Die Tränen der Väter

Ich war da mal mit so nem Typen zusammen. Und weil ich eigentlich keine Beziehung anfange, ohne die altmodische Hoffnung zu hegen, mich dieses Mal für immer und ewig zu binden, habe ich mir damals weit vorauseilend, so ganz im Stillen und nur für mich allein schon mal Gedanken um Zusammenziehen, Heiraten, Kinderkriegen etc. gemacht.

Und nach einer recht kurzen Nachdenkphase schien für mich die logischste Lösung darin zu bestehen, dass ER Elternzeit nimmt und nicht ich.

Natürlich dachte ich hier an die Zukunft, also an die Zeit, in der meine Ausbildung abgeschlossen ist. Die Vorteile lagen für mich auf der Hand: Auf der eine Seite ich als Lehrerin, deren Arbeitszeit außer Haus höchstens bis in den frühen Nachmittag geht, oft aber auch schon früher beendet ist; darüber hinaus gibt es ja noch die vielen Ferien. Natürlich muss dennoch extrem viel vor- und nachbereitet werden, aber das lässt sich ja sehr gut nach Hause verlagern (und wird von den meisten auch so gemacht).
Dagegen er: Schichtdienst, längere Arbeitszeiten, hohe psychische und physische Belastung. Und dafür bekam er nur die Hälfte von meinem späteren, hypothetischen Gehalt.

Sprich: Er würde nach der Arbeit oft zu kaputt sein, um überhaupt was von seinem Kind zu haben, schlafen gehen, wenn es gerade wach geworden ist (was doppelt unschön für das Kind ist: Erstens hat es nichts von seinem Papa und zweitens muss es dann zuhause auch noch still sein, während er schläft), viele der wichtigen Momente verpassen, die in der Baby- und Kleinkindzeit so wichtig sind und eine Bindung schaffen. Und ich? Wäre selbst bei voller Arbeitszeit mittags zuhause – meilenweit idealer, selbst wenn ich dann noch weiter arbeiten muss. Man wäre ja zumindest in Rufweite, ne.

Das war meine kleine Vorstellung als total verliebtes Mädchen.
Aber mein Ex hat davon nie etwas erfahren.

Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie er auf einen solchen Vorschlag reagiert hätte. Und seine Eltern. Und MEINE Eltern. Und seine Freunde. Und MEINE Freunde. Einige wären vielleicht zu höflich gewesen, um was zu sagen, aber da sich vor allem meine Familie gerne mit herablassender Häme schmückt, hätten wir uns das vermutlich für den Rest unseres Lebens anhören müssen.

Ein Mann in Elternzeit! Wie weibisch!

So ist das halt. In einer Welt, in der Frauen Jungs aktiv davon abhalten, beim Spülen zu helfen, weil „ich das irgendwie nicht will, wenn auch Mädchen dabei sind“ (Halt’s Maul, Oma…) ist ein Mann, der daheim bleibt, um sich um das Baby zu kümmern, während die Frau arbeiten geht, ein absolutes Kuriosum, ja, geradezu ein Ärgernis. Leider war und ist das MEINE Welt, eine Welt, die mir nach all den Jahren, in denen meine angeblich so unmädchenhafte Art ein beständiger Streitpunkt war UND IST, immer noch im Nacken sitzt, immer noch an mir nagt, mich immer noch fast wahnsinnig macht. Eine Welt, in der ich mir von der Hälfte meiner Familie todlangweilige Erfahrungsberichte mit dem neuen Wunderputzlappen von QVC anhören muss, während die andere Hälfte genauso unspannende Scheiße über den letzten Bundesligaspieltag von sich gibt. Dreimal dürft ihr raten, wie die Geschlechterverteilung bei diesen hochbrisanten Themen aussieht.

Vielleicht muss man sowas ja hautnah erlebt haben, um sich vorstellen zu können, welcher Widerstand manchen Vätern in Elternzeit begegnet, vor allem, wenn man nicht in der topmodernen Großstadt wohnt. Daher bot mir dieser Artikel über die Diskriminierungserfahrungen eines jungen Vaters eigentlich nicht viel neues, vor allem nichts schockierendes, auch wenn ich sowas noch nie aus erster Hand miterlebt habe – wie auch, wenn ich keinen einzigen Vater kenne, der Elternzeit genommen hat?

Aber authentisch, ja, definitiv, das verlangt mir nicht viel Phantasie ab, bei dem ein oder anderen Spruch könnte ich meinen, der stamme von meiner Tante/meiner Oma/meiner anderen Tante.
Umso schockierter war ich daher von der Reaktion auf diesen Artikel, die mir eben auf Twitter entgegen schlug. „Feindselig“ wäre dafür noch ein Euphemismus.

An solchen Tagen frage ich mich, was gewisse Personen eigentlich unter „Feminismus“ verstehen. Beispiel „Wickeltisch in der Damentoilette“: Das ist, wie ich eben schon twitterte, ein geradezu wunderschönes Beispiel dafür, wie die ein und selbe Sache beide Geschlechter gleichzeitig diskriminieren kann. Es diskriminiert Frauen, weil automatisch davon ausgegangen wird, dass sich nur die Mutter um das Kind kümmert, und es diskriminiert Männer, weil… naja, eigentlich aus dem selben Grund, ne?

