Spielereview: Gloom (ein gar vortrefflich Kartenspiel!)

Ich bin ein Spielkind. Falls ihr das noch nicht wusstet, wisst ihr es jetzt!

Meine PSone liebte ich immer heiß und innig, aber auch Offline-Games, sprich: Gesellschaftsspiele aller Art sind meine große Leidenschaft. Ein geiler Spieleabend mit den richtigen Leuten würde ich fast einer Partynacht vorziehen!

Glücklicherweise befinde ich mich da in guter Gesellschaft. Meine Mitbewohner spielen ebenfalls sehr gerne und Tim, der Typ, bei dem ich früher immer gewaschen habe, ist sogar eine besondere Koryphäe: Kaum ein Monat vergeht, in dem er nicht ein neues Spiel anschleppt!

Seinen letzten Kauf hat er uns diese Woche präsentiert. Es handelt sich um Gloom, ein Kartenspiel mit wunderbar tiefschwarzen Humor!

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Prämisse: Düstere Gestalten wie aus einem Tim-Burton-Film bevölkern dieses Spiel. Verschiedene Familien (z.B. eine Zirkusfamilie, eine „Serienmörderfamilie“, eine „Verrückte Erfinder“-Familie) warten nur darauf, ins Unglück gestürzt zu werden. Und genau das ist die Aufgabe des Spielers!

Spielprinzip: Ziel des Spieles ist es, jeden einzelnen Charakter der dem Spieler anvertrauten Familie (die immer aus fünf Personen besteht) die größtmögliche Misere angedeihen zu lassen und sie dann umzubringen. LOL. Gewonnen hat, wer am Ende, das erreicht ist, wenn die erste Familie komplett tot ist, am meisten Minuspunkte gesammelt hat!
Es gibt vier Arten von Karten:

Charakterkarten
Charakterkarten

– Die Charakterkarten: Jeder Spieler bekommt fünf davon, die zur selben Familie gehören, und breitet sie vor sich aus. Auf jeder Karte steht der Name des Charakters und ein paar lustige Informationen.

– Die Punktekarten: Diese hat man auf der Hand und sind dafür da, einen Charakter bzw. seinen Wert zu erhöhen oder zu verringern. Da es ja darum geht, seine Familie in das größtmögliche Verderben zu stürzen, legt man die Pluspunkte natürlich bei den anderen Spielern an! Da sämtliche Karten aus durchsichtigen Plastik sind (sehr nett, übrigens!), können sich Punkte auch addieren.

– Die Todeskarten: Diese Karten hat man ebenfalls auf der Hand und besiegeln, wie man sich denken kann, den Tod eines Charakters. Sie werden wie die Punktekarten auf die Charakterkarten gelegt, woraufhin diese (also die Charakterkarten) umgedreht werden, damit man sieht, dass der Charakter tot ist.

– Die Actionkarten: Auch diese Karten hält man in der Hand und spielt sie gemäß dem aus, was darauf steht: So gibt es Karten, die einen Toten wieder zum Leben erwecken können, Karten, die Charaktere aus dem Spiel ausscheiden lassen, Karten, durch die man neue Handkarten ziehen kann etc.pp. Was man damit tun kann, steht komfortabelerweise darauf!

Spielbeginn:
Jeder sucht sich eine Familie aus (ohne sich dabei gegenseitig an den Hals zu springen), legt diese Karten vor sich aus und zieht fünf Karten auf die Hand, die eben aus Punktekarten, Todeskarten oder Actionkarten bestehen können. Jetzt geht es eben erst einmal drum, Plus- oder Minuspunkte zu verteilen.

Spielverlauf:
Und hier zeigt sich die große Stärke, die absolute Genialität dieses Spiels! Denn es ist jetzt nicht so, dass ich ganz schnöde 10 Minuspunkte an einen meiner Charaktere anlegen kann (wir erinnern uns: Je weniger Punkte, desto eher der Sieg, nicht umgekehrt!) – nein, dazu muss ich eine Geschichte erzählen!

Auf den Punktekarten finden sich nämlich nicht nur Punkte, sondern sie tragen auch eine Überschrift. Diese kann zum Beispiel lauten „Wurde von einem Kredithai verprügelt“ oder „Heiratet sich nach oben“. Das erste Beispiel bringt Minuspunkte, das zweite Pluspunkte. Man kann praktisch jede Karte überall anlegen, doch gilt es, der Phantasie freien Lauf zu lassen und sämtliche auf den Karten genannten Prämissen logisch mit dem vorher Passierten zu verknüpfen!
Wie gesagt: Es geht darum, so viele Minuspunkte wie möglich auf seine eigenen Charaktere zu sammeln, gleichzeitig aber auf die anderen Spieler Pluspunkte zu spielen! Wie das nun genau aussieht, sei in einem Beispiel erklärt:

Ich spielte die „Verrückte Erfinder“-Familie, zu der eine bekloppte Professorin gehört, deren Mann als körperloses Gehirn in einem mit Flüssigkeit gefüllten Tank sein Dasein fristet und deren Tochter eine Schabracke mit Monobraue ist, die so hässlich ist, dass sie ihr einen Bräutigam versucht hat zu bauen, wobei der erste Versuch aus einem Frankenstein-Teddybären besteht! Der fünfte im Bunde der Familie ist ein Totengräber, der Frau Professors sezierte Leichen entsorgt.

