allerdings wird das Spenden extrem kritisch gesehen:
Wer also will, mag sich einen Schnurrbart wachsen lassen und für Movember Spenden sammeln. Er sollte nur nicht glauben, damit etwas für Männerrechte getan zu haben. Im Gegenteil:

Uh, im Gegenteil? Was soll das denn heißen? Dass man durch Spenden sogar GEGEN Männerrechte agiert? Das wäre ja hammerhart, aber nee – der Rest ergeht sich in Klagen darüber, dass man Gelder für rein männliche Krankheitsbilder privat sammeln muss, statt dass sich die Politik darum kümmert. Am Ende wird dann auf die dadurch fehlende „Geschlechtergerechtigkeit“ Bezug genommen, womit natürlich der unterschwellige Vorwurf in Richtung Regierung geschickt wird, sich nur um die medizinischen Belange von Frauen zu kümmern.

Und dies alles, sowohl dieser Artikel als auch die ganzen Beiträge und News, die zum Thema Movember NICHT geschrieben worden sind, zeigt für mich eindeutig, woran es im Maskulismus krankt: einem Fokus auf Männer.

Was glaubt MANNdat, warum öffentliche Gelder für die Erforschung z.B. von Brustkrebs etc. ausgegeben werden? Etwa, weil sich irgendein Politiker mal hingestellt und gerufen hat: „Hey, spontane Idee – pumpen wir doch mal ein paar Million Steuergelder in die Frauengesundheit! Veranlassen wir Studien! Zwingen wir die Krankenkassen, wichtige Vorsorgeuntersuchungen zu übernehmen! Drucken wir ein paar Sticker!“ Und alle so „Yay!“ oder was?

Nein! Gelder werden für diese Problemfelder heutzutage zur Verfügung gestellt, weil verdammt noch mal viele Frauen, vermutlich längst nicht alles Feministinnen, und bestimmt auch viele Männer der Politik jahrelang damit auf den Sack gegangen sind! Es mussten erst unzählige private Spenden fließen, Aktionen geplant und Zeit investiert werden, bis die Politik gemerkt hat, dass
a) das Thema wichtig ist und
b) die, die das schon früher erkannt haben, nicht aufhören würden zu nerven, bis die richtigen Schritte eingeleitet werden!

Denn Politiker hassen nichts mehr, als Geld auszugeben! Das selbe gilt für die Krankenkassen. Glaubt irgendjemand ernsthaft, das wäre irgendwann aus dem Nichts entstanden, nur um uns Frauen zu pampern?

Natürlich sollten auch Krebsarten, die nur Männer befallen können, mit Geld und Forschung von Seiten des Staates bekämpft werden – aber wie will man das erreichen? Ich sag es euch: Mit privaten, öffentlichkeitswirksamen Aktionen wie dem Movember! Genau die Aktion, der keine maskulistische Blogpräsenz rechtzeitig einen Artikel gewidmet hat! Und das ist so, weil 99% des Maskulismus nichts weiter tut, als sich an Frauen und/oder dem Feminismus abzuarbeiten!

Solange die meisten Maskulisten einfach nur Antifeministen sind, die nichts besseres zu tun haben, als innerhalb von Minuten einen feministischen Hashtag zu okkupieren, sich von Erfahrungsberichten von belästigten Frauen persönlich beleidigt zu fühlen, darüber jammern, dass nur Frauen Kinder kriegen können, ein halbes Leben darauf verwenden, sich pubertäre, pseudowissenschaftliche Pickup-Konzepte auszudenken, nur damit Mann schneller zum nächsten Fick kommt, minutiös sämtliche biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern auflisten, als hätte das für den oder die Einzelne irgendeinen Belang außer, um sich geiler und überlegener zu fühlen, sich wie die Geier auf jedes von einer Frau begangene Verbrechen zu stürzen, das es in die Nachrichten schafft, sich über jeden noch so belanglosen Artikel einer Feministin zu echauffieren unter hämischer Aufwendung sämtlicher Klischees – solange bleibt der Maskulismus ein Rohrkrepierer, der überhaupt nichts erreicht!