Letztere Diskriminierung völlig auszublenden, ist, wenn man mal um mehrere Ecken denken will, im Grunde eine Abwertung der Kindererziehung generell und eine Abwertung der Mutterrolle im Besonderen – denn wenn hier keine Diskriminierung vorläge, hieße das ja, dass es nicht „schlimm“ ist, auf diesen „Service“ verzichten zu müssen. Auch wenn dieser Service notwendig ist, um die Kinderbetreuung zu gewährleisten. Was aber ja egal ist, weil das macht ja sowieso niemand gerne. Versteht ihr was ich meine?

Aber so kompliziert muss es ja gar nicht sein. Ich frage mich einfach, warum es für viele so unglaublich scheint, auch als Mann genervt zu sein, wenn man wie ein dummes Schulkind behandelt wird?

Ich musste mein Leben lang gegen Rollenerwartungen kämpfen, die an mich gestellt worden sind und die ich nicht ausfüllen wollte. Ich weiß, wie beschissen schwer das ist und wie traurig das macht. Daher feiere ich jede Frau, die ihren Weg gegangen ist und jetzt in einem als typische Männerdomäne bezeichneten Bereich tätig ist, denn das erforderte Mut. Aber bei Männern, die stattdessen andersrum eine angeblich typisch weibliche Tätigkeit übernehmen, geht mir das genauso.
Damit meine ich keine Dinge im Haushalt, das sieht ja eh keiner, sondern eine Rolle, die er außen vertritt, Dinge, die sichtbar sind, zum Beispiel das Ergreifen eines „weiblichen“ Berufs oder eben Elternzeit, etwas, mit dem man sich in gewissen Kreisen angreifbar macht. Wenn ich jetzt so drüber nachdenke, habe ich glasklar das Gesicht meines Onkels vor Augen, wenn er von einem solchen Fall hören würde, seine herabgezogenen Mundwinkel, das Funkeln in seinen Augen, seine halb spöttische, halb wütende Stimme, wenn er leise zischen würde: „Tze… Schwuli.“

Nur würde er das einem solchen Vater nicht ins Gesicht sagen. Offene Feindseligkeit ist in solchen Fällen dann doch etwas schwer, man hat ja doch ein Minimum an Erziehung. Herablassende „Tipps“ dagegen… da ist die Hemmschwelle niedriger, DAS kann man ja mal fliegen lassen, erst Recht, wenn man das Gefühl hat, es besser zu wissen. Vor diesem Hintergrund halte ich es eigentlich für verständlich, dass der Autor mehrheitlich von Frauen blöde Sprüche kassiert hat, auch wenn es bei diesem ganzen Machogehabe, was viele Männercliquen noch durchzieht, extrem einseitig anmutet, nur von Diskriminierungen durch Frauen zu sprechen. Andererseits, vielleicht ist sein Freundeskreis ja auch tatsächlich topmodern – über etwas schreiben, was er tatsächlich noch nie erlebt hat, ginge ja auch schlecht, ne? Dafür spricht, dass er nur von Erfahrungen mit Fremden schreibt.

Solche Erlebnisse anzuerkennen und, keine Ahnung, was Artikel dieser Art eigentlich auslösen soll… vielleicht ein bisschen darauf achten, sich zu solidarisieren? – also, solche Erlebnisse anzuerkennen wertet doch andere Erlebnisse in keinster Weise ab, oder? Ich las nun so viel über den täglichen Kampf, den Mütter ausfechten müssen, aber sind solche Erfahrungen weniger wert, wenn man nun auch noch eine andere Seite beleuchtet? Ich finde ja nicht.

Aber ist es nötig, so etwas einen gesonderten Artikel zu widmen? Definitiv ja. Denn auch, wenn sich viele Erfahrungen, gerade in Bezug auf saublöde Kommentare von selbsternannten Besserwissern, überschneiden oder sehr ähnlich sind, ist doch der Grund des Angriffs ein anderer. Da wird vielleicht eine Mutter mit unglaublicher Penetranz über die Auswahl des richtigen Babybreis belehrt, weil sie außerdem arbeitet/besonders jung ist/auf irgendeine andere Weise nicht in das Schema der „perfekten Mutter“ passt, hier geht es nun um einen Mann, dem sein Vatersein schwer gemacht wird, weil er ein Mann ist.

Kennen wir das nicht? Ist das jetzt nicht scheiße, oder was?

Wem das als Grund nicht ausreicht, mag ja mal darüber nachdenken, was das für Frauen bedeutet. Wenn der Mann die Erziehungsarbeit nicht in dem Maße leisten kann oder will, weil er solche Erfahrungen nicht ertragen kann oder will, tja, wer bleibt dann übrig? Die Mama natürlich. Womit das Bild des haushaltenden Muttchens noch für ein paar weitere Jahrzehnte zementiert wird und alle Abweichungen angefeindet werden – ob nun ein Mann, oder, was weitaus öfter der Fall ist, eine Frau sich eine solche leistet.

Das ist einer der klassischen Fälle, in denen Frauen- und Männerinteressen Hand in Hand gehen und daher finde ich es unglaublich beschämend, von manchen Feministinnen hier von „male tears“ zu lesen. Ist Kindererziehung nicht schon verantwortungsvoll und schwer genug, muss man sich nun auch noch zusätzlich anhören, dass man sich nicht so anstellen soll?

Wie um alles in der Welt will man mehr Männer in die Elternzeit bekommen, wenn deren Ängste und Nöte nicht angehört und ernst genommen werden?

Ich glaube nicht, dass der Autor geheult hat, als er den Artikel schrieb. Aber selbst wenn er in einer Verfassung war, die so etwas möglich machen würde, hat er als echter Mann vermutlich in sich hinein geheult.

Nichts anderes wird offensichtlich von ihm erwartet.

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