eine Punktekarte
eine Punktekarte

So, jetzt wird gespielt, aber wie gesagt: Geschichten dabei erzählen! Dies sieht dann zum Beispiel so aus:
Auf die Tochter der Familie spielte ich erst die Karte „Attackiert von einer Seekuh“, was Minuspunkte einbrachte. Mitbewohner David spielte daraufhin die Karte „Einen Drink nehmen“ und „In tiefen Schlaf fallen“, was beide Male Pluspunkte brachte. Jetzt war ich wieder am Zug und wollte eine starke Minuskarte ausspielen. Erzählt habe ich dann jenes (der erste Teil ist nur eine Zusammenfassung des vorher schon erzählten):

„Nachdem die bezaubernde Miss Melissa Slogar nun beim Lustwandeln im Tierpark von Greenwich schwer verwundet worden war und sich im Bestreben, ihre Schmerzen zu lindern, daraufhin dem Trunke ergeben hatte, schlief sie den seligen Schlaf der vermeintlichen Rekonvaleszenz, bis sie ihr eigenes heftiges Röcheln aus dem Traume riss. Unglücklicherweise war ihr entfallen, dass sie, die sie schon von Geburt an an einer schwächlichen Konstitution litt, dem Portwein, dessen berauschende Wirkung in so vortrefflicher Weise am Abend zuvor ihre Pein zu mildern im Stande gewesen war, unter gar keinen Umständen zusprechen sollte, zumal Alkoholika in jedweder Form tragischerweise nicht ohne Grund eine geradezu auszehrende Wirkung auf zarte Ladys und ihre Gesundheit nachgesagt wird. Eben jene kurze Schwäche des Fleisches, aus Schmerz und Agonie geboren, brachte nun ein Leiden zurück, dessen sie sich noch allzu gut erinnerte, war es doch ein altes Gebrechen ihrer Kindheit, welches sie endgültig überwunden geglaubt hatte, nun jedoch heimtückisch und mit aller Macht erneut zuschlug: Sie erkrankte an Tuberkulose!“

So kann eine Geschichte aussehen, und wie ihr seht: Es ist existenziell wichtig, was sage ich: geradezu UNERLÄSSLICH, sich einer altertümlichen und gar fürnehmen Sprache zu bedienen, befinden wir uns doch im viktorianischen England!!! (Das wurde gestern Abend zum beliebten Running Gag!)
Nee, um ehrlich zu sein ist das keine Regel. Aber so macht es mehr Spaß!

Jeder darf während seines Zuges zwei Karten, egal welcher Art, ausspielen oder ablegen, und zieht am Ende seines Zuges wieder so viele Karten, bis er erneut fünf auf der Hand hat. So geht es dann reihum!

Fazit: Das Design der Karten ist lustig und schön schwarzhumorig, das Spielprinzip mal etwas völlig anderes! Wenn man darauf steht, Geschichten zu erfinden, was ich tue, und auch schräg und kreativ bei der Sache ist, was ich bin, dann ist dieses Spiel einfach nur der absolute Hammer! Wobei es wirklich nicht wichtig ist, ob man gewinnt, denn der Spielspaß ist auch so enorm.
Die Nachteile sehe ich darin, dass dieses Spiel bisher leider nur auf Englisch erhältlich ist, was es für (deutschsprachige) Kinder leider ungeeignet macht. Aber da sich auch auf den Karten einer recht hochgestochenen Sprache bedient wird, kann das selbst für Menschen, die gut in Englisch sind, recht problematisch sein. Unsere Lösung: Laptop neben das Spielgeschehen, Leo Dictionary anschmeißen! Darauf griffen wir im Zweifelsfall zurück.

Auch sehe ich die kleine Gefahr, dass sich nach einigen Runden die Geschichten wiederholen. Das sollte allerdings nicht der Fall sein, zumal es auch einige Erweiterungspacks gibt. Desweiteren sind auf allen Punktekarten unten auch Handlungsanweisungen zu finden, die dem Spielgeschehen eine weitere strategische Note hinzufügen. Diese haben wir dieses Mal nicht beachtet, weil wir das Spiel erst kennen lernen wollten, doch handelt es sich hierbei um eine weitere Facette, die eventuelle Abnutzungserscheinungen entgegen steht.

Was unkreative Mitspieler angeht, die sich keine Mühe geben: Einfach nicht mit solchen Leuten spielen!

Mein Urteil: Sapperlot, welch Pläsier! Einem vortrefflichen Spaß in geselliger Runde steht mit diesem famosen Spiel nichts im Wege. Ein Genuss, sowohl für den distinguierten Gentleman als auch das vorlaute Weibsbild! Also eilt geschwind zum Krämer! Cheerio!

Für diese Art Lobhudelei bekomme ich leider kein Geld. Eine Schande! Wenn du ebenfalls dieser Ansicht bist, kannst du selber tätig werden und mich via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen.