Die Zugänglichkeit der deutschen Universitäten für das unterprivilegierte Proletariat

Eigentlich wollte ich heute über was ganz anderes schreiben, aber nachdem ich gerade eine Kolumne auf Spiegel Online von Jan „Der schwarzer Kanal“ Fleischhauer gelesen habe und mir dabei fast ein Ei geplatzt ist, muss dieses Thema jetzt endlich auf den Tisch!

Mir ist es wirklich unbegreiflich, wie solche Leute mit ihrer wirren, polemischen Krakelei eine Plattform auf einer der größten deutschen Nachrichtenseiten bekommen können! Was ist jetzt bitte genau sein Problem? Ist er nun für oder gegen Studiengebühren? Ist er dagegen, aber es kotzt ihn an zu wissen, dass die verteufelte SPD von Anfang an keine Studiengebühren einführen wollte? Oder ist er dafür, weil: die Lidl-Verkäuferinnen?! Was ist denn das bitte für eine Argumentationskette?! Nochmal: Wie kann einem solchen Typen die Möglichkeit geboten werden, seine geistigen Abwegigkeiten der breiten Masse zu präsentieren?!

Es kann einem natürlich Angst und Bange werden bei dem Gedanken, die Universität mit solchen Pöbel wie mir teilen zu müssen. Mir dummen Arbeiterkind!

Ich kam im universitären Umfeld mit Klassismus in Berührung, lange bevor ich das Wort überhaupt kannte. Ach, eigentlich fing es ja schon vorher an! Die Arzttochter wurde nach der Grundschule – natürlich! – aufs Gymnasium geschickt, doch ich, Tochter einer Sachbearbeiterin und eines Schreiners, kam selbstverständlich auf eine Realschule. Es half leider nichts, dass ich dort einige Jahre in Folge die Beste in der Klasse war und mich tödlich langweilte – niemand dachte darüber nach, daran nachträglich etwas zu ändern!

Und auch wenn mir immer wieder von einigen Familienmitgliedern nahe gelegt wurde, doch einfach eine Lehre zu machen und Geld zu verdienen, zog ich nach der mittleren Reife den Wechsel zu einer anderen Schule durch und erreichte dort mein Abitur.

Dann ging es darum: Wo studieren? Die nächsten Unis fielen direkt weg, wegen Studiengebühren! Also bewarb ich mich in andere Bundesländer und wurde dort glücklicherweise an einer Uni angenommen.

Und hier fingen die Probleme erst RICHTIG an. Kein Mensch konnte, nein, wollte mir helfen, meinen Stundenplan zusammen zu stellen oder überhaupt mal bei der Studienordnung durchzublicken. Wie sollten sie auch, ich war die erste in meiner Familie, die studiert!
Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte, und als das für meine Eltern offensichtlich wurde, fuhr mich mein ziemlich angepisster Stiefvater zu meiner künftigen Uni und warf mich dort aus dem Auto mit dem Befehl, erst wieder zu kommen, wenn ich die Studienberatung wegen meinen Problemen aufgesucht hätte.

Tja, da irrte ich also auf dem Campus rum, ohne zu wissen, wo ich mich hinwenden sollte. Schließlich, als die Verzweiflung groß genug wurde, ging ich einfach mal in eines der vielen Gebäude rein und fragte dort den erstbesten Studenten, wo die Studienberatung ist. Und er, sicher in bester Absicht, schickte mich leider zum falschen Büro.

Mir wird immer noch ganz heiß bei dem Gedanken, was ich dort erlebte. Stotternd und verschüchtert schilderte ich der Sekretärin meine Probleme, was diese mit einem süffisanten Grinsen bedachte.

„Was, Sie wollen zur Studienberatung für Soziologie? Da sind Sie hier aber falsch, hier ist Jura. Ich würde sagen, da geht das kleine Mädchen noch mal heim und kuckt sich die Öffnungszeiten der Studienberatung im Internet an! Das müsste der Herr Müller sein, im Raum 0815. Der ist aber erst nächste Woche wieder da.“ Ihr Grinsen wurde breiter und noch eine Spur selbstzufriedener. Einen Seitenhieb hatte sie nämlich noch für mich! „Bis dahin können Sie ja noch ein bisschen Hochdeutsch üben!“

Wenn ich diese Geschichte erzähle, ernte ich meist ungläubige Blicke, aber ich schwöre, es hat sich genau so abgespielt! Und oh mein Gott, wie gerne würde ich wieder zu diesem Tag zurück gehen. Heute würde ich dieser blöden Kuh den Arsch aufreißen!!! Aber damals war ich einfach nur erstarrt. Die einzige Aufsässigkeit, die ich mir leistete, war ein sarkastisches „Viel Spaß“ an die anderen Studenten, die noch vor der Tür warteten, als ich davon schlich.

