#nudelnmitketchup – über dieses Hashtag (und über mich)

Erst muss ich mal ein Geständnis machen. Aufgepasst. Wird hart. Fertig? Also los:

Ich glaube, ich habe in meinem ganzen Leben noch nie Nudeln mit Ketchup gegessen.

Also, Nudeln mit Ei und Ketchup, okay, öfter. Oder Nudeln mit zu wenig Käsesoße, aufgepeppt mit Ketchup. Aber einfach nur Nudeln mit NUR Ketchup, daran kann ich mich nicht erinnern.

Trotzdem steht dieses Gericht auch bei mir metaphorisch für Elend, Armut, am-Existenzminimum-herum-krebsen. Deshalb habe ich diesen Hashtag vorgeschlagen.

Aber warum eigentlich? Mal ein bisschen Chronologie:

Gestern also dieser doofe Spiegelartikel, dessen Titel ich schon Stunden vorher gelesen hatte, ohne ihn anzuklicken, weil ich mir schon dachte, dass sich da nichts grandioses hinter versteckt, den ich dann aber doch lesen musste, nachdem sich einige Leute in meiner Timeline über ihn aufregten.
Tatsächlich fand ich ihn relativ harmlos. Das Schlimmste daran war eigentlich, dass er einfach nicht sonderlich witzig ist (um eine Bloggerkollegin zu zitieren: „Das ist doch nicht lustig :/“). Aber manchmal verursachen auch Nichtigkeiten eine Lawine, wenn sie den richtigen Nerv treffen.

Aber ich greife vor. Jedenfalls hat mich diese locker-elitäre Scheißegalhaltung des Autors ein bisschen genervt. Zu diesem Zeitpunkt eigentlich nicht mehr. Das ist einfach eine Art Klassismus, die einem viel zu oft begegnet, als dass es mich noch groß stören könnte, und eigentlich kann er persönlich ja auch nichts dafür, aus einer Akademikerfamilie zu stammen (falls es denn stimmt) und gar nicht zu wissen, was für ein Scheißglück er hatte, gleich dreimal studieren zu können.

Aber ja, es nervt halt. Also gab ich ein Statement ab, das noch gar nicht so sehr gegen irgendjemand im Speziellen ging:

Damit hätte es eigentlich schon erledigt sein können (abgesehen von meiner leichten Verwunderung, dafür für meine Verhältnisse so viele Retweets zu kassieren – ich bin normalerweise schon wegen einem überglücklich). Aber dann fing @harryliebs an, ein paar Erlebnisse zu twittern, z.B. das hier:

Und da wurde mir klar: Das braucht doch nen Hashtag!

Zusammen mit @harryliebs und @Marenleinchen66 gab es dann ein bisschen Brainstorming, bis der Hashtag das Licht der Welt erblickte. Ich posaunte es raus, schrieb ein paar Tweets und ging schlafen.

Und jetzt? Dieser gottverdammte Hashtag ist momentan Platz 1 in den Trends und ich hab plötzlich 50 Follower mehr (wenn man bedenkt, dass ich vorher nur 83 hatte…!).

Das muss man sich mal reinziehen!!! Vorgestern, als sich ein neuer Follower zu mir verirrte, dachte ich noch: „Yay, wenn es so weiter geht, bin ich in ein paar Monaten dreistellig! Meinen 100. Follower begrüße ich dann aber persönlich!“ – Und jetzt ging das über Nacht so schnell, dass ich gar nicht sehen konnte, wer jetzt Nummer 100 gewesen war.

Das macht mich ein bisschen stolz (irrationalerweise – ich hab ja eigentlich nix gemacht). Aber während ich wirklich versuche, alle #nudelnmitketchup-Tweets zu lesen, gibt es natürlich darunter (neben dem üblichen Getrolle) auch reflexartig Kritik. Zumindest einen Kritikpunkt – nämlich, dass es uncool ist, nur über Klassismus im Unialltag zu twittern – kann ich sogar nachvollziehen.

