Jakobsweg: 6. Etappe: Lleida – Fraga (13,8/32 km)

Kilometer: 132

Heute schlief ich mal etwas laenger, bis 6 Uhr. Wie gesagt, ich hatte vor zu schummeln!

Auch das ist bei manchen Pilgern unendlich verpoent, aber ganz ehrlich: Wie sich dieser Camino mir streckenweise praesentiert, hat fuer mich recht wenig mit pilgern zu tun. Die Wege neben der Nationalstrasse sind nicht so cool, aber auszuhalten, auch kann ich es verkraften, immer noch allein zu sein, aber diese Industriegebiete gehen – einfach – gar – nicht. Eben ein solches sollte sich mir bei dieser Etappe aber nach etwa der Haelfte wieder praesentieren.
Ich kann das nicht. Ich hasse stinkige Industriegebiete auch schon, ohne stundenlang hindurch wandern zu muessen. Das geht eindeutig ueber meine Kraefte!

Ich hatte also beschlossen: Ich gehe ca. 14 km bis nach Alcarrás und nehme ab dort den Bus nach Fraga. Dadurch werde ich den Weg um 18 km verkuerzen. Und das finde ich okay. Der Gesamtweg von Montserrat bis nach Santiago belaeuft sich auf 1089 km – was machen da schon die paar Meter?
Das ist ja auch MEINE Sache. Und den Camino zu gehen, das ist fuer mich ein grosses Ding. Als ich 2010 auf meinem ersten Jakobsweg unterwegs war, erzaehlte ich schon zwei Wochen vor dem Ziel jedem, der es hoeren wollte (und vermutlich auch einigen, die es NICHT hoeren wollten), dass ich vorhatte, am Kap Finisterre ein Bild von mir mit triumphierend in die Luft gereckten Pilgerstab und Victory-Zeichen, das Meer im Hintergrund, zu schiessen.
Das tat ich dann auch. Es war genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich nannte es mein Siegerposen-Bild. Aber was sagte da eine altbekannte Pilgerin zu mir, die ich einen Tag spaeter kurz vor der Abfahrt zurueck nach Santiago in Fisterra wieder traf, und der ich das, gluehend vor Stolz, erzaehlte? „Glaubst du, du hast dir das verdient? Immerhin bist du ja auch mal Bus gefahren.“
Ich war absolut sprachlos. Denn JA, ich bin auch schon bei meinem ersten Camino auch mal Bus gefahren. Ich hab das nie genau ausgerechnet, aber ich schaetze, ich habe von 940 km (den Weg nach Finisterre habe ich auch noch halb beschritten) ca. 90 uebersprungen. Kann man bloed finden, muss man aber nicht. Im Umkehrschluss heisst das aber immer noch, dass ich 850 km zu Fuss gegangen bin!
Fuer mich als untrainierten Menschen war das eine riesige Leistung, die mir NIEMAND zugetraut haette. Ich glaube, auch mit ein bisschen Schummeln kann ich da zurecht stolz auf mich sein. Und dann kommt die bloede Kuh und sagt sowas! Uebrigens voellig arglos… ich glaube, die hat echt nicht kapiert, wie beleidend das eigentlich war!
Vor allem geil deswegen: Sie ist erst in Avilés losgegangen – ueber 500 km NACH mir! o.O

Egal. Dann bescheisse ich halt in den Augen mancher. Ich sehe das nicht so eng. Zumal demnaechst eine Etappe kommen wird, die ich teilweise ueberspringen MUSS, da sie fuer meine Verhaeltnisse eindeutig zu lang ist. Aber solange ich ueber 1000 km bleibe, ist mir das ehrlich gesagt egal.
1000 km – das ist mein persoenliches Ziel. Das moechte ich schaffen. Weil ich sagen koennen moechte: „Ich bin 1000 km zu Fuss gegangen, bitches!“ Und was andere darueber sagen, dass ich ein wenig geschummelt habe, interessiert mich ehrlich gesagt nicht.

Damit habe ich 89 km zu verpulvern :mrgreen: Bzw. 71, nach dem, was heute davon schon abgeht.

Der Anfang war sogar noch ganz schoen. Ich haette es ja nicht geglaubt. Mein Pilgerfuehrer hatte von einem schoenen Weg neben dem Fluss Segre geschwaermt, aber da ich diese Drecksbruehe ja schon gestern ausfuehrlich betrachten konnte, traute ich dieser Beschreibung nicht. Im Endeffekt war es dann aber doch ein sehr angenehmer Weg. Nachdem ich Lleida verlassen hatte, durfte der Segre wieder in einem naturnahen Bett fliessen und ich lief auf einem von Baeumen ueberschatteten Spazierweg daneben.
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So lief ich einige Zeit, aber schon ab Butsénit, dem ersten kleinen Ort heute nach 8,4 km, wurde es leicht aetzend. Dort fing bereits das Industriegebiet von Alcarrás an.
Noch ging es allerdings durch Felder, dann wurde es immer industrieller. Das bestaerkte mich in meinem Vorhaben, den Bus zu nehmen!

Alcarrás war ein Ort mit immerhin knapp 5000 Einwohnern, ich war also guter Hoffnung, auch wirklich einen Bus zu kriegen. Ein aelter Herr jedoch, den ich nach einer Bushaltestelle fragte, wiegte den Kopf. Es gaebe einen Bus nach Fraga, aber wann der kommt…! Er glaubte um viertel nach 1, war sich aber nicht sicher.
Der Plan an der Bushaltestelle war dann aber auch leider voellig unverstaendlich.

Spanien fun fact 8: Jean-François Champollion wuerde es VIELLEICHT schaffen, spanische Busplaene zu entziffern, aber die kleine Robin Urban ist damit schlichtweg ueberfordert.

Soweit verstand ich den Plan jedenfalls: Ein Bus nach Fraga, den GAB es gar nicht! Es fuhr zwar ein Bus in die Richtung, allerdings bog der vorher ab und fuhr woanders hin.
Was soll der Scheiss, dachte ich, schnappte mein Zeug und streckte den Daumen raus. In Alcarrás herrschte ein heftiger Durchgangsverkehr, aber obwohl ich bestimmt eine halbe Stunde rueckwaerts Richtung Ortsausgang schlich, hielt keine Sau an. Ein paar winkten, aber das wars auch schon.
Grmpf. Keine gute Zeit fuer Tramper. War das frueher nicht mal die leichteste und billigste Art gewesen, um durch Europa zu touren?

Am Ortsausgang gab ich auf und ging zurueck zur Bushaltestelle. Ich hatte mir ueberlegt, einfach den Busfahrer zu fragen. Vielleicht gab es ja von einem der Orte, wo er hielt, einen anderen Bus nach Fraga.
Bis viertel nach 1 war es noch eine Stunde, eigentlich genug Zeit, noch irgendwo was zu trinken, aber ich entschied, lieber an der Bushaltestelle zu warten. Und das war genau richtig! Denn um viertel VOR 1 kam ein Bus angefahren – und darauf stand gross „Fraga“ drauf!!

Mein letztjaehriger Jakobsweg, als ich nicht gehen konnte, hatte mich gelehrt, den spanischen Nahverkehr zu hassen. Doch DAS war der Hammer! Endlich einmal Glueck!

Ich bezahlte 1,68 (acht-und-sechzig!!!) fuer den Bus, dann ging es los. Waehrend der Fahrt sah ich immer wieder gelbe Pfeile auf der viel befahrenen Nationalstrasse. Wenn ich mir das so ansah, war es absolut richtig gewesen, diese Teiletappe zu ueberspringen!

Fraga, ein Ort mit 13.000 Einwohnern, lag an einer Seite von Bergen eingezwaengt in einem Flusstal, durch das sich mitten durch eine braune Bruehe waelzte. Keine Industrie, nur Dreck. Es hatte in den vergangenen Naechten viel geregnet und deshalb fuehrte der Fluss Hochwasser.
Ich stieg aus und war absolut euphorisch. Gerade 14 Uhr und schon da! Jetzt nur schnell die Herberge finden (mein Pilgerfuehrer half mir, wie ueblich, ueberhaupt nicht).

Ich fragte einen Opa nach dem Weg zur Touristeninfo. Der dachte kurz nach und gab mir dann eine knappe, exakte Beschreibung, die ich komplett verstand. Haette ich nur mehr Vertrauen in ihn und auch in meine Spanischkenntnisse gehabt, denn als ich etwa die Haelfte des Weges, den er mir beschrieben hatte, gegangen war, bog ich lieber auf eigene Faust irgendwo ab.
Das war falsch. Ich irrte in engen Gassen umher und kam schliesslich zwischen einer Kirche und einer Bar raus. Ich lenkte meine Schritte zur Bar, um dort nochmal zu fragen.
Ein Typ vor der Bar sprach mich an. „Perdón, no hablo español,“ antwortete ich.
„Ah, no entiendes?“ gab er im herablassenden Tonfall zurueck und laberte dann noch etwas auf katalanisch. Danach brach er sowie der ganze Tisch in haemisches Gelaechter aus.
Ja, ja, macht euch nur lustig ueber die Auslaenderin, die eure Sprache nicht spricht. Ich hatte schon genug von dieser Stadt -.-

Der Barkeeper konnte mir leider auch nicht helfen. Obwohl ich explizit nach der Touristeninfo fragte, dachte er, ich wolle einen Stempel fuer meinen Pilgerausweis, und zeigte auf die Kirche gegenueber. Nachdem er das noch dreimal wiederholt hatte, gab ich auf. Ich sah mir die Kirche dann sogar tatsaechlich an, weil ich dachte, da koennte man mir vielleicht helfen, aber laut Aushang hatte sie zwischen halb 1 und halb 9 geschlossen. Das war mir zu lang zu warten, also ging ich wieder.

Ich fand dann tatsaechlich irgendwann die Touristeninfo, wo mir eine sehr nette Frau einen Stadtplan aushaendigte und mir den Weg zur Herberge einzeichnete.
Diese Herberge war laut meinem Pilgerfuehrer wieder mal in Nonnenhaenden und eigentlich ein Altenheim. Das erreichte ich auch schnell, nachdem ich den Fluss wieder ueberquert hatte.