Natürlich hat das Thema Krebs längst nicht so viel Glamour wie, keine Ahnung, sich über eine Frau lustig zu machen, die nicht richtig eingeparkt hat, aber Herrgott, wie soll man eine Bewegung Ernst nehmen, die ihre Existenzberechtigung offensichtlich einzig daraus zieht, die Anderen mit Hass zu übergießen, statt mal was konstruktives zu tun?
Oh, natürlich gibt es auch Feministinnen, die ähnliche, nennen wir es mal „Inhalte“ haben, aber rechtfertigt diese Tatsache, es genauso beschissen zu machen?

Kürzlich lamentierte jemand mir gegenüber darüber, dass Frauen so viele Möglichkeiten der Nachwuchsplanung haben, während Männer das ja, da ohne Gebärmutter, nicht können. Tja, so ein Pech aber auch! Geht’s vielleicht noch unnötiger? Gibt es irgendeine Möglichkeit, diesen Umstand zu umgehen, ohne Sciene Fiction oder dem Aussetzen der Menschenrechte für Frauen? Nö, ne? Also warum überhaupt damit anfangen?

Es gibt so viele Baustellen, die der Maskulismus angehen könnte, ohne ständig auf dem Feminismus herum zu hacken und jedes noch so abwegige Thema als Schlacht im Kampf der Geschlechter zu inszenieren, und viele davon würden sicher auch breite gesellschaftliche Unterstützung finden, wenn dem eben nicht so wäre. Ich habe schon häufig Texte gelesen, die sich mit relevanten männerrechtlichen Problemen auseinander setzten, nur um mich dann am Schluss angewidert abzuwenden, weil 99% dieser Texte nicht ohne idiotisches „Feminazi!“-Gebrülle oder allgemeine Frauenabwertung auskamen. Ist es der Neid auf den wesentlich besser organisierten Feminismus oder schlicht Hass, der versucht, im Gewand des Maskulismus halbwegs gesellschaftsfähig daher zu kommen? Man weiß es nicht, man ahnt es nur!

Der Maskulismus bräuchte dringend eine Struktur, am besten eine, die Interessenten auf den ersten Blick zeigt, wo man mit halbwegs seriösen, relevanten Themen rechnen kann und wo mit dümmlicher Selbstdarstellung von irgendwelchen Neanderthalern, die sich täglich auf die Vorstellung, zu dem Geschlecht zu gehören, das das Rad, das Auto und die Atombombe erfunden hat, einen runterholen, während sie selbst nicht mal ein gottverdammtes Ikea-Regal aufbauen können. Dazu gehört auch eine klare Abgrenzung vom Antifeminismus (dessen stolzeste Vertreter ohnehin in seltsamer Häufigkeit von sich geben, überhaupt keine Maskulisten zu sein – sie wollen halt nur hassen, da stören Inhalte nur!). Desweiteren frage ich mich schon lange, warum es im Maskulismus kein Blogkollektiv gibt, an dem ähnlich wie bei der Mädchenmannschaft mehrere Autoren mitarbeiten, das als erste Anlaufstelle für Interessierte dienen kann und breit genug aufgestellt ist, auch vergleichsweise dröge Themen wie eben Krebsvorsorge zu behandeln. Jedenfalls ist mir keines bekannt! Und letztendlich kommt es natürlich auf die Inhalte an: männliche Beschneidung, die Verächtlichmachung von Vätern oder auch mal konstruktive Diskussionen darüber, was es eigentlich heutzutage bedeutet, ein Mann zu sein – alles Themen, denen sich der Maskulismus widmen könnte, ohne sich in kindisches Feministinnenbashing zu verlieren und täglich den Untergang des Abendlandes daher zu faseln, nur weil Frauen jetzt arbeiten gehen dürfen!

Dies nur als winziger Denkanstoß in Richtung der Maskulisten, weil offensichtlich von denen niemand auf so etwas naheliegendes kommt!

Was dagegen definitiv kommt, ist der nächste Movember, in elf Monaten. Ich bin gespannt, ob es dann endlich jemand schafft, darüber zu berichten, oder ob ich auch dann von gewohnter Stelle wieder nur belanglose, latent oder offen frauenverachtende Scheiße oder ein Gejaule darüber, was die bösen Feminazis jetzt schon wieder angestellt haben, lesen muss.

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