Ich ging zurück zu meinem Stiefvater, setzte mich ins Auto und brach in Tränen aus. Selten habe ich mich so gedemütigt gefühlt. Zum ersten Mal wurde mir klar, dass meine Herkunft, die sich in so vielen Kleinigkeiten äußerte – meinem Auftreten, meiner Wortwahl, meiner allgemeinen Unsicherheit in diesem Umfeld, meinem Dialekt – in gewissen Kreisen ein Grund war, mich von vorne herein zu disqualifizieren und verächtlich zu machen. Aber das war auch die Geburt eines Gefühls, das ich gerne „Arbeiterhass“ nennen würde. Arbeiterhass, geboren aus Arbeiterstolz!
Ich habe mit meinem Stiefvater nie mehr darüber gesprochen, aber als er mich in Tränen aufgelöst so vor sich sah und sich meine stockende Schilderung anhörte, stieg in ihm wohl ein ähnliches Empfinden auf. Er war jedenfalls kurz davor, auszusteigen und zu der Tussi zu gehen, um ihr seine Meinung zu sagen. Leider habe ich ihn damals davon abgehalten.

Und das war nur der Beginn meiner Odyssee, die noch nicht beendet ist und die sich trotzdem immer noch so anfühlt, als wäre ich eine Fremde in einem fremden Land, bewohnt von Leuten, die genauso aussehen wie ich, aber besser gekleidet sind und mit mir nicht mehr gemeinsam haben als Aliens.

Da war zum Beispiel die junge Studentin in meinem Philosophieseminar über Kant, die dem Dozenten aus welchen Gründen auch immer erzählte, dass sie eine wunderschöne Ausgabe der „Kritik der reinen Vernunft“ damals von ihrem Großvater zum Abitur geschenkt bekommen hat.
Ich saß neben ihr und spürte wieder diese Wut. MEIN Opa war Bergmann gewesen und hat in seiner Freizeit Hühner gezüchtet. Ich bin mir fast sicher, dass er in seinem ganzen Leben nie was von Kant gehört hat (fragen kann ich ihn aber leider nicht mehr), geschweige denn jemals auf die Idee gekommen ist, mir ein Buch von ihm zu schenken.

Überhaupt – Bücher. Die Romane, die wir zuhause haben, hatte ich schon mit 12 Jahren durch. Und Sachbücher, Bücher, mit denen man sein Wissen mehren konnte? Ein medizinisches Nachschlagewerk aus den Fünfzigern, in dem Onanie noch als (rein männliche) Krankheit aufgeführt wird und eine sechsbändige Enzyklopädie, die verkündet, die Amerikaner hätten für die nächsten Jahre eine bemannte Mission zum Mond geplant. Tolle Voraussetzungen!

Geld war natürlich auch immer ein Thema. Der obligatorische Bafögantrag wurde gestellt und abgewiesen. Meine alleinerziehende Mutter verdient angeblich zu viel. Und ja, von ihrem Gehalt können junge Sacharbeiter, die anders als meine Mutter, die seit den boomenden Siebzigern im selben Betrieb angestellt ist, heute nur träumen. Auch wurde uns negativ ausgelegt, dass meine Mutter ein Haus besitzt. Aber ein Haus ist nicht automatisch Luxus, vor allem nicht, wenn noch über 100.000 Euro Schulden drauf sind! Ich komme vom Land, da hat so ziemlich JEDER ein Haus, Wohnungen gibt es auf dem Land praktisch nicht! Was hätte sie tun sollen – es verkaufen?! Das Haus, das größtenteils mit ihrem Geld und der Hände Arbeit ihres Partners und Vaters gebaut worden ist, nur damit ihre Tochter studieren kann?! Und dann? Sich eine Wohnung suchen, die mietmäßig im Endeffekt auch nicht billiger kommt als die Raten für unser Haus?!

Ein Sacharbeiter-Gehalt, und davon sollte sie mir eine Wohnung, Essen und Taschengeld bezahlen. Hätte sie nicht geschafft, wenn sie sich nicht ihre eigenen Lebenserhaltungskosten mit meinem Stiefvater geteilt hätte – und damit war es vorbei, als sie sich trennten und sie ihm seinen Anteil am Haus ausbezahlte.
Und das war der Moment, als mir schmerzlich klar wurde, dass mein 400-Euro-Job ebenfalls nicht reicht, um zu leben und ich es nicht weiter verantworten kann, meiner Mutter so viel Geld abzuverlangen. Ein paar Wochen erwog ich ernsthaft, mein Studium abzubrechen und eine Lehre zu beginnen und hätte ich gewusst, dass ich tatsächlich eine Lehrstelle bekommen würde, hätte ich es wohl gemacht. Aber ich wusste es eben nicht, also entwickelte ich einen Plan B und richtete einen Studienkredit ein. Gäbe es diese Möglichkeit nicht, wäre ein Studienabbruch keine Frage des Sollens, sondern des Müssens gewesen!

Man muss dazu sagen, dass ich noch Altstudierende bin, nach allem, was ich beobachtet habe, die BA/MA-Studenten der neuen Studiengänge aber überhaupt nicht arbeiten gehen können! Das Studium ist nun so straff und so arbeitsintensiv (dabei aber nicht im Geringsten besser), dass dafür schlicht und ergreifend keine Zeit mehr bleibt! Für diese Menschen gibt es gar keine andere Möglichkeit als einen Studienkredit, wenn Mami und Papi das Studium nicht bezahlen können! Und selbst damit wird es schwer – der Kredit bei der KfW, den ich habe, ist auf 650 Euro im Monat limitiert! Versucht mal davon zu leben, wenn ihr davon von Miete über Essen über Bücher über Klamotten über Semesterbeitrag ALLES bezahlen müsst!

Und dann stellt euch vor, ihr müsstet davon noch Studiengebühren abdrücken. 1000 Euro im Jahr – dafür muss ich zweieinhalb Monate arbeiten gehen!
Ich hab mal eine Äußerung eines CDU-Politikers gehört, als es darum ging, im Saarland Studiengebühren einzuführen. Ich weiß den Namen des Politikers nicht mehr, aber seine Meinung war folgende: „500 Euro Studiengebühren bei 10 Semestern, das sind 10.000 Euro… das ist ja nicht sooo viel. Das ist ungefähr der Wert eines Autos.“

Wem ist die mathematische Glanzleistung in diesem Beispiel aufgefallen!? Die stammt nicht von mir! Der Mensch war tatsächlich der Meinung, dass 10 * 500 = 10.000 Euro ist! Da ist die Frage dann nicht mehr, ob der Typ selbst studiert hat oder nicht, sondern ob er überhaupt die 5. Klasse geschafft hat!
Muss ich überhaupt noch erwähnen, dass es ein kleiner Unterschied ist, ein Auto von diesem Geld zu kaufen und dieses dann auch zu HABEN, oder sich von 10.000 Euro einfach auf Nimmerwiedersehen zu verabschieden?! Das sollte klar sein, selbst wenn es sich korrekterweise nur um 5.000 Euro handelt! Das ist eine Summe, die man halt auch erst mal verdienen muss – für einen Bankmanager natürlich ein weitaus leichteres Unterfangen als für eine Lidl-Verkäuferin!!

Eigentlich sollte man meinen, die Erkenntnis, dass manche Leute zwar durchaus gut leben können, wie meine Familie es immer tat (wir sind eben NICHT arm!), aber es halt für diese eine kaum zu stemmende Belastung ist, ein Kind – oder, Gott bewahre, zwei oder drei! – zur Universität zu schicken wäre einfach. Aber nein – für gewisse Mitstudenten, aus genannten Gründen eher aus einem besserverdienenden Akademikerhaushalt stammend denn aus meinem Milieu, ist das eine nicht zu leistende Einsicht.