Und dort erwartete mich wieder mal eine Ueberraschung. Nachdem sowohl die Schwester am Empfang als auch die junge, nicht ordinierte Altenpflegerin mich nicht verstanden, riefen sie noch eine junge Pflegerin, die englisch sprach. Die sagte mir schliesslich dieses: „There is no Albergue. Albergues are for poor people.“
Ich runzelte die Stirn. „Verzeihung, ich meine ja eine Pilgerherberge. Und Pilgerherbergen sind nicht fuer Arme, sondern fuer Pilger.“
Das schien alle drei gruendlich zu verwirren. Aber nach langem Hin und Her verstand ich schliesslich: Dies war mal eine Herberge gewesen, jetzt war es das aber nicht mehr. Pilger schlafen jetzt auf dem ewig weit entfernten Campingplatz.

Das darf doch nicht wahr sein. Ich bin ja jetzt vom camino catalán schon gewoehnt, dass es kaum Herbergen gibt. Aber es ist EINE Sache, definitiv zu wissen, dass ich mir ein Hostal suchen muss, aber eine voellig andere, von der gottverdammten TOURISTENINFORMATION zu einer total falschen Stelle geschickt zu werden!!!

Das sagte ich auch der englischsprechenden Pflegerin. Die zerfloss sichtlich vor Mitleid. Genau wie die andere, die kein englisch konnte, die mir aber auf spanisch erzaehlte, dass sie im Jahr davor auf dem Camino francés gewandert war und meinen Aerger verstehen koenne.
Sie bedeuteten mir, zu warten. Sie debattierten eine Weile. Und dann kamen sie wieder und eroeffneten mir: Ich koennte doch bleiben, es gaebe die alten Raeumlichkeiten der Herberge schliesslich noch!

Ich war relativ platt, nahm aber freudig an. Das war aber auch wirklich SEHR nett!

Sie zeigten mir die etwas muffigen Oertlichkeiten und sagten mir, dass ich um halb 8 wieder da sein solle, wenn ich noch vorhabe, in die Stadt zu gehen, dann schliessen sie naemlich. Damit hatte ich kein Problem. Ich musste zwar wirklich noch in die Stadt zum Einkaufen, wollte aber auch frueh schlafen gehen. Morgen wird eine harte Etappe!

Ich ging duschen und verliess dann das Zimmer. An der Rezeption sass inzwischen eine andere Nonne. Von meinen beiden jungen Engeln war nichts zu sehen, dafuer war eine andere Altenpflegerin da, die ziemlich muerrisch wirkte und ein irgendwie schiefes Gesicht hatte. Ich winkte, dann ging ich in die Stadt.
Ich hatte einige Dinge zu erledigen. Erst ein bisschen Internet, dann musste ich mir eine neue Duschgel-Shampoo-Kombination kaufen, weil ich meine in Cervera stehen gelassen habe -.- Und weil es in dem Altenheim keine Stempel mehr gab, musste ich mir sonstwo einen besorgen. Dazu ging ich zur Polizei, wo das fix erledigt wurde. Ich kam auf dem Weg an der Touristeninfo vorbei und wollte der Tussi da drin sagen, dass sie Pilger nicht mehr zu diesem Altenheim schicken solle, aber die hatte schon geschlossen.

Danach war es schon fast so weit, zurueck zu gehen. Ich kaufte mir noch einen Doener (unglaublicherweise mit normaler Knoblauchsosse!), dann ging ich zur Herberge. Es war etwa 20 nach 7.

Die Rezeptionistin – WIEDER eine neue – begruesste mich misstrauisch. Konnte es sein, dass die nichts von der Pilgerin wusste, die heute zu Gast war?
Ich versuchte, ihr die Situation zu erklaeren, als auch schon Frau Schieffresse auftauchte. Sie redete auf spanisch auf mich ein. Ich verstand ueberhaupt nichts, ausser „eglesia San Juán“.
„No entiendo,“ sagte ich daher. Was dazu fuehrte, dass sie dasselbe nochmal von vorne laberte.
So ging das mindestens 5 Minuten lang. Ich wurde langsam etwas pissig. Glaubt die, ich lerne spontan spanisch, nur weil niemand zum Uebersetzen da ist?

„NO – ENTIENDO!“ sagte ich wieder, etwas lauter. Sie machte einfach weiter. „Blablabla eglesia San Juán blablaba…“
Irgendwas mit „zur Kirche San Juán gehen“. Wollte die, dass ich mir dort einen Stempel holen gehe? Das musste ich aber ja gar nicht, ich hatte ja schon einen. Ich facepalmte innerlich. „Si, señora, entiendo „Eglesia San Juán“, pero no entiendo porqué?“

Aber sie laberte immer noch stoisch immer wieder dasselbe. Und wie ich so in ihre grantige Fresse starrte, daemmerte mir da so langsam etwas. „Ach so – yo voy ahora? No duermo aqui?“
„Si,“ sagte sie. Dies waere keine Pilgerherberge. Ich solle mich verpissen.

Aha.

Ich war so sprachlos, dass ich mich nicht mal wehrte. Ich kann nur sagen… die Frau hatte Glueck, dass sie keine Sprache beherrschte, die ich sprechen konnte.
Ich kaute auf meiner Zunge, dann folgte ich ihr in mein Zimmer, das jetzt nicht mehr meines war. Ich packte meine Sachen, waehrend sie vor der Tuer wartete. Und dann geleitete sie mich zu einem Nebeneingang. Nicht mal den Haupteingang durfte ich benutzen – ich wurde aus dem Lieferanteneingang geschmissen wie irgend so eine Kuechenmagd!!!

„Gracias,“ sagte ich sarkastisch.
„Da nada,“ antwortete sie und knallte die Tuer hinter mir zu.

Ja, de nada!!! De nada AM ARSCH, du bloede Kuh!!!

Voellig betaeubt marschierte ich zum vierten Mal an diesem Tag ueber diese drecksverdammte Bruecke. Ich war gerade aus einem von Nonnen gefuehrten, christlichen Altenheim geschmissen worden. Auf dem Camino de Santiago. Als Pilgerin. Abends. Alleine!

Auch hier wieder: Es ist eine Sache, wenn sie von Anfang an gesagt haetten, dass sie halt keine Pilgerherberge mehr sind und ich mir was anderes suchen muss. Aber es ist nun mal was voellig anders, wenn sie zuerst sagen, ich koennte dort uebernachten, und mir dann fuenf Stunden spaeter doch einen Arschtritt verpassen!!! Ich kann nicht sagen, wie unendlich wuetend ich war!!!

Ich hatte die Kirche San Juán erreicht. Die selbe Kirche, vor der ich mittags schon mal gestanden hatte. Jetzt war sie offen. Ein Typ wuerde dort auf mich warten, so viel hatte ich immerhin verstanden.
Dieser Typ stand im Eingang und sah mir entgegen. „Hola! Qué tal?“
„Mal!“ rief ich.
Er wirkte milde verdutzt. „Ah, si?“

Und dann legte ich los. Ich breitete die gesamte Geschichte in all ihrer unchristlichen Graesslichkeit aus. Ich brach in wuetende Traenen aus. Ich fluchte unter dem Dach des Gotteshauses. Ich war fuchsteufelswild – merkte aber nach gut einer Minute, dass sich sein Gesichtsausdruck nicht im Geringsten veraendert hatte. „Do you speak english? Do you understand me?“ fragte ich also vorsichtshalber.
„No,“ antwortete er heiter.
Aaaaargh!!!

Er beruhigte mich sanft und erzaehlte mir, dass ich hier einen Wisch bekommen konnte, mit dem ich auf dem Campingplatz umsonst uebernachten duerfte. Ich hatte immer noch keinen Bock, dort zu uebernachten!!! Aber was sollte ich machen? Es war bereits viertel vor 8 und ich wusste immer noch nicht, wo ich schlafen werde.
„Zeigen Sie mir den Campingplatz auf der Karte,“ verlangte ich, denn ich war definitiv zu fertig, um mich bis dorthin durchzufragen oder einer Erklaerung zu folgen, die ich nur halb verstanden hatte. Ich hielt ihm den Stadtplan aus der Touristeninfo hin.
„Oh, das ist kein Problem… du gehst da hinten rechts und…“
„Nein, zeigen Sie ihn mir auf der Karte!“ Ich tippte mit dem Zeigefinger heftig auf den Plan. „EN – LA – MAPA!!!“
Er schenkte der Karte einen triefaeugigen Blick, dann sah er wieder die Strasse hinunter. „Also, dort hinten rechts und…“
„NO!!!“ Ich heulte schon wieder. Was fuer eine Drecksstadt, dieses Fraga!!! Mit Leuten, die offensichtlich nicht mal Stadtplaene lesen konnten!!!

Inzwischen hatte er wohl kapiert, dass ich mich nicht mit einem halbherzigen „tranquila“ abspeisen lassen wuerde. Das ist die spanische Standardantwort auf saemtliche Probleme des Alltags. Nur konnte ich nicht mehr „ruhig“ bleiben! Ich war jenseits von „ruhig“!!
Und so kapitulierte er und bot mir an, mich zu fahren, wenn die 8-Uhr-Messe zuende ist. Er war naemlich der Pastor. Dieses Angebot nahm ich voellig undankbar an!!

Dann musste ich noch in ein Seitengebaeude, um mir eben diesen Wisch zu holen. Dort wartete der Kuester oder der Diakon oder was auch immer das war. Der merkte auch, dass ich nicht „tranquila“ war und fragte, was los ist.
Ich stammelte die gesamte Geschichte auf spanisch runter. Das war ein grammatikalisches Desaster, aber immerhin verstaendlich, glaube ich. Ausserdem war es einfach schoen, sich auszukotzen.
„Y las hermanas dicen: ‚Tu debes ir! Aqui no hay camas para peregrinos!'“ Ich schloss mit einem heftigen Fingerzeig in Richtung eines riesigen Bildes von Papst Benedikt XVI., das an der Wand hing (in Spanien hat man offensichtlich noch nicht mitgekriegt, dass wir inzwischen einen neuen Papst haben). „NO ES CATÓLICO!!“

Eine buehnenreife Vorstellung. Der Diakon wirkte auch leicht mitleidig. Aber was sollte der machen? Der konnte ja auch nix dafuer.