Zu meiner Verteidigung kann ich nur sagen, dass ich eh nicht glaubte, irgendjemand außer zwei oder drei der Follower, mit denen ich mich öfter unterhalte, würde den Hashtag benutzen. Ich bin gleichzeitig aber heilfroh, dass ein anderer Vorschlag (#art26, nach Artikel 26, dem „Recht auf Bildung“ in der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte) verworfen worden ist, denn DER wäre dann wirklich nur auf Schul- und Unialltag beschränkt gewesen. #nudelnmitketchup hingegen darf gerne für alle Klassismuserfahrungen benutzt werden, die es so gibt – es würde mich sogar freuen.

Dennoch nervt es mich extrem, wenn einige, die sich quasi berufsmäßig mit Privilegien welcher Art auch immer beschäftigen, direkt eine solche Aktion kritisieren, weil es Leute „ausschließt“ oder „unsichtbar macht“, und anregen, doch direkt mal eine Diskussion über die Strukturen und Mehrfachdiskriminierungen etc. anzufangen.

Sorry, aber das ist mir zu akademisch und in meinen Augen auch Klassismus. Und genau daran krankte auch diese sogenannte „Klassismus-Debatte“ (die in meinen Augen keine war – zwei oder drei saudumme „Beschwert euch nicht!“-Artikel neben vielen, vielen krassen Erfahrungsberichten von Betroffenen machen noch keine Debatte!), von der im März die Rede war und von der ICH beispielsweise an prominenter Stelle ausgeschlossen wurde, weil ich mit der Meinung mancher Leute nicht konform gehe, was ich einfach nur unglaublich verletzend fand (mich allerdings nicht sonderlich überraschte).

Ich finde es okay, erst einmal Erfahrungsberichte zu sammeln, ein Bewusstsein zu schaffen. Muss man das innerhalb kürzester Zeit akademisieren?

Sollte das Hashtag noch ein paar Stunden überleben, wird sich diese Frage leider nur allzu schnell beantworten -.-

Für mich persönlich stellt sich jetzt allerdings ein anderes Problem, wenn ich die ganzen Tweets lese. Ich fange an, mich schlecht zu fühlen, wenn ich von Leuten lese, die tatsächlich oft nichts anderes zu essen hatten. Das ist einfach nur so megascheiße und tut mir unheimlich leid.

Ich wäre wahrscheinlich öfter auch nicht drumrum gekommen, wenn ich nicht vom Land käme und wir nach der Maxime leben würden: Hauptsache Essen auf dem Tisch, der Rest ist Luxus. Zwar esse ich auch heute noch meistens nur Nudeln, aber wenigstens habe ich eine ordentliche Soße dazu (= passierte Tomaten mit Gewürz und vielleicht Käse und so). Denn auch in der Zeit, als es mir finanziell am schlechtesten ging und ich nach Abzug aller Fixkosten noch 200 Euro zum Leben hatte, habe ich davon erst Essen gekauft und wenn dann nichts mehr übrig war, musste ich halt kucken, wie ich mich den Rest des Monats selbst unterhalte (zum Beispiel, indem ich mich hinsetzte, um meine einzige Jeans zu flicken).

Inzwischen geht es mir etwas besser. Ich befinde mich momentan in einer seltsamen Grauzone. Ich habe tatsächlich 30.000 Euro Schulden wegen meines Studienkredits – aber ich habe auch 3000 Euro auf meinem Girokonto. (Richtigerweise müsste ich also von 27.000 Euro Schulden reden. Man möge mir es verzeihen.)
Das Geld habe ich in den letzten zwei Jahren gespart, als ich endlich einen Job fand. Der Lohn besserte meinen monatlichen Studienkredit in einer Weise auf, die mir endlich ein wenig Luft verschaffte. Heute kann ich sagen, dass ich mich nicht mehr in einer Kneipe an einem Cola festhalten muss, weil es für mehr nicht reicht, sondern auch mal auf den Putz hauen kann, wenn ich will.

Aber oft genug, wenn ich gerade irgendwo stehe und was sehe, was ich haben will und ich einfach glücklich bin, weil ich es mir LEISTEN KANN – oft genug fallen dann urplötzlich meine Schulden auf mich herab wie das Beil einer Guillotine. Und das war’s dann mit der Freude.

Ich denke, ich bin weit davon entfernt, wirklich arm zu sein. Das ist mir klar, das habe ich auch schon in meinem ersten Beitrag über Klassismus heraus gestellt, hoffe ich. Dennoch habe ich einige unschöne Dinge erlebt, bin genervt von Kommilitonen, die einfach nicht checken, dass nicht jeder so viel Geld hat wie sie, kenne das Gefühl, wenn plötzlich 5 Euro fehlen und man nicht weiß, wen man anpumpen soll, weil man sich so schämt.

Natürlich sind das alles irgendwie first world problems. Ich hätte ja auch einfach eine Lehre machen können, wie mir meine Oma nicht müde wird vorzuhalten. Auch will ich auf gar keinen Fall den Eindruck erwecken, alle meine Probleme resultierten aus klassistischen Benachteiligungen. Da spielt noch sehr viel mehr mit rein, unter anderem ein paar persönliche Befindlichkeiten und dann auch noch schlicht die Tatsache, dass ich ebenfalls ein Uni-Loser bin. Ich hätte schon vor Jahren fertig sein können – dass ich es nicht bin, daran hat z.B. der aus finanziellen Gründen nicht zu vermeidende Umstand, oft bis spät nachts oder früh morgens arbeiten zu müssen und dann am nächsten Tag einfach zu kaputt zu sein, um ein Unibuch in die Hand zu nehmen, nur marginal Anteil.

An vielen, vielen Dingen bin ich selbst Schuld. An anderen aber halt auch nicht. Und das ist scheiße – unabhängig davon, dass ich die größte Scheißzeit hinter mir habe und endlich Hochdeutsch kann und der ganze andere Schrott.

Gleichzeitig heißt das jedoch nicht, dass ich andere nicht sehe, denen es viel dreckiger geht, ob sie jetzt studieren oder nicht. Ich hoffe einfach sehr (gegen besseres Wissen…), dass diese unbedarfte Aktion, die plötzlich zu einer Lawine wurde, die für mich viel zu groß ist (was aber doch auch nur deutlich zeigt, wie unzufrieden viele mit dem bestehenden System sind), weiter geht, ohne dass es plötzlich in einer Schlägerei nach allen Seiten ausartet und jeder dem anderen die Butter auf der Stulle nicht gönnt. Man kann sich über bestehende Ungerechtigkeiten beschweren, ohne die Leute zu vergessen, denen es noch viel schlechter geht.
Ich frage mich immer, ob Leute, die so etwas anprangern, null multitaskingfähig sind, denn ich kann in der Tat an beides gleichzeitig denken (und noch einiges mehr).

Vergessen wir doch bitte nicht die wahren Feinde. Nämlich die Bonzen da oben :mrgreen:

Einer davon schreibt jetzt also für Spiegel Online. Wie gesagt – ich gönne es Leuten wie ihm ja, nicht bedürftig zu sein. Wenn ich studierte Eltern hätte und die Möglichkeit, gleich dreimal ein Studium anzufangen, hätte ich es vielleicht auch gemacht. Nur ist das eben halt auch keine Leistung. Das scheinen er und die anderen Wohlstandsbubis leider oft zu vergessen, wenn ich mir jetzt ansehe, wie er sich über #nudelnmitketchup lustig macht. Dabei fing er gerade an, mir Leid zu tun, weil ich nicht davon ausgegangen bin, dass er den jammerigen sexistischen Unterton und den subtilen klassistischen Hauch, der sich durch seinen Text zieht, wirklich bewusst beabsichtigt hat, und er dieses ganze Gebashe vielleicht nicht verdient hat.

Aber naja, das war halt einmal -.-

Er wird jetzt also bald „Literarisches Schreiben“ studieren. DAS wäre ja was. Ein absoluter Traum für mich. Stattdessen studiere ich Lehramt, also was langweilig-bodenständiges, weil ich mir allein den Gedanken, später vielleicht aufgrund eines unnützen Abschlusses, der auf einem reinen Interessenstudium basiert, keinen Job zu haben, nicht leisten kann (ich werde trotzdem mit aller Kraft versuchen, eine gute Lehrerin zu sein, wenn es mal soweit ist – aber mein Lebenstraum ist es halt nicht gerade).

Ich würde mir wünschen, dass er und alle anderen, die sich jetzt so smart darüber lustig machen, vielleicht irgendwann verstehen, wie es ist, nicht alle Möglichkeiten offen stehen zu haben.

Aber auch das ist wohl nur so ein blödsinniger Traum.

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