Ich weiß nicht, wie oft ich mich schon dafür rechtfertigen musste, dieses oder jenes nicht zu tun, weil es mir zu teuer ist. „Tja, warum kaufst du dir nicht was ordentliches? Kein Wunder, dass es nicht funktioniert,“ war das Urteil meiner Mitbewohner zu meinem unter-300-Euro-Netbook, das ich vor ein paar Monaten gekauft und direkt verflucht habe, weil es schlicht und ergreifend scheiße ist (mein erstes Netbook hat aber vor vier Jahren auch nicht mehr gekostet und läuft nun gezwungenermaßen immer noch).

Begreift ihr nicht, meine lieben privilegierten Mitstudenten, dass ich mir mehr nicht leisten kann?! Meine Fresse, wenn ich das Geld hätte, würde ich mir natürlich auch ein supergeiles oberpowermäßiges Macbook für tausend Euro irgendwas kaufen, aber ich kann es nun mal nicht!! Leute, ich habe zu diesem Zeitpunkt fast dreißigtausend Euro Schulden!!! Und JA, anders als Bafög muss ich die irgendwann KOMPLETT zurück zahlen!!

Ich freue mich ja für euch, dass alles von euren Eltern bezahlt wird und ihr nicht mal arbeiten gehen müsst, aber kommt mal aus eurer Reiches-Kind-Seifenblase raus und macht verdammt noch mal die Augen auf!

Interessant war auch die Ansicht dieses einen Typen, den ich 2010 auf dem Jakobsweg in Spanien traf, ein Trip, den ich mir vom Mund abgespart hatte! – auf mein Geständnis hin, gerne richtig gut Spanisch sprechen zu können. Obwohl ich mehrmals darauf hinwies, nicht viel Geld zu haben, penetrierte er mich mit Vorschlägen wie diesem: „Ein einmonatiger Sprachkurs in Madrid kostet gerade mal tausend Euro!“
Was, nur tausend Euro?! Ein Schnäppchen! Ich Dummerchen, sowas nicht vorher in Betracht gezogen zu haben!

Fremdsprachen sind definitiv nicht meine Stärke. Aber ist es ein Wunder, dass ich schlechter Englisch spreche und verstehe als Leute, die schon in der Schule ein Auslandsjahr in den USA spendiert bekamen, zwischen Schulabschluss und Uni „einfach mal chillten“ und eine Backpackungtour durch Australien unternahmen und jetzt in den nächsten Semesterferien zwei Monate in Irland zelten wollen?! Und das ich aus diesem Grund jedes Mal ein kleines bisschen eskalieren könnte, wenn man mir herablassend bescheinigt, dass meine Lieblingsserie im O-Ton ja viiiel besser sei?

Klassismus ist nichts, über das ich aus meinem universitären Elfenbeinturm heraus abgehoben fasele, sondern meine Lebensrealität! Daher möchte ich gerne jedes Mal Amok laufen, wenn ich eine elitäre Radikalfeministin lese, die in einer Arroganz, die wahrlich ihresgleichen sucht, mit Fremdwörtern und feministischen Fachtermini um sich wirft, so dass ihr Text für alle, die nicht schon mindestens einen Bachelor haben, völlig unverständlich wird, gleichzeitig aber in einem Akt der totalen puritanischen Selbstbeweihräucherung ob ihrer Hingabe für diskriminierte Minderheiten hinter gebräuchlichen Phrasen ein „RW“ für „Redewendung“ einfügt, „als Hilfe für Nicht-Muttersprachler_innen“.

Was für eine groteske Lächerlichkeit! Und die gleichen Menschen, die sich für den moralischen Eichstrich der gesamten Welt halten, werfen mir Klassismus vor, wenn ich konstatiere, dass es Frauen gibt, die ein niedrigeres Bildungsniveau haben. Können die Frauen was dafür, meinte ich, dass diese Frauen blöd sind?! Nein, aber sie stecken dennoch da drin, wie auch  ich bis zu einem gewissen Grad drin steckte und immer noch stecke!

Und aus dieser meiner Position heraus sage ich am Ende dieses viel zu langen, völlig abschweifigen Posts, um noch mal einen Bogen zu meinem Aufhänger zu schlagen, in aller gebotener proletarischer Deftigkeit: Herr Fleischhauer, ich finde Sie scheiße!

 

Wenn 10.000 Menschen mir via Paypal je eine Tasse Kaffee spenden würden, wäre ich meine Schulden los. Klingt machbar! Willst du einer davon sein?