Er gab mir diesen bloeden Wisch und fragte mich, ob ich vielleicht die Messe mitbesuchen wolle. Ich lachte laut und hart. Und das schien er zu verstehen.

Ich musste also eine halbe Stunde auf den Pastor warten. Ich liess mich auf einer Treppe paralell zur Eingangstuer der Kirche nieder, immer noch mit nassem Gesicht. Und ich sass kaum zwei Sekunden, als eine Frau mit einem grossen, schwarz emaillierten Kreuz um den Hals auf mich zu gestuerzt kam. Ob mir was fehle?
Als Antwort heulte ich noch mehr. Aber die Frau konnte englisch. Halleluja. Also erzaehlte ich die gesamte Geschichte nochmal, dieses Mal richtig. Und sie war absolut schockiert. „Rausgeworfen, nachdem sie schon gesagt haben, dass du dort schlafen kannst?! Also nein… da rufe ich morgen mal an!“
Es zeigte sich, dass Pilar (so ihr Name) auch eine Pilgerin war und den Camino francés schon per Rad bewaeltigt hatte. Sie war gerade auf dem Weg zur Messe und war froh zu hoeren, dass der Pastor mich wenigstens zum Campingplatz fahren wuerde. Dann schenkte sie mir einen Schokoriegel und ging in die Kirche.

Ich rauchte Kette, bis diese bloede Messe vorbei war. Danach redete ich noch ein bisschen mit Pilar (der Pastor wollte noch 10 Minuten mit irgendjemanden reden, letztendlich wurde es eine halbe Stunde). Die war wirklich unheimlich nett. Ein richtiges Kontrastprogramm zu dieser bloeden Altenpflegerin!

Dann ging es endlich zu diesem Campingplatz. Der Pastor hatte vorher gesagt, dass das hoechstens 10 Minuten zu gehen waeren. Eine freche Untertreibung. Von der Kirche aus haette ich mindestens eine halbe Stunde bis dorthin gebraucht. Teils ging es steil bergauf.

Dort angekommen lieferte er mich in der Campingbar ab, wo eine muetterliche Campingplatzbetreiberin mich in Empfang nahm. Ich war bereits jenseits von Gut und Boese, merkte aber, dass sie ueber mich redeten. Der Pastor sagte ihr, ich sei „depre“.
„No soy depre!“ fuhr ich dazwischen. „Soy… angry!“
Woraufhin der Pastor wieder mild laechelte und sich verpisste.

Die Campingfrau meinte, ich solle erstmal ankommen. Das tat ich. Was dazu fuehrte, dass ich vor lauter nachlassendem Stress wieder anfangen musste zu flennen. Ich bloede Heulboje!
Sie rief dann ihre Tochter, eine huebsche Mittzwanzigerin, die englisch konnte und uns resolut zwei Bier zapfte. Ihr erzaehlte ich die Geschichte dann ein viertes Mal, waehrend ich mein Bier runterstuerzte. Genau das hatte ich gebraucht. Es wurde dann noch ein zweites und ein drittes, als ein zweiter Pilger auftauchte – Salvatore. Allerdings ein Radfahrer.

Es wurde doch noch ein irgendwie cooler Abend. Drei Bier hatten mich bereits leicht betrunken gemacht. Man merkt, ich habe schon seit ueber einer Woche keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken. Und als ich am Schluss in meine Huette ging, schenkte mit Salvatore aus heiterem Himmel eine grosse Salami. „Ein Freund von mir macht die,“ erklaerte er. Na, das nehme ich doch gerne an.

Es war inzwischen halb 12. Mein Wecker stand auf halb 5. Das konnte ja nur gut gehen. Morgen wartet die Etappe auf mich, vor der mich seit einer Woche alle warnen!

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Jakobsweg: 5. Etappe: Castellnou de Seana – Lleida (30,4 km)

Kilometer: 118,2

Heute bin ich sehr gut aus dem Bett gekommen, genau wie geplant. Ich war frueh auf den Beinen und unterwegs – um viertel nach fuenf.

Ich weiss, viele Pilger finden es eigentlich ziemlich schrecklich, wenn so Leute wie ich so frueh los ziehen, aber ich brauch das einfach. Ich bin viel langsamer als die meisten und habe auf den normalen Wegen bei Hochbetrieb kaum eine Chance, einen ordentlichen Herbergsplatz zu ergattern. Dazu ist es einfach auch megamaessig demotivierend, staendig von anderen Pilgern ueberholt zu werden. Dem kann ich nur entgehen, wenn ich deutlich frueher losgehe als die meisten anderen.
Dazu die Hitze auf diesem Camino. Zwar wird es erst gegen 12 wirklich unangenehm (ich vertrage das doch deutlich besser als die meisten anderen – muss mein suedamerikanisches Blut sein), aber wenn ich bis dahin schon einen guten Teil der Strecke zurueck gelegt habe, laeuft es sich viel besser.

Aber ach, bevor ich losmarschierte, hatte ich noch eine Begegnung. Ich packte gerade meine Tasche, als ich etwas ueber den Boden huschen und sich zwischen meinen Schuhen verstecken sah. Eine Kakerlake.
Vor ein paar Wochen hat mein Mitbewohner mir eine Kakerlake aus Plastik in meine Teedose gelegt und ich haette ihn deswegen fast umgebracht, doch jetzt? Seufzte ich nur resigniert, wartete, bis sie weggekrabbelt war und schuettelte dann stoisch meine Schuhe aus (war nix drin – la cucaracha war wohl heute sóla unterwegs).

Jedenfalls, es war noch stockdunkel, als ich los ging, aber ausnahmsweise war der Weg mal gut markiert. Es war auch schwer, ihn NICHT zu finden, denn der Anfang war sehr gradlinig. Sobald ich das Dorf hinter mir gelassen hatte, ging es wieder durch Felder.
Sowas wuerde ich mich ja zuhause niemals trauen – also im Dunkeln mitten durch die Walachei wandern. Ich bin halt eine Schisserin. Aber auf dem Camino ist eben alles anders!

Dunkel.
Dunkel.

Ich kam gut voran und erreichte das erste Dorf (El Palau d’Anglesola, was fuer ein Name…), als gerade die Sonne aufging. Der Kirchturm, unter dem ich mich nieder liess, zeigte 7:20 Uhr an. Das verstimmte mich etwas. War ich wirklich so langsam gewesen?
Als eine Zigarette spaeter die Uhr immer noch die selbe Zeit anzeigte, war das Raetsel jedoch geloest. Die Uhr war stehen geblieben und eigentlich war es bei Ankunft 25 Minuten frueher gewesen.

Spanien fun fact 6: Wenn in Spanien eine Uhr richtig geht… dann ist das purer Zufall!
Nirgendwo sonst offenbart sich mir mehr, dass ich eben doch eine Deutsche bin…!

Der Kirchturm wurde auch in meinem Pilgerfuehrer angepriesen. Ueberhaupt, wenn man dem glaubt, dann steht in jedem noch so winzigen Dorf eine Kirche, die mindestens so bedeutend ist wie die Sixtinischen Kapelle! Nur interessiert mich das nicht so grossartig. Gibt es wirklich Pilger, die nach 30 km im Zielort noch eine ausgedehnte Besichtigungstour durchziehen?
IMG_0185Die Voegel waren so frueh am Morgen natuerlich wieder mal am Ausrasten. Und dann sah ich etwas, was mich dann DOCH beeindruckte: Stoerche! Auf dem Kirchturm! In einem riesigen Nest! (Davon erzaehlte mein Pilgerfuehrer allerdings nix.)
Der absolute Wahnsinn. Ich glaube, ich habe noch nie Stoerche in Echt gesehen. Wartet nur, bis ihr die Bilder seht! (Ich glaube, dieser Satz wird hier noch zum Running Gag!)

Hammer!
Hammer!

Es ging weiter. Wieder Felder, wieder Feldwege, meist leicht geschottert (meh), manchmal einfach nur festgetretener Grund. Im naechsten Dorf (Bell-lloc d’Urgell – fast noch schlimmer!) war es dann hoechste Zeit fuer eine richtige Pause und vor allem etwas zu essen!

Das bin ich!
Das bin ich!

Ich bestellte Cola und eine Tortilla de patatas, die einladend hinter der Theke stand. Ich bekam: fast ein Viertel dieser grossen Tortilla und drei, ja, DREI dicke Scheiben von einem grossen Baguette mit Tomate.
Ein Festmahl!
Ein Festmahl!

Spanien fun fact 7: In Spanien wird Butter offensichtlich nicht gerne als Brotaufstrich benutzt (vielleicht ist es dafuer zu heiss, die wuerde ja weglaufen). Stattdessen wird das Brot mit einer halbierten Tomate abgerieben und mit Olivenoel betraeufelt. Ein Spanier sagte mir mal, das wuerde „Tomaca“ heissen, Wiki sagt, es heisst „pa amb tomáquet“, hier sagt man ganz schnoede „Tomate“ dazu. Was die Frage aufwirft, was man bestellen muss, wenn man wirklich ein Brot mit Tomatenscheiben haben will. Aber egal. Mir schmeckt es! Und gesuender als Butter ist es vermutlich auch!

Ich stuerzte mich darauf und fotographierte die Tortilla. Die Kartoffeln waren deutlich in Scheiben geschnitten. Ha! Das kriegt mein Mitbewohner zu sehen, dieser Besserwisser!

Beweise!!!
Beweise!!!

Danach sollte es weiter gehen, durchs Dorf, von dort ins Kulturland und ab nach Lleida. Und das war ein Problem. Wieder mal… keine Pfeile! Schlimm genug im Gelaende, in einer Ortschaft einfach nur die Hoelle.
Ich ging tapfer nach Westen und versuchte, mich durch zu fragen. Leider ist der Camino catalán so neu, dass ihn nicht mal die Anwohner wirklich kennen -.- Nachdem man mich zweimal falsch geschickt hatte, verzichtete ich auf weitere Hilfe und ging weiter nach Westen bis zum Ortsausgang.
Dort traf ich auf eine Strasse. Laut der sehr undetaillierten Karte meines Pilgerfuehrers sollte das die Autobahn sein. Aber wie soll das gehen, so direkt am Dorf vorbei? Ohne Ausfahrt? Es musste sich um die N-II handeln, also eine Nationalstrasse – in Spanien ungefaehr das, was bei uns eine Bundesstrasse ist.
In diesem Moment fing ich an, meinen Fuehrer wirklich zu hassen. Die Karten sind ein absoluter Witz! Nicht mal massstabsgetreu. So wird der Jakobsweg in einer gepunkteten Linie angezeigt. Diese Linie ist zwischen Castellnou und El Palau 8 Punkte lang, zwischen El Palau und Bell-lloc dagegen 18 Punkte. Der reale Abstand in Kilometern betraegt dagegen 7,2 zu 8,7!!! Die Karte kann also unmoeglich stimmen!!

Ich musste also doch wieder fragen und sprach zwei aeltere Frauen an, die mir entgegen kamen. Die eine ueberraschte mich total mit einem ganz passablen Englisch. Das haette ich von einer Frau Mitte Sechzig in diesem Kaff als allerletztes erwartet!
Leider hatte sie ue-ber-haupt keine Ahnung. Sie schien noch nie etwas vom Camino de Santiago gehoert zu haben. Meine Frage, ob diese Strasse die N-II waere, beantwortete sie mit „Yes“, meinte aber kurz darauf, dass ich dort nicht gehen koennte, weil es verboten sei, auf einem „autovía“ zu laufen.
Was nun – Nationalstrasse oder Autobahn? Ich begann bereits, zu verzweifeln.
Ich wollte ja auch gar nicht auf der Strasse laufen, ich wollte wieder zurueck zum Weg. Das schien sie nicht zu checken. Sie war voellig von den Socken, dass ich nach Lleida zu Fuss gehen wollte. „Why?!“ Ihre sehr stumme Freundin erklaerte ihr, dass ich eine Pilgerin sei, aber sie fand es wohl weiterhin unglaublich.
„Son 12 kilómetros,“ erklaerte sie mir oberlehrerhaft. Das wusste ich allerdings schon. Am besten solle ich den Zug nehmen, der fuehre mehrmals die Stunde…
„No…“ machte ich hilflos. Wieder redete ihre Freundin auf sie ein. Und endlich kapierte sie, dass ich wirklich und wahrhaftig zu Fuss nach Lleida wollte. Wo der richtige Weg war, wusste sie allerdings immer noch nicht. Stattdessen fragte sie, wo ich uebernachten wolle.
Ich kramte meinen Pilgerfuehrer heraus und nannte ihr die Adresse der Pilgerherberge von Lleida. Sie kannte sie und begann daraufhin, mir detailliert zu erklaeren, wo sich diese befaende.

Ich seufzte und schaltete auf Durchzug. Das wuerde ich mir eh nicht merken koennen. Und ich suchte ja immer noch den Weg!

Mit Hilfe der Strassenbeschreibung im Pilgerfuehrer konnten die beiden mir letztendlich ungefaehr erklaeren, wo ich hingehen muesste, um wieder auf den Camino zu stossen… vielleicht.

Ich liess also die Nationalstrasse links liegen und bog nach rechts zurueck ins Dorf ein. Dort fand ich Schienen, die ich laut Fuehrer ueberqueren musste und dort dann auch endlich wieder gelbe Pfeile. Warum denn nicht gleich so!

Ich wanderte also durch das „Kulturland“. Eine Landschaft, die ich ebenfalls begonnen hatte, zu hassen. Es war so megalangweilig. Aepfelbaeume, Birnenbaeume, Mais, Korn… ich hatte schon alles durch. Und alles sah gleich aus. Und alles hatte den selben unangenehmen Untergrund fuer meine Converse. Wie waere es mal mit einem schoenen Waldweg?!

Diese komischen Dorfnamen gibt's wirklich.
Diese komischen Dorfnamen gibt’s wirklich.

Ueberhaupt fuehlte ich mich heiss und baeh. Ich ging immer noch mit langen Hosen, denn die Medikamente hatten meinen Ausschlag zwar gebessert, ganz weg war er allerdings noch nicht. Vor allem an meiner linken Wade war es ziemlich schlimm (da sich ja mittags die Sonne immer zu meiner Linken befand). Die Hose schuetzte zwar vor der direkten Sonnenstrahlung, aber nicht vor der Hitze, und deswegen tat mir die Stelle bei jedem Schritt ziemlich weh.

Ich trottete eine Weile vor mich hin und zerfloss in Selbstmitleid. Warum muss ich diese beschissene Allergie haben. Ich hatte meinen ersten Sonnenbrand auf Fuerteventura – mit 16! Und seitdem war meine Haut in der Sonne vielleicht 5 oder 6mal rot geworden.
Aber hier in Spanien dann direkt eine Sonnenallergie. Das ist einfach so scheisse. Ich will nicht fuer den Rest des Caminos in langen Hosen gehen. Mir ist heiss! Und ausserdem will ich braune Beine haben! Oder wenigstens welche, die nicht weh tun, wenn der Stoff dran reibt!
Der Arzt in Cervera hatte mich gefragt, ob ich kratzen wuerde. Ein totaler Witz! Ich kann die schlimmen Stellen ja kaum anfassen, ohne aufzujaulen!!

