Die Zugänglichkeit der deutschen Universitäten für das unterprivilegierte Proletariat

Eigentlich wollte ich heute über was ganz anderes schreiben, aber nachdem ich gerade eine Kolumne auf Spiegel Online von Jan „Der schwarzer Kanal“ Fleischhauer gelesen habe und mir dabei fast ein Ei geplatzt ist, muss dieses Thema jetzt endlich auf den Tisch!

Mir ist es wirklich unbegreiflich, wie solche Leute mit ihrer wirren, polemischen Krakelei eine Plattform auf einer der größten deutschen Nachrichtenseiten bekommen können! Was ist jetzt bitte genau sein Problem? Ist er nun für oder gegen Studiengebühren? Ist er dagegen, aber es kotzt ihn an zu wissen, dass die verteufelte SPD von Anfang an keine Studiengebühren einführen wollte? Oder ist er dafür, weil: die Lidl-Verkäuferinnen?! Was ist denn das bitte für eine Argumentationskette?! Nochmal: Wie kann einem solchen Typen die Möglichkeit geboten werden, seine geistigen Abwegigkeiten der breiten Masse zu präsentieren?!

Es kann einem natürlich Angst und Bange werden bei dem Gedanken, die Universität mit solchen Pöbel wie mir teilen zu müssen. Mir dummen Arbeiterkind!

Ich kam im universitären Umfeld mit Klassismus in Berührung, lange bevor ich das Wort überhaupt kannte. Ach, eigentlich fing es ja schon vorher an! Die Arzttochter wurde nach der Grundschule – natürlich! – aufs Gymnasium geschickt, doch ich, Tochter einer Sachbearbeiterin und eines Schreiners, kam selbstverständlich auf eine Realschule. Es half leider nichts, dass ich dort einige Jahre in Folge die Beste in der Klasse war und mich tödlich langweilte – niemand dachte darüber nach, daran nachträglich etwas zu ändern!

Und auch wenn mir immer wieder von einigen Familienmitgliedern nahe gelegt wurde, doch einfach eine Lehre zu machen und Geld zu verdienen, zog ich nach der mittleren Reife den Wechsel zu einer anderen Schule durch und erreichte dort mein Abitur.

Dann ging es darum: Wo studieren? Die nächsten Unis fielen direkt weg, wegen Studiengebühren! Also bewarb ich mich in andere Bundesländer und wurde dort glücklicherweise an einer Uni angenommen.

Und hier fingen die Probleme erst RICHTIG an. Kein Mensch konnte, nein, wollte mir helfen, meinen Stundenplan zusammen zu stellen oder überhaupt mal bei der Studienordnung durchzublicken. Wie sollten sie auch, ich war die erste in meiner Familie, die studiert!
Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte, und als das für meine Eltern offensichtlich wurde, fuhr mich mein ziemlich angepisster Stiefvater zu meiner künftigen Uni und warf mich dort aus dem Auto mit dem Befehl, erst wieder zu kommen, wenn ich die Studienberatung wegen meinen Problemen aufgesucht hätte.

Tja, da irrte ich also auf dem Campus rum, ohne zu wissen, wo ich mich hinwenden sollte. Schließlich, als die Verzweiflung groß genug wurde, ging ich einfach mal in eines der vielen Gebäude rein und fragte dort den erstbesten Studenten, wo die Studienberatung ist. Und er, sicher in bester Absicht, schickte mich leider zum falschen Büro.

Mir wird immer noch ganz heiß bei dem Gedanken, was ich dort erlebte. Stotternd und verschüchtert schilderte ich der Sekretärin meine Probleme, was diese mit einem süffisanten Grinsen bedachte.

„Was, Sie wollen zur Studienberatung für Soziologie? Da sind Sie hier aber falsch, hier ist Jura. Ich würde sagen, da geht das kleine Mädchen noch mal heim und kuckt sich die Öffnungszeiten der Studienberatung im Internet an! Das müsste der Herr Müller sein, im Raum 0815. Der ist aber erst nächste Woche wieder da.“ Ihr Grinsen wurde breiter und noch eine Spur selbstzufriedener. Einen Seitenhieb hatte sie nämlich noch für mich! „Bis dahin können Sie ja noch ein bisschen Hochdeutsch üben!“

Wenn ich diese Geschichte erzähle, ernte ich meist ungläubige Blicke, aber ich schwöre, es hat sich genau so abgespielt! Und oh mein Gott, wie gerne würde ich wieder zu diesem Tag zurück gehen. Heute würde ich dieser blöden Kuh den Arsch aufreißen!!! Aber damals war ich einfach nur erstarrt. Die einzige Aufsässigkeit, die ich mir leistete, war ein sarkastisches „Viel Spaß“ an die anderen Studenten, die noch vor der Tür warteten, als ich davon schlich.

Ich ging zurück zu meinem Stiefvater, setzte mich ins Auto und brach in Tränen aus. Selten habe ich mich so gedemütigt gefühlt. Zum ersten Mal wurde mir klar, dass meine Herkunft, die sich in so vielen Kleinigkeiten äußerte – meinem Auftreten, meiner Wortwahl, meiner allgemeinen Unsicherheit in diesem Umfeld, meinem Dialekt – in gewissen Kreisen ein Grund war, mich von vorne herein zu disqualifizieren und verächtlich zu machen. Aber das war auch die Geburt eines Gefühls, das ich gerne „Arbeiterhass“ nennen würde. Arbeiterhass, geboren aus Arbeiterstolz!
Ich habe mit meinem Stiefvater nie mehr darüber gesprochen, aber als er mich in Tränen aufgelöst so vor sich sah und sich meine stockende Schilderung anhörte, stieg in ihm wohl ein ähnliches Empfinden auf. Er war jedenfalls kurz davor, auszusteigen und zu der Tussi zu gehen, um ihr seine Meinung zu sagen. Leider habe ich ihn damals davon abgehalten.

Und das war nur der Beginn meiner Odyssee, die noch nicht beendet ist und die sich trotzdem immer noch so anfühlt, als wäre ich eine Fremde in einem fremden Land, bewohnt von Leuten, die genauso aussehen wie ich, aber besser gekleidet sind und mit mir nicht mehr gemeinsam haben als Aliens.

Da war zum Beispiel die junge Studentin in meinem Philosophieseminar über Kant, die dem Dozenten aus welchen Gründen auch immer erzählte, dass sie eine wunderschöne Ausgabe der „Kritik der reinen Vernunft“ damals von ihrem Großvater zum Abitur geschenkt bekommen hat.
Ich saß neben ihr und spürte wieder diese Wut. MEIN Opa war Bergmann gewesen und hat in seiner Freizeit Hühner gezüchtet. Ich bin mir fast sicher, dass er in seinem ganzen Leben nie was von Kant gehört hat (fragen kann ich ihn aber leider nicht mehr), geschweige denn jemals auf die Idee gekommen ist, mir ein Buch von ihm zu schenken.

Überhaupt – Bücher. Die Romane, die wir zuhause haben, hatte ich schon mit 12 Jahren durch. Und Sachbücher, Bücher, mit denen man sein Wissen mehren konnte? Ein medizinisches Nachschlagewerk aus den Fünfzigern, in dem Onanie noch als (rein männliche) Krankheit aufgeführt wird und eine sechsbändige Enzyklopädie, die verkündet, die Amerikaner hätten für die nächsten Jahre eine bemannte Mission zum Mond geplant. Tolle Voraussetzungen!

Geld war natürlich auch immer ein Thema. Der obligatorische Bafögantrag wurde gestellt und abgewiesen. Meine alleinerziehende Mutter verdient angeblich zu viel. Und ja, von ihrem Gehalt können junge Sacharbeiter, die anders als meine Mutter, die seit den boomenden Siebzigern im selben Betrieb angestellt ist, heute nur träumen. Auch wurde uns negativ ausgelegt, dass meine Mutter ein Haus besitzt. Aber ein Haus ist nicht automatisch Luxus, vor allem nicht, wenn noch über 100.000 Euro Schulden drauf sind! Ich komme vom Land, da hat so ziemlich JEDER ein Haus, Wohnungen gibt es auf dem Land praktisch nicht! Was hätte sie tun sollen – es verkaufen?! Das Haus, das größtenteils mit ihrem Geld und der Hände Arbeit ihres Partners und Vaters gebaut worden ist, nur damit ihre Tochter studieren kann?! Und dann? Sich eine Wohnung suchen, die mietmäßig im Endeffekt auch nicht billiger kommt als die Raten für unser Haus?!

Ein Sacharbeiter-Gehalt, und davon sollte sie mir eine Wohnung, Essen und Taschengeld bezahlen. Hätte sie nicht geschafft, wenn sie sich nicht ihre eigenen Lebenserhaltungskosten mit meinem Stiefvater geteilt hätte – und damit war es vorbei, als sie sich trennten und sie ihm seinen Anteil am Haus ausbezahlte.
Und das war der Moment, als mir schmerzlich klar wurde, dass mein 400-Euro-Job ebenfalls nicht reicht, um zu leben und ich es nicht weiter verantworten kann, meiner Mutter so viel Geld abzuverlangen. Ein paar Wochen erwog ich ernsthaft, mein Studium abzubrechen und eine Lehre zu beginnen und hätte ich gewusst, dass ich tatsächlich eine Lehrstelle bekommen würde, hätte ich es wohl gemacht. Aber ich wusste es eben nicht, also entwickelte ich einen Plan B und richtete einen Studienkredit ein. Gäbe es diese Möglichkeit nicht, wäre ein Studienabbruch keine Frage des Sollens, sondern des Müssens gewesen!

Man muss dazu sagen, dass ich noch Altstudierende bin, nach allem, was ich beobachtet habe, die BA/MA-Studenten der neuen Studiengänge aber überhaupt nicht arbeiten gehen können! Das Studium ist nun so straff und so arbeitsintensiv (dabei aber nicht im Geringsten besser), dass dafür schlicht und ergreifend keine Zeit mehr bleibt! Für diese Menschen gibt es gar keine andere Möglichkeit als einen Studienkredit, wenn Mami und Papi das Studium nicht bezahlen können! Und selbst damit wird es schwer – der Kredit bei der KfW, den ich habe, ist auf 650 Euro im Monat limitiert! Versucht mal davon zu leben, wenn ihr davon von Miete über Essen über Bücher über Klamotten über Semesterbeitrag ALLES bezahlen müsst!