So jammerte ich eine Weile still und privat vor mich hin. Andere Pilger waeren vermutlich unendlich genervt gewesen. Aber davon gab es ja immer noch keine Spur.
Aber je laenger ich ging, desto mehr klaerte sich mein Kopf. Andere Pilger, die ich auf meinen anderen Caminos getroffen hatte, hatten doch ganz andere Probleme gehabt. Und auch ich selbst bin doch wesentlich besser unterwegs, als das auf meinen anderen Caminos der Fall gewesen war. Meine Sehnenentzuendung letztes Jahr war das schlimmste gewesen, aber ja laengst nicht das einzige.
Eigentlich geht es mir doch bisher recht gut. Am ersten Tag hatte mein Ruecken kurz gezwickt, gibt seitdem aber Ruhe. Meine Schultern tun seit dem 2. Tag nicht mehr weh, sie haben sich an das Gewicht des Rucksacks gewoehnt. Mein linkes Knie und meine Hueften, beides ebenfalls persoenliche Sorgenkinder, die an manchen Tagen der vergangenen Caminos unendlich weh getan hatten, mucken auch nicht. Mein Knie hatte zusammen mit meinem Ruecken am ersten Tag gezwickt und ist seitdem brav. Meine Hueften fuehlen sich total normal an. Sogar meine Blasen vom ersten Tag verwandeln sich so langsam in stahlharte Hornhaut. Ueberhaupt, meine Fuesse… es koennte so viel schlimmer sein. Und da beschwere ich mich wegen ein bisschen Allergie, obwohl die bestimmt bald weg sein wird, wenn ich weiterhin brav meine Medikamente nehme?

Also… Jammermodus aus! Es lagen nicht mal mehr 10 km vor mir. Ein Klacks, ob haessliche Feldwege oder nicht!

Nicht lange darauf verfluchte ich mich selbst. Feldwege, oh ja, auf Dauer unheimlich langweilig. Aber tausendmal besser als ein Industriegebiet!!!

Durch ein solches musste ich naemlich leider. Erst eines, das sich wohl erst im Bau befand (alles war niedergewalzt), dann durch die Aussenbezirke von Lleida. Vorbei zum Beispiel an einer Polyesterfabrik (wenn ich das richtig verstanden habe), die wahrlich atemberaubend stank. Und ich war immer noch mindestens 3 km vom Stadtzentrum entfernt. Und meinen letzten Schluck (heisses) Wasser hatte ich inzwischen auch schon laengst getrunken.
Der letzte Wegabschnitt, vorbei am Fluss Segre, war am schlimmsten. So eine tote Bruehe, eingepfercht in ein Betonbett. Schrecklich!!!

Ich ueberquerte eine Bruecke und war endlich tatsaechlich in der Stadt. Aber die Herbergssuche musste warten… ich sah eine Bar!
Dort bestellte ich 1,5 Liter eiskaltes Wasser, bezahlte dafuer 1,5 Euro und kippte mir die gesamte Flasche in weniger als 15 Minuten in den Rachen. Ohne Uebertreibung kann man wohl sagen, dass auf der ganzen Welt niemals ein Mensch etwas koestlicheres getrunken hat!!

Dann musste ich eben doch die Herberge suchen. Mein Pilgerfuehrer schrieb lapidar „im Stadtzentrum“. Ja, ich hasse das Ding jetzt wirklich!!! Und vermisse Raimund Joos‘ (Autor der meisten anderen deutschen Pilgerfuehrer) Karten durch Grossstaedte!!!
Gluecklicherweise fand ich eine Frau, die meine Frage nach einem zentralen Plaza, den mein Pilgerfuehrer als Zielort nannte, mit einem „komm mit, ich gehe da sowieso gerade hin“ beantwortete. 2 Minuten weiter fand ich die Touristeninformation. Dort erklaerte man mir zwar, dass die Jugendherberge, die laut meinem Pilgerfuehrer eine Pilgerherberge sei, mitnichten eine ist, aber wohl guenstig genug fuer Pilgerbeduerfnisse, und gab mir einen Stadtplan.

Letztendlich bezahlte ich 15,55 fuer eine Uebernachtung (4-Bett-Zimmer, ich wieder allein) und bekam den Schluessel fuer das Zimmer im 4. Stock ausgehaendigt. „Aehm… der Fahrstuhl ist leider ausser Betrieb,“ sagte die Rezeptionistin entschuldigend.
Ach, als koennte mich das noch schocken…

Viel mehr war an diesem Tag dann auch nicht mehr von mir zu erwarten. Ich ging mir Empanadas kaufen, ass sie vor der Tuer, wo mich spaeter ein Depp anlaberte, der mit mir „Freundschaft schliessen“ wollte, weil er so gluecklich sei, endlich mal eine Deutsche kennen zu lernen. Ob ich das auch wollte?
„Nein, ich bin morgen weg und habe kein Bedarf,“ erklaerte ich pissig. Ne Abfuhr ist bei einem Typen, der einen anstrengenden spanisch-englisch Mischmasch laberte, noch schwieriger als ohnehin schon!

Den Rest des Abends nutzte ich das kostenlose Internet. Und zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon beschlossen, morgen zu schummeln. Aber davon mehr an gegebener Stelle!

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