Und dann stellt euch vor, ihr müsstet davon noch Studiengebühren abdrücken. 1000 Euro im Jahr – dafür muss ich zweieinhalb Monate arbeiten gehen!
Ich hab mal eine Äußerung eines CDU-Politikers gehört, als es darum ging, im Saarland Studiengebühren einzuführen. Ich weiß den Namen des Politikers nicht mehr, aber seine Meinung war folgende: „500 Euro Studiengebühren bei 10 Semestern, das sind 10.000 Euro… das ist ja nicht sooo viel. Das ist ungefähr der Wert eines Autos.“

Wem ist die mathematische Glanzleistung in diesem Beispiel aufgefallen!? Die stammt nicht von mir! Der Mensch war tatsächlich der Meinung, dass 10 * 500 = 10.000 Euro ist! Da ist die Frage dann nicht mehr, ob der Typ selbst studiert hat oder nicht, sondern ob er überhaupt die 5. Klasse geschafft hat!
Muss ich überhaupt noch erwähnen, dass es ein kleiner Unterschied ist, ein Auto von diesem Geld zu kaufen und dieses dann auch zu HABEN, oder sich von 10.000 Euro einfach auf Nimmerwiedersehen zu verabschieden?! Das sollte klar sein, selbst wenn es sich korrekterweise nur um 5.000 Euro handelt! Das ist eine Summe, die man halt auch erst mal verdienen muss – für einen Bankmanager natürlich ein weitaus leichteres Unterfangen als für eine Lidl-Verkäuferin!!

Eigentlich sollte man meinen, die Erkenntnis, dass manche Leute zwar durchaus gut leben können, wie meine Familie es immer tat (wir sind eben NICHT arm!), aber es halt für diese eine kaum zu stemmende Belastung ist, ein Kind – oder, Gott bewahre, zwei oder drei! – zur Universität zu schicken wäre einfach. Aber nein – für gewisse Mitstudenten, aus genannten Gründen eher aus einem besserverdienenden Akademikerhaushalt stammend denn aus meinem Milieu, ist das eine nicht zu leistende Einsicht.

Ich weiß nicht, wie oft ich mich schon dafür rechtfertigen musste, dieses oder jenes nicht zu tun, weil es mir zu teuer ist. „Tja, warum kaufst du dir nicht was ordentliches? Kein Wunder, dass es nicht funktioniert,“ war das Urteil meiner Mitbewohner zu meinem unter-300-Euro-Netbook, das ich vor ein paar Monaten gekauft und direkt verflucht habe, weil es schlicht und ergreifend scheiße ist (mein erstes Netbook hat aber vor vier Jahren auch nicht mehr gekostet und läuft nun gezwungenermaßen immer noch).

Begreift ihr nicht, meine lieben privilegierten Mitstudenten, dass ich mir mehr nicht leisten kann?! Meine Fresse, wenn ich das Geld hätte, würde ich mir natürlich auch ein supergeiles oberpowermäßiges Macbook für tausend Euro irgendwas kaufen, aber ich kann es nun mal nicht!! Leute, ich habe zu diesem Zeitpunkt fast dreißigtausend Euro Schulden!!! Und JA, anders als Bafög muss ich die irgendwann KOMPLETT zurück zahlen!!

Ich freue mich ja für euch, dass alles von euren Eltern bezahlt wird und ihr nicht mal arbeiten gehen müsst, aber kommt mal aus eurer Reiches-Kind-Seifenblase raus und macht verdammt noch mal die Augen auf!

Interessant war auch die Ansicht dieses einen Typen, den ich 2010 auf dem Jakobsweg in Spanien traf, ein Trip, den ich mir vom Mund abgespart hatte! – auf mein Geständnis hin, gerne richtig gut Spanisch sprechen zu können. Obwohl ich mehrmals darauf hinwies, nicht viel Geld zu haben, penetrierte er mich mit Vorschlägen wie diesem: „Ein einmonatiger Sprachkurs in Madrid kostet gerade mal tausend Euro!“
Was, nur tausend Euro?! Ein Schnäppchen! Ich Dummerchen, sowas nicht vorher in Betracht gezogen zu haben!

Fremdsprachen sind definitiv nicht meine Stärke. Aber ist es ein Wunder, dass ich schlechter Englisch spreche und verstehe als Leute, die schon in der Schule ein Auslandsjahr in den USA spendiert bekamen, zwischen Schulabschluss und Uni „einfach mal chillten“ und eine Backpackungtour durch Australien unternahmen und jetzt in den nächsten Semesterferien zwei Monate in Irland zelten wollen?! Und das ich aus diesem Grund jedes Mal ein kleines bisschen eskalieren könnte, wenn man mir herablassend bescheinigt, dass meine Lieblingsserie im O-Ton ja viiiel besser sei?

Klassismus ist nichts, über das ich aus meinem universitären Elfenbeinturm heraus abgehoben fasele, sondern meine Lebensrealität! Daher möchte ich gerne jedes Mal Amok laufen, wenn ich eine elitäre Radikalfeministin lese, die in einer Arroganz, die wahrlich ihresgleichen sucht, mit Fremdwörtern und feministischen Fachtermini um sich wirft, so dass ihr Text für alle, die nicht schon mindestens einen Bachelor haben, völlig unverständlich wird, gleichzeitig aber in einem Akt der totalen puritanischen Selbstbeweihräucherung ob ihrer Hingabe für diskriminierte Minderheiten hinter gebräuchlichen Phrasen ein „RW“ für „Redewendung“ einfügt, „als Hilfe für Nicht-Muttersprachler_innen“.

Was für eine groteske Lächerlichkeit! Und die gleichen Menschen, die sich für den moralischen Eichstrich der gesamten Welt halten, werfen mir Klassismus vor, wenn ich konstatiere, dass es Frauen gibt, die ein niedrigeres Bildungsniveau haben. Können die Frauen was dafür, meinte ich, dass diese Frauen blöd sind?! Nein, aber sie stecken dennoch da drin, wie auch  ich bis zu einem gewissen Grad drin steckte und immer noch stecke!

Und aus dieser meiner Position heraus sage ich am Ende dieses viel zu langen, völlig abschweifigen Posts, um noch mal einen Bogen zu meinem Aufhänger zu schlagen, in aller gebotener proletarischer Deftigkeit: Herr Fleischhauer, ich finde Sie scheiße!

 

Wenn 10.000 Menschen mir via Paypal je eine Tasse Kaffee spenden würden, wäre ich meine Schulden los. Klingt machbar! Willst du einer davon sein?

Ein Fitnessstudio wäre so schön, wenn nur der ganze Sport und die Leute nicht wären. Teil 2: Mitsportler

Nachdem Tim und ich also unsere ersten Erfahrungen in unserem neuen Fitnessstudio gesammelt hatten, erhielten wir nur zwei Tage später unser vom Chef persönlich abgehaltenes Einführungstraining.

Zu diesem Zweck mussten wir, wie schon gesagt, einen Fragebogen ausfüllen und uns dann verbindlich für das Training anmelden. Pünktlich zur verabredeten Zeit waren Tim und ich zur Stelle und freuten uns, dass laut Plan nur noch eine einzige weitere Person mit uns eingeführt werden sollte. Weniger Leute, mehr individuelle Betreuung – toll!

Bevor die Frau jedoch auftauchte, machten wir Bekanntschaft mit dem Chef. Und der sah genauso aus, wie ich ihn mir vorgestellt hatte: An die Fünfzig, ein Bizeps wie Oberschenkel und Oberschenkel wie Baumstämme. Ein Mensch, der für seine Leidenschaft lebt! Wenn sie nur nicht so unansehlich wäre…

Er begrüßte uns nett. Dann wurde es direkt nicht so nett. „Also, ich werde euch gleich die Geräte zeigen, aber bis die andere kommt, wollt ihr vielleicht zum Einstieg beim Bauchwegkurs mitmachen? Der fängt in zwei Minuten an.“
Wohlgemerkt: Unser letzter (und erster) Bauchwegkurs, der mir wie ein Wochenendausflug in einen der inneren Kreise der Hölle vorgekommen war, lag erst zwei Tage zurück. Meine immer noch schmerzenden Muskeln schrien allein bei der Vorstellung auf, diese Tortur noch mal durchmachen zu müssen.
Tim dagegen sagte: „Na klar!“
Und meine Muskel hörten auf zu schreien und weinten stattdessen ein bisschen. Ach Mann!

Aber ich lächelte einfach nur verzerrt und ergab mich meinem Schicksal. Just in diesem Moment tauchte dann auch die Dritte im Bunde auf. Eine Frau Mitte dreißig, komplett in stylisches Adidas gewandet, die mir sofort unaufgefordert erzählte, dass sie schon vorher in diesem Studio gewesen war und jetzt wieder durchstarten wolle, weil „es sich einfach so gut anfühlt“ und ungefähr 12 Kilo wog.

Unnötig zu erwähnen, dass ich die Tussi sofort aus tiefster Seele hasste.

Auch sie stimmte begeistert zu, beim Bauchwegkurs mitzumachen, also schlich ich hinter Tim und ihr in den Trainingsraum und ließ mich seufzend auf einer Matte nieder.
Die ersten Übungen übertrafen meine schlimmsten Befürchtungen. Zuvor war der Kurs ja schon übel gewesen – aber mit Muskelkater fühlte es sich tatsächlich so an, als würde jemand ein rostiges Messer in meinen Bauch rammen und lustvoll rotieren lassen.

Ich ächzte vor mich hin und wechselte mehr als einen leidenden Blick mit Tim, der neben mir lag und sich ähnlich fühlte. Auf der anderen Seite verrenkte sich die Tussi und sah dabei völlig entspannt aus.
„Wir haben noch ziemlichen Muskelkater vom letzten Mal,“ erklärte ich ihr auf ihren skeptischen Blick hin.
„Ja, ich sehs, ihr macht ja nur die Hälfte mit!“

Woah… danke, Captain Obvious. Kriegst du das auch hin, ohne abfällig zu klingen? o.O

Glücklicherweise war der Kurs schnell vorbei. Die Geräte riefen!
Der Chef präsentierte uns unsere persönlichen Trainingspläne. In einer wundervollen Tabelle (ich mag es, wenn etwas schön geordnet ist!) waren alle Geräte aufgeführt, die wir nutzen sollten, daneben war Platz, um das verwendete Gewicht und die Anzahl der Wiederholungen einzutragen.

Mich wunderte, dass alle Wiederholungen an jedem Gerät nur zweimal ausgeführt werden sollten und fragte den Chef danach. „Was, dreimal?“ antwortete der. „Das ist viel zu viel und völlig unnötig, zweimal reicht!“
Ich hörte staunend zu. Okay, ich habe bisher immer nur gelesen, dass man alle Übungen dreimal machen sollte, aber gut, wenn zweimal reicht… hab ich nix dagegen.

Wir starteten mit Rückentraining. Der Chef gab die Gewichte vor und zeigte uns, wie wir die Übungen ausführen sollten. Dann verschwand er, um Tim, der als Mann einen anderen Trainingsplan hatte, an einem anderen Gerät das gleiche zu erklären.

Während ich mit der anderen Tussi ein wenig plauderte, verfestigte sich mein erster Eindruck immer mehr. Es war nicht zu leugnen: Ich konnte die Frau nicht ab. Dabei war absolut nicht hilfreich, dass sie ständig die Zettel verwechselte und immer auch auf meinem Trainingsplan rumkritzelte.

Dennoch schafften wir es halbwegs friedlich durch die Hälfte der Geräte, bis wir zum Butterfly Reverse kamen, eine Übung, die einfach nur so richtig brennt. Das merkte auch die Tussi: Kaum war der Trainer weg, jammerte sie los. „Mann, tut das weh! Warum tut das so weh?“
Ich: „Die Übung hab ich auch immer in meinem alten Fitnessstudio gemacht. Die ist echt hart… man merkt da plötzlich Muskeln, von denen man gar nicht wusste, dass man sie hat.“
Sie: „Haha, genau!“
Und kaum war der Chef wieder da und fragte, ob alles in Ordnung sei, kam von ihr wie aus der Pistole geschossen: „Die Übung ist richtig fies! Man merkt da plötzlich Muskeln, von denen man gar nicht wusste, dass man sie hat!“

Ich: „…boah.“

Wie peinlich ist denn das bitte? Elende Sprücheklauerin!!

Natürlich sagte ich nichts, aber ihr Sympathielevel fiel immer mehr. Vor allem, da sich in mir langsam der Eindruck verfestigte, dass der Chef ihr wesentlich mehr erklärte als mir. Alles klar, offensichtlich hielt er mich mit meinem Schwabbelspeck sowieso für eine Karteileiche, während ihr magerer Körper mit jeder Faser „sportlich!!!“ und „Motivation!!!“ schrie. Dem werde ich es aber sowas von zeigen!!!
Wenigstens an der Beinpresse konnte ich ein paar Punkte machen. Der Chef stellte 80 Kilo ein und die Tussi sollte als erstes ran. Ätsch, ging nicht – sie konnte das Ding mit ihren Storchbeinen schlicht nicht bewegen.
„Oh Mann, das ist viel zu viel!“ jammerte sie, bis der Chef sich erbarmte und auf 60 Kilo runter ging. „Probier du mal, das ist voll schwer!“ drängte sie mich dann noch, als ich an der Reihe war.
Stoisch, aber zuversichtlich stellte ich das Gewicht wieder zurück auf 80 Kilo und riss die geforderten zwölf Wiederholungen eiskalt runter. Es war nicht nur nicht sonderlich schwer, sondern sogar ziemlich leicht. Ihr fielen fast die Augen raus. Tja, meine fetten Schenkel bestehen eben nicht NUR aus Speck, Herzchen.
Das hinderte sie im Übrigen nicht dran, auf meinen Trainingsplan im entsprechenden Feld eine „60“ hinzukritzeln -.-

Eine der letzten Übungen betraf den Bizeps. Das war mein Stichwort. „Was ist denn die beste Übung für schlanke Oberarme?“ fragte ich den Chef. Meine speckigen Oberarme sind eine Problemzone, die ich an mir mit Abstand am meisten hasse.
Der Chef musterte mich herablassend. „Es gibt keine Übung für schlanke Oberarme. Wenn du schlanke Oberarme haben willst, musst du abnehmen.“
Während ich noch versuchte, diese Spitze emotional zu verarbeiten, meldete sich die Tussi zu Wort, die gerade das Bizeps-Gerät benutzte und deren durchtrainierten, schlanken Oberarme ich schon im ersten Moment unseres Aufeinandertreffens neidvoll registriert hatte. „Ja, meine Oberarme sehen ja auch nur so definiert aus, weil ich so dünn bin, das heißt aber nicht, dass ich irgendwie viel Kraft drin hätte oder sowas!“
Ich: „Halt die Fresse, du Hungerhaken.“ (Das habe ich natürlich nicht gesagt. Wäre aber ein wunderschöner Moment gewesen.)

Ist doch wirklich kein Wunder, dass ich die Frau hasse, oder?

Nach diesem Intermezzo wurde ich dann auch etwas zickig, weigerte mich, die letzte Übung (Bauchpresse, als ob das nach dem blöden viertelstündigen Kurs NUR für den Bauch noch nötig wäre!) zu machen und verabschiedete mich am Schluss ziemlich unterkühlt von der blöden Tussi und ihrem präpubertären Size-Zero-Body. Die wird bestimmt nicht meine neue beste Freundin!

Fazit: Ich habe den Cheftrainer kennen gelernt, der konnte intelligente Sätze sagen wie „Eigentlich haben wir ja alle einen Sixpack, er ist nur unter Fett verborgen“ und mir unterschwellig das Gefühl geben, dass ich eh nicht durchhalten und regelmäßig kommen werde, um abzunehmen und fit zu werden.

Aber der wird sich noch umkucken. Ich werde abnehmen und ihm demnächst meine schlanken Oberarme präsentieren, nur um ihn zu ärgern. „Motivation durch Hass“ nenne ich das!!!

Wenn dir das gefallen hat und du mich ein bisschen unterstützen willst, lasse ich mich gerne via Paypal zu einer Tasse Kaffee einladen. Der hat ja auch immerhin keine Kalorien.

o.O MAMA!!!

Kennt ihr das, wenn eure eigenen spießigen, heiligen Mütter eine Seite von sich hervorblitzen lassen, die euch einfach nur völlig in euren Grundfesten erschüttern?!

Eben. Telefonat mit Mutter. Es geht um Kiffen (fragt mich nicht, wie wir darauf gekommen sind!!).

Mutter: „Naja, wenn man nach Holland fährt, muss man ja schon auch Kekse kaufen.“
Ich: o.O „Ähhhh… warst du denn in Holland?“
Mutter: „Ja, vor ein paar Monaten erst!“
Ich: „Ähhhh… und du hast Kekse gekauft?“
Mutter: „Klar.“
Ich: „Ähhhh… und sie auch gegessen?“
Mutter: „Nein, ich habe sie gekauft, um sie wegzuschmeißen, tze.“
Ich: „Ähhhh… und, wie wars?“
Mutter: „Och, wie ich es in Erinnerung hatte.“

shocked

 

 

Das erinnert mich daran, wie ich meine Mutter mal ein bisschen verarschen wollte und ihr dieses schöne Lied vorspielte:

Ich ließ sie sich die Zähne am Refrain ausbeißen (ihr Englisch ist unterirdisch), bis sie schließlich mit ein bisschen Hilfe drauf kam und abwinkte.

Und während ich mich gerade so schön vor Lachen kringelte, sagte sie den besten Satz ever zu diesem Song:

„Jo, passiert.“

Und irgendetwas starb in mir.

Eiskalt. Sowas nennt man wohl „owned“…

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Desinformationspolitik. Level: Katholische Kirche

„Ich ficke keine Kinder. Die sind doch viel zu klein!“
– Fear and Loathing in Las Vegas


Ich müsste es ja langsam besser wissen, aber schon wieder habe ich mein halbes Wochenende damit verplempert, mich mit Idioten im Internet zu streiten.

Manche Dinge sind aber auch so hirnerweichend blöd und bösartig, dass man gar nicht anders kann, als sich entweder am Schreibtisch ein Schädelhirntrauma zuzuziehen oder stattdessen in die Tasten zu hauen. Jedenfalls kann ICH nicht anders.

Naja. Darüber werde ich irgendwann mal mit einem Therapeuten reden müssen. Bis dahin rege ich mich gerne weiter über sowas auf:

Der Missbrauchsskandal der katholischen Kirche dürfte ja jedem ein Begriff sein und die erbärmlichen Versuche der Institution, jegliche Schuld an den Vorkommnissen von sich zu weisen ebenfalls, aber welche Qualität diese perfide Desinformationspolitik stellenweise annimmt, war mir jedenfalls neu.

Na gut, dass ja angeblich irgendwie nur Schwule Messdiener und so missbrauchen, habe ich tatsächlich schon öfter gehört, doch hielt ich das für die exklusive Meinung von verwirrten Zeitgenossen, die keinerlei Wissen über den großen Themenkomplex Missbrauch & Pädophilie ihr eigen nennen können.

Stattdessen scheint so ein homophober Bullshit tatsächlich sowas wie Lehrmeinung der Kirche zu sein. Und um das zu verteidigen, ziehen sogar in hohen Würden stehende Psychiater mit.

Zenit.org ist eine nichtkommerzielle Nachrichtenagentur, die sich der katholischen Kirche verschrieben hat. Als solche veröffentlichte sie vor fast drei Jahren den Artikel Pädophilie, Ephebophilie und Homosexualität: Eine Klärung, der mir just an diesem Wochenende unter die Finger gekommen ist.

Die Lektüre lohnt sich wirklich. Anlass des Artikels waren die Äußerungen von Kardinal Bertone, einem Typen, von dem die meisten wohl noch nie etwas gehört haben, außer vielleicht eben in Bezug auf genau diese von ihm ausgelöste Debatte vor knapp 3 Jahren, der aber innerhalb der Kirche in der Hierarchie nur nen schlappen Handbreit unter dem Papst steht. Dieser Mann hatte behauptet, die meisten Missbrauchsfälle gingen nicht auf das Konto von Pädophilen, sondern von Homosexuellen, die sich perfiderweise unter die, äh, „normalen“ Priester gemischt hätten.

Weil so eine… These heutzutage natürlich nicht lange unkommentiert bleibt und viele Leute das irgendwie nicht so gut fanden, sah sich zenit.org dazu verpflichtet, mit einem Artikel Klarheit zu schaffen.

Ich spiele mal den Spoiler: Der Artikel ist Rotz.

Kardinal Bertone habe sich mit Sicherheit auf die Ephebophilie bezogen, so Cantelmi, das heißt auf das sexuelle Interesse für Jugendliche zwischen 11 und 17 Jahren. „Und der Großteil der sexuellen Missbräuche durch Kleriker betrifft vor allem nachpubertäre Minderjährige, wobei die Täter homosexuell sind”, so Cantelmi.

Hier direkt der erste Fehler. Nur weil ein Psychiater behauptet, bei diesen Fällen von Pädophilie würde es sich in Wahrheit um Ephebophilie (was Wort!) handeln, stimmt das nämlich leider noch lange nicht. Die Altersangaben sind schlicht falsch. Allgemein wird nämlich als Zielalter für Ephebophilie ein Alter zwischen 17 und 20 angenommen.

Das muss man aber nicht mal wissen, um den offensichtlichen Unsinn zu erkennen. Wer sich an seine Zeit in der 5. Klasse zurückerinnert, wird vielleicht noch wissen, dass die Jungs damals noch allesamt wie glattwangige Chorknaben mit glockenhellen Stimmchen daher kamen. Natürlich gab es auch in jeder Klasse immer diesen einen Typen, der schon jeden Lehrer überragte und nach der Schule die Gilette-Klingen im DM-Markt nicht mit sehnsüchtiger Skepsis, sondern grimmigen Fatalismus betrachtete, weil er wusste,  dass es spätestens zum nächsten Weihnachten so weit sein würde, aber das ist ja egal. Solche Jungs sind die Ausnahme – denn bei den wenigsten setzt die Pubertät so früh schon ein.

Das weiß auch das DSM-IV, ein international anerkanntes Klassifikationssystem zu psychischen Störungen. Aus diesem Grund gilt im DSM-IV ein Mensch als Pädophiler, der ein sexuelles Interesse an Kindern im Alter von 13 Jahren oder jünger hat.

Um das nochmals zu betonen: Laut dem „Diagnostischen und Statistischen Handbuch Psychischer Störungen“ erzählt Professor Cantelmi Scheiße, wenn er die untere Altersgrenze zur Ephebophilie so niedrig ansetzt. Da fragt man sich doch, ob der gute Prof während seines Studiums mal in Kontakt mit dem DSM-IV gekommen ist?

Natürlich hat der DSM-IV seine Kritiker. Auch muss man sich fragen, ob es einen Pädophilen, der sich im Schwimmbad sofort in den süßen kleinen Kevin und seine glatten Achselhöhlen verliebt, großartig interessiert, dass der ein bedauerlicher Spätzünder und schon vierzehneinhalb Jahre ist. Aber in diesem Bereich kommt man nun mal ohne Kategorisierungen nicht aus, vor allem, wenn es juristisch wird, und dann muss man sich eben auf Mittelwerte stützen, die leider nur ungenügend abbilden, dass der Mensch und seine Entwicklung individuell ist, aber nun mal alternativlos sind.

Definitiv festhalten kann man dennoch, dass der DSM-IV mit seiner Altersgrenze der Wahrheit wohl wesentlich näher kommt als Professor Cantelmi, der hartnäckig darauf besteht, gerade rechtzeitig zu dieser Debatte eine ganz eigene Einteilung treffen zu dürfen.

Was bleibt, ist der meiner Meinung nach leicht durchschaubare, dabei tendenziöse Versuch, Ephebophilie (und damit AUCH Homosexualität) eben doch in Richtung Pädophilie zu drängen, da von „nachpubertären Minderjährigen“ die Rede ist, mit der Altersangabe aber bei den meisten Lesern Assoziationen von halbwüchsigen Jungs geweckt werden.

Da hilft es wenig, wenn er das nur kurz danach wieder abstreitet:

Der Psychiater hält fest, dass Pädophilie nichts mit Homosexualität zutun hat. „Die Pädophilie ist eine Krankheit, eine schwere Perversion, die nicht an die sexuelle Ausrichtung gebunden ist.“

Nachtrag (5. März): Es ist mir fast peinlich, das zuzugeben, aber ein gewaltiges Problem bei dieser Argumentation habe ich doch glatt übersehen. Klar gibt es Jungs, die schon mit 11 in die Pubertät kommen, wie der Typ, der diesen Artikel an anderer Stelle lieferte, mir so abfällig bescheinigte, als hätte er eine Idiotin vor sich, aber wie viele sind in dem Alter wohl schon nachpubertär und damit interessant für Ephebophile?
Genau: keine!!

Cantelmi betonte, dass die Ursache für Pädophilie nicht der Zölibat sei. Der pädophiles Verhalten auslösende Faktor bestehe in einer Störung der Persönlichkeit. Diese sei im Allgemeinen narzisstischer und bösartiger Natur und stehe in Verbindung mit extrem manipulierenden Menschen, bei denen ein antisoziales und sadistisches Profil zu erkennen sei.

Kompletter Nonsens, allerdings werden hier schöne Klischees bedient (und das wollen die Leser ja, ne): Der Pädophile als Monster.
Pädophile sind keine Monster per se. Vielen Pädophilen ist vorrangig der Wunsch einer engen, zärtlichen Beziehung zu Kindern gegeben, in der viele übrigens sexuelle Erfüllung finden können, ohne überhaupt sexuelle Handlungen vor oder an dem Kind ausführen zu müssen (Michael Jackson scheint mir ein solcher gewesen zu sein). Den meisten ist sehr am Wohlergehen des Kindes gelegen und das ist wohl das Gegenteil von Bösartigkeit. Wen das genauer interessiert: klick

Nichtsdestotrotz ist pädophiles Verhalten natürlich in keinster Weise akzeptabel, auch wenn mein ganzes Mitgefühl den Pädophilen gilt, die gegen diesen ihnen angeborenen Drang verzweifelt ankämpfen. Wer ihm nachgibt, hat mein Mitgefühl selbstverständlich verspielt.

Man mag davon ausgehen, dass gerade die Menschen, die ihre Pädophilie ausleben (in Gegensatz zu denen, die es nicht tun)
1. einen stärkeren Trieb haben und/oder
2. weniger Empathie mit dem missbrauchten Kind verspüren und daher erfolgreicher darin sind, ihr schlechtes Gewissen zu unterdrücken. Aber geringe Empathie hat weder etwas mit Narzissmus, noch mit antisozialen/psychopathischen Persönlichkeitsstörungen oder Sadismus zu tun. Umgekehrt schon – Narzissten, Psychopathen und Sadisten geht Empathie völlig ab. Aber es ist ein Fehlschluss, von geringer Empathie auf die genannten Störfelder zu schließen. Oder ist etwa jedes kleine Arschlochkind, das seine Mitschüler in der Schule mobbt,ein Psychopath?

Psychopathen und Sadisten gibt es in jeder sexuellen Orientierung und einige sind sicher auch pädophil, aber jeden Pädophilen als Psychopathen zu bezeichnen, ist grob falsch und ekelhaft polemisch, um das verzerrte Bild der jubelnden Massen vom sinisteren Pädophilen zu bedienen.

Wer sich fragt, warum ich so gegen diese pauschale Verurteilung von Pädophilen bin, obwohl die doch so viele Gründe liefern, sie zu hassen: Ich finde, ein solches Bild in der Öffentlichkeit erschwert die Therapiearbeit und führt letztendlich zu mehr Übergriffen auf Kinder durch untherapierte Pädophile.

Prof. Cantelmi betonte des weiteren, dass die internationale wissenschaftliche Gemeinschaft zu einem Punkt eine einheitliche Meinung vertrete: „Es gibt keinen Beweis, aufgrund dessen gesagt werden könnte, dass der Zölibat die Basis der Pädophilie ist. Der Zölibat hat damit nichts zu tun.”

Da hat er sogar Recht: Das Zölibat macht Männer nicht pädophil. Allerdings sind die meisten Täter sexuellen Missbrauchs ja auch nicht pädophil, sondern bedienen sich den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen als sogenanntes „Ersatzobjekt“. Platt gesagt: Sie missbrauchen sie, weil sie eben gerade da sind – und sich nicht wehren können. Und da spielt das Zölibat schon eine Rolle.

Es wird somit deutlich dass das Phänomen des sexuellen Interesses an Kindern und Jugendlichen (Pädophilie und Ephebophilie/Parthenophilie) zweifellos von homosexuellen Neigungen und homosexueller Praxis zu unterscheiden ist.

Ich glaube, das ist mein liebster Absatz (und das nicht nur wegen des fehlenden Kommas vor dem „dass“)!

Der Meinung zu sein, Männer, die sich an Elfjährige ranmachen, seien nicht pädophil oder auch nur, äh, ersatzhandelnd, sondern schwul – geschenkt. Die Meinung KANN man in einem solchen Artikel vertreten, wenn man keine Ahnung hat. Aber es ist was GANZ anderes, sich innerhalb einer Argumentationskette selbst zu widersprechen – und genau das tut der Artikel hier.

Hat der werte Prof. Cantelmi nicht just etwas weiter oben so zufriedenstellend herausgearbeitet, dass Ephebophilie eine homosexuelle Spielart ist? Und jetzt wieder doch nicht? Äh-häm.

90% aller Pädophilen sind heterosexuell, verheiratet und von gehobener Kultur.

…wow.

Echte Pädophile sind nicht heterosexuell, sondern – tada! – pädophil. Und innerhalb der pädophilen Störung fühlen sich fast genauso viele männliche Pädophile zu Mädchen wie zu Jungs hingezogen (in geringerem Umfang auch zu beiden Geschlechtern im gleichen Maße). Es gibt also annähernd genauso viele heterosexuelle Pädos wie homosexuelle, dazu kommen die bisexuellen.

Vielleicht denkt der gute Cantelmi an eine durchaus interessante Diskussion innerhalb der Fachwelt darüber, ob man weiterhin „Pädophilie“ oder „Pädosexualität“ sagen soll. Da „-philie“ irgendwie etwas zu niedlich und verharmlosend klingt, hätten viele Opfer es lieber, wenn man stattdessen „-sexualität“ nimmt, während andere Opfer auch dagegen sind, da sie (und, traurigerweise, auch viele Täter, die sind dann aber dafür) dies als Schritt zur „Normalisierung“ dieser Störung auffassen. Sprich, Pädophilie wird mit der Form „Pädosexualität“ in eine Reihe gestellt mit den normalen, nichtgewalttätigen Formen der Sexualität (Heterosexualität, Homosexualität, Bisexualität).

Die Verteidiger dieser Umbenennung argumentieren, dass hiermit die Definition präzisiert wird: Laut ihnen wären Pädosexuelle dann Menschen, deren Präferenz sich ausschließlich auf Kinder bezieht, Pädophile allerdings Menschen, die eine andere Sexualität haben, aber Kinder halt irgendwie auch ganz geil finden.

Sollte Prof. Cantelmi diese Unterscheidung, die sich allerdings weder in normalen Sprachgebrauch, noch in der Fachliteratur endgültig durchgesetzt hat, im Kopf gehabt haben, als er diesen Satz sagte, könnte man mit viel guten Willen die Behauptung, Pädophile seien heterosexuell, noch durchgehen lassen, wobei ich die Zahl 90% dennoch für unbelegten Schwachsinn halte. Da der gesamte Artikel vorher aber immer nur von Pädophilen redete und damit eigentlich Pädosexuelle meinte, wäre das trotzdem im besten Falle unpräzise, im schlechtesten Fall schlichter Bullshit.

Und natürlich sind Menschen, die pädosexuell sind, aber heterosexuell leben, weil sie das nicht ausleben wollen, trotzdem pädosexuell (im weiteren Text werde ich wieder zum gebräuchlicheren „pädophil“ wechseln). Jahrhundertelang haben Homosexuelle geheiratet und Kinder bekommen, weil sie ihre Sexualität nicht ausleben durften und es sicherer war, sich mit einer „normalen“ Beziehung zu tarnen, das machte sie aber trotzdem nicht heterosexuell.

Bei dem Rest kann ich nur den Kopf schütteln. Pädophile sind grundsätzlich höher gebildet? Soll das jetzt Akademikerbashing sein oder was? Wie passt das denn mit der zuvor bescheinigten antisozialen Persönlichkeitsstörung zusammen? Oder bezieht er sich hier auf die Irren, die in der jüngeren Vergangenheit Pädophilie als normale Spielart der menschlichen Sexualität anerkannt sehen wollten? Wobei sich die Frage stellt, ob das alles Kernpädophile waren (eher nicht)? Sehr mysteriös!

Gleichzeitig ist der unabhängigen statistischen Studie des „John Jay College of Criminal Justice” der „City University of New York” aus dem Jahr 2004 zu entnehmen, dass 81 Prozent der Kleriker, die zwischen 1950 und 2002 wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger angeklagt wurden, homosexuelle Neigungen hatten.

So, und hier wären wir also bei der dreckigsten Lüge im gesamten Pamphlet angekommen!

Wollt ihr wissen, wie diese 81% zustande kommen? Ganz einfach: Die Studie fand heraus, dass 81% der Missbrauchsopfer männlich waren. Und daraus macht diese ekelhafte Propagandaseite dann eben mal Opfer homosexuellen Missbrauchs, obwohl der größte Teil (60%!!!) der Opfer (männlich und weiblich, hier wird leider nicht nach Geschlecht aufgeschlüsselt, aber in Bezug auf Pädophilie ist das ja auch egal) 13 Jahre oder jünger waren.

Das passt weder zur gängigen Definition von Pädophilie (13 Jahre oder jünger), noch zu Cantelmis exklusiver Definition von Ephebophilie (ab 11, über 20% der Opfer waren 10 Jahre oder jünger!)!! Nicht mal, wenn man annimmt, dass alle Opfer unter 11 Jahren nur Mädchen waren, was natürlich völliger Blödsinn ist!

Es ist mir persönlich völlig unbegreiflich, wie man es mit seinem Gewissen vereinbaren kann, eine ziemlich einfache Statistik so dermaßen falsch wieder zu geben!

Der Rest des Textes ergeht sich in homophoben, dabei paradoxen Gewäsch, welches darin besteht, Homosexuelle einerseits für untauglich zum Priesteramt zu erklären (“immerhin ficken die unsere jungen Messdiener!!!!einself”), andererseits aber in ach so einfühlsamer Weise die Diskriminierung von Homosexuellen ablehnt, weil die Schätzchen dafür ja nichts können (das MÜSSEN sie schreiben: Sie können ja nicht behaupten, Pädophile wären so schon geboren, um abstreiten zu können, dass das Zölibat daran schuld ist, dann aber behaupten, Homosexualität wäre eine „Entscheidung“). Am Ende steht dann noch ein Rundumschlag gegen Sexualität an sich:
Der Aufruf zur Keuschheit stellt somit keinen „Sonderfall für Homosexuelle” dar, sondern betrifft den gesamten Umgang der menschlichen Sexualität, die sich allein in der Ausrichtung auf die wahre Freiheit verwirklicht.

Damit wäre ich am Ende (sprichwörtlich, so viel abartige Lügen machen mich müde). Ich möchte betonen, dass sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen keinesfalls nur ein Problem innerhalb der katholischen Kirche ist, aber mit solchen Artikeln gewinnen die Ereignisse nachträglich noch eine ganz neue Qualität!

Lustigerweise kam der John Jay Report, der so großspurig herangezogen worden ist, um die Thesen zu untermauern, zu nachfolgenden Fazit:

The John Jay report identified the following factors contributing to the sexual abuse problem:
– Failure by the hierarchy to grasp the seriousness of the problem.
– Overemphasis on the need to avoid a scandal.
– Use of unqualified treatment centers.
– Misguided willingness to forgive.
– Insufficient accountability.

An wie viel Realitätsverweigerung muss man leiden, um solche Studien zu zitieren und für sich positiv auszulegen?

Der bedauernswert kirchenhörige Typ, der mir diesen Artikel lieferte, fragte höhnisch nach meiner Expertise, als ich ihm sagte, dass ich ihn scheiße finde.
Ich denke, man kann festhalten, dass meine Expertise darin besteht, auch andere Texte als solche, die von der Kirche abgesegnet sind, lesen zu können!

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Stephen Kings „Brennen muss Salem“

Stephen King – Brennen muss Salem
Salem’s Lot, 1975 (deutsch 1979)


brennenmusssalemBen Mears, ein erfolgreicher Autor, kehrt nach langen Jahren in seine Heimatstadt Jerusalem’s Lot zurück. Einst hatte er dort im örtlichen Spukhaus ein Erlebnis, das ihn selbst als Erwachsener nicht los gelassen hat. Um den Geistern der Vergangenheit ins Gesicht zu sehen, beschließt er, sich seinen Kindheitsängsten zu stellen und seine Erlebnisse um das sogenannte „Marsten-Haus“ vor Ort literarisch zu verarbeiten.

Kaum angekommen muss er feststellen, dass genau dieses Haus, obschon von der gesamten Stadt gemieden, da es als „verflucht“ gilt, inzwischen nicht mehr unbewohnt ist: Kurt Barlow und sein Geschäftspartner haben es bezogen und wollen angeblich einen Antiquitätenhandel in Salem’s Lot eröffnen.

Schon bald nach Barlows Ankunft häufen sich allerdings die seltsamen Ereignisse: Menschen verschwinden oder werden tot aufgefunden, andere verlassen nur noch in der Nacht ihre Häuser und tragen sichtbare Bissspuren an ihren Hälsen. Ben Mears sowie die wenigen skeptischen Bürger der Stadt, die er um sich schart, sind bald davon überzeugt: Bei Barlow muss es sich um einen blutrünstigen Vampir handeln…


Brennen muss Salem war eines der ersten Bücher, die ich von Stephen King gelesen habe – und das erste, das mir nicht gefallen hat.

Ich kann nicht mehr sagen, wann es anfing, aber seit ich mich erinnern kann, fasziniert mich der Vampirmythos. Ich schreibe absichtlich „der Mythos“, denn viele Darstellungen von Vampiren in Film und Literatur haben mit der ursprünglichen archetypischen Vampirfigur recht wenig zu tun, weshalb ich genau dieses Thema paradoxerweise eher meide, um nicht von falschen Interpretationen genervt zu werden!

Stephen Kings Vampire in Brennen muss Salem waren die misslungensten, die ich bis dato kennen gelernt hatte – aber das war ja auch lange vor „Twilight“.

Besonders nervte mich im Roman die  (leider weit verbreitete) Prämisse, der Biss eines Vampirs würde jeden Menschen automatisch ebenfalls zum Vampir machen, als wäre Vampirismus nur irgendein Virus, der durch einen Biss übertragen wird – dabei muss ein Vampir einen Menschen erst beißen, ihn dabei fast völlig aussaugen und dann von seinem eigenen Vampirblut zu trinken geben. Wesentlich komplizierter, aber so ist es nun mal! Jedenfalls ist das die Version, die mir am besten gefällt.

Dass man dieser Verwandlung entgehen kann, indem man den 23. Psalm aufsagt und sich eine Tetanusspritze setzt, ist Stephen Kings exklusive Erfindung und dabei dann wirklich noch das Tüpfelchen auf dem i (aber immerhin hat mich das als 12jährige dazu gebracht, eben diesen Psalm auswendig zu lernen – nur so zur Sicherheit. Das schindet Eindruck!).

Das klingt vermutlich kleinlich und ist es wohl auch. Aber leider ist das nicht der einzige Kritikpunkt, der das Buch für mich recht schlecht macht.

Hierbei handelt es sich erst um Stephen Kings zweiten Roman (nach Carrie), was in meinen Augen unübersehbar ist. Zu diesem Zeitpunkt fehlte ihm wohl noch einiges an der Routine, die ihm später zugute kommen sollte. Bis dahin findet sich leider hier (wie auch in anderen seiner Frühwerke) so manche sprachliche und dramaturgische Behäbigkeit und eine Charakterzeichnung, die weit unter dem Niveau verbleibt, für das ich ihn später noch feiern werde. Besonders möchte ich hier Mark Petrie hervor heben, einen zwölfjährigen Jungen, dessen Bekanntschaft mit einem Vampir noch mal glimpflich abläuft, bevor er mit Ben Mears den Kampf aufnimmt, und dessen Motivation ich nicht so wirklich verstehe… aber auch viele der anderen Stadtbewohner, mit denen Stephen King Salem’s Lot bevölkert, sind nicht mal ansatzweise so gut ausgeführt wie die Bürger der späteren Städtchen, in denen er seine Geschichten spielen lässt, womit Salem’s Lot als Schauplatz leider ziemlich blutleer wirkt (chrchr!!!).

Die irgendwie recht konfus wirkende Story tut dann noch sein übrigens. Das beginnt schon mit der Tatsache, dass das erwähnte Kindheitstrauma von Ben Mears, welches in Barlows neuem Domizil geschehen ist, so wirklich gar nichts mit dem Rest der Geschichte zu tun hat (außer vielleicht insofern, dass sich creepy Leute nun mal zu creepy Plätzen hingezogen fühlen). Es drängt sich der Eindruck auf, dass Stephen King einfach halt irgendwas mit Vampiren machen wollte und dafür keinen besseren Aufhänger gefunden hat!

Viel mehr kann ich über dieses Buch leider nicht mehr sagen, da es um die 15 Jahre her ist, dass ich es gelesen habe (!).

Ich teile Stephen-King-Bücher lediglich in zwei Kategorien: „Immer wieder lesenswert“ und „Einweg-Bücher“. Brennen muss Salem war das erste Buch, das auf den letzten Stapel gehörte. Ich habe es einmal gelesen und finde es schlichtweg zu langweilig, um mich noch einmal durchzuquälen. Daher kann ich den Roman leider nur denjenigen empfehlen, die sich an den Dunklen Turm wagen wollen, denn der Pfarrer des Städtchens, Father Callahan (immerhin als alkoholkranker Geistlicher am Rande der Apostasie die interessanteste Figur im gesamten Roman), wird in eben diesem Epos noch eine gar-nicht-mal-so-kleine Rolle spielen. Wer also nicht nur auf die kurze (aber eigentlich völlig ausreichende) Zusammenfassung angewiesen sein will, die der Dunkle Turm zu seiner Person und den Ereignissen in Brennen muss Salem liefert, dem sei das Buch ans Herz gelegt.

Allen anderen kann ich nur sagen, dass Stephen King durchaus noch einige schlechtere, aber auch viele wesentlich bessere Romane geschrieben hat und man daher lieber bei denen zugreifen sollte, wenn man sich dem Werk des Meisters erstmals widmen will.

3 von 10 Tetanus-Spritzen!


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Stephen Kings „Abgrund“

Stephen King – Abgrund
Nightmares and Dreamscapes, 1993


Abgrund beinhaltet die zweite Hälfte des amerikanischen Kurzgeschichtenbandes „Nightmares and Dreamscapes“, der in Deutschland aufgeteilt wurde. Die erste Hälfte stellt Alpträume dar und wie auch dort gibt es in diesem Band wieder 12 Kurzgeschichten.

abgrund Regenzeit ist die Geschichte eines jungen Paares, das eigentlich nur Urlaub machen will, in seinem gemieteten Domizil dann jedoch von einem Regen aus Monsterfröschen überrascht wird.

In Mein hübsches Pony erhält ein Junge von seinem Großvater eine Lektion über die Relativität des menschlichen Zeitempfindens.

In Entschuldigung, richtig verbunden wundert sich eine Mutter über einen geheimnisvollen Anruf und merkt leider viel zu spät, um wen es sich bei der mysteriösen Anruferin handelt.

Brandon Pearson gehört zu den 10-Uhr-Leuten, die sich um eben diese Zeit vor seinem Büro zur Zigarettenpause treffen. Im Bemühen, seinen Zigarettenkonsum, wenn er es schon nicht schafft, das Rauchen ganz einzustellen, wenigstens zu verringern, lernt er eines Tages die negativen Seiten seines neuen, gesünderen Lebensstils kennen…

Crouch End ist eine Geschichte über ein gleichnamiges Viertel in London, in dem die Grenzen zwischen unserer Welt und einer lovecraft’schen Horrordimension leider nicht ganz so solide sind, wie man sich das wünschen würde.

In Das fünfte Viertel jagt ein Krimineller den Teilen einer Schatzkarte hinterher.

Die Kinder, die Das Haus in der Maple Street zusammen mit ihrer Mutter und ihrem ekelhaften Stiefvater bewohnen, merken eines Tages, dass sich ihr Heim langsam beginnt, in ein Raumschiff zu verwandeln.

Der Fall des Doktors ist eine Sherlock-Holmes-Story, in der jedoch Dr. Watson im Mittelpunkt steht und endlich auch mal einen Fall löst!

In Umneys letzter Fall muss der schlitzohrige 40er-Jahre-Privatdetektiv Clyde Umney eines Tages feststellen, dass er nur eine Romanfigur – und sein Schöpfer ihm nicht mehr wohlgesonnen ist.

Kopf runter ist die Dokumentation einer Saison der Little-League-Mannschaft von Bangor West, in der Stephen Kings Sohn mitspielte.

Auch August in Brooklyn handelt von Baseball, allerdings in lyrischer Form.

Und Der Bettler und der Diamant ist Stephen Kings Interpretation einer indischen Sage.


Diese Kurzgeschichtensammlung habe ich just bestellt und gleich gelesen, als ich bei der Rezension von Alpträume feststellen musste, dass mir diese noch fehlt! Mein Eindruck ist also ganz frisch.

Auch hier schwankt die Qualität der Stories zuweilen wieder stark. Zuerst zu dem good stuff: Mein Favorit der Sammlung ist hier definitiv Die Zehn-Uhr-Leute, weil die Prämisse so richtig schön bescheuert ist. Die Machtelite der Welt ist von alptraumhaften Monstern unterwandert (den Batmen, höhö) und nur Raucher, die nicht mehr als 10 Zigaretten am Tag konsumieren, können die Illusion erkennen? Was für ein Bullshit! Aber ein unterhaltsamer!

Der Fall des Doktors zeigt: Auch Stephen King ist zuweilen nur ein Fanboy, der gerne Fanfictions schreibt! Ich selbst habe noch nie Sherlock Holmes gelesen, aber wie jeder Mensch auf diesem Planeten, der nicht unter einem Stein wohnt, kenne ich den Herren und seinen Sidekick natürlich trotzdem. Horror gibt es in dieser Story nicht, aber Kings Bemühung, den viktorianischen Stil nachzuahmen, war höchst vergnüglich zu lesen.

Regenzeit ist dagegen wieder Horror pur, und zwar kurz und knackig. Gelesen, gemocht!

Damit zu den Geschichten, die okay waren, mich aber nicht so richtig überzeugen konnten. Als allererstes möchte ich hier Das Haus in der Maple Street  nennen. Obwohl die Story inhaltlich überzeugt, störte es mich kolossal, wie die Kinder hier dargestellt wurden. Vier wunderbar brave, mutige Lichtwesen, die entschlossen gegen ihren Arsch von Stiefvater vorgehen, der natürlich irgendwie the ultimate evil ist. Die Charaktere sind einfach so dermaßen schwarz-weiß! Vielleicht verständlich, wenn man weiß, dass Stephen King diese Geschichte für seine Kinder schrieb. Aber trotzdem. Vor allem die beiden ältesten Kinder agierten auch viel zu erwachsen, weshalb ich die Geschichte nur bedingt mochte.

Der Bettler und der Diamant ist, wie gesagt, Kings Nacherzählung einer Hindu-Sage. Als solche ist sie kurzweilig (und auch wirklich sehr kurz), aber mir hat sich nicht so ganz erschlossen, warum er so etwas veröffentlicht, zumal er fast nichts geändert hat.

Umneys letzter Fall artikuliert eine durchaus interessante Überlegung: Was wäre, wenn Romanfiguren wirklich lebendig wären? Wie wirkt sich der schöpferische Akt des Schreibens auf den Autor aus? Und wie viel Macht hat ein Autor eigentlich über seine Schöpfung? Dennoch fand ich die Erzählung irgendwie ein bisschen langweilig. Vielleicht wäre es anders gewesen, wenn ich mal einen dieser „Privatschnüffler in den 40er Jahren“-Roman gelesen hätte, das habe ich aber nie. Die Geschichte ist beileibe nicht schlecht, aber es hat mich einfach nicht gefesselt.

Entschuldigung, richtig verbunden ist lediglich ein Drehbuch (das wohl auch in Rahmen einer Mysteryserie verfilmt worden ist, allerdings bin ich zu faul nachzusehen, ob diese Serie es jemals nach Deutschland geschafft hat) und daher nicht sonderlich flüssig zu lesen. Der Inhalt ist okay, ich hätte mir aber eine andere Form der Präsentation gewünscht.

Crouch End ist zwar durchaus gruselig, aber naja… da ich doch so einiges von Stephen King gelesen hat, wiederholt sich manches zwangsläufig. Hier ist es also die Beschreibung eines mysteriösen Stadtviertels, das ohne besonderen Grund eine Schnittstelle verschiedener Realitäten darstellt, und die Konfrontation normaler Menschen mit etwas, das zu grausig und GROSS ist, um vom menschlichen Verstand verkraftet werden zu können. Das gleiche gab es auch schon in der Kurzgeschichte N., in diverser Form im Dunklen Turm und der Roman Der Buick beschäftigt sich praktisch mit nichts anderen. Das ist too much. Es ist immer wieder interessant zu sehen, wie Stephen King unaussprechlichen Horror beschreibt, aber nachdem er schon so oft Plätze/Gegenstände/Personen nicht-von-dieser-Welt beschrieben hat und es einzig darum geht, dass diese nicht-von-dieser-Welt sind… zeigen sich bei der geneigten Leserin (moi) Ermüdungserscheinungen.

Dagegen ist Das fünfte Viertel so trivial und nichtssagend, dass die Story getrost überblättert werden kann, auch wenn sie nicht wirklich schlecht ist. Allerdings hat man Storys dieser Art (Typ „besucht“ eine Reihe von Personen, um irgendetwas – Infos oder halt den Teil einer Schatzkarte – zu erpressen) schon hundertfach gelesen oder auch gesehen. Mit nichts hebt sich diese Geschichte von den vielen anderen dieses Typus ab. Sie könnte genauso gut von irgendeinem Niemand geschrieben worden sein.

Damit komme ich zu den Stories, die ich wirklich, wirklich schlecht fand. Als allererstes wäre da Mein hübsches Pony zu nennen, eine Geschichte, in der Stephen King seinen immer wieder durchschimmernden Hang, absolute Banalitäten zu mystifizieren, komplett auf die Spitze treibt. Da wird ein Gespräch zwischen Großvater und Enkel mal so eben zu einer prägenden Erfahrung von welterschütternden Ausmaßen, und das zeigt sich dann auch leider in jedem Satz. Ich mache es kurz: Das nervt einfach wie Sau!

Den Vogel hat er allerdings mit Kopf runter abgeschossen. Diese „Geschichte“ ist das mit Abstand blödeste, was jemals den Weg zwischen zwei Buchdeckel mit dem Namen „Stephen King“ gefunden hat. Er selbst bezeichnete den Text als Essay, allerdings weist er in meinen Augen keinerlei Merkmal dieser Textgattung auf.
Auf sechzig (!!!) Seiten dokumentiert Stephen King hier eine Saison des Kinder-Baseballteams von Bangor West, die mit dem Sieg der Bezirksmeisterschaften oder sowas endete, obwohl das niemand vermutet hätte. Das wars auch schon – und ist stinklangweilig! Besonders für Deutsche, die wohl zu 99,9 Prozent noch nie mit Baseballregeln in Berührung gekommen sind, ist diese Story absolut uninteressant, da wirklich verschiedene Spielzüge seitenlang breitgetreten werden. Ich gebe zu, irgendwann habe ich alles einfach nur noch überflogen, weil ich ja eh nichts verstand. Und bis Seite 59 hatte ich noch die Hoffnung, dass noch irgendein belletristisches Horrorelement eingefügt werden würde, was sich dann aber zerschlagen hat. Erst durch die Liner Notes, die Stephen King am Ende einer jeden Kurzgeschichtensammlung einfügt, wurde mir dann klar, dass es sich hierbei um einen Tatsachenbericht handelte, was das Ganze dann auch nicht mehr besser machte!
Ich finde, ein solcher Text ist eine schöne Geschenkidee für die Kinder, die in diesem Team mitgespielt haben – aber sie in einem Kurzgeschichtenband zu veröffentlichen, empfinde ich fast schon als Frechheit!!

Über August in Brooklyn, ein Gedicht, das in die selbe Kerbe schlägt, möchte ich mit allem Respekt den Mantel des Schweigens breiten…

Abgrund ist für mich leider deutlich schwächer als der Band Alpträume, auch wenn es hier einige Perlen zu entdecken gibt,  weshalb sich die Anschaffung dennoch lohnt – wie  meistens.


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Ein Fitnessstudio wäre so schön, wenn nur der ganze Sport und die Leute nicht wären. – Teil 1: Absolute Beginners

I did it! Ich habe mich tatsächlich in einem neuen Fitnessstudio angemeldet.

Das ist zwar jetzt schon etwas länger her, aber das hält mich dennoch nicht ab, davon zu schreiben (warum auch?).

Anfang Januar stiefelte ich also mit Tim, dem Typen, bei dem ich immer wasche, Richtung Fitnessstudio. Wie vorher am Telefon abgeklärt lief die Anmeldung absolut problemlos – und auch sehr witzig.

An dieser Stelle möchte ich mal eines ganz scharf betonen: Den Tim halte ich mir nicht nur deswegen warm, weil ich bei ihm waschen kann. Tim hat sich zu einem meiner allerbesten Kumpels gemausert. Ich liebe diesen Wuschelkopp! – und zwar auch (aber nicht nur) deswegen, weil er in Sachen „Peinlichkeit“ absolut schmerzbefreit ist.

Okay, das ist nicht immer angenehm. Sitzen wir zusammen im Kino und er macht mit lauter Stimme Bemerkungen über die doofe Werbung, und zwar ABSICHTLICH so, dass es jeder hört, dann krieche ich gerne in den Sitz und mache mich unsichtbar. Andere Aktionen dagegen machen das wieder wett. Wenn er mit ausdruckslosem Gesicht auf dem Kinosessel Platz nimmt, seinem perplexen Nebenmann die Hand reicht und stoisch sagt: „Hallo, ich bin Tim und ich bin Ihr Sitznachbar für die heutige Vorstellung“ – sorry, aber wie höllencool ist das denn bitte?

Aus diesem Grund war ich auch froh, dass er sich entschlossen hatte, mich beim Trainieren zu begleiten. Direkt bei der Anmeldung lockerte er die Stimmung bis zum Anschlag auf. Die beiden jungen Angestellten im Fitnessstudio (wohl studentische Aushilfen) waren erst verwirrt, dann amüsiert, schließlich entzückt!
Wir mussten einen Fragebogen ausfüllen, auf dessen Basis man für uns einen Trainingsplan erstellen würde (was schon direkt tausendmal mehr ist als das andere Fitnessstudio, die ominöse Kette, bei der ich gewesen bin, jemals für seine Mitglieder geleistet hat). Neben logischen Fragen nach Alter, Geschlecht, Größe und Gewicht wurden auch chronische Erkrankungen (nope) oder Medikamente (da kam mein Schilddrüsenzeug hin) abgefragt. Schließlich wurde man nach seinem Ziel befragt (ich schrieb großspurige 15 Kilo Gewichtsverlust hin).

Bei dieser Frage angekommen wandte sich Tim wieder an die Angestellten hinter dem Tresen: „Kann ich „die Weltherrschaft erlangen“ als Trainingsziel hinschreiben?“
Die Angestellten quietschten vor Vergnügen und ich zollte Tim ob dieses Witzes einen anerkennenden stolzen Seitenblick.

Schließlich überreichten wir unsere ausgefüllten Fragebögen. „Ich weiß nicht, ob das wichtig ist, aber ich habe einfach mal dazu geschrieben, dass ich Epileptiker bin,“ meinte Tim noch.

Darauf der Tresentyp vergnügt: „Haha – ja, genau!“

Zwei verwirrte Augenpaare starrten den Kerl an. „Äh – er hat wirklich Epilepsie,“ wandte ich vorsichtig ein, als mir klar wurde, dass der Typ das für einen Spruch (wäre es einer gewesen, dann allerdings ein selten dämlicher) gehalten hatte. Woraufhin dessen gut gelaunte Miene in sich zusammen stürzte. Was dann wiederum ziemlich witzig war.

Naja – mit diesem kleinen Intermezzo hatten wir immerhin schon direkt mal unseren Bekanntheitsgrad gesteigert. Danach war es Zeit, erstmals ins Training hinein zu schnuppern.

Nachdem wir uns umgezogen hatten, trafen wir uns vor dem Schwarzen Brett, studierten die Angebote und trugen uns auch gleich für das betreute Einführungstraining durch den Chef persönlich ein. Und als wir da noch gerade so unschlüssig herum standen, lernten wir auch gleich die Cheftrainerin kennen, die im Raum nebenan ein paar Fitnesswütige durch den Raum jagte.
„Ey, wie siehts aus?! Kommt ihr gleich zum Bauchwegkurs?! Alles klar, supi!!!“ Sprachs, und war schon wieder verschwunden.

Tim und ich wechselten bestürzte Blicke. Die hyperaktive Dame (kaum größer als ich, aber nur ein Drittel so breit) erweckte in mir sofort einen Fluchtreflex, aber sie ließ uns nicht entkommen. Kaum war der laufende Kurs beendet, scheuchte sie uns in den Kursraum, wo wir gleich erste Erfahrung mit ihren Trainingsmethoden machten.

Ich kann nur sagen: Au. Das einzig positive am Bauchwegkurs ist, dass es eigentlich kein richtiger Kurs ist, sondern nur ein fünfzehnminütiges Power-Workout für den (noch imaginären) Sixpack.
Noch nie dauerte eine Viertelstunde länger. Wirklich wahr. In diesen höllischen 15 Minuten nutzte ich meine verkümmerten Bauchmuskeln mehr als sonst in einem ganzen Monat. Situps, Ganzkörperstütze, Kerze etc.pp. – am Ende lag ich flach auf der Trainingsmatte und konnte kaum noch röcheln!

Eigentlich hatte ich ja geglaubt, ich wäre trotz ein paar Kilo mehr auf der Waage, meiner Raucherei und dem gelegentlich ausschweifenden Alkoholkonsum noch relativ fit für mein Alter – aber MEINE Fresse! Ich bin nicht nur nicht fit, ich habe auch nicht halb so viel Kraft, wie ich gedacht habe!
Einziges Trostpflaster, so traurig sich das anhört: Tim erging es noch schlechter, auch wenn er tapfer durch- und den Mund verschlossen hielt. Dafür jammerte ich für uns beide.

Nach dieser Viertelstunde in der Hölle wurden wir dann auch noch genötigt, beim folgenden Stepaerobic-Kurs mitzumachen. Eigentlich hatte ich mich darauf sogar sehr gefreut. Ich glaubte, das wäre besonders effektiv für einen knackigen Hintern und die Oberschenkel (leider meine größte Problemzone), während man gleichzeitig Kalorien verbrennt wie blöd und mit vielen anderen Menschen mit gleichen Problemen einen Haufen Spaß hat.

Naja. Ich mache es kurz: Effektiv ist es bestimmt. Aber dafür muss man erst mal die Bewegungen hinkriegen!!
Es begann ganz leicht. Wir arbeiteten mit Steppern und so fing es auch ziemlich lasch mit „linkes Bein – rechtes Bein“ an. Also einmal hoch, wieder runter, anderes Bein hoch, wieder runter. Easy, ne.
Aber schon nach zehn Minuten konnte ich nur noch rumstehen und hilflos glotzen. Und wenn ich mich so umsah, war ich nicht die Einzige! „Linkes Bein Drehung Step Sidestep Drehung Kick rechtes Bein Drehung Kick Step Kick Step Step und ARME HOCH!“ – AAAAHHHH!!! Was tut diese Frau da!?

Während ich und, wie gesagt, ein paar andere Neuzugänge erstarrt waren und ich mir wie die absolute Bewegungslegasthenikerin vorkam, wirbelten vor meinen Augen die Leute durch den Raum und schmissen dabei ihre Beine schneller in die Luft als das menschliche Auge wahrnehmen kann. Krasser Scheiß!! Und das soll SPORT sein?!
Ab und zu erwischte ich einen leichten Teil der Choreo, aber mehr als drei Takte schaffte ich nie, mitzuhalten, bevor wieder irgendeine total abgespacte Drehung kam und ich es gerade noch so verhindern könnte, als japsendes Bündel mit gebrochenen Beinen auf den Boden zu sinken.
Und was tat Tim neben mir?! Der wirkte auch recht verzweifelt – tanzte aber den Großteil der Choreographie beherzt mit!!

„Warum KANNST du das?!“ zischte ich irgendwann verdattert.
„Naja, ich hab mal Jazztanz gemacht,“ gestand er mir leicht verschämt. Boah, wenn ich nicht schon gewusst hätte, dass er bi ist…!!

Das Tempo steigerte sich allerdings noch weiter und irgendwann war der Ofen aus, auch für Tim. Step Aerobic – no way!! Der menschliche Geist ist für solche Belastungen nicht geschaffen – jedenfalls nicht meiner!

„Ach, ihr wollt gehen? Naja, am Anfang ist es schon ziemlich schwer, wenn man das noch nie gemacht hat,“ tröstete uns die Trainerin. Und erzählte uns dann mal eben so nebenbei, dass dieser Kurs sich an Menschen in der Grauzone zwischen „Fortgeschrittene“ und „Profi“ richtete! Insgesamt gibt es nämlich VIER Stepaerobic-Kurse – und das war der dritte!

Ich: „Gaaaaaah!!!“

Damit war beschlossen, zu einem anderen Zeitpunkt wieder zu kehren, wenn sich das Training eher an die Menschen richtet, die nicht vorhaben, bei den nächsten Olympischen Spielen in Step-Aerobic anzutreten!

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Der #aufschrei der Generationen

Antje Schrupp hat in einem ihrer letzten Artikel anschaulich erklärt, weshalb Frauen wie Wibke Bruns, die sich Spitzenpositionen erkämpften, als das noch tausendmal unschicklicher war als heute, der gesamten #aufschrei-Aktion ihre Legitimität absprechen.
Ich fand das sehr interessant, da man solche Alteritäten leicht vergisst und schnell den Blick dafür verliert, wie anders vieles vor – weltgeschichtlich gesehen – wenigen Jahren noch gewesen ist, vor allem, wenn man damals noch nicht mal auf der Welt war.

Meine Mutter kam mich am Freitag besuchen. Eigentlich hatte ich vor gehabt, sie direkt auf die Sexismus-Debatte anzusprechen und zu fragen, was sie schon so erlebt hätte, aber nach Antjes Beitrag entschloss ich mich für ein anderes Vorgehen.
Die folgenden Gesprächsausschnitte sind das Resultat davon. Es sind Gedächtnisprotokolle, die ich für euch lediglich dialektbereinigt habe.


Ob man daraus irgendetwas Gehaltvolles destillieren kann, überlasse ich euch.


Mama: „Kuck mal, die hab ich mir bei H&M gekauft. Nur sieben Euro!“

Ich betrachte die mittelscheußliche Strickjacke in lila. „Schön.“

Aber hm, eigentlich gutes Stichwort… Ich greife neben mich und krame nach meiner „Emma“. „Das hab ich mir gekauft.“

Mama nimmt die Zeitschrift. „Aha…“ Sie studiert das Cover. „Die Hannelore Hoger ist ja schon eine interessante Frau.“

Ich: „Ich kenn die ehrlich gesagt gar nicht.“

Mama: „Die spielt „Bella Block“.“

Ich: „Ach, ich dachte das wäre die Iris Berben.“

Mama: „Nee, Hannelore Hoger.“

Ich: „Ach so.“

Mama blättert zu dem Artikel und beginnt, ihn zu überfliegen. Ich sitze daneben und sage nix.

Irgendwann, langsam: „Da läuft ja gerade eine riesige Diskussion wegen Sexismus ab… diese Diskussion ist jetzt wohl auch auf Facebook ganz groß und das geht mir so auf den Senkel.“ Ihre Stimme wird schärfer. „Das wird so dargestellt, als hätten die Frauen meiner Generation sich jahrelang alles gefallen lassen und jetzt plötzlich würden die jungen Frauen aufstehen und was tun. Als hätte meine Generation alles mit sich machen lassen.“

Ich: „Naja, es läuft halt vieles nicht so, wie es sollte. Es gibt offensichtlich viele junge Frauen, die sowas tagtäglich erleben.“

Mama: „Dagegen kann man sich ja wehren. Das kannst du ja auch.“

Ich: „Na, auch nicht immer.“

Mama, mich anstarrend: „Wie?! Wogegen konntest du dich denn nicht wehren?“

Ich überlege eine Sekunde und atme innerlich tief durch. Schließlich: „Weißt du nicht mehr, damals, als die Jungs mich gezwungen hatten, mich vor ihnen auszuziehen?“

Mama, mit großen Augen: „Wer war das?“

Ich: „Sören.“

Mama: „Welcher Sören?“

Ich: „Na, der Sören Müller. Und Martin von nebenan. Es war noch ein dritter dabei, ich glaube dieser eine, der immer mit Martin rumgehangen hat, aber ich weiß den Namen nicht mehr.“

Mama ist etwas aus der Fassung. „Warum hast du dich uns nicht anvertraut?“

Ich: „Das hab ich doch.“

Mama, leise: „Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Wie alt warst du da?“

Ich: „Weiß nicht mehr genau. Sechs Jahre, höchstens. Eher aber vier oder fünf.“

Mama: „Daran kann ich mich wirklich nicht mehr erinnern.“

Ich: „Ich aber. Sie haben mir damals gesagt, dass sie mich nie wieder heim lassen, wenn ich mich nicht ausziehe. Und ihr habt damals gesagt, dass es dumm von mir war, das zu glauben. Ich hätte mich einfach weigern sollen. Das weiß ich heute auch, aber naja, ich war halt klein, ne?“

Mama ist sprachlos. Ich sitze schweigend neben ihr und schäme mich ein bisschen.

Schließlich, mit bekümmerten Ton: „Nun… junge Eltern machen wohl schon einige Fehler, die sie später mit mehr Erfahrung sicher nicht mehr machen würden.“

Ich akzeptiere das als längst überfällige Entschuldigung. Gleichzeitig ist damit auch die lang gehegte Frage, ob damals vielleicht ohne mein Wissen noch was unternommen worden ist – ein Gespräch mit den Eltern der Jungs zum Beispiel – endlich beantwortet.

Ich: „Also kann man wohl sagen, dass Kinder sich wohl schlecht wehren können.“

Mama: „Ja, wohl schon. Aber HEUTE…“

Ich: „Heute passiert das doch auch ständig.“

Mama: „Du lässt dich doch wohl nicht von jemanden angrabschen?“

Ich: „Nein.“

Mama: „Na also!“

Ich: „Aber es muss ja nicht immer was mit Anfassen sein. Wie soll man sich gegen Beleidigungen wehren?“ Ich erzähle ihr eine Story von der Arbeit. „‚Da sagt der zu mir, bevor er geht: Ich steck dir noch einen Cent Trinkgeld in die Fotze‘ – wie hätte ich mich da wehren können? Ich kann ja da keine Schlägerei anfangen.“

Mama: „Bei sowas wehrt man sich überhaupt nicht. Das ist einfach nur riesige Dummheit, solche Ausdrücke. Das würde ich einfach ignorieren.“

Ich: „Aber warum soll ich mir das gefallen lassen? Da steckt ja auch Struktur dahinter. Offensichtlich finden es solche Menschen angemessen, solche Worte gegenüber Frauen zu benutzen und werden damit akzeptiert. Das kann doch wohl nicht sein.“

Mama: „Mit solchen Leuten verschwendet man nur seine Energie.“

Ich, seufzend: „Jaaaa.“

Das Gespräch wird unterbrochen, weil meine Mutter aufs Klo muss. Wieder zurück, sieht sie mich mit einer Art Triumph an. „Mein Chef ist zwanzig Jahre jünger als ich und nennt mich ‚Puppe‘!“ Sie lacht.

Ich: „Ja, das ist doch scheiße. Warum tut er das?“

Mama: „Weil er ein furchtbar lieber Bub ist.“

Ich: „Hm.“

Wir machen uns auf den Weg in die Stadt zum Essen.

Mama: „Aber meinst du, es ist der richtige Weg gegen sowas, jetzt auf Facebook nach Sexpartnern zu suchen?“

Ich: „Hä?“

Mama: „So stand das in der Zeitung. Da gibt es jetzt wohl  sowas auf Facebook, mit dem man sich fürs Bett verabreden kann…“

Ich: „Äh, da wirfst du grade was durcheinander.“ Ich erkläre ihr bang your friends, was Twitter ist und die Grundzüge von #aufschrei.

Mama: „Ach so. Das klang in der Zeitung ganz anders.“

Ich: „Ja, BILD halt.“

Mama: „Aber mich regt diese Hexenjagd auf Brüderle so auf. Der hat sich doch nur blöd ausgedrückt. Und dann kommt diese Journalistin ein Jahr später und schreibt so einen Artikel!“

Ich: „Die kann ja nichts dafür, dass der Artikel jetzt erst kam. Vorher war es halt uninteressant, das wollte niemand drucken.“

Mama: „Hm. Trotzdem. Wenn es ihr gegen den Strich gegangen ist, hätte sie ja was sagen können.“

Ich: „Man kann aber ja nicht immer was sagen.“

Mama: „Warum nicht? Ich bin mal aus dem Büro gegangen, mein oberster Chef war hinter mir. Ich hielt ihm die Tür auf und ging dabei rückwärts. Er ging an mir vorbei und sagte: ‚Was für ein Arsch!‘ Da hab ich ihn angesehen und sagte: ‚Ja, und du bist ein Arschloch.'“

Ich: o.O (anders als bei mir gehören solche Worte bei meiner Mutter nicht gerade zum Alltagsvokabular)

Mama: „Wenn der mich heute sieht, kriegt der einen knallroten Kopf. So macht man das. Wer mir gegenüber solche Ausdrücke benutzt, muss damit rechnen, dass ich sie zurück gebe.“

Ich: „Aber es bleibt doch oft nicht bei Sprüchen.“

Mama: „Na, wer grabscht, der kriegt eine gescheuert!“

Ich: „Hm, dann muss man sich anhören, man wäre gewalttätig. Manche Männer sind der Ansicht, die Frauen sind selbst Schuld, wenn sie mit tiefen Ausschnitt rumlaufen. Die würden das ja provozieren.“

Mama, jetzt richtig aufbrausend: „Was für ein Unsinn! Man darf nicht grabschen, selbst wenn ich nackig laufen täte!“ (woah, meine Mutter ist eine Slutwalkerin!)

Wir kämpfen uns über eine vielbefahrene Straße und gehen weiter,  eng unter den Regenschirm gedrängt.

Ich: „Okay, du bist schon lange in dem Betrieb und kannst dich wehren. Aber was ist, wenn dein Chef jetzt gesagt hätte, dass du deine Sachen packen musst? Nicht jeder Chef lässt so mit sich reden. Und manche Chefs legen es ja auch drauf an. Wie hättest du denn damals reagiert, als ich noch klein war und du noch allein warst?“

Mama: „Als ich mit 21 in dem Betrieb anfing, war mein damaliger Chef zwanzig Jahre älter als ich. Der hatte zwei kleine Kinder und die Frau war ihm weggelaufen. Der hat jemand gesucht, der sich um die kümmert und das Haus in Ordnung hält. Einmal hat er mir gesagt, dass er mich gerne mit in Urlaub nehmen würde. Ich hab ‚Nein‘ gesagt. Damit war das Thema erledigt.“

Ich: „Und wenn er drauf bestanden hätte? Wenn er gesagt hätte: ‚Bett oder Job los‘?“

Mama: „Dann hätte ich gekündigt!!“

Ich: „Und wenn ich damals schon da und noch klein gewesen wäre? Wenn du den Job dringend gebraucht hättest?“

Mama: „Dann hätte ich mir trotzdem eine andere Stelle gesucht! Dahingehend bin ich meinen Prinzipien immer treu geblieben!“

Ich: „Hm.“

Wir gehen weiter. Nach einer Weile meint meine Mutter leise: „Gut, das kann ich HEUTE natürlich leicht sagen…“

Wir sind nur noch ein paar Straßen vom Restaurant entfernt. Ich habe tierischen Hunger, aber ein paar Antworten fehlen mir noch.

Ich: „Und was ist mit Jugendlichen? Du warst 14, als du deine Lehre angefangen hast. Man kann ja wohl nicht erwarten, dass so junge Mädchen sich gegen alles wehren können.“

Mama: „Doch! Und wenn nicht, haben die Eltern versagt. Darüber muss man reden! ICH hab immer gesagt: Die Robin, die kann sich wehren.“

Ich: „Aber wir haben über sowas doch NIE gesprochen.“

Mama (seufzt): „Ja… das stimmt wohl.“

Ich: „Und zuhause hab ich so einen Scheiß ja auch ständig gehört. Weißt du, was P. mal zu mir gesagt hat? ‚Es ist okay, wenn Frauen arbeiten gehen, wenn Vollbeschäftigung herrscht, aber wenn die Rezession kommt, nehmen diese Frauen den Männern die Arbeitsplätze weg‘.“

Mama: „Ich habe es aufgegeben, mit meinem Bruder über politisches zu streiten. Der hat diese Denke von deinem Opa. Er war dagegen, dass Frauen arbeiten gehen, nur hat dein Opa das anders gemeint. Er meinte, das würde die Familie kaputt machen.“

Ich: „Aber meinst du, dass Mädchen sich sowas anhören müssen?“

Mama: „Nein, eigentlich nicht. Aber wie gesagt, ich habe solche Diskussionen aufgegeben. Und DEIN Problem ist vor allem, dass du immer direkt so aggressiv wirst, wenn du dich mit deinen Onkeln streitest.“

Ich: „Ja, aber ich reagiere ja nur. Ich müsste nicht aggressiv werden, wenn ich mir nicht so eine Scheiße anhören müsste.“

Mama, dieses Mal tief, tief seufzend: „Ja, das weiß ich ja…“

Robins Mama wurde Ende der Fünfziger als ältestes von drei Kindern geboren. Sie begann mit 14 ihre Ausbildung und verblieb in ihrem Lehrbetrieb, bis sie sich mit 21 dem Betrieb anschloss, in dem sie heute noch als Sachbearbeiterin arbeitet. Mit 19 heiratete sie, damit sie mit ihrem Freund zusammen ziehen durfte, mit 21 ließ sie sich scheiden. Mitte/Ende Zwanzig traf sie Robins Erzeuger und bekam ihr erstes und einziges Kind. Sie verzichtete auf Unterhaltszahlungen, weshalb Robin ihren Erzeuger heute kennt, der Staat kennt ihn jedoch nicht. 6 Monate nach der Geburt ging sie wieder Vollzeit arbeiten. Als Robin ca. zwei Jahre alt war, traf Robins Mama ihren Stiefvater, mit dem sie ein Haus baute und Robin mehr oder minder erfolgreich groß zog. Die Beziehung hielt bis vor wenigen Jahren. Gegenwärtig wartet sie darauf, in Frührente geschickt zu werden.


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